Königin Heimat

Part 17

Chapter 173,933 wordsPublic domain

Und Menschenkennerin war die Zenz ebensowenig eine, wie es die Regina war. Die beiden Frauen trafen ihre Wahl in der Hauptsache nach den Empfehlungen schlauer, gewinnsüchtiger Dienstvermittlerinnen und zogen auf diese Weise Menschen in ihr Heimatstal, die besser nie dorthin gekommen wären.

Die Moral mancher dieser Leute war auf solchem Tiefstand, daß sie viel Unheil stifteten und der Kramer Veit mit Recht in immer größere Empörung geriet. Und völlig machtlos war dem allen gegenüber die Regina. Sie schwamm wie eine Ertrinkende in dem reißenden Strom des großen Unternehmens und hatte nur immer dagegen anzukämpfen, daß nicht doch noch alles zu guter Letzt in Brüche ging.

So gut sie es verstand, kämpfte sie dagegen, aber ihr Kampf war einseitig und unklug und bestand hauptsächlich darin, immer wieder die Preise für die Fremden zu erhöhen. Und dann zu knausern. Das Knausern betrieb die Regina so gründlich und so unvernünftig, daß ihren beiden Brüdern schließlich die Geduld riß und sie die geizige Frau im Stiche ließen.

Auf eigene Faust gründeten die beiden nun Unterkunftshäuser für die Fremden in einem der naheliegenden drei Hochtäler, heirateten und blieben zum Teil Bauern und zum Teil Gastwirte.

Der Kramer Veit und die Notburg hatten sich mit der Zeit gänzlich von der Regina zurückgezogen. Sie verstanden sich nicht mehr mit der Frau, die habgierig und dumm und doch wieder zu faul für rührige Arbeit war.

Auch der Anderl kam nur wenig mehr zu seiner Mutter hinauf und sie hegte auch kein Verlangen nach ihm. War nun schon ein gestandener junger Mann, der Anderl, und sah, auf den ersten Blick, dem Florl zum Sprechen ähnlich, so wie er in seiner Jugend gewesen war am Alpl droben.

Frisch und keck war der Anderl und geschmeidig von Gestalt. Und doch war es etwas ganz Eigenes um den Anderl. War ein sinnender junger Mensch, ein Träumer und Schwärmer, und hatte keine rechte Freude zur Bauerschaft und keine zum Handelsmann.

Das war das Leid des Kramer Veit und seiner Notburg. Sie wußten nicht recht, was sie mit dem Burschen machen sollten. Jetzt wäre er eigentlich in dem Alter gewesen, wo andere Burschen ans Heiraten denken. Aber der Anderl, blitzsauber wie er war, machte sich nichts aus den Mädeln. Er neckte sie wohl und scherzte mit ihnen, aber für keine einzige zeigte er ein tieferes Interesse. Und so schön wie es der Anderl gehabt hätte. Er brauchte nur zu wollen, und gleich hätte ihm der Kramer Veit die schmucke Villa übergeben.

Neben seiner Villa hatte Veit Galler schon seit etlichen Jahren einen großen Stall erbaut. Zehn Kühe standen darin, und viel Grund, Felder und Äcker ringsum hatte er erworben. Das wäre so sein Herzenswunsch gewesen. Ein richtiger Bauer sollte der Anderl werden, einer, wie es der alte Perlmoser war, der nichts Schöneres auf der Welt kannte als die Scholle, auf der er stand und arbeitete.

Der Anderl kannte freilich auch nichts Schöneres wie seine Heimat, aber er diente ihr anders, als es der Veit für ihn erwünschte. Er diente ihr mit seinem jungen, starken und sehnenden Herzen, ehrfurchtsvoll und erschaudernd vor ihrer Pracht und Größe.

Schon als er noch ein kleiner Bub war, gab es für ihn nichts Höheres, als barfüßig in Hemd und Hose draußen zu liegen im Feld, die Hände unterm Kopf und den Himmel anstarrend. Einsame Plätze suchte er aus, dort, wo selten der Fuß eines Fremden sich hinverirrte. Und lag und träumte viele ... viele Stunden. Aber die Liebe zur Bauerschaft, die fehlte ihm. Wohl arbeitete er fleißig und unablässig, aber der Veit merkte es gut, er arbeitete aus Pflichtgefühl und nur, um den Pflegeeltern Freude zu bereiten.

Der Martl, der älteste Sohn des Wastl und der Vef, hatte jetzt auch ein Heim gefunden beim Kramer Veit. Er diente dort als Knecht und war treu und fleißig.

Ein Heim für die Verlassenen und Unglücklichen war das Haus des Kramers und seiner Frau geworden. Als der Wastl sich immer mehr dem Trunke ergab und ein richtiger Lump geworden war und sich nur mehr selten in der Heimat blicken ließ und die Vef sich auch nicht mehr um ihre beiden Buben kümmerte, da brachte man die Kinder von der Stadt zurück und zum Kramer Veit.

»Veit ...« sagte der Gemeindevorsteher ... »du und dei' Weib ... ös zwoa vermögts es. Nehmt's enk an drum ... damit sie nit aa no verlottern.«

Und sie nahmen sich an um die beiden blonden Buben der Vef und waren nun in ihrem Alter mit Kindern reich gesegnet. Der Anderl und das Moidele, die das Kind der toten Mena war, und dann der Martl und seine beiden Brüder. Und alle hatten sie ein Heim und Liebe und Sorgfalt gefunden.

Daß es wirklich eine so echte christliche Nächstenliebe geben konnte, wie die alten Kramersleute sie aufbrachten?

Wenn der Anderl so stundenlang in seinen Wiesen lag und in den blauen Himmel hinein träumte, dann sinnierte er sich's aus in seinem Kopf und verglich.

Ringsum, wohin er schaute, Selbstsucht und Gier nach Geld. Gier nach Lust und Vergnügen, wie bei den fremden Leuten droben im Hause seiner Mutter. Und Sucht nach Geld und Gewinn, wie es die Bauern im Dörfl machten, die mit jedem Jahr immer schlauer und gerissener wurden. Und dann wieder hartnäckigster Eigensinn, aus übergroßer Selbstliebe entsprungen, der die Schuldlosen traf, wie drüben beim alten Perlmoser und seinem Sohn, dem Jackl. Denn die Perlmoserischen wollten nichts zu tun haben mit den arm gewordenen Verwandten und sagten sich los von den drei Buben der Vef. Und doch nur deswegen, weil der Bauernstolz des Alten zu tiefst getroffen worden war. Das konnte er nicht verzeihen, und das machte ihn hart und unchristlich.

Droben im Hotel tanzte und sang und spielte und liebte man und war voll Lebenslust und toller Freude. Und der Anderl, der zum Mann geworden war, dachte nach und verglich. Verglich aus seinem eigenen Leben; denn er kannte gar wohl die Geschichte der jungen Liebe seiner Eltern.

Damals, als seine junge Mutter mit ihm schwanger ging, als sie, ein halbes Kind, vor der Heimat und der drohenden Schande floh ... da waren sie alle hart gewesen zu dem Mädchen. Keines hätte sich ihrer angenommen, und hätten sie verderben lassen, wenn der Veit Galler nicht gewesen wäre.

Der hatte das wahre Christentum erkannt und ausgeübt. Er und die Notburg ... die schweigsame Frau mit dem tiefen Gemüte. Von ihr hatte der Knabe das Sinnieren gelernt, von ihr das Träumen und auch das gerechte Abwägen der Handlungen anderer Menschen.

Das ganze Tal hatte aus dem Unternehmen des Florian Siegwein Vorteil gezogen. Eine neue Zeit hatte er damit ins Leben gerufen, und nun, da er tot war, sprachen die Menschen übel von ihm.

Sie sprachen von seinem unverantwortlichen Leichtsinn und von seiner wilden Spekulationsgier und von den vielen Schulden, die er hinterlassen hatte, und auch davon, wie dumm und ungeschickt die Regina jetzt wirtschaftete. Und viele gab es unter ihnen, die da schadenfroh es sich an den Fingern abzählten, wie lange die Frau sich wohl noch würde halten können, ehe die Flut des Unheils über sie mit Macht hereinbrechen würde.

Sie alle waren Christen ... fromme, gläubige Christen. Wenn der Ruf der Glocken erscholl, dann eilten sie zur Kirche und falteten die Hände. Und ihre Lippen sprachen Gebete, von denen die Herzen nichts wußten. Sie beichteten und gingen zum Tische des Herrn. Und begingen doch wieder alle jene Sünden, die sie zu unterlassen gelobt hatten. Sie duldeten die lockeren Sitten der Fremden, schlossen die Augen und taten, als bemerkten sie es nicht. Denn sie erkannten den Vorteil, der ihnen durch die Fremden wurde, und waren nur darauf bedacht, ihn auch richtig auszunutzen.

Und der Anderl brütete und dachte nach. Dachte über die Ursachen, weshalb die Fremden den Charakter seines Volkes verdarben.

Der wahre Geist des Christentums fehlte ihnen allen. War nicht eingedrungen in ihre Herzen; denn sie beteten wohl, aber sie lebten nicht nach der Lehre des Herrn. Wohl wetterten und eiferten die Priester in den Kirchen gegen die Fremden. Sie eiferten aber gegen sie, weil es Andersgläubige waren ... Ketzer ... die einem fremden Glauben angehörten. In diesem Glauben sahen sie die Gefahr für das Volk, und die Gefahr lag anderswo und nicht in dem von der Geistlichkeit verurteilten ketzerischen Glauben. Die Gefahr erstand aus dem Innern des Volkes in seiner Gier nach Geld und in der Gier nach Genuß.

Christi Lehre! Wie wenige erkannten sie ... wie wenige verstanden sie.

Und der junge Anderl glaubte nun seinen wahren Beruf entdeckt zu haben. Ein Priester wollte er werden ... ein Priester des Herrn und ein wahrer Diener seines Volkes ...

Einmal sprach Veit Galler, der Kramer, davon, daß er mit dem Anderl das Grab des Florian Siegwein aufsuchen wollte, das so weit und verlassen in fernen Landen lag. Wie einen Sohn hatte Veit Galler den Florl geliebt ... trotz allem Groll, den er oftmals gegen ihn hegte. Und trauerte redlich und aufrichtig um ihn.

Es kam ihn hart an, das Reisen; denn der Kramer Veit war alt und gebrechlich geworden. Und die Notburg machte ängstliche, besorgte Augen. Der Veit aber wußte sie zu trösten.

Es war ja, wie man erzählte, nun nicht mehr so beschwerlich, das Reisen. An vielen Orten hatten sie eine neue Erfindung eingeführt. Wagen, die auf Eisenschienen rollten und von einer Maschine gezogen wurden. Da ging's schon leichter und auch rascher, das Reisen ...

Und als die schöne Jahreszeit kam, da wanderte der Kramer Veit mit seinem Pflegesohn hinunter ins Tal. Ging schon recht nach vorne gebeugt, der Veit, und nicht mehr so wuchtig und selbstherrlich wie einst. Und neben ihm der junge Anderl, schlank und biegsam und voll Jugendkraft. Und hatte im Rucksack drinnen eine sonderliche Gabe für den toten Vater. Einen großen Topf voll Heimaterde und ein junges Fichtenbäuml. Das sollte Wache halten auf dem Grabe des Tirolers ...

Auf dieser langen Fahrt, die sie gemeinsam unternommen hatten, gestand der Anderl dem Kramer Veit den heißen Wunsch seines Lebens.

Und Veit Galler neigte sein schneeweißes Haupt und redete lange kein Wort. Und dann: »Ist mir recht, Anderl. Und wird der Muatter Notburg aa recht sein. Ist was Gutes und Braves. Aber Anderl ...« voll schauten die großen erkennenden Augen des Alten auf den jungen Mann ... »die Menschen machst aa du nit anders. Kannst mir's glauben. Die bleiben, wie sie sein. Aber lass' di's deswegen nit verdrießen, Bua. Gutes tun kann man überall ... und aa als Bauer und als Geistlicher. Ist mir recht ... Bua ... Ganz recht.«

Aber lieber wäre es dem alten Kramer doch gewesen, wenn der Anderl geheiratet hätte und ein Bauer geblieben wäre. Aber er sagte kein Wort davon. -- -- --

Und nun hausten sie daheim schon übers Jahr ohne den Anderl, und die Notburg freute sich, daß ihr die Augen feucht wurden, wenn sie daran dachte, daß ihr Anderl ... ihr Kind ... das sie aufgezogen hatte und das so ganz nach ihrem Sinn geworden war ... die heiligen Weihen empfangen sollte.

Die Regina nahm die Nachricht von der Berufswahl ihres Sohnes ziemlich gleichgültig entgegen. Es interessierte sie nur wenig. Sie war mürbe geworden in dem harten Kampf um ihre und ihrer Tochter Existenz. -- -- --

Und Jahre vergingen. In jenem Sommer, da man den Anderl zum Priester weihte, trieben die Gläubiger die Regina und ihre Tochter von Haus und Hof.

Ein wahres Glück, daß der Veit Galler noch lebte und die Notburg. Denn die Regina war bettelarm geworden.

Sechzehntes Kapitel

Die reisenden Tiroler Sänger waren nach dem Tode des Florian Siegwein nach allen Windrichtungen hin zerstreut worden. Eine Zeit hindurch leitete zwar die Vef die kleine Truppe, aber sie verstand diese Sache genau so schlecht, wie die Regina die Führung daheim loshatte.

Kein halbes Jahr dauerte die Herrlichkeit, und die ganze Truppe hatte sich aufgelöst. Und neue Gesellschaften schossen auf wie Pilze im Wald. Reisten mit Erfolg und auch ohne Erfolg, aber jene Höhe des Ansehens, die der Florian Siegwein einmal errungen hatte, war niemandem mehr von ihnen beschieden.

Mit der Vef aber ging es von dieser Zeit an immer mehr abwärts. Jenem tollen Sinnestaumel, dem sie sich hingegeben hatte, folgte der Ekel und Abscheu der Übersättigten. Sie war unfroh und unglückselig geworden und verfluchte sich und ihr ganzes Leben.

Und jetzt nach dem Tode des Florian Siegwein trat die Sorge um ihre Zukunft immer drohender an sie heran. Eine Zeit, nachdem die Gesellschaft, die sie zu führen versucht hatte, in Brüche gegangen war, lebte die Vef ganz nach ihrem Geschmack. Und fühlte sich frei und aller Fesseln ledig. Bis der Überdruß begann und die Not dräuend vor ihr stand.

Da sank sie zur Dirne herab, liebte ohne innere Neigung und ließ sich erhalten. Sie wechselte die Männer wie die Kleider, halb aus ungezähmter Sinnenlust und teilweise aus Berechnung. Bis sie erkannte, daß diese Art von Leben sie vollends an den Abgrund bringen würde. Da machte die Vef eine innere Wandlung durch. Raffte den letzten Rest ihres besseren Menschen mit einem Anflug ihrer alten Energie zusammen und versuchte es noch einmal, ein anderer Mensch zu werden.

Aber es war zu spät für sie geworden. An Seele und Leib war das Weib gebrochen, und ihre weiche, volle Stimme, die so edel geklungen hatte wie Metall, war rauh und hart geworden. Mit Mühe und Not konnte die Vef noch eine Stellung als Sängerin erreichen.

Der Simeringer Franz nahm sie halb aus Mitleid in seine Truppe auf. Schließlich hatte die Vef ja einmal einen großen Ruf besessen und konnte mit ihrem Namen noch als Lockvogel gelten. Das Publikum, vor dem sie nun in minderen Lokalen zu singen hatte, gröhlte ihr freudig zu und überschüttete sie mit Beifall. Und lächelnd dankte die Frau und litt doch schwer unter ihrem gedemütigten Stolz.

Eine welke, früh gealterte Frau war die Vef geworden und trug den Keim eines schweren Siechtums in sich. Sie wußte und fühlte es genau, wie es um sie bestellt war, und sehnte in manchen bangen Stunden den Erlöser Tod herbei. Aber der Tod kommt nicht, wenn er als Erlöser dienen soll. Läßt sich Zeit denn sein Opfer ist ihm sicher.

Der Glaube, in dem die Vef aufgewachsen war, verbot den Selbstmord. Und inmitten ihres Unglücks hatte die Frau diesen Glauben nicht vergessen und war wieder gläubig geworden. Sie fürchtete sich vor dem, was nach dem Tode kommen würde, und ertrug ein Leben, das ihr mit jedem Tage nur zur vermehrten Qual wurde.

Von stolzer Höhe war sie herabgesunken, mußte froh sein, daß man sie vor einem anmaßenden, frechen Publikum singen ließ, mußte lachen und scherzen und schamlose Witze erdulden. Und heiß brannte ihr der Kopf, und der Rest eines Stolzes, der ihr immer noch geblieben war, empörte sich in ihr. Ganz war sie denn doch noch nicht zur Dirne geworden. Hatte noch Scham in sich trotz allem.

Die Reue kam ... die Reue über ihr verfehltes Leben, das sie allein verschuldet hatte. Wie anders ... ganz anders hätte es doch für sie kommen können! Nur nicht daran denken ... nicht an das Vergangene denken! Nicht an die Heimat und nicht an ihr stilles Glück in der Gungl ... das einmal so jauchzend groß und so rein gewesen war ... nicht an den Wastl, ihren Gatten, und nicht an die Kinder.

Die Kinder ... ihre blonden Buben ... Jetzt nach den langen Jahren einer selbstgewollten Trennung überkam sie oft eine brennende Sehnsucht nach ihren Kindern und auch nach dem Wastl.

Nie mehr wieder war er ihr nach jener Züchtigung in den Weg getreten. Aber die Vef hatte gehört, daß er ein Säufer geworden war und arg verkommen sei.

Eine Verworfene war sie geworden ... ausgestoßen von allem, was ihr einstmals heilig war, und mußte tot sein für die Ihren.

Der Göd ... der Alte in der Gungl ... der kam ihr in einsamen Stunden auch öfters in den Sinn ... Was der wohl sagen würde ... wenn er sie jetzt so sehen könnte? Hatte große Stücke auf sie gehalten, der Göd ... Warum sie wohl in letzter Zeit so häufig an den Alten denken mußte? Und auch an das Tonele, ihr kleines, verlassenes Töchterchen, das so früh hatte sterben müssen! ... Müssen? ... Dürfen! ... Die Vef wäre froh gewesen, wenn sie an Stelle ihres Kindes zu tiefst unter der Erde hätte liegen dürfen ...

Auch die Schminke vermochte den raschen Verfall ihrer körperlichen Schönheit nicht mehr zu verdecken. Hohläugig war sie nun geworden, und ihr strahlendes, sonniges Lachen war für immer geschwunden. Dickes, aufdringliches Rot milderte die fahle Blässe ihrer eingefallenen Wangen, und um den vollen, sinnlichen Mund, der so glühheiß und versengend zu küssen verstanden hatte, gruben sich tiefe Falten des Leides ein.

In diesen Zeiten innerer Wandlung tat die Vef etwas, das sie lange ... endlos lange nicht mehr getan hatte. Sie suchte die Kirchen auf und murmelte Gebete. Sie besann sich auf die Gebete ihrer Jugend ... allein sie waren ihrem Gedächtnis entschwunden. Nur immer ein paar Sätze von jedem wußte sie, und an viele erinnerte sie sich überhaupt nicht mehr. Das war qualvoll und ließ keine Andacht in ihr aufkommen.

Sie besuchte die Gottesdienste ... ohne inneren Trost. Denn sie lauschte nicht den Worten des Predigers, sondern suchte in den Gesichtern des Volkes. Sie suchte nach den Spuren, die das Leben in den Gesichtern eingegraben hatte. Und verstand zu lesen. Sah viel Leid ... endloses Leid ... und sah hinter manchem andächtigen Gesicht das Laster lauern. Sah Heuchelei und Geiz und Lieblosigkeit, aber wenig Frömmigkeit.

Und angewidert verließ die Frau die überfüllten Kirchen der Städte. Sie konnten ihr keinen Trost geben, konnten ihr die Gebete ihrer Jugend nicht wiederbringen. Es war alles hohl ... öde ... und liebeleer in dem fremden, flachen Land.

Je kränker sich die Frau fühlte, desto mehr überkam sie die brennende Sehnsucht nach ihrer Heimat. Nur wieder einmal die Berge sehen ... ihre Berge ... Es kam ihr vor, als könnte die frische Bergluft alles Üble von ihr fortfegen. Als könnte sie wieder rein werden in der geheiligten Luft.

So wollte sie nicht ins Heimatstal zurück. So viel Stolz besaß sie. Man sollte sie dort nicht sehen in ihrer Schande. Ihr Land war groß und beschränkte sich nicht allein auf ihre engere Heimat. Überall ragten die gleichen Berge, überall war dieselbe herzerfrischende Alpenluft. Dorthin wollte sie gehen, wo sie unerkannt leben konnte, und wollte trachten, sich noch einmal Arbeit zu verschaffen.

Einen letzten Rest von goldenem Geschmeide besaß die Vef noch. Geschenke aus ihren besten Zeiten, da man sie mit Schmuck überhäuft hatte. Gab eine stattliche Summe ab, als sie es verkaufte. Und deckte vollauf die Reisekosten, und blieb noch was übrig, daß sie wohl eine geraume Zeit davon leben konnte. Wenn sie recht sparsam war, wohl auch ein Jahr.

Da konnte sie's schon wagen, dem Simeringer Franz zu kündigen, ehe er sie vor die Türe setzte. Denn daß er dies über kurz oder lang doch tun würde, das wußte die Vef genau.

Er war ein grober Patron, der Franz, und ohne jedes Zartgefühl. Etliche Male hatte er ihr in seinem Rausch die Kündigung schon angedroht; denn er ärgerte sich, daß die Vef alt geworden war und seinem Publikum nicht mehr recht gefallen wollte. So war's ihm denn recht, daß die Vef ihn verließ, und er kümmerte sich nicht weiter um ihr Schicksal. Sollte halt schauen, wie sie sich weiter durchbrachte, die alte Vettel!

Und sie brachte sich durch. Schlecht und recht. In Innsbruck, der Hauptstadt ihres Landes, hatte sie sich niedergelassen mit allen guten Vorsätzen. Wollte ehrliche Arbeit suchen, die Frau ... aber wer gibt einem kranken Weibe Verdienst? Und das Rackern und Schuften, wie sie es in ihrer Jugend gekannt hatte, das hatte sie auch gründlich verlernt. Wäre auch zu schwach gewesen dazu, um als Taglöhnerin zu dienen.

Etwas war ihr ja noch geblieben. Ihre Zither. Und mit dieser zog die Vef von Schenke zu Schenke und spielte auf. Sang Lieder dazu ... mit rauher, hohler Stimme, halbe Nächte lang, und verdiente sich auf diese Weise ihren Unterhalt.

Man warf ihr Geldstücke auf den Teller, wenn sie von Tisch zu Tisch absammeln ging, machte schlechte Witze und wurde oft auch dreist. Denn dieses Publikum bestand zumeist aus derben Männern. Taglöhner und Dienstmänner, die ihren Spaß haben wollten. Waren gutmütige Leute, die ihr auch etwas vergönnten und sie nicht schalten wie jene harten Menschen der Großstädte, weil sie alt und reizlos für sie geworden war.

Diese hier waren wohl derbe Männer, aber ohne Laster, und freigebig zahlten sie der Frau oft Wein und Schnaps oder Käse und Bier. Und die Vef nahm es, dankte, lächelte ihr fahles Lächeln und spielte und sang. Abend für Abend.

Bis ihr einmal der Wastl, ihr Gatte, wieder in den Weg kam.

Hatte ein recht unstetes Leben geführt, der Wastl, in all diesen Jahren. War daheim gewesen und hatte sich irgendwo als Knecht verdingt. Hielt aber nicht lange aus daheim. Mußte wieder trinken ... sein Elend zu vergessen suchen. Aber Trunkenbolde können die Bauern nicht gebrauchen.

Es fiel dem Wastl mit der Zeit schwer, einen neuen Dienst in der Heimat zu finden. So wanderte er von Ort zu Ort, arbeitete und versoff dann wieder das Geld, das er sich verdient hatte. Bis er nach Innsbruck kam. Dort wurde er Taglöhner und schuftete und rackerte sich wie in alten Zeiten und kam dann wieder ganze Tage hindurch nicht mehr aus seinem Rausch heraus.

Dann war er womöglich noch gutmütiger wie im nüchternen Zustand. Lud alle ein, die um ihn saßen, daß sie seine Gäste sein sollten, und kriegte zum Schluß immer das besoffene Elend. Heulte wie ein Kind und ließ sich dann ruhig von den Kameraden aus der Schenke führen. Und wenn das Geld zu Ende war, dann arbeitete er wieder. Das war das Leben, das der Wastl in diesen letzten Jahren geführt hatte.

Sie kannten ihn alle in den Innsbrucker Schankwirtschaften, in denen er verkehrte, und mochten ihn gut leiden.

Jemand hatte es erfahren und herumgesprochen. In einer Weinkneipe in der Altstadt spielte und sang allabendlich eine Frau, die einmal eine gefeierte Sängerin gewesen war. Und hieß Genovefa Hagspiel.

Das Gerücht kam dem Wastl zu Ohren und traf ihn wie ein Schlag.

Die Vef ... und hier ... und wieder in der Heimat.

Wie ein Kreisel wirbelte dieser Gedanke den ganzen Tag im Kopfe des Mannes.

Die Vef ... und wieder in der Heimat ... Er mußte sie sehen ... die Vef ... mußte hingehen, dort, wo sie war und spielen sollte ... Ob sie sich wohl recht verändert hatte ... die Vef ...

Endlos lange dauerte ihm heute der Tag, und er bekam völlig Herzklopfen, als es endlich Abend wurde.

Die Vef ... und wieder in der Heimat ...

Alles Leid hatte er vergessen ... vergessen, daß sie treulos war und zur Dirne herabgesunken ... dachte gar nicht daran ... dachte nur immer wieder das eine ... daß sie wieder hier war ... und in seiner Heimat weilte.

Und dann sah er sie.

Sie saß allein an einem kleinen Tische in einer Fensternische und spielte die Zither. In einem dunkeln Gewande war sie, ohne Schmuck und ohne Zier. Nur in den Ohren trug sie schwere Goldgehänge. Die wirkten auffallend und im seltsamen Kontrast zu der fast ärmlichen Kleidung der Frau und zogen an den kleinen Ohren, daß es aussah, als müßten sie ihr wehe tun.

Die Vef hatte sich von dieser allerletzten Erinnerung an eine glänzende Vergangenheit noch nicht trennen können. Der Wastl kannte diesen Schmuck sehr wohl. Er war selber dabei gewesen, als eine Fürstin, hingerissen von dem innigen Ton ihrer Stimme, eigenhändig der Vef die Ringe in den Ohren befestigte.

Sah recht elend aus, die Vef, und war mager und schmal geworden. Hatte die stolze, sieghafte Haltung völlig eingebüßt und zog ... wie im Schmerze ... die Schultern ein. Die blonde Haarkrone, die noch immer in üppiger Fülle prangte, drückte schwer auf das leidende Gesicht, und müde und mit leerem Blick schauten die hellen großen Augen.

Das war also die Vef ... seine Vef ... die er im hohen Zorn gezüchtigt hatte. Jetzt reute es ihn, da er sie so elend sah, und er schämte sich, daß er jemals die Hand gegen sie erhoben hatte.

Ob sie ihm wohl noch böse war, die Vef?