Königin Heimat

Part 12

Chapter 123,742 wordsPublic domain

Die Regina freute sich schon seit vielen Monaten auf das neue Haus in der Heimat und brannte förmlich darauf, sich als Wirtin zeigen zu können. Der Florian hatte auch in diesem Unternehmen eine große Geschicklichkeit bewiesen, und wenn nicht alle Berechnungen trogen, dann würden die jungen Pächtersleute schon in diesem allerersten Sommer ihr Haus voll von Fremden haben.

Beinahe ein kleiner Hofstaat war es, den der Florian Siegwein und seine Ehefrau mit in die Heimat brachten. In drei zweispännigen Kutschen kamen sie draußen in dem stattlichen Dorf angefahren. In der ersten saß der Florian mit seiner Frau ganz allein, und nur mächtige Koffer waren rückwärts und auf den Kutschbock aufgeladen.

In dem zweiten Wagen fuhren die Perlmoser Rosina und die drei andern Mitglieder der kleinen Sängertruppe. In dem letzten Wagen aber saß das Personal des neuen Gasthofes, das der Florian draußen in deutschen Landen aufgenommen hatte.

Da war eine tüchtige Köchin, eine ältere Person, die schon viel Erfahrung auf ihrem Gebiete besaß, und ein jüngeres Stubenmädchen und ein Hausdiener. Mit diesen drei gewandten Gehilfen getraute sich der Florian seinen Gasthof zur Zufriedenheit der Gäste zu führen.

Vor allem hatte der Florian Siegwein großes Zutrauen in die Umsicht der Köchin, der er die Rechte einer Leiterin einräumte und die noch dazu die etwas schwierige Aufgabe übernahm, die junge Frau Siegwein mit den Obliegenheiten einer Wirtin bekannt zu machen.

Die Regina hatte sich ihre Pflichten nun allerdings ganz anders vorgestellt. Sie glaubte, daß es genügen würde, wenn sie mit einem zierlichen weißen Spitzenschürzchen von Zimmer zu Zimmer huschte und sich dann hauptsächlich in dem geräumigen Speisezimmer bei den Gästen aufhielte. Aber die Leiterin, die der Florian gemietet hatte, bestand darauf, daß die Frau Siegwein auch den Pflichten einer Wirtin allen Ernstes nachkam.

Ein stummer Kampf spielte sich nun täglich zwischen diesen beiden Frauen ab. Die Regina schraubte sich, wo sie nur konnte, von ihren Verpflichtungen, mußte aber doch allmählich dem starken Willen ihrer Köchin unterliegen ... und je mehr sich das Haus mit Gästen füllte, desto anstrengender wurde die Tätigkeit der jungen Wirtin.

Der Florian hatte gleich den richtigen großen Zug in die Sache gebracht. Die Gäste, die ins Tal kamen, waren ausschließlich reiche und vornehme Leute. Menschen, die es trieb, diese reisenden Bauern in ihrer eigenen Heimat zu sehen und dabei ein Land, das bisher dem Fremdenverkehr so gut wie verschlossen geblieben war, kennen zu lernen.

In großen vierspännigen Reisewagen kamen die Fremden ins Land. Durchfuhren zuerst die breiten Täler und zweigten dann von der gut gepflegten Heerstraße auf die steinige, holprige Straße des Tales ab.

In dem ansehnlichen Dorf mit seinen weißen, stattlichen Häusern und der grünen Kirchturmspitze mußten sie alle Halt machen. Denn bis hierher nur ging der fahrbare Weg. Von dort aus übernahm der Florian Siegwein den weiteren Transport zu seinem Alpengasthof. Und es war abermals der Kramer Veit, der dem Florl da helfend zur Seite gestanden hatte.

Ohne die Umsicht dieses Mannes wäre das Werk wohl niemals so gut gelungen. Bis in die kleinste Kleinigkeit hatte sich der Kramer Veit bekümmert, und auf alles war er bedacht gewesen. Er hatte junge Burschen gemietet, die mit Maultieren hinunter ins Tal zogen und das Gepäck der Fremden hinauf ins Dörfl lieferten.

Fünf bis sechs solcher Burschen trieben alltäglich ihre Maultiere in den Hauptort des Tales. Denn alles, Wein und Eßwaren und was es so gab, mußte auf den Rücken der Maulesel auf den Berg geliefert werden. Und wenn der Weg zum Dörfl den Fremden zu weit oder zu beschwerlich war, so standen Sattel zum Reiten zur Verfügung, und von der kundigen Hand ihrer Führer geleitet gingen die Maulesel dann ihren gleichmäßigen und ungemein sicheren Trott.

Eine ganz neue Industrie hatte sich da den Bewohnern des Tales eröffnet. Sie hatten jetzt alle zu arbeiten für die Fremden, die Bäcker, die Fleischer, die Schuster, der Wagner, der Schmied und der Sattler. Die Handwerker des stattlichen Dorfes hatten bis jetzt ein recht beschauliches Dasein geführt. Nun hatten sie mit einem Male alle Hände voll zu tun und nahmen unerwartet viel Geld ein. So viel Geld in wenigen Monaten wie sonst wohl kaum in Jahren.

Kein Wunder, daß der Florian Siegwein gar bald ein hochgeachteter Mann im ganzen Tale war, und daß man ihn grüßte wie einen feinen, gebietenden Herrn. Aber auch die Bauern im Dörfl bekamen nun eine andere Meinung von dem Florian und der Regina. Jetzt schalt man sie nicht mehr Tagediebe, die dem Herrgott den Tag wegstehlen, jetzt zollte man ihrem Unternehmen Achtung, und die Bauernweiber kamen vom Dörfl herauf zur Regina, um sie zu begrüßen, und brachten ihr als »Grüß Gott« Butter und Eier und Käse mit. Und die Regina fühlte sich als Gebieterin in ihrem Reich, war freundlich und herablassend, bestellte Milch und Butter und Eier und zahlte gut.

Sie hatten es bald heraußen, die schlauen Bäuerinnen, daß sie von der Regina jeden Preis für ihre Waren verlangen durften. Denn wenn das Haus voll von Leuten war, dann mußte die Regina eben bezahlen, was gefordert wurde.

Diese geschäftlichen Verhandlungen spielten sich dann meistens in aller Herrgottsfrühe und in der Küche des Gasthauses ab. Da saß die Regina am großen Küchentisch, hatte eine färbige Schürze vorgebunden und eine Schüssel voll Kartoffeln vor sich stehen, die sie putzen wollte. Sie tat so, als schälte sie die Kartoffeln, kam aber nie sonderlich vorwärts mit ihrer Arbeit. Die eigentliche Arbeit leistete die Zenz, ihre jüngere Schwester. Die hatte sich die Regina zur Hilfe genommen, und die schaffte und sorgte mit Lust und Ausdauer, wie sie es drüben im Elternhaus seit Jugend auf gewohnt gewesen war.

Die Regina aber saß jetzt am liebsten in der Küche und leitete von hier aus ihren Hausstand. Da sah und hörte sie alles, was vorging, und sie naschte von den guten Speisen und achtete doch scharf darauf, daß nichts vergeudet wurde. Diese Übersicht und ein gewisses Mißtrauen gegen alles, was etwa zu ihrem Nachteil geschehen könnte, hatte sie sich überraschend schnell angeeignet.

Allabendlich zog die Regina eines ihrer feinen städtischen Gewänder an, belud sich überreich mit goldenen Ketten, Ringen, Broschen und Armbändern und ging hinüber in das große Eßzimmer zu den Fremden. Dort ging sie von Tisch zu Tisch, lachte und plauderte und scherzte mit den Gästen und war wieder das liebe, sorglose Regele von einst.

Die Perlmoser Julie hatte als Kellnerin alle Hände voll zu tun. Ein Glück, daß sie zwei Helferinnen hatte; denn allein wäre sie ihrer Aufgabe wohl oft nicht gewachsen gewesen. Ihre Schwester, die Rosina, und die Zeißler Anna, die auch mit auf Reisen gegangen war, halfen ihr auf Geheiß des Florian Siegwein dabei.

»Müaßt's halt a bissl arbeiten helfen, ös zwei!« hatte der Florl schon während des Winters zu ihnen gesagt. »Nachher g'halt' i enk bei mir im Haus über'n Sommer, und ös braucht's nix zu bezahlen. Aber natürlich, faulenzen, dös gibt's nit. Das kann i nit derlauben.«

Sie überanstrengten sich zwar nicht, die beiden Dirndeln mit ihrer Arbeit. Sie spielten sich ein bissl zum Zeitvertreib und überließen der Julie ruhig und ohne Gewissensbisse den Löwenanteil. Sie schliefen, wie einst der Florl und das Regele, bis tief in den Morgen hinein und durchsangen und durchtanzten die halben Nächte.

Es ging oft hoch her da oben in dem Alpengasthof. Und oftmals kamen die Burschen vom Dörfl herauf, um zuzuschauen beim Tanz. Aber der Florl gestattete ihnen das Zuschauen nicht. In seiner jovialen Art lud er sie ein, mitzutun und ließ ihnen eine Maß Wein nach der andern vorstellen.

Das Wirt spielen, das verstand er großartig, der Florian Siegwein. Er wußte ganz genau, daß ihm der Wein, den er den Burschen spendete, zum Schluß etliche Flaschen Sekt eintragen würde. Denn erst dann, wenn auch die Burschen da waren, kam die Unterhaltung richtig in Schwung. Dann wurde nicht nur gesungen und getanzt, sondern auch tüchtig gezecht.

Auch der Stanis vom Alpl droben fand sich nun öfters hier ein und erfreute sich an dem freien Wein. Er war immer noch ein ausgezeichneter Schuhplattler, und wenn der kleine, haarige, schwarze Kerl mit seiner tollen, affenartigen Behendigkeit zu tanzen anfing und dazu seine frechen Witze riß, dann jubelten ihm die Fremden zu und freuten sich an dieser derben Urwüchsigkeit. Und wäre der Stanis jünger gewesen, so hätte er vielleicht noch manche Eroberung unter den feinen Stadtdamen machen können.

Da waren der Tobias Scholl und der Simeringer Franzl, die beiden Burschen, die mit dem Florian auf Reisen gegangen waren. Es war schwer für diese beiden jungen Leute, eine Beschäftigung über Sommer zu finden. Sie eigneten sich zu nichts mehr so recht, wollten nirgends anpacken und verursachten dem Florian viel Kopfzerbrechen.

Beschäftigen mußte er sie, das wußte der Florian ganz genau; denn so lange Zeit hindurch müßig im Haus herumzusitzen, das konnte bei diesen starken jungen Männern zu nichts Gutem führen. So wies er sie denn an, den Fremden als Führer in den Bergen zu dienen. Sie waren ja in den Bergen aufgewachsen, kannten alle Wege und Fährnisse und vermochten daher mit Leichtigkeit dieses Amt zu versehen.

Mit diesen Burschen gut auszukommen war für den Florian weit schwerer als wie mit den beiden Dirndeln. Ganz besonders schwierig war es hier in der Heimat, wo der Ton zwischen den Fremden und den Sängern ein viel mehr ungezwungener war wie draußen in den Städten. Und der Florian Siegwein hatte manchen harten Kampf mit den Burschen auszufechten.

Oft dehnten sich die Zechgelage bis in die ersten Morgenstunden, und es geschah, daß der Franzl und der Tobias wiederholt nicht mehr ganz nüchtern waren. Gerade das, was der Florl auf seinen Reisen so strenge zu verhüten gewußt hatte, passierte ihm in der Heimat und bereitete ihm schlimme Stunden der Sorge.

Seine Interessen als Wirt verboten es ihm, mit jener unnachsichtigen Strenge dagegen vorzugehen, wie das in der Stadt der Fall gewesen war. Hier konnte er nur durch Güte und Zureden dagegen einwirken. Der Erfolg war, daß die Burschen immer wieder rückfällig wurden, so sehr sie dem Florian auch Besserung versprochen hatten ...

Eines Tages war der Wastl zu dem Florian gekommen und hatte ihm sein Anliegen vorgetragen. Gerade mitten im Hochsommer war's, wo ein Bauer nur schwer von seiner Arbeit fort konnte. Der Florian war daher nicht wenig verwundert, als er den Wastl in der Bauernstube seines Gasthauses sitzen sah. Im Feiertagsgewand war der Wastl und schaute ziemlich gedrückt und kleinlaut drein.

Als der Florian hörte, um was es sich handelte, hatte er zuerst das Gefühl, als müsse er den Wastl mit aller Macht von seinem Vorhaben abbringen. Er tat ihm leid, dieser Mann, der so mit allen Fasern seines Herzens in der Heimaterde wurzelte. Ein Unrecht war's, ihn fortzunehmen von hier. Das wußte und erkannte der Florian. Und deshalb zögerte er, auf den Vorschlag des Wastl einzugehen.

»Weißt was, Wastl ...« sagte der Florian und pflanzte sich breitspurig vor dem schlichten Bauersmann auf ... »i nahmet di und dei' Weib gern mit. Vom Herzen gern. Dös woaßt. Aber ... eigentlich ... i muß dir's döcht sagen, Mensch ... die Sach' paßt do nit für di! Sollst dir's do no gründlich überlegen. Schau ... a Hoamatl legt man nit weg wia an alt's G'wand. Überleg' dir's no ... Wastl!« riet ihm der Florian eindringlich.

Der Wastl saß schwerfällig und ungeschickt auf dem Holzsessel und fühlte sich äußerst unbehaglich in der ganzen Umgebung. Er zog den Kopf ein und starrte nachdenklich zu Boden.

»Hab's schon überlegt, Florl ...« sagte er dann traurig. »Die Vef will's a so haben. Kannst nix machen. Sagt, unser Güatl ist zu kloan für uns alle. Wir sollen Geld verdienen, damit wir a größeres Güatl kaufen können!« erklärte er dem Florl entschuldigend.

Da überkam den Florian Siegwein ein ehrliches Mitleid mit dem Jugendfreund. Er wußte es bestimmt: ein Bauerngut würden die beiden, waren sie erst draußen gewesen, niemals erwerben. Und der Florl sagte ihm das auch ehrlich ins Gesicht. Aber der Wastl glaubte es nicht. Er dachte, daß er für seinen Teil die Sehnsucht nach der Bauernschaft niemals im Leben würde verlieren können. Und so wie er es fühlte, glaubte er es auch von seinem Weibe.

Der Florian Siegwein sah, daß der Sinn des Jugendfreundes nicht zu wandeln war. Schließlich hatte er ja seine Pflicht erfüllt und den Wastl gewarnt. Wenn der es nicht anders haben wollte, weshalb sollte er, der Florian, seinem eigenen Glück hindernd im Wege stehen?

Denn der Florian wußte: es war ein Glück für ihn, wenn sich das Ehepaar Sebastian und Genovefa Hagspiel seiner kleinen Künstlertruppe anschloß. Solche Sänger, wie diese beiden, fand der Florian Siegwein so schnell nicht wieder. So sagte er denn, innerlich freudig erregt, dem Wastl zu und gab ihm den Handschlag. Der Handschlag aber bedeutet für den Bauer dieser Gegend sein Ehrenwort und gilt ihm heilig.

Und der Wastl leerte seinen Wein hastig und ging mit seinen ungeschlachten Beinen so schnell als er nur konnte von dem Hause fort. Der Florian stellte sich auf die Veranda seines Hauses und schaute ihm nach, wie er schwerfällig und doch rasch den Berg zum Dörfl hinuntersprang und dann plötzlich unschlüssig stehen blieb und die Richtung gegen das kleine Hochtal zu einschlug.

Er war in diesen Jahren, seit er in der Gungl hauste, ein richtiger Bergbauer geworden, der Wastl. Schon etwas steif in den Gliedern und ungelenkig beim Gehen. Die harte Arbeit bringt es mit sich, daß sie rasch altern, die Bauern. So dachte der Florian Siegwein. Und wünschte in seinem Herzen, daß der Wastl heute doch nicht zu ihm gekommen wäre.

Zehntes Kapitel

Das war ein trauriger Auszug aus der Heimat. Am Vorabend des Rosenkranzfestes war es, das in die zweite Hälfte des Oktobers fällt.

In aller Herrgottsfrühe zogen sie aus. Der Tag begann sich kaum zu lichten, und dicht und schwer hingen noch die weißen Nebel ins Tal herab. Naßkalt und unlustig war der Morgen. Einer jener Herbstmorgen, an dem es noch unentschieden ist, ob er sich zum schönen oder schlechten Tag auswächst.

Weiß glitzerte der Reif, und die langen Fäden des Grases, die von den glatten Felswänden herabfielen, hingen welk und müde und zeugten davon, daß die Natur im Sterben begriffen war.

Die Vef hatte ihr bestes Feiertagsgewand angelegt und trug ihr jüngstes Kind im Arm, während der Älteste in langen und unförmigen Höschen und mit einem Hut am Kopf, der das Gesichtchen fast ganz verdeckte, tapfer neben seiner Mutter einherlief und sich an ihrem hochgesteckten Rocke festhielt.

Voran ging der Wastl und hatte die wenigen Habseligkeiten auf seine Kraxe geladen. Obenauf steckte ein blondes Büblein sein Köpfchen heraus und guckte mit ängstlichen Augen umher, während der Vater den Zweitjüngsten auf dem Arme trug.

Er hatte gleichfalls sein bestes Gewand angelegt, der Wastl, weil es ihn die Vef so hieß. Die Vef hatte in diesen letzten Tagen, die sie noch in der Gungl hausten, mehr denn je das Regiment geführt. Mit dem Wastl war nicht viel anzufangen. Wie einer, der im Traume wandelt, war er gewesen. Hatte geduldig alles getan, was ihm die Vef gebot, ohne Widerspruch und ohne zu murren. Aber sein müdes, trostlos trauriges Gesicht reizte die Vef mehr, als wenn er sich ihr widersetzt hätte ... und mehr denn je schrie sie in dieser Zeit im Hause herum.

Vielleicht wollte sie durch ihr zornig herrisches Gehaben den inneren Vorwurf niederkämpfen, der leise mahnend an ihr Gewissen klopfte. Sie wollte nicht gemahnt werden, die Vef, wollte nicht daran denken, daß ihre Kinder nun obdachlos sein würden, und sie betäubte ihr Gewissen damit, indem sie sich einredete, nur eben diesen Kindern zuliebe geschehe alles, was sie vorhatte.

Ihr Bruder Jakob, derselbe, der früher droben am Alpl als Senner tätig war, hatte sich mit dem Schwager geeinigt und das kleine Gütl in der Gungl in Pacht genommen. Ein Glücksfall war das für den Jackl, genau so wie damals für den Wastl. Denn nun konnte er seinen längst gehegten Wunsch erfüllen und heiraten.

Der Vater Perlmoser war noch rüstig beim Zeug und dachte ... trotzdem er sich noch immer recht hart mit der Wirtschaft tat ... gar nicht daran, seinen Hof dem Sohn zu übergeben. Leicht hätte der Jackl alt und grau werden können, bis es dem Perlmoser einmal eingefallen wäre, seine Herrschaft abzutreten.

So war denn der Jackl voll Dankbarkeit und versprach dem Wastl gern alles, was dieser haben wollte. Der Wastl hatte aber nur eine Bedingung gemacht, und diese war, daß der Jackl den Martl zu sich nehmen sollte, sobald er verheiratet war.

Der Martl, das war der älteste Sohn des Wastl und der Vef, das kleine blonde Bübl, das heute, trotzdem es noch nicht einmal fünf Jahre zählte, so tapfer wie ein Erwachsener in dem kalten Oktobermorgen neben der Mutter herlief. Gerne hatte der Jackl diese Verpflichtung übernommen und es dem Schwager in die Hand hinein versprochen, das Kind wie ein eigenes zu halten.

Die Vef verstand diese Forderung ihres Mannes nicht so ganz. Erst, als sich der Wastl näher erklärte, begriff sie.

»Woaßt ...« sagte der Wastl in seiner schwerfälligen Weise zu dem Schwager ... »'s kam' mi halt so viel hart an, wann i mir fürstellen müaßet ... fremde Leut', und wann's aa der Bruder von mein' eigenen Weib ist ... hauseten in mein' Hoamatl. Wann i aber woaß, daß a meiniger Bua no herinnen ist ... aft ist's mir völlig a bissl leichter. Aft stell' i mir für, daß du und dei' Weib 's Güatl ... mei' Güatl ... für mein' Buab'n halten tatet's. Woaßt, Jackl, aft ist's do no alleweil unser Hoamatl, und sell ist leichter zu tragen, wenn man dran denkt, als wia's war, wenn koaner mehr von uns da herin hauset.«

So traurig und gedrückt sagte das der Wastl, daß der Vef die hellichten Tränen in die Augen schossen. Sie überwand aber diese Schwäche und suchte rasch nach einer Ausflucht, um wieder zornig schreien zu können.

Dem Wastl war es recht schwer geworden, seine Kinder unterzubringen. Völlig darum betteln hatte er müssen. Zuerst war er zu den Schwiegereltern in das kleine Hochtal hinaufgegangen. Da war er aber schlecht angekommen, als er sein Anliegen vorbrachte.

Der Perlmoser schrie und tobte, als er von dem Entschluß des Wastl hörte. Was? Jetzt wollte auch noch seine dritte Tochter diesen Narrenturm mitmachen und auf Reisen gehen? Wollte gar ihre Kinder im Stich lassen und sie den Großeltern aufhalsen?

»Recht kommod ... so eppas!« rief der Perlmoser zornig. »Aber da wird nix draus ... daß d' es woaßt. Wann schon du koa Ehr' und G'wissen mehr hast ... i hab' oans. Und für so eppas gib i mi nit her! Ös habt's dahoam zu bleiben! Verstanden?« schrie der alte Mann erbost.

Er war ein harter Bauernschädel, der Perlmoser, und nur schwer von einer einmal vorgefaßten Meinung abzubringen. Der Perlmoser war wohl fast der einzige Bauer im ganzen Umkreis, der seine Ansicht über den Florl und die Regina auch jetzt noch beibehalten hatte. Und so erzürnt war er noch immer über diese beiden, daß er sie, wenn er zufällig einmal mit ihnen zusammentraf, hartnäckig übersah und ohne Gruß an ihnen vorüberging.

Und unversöhnlich war der Bauer auch mit seinen Töchtern, der Rosina und der Julie. Als die Rosina im Frühling heimgekommen war und auf den Perlmoserhof zu den Eltern kam, da war der Alte genau so grob mit der Tochter wie damals mit dem Florl und der Regina. Sie habe nichts verloren auf seinem Hof, sagte er ihr klipp und klar, und es sei ihm lieber, wenn sie ihm überhaupt nicht mehr unter das Gesicht käme.

Die Rosina war schwer beleidigt, um so mehr, da sie viel Geld mitgebracht hatte, das sie der Mutter heimlich zustecken wollte. Aber keinen Knopf durfte die Bäurin von der Rosina annehmen. Bei Heller und Pfennig mußte sie's der Tochter zurückbringen, als der Bauer hinter die Sache kam.

»Und ehnder verreck' i ... als daß i mir von so oaner eppas schenken lasset!« rief der Perlmoser zornig. »Soll arbeiten ... das Mensch ... wia amerst ... aft war' uns g'holfen. Aber so a Lottergeld brauch' i nit!« erklärte er energisch und ohne einen Widerspruch zu dulden.

Der Perlmoser war in jeder Hinsicht unversöhnlich geblieben. Um keinen Groschen durfte dem Florian Siegwein für seinen Gasthof etwas geliefert werden. Er wußte es wohl, der Bauer, daß der Florian hohe Preise für Butter, Milch und Rahm bot, und für den Perlmoser wäre es recht bequem gewesen, wenn er seine Produkte gleich hätte herabliefern können, statt sie den zeitraubenden Weg ins Tal hinaus zum Verkauf tragen zu lassen.

Sein harter Bauernschädel ließ das aber nicht zu. Nie und nimmer, so hatte er geschworen, würde er der »Bande« da drüben etwas liefern, und hatte sich deswegen sogar mit den Nachbarsleuten verfeindet. Der Söllerbauer hatte gleich den übrigen Bauern seine Meinung über den Florian geändert und war stolz auf seinen Schwiegersohn geworden. Gleich den andern umschmeichelte er jetzt den Mann, der neues Leben und viel Geld ins Land hereinbrachte ...

Der Wastl dachte daran, wie er jetzt mit seiner Last am Rücken und dem Knaben im Arm gebückt durchs Tal herausschritt, wie hart das damals gewesen war, für seine Kinder ein Unterkommen zu finden. Die Perlmoserin hatte sich endlich ins Zeug gelegt und für die Enkelkinder ein gutes Wörtl bei dem Großvater geredet.

Die Perlmoserin war eine robuste, etwas vierschrötige Person, anfangs der Fünfzig. Ein Arbeitstier und von unermüdlichem Fleiß, wie es selten zu finden war. Von dieser Mutter hatten die drei Perlmosermädeln wohl die Lust an der Arbeit gelernt, die für sie früher nur ein frohes Spiel gewesen war. Sie war mittelgroß, die Perlmoserin, und hatte ein gutmütiges, beschränkt dummes Gesicht. Es war stark gerötet und mochte in der Jugend wohl einmal so zart und rosig gewesen sein wie das ihrer beiden blonden Töchter. Jetzt aber war es schwammig und etwas aufgedunsen, und die hellen Augen hatten ihren Glanz eingebüßt. Das blonde Haar war dünn und farblos geworden, und die Zöpfe reichten kaum mehr aus, sie um den breiten Kopf zu legen. Nur mühsam konnten sie noch zum Kranz geordnet werden; aber das schmale schwarze Samtband, das die Perlmoserin gleich den übrigen Bäurinnen als Abschluß am Haarscheitel trug, verdeckte zum Teil den spärlichen Wuchs und erhöhte zugleich den Eindruck der Sauberkeit und Ordnung, den die Bäurin stets zu machen pflegte.

Von jeher war der Perlmoser unumschränkter Herr und Gebieter im Hause gewesen, und sein Weib hatte nie auch nur den leisesten Versuch gewagt, sich gegen ihn aufzulehnen. Und als die Bäurin jetzt auf einmal sich auf die Seite des Schwiegersohnes stellte und gegen ihren Mann auftrat, war dieser zuerst so erstaunt über diese Kühnheit, daß es ihm einfach die Rede verschlug.

Lange hatte es die Bäurin mit angehört, wie der Vater auf den Wastl einschrie, zornig und ohne Gerechtigkeit, und hatte wie immer kein Wort darein geredet. Bis ihr Mitleid für die Kinder die Oberhand gewann und sie sich gegen ihren Mann auflehnte.