Part 18
Ganz scheu verkroch sich der Wastl in eine Ecke des Lokales. Es war ein gemütlicher, nicht sehr großer Raum, und die Gäste wurden von einer einzigen Kellnerin bedient. Dick lag der Tabaksqualm über dem rauchgeschwärzten Getäfel der Stube, und matt leuchteten die Lampen, die von der Überdecke herabhingen. Große und kleinere runde Tische standen umher, und grellrote Vorhänge verdeckten die Fensterscheiben und wehrten den Ausblick auf die schmale Gasse.
Es gab guten Wein hier drinnen, echten Traminer und Kaltererseewein, und das Lokal war besser als jene Wirtschaften, in denen der Wastl für gewöhnlich zu verkehren pflegte.
Mit einem Kameraden war der Wastl hierhergekommen, und die Vef hatte ihn nicht bemerkt. Unverwandt starrte der Wastl zu der Fensternische hinüber, wo die Vef saß und spielte.
Und dann sang sie Lieder ... Lieder, die sie in der Heimat schon gesungen hatte. Dem Wastl war es, als seien die Jahre seit damals verschwunden ... als überbrückte die Gegenwart alles Böse der Vergangenheit.
Wie in einem Traum saß er da, trank nichts und sprach nichts und lauschte nur. Schloß die Augen und ließ die Stimme seiner Frau auf sich wirken.
Er hörte es wohl, daß der Schmelz dieser Stimme geschwunden war, und trotzdem übte sie auf ihn doch die gleiche Zauberkraft aus wie damals, als sie so seltsam berückend, süß und innig erklungen hatte. Und so sehr war der Wastl diesem Zauber verfallen, daß er es gar nicht bemerkte, wie die Vef mit ihrem Lied zu Ende war. Saß da und schloß die Augen und träumte im Wachen.
»Du ...« Sein Kamerad, der ihm zur Seite saß, stieß ihn unsanft mit dem Ellenbogen in die Rippen. »Zum schlafen hab' i di weiter nit mit da einer g'nommen. Geh' halt hoam, wann's dir nit g'fallt!« fügte er geärgert hinzu.
Er war ein älterer Mann, derb und ungeschlacht in seinem Äußeren und von gedrungener Gestalt. Der rötliche Bart stand ihm wirr im Gesicht, und buschige rotblonde Brauen verdeckten zum großen Teil die dunkeln Augen. Seit einiger Zeit arbeiteten sie gemeinsam in einer Zimmermannswerkstätte und wußten nur wenig voneinander. Vertrugen sich gut, waren aber keine Freunde.
Jedenfalls ahnte der Mann nicht, daß die Sängerin die Frau des Wastl war. Sie nannten sich beide nur bei den Vornamen und kannten gegenseitig nicht einmal ihre Familiennamen. Daß der Wastl, den der Mann in seiner Gutmütigkeit aufgefordert hatte, mit hierher zu kommen, jetzt gar zu schlafen anfing, das ärgerte ihn ganz gewaltig, und er schämte sich für ihn.
Der Wastl schrak bei den Worten des Mannes jäh zusammen. Und starrte hinüber zu der Fensternische, aber das Lied war verklungen, und die Vef war aufgestanden und schritt nun langsam, den Teller in ihren Händen haltend, von Tisch zu Tisch.
Sie mußte nun gleich in seiner Nähe sein. Schon war sie am Nebentische, und der Wastl hörte das Klingen der Münzen auf dem Teller und hörte, wie sie mit gedämpfter Stimme sich für die Gaben bedankte. Und sein Herz klopfte laut, und seine Schläfen hämmerten.
Jetzt ... jetzt mußte sie hinter ihm stehen ... er fühlte es förmlich, wie sie hinter ihm stand ... glaubte den Hauch ihres Atems zu spüren ... Ob sie ihn wohl erkannte ... ob sie sich noch vor ihm grauste ... wie damals ...
Und abermals weckte ihn sein Nachbar aus dem aufgeregten Gedankengang, indem er ihn unwillig anstieß.
»Du ... wird's bald? Ha? Freigebig bist ja grad' aa nit!« sagte er ärgerlich.
Da zog der Wastl, ohne auf die Vef zu schauen, schwerfällig und umständlich seine Geldbörse aus der Tasche und entnahm derselben ein großes Geldstück Das größte, das er finden konnte. Und er legte es auf den Teller der Vef, und seine Hand zitterte stark.
Klirrend rollte das Stück auf dem Teller umher, so daß es beinahe zu Boden gefallen wäre. Die Vef beugte sich nach vorn, um es zu fangen, und der Wastl starrte hilflos und erschrocken zu ihr empor. Da begegneten sich ihre Augen zum ersten Male wieder.
Ein Zittern und Beben ging durch den Körper der Frau und ein tiefes Erschrecken, und klirrend brach der Teller, den sie fallen ließ, in viele Scherben ...
Sie hatten kein Wort miteinander gewechselt, der Wastl und die Vef. Nicht an jenem Abend und nicht an den Abenden, die diesem einen folgten.
Der Wastl fehlte nun nie mehr in dieser Weinschenke. Kam und lauschte voll stiller Andacht der Stimme seiner Frau und blieb immer nüchtern. Und wenn sie Geld einsammelte, dann hatte er das größte Stück, das er besaß, für sie bereit. Und mit abgewendetem Gesichte stand die Vef da und dankte ihm mit keinem Wort und keinem Blick. Und war doch innerlich froh, daß der Wastl in ihrer Nähe weilte, fühlte sich geborgen und von seiner Treue behütet; denn sie wußte, der würde, wenn es zum letzten kam mit ihr, sie nicht verlassen.
Der Wastl aber konnte den Mut nicht finden, sich seiner Frau zu nähern. Er litt nur immer unter der einen Vorstellung, daß er die Frau einmal gezüchtigt hatte, roh und brutal, und schämte sich dessen.
Das dauerte Wochen hindurch, und die Vef spielte und sang unermüdlich und an jedem Abend.
Und einmal kam ein Fremder in die Schenke. Ein reisender Handwerker, der vom Ausland in die Stadt gekommen war. Der Wein mundete ihm vorzüglich, und er trank mehr, als ihm gut tat. Er hörte die Lieder der Vef und hörte das Spiel der Zither, und alles war ihm ungewohnt und gefiel ihm ausnehmend wohl. Und da er viel Geld bei sich hatte und sich einen recht vergnügten Abend machen wollte, warf er es der Vef achtlos und in reichlicher Menge zu und hieß sie im herrischen Ton weitersingen, als sie zur gewohnten Stunde Schluß machen wollte.
»Sing' ... Alte!« rief er aufgeregt und polternd. »Sing'! Ich will's!« Und abermals warf er ihr Geld zu ... brutal ... wie man einem Tier einen Brocken Fleisch zuwirft.
Das ärgerte die Frau, und sie schob das Geld, ohne es zu berühren, beiseite und packte ruhig und schweigend ihre Zither ein.
»Willst nicht ... was?« rief der Fremde dröhnend und schaukelte sich auf seinem Sessel herausfordernd hin und her. Er war ein Mann in mittleren Jahren, klein und schwammig, und sein kahler Kopf glühte brennrot vom ungewohnten Weingenuß. »Da ... noch mehr?« Und abermals flog ein Geldstück zur Vef hinüber, die es nicht beachtete.
»Hast wohl den Liebsten daheim? Wie?« gröhlte er zynisch.
Zornig schaute die Frau auf. Dann nahm sie schweigend ihren Hut und Mantel und wollte an dem Fremden vorüber der Türe zu gehen. Der Fremde stellte sich ihr mit seinem Stuhl in den Weg.
»Na ... wart' nur!« rief er polternd. »Erst will ich dich mal richtig besehen ...« Er streckte ihr unversehens die Beine entgegen, so daß die Vef zu stolpern kam und ihm, das Gleichgewicht verlierend, im Arme lag. Der Fremde wieherte laut und trunken.
»Ha! Ha! Ha! Ha! So eine biste! So leicht machst du's einem?« gröhlte er. »Na ... was kostet die Nacht, Schätzchen?«
Sie waren schon alle aufmerksam geworden auf die beiden, und eine lautlose Stille war entstanden, so daß man jedes Wort deutlich vernehmen konnte.
Und viele kicherten dann und stießen sich an, und wieder andere munterten den Fremden zu weiteren Dreistigkeiten auf.
Eine fahle Blässe, die man trotz der Schminke sehen konnte, überzog das Gesicht der Vef. Ihr alter Stolz erwachte. Beschimpfen, sich öffentlich zur Dirne stempeln lassen, das ließ sie sich denn doch nicht bieten. Und mit einem Anflug ihrer alten ehemaligen Energie hieb sie dem Fremden eine so kräftige Ohrfeige herunter, daß es laut schallte.
»Auslassen!« fauchte sie zornig gleich einer Wildkatze. »Auslassen!«
»Nee ... nee ... Schätzchen ...« Der Fremde hielt sie fest mit der Hand gepackt und wollte sie gewaltsam an sich pressen.
Unvermutet und mit einem jähen Satz war der Wastl der Vef beigesprungen und hielt den Fremden von rückwärts fest umklammert, so daß sich dieser nicht mehr rühren konnte.
»Heda! Sie!« Der Fremde wandte sich erstaunt dem Wastl zu und glotzte ihm zornig ins Gesicht. »Was fällt Ihnen ein, Mann? Wollen wohl gar mit mir kämpfen? Was? Wegen so einer ... Brrr!« Und er schüttelte sich wie im Ekel.
Dem Wastl stieg das Blut schwer und heiß zu Kopf vor Wut und unbändigem Zorn. »Was hast g'sagt?« keuchte er und beugte sich drohend zu dem Fremden vor, so daß diesem sein Atem glühheiß ins Gesicht schlug.
»Sie sind ja betrunken, Mensch!« wollte der Fremde jetzt den Wastl begütigen. »Machen Sie, daß Sie fortkommen! So 'ne Dirne ist das doch nicht wert, daß wir Streit miteinander anfangen.«
»Dös nimmst z'ruck ... du!« keuchte der Wastl und ballte beide Fäuste. »Dös nimmst z'ruck!«
»Nischt nehm' ich zurück!« schrie der Fremde jetzt gleichfalls zornig gemacht. »Könnt' mir einfallen Wegen so 'ner alten Vettel!« höhnte er verächtlich.
»Du!«
Wie ein Rasender hatte sich der Wastl über den Fremden geworfen und würgte ihn.
»Du ... z'rucknehmen ... du ...« keuchte er sinnlos vor Wut. »Die Vef ...«
»'ne Dirne ist's!« schrie der andere zornig. »Sieht ja 'n jeder!«
Da packte ihn der Wastl am Halse und preßte ihm die Kehle zusammen. Hatte Kräfte, der Mann, und ließ nicht los von seinem Opfer. Sie schrien und riefen um Hilfe und wollten ihn gewaltsam von dem Fremden trennen. Aber der Wastl war stärker in seiner rasenden Wut wie sie alle. Hatte sich auf die Brust des unter ihm Liegenden gekniet und würgte ihn.
Als sie endlich über den Wastl Herr geworden waren, lag der Fremde blaurot im Gesicht am Boden ... mit stieren Augen und war tot.
Und aufgebracht und schreiend lieferten sie den Wastl, der zum Mörder geworden war, der strafenden Gerechtigkeit aus.
Die Vef schlich unbeachtet, müde und gebrochen in das Dunkel der Nacht hinaus. Schlich wie eine Verbrecherin durch die nur spärlich erleuchteten Bogengänge der Altstadt, durchwanderte die kleinen Gassen und Gäßchen, bis sie auf Umwegen zu dem breiten Fluß kam.
Dort stand sie lange und starrte auf die schwarzen Wasser des Inns. Und dräuend baute sich am andern Ufer in dem Dunkel der Nacht die Bergwand der Nordkette auf.
Weshalb noch weiter leben? Wozu?
Wenn sie doch den Mut zum Ende fände? Schwer und dumpf schlugen die Glocken vom nahen Pfarrturm die frühe Morgenstunde.
Und langsam und ganz allmählich lichtete sich das schwere Wolkengebälk, das den Himmel verdeckte, und wurde grau. Grau und freudlos.
Und ein kalter Wind wehte die welken Blätter eines frühen Herbstes von den Bäumen herab, daß sie leise raschelnd zur Erde fielen.
Da wandte sich die Frau vom Flusse ab und ging langsam und müde in der Richtung gegen die Stadt zurück.
Den Mut zum Sterben hatte sie nicht gefunden.
Siebzehntes Kapitel
Er war nun aber doch zu der Vef gekommen, der Erlöser, und ehe sie starb, hatte sie noch eine Freude.
Ein junger Priester war an das Lager der todkranken Frau getreten. Tröstend und milde, und hatte sie wieder beten gelehrt.
»I kann nimmer beten ...« klagte die Vef traurig. »Sein nur Worte ... gar nix als Worte. Haben kein' Trost und kein' Inhalt nit.«
»Aber du glaubst, Vef? Glaubst an Gottes Barmherzigkeit?« Eindringlich klangen diese Fragen und voll verstehenden Mitleids.
»Ja.«
»Und glaubst an seine Gerechtigkeit?«
»Ja.«
»Und ist dir von Herzen leid ... alles, was du Übles begangen ... alles ...«
»Ja.« Schwere Tränen fielen über die abgehärmten Wangen der Frau. »Alles.«
Und der Priester sprach die Worte des Verzeihens. Segnete die Frau und sprach sie im Namen Gottes von aller Schuld ledig.
»Hast nit noch einen Wunsch, Vef?«
Kaum merklich schüttelte die Frau ihren Kopf. »Nix mehr ...« sagte sie leise. »Bin nur mehr müd. Todmüd ...« und schloß die Augen wie zum Schlafe und hatte dabei ein friedlich seliges Lächeln.
»Nix mehr.«
»Und deine Buben ... Vef ...?«
Da schreckte das Weib zusammen. »Will sie nit sehen, Anderl!« sagte sie mit einem Anflug ihrer alten Energie. »Nit sehen. 's ist hart ... aber doch besser so ...« fügte sie leise und stockend hinzu. Und Andreas Siegwein, der Priester, achtete diesen letzten Wunsch der sterbenden Frau. Und blieb bei ihr, bis es zum letzten kam.
Und seine Nähe war ihr ein Trost und machte den Tod leicht. Denn noch einmal durchlebte die Vef in diesen allerletzten Tagen ihres Erdendaseins das, was das Schönste in ihrem Leben gewesen war. Noch einmal war sie der Heimat nahe, hörte von allen, die sie gekannt und lieb gehabt hatte, und fühlte sich wieder als die Vef vom Perlmoserhof, die sie damals gewesen war.
Sie hörte von ihren Buben, daß sie hochgewachsene, stämmige junge Männer geworden seien, die ein Heim gefunden hatten beim Kramer Veit. Und noch ein letztes Mal erstand die Heimat in ihrer ganzen einsamen und stolzen Pracht vor der sterbenden Frau. Der Perlmoserhof in dem kleinen, waldumkränzten Hochtal und hoch droben das Alpl mit seiner herrlichen Fernsicht auf die Bergspitzen und Gletscher im Hintergrund. Und dann die Gungl und das kleine halbverfallene Hüttl vom alten Göd.
»Anderl ...« Die Vef hauchte das Wort kaum hörbar, so daß der Priester sich tief über die Kranke beugen mußte, um sie zu verstehen.
»Kennst die Gungl?«
»Nein, Vef.«
Und lange keine Antwort. Mit geschlossenen Augen lag die Frau da und träumte. Träumte ihren letzten irdischen Traum. Träumte von den Schrofen und Bergmahden, von dem tobenden Wildbach und den haushohen Felsen in seinem Bett, welche die smaragdgrünen Wasser zornig brausend umspülten. Sie hörte sein brodelndes Getöse und hörte dann wieder in weiter Ferne sanftklingenden Glockenton. Es war als wie das Läuten der Schellen von weidendem Almvieh.
Das klang so weich und friedlich und brachte innere Ruhe. Und die Frau lächelte in ihrem Traum. Jetzt war's ja überwunden ... alle Unrast ... alles Böse ... und alle Sehnsucht. Nun war sie wieder in der Heimat ... sah die Heimat und fühlte ihren erquickenden Hauch ... wie wohl das tat ... so kühl und feucht ...
So sanft wie die Vef schlummerte! Andreas Siegwein hatte noch nicht viele Menschen sterben gesehen, aber er fühlte die Nähe des Todes und betete voll Inbrunst am Lager der Frau.
»Gott schenke ihr einen leichten Tod! Herr! Richte sie nicht nach Deiner Gerechtigkeit, sondern nach Deiner Barmherzigkeit!«
Kalter Schweiß stand auf der bleichen Stirn des Weibes, das die Hände wie zum Gebet gefaltet hielt und lächelte. Da entzündete der Priester das Totenlicht.
»Herr, sei ihrer armen Seele gnädig und barmherzig!« sprach er mit lauter, wohltönender Stimme.
Die Vef richtete sich noch einmal mit dem Aufgebot ihrer letzten Kräfte empor. Schaute mit ihren großen, sprechenden Augen verwundert und erschrocken in dem kleinen, einfach ausgestatteten Mietzimmer umher.
»Dort ... siegst ... die Frau ...« sagte sie stockend und wies mit matter Hand in die Richtung des Fensters, durch das der helle Schein der späten Nachmittagssonne fiel. »Siegst ... Anderl ... wie schön ... und ... leuchtet ... voll ... Gold ... und ... Sonn' ...«
Und dann starb die Vef. Ließ den Kopf wie wohlig ermattet auf das Kissen ihres Bettes zurücksinken ... seufzte und lächelte. Hatte noch einmal ihre Königin sehen dürfen, die Perlmoser Vef ... strahlend und gewaltig und voll Gold ...
Andreas Siegwein, der Priester, aber hatte, nachdem die Vef gestorben war, noch eine Pflicht zu erfüllen.
Als der Kramer Veit von dem Unglück hörte, das den Wastl zum Mörder hatte werden lassen, da war er in den Pflegesohn gedrungen. Hatte ihn gehen heißen, um dem Wastl beizustehen.
»Anderl ... geh' und sag's ihnen ... wie's gangen ist mit'n Wastl!« hatte er ihn gebeten. »Ist ja do alleweil a braver Mensch g'wesen. Mußt'n beistehen ... dem Wastl.« Die Stimme des alten Mannes, der nun zum Greise geworden war, bebte vor innerer Erregung.
Daß das hatte kommen müssen ... Dazu hatte kommen müssen ... Wie ein Unglück war es dem Kramer, das ihn selber betroffen hatte.
Und keinen wärmeren Fürsprecher hätte der Wastl finden können wie diesen jungen Priester. Vor den Richtern des Volkes, die zu Gericht saßen über den Sebastian Hagspiel, sprach Andreas Siegwein und schilderte den Mann, wie er ihn kannte. Schilderte seine Treue und große Liebe zu seinem Weibe und schilderte sein Glück und Unglück. Und die Richter verhängten die mildeste Strafe über den Wastl, die nur zulässig war.
Und war doch eine jahrelange Zuchthausstrafe und hat den Mann an Seele und Leib gebrochen. Trotzdem er schon nach wenigen Jahren begnadigt wurde, kam er als ein kranker Mann in das Siechenhaus seines Heimatstales zurück.
Oft hatte Andreas Siegwein, der Priester, den Gefangenen aufgesucht. Hatte ihn getröstet und zur Reue ermahnt. Aber die Reue für seine Tat fehlte dem Wastl.
»Gib dir koa Müh' nit, Anderl ...« hatte der Wastl immer wieder erklärt, ruhig und schwerfällig, wie es seine Art war. »I tat's no amal. Und i hab's tun ~müassen~. 's ist gleich iatz!« fügte er dann traurig hinzu.
Daß die Vef schon bald nach jener Tat gestorben war, das hatte der Priester dem Wastl erzählt. Und ruhig und sehr gefaßt hatte ihm der Mann zugehört. Es war, als empfände er den Tod seiner Frau wie eine Erlösung. Er sprach nie über sie und war überhaupt noch schweigsamer wie zuvor. Stierte nur immer so vor sich hin und redete und deutete nichts.
Andreas Siegwein, der Priester, tat alles, was in seinen Kräften stand, um dem Wastl zu helfen. Seinen Bemühungen war es in erster Linie zu verdanken, daß der Wastl anläßlich einer Amnestie schon nach wenigen Jahren wieder auf freien Fuß gesetzt wurde.
Und dann brachte er ihn in das Siechenhaus, das gleichzeitig auch als Versorgungshaus diente und in dem großen, stattlichen Dorf im Tal gelegen war. Das geschah auf ausdrücklichen Wunsch des Wastls. Denn er wollte wohl in seine Heimat zurück, jedoch nicht im Dörfl selber leben, aus Rücksicht für seine Söhne. Seine Buben, das war noch der letzte Stolz und die letzte Liebe, die dem Wastl geblieben war.
Wenn der Wastl den Priester von seinen Söhnen erzählen hörte, so lauschte er, ohne ihn zu unterbrechen und beinahe andachtsvoll zu. Er sah sie im Geiste vor sich, die drei Buben, obwohl er sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte ... sah, wie sie groß und schlank und biegsam und so blond waren, wie es die Vef gewesen war. Und mußten der Mutter ähnlich schauen, die drei. Es konnte doch auch gar nicht anders sein, als daß sie brave, tüchtige und brauchbare Menschen geworden waren, die Buben. Ein Leuchten verklärte das welkgewordene Gesicht des Mannes, so oft er an seine Söhne dachte.
Andreas Siegwein aber verschwieg es dem Wastl, und er hatte es auch der Vef verschwiegen, daß mit den Buben viel Sorge in das Haus des Kramer Veit eingezogen war. Der Martl, welcher der älteste von den dreien war, der wäre schon recht gewesen. War ganz nach der Art seines Vaters geraten. Fleißig und arbeitsam und auch etwas langsam und schwerfällig von Begriff. Ein Bauer durch und durch, der nichts Schöneres kannte, als in Gottes herrlicher Natur zu schaffen und zu ackern.
Aber die beiden jüngeren Söhne des Wastl und der Vef ... mit diesen hatten die alten Kramersleute sich ihr liebes Kreuz eingetan. Hatten große Rosinen im Kopf, die beiden, und dünkten sich zu gut, um Bauern zu werden. Natürlich, sie hatten ja auch schon einige Jahre hindurch eine gute Schule besucht und wären von Rechts wegen dazu bestimmt gewesen, einmal gebildete Herren zu werden. Daß man sie dann, als sich die Eltern nicht mehr um sie bekümmert hatten, einfach der Heimatsgemeinde zustellte, das erfüllte die beiden halbwüchsigen Burschen mit Empörung.
Ein wilder Haß gegen die Eltern keimte in den jungen Seelen und vergiftete sie. Man hatte sie willkürlich aus ihrem Erdreich verpflanzt, und kaum hatten sie anderswo Wurzel gefaßt und sich ihrer veränderten Lage angepaßt, hatte man sie abermals rauh in eine neue Umwelt versetzt, ohne Rücksicht auf ihre Gefühle und ihren Geschmack.
Nun sollten sie wieder Bauern werden, jenem Stand angehören, den die Kameraden in der Schule verlacht hatten, so daß sie sich gar oftmals darob schämten. Kein Wunder, daß Haß und Groll gegen die Erzeuger ihres Lebens in ihnen wucherte, und kein Wunder, daß sie nur wenig Dank fanden für die Wohltaten der alten Kramersleute.
Sie waren von Haus aus liebe, gutherzige Burschen und wollten dem Veit und seiner Notburg nicht wehe tun. Sie gaben sich auch Mühe, den alten Leuten zu gefallen, und verletzten sie nie durch eine grobe Rede.
Aber sowohl Veit Galler wie die alte Mutter Notburg merkten es gar bald, wie es in den Herzen der beiden jungen Leute aussah. Sie mochten nicht arbeiten, nicht Knechtesdienste leisten. Hockten mürrisch herum und fühlten sich überall überflüssig.
Da brachte Veit Galler, der Krämer, sie vom Dörfl fort, hinunter ins Tal und zu einem Handwerker in die Lehre. Sollten ordentliche Arbeitsleute werden, wenn die Bauerschaft sie nicht freute. Und hatten trotzdem und zu jeder Zeit eine Heimat droben beim Kramer Veit.
Es tat aber auch das auf die Dauer kein gut. Die beiden wechselten den Meister und wechselten das Handwerk, und nichts wollte ihnen so recht gefallen. Bis das Unglück mit dem Vater kam und er zum Mörder wurde. Da zogen sie beide fort, wurden Sänger, wie es die Eltern gewesen waren, und reisten in fremden Landen herum. Und kamen dann wieder in die Heimat zurück und zogen abermals fort. Fahrende Leute ... ohne Rast und ohne Liebe zur Scholle.
Umsonst war die Fürsorge der Mutter Notburg, umsonst die Warnungen des alten Kramers. Der Lois, der ältere der beiden, blieb schließlich ganz fern. Das Predigen der alten Leute hatte er satt. Endlich war er ja alt genug, um sich das Leben nach seinem Geschmack einzurichten.
Der Michl aber war doch anhänglicher. Der blieb oft viele Monate hindurch daheim und versuchte es, so zu leben, wie es die Pflegeeltern von ihm wünschten. Dauerte aber nicht lange, das Bravsein, trotz aller guten Vorsätze. Und wenn er sich's noch so fest vornahm, seinem Bruder Martl bei der Arbeit zu helfen, so hielt er es nie länger als etliche Stunden draußen am Felde aus. Da brannte die Sonne so heiß und stach ihn und verursachte ihm Durst. Und oben in dem großen Alpenhotel, das einmal den Siegweins gehört hatte, da lockte die Freude, und da lockte der Genuß.
Und der Michl war bald mehr droben wie herunten in der Villa vom Kramer Veit. War ein gern gesehener Gast oben, ein guter Sänger, liebenswert und dazu noch bildhübsch. Hatte die Augen seiner Mutter, so strahlend und froh und voll Jugendmut und auch voll Leichtsinn. Und dieser Leichtsinn brachte ihm Verderben.
Ein paarmal schon hatte ihm der Kramer Veit aus einer bösen Sache herausgeholfen. Hatte Schulden für ihn bezahlt, die er leichtsinnig gemacht hatte, und hatte dann ernst mit dem Michl geredet.
»Bua ... auf die Weis' geht's nit. Das tut a Lump und koa ordentliches Mannsbild. Arbeit' oder geh' auf Reisen ... aber Schulden machen ... das leid' i nit!« hatte der Kramer in sehr bestimmtem Ton erklärt. War ein arges Kreuz für den alten Mann, der Michl.
Man konnte ihm nicht feind sein, dem Burschen; und wenn der Veit kein Geld mehr hergab, dann hatte halt doch die Mutter Notburg immer noch einen Groschen für den Pflegesohn. Und steckte es ihm heimlich zu.
»Aber g'wiß 's allerallerletzte Mal!« sagte dann die alte Frau schwer seufzend.
War ein recht geducktes, schlohweißes Mutterl jetzt, die Notburg, und fiel ihr schwer, etwas hinter dem Rücken ihres Mannes zu tun. Aber der Bursch erbarmte ihr halt gar zu sehr. Hatte nie Mutterliebe gekannt, der Häuter, und wär' doch so liebebedürftig gewesen. Und wie er schmeicheln konnte und so zart und weich und schön mit ihr tat. Immer wieder glaubte ihm die Notburg, wenn er ihr Besserung versprach und alle heiligen Eide schwor.
Und als dann die heimliche Kasse der alten Frau nicht mehr ausreichte, um die Schulden des jungen Mannes zu decken, verfiel er aufs Schwindeln. Wurde immer dreister und immer raffinierter und machte arge Lumpereien.
Und eines Tages holte ihn der Gendarm mitten aus einer lustigen Gesellschaft vom großen Hotel herunter und brachte ihn ins Gefängnis, das in dem Hauptort des Tales war.