Königin Heimat

Part 14

Chapter 144,031 wordsPublic domain

Einen großen Schatz von Liebe und Fürsorge barg dieses Frauenherz und hatte nur einmal verkümmern müssen, so daß es erstorben schien. Jetzt aber, da das Schicksal ihr ein spätes Glück beschieden hatte, da sie für den Mann und auch für ein Kind sorgen durfte, jetzt erst erschloß sich der ganze Reichtum dieses Herzens und wuchs von Jahr zu Jahr.

Auch das Moidele hatte in dem Haus des Kramer Veit eine Heimat gefunden und in der Notburg eine Mutter, die sie belehrte und für sie sorgte.

In der Villa des Kramer Veit wohnten auch der Wastl und seine Frau. Es war merkwürdig, wie wenig die Notburg mit der Vef anzufangen wußte. Fast war's wie Mißtrauen und schlecht verhehlte Abneigung, welche die Notburg gegen diese Frau empfand.

Sie konnte es nun einmal nicht fassen, daß eine Mutter ihre Kinder im Stiche ließ, um Gold und Ehren nachzujagen. Am liebsten hätte sie der Vef das Obdach verweigert, aber das konnte sie nicht wegen der Freundschaft mit dem Florian Siegwein. Die Vef hatte sich mit der Zeit zu einer Machtstellung emporgearbeitet und war für den Florian jetzt völlig zu einer Tyrannin geworden. Sie war sich ihres Wertes für ihn vollkommen bewußt und handelte auch danach.

Der Wastl ging in der Heimat geduckt und gequält einher. Er war wohl der einzige der kleinen Sängerschar, der das Arbeiten nicht nur nicht verlernt hatte, sondern dem die Arbeit auch noch ein Bedürfnis geblieben war. All die Zeit, die sie in der Heimat weilten, fühlte sich der Wastl doch wieder wie von einem schweren Alpdruck befreit. In dieser Luft konnte er wieder leichter atmen und fast so gut und traumlos schlafen wie vor Jahren.

Er half dem Kramer Veit, wo er nur immer konnte, griff ungeheißen bei jeder Arbeit zu und scheute vor nichts zurück. Wie ein Knecht schuftete der Wastl von früh bis spät für den Kramer, bis es dann wieder mit einem Male über ihn kam. Jenes alte Elend, unter dem er immerwährend litt ... die Sehnsucht nach dem eigenen Herd und die Sehnsucht nach seinen Kindern.

Das überfiel den Mann so jäh und heftig wie eine Krankheit, so daß er an allem die Lust verlor und tagelang nur vor sich hinbrütete ... mit keinem Menschen sprach und auch nichts arbeitete.

Dann strich er einsam über die Wiesen und starrte stundenlang in die Richtung, wo in der Ferne die Berge aus der Gungl herübergrüßten. Und dann wieder wanderte der Wastl und legte weite Wege zurück. Und kein Mensch wußte, wohin er ging.

Kein Mensch ... außer dem Kramer Veit. Der ahnte, daß der Wastl Ausschau hielt nach einem neuen Heim ... aber er wußte genau, daß alle Mühe, je wieder einen eigenen Herd zu gründen, vergebens sein würde. Er wußte: die Vef hatte die Lust an der Bauernschaft für immer verloren ... und er wußte: sie hatte auch die Liebe zu ihren Kindern eingebüßt.

Wie wenig sich diese Frau überhaupt um ihre Kinder kümmerte! Mit Ingrimm sah es die Notburg und besprach es auch mit ihrem Manne.

Die Vef schämte sich ihrer Kinder vor den vornehmen Fremden, schämte sich, daß sie so derb und unwissend waren, und bestand mit der ihr eigenen Energie darauf, daß der Wastl die beiden Buben von den Großeltern fortnahm und sie in ein Institut brachte. Dort sollten sie Bildung lernen und Städter werden. Und als der Wastl, gehorsam wie immer, ihr auch diesen Willen tat, da nahm sich die Vef fest vor, ihrem Manne einmal klipp und klar zu erklären, wie sie sich ihre Zukunft von nun ab vorstellte.

Das war, als der Wastl wieder einmal seinen trübsinnigen Anfall hatte und sich tagelang nicht sehen ließ. Er ging der Vef absolut nicht ab, der Mann, und sie machte sich auch keine Sorgen um ihn. War froh, daß sie ihn ein bissl los hatte und sie sich droben im Gasthaus ungestört mit ihren Freunden unterhalten konnte.

Daß sich ihr Mann gar so getreulich an ihre Fersen heftete, das paßte der Vef schon längst nicht mehr. Er hinderte sie in ihrer Freiheit, und seine traurige, stille Art reizte sie. Sie fühlte seinen stummen Vorwurf und wußte, an welcher Sehnsucht er krankte.

In diesen letzten Jahren waren sich Mann und Frau innerlich immer fremder geworden. Denn auch die Vef machte den Mann für ein verfehltes Leben verantwortlich. Sie fühlte sich durch ihn gebunden und lechzte förmlich nach ihrer Freiheit. Was bedeutete ihr, der gefeierten Frau, noch dieser einfältige Bauer, dem das Leben, das sie führten, eine fortgesetzte Pein war? Was waren ihr die Kinder, die sie ihm geboren hatte? Einmal ... ja, da hatte sie diese Kinder liebgehabt. Von ganzem Herzen.

Und um dieser Kinder willen ... so redete sie sich ein ... war sie in die Welt gezogen. Jetzt aber waren ihr die Kinder fremd geworden, und sie fühlte wenig mehr, als einzig nur die Last, sie versorgen zu müssen. Die Liebe, die sie einstmals mit dem Wastl verbunden hatte, war erkaltet. Und mit dieser erstorbenen Liebe war auch die Zuneigung zu ihren Kindern verschwunden.

Dem Kramer Veit machte das verstörte Wesen des Wastl ernste Sorge. Er teilte auch der Vef seine Besorgnisse mit, und das war's, was die Vef dazu brachte, einmal offen mit ihm über ihren Mann zu reden.

Es ging schon wieder gegen die Neige des Sommers, und droben im Gasthaus traf der Florian Anordnungen für die neue Winterreise. In der Villa des Kramer Veit, die er zum Teil selbst bewohnte, saßen sie im Abenddämmer in der gut eingerichteten Wohnstube und warteten auf den Wastl. Die Notburg und der Anderl und der Veit und die Vef.

Es war Zufall, daß die Vef sich einmal in der Wohnstube der Notburg aufhielt. Für gewöhnlich mied sie den Umgang mit dieser Frau genau so, wie ihr die andere auswich. Sie hatten sich herzlich wenig zu sagen, diese beiden Frauen; und wenn sie jetzt scheinbar in voller Harmonie nebeneinander saßen, so war das lediglich dem Umstand zu verdanken, daß das Moidele, von der Notburg geschickt, die Vef vom Alpengasthof heruntergeholt hatte.

Die kleine Toni, die bei den Kirchenmäuseln untergebracht war, lag krank und hatte ein hitziges Fieber. Eines der beiden alten verhutzelten Weiblein war noch am späten Nachmittag gekommen und hatte der Notburg die Botschaft gebracht. Und diese hatte dann das Moidele sofort zu der Vef geschickt, da der Wastl wieder einmal tagelang fortgeblieben war.

Die Vef war zu ihrem Töchterchen geeilt und fand dieses glühheiß und im Fiebertraum. Das erzählte sie jetzt, und der Kramer Veit erbot sich, noch in dieser Stunde zu dem Arzt zu gehen, der draußen im Tal in dem großen Dorf wohnte.

Es regnete in Strömen, und die Nebel legten sich dicht und schwer von den Bergen herab. Die Notburg machte ein besorgtes Gesicht; denn sie sah es nicht gerne, daß ihr Mann stundenlang der Unbill der Witterung ausgesetzt war. Wenn er auch rüstig und noch ungebrochen war, der Veit, der allerjüngste war er ja trotzdem nicht mehr und auch nicht mehr so widerstandsfähig wie in früheren Jahren.

In der Vef regte sich das Gewissen, und sie war aufgeregt und sehr beunruhigt. Dieser Erregung machte sie Luft, indem sie heftig über den Wastl zu schimpfen anfing.

»A so a spinnet's Mannsbild!« brach die Vef über eine Weile die tiefe Stille, die sich fast beängstigend über die Stube gelegt hatte ... »Rennt grad' umadum und laßt nix sehen und nix hören von sich. Daß grad' i an söllen Tolm hab' derwischen müssen!« sagte sie unwirsch und voll Vorwurf.

Sie gaben ihr keine Erwiderung. Weder der Veit, noch die Notburg. Hielten sich zurück und schauten schweigend vor sich hin. Der Anderl aber, der ein halbwüchsiger Bursch war, schlank und schmächtig, konnte sich nicht enthalten und erwiderte der Vef resolut und frech nach Jungenart.

»Kümmerst di ja sischt aa blutswenig um ihn. Brauchst iatz aa nit grad' schimpfen anz'heben.«

»I schimpf' ja nit!« meinte die Vef ruhiger. »Aber hergehn soll er, bald man ihn braucht.«

»Braucht'n koa Mensch nit!« erklärte der Anderl. »Kann do nit helfen. Und an Doktor derholen wir aa no fürs Tonele.«

»Könnt' ja oaner von oben abi giahn ins Dorf!« meinte die Notburg über eine Weile. »Sein ja g'nuag sölle junge Löder oben. 's Kind kann man nit ohne Hilf' lassen über Nacht!« fügte sie bedenklich und voll Mitleid hinzu.

Der Anderl war schon bei der Tür draußen und lief so rasch er konnte in dem strömenden Regen hinauf zum Alpengasthof. Ein warmherziger Bub war der Anderl, voll Mitgefühl für das Leid der andern.

Die Vef war doch recht unruhig über ihr krankes Kind. Je dunkler es wurde, desto ungemütlicher wurde es ihr. Sie hielt das ruhige Sitzen und Herwarten nicht mehr aus. Stand auf und schaute durchs Fenster. Sah die schweren, dunklen Wolken, die sich beklemmend und drückend übers Tal senkten, und schwer legte sich ihr die Angst aufs Herz.

»Wird wohl nit g'fährlich krank sein ... 's Tonele?« frug die Vef über eine Weile. Heiser und stockend kam ihr die Frage über die Lippen. Sie erschrak über den Klang ihrer eigenen Stimme. So fremd und hohl und ungewöhnlich laut kam er ihr vor.

Und wieder erhielt sie keine Antwort. Weder vom Veit, noch von der Notburg. Die saßen am Tisch in der Wohnecke, und der Veit stützte seine Arme schwer auf die Platte. Es war unerträglich für die Vef, dieses Schweigen. Daß diese beiden alten Leute auch gar nicht reden wollten. Und daß der Wastl gar nicht herging, wenn sie einmal wirklich Verlangen nach ihm trug.

»Meinst, Notburg ... 's Tonele wird wieder?« wandte sich die Vef mit ihrer Frage direkt an die Frau, die reglos an der Seite ihres Mannes saß. Ihr schlohweißes Haar hob sich hell ab in dem Dämmer der Stube, so daß es beinahe leuchtete.

Die Notburg zuckte die Achseln. »Woaß nit!« sagte sie trocken und ohne Mitgefühl.

Sie empfand auch nur wenig Mitleid mit der Vef. Geschah ihr schon recht, wenn sie es auch einmal mit der Angst zu tun bekam und mit dem Gewissen. Ganz recht geschah ihr. Sollte nur leiden ... das Weib!

So dachte die Notburg und schaute hart und strenge auf das ruhelose junge Weib, das in ihrer Stube, von innerer Qual getrieben, unruhig umherging.

Und wieder herrschte Schweigen in der Stube. Und immer ruheloser ging die Vef in dem Zimmer herum und schaute dann wieder abwechselnd zum Fenster hinaus.

»Könnt's koa Licht nit machen?« frug sie über eine Weile in ihrer herrischen Art. »Man g'siecht ja nix mehr.«

Schweigend stand die Notburg auf und zündete eine schöne Lampe an, die über dem Tische hing. Es machte alles in der Stube den Eindruck von Behagen und bürgerlicher Wohlhabenheit. Ohne Prunk, schlicht und einfach hatte es der Kramer Veit eingerichtet, so wie es zu diesen Leuten und ihrer Umwelt paßte.

Die Vef trug nun für gewöhnlich nicht mehr die Tracht ihrer Heimat, sondern hatte städtische Gewänder angelegt. Im Gegensatz zur Regina aber wählte sie stets dunkle, unauffällige Farben und war ohne Schmuck und Zier. Auch heute trug die Vef ein einfaches, aber elegant geschnittenes Kleid, das ihre volle Figur zur besten Geltung brachte. Ihr Gesicht war bleich, und dunkel und aufgeregt flackerten die hellen, sonst so strahlenden Augen. Das blonde Haar trug sie wie immer zur Krone um den Kopf gelegt, und weich schmiegten sich vereinzelte Löckchen um ihre feine Stirn.

Der Kramer Veit war alt geworden in diesen Jahren. Alt und sorgenvoll, aber aufrecht und noch immer kraftstrotzend. Viele Furchen durchzogen die breite, etwas brutale Stirn, und das derbe, dröhnende Lachen kam jetzt nur selten mehr über seine Lippen. Er hatte eine nachdenkliche Art, der Veit, und war schweigsamer und viel zurückhaltender wie in früheren Zeiten.

Jetzt, nachdem das Licht entzündet war und sein heller Schein das geräumige Zimmer angenehm erleuchtete, saßen die drei Menschen wieder schweigend beisammen. Die Vef zwang sich dazu, ruhig zu scheinen, und doch pochte ihr das Herz fast hörbar und raubte ihr beinahe den Atem.

Immer wieder sah sie ihr krankes Kind, wie es fiebernd in seinem armseligen Bettchen lag, die Wangen hochgerötet und die großen dunklen Augen glänzend und angstvoll. Hatte wenig Liebe in seinem jungen Leben genossen, das Tonele ... und wußte nichts von Muttersorge und Zärtlichkeit. Wenn die Vef zu ihr kam, so wich ihr das kleine fünfjährige Mädele scheu aus wie einer Fremden; denn sie hatte Angst vor der Mutter, die so nobel war und ganz anders gebietend und anders in ihrem Wesen wie alle die Bäuerinnen, die sie kannte.

Der Kramer Veit schaute unverwandt und scharf beobachtend auf die Frau mit dem blassen Gesicht und den angstvollen Augen. Dann hub er auf einmal zu reden an. Ruhig und sachlich, wie es seine Art war.

»Vef!«

Das Wort schreckte die Frau aus ihrer quälenden Nachdenklichkeit auf.

»Kimmt dir nit für, Vef ... du g'hörest jetzt wo anders hin?« frug der Veit langsam und eindringlich, aber in dem gütigen Ton eines nachsichtigen Vaters.

Einen Augenblick war es, als senkte die Frau reuevoll ihren schönen, fein geformten Kopf. Nur einen kurzen Augenblick. Dann schaute sie gleich wieder herrisch wie immer auf den Mann, der diese vorwurfsvolle Frage an sie gewagt hatte.

»Wie meinst?« frug sie scharf und sah mit herausfordernden Blicken auf Veit Galler.

»I mein' ...« sagte der Kramer sehr gelassen ... »daß eine Mutter ... und wenn sie auch die vielbewunderte Vef ist ... zu ihrem kranken Kind g'hört. Und i mein' no mehr!« setzte er mit Nachdruck hinzu. »Willst hören, Vef ... was i no mein'?«

Der Kramer hatte sich erhoben, breit und wuchtig, und pflanzte sich vor der Frau auf. Mit ruhigen, kalten Augen schaute die Vef zu ihm empor. Hatte die Hände lässig in den Schoß gelegt und die Lippen fest aufeinander gepreßt.

»Vef ...« fing der Kramer abermals zu reden an, und seine Stimme klang gut und weich. »Leicht nutzt's eppas ... wann i heut' zu dir red'. Kann sein, daß die Angst um dei' Kind dich zur Besinnung bringt. Kann sein aa nit. Aber siegst ... so wie du jetzt bist und lebst ... bringst euch ins Unglück. Hast kein Haus und kei' Dach und kein' Mann und kei' Kind mehr. Kennst nur mehr eins ... dich selber! Das ist's, Vef! Grad das allein! Die Lieb zu dir selber. Ist alles g'schwunden bei dir, kommt mir für ... alles ... nur nit die Eigenlieb. Und siegst, Vef ... wann eins aufhört, für andere Menschen zu leben und ein's nur alleweil sich selber zum Mittelpunkt im Leben macht ... aft ist's grob g'fahlt. Das ist koa Glück nit ... das ist a Rausch. 's Glück schaut anders aus, Vef. Frag' mei' Weib ... die Notburg ... was Glück ist. Die kann dir's sagen. Hat lang warten müssen drauf ... die Haut ... bis es kommen ist zu ihr. Aber es ~ist~ kommen. Weil sie gedient hat dafür. Und kommet aa zu dir, Vef ... wann du möchtest!«

Der Kramer Veit hielt eine Weile mit reden inne und fuhr sich mit der Hand über die Stirne, als müsse er eine böse Erinnerung aus seinen Gedanken verscheuchen. Unverwandt und wie hypnotisiert schaute ihm die Vef in die Augen, preßte die blassen Lippen fest aufeinander, unterbrach ihn aber mit keinem Wort.

»'s war' no nit zu spat für enk ...« sagte der Kramer eindringlich und legte seine derbe Arbeitshand schwer auf die Schulter der Frau ... »wann du grad wollen tatest, Vef. Schau dein' Mann an, den Wastl! Kann sein, daß du koa Lieb mehr hast für ihn. Aber er ... ~er~ hat di gern, Vef! Kennt ... kimmt mir für ... koan Herrgott und koan Heiligen nit ... als grad sei' Weib.« Und jetzt erhob der Kramer Veit seine Stimme, und sie klang drohend und mahnend zugleich. »Vef! A söllene Liab wirft man nit fort. Weil's eppas Seltenes ist und fast heilig. Und oans sag' i dir! Schau ... daß es anders wird zwischen dir und dein' Mann. Besinn' dich, daß du sei' ~Weib~ bist und die Mutter von seine Kinder. Könnt' sein, daß er ein schlecht's End' nimmt ... der Wastl ... könnt' sein ... daß dir dann die Reu' kimmt ... bald's zu spat ist.«

Die Vef hatte, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken, zugehört. Reglos saß sie vor dem Mann und war noch blässer wie zuvor.

Und einen Augenblick lang schaute sie dann nachdenklich zu Boden. Und dann erhob sie sich, und stolz und aufrecht stand sie vor dem Kramer Veit und sah ihm ernst in die Augen.

»Soll wohl wieder Bäurin machen, meinst?« frug sie ruhig, aber ohne Schärfe.

»Braucht nit zu sein.« Der Veit hob die Schultern leicht. »Könnt' aa sein ...«

»Veit ...« Die Vef ließ ihn nicht ausreden. »Gib dir koa Müh' nit. Grad du solltest es besser verstehn, wie mir ist. Grad du! Glaubst wirklich, daß a Weib wie ich noch g'schaffen ist für an Bauersmann? Glaubst nit ... daß es besser wär' ... besser für mi ... und aa für ihn ... wenn er mich meine Weg' allein gehn ließ'? War' hart für ihn ... i gib's zu ... aber nur für a kurze Zeit. So hängt er sich an mich wie a Kletten und lebt a Leben, das ihn umbringt. Das Leben aber ist Leben für mich .. ich brauch's, und er verdirbt dabei. Veit ...« sagte die Vef entschlossen ... »wann du dem Wastl wirklich was Gut's tun willst ... dann bring' ihn dazu ... daß er wieder a Bauer wird. Soll mich lassen und die Kinder zu sich nehmen. 's war' aft nit viel anders ... als wenn i g'storben wär'. Und wenn er's tät', aft war's a wirkliche Liab ... kimmt mir für.« --

Noch in später Nacht kam der Wastl nach Hause. Müde und bis auf die Haut durchnäßt. Und ging noch in derselbigen Stunde mit seinem Weib ins Dörfl hinein, wo das Tonele zum Sterben lag.

Zwölftes Kapitel

Sie blieben die ganze Nacht bei dem kranken Kinde und wachten bei ihm. Der Doktor kam zu später Stunde, untersuchte das Kind sorgfältig und sprach ihm das Leben ab.

Eine schwere Halsbräune hatte das Tonele befallen, und mühsam rang das Kind nach Atem. Die beiden alten Weiblein, die bisher das Tonele betreut hatten, machten verzagte Gesichter. Sie verstanden nicht viel von Krankenpflege und standen den Anordnungen des Arztes völlig verständnislos gegenüber.

Dumpf und schwer war die Luft in der länglich schmalen Kammer, in der das kranke Kind lag, und die Vef riß Türe und Fenster auf, um dem Kind Erleichterung zu verschaffen.

Etwas von dem Geiste der Vef, wie sie vordem gewesen, war in dieser Nacht wieder in der Frau wach geworden. Jetzt war sie mit einem Male wieder die umsichtig sorgende Mutter, die sie drinnen in der Gungl gewesen war. Sie hieß die beiden alten Weiblein, die ihr im Wege waren, aus der Kammer sich entfernen. Freundlich, aber sehr bestimmt sagte sie es ihnen. Sie sollten ausruhen, und wenn sie ihrer bedürfte, dann würde sie sie holen kommen. Und sie und ihr Mann würden bei dem Kinde bleiben bis zuletzt.

Wie hart das war, dieses Sterben des Kindes. Der Wastl saß in einem Winkel und verdeckte sich die Augen. Er konnte den Todeskampf nicht mit ansehen. Das Tonele bäumte sich und rang nach Luft, und dann wieder faltete es betend die kleinen rauhen Hände und konnte doch nicht sprechen. Und war blaurot im Gesichtchen und röchelte und wehrte sich verzweifelt gegen den Erstickungstod.

Und doch wieder mußte der Wastl aufschauen ... hinüber zu dem Bettchen des Kindes ... zu seinem Weibe ... das in dieser Stunde wieder zur Mutter geworden war. Als ob sie all die Jahre, in denen sie dieses Kind vernachlässigt hatte, einbringen müßte, so zärtlich und liebevoll umsorgte sie es.

Sie kniete an dem Bett des Kindes, bleich und ernst, und starrte unverwandt auf das zermarterte Gesichtchen. Und wenn die Not des Kindes sich steigerte und es sich bäumte und wand und die kleinen Hände sich hilflos in der Luft krampften ... dann nahm die Vef mit starkem Arm ihr Kind zu sich und barg es an ihrer Brust. Fand kein Trosteswort und kein Gebet ... und keine Träne. Aber die Hand, mit der sie die glühheiße Stirn des Kindes liebkoste, war lind und weich und beruhigte es. Die Todesqual in den Augen des Kindes linderte sich, und es schaute verwundert und beinahe froh. Zum ersten Male in ihrem jungen Leben fühlte das Tonele die Nähe einer Mutter ... fühlte ihre Liebe und ihre Sorge.

Und das machte ihr den Tod leichter ... denn als er kam ... lag sie im Arm der Mutter, und ihr zuckender, kleiner Körper krampfte sich Schutz suchend an ihrer Brust.

Und die Vef hielt die Leiche ihres Kindes ... solange, bis die Wärme aus ihm gewichen war ... wortlos und mit trockenen Augen. Und dann legte sie das Tonele auf sein armseliges Bettchen, kniete vor ihm hin und schluchzte laut auf, aber ohne Tränen.

Ein kleines Öllicht brannte auf der Kommode, die in der Nähe des Bettchens stand. Und eine geweihte Wachskerze ... die hatte der Wastl angezündet, als es zum Sterben kam. Und jetzt stand der Wastl neben seinem Weib am Bett des toten Kindes und versuchte sie zu trösten.

»Vef!« Mehr brachte er nicht heraus; denn es würgte und stieß ihn, und wie ein wundes Tier warf er sich über die Leiche des Kindes und weinte laut. Weinte seinen ganzen Schmerz sich von der Seele ... sein ganzes Leid und das Elend seines Lebens.

Und als die Vef diesen elementaren Ausbruch tiefster Herzensnot vernahm, der so unbändig wild war und fast nichts Menschliches mehr an sich hatte, da trieb es das Weib fort. Sie floh ... wie von Furien gepeitscht von der Seite ihres Mannes ... hinaus ins Freie ... in den Regen und die Kälte eines frühen Herbstmorgens. Und lief hinüber zu der Notburg und warf sich zu Füßen der Frau und barg den Kopf in ihren Schoß.

»Notburg! Notburg!«

Das war alles.

Und die Frau erkannte die Not dieser Stunde und war gut zu der Vef. Beugte sich über die Verzweifelte und streichelte ihr weich wie einem Kinde über das blonde Haar. Sie sagte kein Wort, aber ihre innere Güte legte sich warm auf das Herz des hart ringenden Weibes ...

Sie hatten das Tonele schön aufgebahrt in der Stube der beiden alten Jungfern. In einem weißen Kleidchen, das die Notburg genäht hatte, lag das Kind da, und ein weißes Kränzlein schmückte das dunkle Haar. Und friedlich, wie schlafend sah das Tonele aus, hatte die Händchen gefaltet und einen glückseligen Zug in dem wachsbleichen Gesichtchen. Zwei Kerzen brannten zu ihren Häupten, und Blumen waren über die weiße Decke gelegt. Und die Nachbarn kamen, um an der Leiche des Kindes zu beten und sie zu ehren.

Die alten verhutzelten Jungfern gingen im Hause umher, so lautlos und still, als sie es nur vermochten. Hielten den Rosenkranz in den welken Händen, aber machten verzagte, hilflose Gesichter und hatten feuchte Augen. Und dankten allen, die gekommen waren, das tote Tonele zu ehren.

Armes Tonele! Wenn sie's doch erlebt hätte, diese Ehrung! Unbeachtet war sie herumgeschlichen ... überall und allen im Wege ... und überall und bei allen überflüssig.

Sie waren immer gut mit dem Kinde gewesen, die beiden Kirchenmäuseln, und hatten ihr nie ein böses Wort gegeben. Und doch fühlte es das kleine Mädele mit dem feinen Gefühl des verlassenen Kindes, daß sie nur eine überflüssige Last für alle bedeutete. Scheu drückte sie sich in den Winkeln des Hauses herum, spielte einsam in dem kleinen Garten und wich allen aus. Sah alle, die sie ansprachen, mit großen, furchtsamen Augen an und blieb meistens die Antwort auf die Fragen schuldig, die man an sie gerichtet hatte. Zu niemandem faßte das Kind Zutrauen, und für niemanden hatte sie eine herzliche Liebe.

Und nun, da sie gestorben war, da war sie zu Ehren gekommen. Ihr Vater weinte um sie, und ihre Mutter und die Großeltern vom Perlmoserhof. Und die Julie kam und die Rosina und brachten ihr Blumen, und hatten doch so selten ein gutes Wörtl übrig gehabt für das einsame Kind ...

Der Kramer Veit hatte sich des Wastl angenommen. Nachdem sie die Kleine begraben hatten, hatte Veit Galler, der Kramer, den Wastl am Arm genommen und war mit ihm hineingegangen in die Gungl. Er wußte gar wohl, was dem Mann jetzt not tat.

Ein paar Tage sollte der Wastl wieder drinnen leben in der alten Heimat und sich an seinem ältesten Buben freuen. Der Martl gedieh und blühte und wuchs, daß es eine Freude war. Und war so ganz das lebfrische Bauernbübl, wie es der Wastl und auch der Veit einmal selber gewesen waren.

Und drinnen in der Gungl, in dem Heim des alten Göd, da sprach der Kramer Veit mit dem Wastl. Redete ernst mit ihm, wie ein Mann zum andern.