Part 19
Dieser Schlag traf den Wastl bis ins Innerste seines Herzens, als er davon hörte. Seit Jahr und Tag lebte der Wastl nun schon im Siechenhaus und war völlig abgeschlossen von der Außenwelt und ganz zufrieden mit seinem Dasein. Er hätte es nicht gedacht, daß er noch einmal so zufrieden werden könnte. Er lebte in der Heimat und doch verborgen vor allen; er sah täglich die Berge, die er von Jugend auf gekannt hatte, und genoß den heiligen Frieden dieses schönen Tales.
Was er brauchte, das hatte er, und mehr als das. Denn der Kramer Veit ließ ihm viel Gutes zukommen durch den Andreas Siegwein. Die barmherzigen Schwestern, welche die Obhut hatten über das Siechenhaus, waren gut und liebevoll zu ihm, voll Nachsicht und Verständnis, und ließen ihm alle Freiheit. Er nützte sie aber nur wenig aus, seine Freiheit. Hielt sich nur selten außerhalb des Spitalsgartens auf und war zufrieden, wenn man ihn dort allein auf einer Holzbank sitzen ließ.
Eine hohe Bretterwand umzäunte diesen Garten und schloß ihn gegen neugierige Blicke von außen ab. Gemüsebeete, von einfachen Blumen umgeben, waren in dem Garten. Die Schwestern arbeiteten unermüdlich darin, und Erholungsbedürftige ergingen sich langsam und wohlig im prallen Sonnenschein. Ab und zu spendete ein Obstbaum mit weitausragenden Ästen den ersehnten Schatten, und an den Bretterwänden des Zaunes rankten sich früchtetragende Aprikosenbäume empor.
In einer Ecke des Gartens, hart an der Bretterwand, stand die Bank, auf welcher der Wastl für gewöhnlich zu sitzen pflegte und sich von der lieben Sonne bescheinen ließ. Saß oft viele ... viele Stunden da, einsam und ohne sich eine Gesellschaft zu wünschen.
Er war ein gebrochener, alter Mann geworden, der Wastl, und hatte eine kranke Brust. Das Gesicht war grau, der Kopf kahl, und der Bart wucherte üppig und lang und war schneeweiß. Und groß und leer schauten die dunklen Augen aus dem eingefallenen, schwer durchfurchten Gesicht.
Manchmal gesellte sich ein Kamerad zu dem einsamen alten Manne und sprach mit ihm. War ein guter Bekannter vom Wastl aus seiner Jugendzeit und vom Alpl droben. Der Stanis, den sie damals eingesperrt hatten, weil er dem Fremden die Nase abbiß. Als der Stanis frei kam, war nichts mehr Rechtes mit ihm anzufangen. Einen gewesenen Zuchthäusler nehmen die Bauern nur ungern in Dienst, und wenn er auch noch so tüchtig arbeitet. Und der Stanis war auch recht bockbeinig geworden, und Kraft hatte er wohl auch nimmer gar viel.
So mühte sich der Stanis nicht lange um einen Dienst. Fand er zufällig eine Arbeit, so tat er sie im Taglohn, und wenn nicht, dann bettelte er sich eben durch. Hatte er Geld, dann vertrank er es, und hatte er keines, dann focht er die Fremden darum an. Lebte so richtig und ohne Sorgen in den lieben Tag hinein, lieferte ab und zu Räusche und wurde dann stänkerisch und unangenehm, wie er es ehedem gewesen war.
Schließlich hatte er Aufnahme gefunden im Versorgungshaus, und die Schwestern mochten den kleinen, beweglichen Kerl, der so gern Scherze machte, genau so gut leiden, wie ihn seinerzeit die jungen Melker droben am Alpl gut leiden konnten.
War ganz anstellig, der Stanis, und tat den Schwestern auch manchen Dienst. Und aus Dankbarkeit gewährten sie ihm dann wieder seine volle Freiheit. Von dieser machte der Stanis nun allerdings den ausgiebigsten Gebrauch. Besonders zur Sommerszeit, wenn die Fremden wieder im Tal waren. Da trieb's den Stanis aus dem Spitalsgarten hinaus und unter die Fremden, die er dann regelmäßig in der unverschämtesten Weise anbettelte.
Er umlauerte die Fremden und heuchelte ihnen Demut vor und Achtung, bis er seine Gabe erhielt. Dankte dann aber kaum dafür; denn er haßte sie alle, die nicht herein gehörten ins Tal, und sah ihnen mit boshaft schielenden Augen nach.
So war der Stanis immer in steter Fühlung mit der Außenwelt und wußte ganz genau, was sich im Ort und in der Umgebung ereignete. Vom Stanis erfuhr es der Wastl denn auch, daß man heute seinen jüngsten Sohn ins Gefängnis eingeliefert hatte.
Recht anschaulich schilderte der Stanis den Vorgang. Er hatte es selbst gesehen, wie der Gendarm mit aufgepflanztem Gewehr hinter dem Michl einhergegangen war. Und der Michl habe den Kopf eingezogen gehalten und zu Boden geschaut.
»Weil er si halt g'schamt hat, der Mensch. Woaß man wohl!« schloß der Stanis kaltblütig seinen Bericht und ahnte nicht, wie tief ins Herz er damit den Wastl getroffen hatte.
Es war am späten Nachmittag, zur Hochsommerszeit, und die sinkende Sonne leuchtete rot auf die Bergspitzen des Tales. Ein frischer Wind zog erquickend über die heißerwärmte Erde, und weit im Norden hinten ballten sich die ersten Boten eines heranziehenden Gewitters.
Sie saßen noch eine ganze Weile zusammen auf der Holzbank im Gartenwinkel, die beiden alten Männer. Und keiner sprach ein Wort, nachdem der Stanis ausgeredet hatte.
Es wunderte den Stanis nun doch, daß das alles den Wastl anscheinend so kalt und gleichgültig ließ. Schließlich war's ja doch sein Sohn, den man heute eingeführt hatte. War ihm eigentlich leid um den Michl, dem Stanis. Denn gebessert, das wußte er aus Erfahrung, kam keiner aus dem Zuchthaus heraus.
Als es zu dunkeln begann und der Wastl noch immer kein Wort redete, da riß dem Stanis die Geduld. Etliche Male schon hatte er nach seiner Schnupftabaksdose gegriffen und energisch auf den Deckel geklopft, ehe er sich eine Prise nahm. Und hatte dann auch dem Wastl davon angeboten. Der aber achtete nicht darauf, saß und stierte schweigend vor sich hin.
Boshaft schielte der Stanis aus seinen kleinen schwarzen Augen zu dem Manne hinüber, der weit nach vorn gebeugt neben ihm auf der Bank saß.
»Werden eini müassen ins Haus!« brach er dann endlich das Schweigen. »'s wird spat!« mahnte er in unfreundlichem Tone.
Der Wastl erhob sich gehorsam und wollte in der Richtung nach dem großen Gebäude hingehen. Es war jetzt leer geworden im Garten, und von der Hauskapelle hörte man das gedämpfte Murmeln des Rosenkranzgebetes.
Der Stanis, der noch immer trotz seines vorgerückten Alters erstaunlich beweglich war, trat rasch an die Seite des alten gebeugten Mannes und zupfte ihn energisch am Arm.
»Du ...« machte er leise und sah neugierig zu ihm auf ... »wart' a bissl ... ha?«
Müde und gleichgültig blieb der Wastl stehen. »Willst eppas?« frug er ihn und langte in seine Hosentasche nach Geld. Denn da der Stanis wußte, daß der Wastl oft Geld bekam, pflegte er ihn häufig anzupumpen.
Der Stanis machte aber eine ablehnende Bewegung. »G'halt' dir's!« sagte er verächtlich. »I hab' di lei eppas fragen wöllen ... di ...« fügte er eindringlich hinzu.
»Mi ...« Leer und schwer kam das Wort aus dem Mund des Wastl.
»Ja.« Jetzt stellte sich der Stanis in Positur. Wie kampfbereit sah er aus, so daß der Wastl unwillkürlich erstaunt auf das kleine, dürre Manndl herabschaute.
»Hast g'hört, was i dir verzählt hab' ... ha?«
»Ja.«
Der Stanis spie, wie er das stets zu tun pflegte, bevor er zu raufen anfing, ein paarmal verächtlich auf die Erde.
»Hast's begriffen aa ... du ...« frug er scharf und sah lauernd zu dem andern auf.
»Ja!« nickte der Wastl. Es klang kalt und tonlos.
Jetzt brach die Empörung bei dem Stanis aus.
»Aft begreif' i di nit ... du Depp ... du ...« machte er zornig. »Ist do dei' Bua ... dei' Kind ...«
»Ja!« sagte der Wastl. »Und nachher?«
»Nachher?« Zornig schaute der Stanis auf den Kameraden. »Nachher? Dös fragst no ... du? Hast denn koa Bluat mehr ein? Koa G'fühl und koa Herz mehr? Reißen müasset's di ... kimmt mir für ... an alle Knochen und an alle Muskeln! Woaßt nit, daß dei' Bua iatz a Lump ist? Begreifst es nit, daß er erst a richtiger werd', bald's ihn wieder außerlassen? A Zuchthäusler ... so oaner wia du ... und i oaner bin ... den's alleweil antreiben wird, Schlechtes zu tun. Oaner, den sie verachten ... dahoam und in der Stadt ... oaner ...«
Mit einem wilden Schrei warf sich der Wastl über den Stanis und schmiß ihn zu Boden.
»Stad bist ... du ...« keuchte er außer sich und mit vor Zorn und Wut blutunterlaufenen Augen. »Stad ... sischt ...«
Der Stanis aber war noch immer so geschmeidig, daß er sich flink wie ein Aal aus den fest zugreifenden Händen seines Gegners entwand und dann rasch wieder auf die Füße zu stehen kam. Er war aber keineswegs empört über den Überfall, sondern ganz im Gegenteil hoch befriedigt davon. Wie ein naßgewordener Pudel schüttelte er sich die Erde von den Kleidern und sagte dann sehr ruhig und sehr zufrieden: »Ah ... ah so! Aft hast döcht no a Seel' ein ... du!«
Und trug dem Wastl nichts nach. Der Wastl hatte sich gleich wieder beruhigt und war wieder ganz kleinlaut geworden, da er sich über seinen aufbrausenden Zorn schämte. Sie gingen dann, ohne noch viel miteinander zu reden, ganz einträchtig ins Haus hinein und zur Ruhe.
Aber der Wastl schlief nicht. Konnte kein Auge zutun in dieser Nacht und mußte nur immer an den Michl denken und an die Schande, und daß der Michl nun ein Zuchthäusler wurde.
Die ganze Nacht dachte der Wastl darüber nach und auch den darauffolgenden Tag, bis es wieder gegen Abend ging und der Stanis abermals zu ihm in die Gartenecke kam.
Klar und hell hoben sich die Berge im Hintergrund des Tales von dem tiefblauen Himmel ab. In dieser einsamen Gartenecke hatte man einen herrlichen Fernblick. Der hohe Zaun verbot den Blick aufs ebene Tal ... aber weit, dem Süden zu, bauten sich die alten Bekannten des Wastls auf.
Da reckte der Berg, an dessen Lehne der Wastl das Alpl wußte, seine kecke Waldnase empor, und das winzige Hochtal, in dem der Perlmoserhof gelegen war, sah von hier aus gesehen einer frischgrünen Wiese ähnlich. Waldumsäumt und von der ragenden, schroffen Felsenwand des Berges bewacht. Und ganz putzig nahmen sich die paar Bauernhäuser aus. Dunkel und braun und die Dächer so eingeschrumpft wie Hüte, die das Gesicht verstecken sollen.
Ganz zu oberst, am Waldessaum ... das war der Perlmoserhof, und der Wastl sah mit seinen scharfen Augen ganz deutlich die Zickzacklinie des Weges, der herab zum Söllerbauer führte und noch weiter herunter gegen das Haupttal zu.
Wie oft und oft war der Wastl diesen Weg gewandert, jung und frisch und jauchzend und singend. Damals ... als er noch das ganze Leben vor sich hatte. Damals ...
Und jetzt sprach der Wastl zu dem Stanis, der schweigend und abwartend neben ihm saß ... »Hab' denkt, daß alles aus ist ...« fing er schwerfällig zu reden an ... »daß mi nia nix mehr treffen kunnt. Hab' denkt ... die Buben sein versorgt und rechtschaffene Menschen. Hab' nia nit denkt, daß oaner auf so eppas kömmen kunnt ... da bei uns herinnen!« sagte er, und dumpf und klanglos und todtraurig war seine Stimme.
»Bei uns herinnen?« Scharf frug es der Stanis. »Z'wegen was denn nachher nit bei uns herinnen, ha? Ist denn da koa Versuchung nit, ha? Ausg'rechnet bei uns herin, wo's oaner alleweil vor Augen hat, wia fein 's Leben sein könnt', wenn man Geld g'nug hat. Kann mir's leicht fürstellen, wia's den Michl anpackt hat. Ist halt no jung und dumm. Und im Hotel droben ist a fein's Leben. Sein noble Leut' dort und lassen sich nix abgehen, woaß man wohl. Woaß wohl selber, wia's mir gangen ist. Hat mi hinzochen als wia an Falter zum Liacht. Und war' nimmer a so jung g'wesen wie dei' Bua. Und mehra hab' i kennt ... dö aa alleweil aufi sein, derweil der Florl no g'lebt hat. Und koan' hat's guat tan. Koan' oanzigen. G'soffen haben's und g'spielt und g'sungen und g'tanzt. Haben die Hanswürst' abgeben für dö Fremden ... dö Tuifl ... dö verfluachten!«
Kräftig spie der Stanis auf den Erdboden des Gartens; denn nun war er in seinem Element und konnte seinem Haß, den er von jeher schon immer gegen die fremden Gäste hegte, ungehemmten Lauf lassen. Und ganz besonders war dieser Haß genährt worden, seitdem er hatte eines Fremden wegen ins Zuchthaus wandern müssen. Hartnäckig und ohne Selbsterkenntnis machte er dafür nur die Fremden verantwortlich, und jetzt, da er mit dem Wastl sprach, teilte er diese einseitige Ansicht auch diesem mit und brachte den schwerfälligen Mann zu seiner Überzeugung.
»Wann i derfet, wia i möcht' ... Wastl ...« sagte der Stanis voll ingrimmigen Hasses ... »woaßt, was i tat'?«
Wortlos und ohne Verständnis schaute ihm der Wastl in die unruhig flackernden Augen.
»Anzünden tat' i die Bud'n da droben ... dö verdammte ...« flüsterte der Stanis mit heiserer Stimme. »Alles müsset verbrennen ... nix mehr derfet man sechen davon. Damit koa Schaden mehr kömmen könnt' ... von denen da oben.« Er ballte ingrimmig die dürren, knochigen Fäuste in der Richtung des kleines Hochtales, auf dessen anderer Seite er das große Fremdenhotel wußte. »Grad' wegen dö ist alles kömmen. Wegen dö alloan. War'n wir blieb'n, wia wir amerst g'wesen sein ... hatten wir nix Bess'res kennen g'lernt ... aft warst du mit dein' Weib no alleweil a Bauer in der Gungl drein. Moanst nit aa, Wastl?«
Der Wastl sagte kein Wort zur Erwiderung, und der Stanis wußte nicht recht, ob er seinen Haß begriffen und seine Rede auch aufgefaßt hatte.
Er saß noch lange ... lange Stunden in seinem Winkel im Garten, der Wastl, auch noch, nachdem ihn der Stanis verlassen hatte. Er saß und starrte in weite Ferne, hinüber zum Hochtal und zum Perlmoserhof. Aber sein Blick war nicht leer, und die dunklen Augen leuchteten wie seit langem nicht mehr.
Tagelang wurde der Wastl den bösen Gedanken nicht los. Er verfolgte ihn bei Tag und Nacht und weckte ihn aus unruhigem Schlummer. Immer nur der eine Gedanke ... die Rede des Stanis ... sein wilder, unbändiger Haß und dessen Ursache.
Sollte der Stanis recht haben? Hatten diese fremdländischen Neuerungen das Unglück in seine Heimat gebracht? Und wieder besprach er's mit dem Stanis ... lange und eingehend, bis es ihm zur fixen Idee wurde.
Dann wieder kam der Zweifel in seine Seele und eine Unruhe, und er kämpfte gegen das Böse, das Macht zu werden begann in seinem Herzen. Er zwang ihn nieder ... den bösen, gewaltsamen Gedanken. Bezwang ihn, bis er triumphierend wieder aufs neue erstand.
Wenn der Wastl jetzt in seinem Gartenwinkel saß, so brachte ihm der Blick in die nahen Heimatsberge keine Ruhe mehr und keine Zufriedenheit. Er sah mit Angst hinüber in die Gegend des kleinen Hochtals ... mit Angst und nagender Unruhe.
Da drüben ... auf der andern Seite des kleinen Jochberges ... da war das Dörfl, und in diesem wohnte sein Ältester. Sollte ein tüchtiger Bauer sein, der Martl, hatte ihn der Anderl immer wieder gelobt. Ob das aber auch Tatsache war? Der Anderl hatte es ihm ja auch verschwiegen, daß der Michl ein Lump geworden war und der Lois fern und verschollen lebte in fremden Landen. Jetzt hatte er es ja alles erfahren, haarklein und genau erfahren, der Wastl. Und jetzt traute er dem Anderl auch nicht mehr, wenn er den Martl lobte. Ob der wirklich ein ehrlicher Bauer war oder auch schon hinaufging in das große Gasthaus und dort zum Lump wurde?
Er konnte oft gar nicht mehr stille sitzen, der alte Mann, wenn ihn die Angst um den Martl anpackte. Mußte immer umhergehen, immer auf und ab und seine Gedanken niederkämpfen ... seine bösen Gedanken ...
Waren sie böse? Wirklich böse? Der Stanis sagte, es wäre eine Wohltat für das ganze Tal, wenn die Lahn käme oder ein Blitz einschlüge und alles da droben zugrunde richten würde ... Dann wäre die Luft erst wieder rein ... so köstlich und unschuldsvoll wie damals, als da droben nur grüne Wiesen waren und ganz vereinzelt kleine Felsblöcke darin umherlagerten.
Und wenn das wirklich eine Wohltat war fürs ganze Tal, weshalb führte der Stanis den Plan nicht aus? Hatte es doch ganz genau und haarklein ausgeheckt ... wie's gemacht werden müßte ... damit alles da droben ... das alte und das neue Haus und was noch dazu entstanden war ... von Grund aus vernichtet würde.
War ein gescheiter Mensch, der Stanis! Schade, daß er so feig war und sich immer betrank! Er, der Wastl, trank jetzt nie mehr. Hatte keinen Rausch mehr gehabt, seit damals ... seitdem er die Vef wiedergesehen hatte.
Die Vef! Und immer wieder die Vef! Er konnte sie halt doch nicht vergessen, die Vef! Wie schön sie gewesen war ... wie lustig und jugendfrisch und arbeitsam ... und hatte ihm Kinder geschenkt ... drei Buben und ein Mädel ... und war dann verkommen ... war eine geworden ... eine ... wie hatte der gesagt ... der Schuft ... den er dann erwürgt hatte? ... eine Dirne ... die Vef ...
Und immer wieder die gleichen Gedanken ... immer wieder ... wie ein Mühlrad in seinem Kopf ... drehte sich im rastlosen Kampfe des Guten mit dem Bösen.
Was war gut und was böse? War er, der Wastl, auch feig wie der Stanis? Sollte er zugeben, daß auch sein letzter Bub verkam und der Versuchung unterlag? Wenn er doch nur wüßte, ob ihn der Anderl nicht anlog, ob der Martl wirklich noch ordentlich war?
Und immer größer die Unrast in der Seele des Mannes, immer größer der Zwiespalt in seinem Innern, bis er's nicht mehr aushielt und hinging und sich doch wieder betrank. Toll, wütend und sinnlos. Hatte ja Geld genug, mehr wie genug vom Kramer Veit. Konnte sich schon etliche Räusche leisten, der Wastl, und brauchte dann nicht immer nachzudenken ... Das Denken machte ihn ja noch ganz verrückt. War nichts für einen so alten, einfältigen Menschen ...
Sinnlos wie ein Tier war der Wastl besoffen. Und kehrte dann auch nicht zurück ins Siechenhaus, sondern verkroch sich in einem Heustadel außerhalb des stattlichen Dorfes. Wollte sich nicht so zeigen den Schwestern. Und wollte überhaupt nicht mehr da hinein. Zu was auch? War doch viel freier und schöner außerhalb des Spitalgartens. Konnte viel besser draußen herumwandern, der Wastl.
Es war Spätherbst, und der Stadel, in dem der Wastl für diese Nacht Unterschlupf gefunden hatte war vollgepfropft mit köstlich duftendem Heu.
Wie das gut tat, wieder einmal im Heu schlafen zu dürfen! Völlig gesund konnte einen der Duft machen. Und ganz ernüchtert war der Wastl mit einem Male und gar nicht mehr betrunken. Wühlte sich in das weiche Heubett ein, tief und wohlig, und schlief.
Und andern Tags schlich er sich heimlich aus dem Stadel, schaute umher, ob ihn wohl niemand sähe. Wollte nicht mehr zurück ins Siechenhaus, sondern fort ... tiefer ins Tal hinein ... und noch einmal den Weg gehen, den er so oft gegangen war, hinauf zum Perlmoserhof und beim Söllerbauer vorbei und dann hinüber zum Dörfl, um seinen Buben aufzusuchen, den Martl, und auch den Kramer Veit.
Fühlte sich ganz kräftig und gesund genug zum gehen, der Wastl. So eine Nacht im Heu kann Wunder tun. Macht einen völlig wieder jung. Und schnell brauchte er ja nicht zu gehen. Hatte Zeit genug, der Wastl, und auch Geld genug, wenn ihn hungern sollte.
Und als es Abend wurde, kehrte er in einem Gasthaus ein und aß und trank. Trank ein Viertele Rotwein um das andere, bis er abermals betrunken ward. Dann schlich er sich fort und nächtigte wieder in einem Heustadel. Am zweiten Tage aber erreichte er das Dörfl, wo der Martl war, sein Bub.
War völlig fremd geworden im Dörfl. Niemand erkannte den alten Mann. Barhäuptig, auf einen Stock gestützt, schlich der Wastl umher und merkte es nicht, daß sein Atem keuchte und die kranke Brust schmerzte. Und der Kopf war ihm dumpf und wirbelig.
Machte am kleinen Gottesacker halt, der Wastl, und betete am Grabe seines Kindes ein Vaterunser und ging dann in die Kirche. Er getraute sich nicht zum Kramer Veit und wagte es auch nicht, seinen Buben aufzusuchen. Wollte warten, bis es dunkel geworden war und dann heimlich durch die Fenster schauen, um den Martl zu sehen.
Dauerte recht lange bis zum Abend, und der Wastl hatte Hunger und Durst. Argen Durst, und die Kehle brannte ihm. Konnte nicht so lange warten bis zum Abend, sondern mußte den Durst löschen gehen, denn er hatte viel Geld. Geld genug, wenigstens für diese eine Nacht, und morgen würde dann schon der Kramer Veit für ihn sorgen. Morgen ...
Langsam, müde und geduckt kroch der Wastl, mehr als er ging, den Berg zu dem großen Hotel hinan.
Es war noch viel feiner jetzt hier oben, so erschien es wenigstens dem Wastl, als wie es seinerzeit unter dem Florl gewesen war.
Beinahe hätte ihm der Mut gefehlt zum hineingehen. So fein und nobel sah es von draußen aus. Heller Lichtschein überall ... gerade so wie in den großen Städten, wo sie gesungen hatten ... zuerst er und die Vef und dann die Vef allein. Das war damals ... ehe sie eine ...
Er wollte das Wort nicht zu Ende denken. Durst hatte er, nur Durst und keinen Hunger mehr.
Trinken ... nur trinken ...
Mißtrauisch und argwöhnisch und sehr von oben herab besah sich die Kellnerin den alten, geduckten Mann in den ärmlichen Kleidern, ehe sie seinen Auftrag entgegennahm. Ob der wohl zahlen konnte? Und als sie ihm dann doch mit herablassender Miene die Halbe Rotwein hinstellte, da forderte sie ihm gleich das Geld dafür ab.
Der Wastl zahlte gelassen und gab ein nobles Trinkgeld. Und trank. Saß allein in der großen Glasveranda an einem blühweiß gedeckten Tische und trank. Trank ... wie ein Verdurstender und stierte hinaus in die einfallende Dämmerung des Herbstabends. Sah mit matten, verschwommenen Blicken die dunklen Wälder jenseits der drei Hochtäler, sah, wie sie sich schwarz und düster und gewaltig aufbauten, und hörte das majestätische Rauschen des nun einsetzenden Abendwindes. Er kam von drüben her ... dort, wo schon ganz im grauen Dämmer die Gungl lag.
Und der Wastl trank ... trank und bezahlte gewissenhaft und sehr ruhig alles, was man von ihm forderte. Bis er kein Geld mehr hatte und man ihn gehen hieß.
Er wollte aber nicht gehen, der Wastl, wollte hier sitzen und noch mehr trinken. Und noch einmal hieß man ihn gehen, und der Hausknecht kam und stand in nächster Nähe des Wirtes, bereit, den lästigen Gast an die Luft zu befördern.
Es war ziemlich leer in dem großen Gasthof; denn Zeit und Stunde waren spät. Die wenigen, die noch vereinzelt herumsaßen, machten empörte und angewiderte Gesichter. Den Wirt packte der Zorn, als ihm der Wastl so hartnäckigen Widerstand entgegenstellte. Gereizt wendete er sich an die Kellnerin.
»Und überhaupt ... solches Gesindel gehört doch nicht hier herein!« sagte er scharf. »Das hätten Sie wissen müssen!«
»Gesindel!« Heiß stieg dem Wastl der Schimpf ins Gesicht und ernüchterte ihn etwas. »Gesindel!« Er ... der Wastl ... ein Bauer ... einer, der ins Tal herein gehörte ... hier aufgewachsen war und kein Fremder!
»Gesindel!« Schwerfällig und trunken griff der alte Mann nach seinem Stock, um ihn dem fremden Wirt ins Gesicht zu schlagen. Die Bewegung wirkte komisch, so daß die Kellnerin und auch der Wirt unwillkürlich lachen mußten, und ohne jede Mühe entledigte sich der Hausknecht seines Amtes. Schob den Wastl, wie der Metzger ein widerspenstiges Kalb vor sich her schiebt, einfach zur Tür hinaus und verriegelte sie von innen. Und drinnen im Haus lachten sie über ihn ... roh und unbarmherzig. Lachten ihn aus, den Wastl ... er hörte ihr Lachen, wie es laut und höhnisch ihm nachklang.
»Gesindel!«
Wer war hier Gesindel? Er oder die da drinnen? Den Michl, seinen Jüngsten, hatte doch der Gendarm von hier herausgeholt, erzählte der Stanis. »Gesindel!«
In dunkler Nacht stand der Wastl vor dem großen Haus und hob drohend den Stock. »Gesindel!« wiederholte er leise und ingrimmig mit den Zähnen knirschend. »Gesindel!« Der da drinnen ... der Fremde ... der hatte kein Recht, ihn das zu heißen. Wußte nichts von ihm ... wußte nicht, daß er im Zuchthaus gesessen hatte ... wußte nicht, daß die Vef ...
Und wieder dachte der Wastl den Gedanken nicht zu Ende.
»Gesindel!« hatte der fremde Mann gesagt. »Gesindel!« Er kam nicht los von dem Wort und wiederholte es immer und immer wieder.
Langsam und scheu umschlich der Wastl in dunkler Nacht den großen Bau. Halb betrunken und halb wirbelig im Kopf. Denn nun mußte er wieder zu denken anfangen, der Wastl. Wie ein Mühlrad drehten sich die Gedanken in seinem Kopf.