Part 11
Seit jener Unterredung mit der Julie wurde die Vef noch launenhafter. Jetzt schrie sie nicht allein den Wastl an, sondern auch die Kinder waren ihr überall im Wege, und sie teilte Püffe und Schläge aus, ohne eine wirkliche Ursache dafür zu haben.
Als dann nach Lichtmeß das Kleine kam, zeigte die Vef nur wenig Freude an diesem Kind. Es war ein Mäderl und hatte die dunklen Augen und das dunkle Haar vom Wastl. Die ersten drei waren Buben und blond und helläugig wie ihre Mutter.
Die Vef hatte in diesem einen Jahr, nachdem der Göd gestorben war, ihr übermütiges Lachen eingebüßt. Wenn's so weiter ging mit ihr wie bisher, dann würde sie früh altern und ein böses und zänkisches Weib werden.
Dieses Gefühl hatte wenigstens der Wastl, und es drückte ihn schwer, daß er so gar nichts dagegen zu tun vermochte. In ruhigen Stunden der Überlegung sagte sich die Vef das auch selber, und sie war ehrlich genug, die Ursachen dieser inneren Wandlung zu erforschen und schonungslos einzugestehen ...
Das war im Frühsommer, und die Julie war längst wieder daheim und wahrscheinlich schon in ihrer neuen Stellung als Kellnerin tätig. Da fügte es sich, daß die Vef und der Wastl wieder einmal wie in früheren Zeiten ruhig und vertraulich miteinander sprachen.
Seit Wochen hatten sie arges Regenwetter gehabt in der Gungl. Naßkalt war es und unlustig wie mitten im Winter, so daß sie in der Stube hatten heizen müssen. Die Nebel hingen dicht und schwer ins Tal herab und kürzten die langen Sommertage und machten sie grau und bleiern. Die Heumahd hatte zurückstehen müssen, und teilweise war ihnen das Heu während der Arbeit verfault.
Zu solchen Zeiten konnte man hier drinnen nicht viel anderes anfangen, als trübselig in der Stube hocken und geduldig die besseren Zeiten abwarten, die ja doch wieder kommen mußten.
Der Wastl hatte die Zeit aber doch genützt. Hatte draußen vor der Hütte den ganzen Tag hindurch Holz gespalten und den Vorrat dann fein säuberlich an die Wände der Hütte aufgeschlichtet. Das weit vorspringende, mit Steinen beschwerte Schindeldach schützte das Holz vor Nässe, und die Luft trocknete es aus, und bis zum Winter würde der Vorrat rings um das Haus und bis nahezu unter das Dach hinaufreichen und das Häusl so gleich einer zweiten Mauer wärmend umgeben.
Seit dem Tod des alten Göd hatten sie nun etwas mehr Platz in der kleinen Hütte und brauchten die Stube nicht mehr als Schlafraum zu benutzen. Sie hatten jetzt, wie andere Bauersleute auch, ihre richtige Wohnstube, und die Vef hätte eigentlich recht zufrieden und glücklich sein können, wenn sie eben noch dieselbe gewesen wäre wie ehedem. So aber nagte der Neid an ihr und machte sie unzufrieden und launisch. Sie gestand es dem Wastl aufrichtig ein, an jenem Abend, als er müde vom Holzhacken noch eine Weile bei ihr in der Stube saß.
»Weißt, Wastl ...« begann die Vef zögernd ... »amal muß i döcht an offenes Wörtl mit dir reden.«
Die jungen Eheleute saßen allein in ihrer kleinen Stube. Seite an Seite auf der Bank im Herrgottswinkel. Die Kinder schliefen bereits in der Kammer nebenan. Ein Talglicht brannte am Tisch und warf seinen matten Schein gespenstig durch die niedrige braune Balkenstube.
Und draußen plätscherte der Regen einförmig und unaufhörlich, wie jetzt schon seit vielen Tagen. Der Wastl sah müde und schläfrig aus und gähnte laut und ausgiebig von Zeit zu Zeit. Die Vef, in ihrem einfachen Arbeitsgewand, mit der dunkelfärbigen Schürze, hatte die Ärmel aufgestülpt und ihre nackten, schöngeformten Arme auf den Tisch gelegt und stützte ihren Kopf schwer mit der rechten Hand.
»Wenn man's so recht bedenkt ...« fuhr die Vef zu reden fort ... »so haben wir zwei do eigentlich a recht's Hundeleben da herinnen. Schinden und rackern uns und bringen's unser Lebtag auf kein' grünen Zweig.«
Jetzt hielt die Vef mit reden inne und wartete, was ihr Mann darauf zu sagen hätte.
Der Wastl aber sagte gar nichts. Er gähnte nur und bereitete sich vor, nun baldmöglichst in die Schlafkammer zu verschwinden. Denn nun, wußte er, würde der gemütliche Plausch, den er heute abend mit der Vef gehabt hatte, wieder in einer Schimpferei über die Gungl und die hier herrschende Öde und Langeweile enden. Das war jetzt immer so gewesen in der letzten Zeit, und da konnte man eben nichts dagegen tun, als schleunigst die Flucht zu ergreifen.
Die Vef beobachtete mit festen, forschenden Blicken ihren Mann, wie sie so in nachlässig bequemer Haltung auf den Tisch gestützt neben ihm saß.
»Wastl ...« fing sie dann neuerdings zu reden an, und ihre Stimme klang sanft und mild wie schon lange nicht mehr ... »ist dir nit schon selber der Gedanken kömmen ... daß wir's uns eigentlich aa besser einrichten kannten? Schau ... wir waren do no nit alt ... sein all's beide junge Leut', und's ist völlig schad' um uns, daß wir uns da herinn lebendig eingraben tian. Wenn wir halt do eppas Besseres finden taten ... eppas ... i moan ...« Und jetzt stockte sie, leicht verwirrt, und sah fast hilfesuchend zu ihrem Mann auf, der an die Holzwand zurückgelehnt dasaß und die Arme verschränkt unter dem Kopf hielt.
Der Wastl sagte noch immer kein Wort, starrte mit leeren, schläfrigen Augen in die Luft und schwieg. Er war klug und vorsichtig geworden, der Wastl, und wollte nicht durch irgend eine Unvorsichtigkeit den Zorn seines Weibes erregen. Und dann begriff er es überhaupt nicht, auf was die Vef mit ihrem Gerede eigentlich hinauswollte.
Sie mußte also schon deutlicher werden. Das sah sie ein, und die Schwerfälligkeit und Begriffstützigkeit ihres Mannes brachte ihr das Blut in Wallung, so daß sie sich geärgert erhob und mit der flachen Hand zornig auf die Tischplatte schlug.
»Stell' di nit a so deppat!« fuhr sie ihn an. »Du weißt recht gut, was i moan! Verkaufen sollst dö Lotterhütt'n ... dö elendige! I mag nimmer bleib'n da herin!«
Der Wastl war über den jähen Ausbruch seines Weibes zu tiefst erschrocken.
»Aber Vef ...« stammelte er und sah ihr mit seinen guten, treuen Augen ins Gesicht. »Aber Vef!«
»Ja ... freilich! Dös ist wohl alles, was du kannst!« höhnte das Weib. »Aber Vef! Aber Vef! Aber nix da ... sag' i ... i mag nimmer! Tu, was du willst ... aber no an Winter in dem Sauloch da herinnen halt' i einfach nit aus!« schrie sie ihn aufgebracht und zornig an.
»Ist dös dei' Ernst, Vef?« brachte der Wastl sehr langsam und mit gepreßter Stimme hervor. »'s ist döcht unser Hoamatl. Hast's do amal gern g'habt ... Vef ... 's Hoamatl ...« sagte er innig und mit Wärme.
»Freilich. Weil i nix Besseres kennt hab' ... Aber iatz bin i nimmer so dumm!« Das Weib stemmte ihre vollen Arme in die üppigen Hüften und stellte sich resolut vor ihrem Mann auf. »Moanst, dös wurmt mi nit, daß i alloan so dumm g'wesen bin und g'heirat' hab'? Reu'n tuat's mi, soviel i Haar' am Kopf hab' ... daß d' es woaßt. Verkümmern und versauern kann i da herin und bin döcht nix als wia an arm's Lotterweib. Und die Rosina und die Julie haben's schianste Leben! Und wenn iatz aa no die Julie an Haufen Geld verdient, aft kannst mi gern hab'n!« schrie sie wütend. »Aft renn' i dir davon, so wie i bin ... und geh'aa no singen. Daß d' es woaßt!«
So zornig und aufgebracht war die Vef, daß sie sich nicht mehr anders helfen konnte und beide Hände vors Gesicht hielt und laut zu weinen anfing. Ratlos saß der Wastl da und wußte nicht, was reden und deuten. Er fühlte nur, wie eine schwere Traurigkeit über ihn kam, die sich ihm beklemmend aufs Herz legte. Und sagte kein Wort, der Wastl. Nur das Atmen kam ihn hart an, war schwerer, als wenn er draußen die Zentnerlast auf der Kraxen von den Schrofen herabtrug.
Allmählich beruhigte sich die Vef wieder, und ihr Weinen wurde leiser und weniger leidenschaftlich.
»Vef ...« bat da der Wastl leise ... »kann dös wirklich dei' Ernst sein? Unser Hoamatl ... und die Kinder ...« Er brachte nichts mehr hervor. Die Worte blieben ihm in der Kehle stecken, und es würgte ihn und stieg ihm heiß und bitter in die Augen.
Da wurde das Weib wieder ganz ruhig. Sie hatte ihn ja doch lieb, ihren Wastl, und auch die Kinder. Und wollte ihm gewiß nicht wehe tun. Nur, daß der Hunger nach Leben und Genuß in ihr erwacht war, daß sie sich jetzt unzufrieden fühlte und innerlich elend.
»Schau ... Wastl ...« fing die Vef nun neuerdings zu reden an und legte ihren vollen Arm um den Hals des Mannes. »Schau ... i will di ja nit kränken. Tu mir's nit verübeln. 's hat außer ~müssen~! Siegst ... wann nit alleweil der Vergleich da war' ... wann i nit alleweil an die Rosina und an die Julie denken müaßat ... aft war' i nit so g'worden. Wann dös mit die zwoa nit kömmen war' ... meiner Seel' und Treu ... i war' zufrieden g'wesen mit unserm Hoamatl. Woaßt wohl selber, wia i mi g'freut hab' drauf, gelt? Und siegst, Wastl, seit der Göd nimmer ist ... ist's grad, als wenn unser guter Schutzgeist dahin war'. Siegst ... ~der~ hat einerpaßt in die Gungl. Und du paßt aa einer ... Aber i ... i pass' nimmer her! Der Göd ... dersell hat nix Schianeres kennt als wie die Schrofen und Berg' und dös Rauschen vom Bach drunten. I hab'n oft zuag'schaut, wia er dag'standen ist vor der Hütt'n. Z'morgens in der Fruah, wenn die Sonn' ang'hebt hat zu leuchten droben auf die Wänd'! Völlig an Andacht ist dös g'wesen. Und wia a Heiliger ist er mir oft fürkömmen ... wia oaner, der die Berg' anbeten tut. Und er hat betet, der Göd! I hab's g'sechen. In koaner Kirch' hätt' dös schianer sein können, als wenn der alte Mann, der's kaum mehr derstanden hat, vor der Hütt'n g'wesen ist, den Huat abertan hat und die dürren Händ' g'faltet hat. Aft ist mir fürkömmen, da droben in die Wänd' ... zuhöchst auf die Gipfel oben ... da müsset der Gottvater selber sein und aberschaun. Und oftmals hab' i mir vorg'stellt ... wenn in der Fruah die weißen Wolken aufg'stiegen sein und die Sonn' durchg'leuchtet hat, daß alles nur oa Silberglanz g'wesen ist vor lauter Pracht ... daß die Wolken a Vorhang wären und das Allerschianste, das es gibt, versteckt halten taten. Siegst, Wastl ...« die Vef lachte leise und träumerisch ... »a so bin i g'wesen. Fast kindisch ... kannst mir's glauben!« beichtete sie. »I hab' mir fürg'stellt ... dös Allerschianste hinter den silbrigen Wolkenglanz ... dös müaßet a Königin sein. Woaßt ... so ... wie si halt unseroans a Königin vorstellt. Auf und auf voll Glanz und Gold. Hatt' nit viel g'fahlt, und i hatt' sie am End' wirklich no g'sechen ... dö Königin!« lächelte das junge Weib wehmütig. »Weil's mir so ans Herz g'riffen hat, wenn i den alten Göd in aller Herrgottsfruah zum Himmel aufi hab' beten sechen.«
Die Vef hielt einen Augenblick inne und fuhr sich mit der Hand nachdenklich über die Stirne. »Siegst, Wastl ...« fuhr sie dann leise zu reden fort ... »da ist mir g'wesen ... wenn i grad a so wie der Göd fromm sein kunnt und so wie er die gewaltige Liab zur Heimat hätt'. I hab' alleweil g'moant, i hätt' die richtige Liab zu unsere Berg'. Aber naa, Wastl, iatz woaß i's erst ... i kenn' sie gar nit. Der Göd ... ja ... dersell hat sie g'habt. Aber er war halt aa alt, und i bin jung. Kimmt mir für ... wir haben a neue Zeit kriagt. 's muß wohl a so sein! Ganz g'wiß! Weil's uns junge Leut' forttreibt von der Heimat.« Traurig neigte das junge Weib ihren Kopf und machte eine kleine Pause, ehe sie mit ihrer Beichte weiterfuhr.
»'s will mir nimmer g'fallen da herin, Wastl!« sagte sie beinahe tonlos. »So fein's mi amerst dunkt hat ... völlig schiach kimmt's mir iatz zeitenweis für.«
Es war ganz still in der kleinen Stube. Nichts regte sich wie draußen vor den Fenstern das monotone Rieseln des Regens. Und ab und zu der schwere Atem des Mannes, der regungslos an der Seite seines Weibes saß und mit tieftraurigen Augen vor sich hinstarrte.
»Z'erst ist's angangen ...« fuhr die Vef über eine Weile mit ihrem Bekenntnis fort ... »wia der Florl und die Regina da herin g'wesen sein. Da hab' i ang'hebt zu sinnieren. Hat mir nit eing'leuchtet, daß iatz gar aa mei' eigene Schwester auf die Wanderschaft geht. Hab' alleweil an sie denken müssen. Und meiner Seel' ... oft ist mir fürkömmen in denselbigen Winter ... i muß auf und davonrennen. Grad ... daß der Göd no g'lebt hat. Und vor densell hatt' i mi g'schamt. Woaß nit, was es war! Hätt's nia nit verlauten lassen können vor ihm, daß mir eppas nit passen tat' in der Gungl. Leicht war's ... weil i a Scheu g'habt hab' vor seiner heiligen Liab zu die Berg' ... Kann sein, daß es dös war!« sagte sie leise und sehr nachdenklich. »Aber ... i hab' die Liab nimmer, Wastl. Hab' an Unrast in mir und möcht' außi ... grad fort und in die Welt außi.« Das junge Weib hatte sich erhoben und breitete sehnsuchtsvoll die Arme aus.
»Wastl!« sagte sie warm und voll inbrünstiger Sehnsucht. »Wenn's oan so forttreibt wia mi ... aft ist koa Halten mehr. 's Bluat pumpert mir oft in Kopf, daß i moan, er muß derspringen. Und 's hilft koa Denken mehr und koa Überlegen. Und aa die Kinder ... dö können mi aa nimmer halten. Siegst, Wastl, wann i's bedenk' ... oans nach'n andern kimmt ang'ruckt bei uns. Dauert nimmer lang, und wir derfuttern's nimmer. 's Güatl ist zu kloan dazu. 's sein Lotterkinder aft ... koane Bauernkinder mehr. Und wenn du no so schuftest und rackerst und i no a so alle Fleck' fürer such' zum flicken und ausbessern ... 's hilft nix. Wann die Fleck' für die G'wander größer werden, aft haben wir koa Geld mehr zum kaufen. Und dös ist's. Da stell' i mir für: grad an etline Jahrln vielleicht ... und wir hatten 's Geld beinand und könneten uns an ordentlich's Gütl kaufen. Etline Jahrln lei ... so lang wir jung sein ... dös tun, was der Florl tut und 's Regele und die Rosina. Wir zwoa ... du und i, Wastl ... wir singen besser, wie die alle mitnander. Und wann's uns a Geld eintragt ... z'wegen was sollen grad wir a so dumm sein und 's nit aa tian. Sag' ... Wastl ... moanst nit aa ... 's war' besser, wir sperreten die Hütt'n zua und holen uns das Geld für a schianer's Hoamatl?«
So weich und innig und so voll Liebe konnte das Weib sprechen. Ganz Hingebung war sie jetzt und ganz demutsvoll. Fest umschlang ihr weicher Arm den Nacken ihres Mannes, und ihr Mund küßte den seinen so glühend und leidenschaftlich wie nur in der ersten Zeit ihrer jungen, genießenden Liebe.
Wie ein Rausch überkam es den Mann. In den Händen dieses Weibes war er Wachs, fügte sich nach ihrem Willen, welcher der weitaus stärkere war. Unter ihren schmeichelnden, glühenden Küssen schwanden ihm die Bedenken. Das Schwere, Beklemmende, das ihm auf der Seele lag, wich vor der Seligkeit ihrer hingebenden Leidenschaft. Wohl dachte er an die Trennung von seinen Kindern ... doch die Liebe zu seinem Weibe überwog die Liebe zu den Kindern. An eine Trennung von ihr hätte er niemals zu denken vermocht.
In dieser Stunde aber wurde der Wastl seiner Heimat untreu. Und treulos wurde das Weib, das einstmals nichts Schöneres, Herrlicheres und Heiligeres gekannt hatte wie ihre Kinder und das bescheidene Hüttl vom alten Göd in der Gungl.
Neuntes Kapitel
Der Florian Siegwein und seine Frau Regina waren aufgezogen mit ihrem ganzen Staat in das große Gasthaus, das der Kramer Veit hoch überm Dörfl droben mit dem Ausblick auf die drei Hochtäler erbaut hatte.
Seit der Florl auf eigene Faust auf Reisen gegangen war, duldete er es nicht mehr, daß man das Regele für ein lediges Fräulein hielt. Vor aller Welt galt sie nun als seine Gattin, und der Florl hielt strenge auf Sitte und Zucht bei seinen Leuten.
Man mußte es dem Florian Siegwein lassen. Er war ein anderer, besserer geworden in diesen letzten beiden Jahren. Der leichtsinnige Zug von einst war aus seinem Gesicht vollständig verschwunden und hatte einem berechnenden Ernst Platz gemacht.
Der Florian hatte, gleich dem Kramer Veit, jetzt die Gefahren erkannt, die ihn und seinesgleichen in der Welt draußen bedrohten. Und er war mit sich strenge ins Gericht gegangen. Hatte überlegt, daß er nur durch eiserne Selbstzucht und großen sittlichen Ernst sein Unternehmen vor moralischem Untergang würde bewahren können.
Er hatte erkannt, daß diese jungen Menschen, die sich seiner Führung anvertrauten, mit fester, straffer Hand geleitet werden mußten. Er war sich der großen Verantwortung, die er übernommen hatte, bewußt geworden und wurde ein strenger, aber umsichtiger Führer seiner kleinen Truppe.
Der Florian Siegwein hatte das Versprechen, das er damals dem Kramer Veit gab, getreulich eingehalten. So wie er die jungen Leute übernommen hatte, so brachte er sie wieder in die Heimat zurück. Und trotzdem hatte der Kramer Veit doch auch recht behalten. Sie waren doch, eines wie das andere, von Grund aus verändert. Unverdorben in Sitte und Moral, das waren sie zwar alle geblieben, und das war einzig und allein dem starken, ernsten Willen des Florian Siegwein zu verdanken.
Sie wußten es nicht und erkannten es auch nicht. Waren wie Kinder, die sich willenlos einem Lehrer fügen mußten. Und murrten wie Kinder und lehnten sich oftmals auf gegen seine Anordnungen. Und doch folgten und gehorchten sie.
Der Florian Siegwein war in diesen Jahren innerlich zu einer Persönlichkeit herangereift. Er überragte sie alle weitaus an Verstand und Willen und leitete sie klug und weise und führte sie von Erfolg zu Erfolg.
Was für ein schwaches, hilfsbedürftiges Kind war dagegen seine Frau geblieben! Die Regina war ihrem Manne keine Gefährtin, kein guter Kamerad, der Freud' und Sorge mit ihm teilte. Sie war eine zierliche Puppe, eitel und gefallsüchtig und mit dem Verstand eines lieben kleinen Vögelchens.
Dem Florl war sie aber recht, gerade so wie sie war. Er hätte sie gar nicht anders haben mögen. In ihrer naiv kindlichen Art, so harmlos und unbefangen, war sie für ihn noch immer dasselbe Regele vom Alpl droben, das Regele seiner Jugend und seiner erwachenden Sinne; und in ihr liebte er nicht allein das Weib, sondern sein ganzes Jugendidyll und seine engere Bergheimat.
Mit rührender, fast ritterlicher Aufmerksamkeit sorgte er dafür, daß sie die Stellung voll einnahm, die ihr als seiner Gattin gebührte. Das vertrauliche »Du«, das unter den Landsleuten üblich war, hatte der Florian beibehalten. Nur war jetzt aus dem Florl der Florian und aus dem Regele die Regina geworden.
Dieser feine Unterschied, so unbedeutend er an sich war, brachte es doch mit sich, daß eine gewisse Distanz zwischen ihm und seinen Mitgliedern gewahrt wurde. Der Florian und die Regina waren eben doch andere wie der Florl und das Regele, die ihnen von Jugend auf so vertraut waren.
Der Florian Siegwein verstand sein Geschäft, das mußte man ihm lassen. In diesem Unternehmen war er sicher dem Kramer Veit überlegen. Einen wahren Siegeszug durch deutsche Länder hatte er mit seiner kleinen Truppe unternommen und redlich mit ihnen den Gewinn geteilt. Und das war es wohl auch, was ihm so viel Achtung und Autorität unter seinen Mitgliedern eintrug. Seine unbedingte Ehrlichkeit und sein großer Gerechtigkeitssinn. Er duldete auch nicht die geringste Ungerechtigkeit. Und wenn ein Streit oder eine Verstimmung unter seinen Leuten herrschte, so war stets er das versöhnende und ausgleichende Element.
Daß der Florian Siegwein aber auch die sittlichen Gefahren, welche die schlichten Bauersleute in den großen Städten bedrohten, erkannte und mit starker Hand zu verhüten wußte, das war wohl sein allergrößtes Verdienst und zeugte von seiner außergewöhnlichen Intelligenz.
Die hübschen Tirolerinnen in der schmucken Tracht ihrer Heimat erregten nicht nur Aufsehen, sondern auch das ganz besondere Wohlgefallen junger, reicher Herren. Und wenn der Florl damals, als er noch mit dem Kramer Veit gereist war, leichtsinnig darüber hinwegkam, daß man sein Regele so umschwärmte, so erkannte er jetzt die Gefahr und stemmte sich mit der ganzen Kraft seiner Bauernnatur dagegen.
Er hatte sich eine eigene, fast ritterliche Art im Verkehr mit seiner Frau angewöhnt. Er wußte: nur wenn Mann und Frau einig waren ... wenn die Frau dem Manne heilig blieb und er ihre Reinheit schützend hütete, konnten sie bei ihrer Truppe vorbildlich wirken.
Und der Florian Siegwein wünschte es vom ganzen Herzen, vorbildlich zu wirken. Es war richtig. Er wollte Geschäfte machen und viel Geld verdienen. Aber nichts Unreines und Unehrenhaftes durfte an diesem Gelde kleben. Das mußte ~rein~ erworben werden; denn der Florian Siegwein wollte in der Heimat als ein ganzer Kerl und ein ehrlicher Mann dastehen.
Niemals duldete er es, daß eines seiner Mitglieder allein zu Gast geladen wurde. Wenn junge Kavaliere sich an die Mädchen heranmachten und sie zu Gastmählern einladen wollten, dann winkte der Florian in seiner jovialen, gemütlichen Art, der man nichts übelnehmen konnte, ab.
»Ah naa!« sagte er dann wohl. »Dös geht nit. Die Rosina kann da nit alloan hingehn. Da gehn wir glei' alle mit. Sein oa Familie ... wir Tiroler und haben halt Zeitlang ohne einander!« Und dann lachte er laut und übermütig, so daß die andern unwillkürlich mitlachen mußten. Gegen diese Art war nicht aufzukommen, und der Florian war schlau und pfiffig genug und auch jeder List gewachsen.
So kamen denn die Tiroler immer wie eine Herde zu den Einladungen, mit denen man sie überhäufte. In die feinsten Kreise wurden sie geladen, auf Schlösser und Burgen, und ganz besonders war es die Rosina, die manchen Träger von uraltem Adel zu ihren Verehrern zählte.
Sie ließ sich umschwärmen, wie das früher das Regele getan hatte, mit einer kindlichen Freude darüber und mit der Gefallsucht eines Kanarienweibchens.
Vor der eigenartigen dunklen Schönheit der Perlmoser Rosina hatte die kleine zierliche Regina in den Hintergrund treten müssen. Und das war dem Florian sehr recht; denn jetzt hätte er es nicht mehr ertragen, so wie einstens seine Frau von einem Schwarm von Verehrern umgeben zu sehen.
Noch eines hatte der Florian in dieser Zeit verstehen gelernt. Das war jene Erkenntnis, die der Kramer Veit besaß, vom echten Bauerntum, das in fremdes Erdreich versetzt verderben mußte. An das Verderben glaubte er zwar nicht, aber er sah es an sich selbst und sah es an den andern und erkannte es auch, daß sie alle andere Menschen geworden waren. Menschen mit der Sprache und mit dem Gehaben von Bauern, die sich aber doch besser dünkten wie diese und die Arbeit ihrer Jugend gering schätzten oder gar verachteten.
Und der Florian Siegwein sagte sich: wenn ein Unglück über einen dieser Menschen hereinbräche, daß er seine Stimme oder sein gutes Aussehen einbüßte, so würde er lieber betteln gehen als arbeiten wie ehedem. Und der Florian wußte: darin lag die schwere Schuld, die er auf sich geladen hatte. Ein müßiges, faules Leben hatte er sie gelehrt, ein Leben des Scheinglanzes und der Üppigkeit. Und wenn er jetzt an die bösen Worte vom Perlmoser und vom Söllerbauer dachte, dann mußte er ... wollte er gerecht bleiben ... ihnen beistimmen. Diese Schuld konnte er nur dadurch mildern, indem er trachtete, daß sie Geld ... viel Geld einnahmen.
Ein wahrer Hunger nach Geld war in dem Florian, und diese Gier nach Geld teilte auch seine Frau, die Regina. In diesem Punkt verstanden und fanden sich die Eheleute ganz genau.
Die Regina verstand nicht viel von der inneren, seelischen Entwicklung, die ihr Mann in diesen Jahren genommen hatte. Sie bemerkte sie wohl kaum und kümmerte sich auch nicht darum. Sie sah nur, daß das Unternehmen auch ohne den Kramer Veit gedieh, und sie war stolz auf ihren Florl, der seine Sache so gut machte.
Sie begriff es auch nicht, weshalb der Florian so strenge mit den beiden Dirndeln war und ihnen so gar keine Freiheit gestatten wollte. Und der Florian gab sich auch keine Mühe, sie darüber aufzuklären. Er verlangte von ihr, wie von den übrigen, unbedingten Gehorsam, auch in solchen Sachen.
»Denn,« sagte er, »wo mehrere Leut' beinander sind, muß einer da sein, der leitet. Und das bin jetzt amal ich. Und wann i a Sach' vorwärts bringen soll, nacher heißt's parieren ... grad wie beim Kaiser. Da heißt's einfach: I schaff' an, und du folgst. Und so mach' i's aa!« erklärte der Florian mit einer Energie, die keinen Widerspruch erwartete und auch nicht geduldet hätte.