Part 6
In Fieberhast lief ich alle Möglichkeiten durch, endlich hatt’ ich es: der andere Tag (2. November) war #Todtentag#. Dies Glocken-Wehklagen hatte den Tag aller Seelen eingeläutet.
Der Allerseelentag verlief ruhig, weniger Geräusch als sonst war äußerlich wahrnehmbar; nur im Gefängniß selber belebte sich’s über den Alltagsverkehr hinaus. Das machte, sieben norddeutsche Schiffscapitaine waren von Marseille her als Gefangene eingetroffen und warteten in einem kleinen Büreauzimmer auf den Bescheid des Lyoner Divisions-Generals, der über ihren weiteren Verbleib entscheiden sollte. Man schwankte zwischen Tours, Clermont und Moulins. Es war um die Mittagsstunde, als ich, durch freundliche Vermittlung des ≈gardien-chef≈, Gelegenheit fand, meinen Landsleuten mich vorzustellen. Wir verplauderten eine angenehme halbe Stunde, gegenseitig unsere Herzen ausschüttend. Es waren sämmtlich Pommern und Mecklenburger, der Mehrzahl nach große, breitschultrige Leute, aber alle von jenem sentimalen Zug, dem man bei starken Naturen, namentlich auch bei Seeleuten, so oft begegnet. Sie hatten alle etwas Trauriges, Verschleiertes im Auge und nur die Wahrnehmung beruhigte mich (sie waren eben beim zweiten Frühstück), daß ihr frischer, meerentstiegener Appetit unter dieser Stimmung keinen Augenblick gelitten habe. Mehrere Limburger Käse, die sie in flachen runden Schachteln, genau so wie man Feigen verschickt, mit sich führten, verschwanden im Umsehn. Einer, ein Kleiner, mit genirtem Blick, nahm an der allgemeinen Sentimentalität nicht Theil; er war offenbar der Klügste und hatte sich, auf mir unerklärliche Weise, sogar mit #neuen# deutschen Zeitungen auszurüsten gewußt. Vielleicht ein kühner Griff in ein Marseiller Lesecabinet! Als die Reihe des Erzählens an mich kam und mein herkömmliches Sprüchel: »Toul, Jungfrau von Orleans, Vaucouleurs und Domremy« diesmal in deutscher Sprache von mir aufgesagt worden war, fragte der Kleine nach meinem Namen. Ich nannte ihn. Er lächelte listig-vertraulich und überreichte mir gleich darauf eine neueste, höchstens 5 oder 6 Tage alte Nummer der »Hamburger Börsenhalle«, worin ich in einer Berliner Correspondez die Geschichte meiner Verhaftung las. Ich kann wohl sagen, daß das einen sonderbaren Eindruck auf mich machte.
Wir politisirten auch ein wenig. Das Hauptgespräch drehte sich natürlich um die Capitulation von Metz. Ich sagte ihnen, »die Sache würde neuerdings wieder bestritten«, worauf der Kleine mir zuflüsterte: »wir wissen nur zu gut, daß es wahr ist; wir haben es, so zu sagen, an uns selber erfahren. Die Nachricht war noch keine 2 Stunden in Marseille bekannt, als wir von Oran her landeten und durch die Stadt mußten. An diesen Marsch will ich denken. Die Aufregung war furchtbar; das Hafenvolk drohte uns, drängte sich an uns, warf mit Steinen, neben uns her aber, in dichten Colonnen, zogen die Mobil- und Nationalgarden und trugen große schwarze Fahnen, zum Zeichen der Trauer. Wir waren froh, als wir unter Dach und Fach waren.«
Einer der Capitaine, ein großer, schöner Mann, mit einem langen schwarzen Sappeurbarte, war nicht nur verheirathet, sondern hatte auch seine kleine blonde Frau, eine Rostockerin, mit auf die Fahrt genommen; eine »Hochzeitsreise nach Konstantinopel« in glücklicher Mischung des Nützlichen mit dem Angenehmen. Die Frau regierte natürlich, und zwar nicht nur #ihren# Mann, sondern auch die sechs andern, was bei der besondern Stellung, die sie einnahm, keinen Augenblick zu verwundern war. Sie sprach ein leidliches Französisch, machte deshalb den Interpreten und focht für die #Gesammtheit# alle Kämpfe siegreich durch. Ihr Ehegespons war ihr eigentlich nur »beigegeben«. Dies hatte seine gute Seite, aber doch auch seine schlimme. Ueberall wo die 7 Capitaine eintrafen, wurden 6 in’s Militairgefängniß abgeführt, der siebente aber, der junge Gemahl, folgte seiner Frau in das beste Hotel der Stadt und bezog Zimmer mit ihr. Er war ihr ≈ad latus≈. Dies, um es zu wiederholen, hatte unzweifelhaft sein Angenehmes, aber ebenso wenig ließ sich verkennen, daß der so Bevorzugte seiner Königin gegenüber einer gewissen hofstaatlichen Abhängigkeit bereits völlig verfallen war. Er wußte es übrigens selbst und trug es mit ritterlichem Anstand.
Wir trennten uns, nachdem wir einen gemeinschaftlichen ≈Café noir≈ eingenommen hatten, der, in richtiger Rollenvertheilung, meinerseits aus Kaffee und Cognac, seitens der Capitaine aus Cognac und Kaffee hergerichtet worden war.
Unter allen Gefangenen, mit denen ich durch Monate hin in Berührung gekommen bin, waren die Schiffscapitaine (diese wie andere, denen ich später begegnete) immer die behäbigsten, die am besten situirten, und dennoch flößten sie mir stets eine ganz besondere Theilnahme ein. Dies mochte darin seinen Grund haben, daß jeden Einzelnen sein Schicksal völlig unvorbereitet, wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen hatte. Selbst #ich#, bei aller Friedfertigkeit meines Berufs, war doch immerhin mit dem Bewußtsein in Frankreich eingerückt, daß eben Krieg sei und daß ich die Chancen und Gefahren des Krieges bis zu einem gewissen Grade zu theilen haben werde. Anders diese Capitaine. Sie hatten in tiefem Frieden ihren heimatlichen Hafen verlassen, in tiefem Frieden Gibraltar und die Dardanellen passirt, und sahen sich, ohne die geringste Kenntniß von dem, was sich inzwischen in der Welt zugetragen hatte, plötzlich unter Breitseiten genommen und fortgeführt. Man kann sagen, sie waren noch eher Kriegs#gefangene#, als sie vom Kriege selber wußten.
Noch am Abend des Allerseelentages theilte mir mein ≈gardien-chef≈ mit, daß ich am andern Morgen weiter escortirt werden würde, wahrscheinlich nach Moulins. Er lud mich zugleich ein, ihn auf eine halbe Stunde in seiner Wohnung zu besuchen. Ich folgte der Einladung und erfuhr die Auszeichnung, daß mir zu Ehren eine große papperne Kathedrale, die von einem Zellengefangenen angefertigt worden war, durch ein kleines Wachslicht erleuchtet wurde. Ich bewunderte alles, verbreitete mich ausführlicher über Architekturformen, Wachslichte und Isolirhaft und nahm dann Abschied von meinem freundlichen Wirth und Chef.
Ich kroch zum letzten Male unter das Plumeau und schlief wie in meinen besten Tagen.
3. Moulins.
Was ist das?! Deutlich (nur getrübt Vom Dunst der hin und wieder schiebt) Ein Tisch, ein Licht, in Thurmes Mitten, Und nun, nun kömmt es hergeschritten, Ganz wie ein Schatten an der Wand, Es hebt den Arm, es regt die Hand, — Nun ist es an den Tisch geglitten. Annette Droste-Hülshoff.
Sieben Uhr am andern Morgen nach Moulins. Die Stadt (Lyon) war noch ziemlich still; auf dem großen Platze, an dessen einer Seite unsere Straße mündete, sah ich jetzt das Reiterbild des ersten Kaisers im Morgenlichte aufragen; an der Stelle aber, wo ich bei meiner Ankunft tausend im Wasser sich spiegelnde Lichter gesehen zu haben glaubte, exercirte jetzt eine ganze Brigade Mobilgarde in breiten Zugfronten; was mir bei Dunkel und niederfallendem Regen als das Bett der Rhone erschienen war, war eine breite, mit Bäumen und Obelisken besetzte Esplanade. Man achtete unserer wenig; einige Hälse drehten und reckten sich nach uns, ein paar Minuten später hatten wir unsere Plätze im Coupé eingenommen.
Das Land war ziemlich reizlos auf viele Meilen hin. Ich begann schon die Ursache davon in mir selber zu suchen und einfach anzunehmen, daß das Auge des Gefangenen todt sei für die Schönheiten der Natur, als ich plötzlich, etwa an der Grenze des Departements Allier, gewahr wurde, daß es doch an der Landschaft und nicht an mir selber gelegen haben müsse. Wir traten mehr und mehr in ein entzückendes Stück Natur ein, das ich vielleicht am besten als das »Land um Vichy« bezeichne, denn an diesem berühmten Brunnen- und Badeort kamen wir auf Entfernung von wenigen Stunden vorüber.
Ich muß die Scenerie dieses Departements Allier, die mir ganz eigenthümlich zu sein schien, näher zu beschreiben suchen. Alle Landschaft, die ich bis dahin in Frankreich gesehen hatte, in Lothringen, Champagne, Franche Comté, war durch wenige Linien wiederzugeben: weite Höhenzüge und weite Thäler dazwischen. Eine Landschaft derart entbehrt nicht eines gewissen großen Stils, aber immer wiederkehrend, immer in derselben Weise mit Wein oder Laubholz besetzt, wirkt sie zuletzt monoton und giebt sich — weil alles große Flächen bietet, selbst die Berghänge — um vieles öder, trister, als sie in Wahrheit ist. Hier plötzlich nun traten wir in ein Gebiet ein, das sich vorgesetzt zu haben schien, diese bisherigen Eindrücke alle auf einen Schlag zu balanciren. Die Hügel schoben und #drängten# sich so #dicht# aneinander, als wären sie aus einer Riesenspielzeugschachtel genommen, während sie in Zahl und Form mich beständig an die endlosen Kuppen und Kegel des historischen Dreiecks zwischen Main und Tauber erinnerten. Aber diese #Gedrängtheit# der Landschaft war doch nur #eine# Seite derselben; schöner und charakteristischer noch berührte mich der tiefe, flußdurchschlängelte Wiesengrund, der sich um jeden Hügel sorglich herumlegte und diesen, wie mit Bewußtsein, zu einer kleinen Berginsel gestaltete. Dazu hatte alles einen satten, #braungrünen# Ton, der mich mehr als einmal an Ruysdael erinnerte, von dem ich noch 4 Wochen vorher einiges Treffliche in Nancy gesehen hatte.
Bei St. Marie des Fosses war ein längerer Aufenthalt; wahrscheinlich die Station, von wo aus in ruhigen Zeiten die Diligencen und Journalieren nach Vichy hinüberfahren; riesige, halb abgerissene Affichen deuteten darauf hin. Eine Stunde später fuhren wir in den Bahnhof des Bischöflichen Moulins ein.
Ein Bischofssitz! das war eins. Vor allem aber heimelte der Name mich an; was konnte reizender klingen als #Moulins#. Ich stellte es mir vor als von Wind- und Wassermühlen umgeben, die einen still und lauschig, die andern rasch und plauderhaft, und dazwischen eine Bevölkerung von Klosterschülern und Mühlknappen, die einen schwarz, die andern weiß, aber alle gleichmäßig heiter, ihr Leben theilend zwischen Singen und Angeln. Nie war eine Vorstellung falscher gewesen.
Schon auf dem Bahnhofe (es war 4 Uhr Nachmittags) wurden wir umringt. Der Weg führte durch eine Vorstadt, die zu gutem Theile aus dem Stadtpark und ähnlichen Anlagen bestand; hier, auf zahllosen Bänken, war die Kindermuhme und ihr Anhang zu Hause, hier tobte der Gamin statt des erwarteten stillen Klosterschülers, und ehe 5 Minuten um waren, hatten wir ein Gefolge, das nach Hunderten zählte. Allerhand Blaukittel gesellten sich hinzu, drohende Worte aussprechend, und während wir sonst daran gewöhnt waren, unsere Gensdarmen das neugierig andrängende Volk bei Seite schieben zu sehen, zeigten sie hier eine unverkennbare Verlegenheit und ließen den tobenden Menschenhaufen gewähren. So ging es in die Stadt hinein, ein paar steile Gassen hinan, dann hatten wir die Straßenfront des Gefängnisses, ein Stück Mauer mit einem eingebauten Conciergenhaus, erreicht. Unter Gezische und den üblichen Schmeichelworten verschwanden wir in dem niedrigen Portal.
Hier war kaum Aufenthalt. Wir traten alsbald auf einen Hof hinaus, der von verschiedenen Baulichkeiten, kreuz und quer und hoch und niedrig, umstellt war und warteten unseres Looses. Der Gensdarmerie-Wachtmeister, dem ich meine mehrerwähnte »Bestallung« schon vorher überreicht hatte, machte inzwischen vor dem Büreau-Personal meinen Anwalt; einer der Herren zuckte verlegen die Achseln, kam mir aber bis zur Schwelle entgegen und bat mich einzutreten. Ich folgte. Es zog auf dem Hofe empfindlich; nichts destoweniger wär’ ich lieber draußen geblieben, so stickig war die Luft des kleinen Zimmers, in dessen einer Ecke ich Platz nahm. Ein eiserner Ofen, gegen dessen ganzes Geschlecht ich eine Todfeindschaft unterhalte, stand glühend in der Mitte und das Kohlengas legte sich wie betäubend um meine Sinne. Ich wurde aber mit Gewalt aus diesem Zustand gerissen; ein elegant gekleideter Herr, stark, kurzhalsig, das Bild des Apoplektikus, erschien in der Thür und trat auf mich zu. Er musterte mich; das Kinn saß ihm in einem türkisch geblümten Shawl, das bekannte rothe Band blühte im Knopfloch; so entspann sich folgende knappe Unterhaltung:
≈Vous êtes arrêté?≈
≈Oui.≈
≈Où donc?≈
≈A Domremy.≈
≈Comme espion?≈
≈Oui.≈
≈Que vous êtes?!≈
Ich hatte nicht Geistesgegenwart genug, einfach zu schweigen, sondern lehnte diese Bezeichnung kurz ab. Dies war offenbar ein Fehler. Indessen man ist klüger, wenn man vom Rathhause kommt. Die Unterredung selbst habe ich hierher gesetzt, weil sie die #einzige# Insolenz ist, der ich während der ganzen Zeit meiner Gefangenschaft ausgesetzt gewesen bin. Ich hatte viel zu ertragen, auf noch mehr zu verzichten, aber nach #dieser# Seite hin wurde ich geschont.
Inzwischen hatten die Beamten, denen mein Patent wieder viel Sorge gemacht hatte, über mich »befunden« und waren schlüssig geworden, daß ich, in meiner Eigenschaft als »≈officier supérieur≈«, in der Infirmerie des Hauses untergebracht werden solle. Man entschuldigte sich einigermaßen, daß man nichts Besseres habe; das ganze Gefängniß sei ein alter Donjon der Grafen von Bourbon; sehr mittelalterlich, eine Art »Bastille«. »≈Tout-à-fait dans le style #avant# 1793≈«, setzte der Eine lächelnd hinzu.
Wir stiegen nun eine Art Wendeltreppe hinauf, wie sie alle alten Thürme haben, geriethen auf einen holprigen Steinflur, der von der Seite her durch ein kleines rundes Thürfenster ein spärliches Licht erhielt, und tappten nun auf eben diese Lichtstelle zu. Es war die »Infirmerie«. Der Schließer schob einen Riegel zurück und wir traten ein. Ich konnte im ersten Augenblick, bei dem Dunkel, das auch #hier# noch vorherrschte, nur wahrnehmen, daß wir uns in einem ungewöhnlich großen Raum befanden; ob Saal, Halle, oder Kornboden war zunächst nicht zu unterscheiden. Schreck und Heiterkeit wechselten in meiner Stimmung; alles war gespenstisch und lächerlich zugleich. E. T. A. Hoffmann hätte hier eine glückliche Stunde feiern können. Auch in mir überwog bald ein gewisses poetisches Interesse jede andere Regung. Der Schließer führte mich an einen Bettstand, der für mich hergerichtet worden war, legte mein Gepäck zu Füßen und wünschte mir gute Nacht.
Ich setzte mich neben mein Bündel auf die Eisenkante des Bettes, um zunächst einige Orientirung zu gewinnen. Dies dauerte auch nicht lange. Es war eine mächtige, quadratische Halle, in der ich mich befand, mit tiefen Fensternischen und zahlreichen Bettständen; alle mit dem Kopfende der Wand zu. Mitten durch den Raum, nach Art einer Brücke, war ein großer Bogen gespannt, der ein zweites Stock trug. Unter diesem Bogen, genau im Centrum des Ganzen, stand ein flacher Kochofen, aus dessen drei Löchern ein Lichtschein aufstieg, derselbe, der uns, als wir noch draußen umhertappten, den Weg hierher gezeigt hatte. Jetzt sah ich, bei eben diesem Schimmer, daß drei vermummte Gestalten um den Ofen her saßen. Mitunter, wenn einer der drei mit einem Schüreisen in die Gluth fuhr, wurd’ es auf einen Moment etwas heller und ich konnte dann erkennen, daß es blutjunge Leute waren, die hier fröstelnd und zusammengekauert sich an der spärlichen Gluth zu wärmen suchten. Ich trat jetzt an sie heran. Einer erhob sich, um mir seinen Stuhl anzubieten, was ich auch annahm. Ich versuchte nun eine Conversation; die Antworten blieben aber einsilbig, bis aus einer Ecke am Fenster her endlich meine Unterhaltungsversuche aufgenommen und ich verbindlich eingeladen wurde, »doch mehr ins Licht zu rücken«.
Dies hätt’ ich nun wohl gleich bei meinem Eintreten gethan, wenn die Ecke am Fenster damals schon eine Lichtecke gewesen wäre; sie war es aber erst während der letzten Minute geworden, wo, nach mehreren gescheiterten Versuchen, eine Art Küchenlampe glücklich in Brand gesetzt worden war. Ich dankte jetzt dem Sprecher zunächst und rückte dann in den Lichtkreis ein, der einen Durchmesser von 4 Schritt haben mochte; alles andere lag nach wie vor in Dämmer.
Ich befand mich nunmehr in dem Westend der Infirmerie, in dem »aristokratischen Viertel«, das, wie ich bald erfahren sollte, ausschließlich aus den beiden »≈cuisiniers≈« des Gefängnisses bestand. Im ersten Augenblicke wußte ich nicht, ob sie Haus-Beamte oder Mitgefangene wären, doch ließen ihre eigenen Mittheilungen mich nicht lange in Zweifel darüber. Mein- und Dein-Fragen, falsche Wechsel, unmotivirte Schwüre, so schien es mir, hatten sie hierher geführt. Es war ein Junger und ein Alter. Der #Junge# war Koch von Fach, hatte in Homburg, Aachen, Baden-Baden die große Schule durchgemacht und peinigte mich durch lange Schilderungen des Koch- und Bade-Lebens, die er mit Fistelstimme und einer unheimlich geschraubten Begeisterung vortrug. Gemüthlicher war der #Alte#. Er war über sechszig, trug eine Brille mit ungewöhnlich großen Gläsern und war seines Zeichens ein lateinischer Sprachlehrer aus Moulins. Seit Jahr und Tag kochte er nun als Auxiliar-cuisinier die Gefangenensuppe und behandelte den Wechsel der Dinge ≈en philosophe≈. Dabei republikanisirte er scharf. Ich mußte immer an »Vater Karbe« denken. Den Verdacht, daß er eigentlich ein verkleidetes altes Weib sei, was das Gespenstische steigerte, bin ich übrigens nie ganz los geworden. Doch mag das auf sich beruhn.
Dieser Alte dirigirte nun die Infirmerie. Er hatte Streichhölzer, Salz, zwei Handtücher und ähnliche Luxusartikel; sein eigentliches Ansehn beruhte aber doch auf seiner »Bibliothek« und vor allem auf jener Küchenlampe, die ich ihn eben hatte anzünden sehen. Diese Lampe wurde denn auch von ihm selber, wie von allen Mitgefangenen gehegt und gepflegt; alles putzte an ihr herum, um sie hübsch blank zu erhalten, und rührend war es geradezu, mit welcher Liebe und Zartheit ihr defekter Cylinder behandelt wurde. Anderthalb Stunden lang, wie ich mich am andern Tage überzeugen konnte, drehte sich alles um ihn. Der Cylinder (ein sogenannter Bauchcylinder) hatte nämlich außer den ihm rechtmäßig zustehenden zwei Löchern oben und unten, noch zwei Seitenlöcher gerade an der Bauchstelle und diese Havarie immer wieder auszubessern war die Aufgabe aller Insassen der Infirmerie, besonders der beiden Cuisiniers. Es wurden zwei Stückchen Papier geschnitten von der Größe einer Kartoffelscheibe und am Rande hin mit angefeuchteten Oblatenschnitzeln besetzt. Dies kunstvoll hergerichtete Pflaster wurde dann auf die große Wunde gelegt, der gestörte Luftzug war nun wieder hergestellt und alles drängte sich an den Tisch, um das abermals gelungene Werk zu begrüßen. So war es am zweiten Tag.
Auch gleich der erste Abend, trotzdem alles schon geschehen war, ließ mich noch Einblick gewinnen in eine »Reparatur«. Der Alte, der (schon von Metier wegen) an Klassizität meinem ≈penseur libre≈ in Besançon wenig nachstand, unterhielt mich eingängig noch eine halbe Stunde; dann ging ich zu Bett. Am Fenster brannte das Lämpchen und hatte seinen Lichtkreis. In diesem Lichtkreis saß der lateinische Lehrer und Auxiliar-Koch und las in Rabou’s »≈La grande Armée≈«. Weißhaarig, die große Brille auf der großen Nase, sah er aus wie eine Eule. In dem weiten Rest des Zimmers herrschte Dämmerung. Das Feuer in dem Kochofen wurde immer kleiner; wenn einer der drei Umsitzenden aufstand und auf und ab schritt, tanzten riesige Schatten an Wand und Decke hin. Es war wie die Laterna magica in Kindertagen. Das Getrappel über uns, wo Gefangene auf und ab liefen, um sich zu erwärmen, hörte endlich auf; alles wurde still. Nur die Cylinderlampe brannte dankbar die Nacht hindurch.
Als ich aufstand, waren die Cuisiniers nicht mehr zugegen; der Küchendienst hatte sie bereits abgerufen. Statt ihrer machten sich jetzt die Drei, die am Abend vorher beim Kochofen so tapfer ausgehalten hatten, im Zimmer zu schaffen, wuschen, fegten, lüfteten und beeilten sich, mir meine Wünsche zu erfüllen, mein Leben erträglich zu machen. Ich ließ Wein und Cognac kommen, und half dadurch ihrem Eifer nach. Sie versicherten sämmtlich, daß ihre Krankheit (wir waren ja in einer »Infirmerie«) darunter nicht leiden würde. Der eine, ein Luxemburger, hatte die Gelbsucht. Ich lasse dahin gestellt sein, ob der Hausarzt später die Zustände gerade #dieses# Patienten verbessert gefunden hat.
Um 10 Uhr war ich so weit, mich, ein Buch in der Hand, in eine der großen Fensternischen setzen zu können. Diese Nischen hatten über 7 Fuß Tiefe. Zu Füßen des alten Donjon lag Moulins, jetzt so schön und lachend, wie ich es mir vordem gedacht hatte. Um die goldenen Spitzen seiner Cathedrale spielte das Frühlicht und durch den Schimmer hin flogen die Tauben.
Ich begann zu blättern. Es war das Buch, das der Alte bis spät in die Nacht hinein emsig studirt hatte: »≈La grande Armée≈«. Ich las 50 Seiten: das Lager bei Boulogne, die Capitulation von Ulm, Austerlitz, zuletzt Jena, — nach diesem hatte ich genug; ich war verstimmt. Und ich glaube mit Grund. »Solche Bücher,« sagt’ ich mir, »schreibst Du selbst. Sind sie #ebenso#, so taugen sie nichts. Die bloße Verherrlichung des Militairischen, ohne sittlichen Inhalt und großen Zweck, ist widerlich.« Damit klappte ich das Buch zu und sah wieder auf die Cathedrale hinüber.
Dann machte ich meinen Spaziergang von Thür zu Fenster und von Fenster zu Thür, bis um Mittag die ersehnte Nachricht kam, »morgen früh weiter ins Land hinein«.
Wohin, wußte Niemand.
4. Gueret.
Der König, der nie stirbt, soll aus der Welt Verschwinden? der dem Schwachen beisteht, Der den #Neid# nicht kennet, denn er ist der Größte! (Jungfrau von Orleans.)
Nach meiner Berechnung mußte die Weiterreise auf #Tours# gehen, also nach dem Sitz der »provisorischen Regierung«. Ich wünschte dies, und hatte bereits eine Anrede an den Minister Cremieux fertig, der dann, dacht’ ich, seinem Collegen Gambetta ein paar Worte zuflüstern und nach zustimmendem Kopfnicken dieses letztern, meine Freilassung anordnen würde. All dies scheiterte aber vorweg an #einer# unerbittlichen Thatsache: es ging #nicht# auf Tours. Die nächste Etappe hieß #Gueret#.
Die Fahrt dorthin war insoweit eine höchst angenehme, als das Landschaftsbild, das ich zum Beginn des vorigen Kapitels zu beschreiben versucht habe, sich fortsetzte. Dicht in einander geschobene Berg- und Hügelpartien, schmale Wiesengründe, Wasserläufe, dazwischen Tunnel, Brücken, Viadukte, die Kuppen und Abhänge mit Kastanien, Nußbaum und den verschiedensten Obstarten, aber #nicht# mit Weingeländen besetzt, — so ging es durch diese schönen, aber verhältnißmäßig wenig fruchtbaren Landschaften hin, die den Namen des Departements »≈La Creuze≈« führen.
Am Mittag schon, bald nach 1 Uhr, trafen wir in Gueret ein. »Ein freundliches Städtchen«, hatten uns die Gensdarmen gesagt, die ihrer Sache selbst so sicher waren, daß sie die Karabiner, die mir immer mehr fürs Volk als für uns da zu sein schienen, auf dem Bahnhof ließen, also uns nahezu unbewaffnet in die Stadt begleiteten. Diese steckte reizend in den Bergen; hier und dort wuchs ein Thurm, eine Esse über die Pappeln hinaus und graue Rauchwolken lagen wie schwebend, fast unbeweglich, in der stillen, regenschweren Luft. Wir passirten eine Plantage, einzelne Gehöfte, Niemand zeigte sich; mit dem Eintreten in die Stadt aber gestaltete sich das Bild wie immer. Hunderte von Jungen, die in dem scheinbar menschenleeren Ort wie Pilze aus der Erde wuchsen, umdrängten uns im Nu, alte Weiber, von denen jedes einzelne in eine beliebige Macbeth-Aufführung ohne die geringste Kostüm-Veränderung hätte eintreten können, erschienen in allen Thüren und unter dem Geschrei: Bismaarck, Bismaarck (immer mit langgezogenem a) verschwanden wir endlich im Gefängnißthore. Ich muß übrigens hinzufügen, daß das Ganze doch mehr den Charakter einer Volksbelustigung hatte. Gueret bezeichnete in dieser Beziehung die Grenze. Von da ab wurde es immer besser, bis zuletzt, auf dem Küstenstriche des Westens, jeder Beisatz von Verbissenheit aufhörte.