Königin Heimat

Part 13

Chapter 133,902 wordsPublic domain

»Jatz bist aber amal stad ... du ...« fuhr sie den Bauer an ... »und laßt mi aa amal a Wörtl reden.« Die Bäurin stand in der Mitte der Stube, stemmte den einen Arm in die breit ausladende Hüfte und gestikulierte, während sie sprach, aufgeregt mit der rechten Hand. »Und i moanet amal so!« sagte sie resolut. »Grad gar a so unrecht hat ja die Vef nit mit dem, was der Wastl verzählt. Siegst es wohl selber, wie wir zu fretten haben mit unserer Kutt' Kinder. Und 's Geld soll man nia nit verachten, kimmt's von woher derwill. Und gar a so g'fahlt kann dös ja weiter aa nit sein ... wenn der Mann mit sein' Weib in die Welt ziacht ... weil draußen a Geld zu holen ist. Und wenn dös wahr ist, was du sagst ...« jetzt wandte sich die Frau mit Energie an den Schwiegersohn und sah ihn herausfordernd und fast böse an ... »und ös nachher, bald's ös das Geld beinander habt's, a rechtschaffen's Güatl kauft's und wieder christliche Bauersleut' werden wollt's ... aft nimm i enk meintswegen oans oder zwoa Kinder!« erklärte sie mit Bestimmtheit. »Mehr wia zwoa kann i nit haben. Muaßt halt schaug'n, wo du sie unterbringst, die andern zwoa. Und 's allerkloanste nimm i aa nit!« sagte sie und wandte sich wieder gleichgültig ihrer Arbeit zu. »Will mein' Fried' haben bei der Nacht. Hab' g'nug Kinderg'schrei g'habt in mein' Leben ...« setzte sie bissig hinzu und schaute den Wastl dabei so böse und vorwurfsvoll an, als ob ihn eine Schuld an dieser Tatsache träfe.

Ein echtes, warmfühlendes Frauenherz war dieses derbe Bauernweib trotz ihrer scheinbaren Rauheit und ihrer groben Worte. Der Wastl war heilsfroh und vom Herzen dankbar, daß er nun wenigstens zwei seiner Kinder gut untergebracht wußte. Der Perlmoser zankte wohl noch eine Weile mit seinem Weib und schimpfte noch tüchtig über den Wastl und die Vef, schließlich aber war er doch damit einverstanden, und der Wastl machte sich daran, ein gutes Platzl für seine andern beiden Kinder zu finden.

Niemand wollte sie nehmen im Dörfl, die Kleinen, bis sich der Wastl schließlich an die zwei alten Jungfern erinnerte, die das Kind der toten Mena aufgezogen hatten. Das Moidele diente, seitdem sie ausgeschult war, bei der Notburg. Das hatte der Kramer Veit so haben wollen, und so waren die beiden alten Weibsleute wieder allein.

Zwei eingetrocknete kleine, verhutzelte Weiblein waren die beiden alten Jungfern, und man hieß sie allgemein die Kirchenmäuseln. Sie hatten nicht viel zu tun in ihrem armseligen Hüttl, und diese wenige Arbeit kam ihnen oft recht hart an. Da sie aber vom Herzen fromm und gottesfürchtig waren und nicht allein zur Kirche liefen und mit den Lippen beteten, sondern auch nach Christi Gebot zu leben strebten, handelten sie nach dem Worte des Herrn: »Und wer eines dieser Kleinen in Meinem Namen aufnimmt, der nimmt Mich auf.«

So ungelegen ihnen die kleine Einquartierung auch kam, so sagten sie doch nicht nein. Der Martl und die kleine Toni sollten also der Obhut der alten Weiblein übergeben werden ... der Martl nur so lange, bis ihn der Onkel wieder mit in die Gungl hinein nahm.

Und heute sollten die vier Kinder zu ihren Pflegeeltern geliefert werden. Ein Glück nur, daß sie so klein waren und noch nicht begriffen, um was es sich handelte. Auch der Martl verstand es nicht, daß es ein Abschied werden sollte. Er war nur freudig erregt, daß er heute mit den Eltern fortgehen durfte, hinaus ins Tal und zu den Großeltern, die er nicht kannte. Noch nie war er aus der Gungl herausgekommen, und auch bei der Vef war es lange her, seitdem sie zum letztenmal im Kirchdorf gewesen war.

Es war ein eigenes Gefühl, das die Vef beherrschte. Jetzt, da ihr Wille erfüllt war, da sie vor dem ersehnten Ziele stand, schien es fast, als hätte sie die Freude an der Sache verloren. Ohne Schmerz und ohne Traurigkeit war sie, aber sie fühlte auch keine Erlösung und keine Hoffnungsfreudigkeit in sich.

Als sie ihrem Bruder Jackl, der schon ein paar Tage zuvor das Gütl übernommen hatte, die Hand zum Abschied reichte und mit ihren Kindern in den grauen Oktobermorgen hinaustrat, als ein scharfer Wind ihr rauh und kalt ins Gesicht pfiff, da durchlief es den Körper des jungen Weibes wie Eisesschauer.

Sie mußte gewaltsam an sich halten, um nicht das Klappern ihrer Zähne, das von ihrem inneren Frost kam, hören zu lassen. Um keinen Preis wollte sie ihre Schwäche den Wastl merken lassen. Sie ~mußte~ fest bleiben und froh erscheinen, damit sein schwacher Wille sich an ihrem starken stützen konnte. Eine innere Leere löste aber dann die Kälte ab und machte sie gefühllos für alles, was um sie war.

Sie hörte es nicht, daß der kleine Bub, der ihr zur Seite lief, plapperte und neugierige Fragen tat, und sie hörte auch nicht, daß er mit weinerlicher Stimme über die Kälte zu klagen anhub, und sah nicht die blaugefrorenen Händchen des Kindes.

Je länger sie gingen, desto höher stiegen die Nebel, wurden leichter und wurden weißer. Nur oben über den jäh abfallenden Felswänden zu beiden Seiten des schluchtartigen Tales ballten sich die Wolken noch im finsteren Grau.

Mit keinem Blick hatten sie auf das Gütl zurückgeschaut, weder der Wastl noch sein Weib. Gingen vorwärts ... immer vorwärts ...

Das Kind schlief in dem Arm seiner Mutter selig und sanft und lächelte im unbewußten Traum. Aber die Vef achtete auch nicht auf den schlafenden Säugling, so wenig wie auf das trippelnde Bübl an ihrer Seite, das immer verzagter wurde und sich hilflos an der Mutter Rock klammerte.

Das Weib schaute mit leeren, glanzlosen Blicken vorwärts ... dorthin, wo ihr Mann gebückt und schwer mit seinen Kindern schritt. Sie sah ihn aber nicht, den Wastl, und sah auch nicht das kleine blonde Kinderköpfchen, das ab und zu sich von seinem hohen Lager neugierig emporstreckte. Sie sah und hörte nichts, die Vef ... und fühlte auch nichts. Schritt nur immer gleichmäßig weiter, fest und entschlossen und mit ödem Herzen.

Fast erging es dem Wastl besser wie seinem Weib. Denn er erlebte in seinem Innern wenigstens die Schwere dieser Stunde. Er fühlte das unruhige Pochen seines Herzens, fühlte die Traurigkeit des Abschieds von Heim und Kindern, fühlte die beklemmende Angst vor einem ungewissen Schicksal und fürchtete sich vor dieser Zukunft. Und wenn es auch traurig war, so war es doch ein inneres Erleben, das so stark und überwältigend wurde, daß es sich dann in schweren Tränen löste.

Der Wastl weinte ... Warm rieselten ihm die dicken Tropfen über die Wangen ... und waren wie Frühlingsregen, wohltuend und erlösend.

Auf diesem langen, schweigsam traurigen Weg überdachte der Wastl noch einmal sein ganzes Leben. So einfach wie es war, rauh und hart und doch auch schön. Ein kleines Bergbauernbübl war er gewesen, einer von vielen Kindern, und konnte noch kaum richtig lesen und schreiben, als ihm die Mutter begraben wurde.

Und deutlich war ihm in dieser Stunde jener erste heiße Schmerz seines Lebens wieder gegenwärtig. Eine hitzige Krankheit hatte die Mutter jäh dahingerafft. Etliche Tage bloß, und sie war tot. Doch ehe sie starb, rief der Vater seine Kinder in die Kammer der Mutter, damit sie Abschied von ihr nehmen konnten.

Der Wastl sah alles wieder deutlich vor seinen Augen. Bleich und abgezehrt lag die Mutter in der düsteren kleinen Kammer, welche die Kinder und den Vater kaum fassen konnte. Dumpf und stickig war die Luft. Ein Wachsstock brannte in der Nähe des Bettes, und eine alte Dirn betete laut und mit klagender Stimme. Und der Vater kniete mit seinen Kindern an dem Lager der sterbenden Frau.

Die Kinder schluchzten laut und herzzerbrechend. Und alle kamen sie, vom Größten bis zum Kleinsten, zur Mutter und baten um den Segen, den die schwache Hand kaum mehr zu geben vermochte.

Das war hart gewesen ... Viel schwerer eigentlich als das, was nachher folgte. Härter, als da man die Tote zu Grabe trug, und härter als jene Zeit, in der nach Jahresfrist die Stiefmutter ins Haus zog.

Eines nach dem andern hatten sie dann fortgemußt vom Vaterhaus. Als Kinder noch waren sie zu fremden Leuten in Dienst gekommen und hatten arbeiten müssen wie die Erwachsenen.

Wie schwer das ist für Kinder, dieser Frondienst ums tägliche Brot! Die schwachen jungen Glieder tagtäglich im Morgengrauen vom harten Strohlager erheben, wo es noch so schön gewesen wäre zu schlafen! Bei Wind und Regen und in der Kälte viele Stunden am Acker zu arbeiten, bloßfüßig und mit nackten Beinen und blaurot vor Frost; denn man war ja zu arm, um warmes Zeug zu besitzen, und auch zu arm, um sich ein zweites Paar Schuhe anzuschaffen. Und dieses eine, das man besaß, mußte man schonen für den Kirchgang am Sonntag.

Ein karger Lohn war's, der für die Leistung dieser Kinder bezahlt wurde. Kaum ausreichend im Jahr für ein neues Gewand. Und in all der Armut, all der harten Arbeit, die viel zu schwer für die weichen Muskeln der Kinder war, noch die große, brennende Sehnsucht in den jungen Herzen nach dem eigenen Heim. Diese heiße Sehnsucht, die den Wastl niemals verlassen hatte von jener Stunde an, da er aus dem Vaterhaus hatte fort müssen ... bis zu der Zeit, als er mit seiner Vef in das Gütl vom Göd eingezogen war.

Und jetzt ... Jetzt hatte er sein Heim abgebrochen, ohne Zwang und ohne innern Trieb ... nur weil sein Weib es so hatte haben wollen ...

Immer weiter entfernten sich die Wanderer von ihrer Heimat. Und immer lichter und heller wurde es um sie her, bis die Sonne siegreich und strahlend durch das Gebälke der Wolken brach und die weißen aufsteigenden Nebel im silbrigen Schimmer leuchteten.

Majestätisch war das ... dieses langsame Ansteigen der hellglänzenden Nebel ... und war wie ein Vorhang, der einen unendlich großen, herrlichen Raum zu verhüllen hatte.

Und in all der tiefen Traurigkeit seines Herzens erinnerte sich der Wastl an die Worte, die sein Weib damals zu ihm gesprochen hatte. Erinnerte sich an die Vorstellung, die ihr oft gekommen war, wenn durch die weißen aufsteigenden Wolken die Sonne sieghaft leuchtete. Wie die Vef sich in ihrem einfachen Sinn einbildete, daß hinter diesem Wolkengebälk ein schönes, glänzendes Weib sich verborgen hielte ... eine Königin ... voll Pracht und Glanz.

Eine Königin ... Und hieß Königin Heimat ... Königin Heimat ...

Leise kamen die Worte über die Lippen des Mannes.

Königin Heimat ...

Und noch einmal sprach er sie leise vor sich hin ... voll inniger Andacht ... wie ein Gebet ...

Und dann überquerte er mit schweren, aber sicheren Schritten die schmale Brücke, die über den Bach hinüberführte, und lenkte auf den Weg ein, der von der Gungl abbog und zu dem Teufelssteg hinaufging. Denn dieser Weg war kürzer. Und hinter dem Wastl folgte sein Weib mit ihren Kindern. Schweigend und mit leeren, geradeaus gerichteten Blicken und mit einem toten Herzen.

Denn alle Liebe, die sie einstmals zu der Heimat gehabt hatte, war in ihr erstorben.

Elftes Kapitel

Ein leuchtender Stern war mit Genovefa Perlmoser, verehelichter Hagspiel aufgegangen. Fast über ganz Europa leuchtete dieser Stern, und sieghaft erklang ihre herrliche weiche Frauenstimme nicht nur in den feinen Sälen der großen Städte, sondern auch vor Fürsten und Königen und Königinnen.

Florian Siegwein hatte, als er die Vef für seine kleine Gesellschaft gewann, wirklich einen Haupttreffer gemacht. Sie wurde der glänzende Stern seiner Sängerschar und verdunkelte alle, die um sie waren.

Fünf Jahre waren vergangen seit jenem traurigen Auszug aus der Gungl. Fünf Jahre! Dem Wastl erschienen sie endlos lange, und er erlebte sie wie einer, der in Verbannung schmachten mußte. Der Vef aber war es nur wie ein kurzer, rauschender Traum.

Es war staunenswert, wie diese Jahre die Vef gewandelt hatten. Ein üppig schönes Weib war sie geworden, voll Reife und hungriger Lebenslust. Ihr sonniges Wesen, ihr strahlendes Lachen und ihr urwüchsiger Humor bewirkten, daß ihr wie im Sturme alle Herzen zuflogen.

Es verehrten sie nicht nur die feinen Herren der Stadt, sondern auch hochgeborene Damen von Rang und Stand liebten und schätzten sie und nahmen sie gleich einer ebenbürtigen Freundin gastlich in ihrem Hause auf.

Und staunenswert war es, wie rasch die Vef sich diesem neuen Leben anzupassen verstand. Wohl blieb sie ihrem Wesen nach die bäuerliche Frau aus den Tiroler Bergen, aber gerade das bildete einen ihrer Hauptreize, der sie so schätzenswert und anmutig zugleich machte.

Während ihre beiden Schwestern und ganz besonders die Regina die feinen Damen der Stadt krampfhaft nachzuäffen suchten, gab sich die Vef nicht die geringste Mühe, eine andere zu scheinen, als die sie war. Unverändert blieb sie ihrer Sprache treu, und wenn man ihre Ausdrücke nicht verstand, dann erklärte sie dieselben in ihrer lustigen, ungekünstelten Weise. Und hatte dann immer die Lacher auf ihrer Seite.

Es war ein bewußtes Bauerntum, das die Vef zur Schau trug. Sie schämte sich nicht darob, daß sie ungebildet und unwissend war, daß ihre Art, sich zu geben, auffiel ... im Gegenteil betonte sie immer wieder ihre Abstammung und war stolz darauf. Und gerade das war es, was sie frei und ungezwungen machte und ihr jene selbstverständliche Leichtigkeit im Benehmen verlieh, die sonst nur den Gebildeten von guter Abkunft auszeichnet.

Als die Vef zum erstenmal aus ihren Bergen kam und vor die große Öffentlichkeit trat, da fühlte sie wohl ein leises Unbehagen. Eine Schüchternheit und Angst vor dem Ungewohnten, die ihr das Blut zu Kopfe trieb und den Schmelz ihrer Stimme beeinträchtigte.

Die Vef erkannte mit der ihr angeborenen Intelligenz, daß ihre Schüchternheit ihr zum Verhängnis werden konnte, und kämpfte mit aller Macht dagegen an. Niemand, der sie jetzt sah und hörte, hätte geahnt, daß dieses sieghaft stolze Weib, das da auf der Bühne stand und die Lieder ihrer Heimat mit einer süßen Innigkeit und Hingabe sang, trotz allem noch immer mit einer inneren Scheu zu kämpfen hatte.

Wie keine der andern verstand sie es gar bald, sich eine ungezwungene Haltung zu geben, und wie keine der andern trug sie voll Anmut und Würde die Tracht ihres Landes.

Freilich ... diese Tracht, die der Florian Siegwein für die Damen seiner Truppe ersonnen hatte, besaß nur mehr geringe Ähnlichkeit mit den schlichten Gewändern der Heimat. Aber sie war geschickt gewählt und wirkte in dem strahlenden Licht der großen Säle. Auch die Männer hatten auf Geheiß des Florian Siegwein ihr Gewand ändern müssen. Aber sie waren weitaus echter und waren im Vergleich zu den Damen auch ungezwungener und echter in ihrem ganzen Gebaren.

Der Wastl ganz besonders hatte sich gar nicht verändert. Er blieb der gleiche ungeschlachte Bauersmann in Rede und Gebärde, der er drinnen in der Gungl war, etwas schwerfällig von Begriff und langsam und sehr bedächtig in seinen Äußerungen.

Sich auf ebener Erde zu bewegen fiel ihm schwer. Die Glieder, die von Jugend an nur das Steigen gewohnt waren, wollten sich nicht mehr gelenkig abbiegen lassen, und er fühlte sich auf dem glatten Boden der Straßen so unbeholfen wie ein Kind, das erst das Gehen lernen mußte.

Und rührend unbeholfen war er in den glänzenden, hellerleuchteten Festsälen, wo die Spiegel an den Wänden glitzerten und die Kleider und der Schmuck der Damen ihn blendeten. Da wurde es ihm so wirbelig im Kopf, daß er, der nie in seinem Leben selbst auf den höchsten Bergspitzen einen Schwindel gekannt hatte, umzufallen vermeinte. Denn alles drehte sich mit ihm im Kreise, und die Luft und der Lichterglanz beklemmten ihn, und er fühlte sich tief unglücklich. Er machte gar keine gute Figur, der arme Wastl, und manchmal sang er in seiner Verwirrung so falsch und schlecht, daß es den Florian fast gereute, ihn mitgenommen zu haben.

Aber die Vef brachte ihn dann schon wieder zurecht. Die schimpfte und greinte mit ihm nach einer jeden solchen Entgleisung so energisch und zornig, wie sie es in der Gungl drinnen getan hatte.

Völlig wohl tat es dem Wastl, dieses Schimpfen. Das war doch wieder seine alte Vef, ~sein~ Weib, nicht die gewandte, schöne Frau, welche all die fremden Leute so verehrten.

Daß diese strahlend schöne Frau ausgerechnet einen solchen Bauer zum Manne haben mußte, konnten sie alle nicht begreifen. Und wie eine Klette klammerte sich der Wastl an die Vef, wich nie und für keinen Augenblick von der Seite seiner Frau, und hatte doch weder Eifersucht noch Mißtrauen gegen sie. Er vertraute seinem Weibe unbedingt und war von ihrer großen, unwandelbaren Liebe zu ihm felsenfest überzeugt.

Die Vef hatte einen andern Ton in die kleine Sängertruppe gebracht. Der Florian Siegwein war jetzt nicht mehr wie ehedem unumschränkter Herr und Gebieter; denn die Vef widersetzte sich ihm in allen Dingen, die ihr nicht unbedingt einleuchteten. Ihr starker, ausgeprägter Wille wollte sich einer Bevormundung, und wenn dieselbe auch in der besten Absicht geschah, nicht unterordnen. So kam es, daß es jetzt oft Uneinigkeiten gab ... wo sonst nur Harmonie und Disziplin geherrscht hatten.

Der Florian Siegwein hatte oft einen harten Stand mit der Vef und recht viel Arger. Ihr hochmütiger Sinn vertrug es absolut nicht, daß der Florian der Regina eine Sonderstellung einräumte. Daß die kleine, unbedeutende Regina Herrin sein sollte, das vertrug die Vef nun einmal gar nicht.

Es kam oft zum Streit zwischen den beiden Frauen, und die Lage wurde so unerquicklich, daß es die Regina vorzog, überhaupt nicht mehr mit auf Reisen zu gehen, solange die Vef dabei war.

Auf die Vef aber konnte der Florian nicht mehr verzichten. Und als ihm die Vef im dritten Winter ihres Beisammenseins nach einem heftigen Wortkampf mit der Regina die Alternative stellte, entweder sie oder die Regina müsse weichen, da entschied sich der Florian im Interesse seines Unternehmens zugunsten der Vef.

Zum Glücke fügte er seiner Frau keinen sonderlichen Schmerz dadurch zu. Der Regina gefiel das Wirtin spielen so ungemein gut, daß sie auch in den Wintermonaten recht gerne daheim blieb.

Der Florian und die Regina hatten nach einer kinderlosen Ehe jetzt die Aussicht auf Familienzuwachs. Und seit das Kleine da war, blieb die Regina doppelt gerne zu Hause. Es war ihr doch mit der Zeit etwas unbequem geworden, so unstet von Ort zu Ort zu wandern und immer, ob man wollte oder nicht, zu singen. Jetzt, da sie ihr eigenes Heim hatten und da sie geachtet waren in der Heimat, gefiel es ihr wieder so gut in den Bergen wie in ihrer Jugend.

Sie verlangte sich gar nicht mehr fort und freute sich innig an dem Kinde, das ihnen nun doch noch beschert worden war. Alle Zärtlichkeit, die in ihrem weichen Gemüte vorhanden war, verschwendete sie an ihr Töchterchen. Spielte mit ihm wie mit einer Puppe und freute sich in den langen Wintermonaten auf den Frühling, der den Florian brachte und die Menge fremder Gäste.

Für die Heimat war die Regina also doch wieder zurückgewonnen worden. Der Kramer Veit sah dies und freute sich von ganzem Herzen darüber und besprach es auch mit der Notburg. Und er und die Notburg und der kleine Anderl kamen oft zu der Regina hinauf und plauderten mit ihr.

Ein ehrliches, freundschaftliches Verhältnis war es, das den Kramer Veit und seine Frau mit der Regina verband, und die Notburg sorgte und kümmerte sich um die Regina wie eine Mutter um ihre Tochter. Nur der Anderl, der konnte sich für seine junge Mutter immer noch nicht recht erwärmen. Die Mutter Notburg sei ihm lieber, erklärte er lachend, aber mit Bestimmtheit, und es tat der Regina nun auch gar nicht wehe, und sie warb auch nicht mehr um seine Liebe, da sie einsah, daß sie diese ja doch nie würde erreichen können.

Die Zenz, die Schwester der Regina, regierte im Haus und tat alle Arbeit. Sie hatte sich in diesen fünf Jahren zur eigentlichen Leiterin des Alpengasthofes herangebildet und war unermüdlich tätig von frühmorgens bis in die späte Nacht hinein.

Die Regina war für eine richtige Arbeit wohl für immer verloren. Von Jahr zu Jahr wurde sie bequemer und rührte sich nur noch wenig aus der geräumigen Gasthausküche. Hier schien es ihr ganz besonders gut zu gefallen, und sie saß am Küchentisch und schälte Kartoffeln. Hatte eine große färbige Schürze vorgebunden, die ihr feines städtisches Gewand verdeckte, und schälte unermüdlich ihre Kartoffeln. Eine nach der andern. Das war die leichteste Arbeit und befriedigte sie vollkommen.

Sie trug jetzt nur mehr die Kleider der feinen Damen und wählte sich solche in möglichst bunten Farben aus. Je bunter und greller sie waren, desto größere Freude hatte sie daran. Der Florian brachte ihr, so oft er heimkam, gleich eine ganze Auswahl von Kleidern und Stoffen mit, und er kannte den Geschmack seiner Frau und richtete sich danach.

Mit der Zeit büßte die Regina ihre zierliche, schlanke Figur ein, und das Fett setzte sich, da sie nur wenig Bewegung machte, aber gut und viel aß, reichlich bei ihr an. Sie wurde rund und schwerfällig, blieb aber das gutmütige, etwas beschränkte Ding, das sie immer gewesen war. Sie keifte nicht und zankte nicht und plagte ihren Mann auch nicht durch ihre Eifersucht.

Nur einen wunden Punkt hatte die Regina, und der war die Sucht nach Geld. Diese Gier artete beinahe in Geiz aus und überfiel sie oft heftig wie eine Krankheit. Bei solchen Geizanfällen konnte die Regina höchst ungemütlich werden, und wenn die Zenz nicht gewesen wäre, die immer wieder vermittelnd eingegriffen hätte, dann hätte es wohl geschehen können, daß der Regina oft mitten in der Hauptsaison alle Dienstboten auf und davon gelaufen wären.

Nichts vergönnte sie dann den Dienstboten und zählte ihnen buchstäblich jede Kartoffel und jedes Stück Brot in den Mund. Aber die Zenz war der versöhnende Ausgleich, und da sie und nicht die Regina die eigentliche Regentin des Hauses war, wachte sie darüber, daß jedes zu seinem Rechte kam.

Das Alpengasthaus, das der Kramer Veit dem Florl erbaut hatte, war jetzt schon viel zu klein geworden, um alle die fremden Gäste fassen zu können, die nun jeden Sommer wiederkehrten. Der Florian hatte schon einen großen Teil seiner Schuld an den Kramer Veit abgezahlt, und Veit Galler sann nach neuen Mitteln, um seine noch immer rege Schaffenskraft zu betätigen.

Er fühlte, es war an der Zeit, das Unternehmen, das er gemeinsam mit dem Florian Siegwein ins Leben gerufen hatte, zu vergrößern. So erbaute er denn eine schöne Villa, in der Nähe des Dorfes. Ein feines, gemauertes Haus, das weiß leuchtete wie die Häuser draußen in dem stattlichen Dorf. Und hier sollten jene Fremden wohnen, denen es droben im Gasthof zu lärmend war.

Viel Ruhe fanden ja die Gäste nicht da oben während der Hauptsaison; denn fast jede Nacht dauerten die Gesänge mit Lautenspiel und die Tänze bis in den frühen Morgen hinein.

Die Notburg machte Hauswirtin in der Villa, und das Moidele, das Kind der toten Mena, half ihr bei dieser Arbeit. So unruhig es droben im Gasthof war, so friedlich und still war es hier unten in der Villa. Und hatte auch einen wundervollen Ausblick, das Haus des Kramer Veit.

Außerhalb des Dorfes, dort, wo der Weg hinunterführte zu dem Teufelssteg, stand es. Man hörte das Rauschen und Brodeln des wilden Gebirgsbaches, und die Luft hier war besonders frisch, und abends pfiff es eisig von den Fernern herüber.

Es war seltsam, wie gut sich die Notburg in all den Jahren erhalten hatte. Wohl war ihr Haar jetzt schlohweiß geworden, aber ihr ernstes Gesicht war noch immer schön, und die hellen Augen hatten einen warmen, mütterlichen Ausdruck. Der herbe, festgeschlossene Mund war milder und weicher geworden, und ein zufriedenes, stilles Glück ging von dieser Frau aus.

Veit Galler, der Krämer, hatte recht getan, als er damals das fremde Kindl seinem Weibe heimgetragen hatte. Es hatte ihnen beiden das Glück gebracht und jene Wärme, die der Mann so sehr hatte entbehren müssen. Man fühlte sich jetzt wohl in der Nähe dieser Frau, und ihre mütterliche Sorge umgab alle, die um sie waren.