Kriegsgefangen

Part 7

Chapter 73,565 wordsPublic domain

Das »Büreau« des Gefängnisses bestand aus drei Personen, aus dem Schließer, dem ≈gardien-chef≈ und der Frau dieses letzteren, einer großen braunäugigen Person von etwa sechsunddreißig, die nach der Art, wie sie uns musterte, eine Vergangenheit haben mußte. Selbst mit einer Lücke neben dem einen Augenzahn wußte sie geschickt zu kokettiren; sie gehörte eben zu denen, denen #alles# dienen muß, die oberen und die unteren Mächte. Ihr Beistand schien mir gewichtig. Ich machte einen Versuch, mich ihrer zu versichern, doch hatte sie Verstand und Erfahrung genug, um einen jungen Badenser mit Vollbart und rothen Backen vorzuziehen.

Inzwischen war mein vielcitirtes Beglaubigungspapier (»≈comme officier supérieur≈«) wieder vorgezeigt worden und schuf hier eine völlige Verwirrung. Man wußte offenbar nicht, was man daraus machen sollte. Die ganze Scene erinnerte mich lebhaft an die Vorgänge, die sich in kleinen Badeörtern mit Filial-Apotheken regelmäßig zu wiederholen pflegen, wenn Lehrling, Gehülfe, Prinzipal das aus der großen Stadt kommende Rezept nicht entziffern, das neueste Modemittel nicht errathen können und nach langem Getuschel und Aufwand einiger Fremdwörter endlich erklären: ein solcher Arzneikörper existire nicht. So schien auch der ≈gardien-chef≈ entschlossen, nicht geradezu die Existenz eines officier supérieur, aber doch die Verpflichtung seinerseits bestreiten zu wollen, in #seinem# Gefängnisse einen solchen unterzubringen. Man kam endlich überein, gar nichts zu thun und mir die Initiative zu überlassen.

Wir stiegen nunmehr die Treppe hinauf; ein großer viereckiger Raum wurde geöffnet, die Badenser traten ein und man wartete ersichtlich, ob ich folgen würde. Ich folgte aber #nicht#. Dies machte einen Eindruck, und in rascher Ausnutzung des Moments bat ich jetzt um ein apartes Zimmer. Man weigerte sich auch nicht, blieb aber der Rolle treu, Alles der historischen Entwickelung zu überlassen, und ließ mich zunächst, das Weitere abwartend, in eine nebenangelegene Zelle eintreten. Sie war absolut kahl. Ich sagte ruhig: ≈ah, c’est bon; seulement la fourniture là, — elle n’est pas très complète≈. Dieser Hohn wirkte; der ≈gardien-chef≈ lächelte verlegen, und ehe er sich noch besinnen konnte, schob ich ein: ≈du feu me paraît indispensable; naturellement je le payerai≈. Das war das erlösende Wort und ohne Säumen wurde ich nunmehr in ein #drittes# Zimmer geführt, das als Schmuckkästchen der Gesammtlokalität zu gelten schien. Es war gewiß auch das beste, was man hatte, aber immer noch trist genug. Das Bett bestand aus einem Strohsack, der Kamin war ein großes schwarzes Loch und das Geflecht des Binsenstuhls hing wie ein Strohwisch nach unten. Es wirkte beinahe unheimlicher als der Nachbar-Raum; dennoch hatte ich nach gerade Erfahrung genug, um gleich zu erkennen, daß hier die Elemente zur Entwickelung gegeben waren. Es kam nur auf die rechte Hand an. Ich stellte mich also vor den Schließer hin, versicherte ihm, daß ich einen starken Appetit hätte und ihn bitten müsse, mir ein Diner und eine Flasche vom besten Wein zu bestellen. Ich fügte einen Frank für seine vorläufige Bemühung hinzu. Ersichtlich betroffen, willigte er ein. In der Thür rief ich ihn zurück und flüsterte vertraulich: Sie sorgen wohl für ein #Feuer# und ein gutes #Bett#. Er versprach Alles. Ich hatte meinen Zweck erreicht. Diner und Wein, die mir gleichgültig waren, fielen ihm schließlich als gute Prise zu, aber drei wollene Decken sah ich sich über die Matratze breiten und im Kamin flackerten und prasselten alsbald die großen Scheite von Kastanienholz. Eine Stunde später war das Zimmer wie umgewandelt. Ich saß auf dem Stuhl, der sein Geflecht wieder gewonnen hatte, wiegte mich hin und her und blickte träumend in die immer ruhiger werdende Flamme. Liebe, freundliche Gesichter traten mir entgegen; ich sah deutlich die großen klugen Augen meines Lieblings; es war mir, als spräch’ es lieb und traut in mein Ohr. So saß ich im Gefängniß zu Gueret, schwere Tage hinter mir, schwere Tage vor mir, und schrieb Verse in mein Notizbuch.

O trübe diese Tage nicht, Sie sind der letzte Sonnenschein, Wie lange, und es lischt das Licht Und unser Winter bricht herein.

Dies ist die Zeit, wo jeder Tag Viel Tage gilt in seinem Werth, Weil man’s nicht mehr erhoffen mag Daß so die Stunde wiederkehrt.

Die Fluth des Lebens ist dahin, Es ebbt in seinem Stolz und Reiz, Und sieh’, es schleicht in unsern Sinn Ein banger, nie gekannter Geiz;

Ein süßer Geiz, der Stunden zählt Und jede prüft auf ihren Glanz, O sorge, daß uns keine fehlt Und gönn’ uns jede Stunde #ganz#.

Der andere Morgen war hell und sonnig; aber ein scharfer Wind pfiff. Ich mußte trotzdem in den Hof hinunter, um meine Morgentoilette zu machen. Es war also immer noch dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wuchsen. An einem steinernen Brunnentrog badete ich den Oberkörper; eine »≈Brosse à dents≈« und ein geschliffenes Flacon mit ≈Esprit de Menthe≈ (Souvenirs von Langres her), die ich beide auf den breiten Rand des Steintrogs legte, nahmen sich in dieser Umgebung ziemlich wunderlich aus.

Etwa um 10 Uhr erhielt ich Besuch, der dann fast bis zum Moment meiner Weiterreise keinen Augenblick abriß. Der erste, der erschien, war ein Arzt, ein Mann von etwa sechszig, klugen Auges, mit Doktorhut und Doktorstock. Er habe gehört, so führte er sich ein, daß ich aus Berlin sei; »ob ich den berühmten Professor Wirscho kenne«? Ich stutzte einen Augenblick, fand mich aber schnell zurecht und erkannte, daß unser Virchow gemeint sei. Das gab nun ein Hin und Her. Er sprach lebhaft und voll Verbindlichkeit gegen die Deutschen, deren Wissenschaftlichkeit er auf allen Gebieten anerkannte. Auch in der Medizin. Nach so viel empfangenem Lob, glaubte ich schließlich auch ein Uebriges thun zu müssen und bemerkte, »daß die Pariser Schule wohl ebenbürtig sei«. Dies machte indessen gar keinen Eindruck auf ihn, und nur zum Zeichen, daß er meine Worte wohl verstanden habe, begann er seinen nächsten Satz mit der leichthingeworfenen Bemerkung: »≈naturellement, l’école de Paris c’est la première du monde≈« und fuhr dann in seinen Auseinandersetzungen, namentlich in einer Parallele zwischen Virchow und anderen deutschen Physiologen fort. Es war spezifisch französisch. Ich bemerke noch, daß er sich lebhaft nach dem ≈Dr.≈ Jacoby in Königsberg erkundigte, der überhaupt, neben Bismarck und Moltke, die in ganz Frankreich am meisten besprochene Persönlichkeit war. Jeder kannte ihn und Jeder knüpfte Hoffnungen an ihn. Der Ertrinkende greift nach einem Strohhalm.

Sehr bald nach dem Doktor erschien der #Vicar#. Ein großer, schöner Mann, blond, von den freundlichsten Augen und dem gefälligsten Wesen. Ueberhaupt war ich von hier ab in keinem Gefängniß mehr, in dem ich nicht den Besuch eines Geistlichen, oft von zweien, empfangen hätte. Dies ist eine sehr schöne Sitte. Freilich müssen die Geistlichen danach sein. Wenn sie kommen, um einem die Hölle heiß zu machen, oder auch nur, um einen Sermon zu halten, steif, langweilig, salbungsvoll, so sind sie unerträglich, wenn sie kommen, wie diese französischen Aumoniers, so kann kein Herz so roh, so verschlossen, so religionslos sein, daß es nicht Freude empfände an so menschlich schönem Zuspruch.

Dieser Vicar war nun von einer ganz besonderen Liebenswürdigkeit, fein, klug, unterrichtet. Schade, daß ich erst um eine Stunde später erfuhr, wer er eigentlich war; unsere Unterhaltung würde sonst einen noch freieren Verlauf genommen haben. Er lenkte nämlich bald ins Politische hinüber, verwarf das #Empire# in lebhaften Ausdrücken, ein Bild 20 jähriger Corruption vor mir entrollend, beleuchtete dann die #Republik#, die in Frankreich eigentlich ohne wahren Boden, vielmehr abwechselnd ein Schatten oder ein Schrecken sei und versicherte mich dann einmal über das andere, daß alles Heil lediglich in Wiederanknüpfung an den abgerissenen Faden, lediglich in Legitimismus, in #≈Henri-quint≈# zu finden sei; der Orleanismus werde dann #später# (durch die Verhältnisse legitim geworden) die große Erbschaft antreten. Wie mir das im Ohr klang! Nach dem wüsten Geschrei in Lyon und Moulins endlich wieder eine Menschenstimme! Ich fühlte mich wie mir selbst zurückgegeben und vergaß fast, daß ich in einem Gefängniß sei. Ich sage »fast«. Es wäre besser gewesen, ich hätt’ es #ganz# vergessen; neue weitere Aufschlüsse würden der Lohn gewesen sein. Aber ich konnte das alles in jenem Augenblick nicht wissen! Neben dem lebhaftesten Interesse, mit dem ich folgte, lief doch immer wieder die Frage her: Wer ist es, der diese Sprache führt. Will man dich aushorchen? Sollen sich neue Verlegenheiten für dich bereiten! So blieb ich vorsichtig, abwägend, auf meiner Huth, ich bekämpfte sogar einzelne seiner Sätze, Auslassungen über ≈Henri-quint≈, die ich wenigstens #prinzipiell# ohne Weiteres hätte unterschreiben müssen. Wie gesagt, ich hätt’ es rückhaltlos wagen können. Der junge Vikar, der anderthalb Stunden lang die Grundsätze der Legitimität vor mir verfochten hatte, war ein Vicomte d’Ussel, ein jüngerer Sohn der gleichnamigen, im Departement la Creuze begüterten Grafen-Familie. Der Legitimismus der Familie war übrigens kein Geheimniß; ihr Ansehn nur um #so größer#. Der Respekt, mit dem ich, noch am andern Tage, ein halbes Dutzend Personen darüber sprechen hörte, war sehr unrepublikanisch.

Dem Besuche des Vicars folgte der des Geistlichen selbst, eines Mannes von funfzig, heiter wie jener (der Vicomte), aber von ersichtlich anderer politischer Richtung. Er kam vorwiegend, um mir mitzutheilen, daß er seit 3 Monaten einen Berliner Gast auf seiner Pfarre beherberge: den Pater Rouard, Prior des Dominikanerklosters zu Moabit. Bei Ausbruch des Krieges habe derselbe Berlin verlassen, um nicht das von #Confessions# wegen bereits Erlebte, von #Nationalitäts# wegen noch einmal zu erleben. Wie gern hätte ich ihn gesehen! In solchen Momenten wiegt nicht das was trennt, sondern nur das, was verbindet. Aber es war zu spät. Ehe sich eine Annäherung ermöglichte, waren wir bereits auf dem Wege nach Poitiers.

5. Poitiers-Rochefort.

#Jetter#. #Diese# Kerle sind wie Maschinen, in denen ein Teufel sitzt.

#Vansen#. Sie sehen nicht aus, als wenn sie so bald Brüderschaft mit uns trinken würden. Egmont.

Um 4 Uhr nach Poitiers. Wie schön der Name in meinem Ohre klang! Aber seitdem Moulins meine Erwartungen so arg getäuscht hatte, hatt’ ich den Muth verloren, meiner alten Neigung zu leben und auf Namen und Namensklang zu bauen.

Wir hatten eine stärkere Begleitung als gewöhnlich. Die Folge war, daß #ein# Coupé (oder wie es in Frankreich heißt, ein »Compartiment«) für die Gesammtheit von Gefangenen und Gensdarmen nicht ausreichte und eine Theilung vorgenommen werden mußte. Der »Brigadier« und ich sonderten uns aus und bezogen ein Nachbar-Coupé. Dies war zunächst sehr angenehm; man hatte freie Bewegung, konnte rechts und links in die Landschaft hineinblicken und rechts und links die Stationen mustern. Dazu kam ein direktes Angewiesensein auf einen Begleiter, der nach Sprache, Haltung, Benehmen eher ein »Brigadier« in #unserem#, als in französischem Sinne war. Er hatte etwas Distinguirtes, war leicht, gefällig, unterrichtet, dabei ohne alle Renommisterei, weder persönliche noch nationale. Unter allen Gensdarmen, die ich in Frankreich kennen gelernt habe (wenigstens 40 an der Zahl), war er unstreitig der Sanspareil; die ganze Klasse verdient es aber, daß ich ihr an dieser Stelle, wo ich ohnehin bald von ihr Abschied nehmen werde, eine warme Lobrede halte. Sie waren alle gut. Im ersten Moment in der Regel nüchtern, steif, selbst ein wenig schroff, kehrten sie nach 10 Minuten regelmäßig die gemüthliche Seite heraus, waren mittheilsam, ertrugen Widerspruch, luden mich zu ihrem Frühstück ein (was ich auch in der Regel annahm), und erwiesen sich als absolut unbestechlich, selbst in Kleinigkeiten. Sie mieden, klugerweise, auch den Schein. So oft ich einen Versuch machte, mich am Buffet zu revanchiren, meine Anerbietungen wurden stets artig aber entschieden abgelehnt. Ich war #ihr# Gast, nicht sie die meinigen. Dazu ein wahres Elite-Corps. Große, schöne Männer zwischen dreißig und vierzig, vielfach aus den Kürassier-Regimentern, am liebsten aus der Artillerie genommen; alles Leute, die in der Krim, in Italien und Mexiko mitgefochten hatten, von Algier und Kabylien gar nicht zu sprechen. Wenige, die #nicht# die Solferino-Medaille trugen. Alle die liebenswürdigen Züge des alten Soldaten waren bei ihnen heimisch; nie verstimmt, nie feindselig, immer ein Schutz, immer zu Zuspruch geneigt; — dabei (vielleicht ihr hervorstechendster Zug) von einer unsagbaren Verachtung gegen die Populace und gegen die Militairspielerei, die sich vor ihren Augen breit machte. Möglich, daß sie #später#, als sich die aus dem Boden gestampften Armeen mit rühmlicher Bravour in den Tod stürzten, eine veränderte Stellung zu dieser Frage einnahmen; im Dezember lagen die Dinge anders als im Oktober.

Ich kehre nunmehr zu meinem »Brigadier« zurück. Er erzählte mir viel von der Familie des Vicomte d’Ussel, dessen älterer Bruder sein Escadronchef gewesen war, lobte die Gesinnung und Noblesse des alten Adels und that mir durch die Einfachheit und Leichtigkeit seiner Unterhaltung geradezu wohl. Er war auch der einzige, der Verstand und Takt genug besaß, sich in große politische Gespräche gar nicht einzulassen.

All dies machte die Fahrt nach Poitiers zu einer sehr angenehmen; aber sie hatte doch auch ihre unangenehme Seite. Bis dahin immer warm zusammengepfercht, mußte hier die freiere Bewegung und die frischere Luft mit einer sehr empfindlichen Kälte bezahlt werden, die nur wuchs, wenn ich auf die mondbeschienene fast wie in einem dünnen Schneeschleier daliegende Landschaft sah. Ich wurde der Schönheit dieser Bilder nicht recht froh und segnete die Stunde, als wir endlich zwischen 10 und 11 durch die glitzernden Felsmassen hindurchfuhren, auf deren Höhe sich Poitiers erhebt. Das allgemeine Frösteln spornte zur Eile; im Geschwindschritt ging es, über wohl 100 Steinstufen, die Berglehne hinan, bis wir, durch ein Gewirr von Gassen hindurch (natürlich völlig unbelästigt) das Gefängniß erreichten.

Es war 11 Uhr; alles schlief. Die verschiedenen Beamten in zum Theil fragwürdigen Costümen erschienen staffelförmig, nach dem Grade ihres Ranges; der vornehmste zuletzt. Die üblichen Fragen und Schreibereien erfolgten rasch; ich bat um ein Kaminzimmer, wurde geschäftsmäßig nach der Ausreichendheit meiner Kassenbestände befragt und erhielt das Gewünschte ohne Weiteres, nachdem ich die ausreichenden Garantieen gegeben hatte. Diese nüchtern-geschäftsmäßige Behandlung, wie immer in Geldsachen, war auch hier das beste. Daran muß ich noch, wie vorhin ein Lob der französischen Gensdarmerie, so hier ein Lob der französischen Beamten knüpfen, so weit ich sie kennen gelernt habe, sowohl hier in Poitiers, wie #überhaupt#. Sie waren nämlich nie ärgerlich und gereizt, nie #schlechter Laune# und sind mir nach #dieser# Seite hin geradezu als ein Muster erschienen. Es spricht sich darin entweder eine gewisse #Wohlerzogenheit# oder ein tiefgehender, längst Allgemeingut gewordener #humaner Zug#, oder aber drittens eine richtige Vorstellung vom #Metier#, von der Beamtenpflicht aus. Wahrscheinlich wirkt alles drei zusammen. Alle diese Beamten wurden unseretwegen aus dem ersten Schlaf geholt, die Unbequemlichkeit war groß; aber ich habe keine unfreundliche Miene, keine gerunzelte Stirn gesehen. Im Gegentheil, man war artig und zeigte eine gewisse Theilnahme. Es war #Dienst# und damit abgemacht.

Unser Gefängniß zu Poitiers war das besteingerichtete unter allen die ich kennen lernte; es hatte etwas von der Opulenz eines großen Bahnhofs oder eines Musterkrankenhauses. Am andern Morgen erschien ein Mitgefangener, um ein Kohlenfeuer zu machen und überhaupt auf 8 Stunden in meinen Dienst zu treten. Es war ein Pariser, ein allerliebster Kerl, der sich auf die Kunde hin, »daß ich aus Berlin sei«, zu diesem Dienst gemeldet hatte. Wir wurden bald gute Freunde. Er hatte nämlich in Constantine, ich glaube ein halbes Jahr lang (von 1864 auf 65) Offiziers-Burschendienste beim Ulanen-Lieutenant v. Prittwitz gethan, der damals nach Paris kommandirt, auch nach Algier gegangen war, um die Kämpfe gegen Kabylien mitzumachen. Von diesem seinem ehemaligen Herrn sprach er nun mit der größten Anhänglichkeit, betrachtete jene Wochen als die beste Zeit seines Militärdienstes und schilderte mir in lebhaften Farben das Aufsehn, das sein »Lieutenant« gemacht habe, als er das erste Mal, in vollem Ulanen-Aufputz durch die Straßen von Constantine gegangen sei, um sich dem General zu präsentiren. Ich versprach, bei meiner Rückkehr nach Berlin, seinem Herrn von ihm zu erzählen. Vielleicht lösen diese Zeilen mein Wort ein. Sein Name war Louis Charbault, Voltigeur im 93. Regiment.

Die anderen Begegnungen in Poitiers waren die herkömmlichen, so daß ich — und um so lebhafter, als der schlechtziehende Kamin meine Zelle mehr und mehr mit Kohlengas zu füllen begann — mit wahrer Freude die Nachricht begrüßte: um 4 Uhr nach #Rochefort#. Die Fahrt war der vom Tage vorher sehr ähnlich, nur mit dem einen Unterschiede, daß wir diesmal wieder »gekeilt in drangvoll fürchterliche Enge« saßen, was ich, als das kleinere von zwei Uebeln, freudig willkommen hieß. Um 11 Uhr Ankunft. Rochefort ist noch 2 Meilen von der Küste entfernt, aber die Fluth dringt bis hierher vor und macht es zu einer Seestadt. An den Brücken, am Bollwerk hin, lagen Briggs und Dreimaster; ihr Raaen- und Spierenwerk schimmerte phantastisch im Mondenlicht. Im Gefängniß wiederholten sich die Scenen vom Tage zuvor. Es war bitterkalt. Der Schließer, trotz später Stunde, brachte mir noch ein Abendbrot, das aus Landwein, großen Birnen und einigen Nüssen bestand. Gut gemeint, aber wenig geeignet mich zu erwärmen. Ich wickelte mich in mein Reiseplaid, ganz dicht und fest wie man ein Kind wickelt, und schob mich vorsichtig unter die Decken, aus meinem Ueberzieher gleichzeitig eine Art Koppel aufbauend, die sich über Brust und Kopf wölbte. So schlief ich endlich ein, träumend von Schneestürmen, und daß ich am Wege eingeschlafen und erfroren sei.

6. Marennes.

Es rauscht kein Wald, mit hartem Schrei Nur fliegt die Wandergans vorbei, Am Strande weht das Gras. Th. Storm.

Gebt uns ein Lied! »Wenn ihr begehrt, die Menge.« Nur auch ein #nagelneues# Stück. Faust.

Bedrückend, wie der Traum, war das Erwachen. Bleiern lag es um meine Stirn; als ich mich erheben wollte, fiel ich kraftlos zurück, das Gespenst des Nervenfiebers stand vor mir. Wer einmal das Heraufziehen dieses schweren Gewitters an sich beobachtet hat, behält eine Erinnerung davon auf Lebenszeit. Ich kam aber drüberhin; wahrscheinlich hatte mich der Kohlendampf vom Tage vorher nur betäubt und ließ meinen Zustand schlimmer erscheinen als er war. Es war Mittag, als ich in den Hof hinunterstieg, um mich in frischer Luft zu erholen.

Ich mochte während dieses Spaziergangs auf alle die mich sahen einen ziemlich tristen Eindruck gemacht haben, denn bei meiner Rückkehr in den großen Corridor überraschte mich die Meldung, daß ich umquartiert worden sei. Der Direktor habe es so angeordnet. Ich ging, um zunächst meinen Dank auszusprechen und stieg dann treppauf in meine neue Behausung. Es war das Arbeits- und Wohnzimmer des Sohnes (jetzt bei der Armee in Paris), das man mir eingeräumt hatte und der langentbehrte Anblick des Wohnlichen that mir in diesem Augenblick der Erschöpfung und des Kleinmuths unendlich wohl. Der Gesunde kann diese Dinge leicht entbehren, dem Kranken sind sie ein Labsal. Ein Schreibtisch, ein Bücherbrett, ein paar Bilder, über die Fliesen waren Teppichstreifen gelegt; im Kamin brannte ein hohes Feuer, auf dem Sims standen ein paar Vasen, dazwischen ein Spiegel. Ich sah hinein. Das erste Mal seit 5 Wochen! Ich konnte nicht finden, mich verbessert zu haben.

Zu Seiten des Kamins stand ein breiter Stuhl, ein gesticktes Kissen war in die Rückenlehne gelegt. Ich suchte unter den Büchern, wählte eine »≈Archéologie chrétienne≈« und rückte nun vor das Feuer. Von Notre-Dame und der Reimser Kathedrale lesend, vergingen die Stunden; ehe noch der Abend kam, war ich genesen. Der Direktor erschien, um nach meinem Befinden zu fragen. Wir sprachen von unseren Söhnen, der seine #in# Paris, der meine #davor#; die Väter saßen hier friedfertig bei einander. Wir kamen auch auf das Gefängnißwesen. »Das Reglement ist gut, aber kein Reglement erschöpft alle Fälle und Möglichkeiten; es heißt eben auch da: der Buchstabe tödtet, der Geist macht lebendig.« Wie sehr empfand ich die Wahrheit alles dessen. Einer solchen ideellen Auffassung ihres schweren und wichtigen Berufs bin ich bei den französischen Gefängnißvorständen #mehrfach# begegnet. Sie erkannten ihre Pflicht darin, zu erheben, nicht niederzudrücken; keine Sentimentalität, aber Humanität. Alle diese Männer #empfanden sich als Träger einer Aufgabe# und nahmen eine Stellung zu dieser.

Die Insel Oléron, für die wir, meine badischen Mitgefangenen wie ich selbst, bestimmt waren, konnte von Rochefort aus zu #Schiff#, die Charente hinunter, ohne weitere Zwischenstationen in höchstens vier, fünf Stunden erreicht werden; die Behörden zogen es aber vor, uns — unter Ausschluß dieses Flußweges — so weit wie möglich den #Land#weg machen zu lassen, d. h. also, bis zu einem äußersten, vorspringenden Punkte hin, dem dann die Insel auf kaum Kanonenschußferne gegenüber liegt. Diese Bevorzugung des Landweges vor dem Wasserwege schuf uns noch eine Etappe. Diese Etappe war #Marennes#.

Der Weg von Rochefort bis Marennes betrug wenig über zwei Meilen; es war also eine gute Gelegenheit gegeben, unser durch Eisenbahnfahrten nur mäßig in Circulation gehaltenes Blut durch einen vierstündigen Marsch wieder frisch und umlaufslustig zu machen. Die Nachricht davon wurde auch mit allgemeinem Jubel aufgenommen; ich als »≈officier supérieur≈« indeß erhielt die Zusicherung eines Wagens, womit ich denn auch, trotz aller Wertschätzung energischen Blutumlaufs, schließlich sehr einverstanden war.

Um 9 Uhr setzte sich die Colonne in Bewegung. Ich sage absichtlich die Colonne, denn wir waren am Tage vorher durch zwölf andere Gefangene, meist Matrosen und Schiffsjungen, verstärkt worden und musterten jetzt im Ganzen 18 Mann. Es war ein vollständiger Zug. Erst 2 berittene Gensdarmen, dann mein Fuhrwerk, dann die Colonne, dann wieder Gensdarmen, dann Volk. So ging es bei schönstem Wetter aus Rochefort hinaus; die Luft war frisch, aber nicht scharf, die Sonne fiel auf die generalsartigen Wachstuchhüte der Gensdarmen und ließ diese hell erglänzen. Die Stimmung aller war wie der Morgen.

Ich marschirte eine Viertelmeile mit, weil ich, zunächst wenigstens, wie alle anderen das Bedürfniß nach Bewegung hatte, dann nahm ich meinen Platz auf dem Gefährte ein. Es war ein zweirädriger Bau, von dem ich unentschieden lasse, ob der Verbrecherkarren oder die norwegische Carriolpost in ihm vorwog; was das Balancirbrett anging, das dem Kutscher und mir als Sitz diente, so war es ganz und gar skandinavisch, nur der Skudsjunge fehlte. Statt dessen hatte auf dem rechten Brettflügel ein Alter in einem Schafpelz mit langhaariger #Ziegenfell#-Pellerine Platz genommen. Dies sah unendlich komisch aus. Er plauderte viel, aber sehr geschickt und suchte namentlich alle langen Sätze zu vermeiden, ganz ersichtlich, um mir die Conversation zu erleichtern.