Part 9
Wenn mir nun die Schneidigkeit Rasumofskys so gut wie gewiß war, so war ich seiner #Findigkeit# ganz und gar sicher. Es war ganz unglaublich, was er alles »gefunden« hatte, namentlich in den Tagen, die dem Siege von Wörth unmittelbar folgten. Mehrere Spiele Karten, eine Straußenfeder, ein schwarzer Schleier mit Goldsternchen, eine Flasche Anisette. Diese war das Beste. Ein paar französische Generals-Epauletten begleiteten ihn mehrere Tage und bildeten noch in Oléron den Lichtpunkt seiner militairischen Erinnerungen, aber er brachte es mit ihnen nicht über einen idealen Genuß hinaus, der zuletzt zu einer freiwilligen Trennung führte. »Wo haben Sie sie denn gelassen?« »Ich habe sie wieder weggeworfen.« Dabei klang nichts von Klage oder Betrübniß mit ein; nur die Freude lachte ihm aus den Augen, das blanke Spielzeug ’mal besessen zu haben. Das ist die echte Findigkeit. Die Freude auch an dem, was man nicht brauchen kann.
Ich wäre aber undankbar, wenn ich Rasumofskys Findigkeit lediglich in die Vergangenheit stellen und übersehen wollte, daß dieselbe auch bis in die Gegenwart hineinragt. Auch hier noch, unter den erschwerendsten Umständen, »findet« er beständig, und zwar in echter Burschentreue nicht für sich, sondern #mir# zu Liebe. Es tauchen Schuhbürsten, Theelöffel, Lichtscheeren auf, deren Ursprung nachzuforschen ich wohlweislich unterlasse; seine eigentlichste Begabung zeigt er aber im Anfahren von Holz. Ich habe hierüber längere Unterredungen mit ihm gehabt, in denen wir die feinsten Fragen berührt haben. Er hat mir schließlich mit siegreicher Beredsamkeit auseinandergesetzt, daß mir Holz geliefert werden #müsse#, daß eine bloße Verschwörung existire, mich um täglich einen Franken zu bringen, und daß er die Verpflichtung habe, diesen im Dunkel wühlenden Mächten entgegen zu arbeiten. Ich habe endlich geschwiegen, was er als Zustimmung gedeutet hat. Seitdem verfolgt er mit scharfem Auge jede morsche oder durchgetretene Diele, das handbreite Loch durch einen raschen Griff um das Doppelte oder Dreifache erweiternd; wer will in diesen dunklen Korridoren am Ende nachweisen, ob der Schwamm oder die Ratten oder Rasumofsky dem ohnehin immer geschäftigen Zahn der Zeit vorgegriffen haben? Die Asche im Kamin ist schließlich stumm wie das Grab. Die Dielenausbeute verschwindet aber neben dem, was die Fensterladen liefern. Rasumofsky hat nämlich entdeckt, daß von den drei Querhölzern, die dem ganzen Fensterladenbau erst Halt geben, mindestens eins entbehrt werden könne, und dies eine (immer das schrägstehende, weil es das längste ist) ist dem Kamine rettungslos verfallen. Wie die Laden selbst sich halten werden, wenn erst die großen Stürme kommen, muß abgewartet werden. Vielleicht erblüht uns aus ihrem völligen Zusammenbrechen eine neue Ernte.
Es geht ein leiser Zug von Incorrektheit durch unsern gesammten Wandel hier, und so kann es nicht überraschen, daß in dem Verhältniß zwischen Rasumofsky und mir manches blos auf den Schein gestellt ist. Eine gesellschaftliche Lüge, wie so vieles andere! Dieser Schein tritt in nichts so hervor wie in der Kleiderreinigungsfrage. Jeden Morgen, wenn das Feuer angezündet und das Theewasser in die ersten Kohlen gestellt ist, tritt Rasumofsky mit einer gewissen Adrettheit an mein Bett, um von der Stuhllehne den Rock, den Ueberzieher, die Beinkleider zu nehmen und damit im Flur, wo sich auch wirklich ein großer Kleiderriegel befindet, zu verschwinden. In kürzester Zeit ist er wieder da, so daß ich mich überzeugt halte, daß er der gesammten Kleiderdreiheit nur eine frische Brise und den Anblick der Morgensonne gönnt. Mit komischer Sorglichkeit breitet er, bei seinem Wiedererscheinen, die drei Kleidungsstücke über dieselbe Lehne aus, von der er sie eben entführte. Dies wiederholt sich jeden Tag. Ich war einen Augenblick geneigt, dieser Komödie ein Ende zu machen, aber ich habe mich eines Besseren besonnen. Es ist ganz gleichgültig hier, ob der Rock blank ist oder nicht, aber das #Prinzip# muß gewahrt und die Verpflichtung immer neu anerkannt werden. So hat denn das Schauspiel seinen Fortgang. Zwei Stunden später ≈mutatis mutandis≈ erlebt es seine Wiederholung. Ich werde dann gebeten, eine halbe Stunde spazieren zu gehen, um durch die Zimmerreinigungs-Procedur nicht gestört zu werden. Aber auch hier kommt es ausschließlich zu einer Lüftung; dann ziehe ich in die alten lieben Räume wieder ein. Die Ordnung der Dinge ist inzwischen durch keine übergeschäftige Hand gestört worden.
Wir leben gut, einträchtig, friedfertig mit einander, ich theile meine Neuigkeiten und meine Mahlzeiten mit ihm, und mein Cognac-Conto bei Mr. Vimenet, dem kleinen freundlichen Kaufmann in der Stadt, wird lediglich ihm zu Liebe mit immer neuen Francs beschwert; aber all dies hat ihn doch nicht veranlassen können, mir eine angemessene #Rang#stufe anzuweisen. Er nennt mich »Herr Leutnant«. »Gleich, Herr Leutnant«, »zu Befehl, Herr Leutnant«, damit muß ich mich begnügen. Meine Jugend kann es nicht sein, die ihn hindert, mich avanciren zu lassen, ja er macht nach #dieser# Seite hin völlig entgegengesetzte Bemerkungen, die auch wieder weit über das Wünschenswerthe hinausgehen; es muß also irgend wo anders fehlen. Ich habe dieser Thatsache gegenüber den einzigen, leidigen Trost, daß sich alle Dinge im Leben nach einem Ausgleichungsprinzip reguliren, und daß ich, vom Feinde ohne Verdienst und Würdigkeit zum ≈Officier supérieur≈ ernannt, in dieser Degradirung sich nur ein Gesetz ewiger Gerechtigkeit vollziehen sehe.
In unsern politischen Anschauungen sind wir einig. Sie finden immer wieder in dem Satze Ausdruck, daß der Friede unterzeichnet werden müsse, damit wir Weihnachten zu Hause sind. Ob dabei Straßburg und Metz wieder an Deutschland kommen, oder nur eins von beiden, hat uns noch nicht lebhaft beschäftigt, am wenigsten entzweit. Ich habe ihn in Verdacht, daß er eine mehr als ruhige Position zu dieser Frage einnimmt.
Sei’s drum. Das »Weihnachten zu Hause« steht wohl noch manchem Gefangenen und Nichtgefangenen im Vordergrund. Die diesen Egoismus abgethan haben und in großem Empfinden über sich selbst hinauswachsen, #ihre# Zahl ist klein.
Warum sollte Rasumofsky unter diesen Wenigen sein!
5. Blanche.
Jung, Auf dem Sprung, Nicht bös, Graziös.
Auch ein weibliches Wesen ist um mich her, das in meinem Haushalt die Ergänzung zu Rasumofsky bildet. Es ist, um mich in Rückertschen Anklängen zu bewegen, eine feine Reine, schlanke Kleine, die ich mit Rücksicht auf ihre Erscheinung #Blanche# getauft habe. Sie ist ganz weiß und nur auf der Stirne, als Zeichen edelster Abstammung, hat sie einen braunen und schwarzen Tigerstreifen. Sie ist noch ganz Kind, ganz unbefangen, faßt das Leben von der heiteren und Vergnügungs-Seite auf und betrachtet sich selbst als bloßes Ornament des Daseins. Sie kennt keine andere Pflicht als die, sich zu putzen und sich streicheln zu lassen; sie könnte nach allem eine Engländerin sein. Nur ihrer Grazie nach ist sie Französin.
Ich engagirte sie zunächst aus bloßen Nützlichkeitsrücksichten und erwartete von ihr, wie jetzt das Modewort lautet, einen »≈guerre d’extermination≈« gegen den Erbfeind; aber niemals ist eine Erwartung gründlicher getäuscht worden. Sie scheint kaum zu wissen, daß es Feinde giebt, geschweige Erbfeinde; sie führt ihren Exterminations-Krieg gegen Gardinenkanten, gegen alles, was Puschel oder Quaste heißt; über Nacht aber, wenn der Feind seine Vorposten schickt, horcht sie auf, spinnt dann einen Augenblick vergnüglich und schläft wieder ein. Dennoch — dies Anerkenntniß bin ich ihr schuldig — übt sie einen gewissen Einfluß, aber freilich ohne die geringste Ahnung davon; sie wirkt wie das #Bild# des Tigers, das die Chinesen, zum Schrecken für den Feind, an die Außenwand des Hauses stellen.
Sie ist ganz Spielzeug und ich habe es längst aufgegeben, Ernsteres von ihr zu erwarten. Es liegt nicht in ihr. Sie ist mir Schauspiel, Augenweide, Circus-Schönheit, im Hoch- und Weitsprung gleich ausgezeichnet, und den Tag über an der Klingelschnur zu Hause. Sie behandelt dieselbe als Trapez, was sie ungehindert kann, da die betreffende, aus Bast geflochtene Corde, das Schicksal der meisten ihrer Schwestern theilt, eine bloße höchst fragwürdige Stubendekoration zu sein.
Blanche, wie gesagt, ist die Ergänzung zu Rasumofsky; was jener meinem Geiste ist, ist diese meinen Sinnen. Wenn ich mit dem erstern, in jener Simplicität, die alles Große begleitet, die Tagesangelegenheiten behandle, also in rascher Reihenfolge die Fragen stelle: Wie ist das Wetter? Was macht Paris? Nichts von Frieden? — so gehört mein #Auge# ganz der kleinen Weißen, die wie ein alabasterner Briefbeschwerer auf meinem Schreibtisch neben mir liegt. Nun erhebt sie sich, um zwischen Uhr, Theetasse und Dintenfaß jene Spaziergänge auszuführen, die eben nur jenem Geschlechte möglich sind, dem Blanche angehört. Werde ich endlich ungeduldig, so weiß sie diese Ungeduld zu sänftigen. Der Tisch hat einen Aufsatz von sechs Fächern, jedes nur so groß, um eine Hand hineinzulegen. In alle sechs Fächer duckt sie sich der Reihe nach hinein und blickt mich aus dieser Umrahmung schelmisch an. Das sind die letzten Mittel, denen nicht zu widerstehen ist.
Um 8 Uhr, nachdem wir unsern Thee genommen, für den sie eine distinguirte Vorliebe zeigt, gehen wir zu Bett; sie ist aber noch nicht müde und unterhält mich eine Viertelstunde lang durch die wunderbarsten Capriolen. Um halb neun endlich, wo abwechselnd ein Trompeter von den Schleswiger Husaren und den Garde-Ulanen auf den Kasernenhof tritt, um die preußischen Cavallerie-Signale zu blasen, wird Blanche stiller und schiebt sich, wie zu einer letzten Liebkosung, an meinen Hals zwischen Kopf und Schulter. So vergehen Minuten. Eine Viertelstunde später tritt aus dem Kasernenflügel gegenüber ein #französischer# Trompeter auf den Hof hinaus und antwortet dem Preußen oder besiegelt den Appell.
Nun weiß Blanche, daß es Zeit ist. Sie erhebt sich summend und spinnend und legt sich am Fußende des Bettes auf die vierfach zusammengefaltete Reisedecke.
Das Feuer im Kamin erlischt. So schlafen wir bis die Reveille uns weckt.
6. ≈Le Rempart.≈
Schon geht es, buntgeschuppt, in seiner Pracht einher; Dem Goldfisch ist es gleich, dem blitzenden, das #Meer#. Freiligrath.
Um 8 Uhr früh, oder wenig später, trat ich allmorgendlich auf den Wallgang (»≈le Rempart≈«) hinaus, der sich auf dem 15 Schritt breiten Terrain zwischen meiner Kaserne und dem Meere hinzog. Zehn Schritt von diesen 15 gehörten einem langen, in zahllose Beete getheilten Gartenstreifen an; auf dem 5 Schritt breiten Rest erhob sich der »≈Rempart≈« selber. Dieser war nicht ein gewöhnlicher zugeschrägter Wall mit Grasdossirung und einem Fußsteig oben, sondern ein aus senkrechten Quadern aufgeführtes Mauerwerk, das, wahrscheinlich noch aus der Vauban-Zeit stammend, mit Steinbrüstung und ausbuchtenden Banknischen zwischen zwei Bastionen hinlief. Die Entfernung zwischen diesen, also die ganze Länge des ≈Rempart≈, betrug 150 Schritt. Das Bewegungs-Minimum, das ich mir Tag für Tag zum Gesetz gemacht hatte, bestand in einem zehnmaligen auf und ab, wodurch ich es auf 3000 Schritt brachte. Um nicht immer zählen zu müssen, hatte ich mir an einem Ende des Ganges zehn weiße Steinchen auf die Brüstung gelegt, von denen ich jedesmal eines zu mir steckte, bis ich durch war.
Diese Morgenspazierzüge, denen ich, bei schönem Wetter, noch eine kurze Mittags- oder Nachmittags-Promenade folgen ließ, waren meine besondere Freude, und ich darf sagen, die schönsten und poetischsten Stunden meiner Oléron-Tage auf diesem prächtigen ≈Rempart≈ zugebracht zu haben. Je nach der Stunde, zu der ich heraustrat, fand ich Fluth oder Ebbe, begrüßte ich das steigende oder das schwindende Meer. War Ebbe, so lag der Wasserarm, der unsere Insel vom Festlande trennte, zur Hälfte wie eine Sandbank da; die Boote und Luggerschiffe standen wie Spielzeug auf dem von Rinnen und Wasserlachen durchzogenen Schlick; über diese Schlickfläche hin aber, die Rinnen und Tümpel mit allerhand Bretterwerk überbrückend, schritten die Schiffer und Schifferfrauen, ihren Fang heimtragend oder zu neuem Fange sich rüstend. Mehr dem Ufer zu, unmittelbar zu Füßen des Rempart, trieben die hochbeinigen Strandläufer ihr possirliches Spiel; mit weißer Brust und schwarzen Flügeln, trippelnd, pfeifend und nahrungsuchend, liefen sie heerdenweise über den lehmigen Grund hin.
Das war ein eigenthümliches Bild; aber groß und erhebend war es, wenn nun die Fluth unhörbar herankam, immer wachsend, immer steigend, bis die erste leise Brandungswelle das Mauerwerk des vorspringenden Bastions und eine Minute später den Quadernfuß des zurückgelegenen ≈Rempart≈ traf. War nun ein grauer Tag, oder kämpften noch die Morgennebel mit dem Licht, so zeigte das Meer, das in beständigem Kommen und Gehen den Schlick aufrührte, eine gelbe, wenig anmuthende Farbe, und die #Schönheit# des Bildes begann erst #jenseit# der Wasserfläche, dort wo das Ufer drüben in leiser Windung einen Kranz von Dünen und Dörfern und eingestreuten Kirchen flocht; zog aber die Sonne siegreich herauf, so begannen nun jene Licht- und Farbenwunder, wie sie nur der kennt, der von Stunde zu Stunde dem kaleidoskopischen Spiel des Meeres und dem Beleuchtungswechsel seiner Ufer folgt.
Die Landschaft drüben, graublau am Morgen, schimmerte Mittags wie in Gold, bis sie bei untergehender Sonne tief in Roth sich tauchte; das Meer selber aber, in noch rascherem Changiren, lief alle Töne der Farbenskala durch, wenn diese Töne nicht gar (wie auch wohl geschah) regenbogenartig #nebeneinander# lagen; chamoisfarben, grasgrün, tiefdunkelblau glitzerte dann, wie eine Schlange, die leis sich hebende Fluth.
Nicht müde wurde ich dieser Farben und Bilder, und selbst an Regentagen, die auch ihren Zauber hatten, versuchte ich es, auf kurze Minuten hin, an dieser bevorzugten Stelle auszuhalten; nur die #Sturmtage#, an denen im Monat November nicht eben Mangel war, fegten mich gewaltsam vom ≈Rempart≈ hinunter, und zwangen mich, meinen Morgenspaziergang unten auf dem zehn Schritt breiten Gartenstreifen zu machen. Der Sturm heulte dann über mich hin. Aber auch sein bloßes Drüberhingehen reichte schon aus, alles was hier unten noch grünte, erzittern zu machen. Die letzte Malve, losgerissen vom Stock, schwankte hin und her, die gelbe Studentenblume duckte sich noch ängstlicher unter die in Samen geschossenen Salatstauden als an andern Tagen, und der zarte Duft verspäteter Levkojen verflog unbeachtet in der vibrirenden, oft wie vom Donner durchrollten Luft. Die Blumen lebten hier Tag um Tag wie Gefangene, aber wenn der Sturm über sie hinfuhr, waren sie vollends wie niedergetreten.
Ein Gefangener ist empfindlich gegen solche Eindrücke. Sie los zu werden, trat ich dann über die Treppenstufen rasch auf den Rempart hinaus. Es wetterte; ich hielt den Hut mit beiden Händen, und der Gischt sprang bis über die Brüstung. Aber ich athmete auf und sah nach Osten hin, wo mir die Heimath lag und die Freiheit.
7. Mittag.
Ein Schornstein raucht, der Wind steht her, Ein warmes Dach, was braucht man mehr! Mittag. Scherenberg.
Der Vormittag, der dem Morgenspaziergang folgte, gehörte der Arbeit. Himmlische Ruhe! Wie leicht, wie behaglich es aus der Feder floß! So kam Mittag heran.
Um 12 Uhr präcis klopfte es, und auf mein nach Gutdünken abgegebenes »≈Entrez≈« oder »Herein«, erschien Madame la Cantinière, eine freundliche, bleichsüchtige Frau, die nach unendlichen Knixen und Begrüßungen und unter einem Schwall von Redensarten, aus denen ich mir nur die Stichworte aussuchte, meine Hauptmahlzeit servirte. Diese führte abwechselnd den Namen Dejeuner oder Diner, ohne daß die wechselnde Bezeichnung den geringsten Einfluß auf die Sache selbst geübt hätte. Ein Tisch existirte nicht; der Schreibtisch war sakrosankt; so blieb denn nur die Kommode, die zum Zeichen ihrer Doppelbestimmung, und so zu sagen als »Tischtuch in Permanenz«, eine auseinandergefaltete Serviette trug. Einen Wechsel derselben hab ich nicht erlebt. Auf diese Unterlage nun stellte Madame la Cantinière das zusammengeklappte Tellerpaar, das wie eine große Muschel aussah, aber in der Regel einen Kern barg, der, seinem ganzen Gefüge nach, alles andere eher war als eine Molluske. An vier Tagen von fünf war es ein Stück in die Pfanne geworfenes Rinderfleisch, ein Rundstück, mit gedörrten Kartoffeln und Seesalz garnirt, an das ich nun ≈coûte qu’il coûte≈ heran mußte. Ich zwang es auch in der Regel, wiewohl ich sagen muß, daß es für das, was man mit funfzig Jahren von Zähnen noch übrig hat, eine Schule und eine Prüfung war. Die genaue Vertheilung von einem Korn Seesalz auf je ein Stück Kartoffel, etwa wie ein Conditor die Törtchen mit Kirsche oder Pistazie belegt, gewährte mir dabei eine kleine Unterhaltung. Ich machte es sorglich und gewissenhaft, das jedesmalige Größenverhältniß wohl abwägend. Dazu trank ich Landwein, der einen unglaublich schönen Namen hatte, aber nach dumpfem Faß schmeckte und dem ich durch Zucker und Wasser aufzuhelfen suchte.
Was die Arrangements angeht, so darf ich wohl hinzusetzen, daß ich meine Mahlzeit nothgedrungen im Stehen einnahm, da die Kommodenkästen keinen Stuhl gestatteten und daß ich (man erhält in gewöhnlichen Lokalen immer nur eine #Gabel#) dies unvollkommene Besteck durch ein in Besançon erobertes Klappmesser vervollständigte, dessen Klinge sich wie Blech bog. Wie man es stellte, so stand es.
Dies alles war die gebrechliche Seite des Diners, aber das Dessert brachte alles wieder ins Reine. Ich schälte sorglich, nachdem das Klappmesser in der Kaminasche einen Läuterungsprozeß durchgemacht hatte, eine große Goldreinette, und begann nun, Scheibe auf Scheibe, mit immer erneuter Freudigkeit zu genießen, während Blanche mit den Schalen spielte und neben mir bereits das Wasser brodelte, das 10 Minuten später braun und duftig in das von dem Landwein desinfizirte Glas floß. Im Schlurfen des geliebten Trankes vergaß ich vieles, und vieles stieg lächelnd und grüßend herauf.
Die gebauchte Blechkanne aber, von einfach sinnreicher Construktion, aus der mir so viele freundliche Minuten erblühten, ich habe sie als Erinnerungsstück mit heimgenommen.
8. Theestunde.
Den Erzähler indessen umwimmelt es, übers Knie Beide Hände gefaltet in horchender Wißbegier; Roland singt er, er singt das gefabelte Schwert Rinalds. Platen. (Bilder Neapels.)
Von sechs bis acht war Theestunde und — Empfang. Man wußte das schließlich in der ganzen Kaserne und so hatt’ ich denn meist um diese Zeit Besuch. Mitunter drängte es sich, und in diesem Falle war es nichts Kleines, mit drei Gläsern und einer Zuckerdüte das leibliche, und mit Hülfe einer Unterhaltung, die vom Hundertsten aufs Tausendste sprang, das geistige Bedürfniß der Gäste zu bestreiten. Aber dies alles geschah doch im Ganzen nur selten, so selten, daß ich beinah glaube, es unterblieb aus Rücksicht, und sobald Neu-Ankommende merkten »es ist schon Besuch da«, kehrten sie einfach um.
In der Regel kam man zu zweien, so daß wir uns zu Dritt an den Kamin setzen konnten; Rasumofsky als dienender Bruder im Hintergrunde. Das Hauptpaar waren zwei Einjährige, ein Bayerscher Chevauxlegers, Graf A., und ein Frankfurter Dragoner, eines Großweinhändlers Sohn. Sie waren sehr verschieden, aber jeder angenehm und tüchtig in seiner Art. Der Dragoner, ein stattlicher Rheinfranke, hatte das Breite, Männliche des ganzen Stammes; jener, der Chevauxlegers, war heiter, liebenswürdig, und vor allem ganz blond, was mich bei seinem italienischen Namen und seiner italienischen Mutter immer am meisten verwunderte. Beide sprachen vollkommen französisch[1] und hatten, wie die sprachliche Fähigkeit, so auch den moralischen Muth, jederzeit für die Interessen ihrer Mitgefangenen einzutreten. Das machte sie natürlich beliebt. Bei dem jungen Grafen kam noch hinzu, daß er keine Spur von Standesdünkel zeigte; er half, unterstützte, interpretirte, aber in allem Uebrigen war er einfacher Reitersmann, wie jeder andere. Es waren sehr liebenswürdige junge Männer, fein, rücksichtsvoll, unterrichtet, aber eines werden sie mir nicht übel nehmen: sie waren keine brillanten Unterhalter, so daß ich mitunter einen schweren Stand hatte. Die Conversation begann immer mit den Tagesfragen, die theils ihrer Einfachheit, theils ihrer geringen Zahl halber, schnell erledigt waren. Der Mensch wird in solchen Zeiten auf einen gewissen Naturstandpunkt herabgedrückt; aller Luxus fällt ab; es handelt sich für Vornehm und Gering um dieselben Dinge, und so nimmt auch die Unterhaltung entsprechende Formen an. Es war kein Unterschied, ob ich mit Rasumofsky oder mit diesen beiden feingebildeten Herren sprach; es wurden dieselben Fragen gestellt, dieselben Bedenken, Klagen und Hoffnungen laut. Es ist begreiflich, daß ein solches Fünf-Minuten-Material für anderthalb Stunden nicht ausreichte, die Rede stockte, und da ich kein Freund der »Ausschweige-Soiréen« bin, so fiel mir, wie schon angedeutet, die nicht leichte Aufgabe zu, wie für den Thee so auch für den Unterhaltungsstoff zu sorgen. Alle meine alten Steckenpferde mußten aus dem Stall und nie hab ich in Völkerpsychologie und vergleichender Stamm- und Racenforschung so geschwelgt, als an meinem Kamine in Oléron. Wenn ich dann über die Weltherrschafts-Qualität der germanischen Race, über die Nicht-Gefahr des Panslavismus, über die Wellenbewegungen im Volksleben, über die eigentlichen und uneigentlichen Demokratien meine freien Vorträge gehalten und der Graf (darin ganz Graf) mit völligster Ungenirtheit sich ausgegähnt hatte, zogen sich gegen acht die beiden Herren zurück und ließen mich mit Rasumofsky und eine halbe Stunde später mit Blanche allein.
Diese zwei Volontairs waren die Aristokratie der Gesellschaft. Es kamen aber auch andre, gewöhnlich paarweise, ein Preuße und ein Bayer; immer beste Freunde.