Part 10
Der Kramer Veit hatte sich, das stand unwiderruflich fest, von dem Florl losgesagt. Er tue bei dem neuen Unternehmen nicht mehr mit, hatte er ganz entschieden erklärt.
»Denn siegst, Florl ...« meinte der Veit, als sie wieder einmal zusammen über die Sache sprachen ... »eigentlich hab' ich's oft schon bereut, daß i dich und 's Regele damals mit auf meine Reisen g'nommen hab'. I hätt's nit tun sollen ... dös ist mir klar g'worden!« sagte er sehr ernst. »Ös zwei seid's ... nimm mir's nit verübel, Florl, aber i muß es sagen ... andere Menschen g'worden da draußen. Die Luft hat enk g'schadet ... dö habt's nit vertragen.«
Schwer und wuchtig legte der Kramer Veit seine Hand auf die Schulter des Florl, der vor ihm in fast demütiger Haltung stand. Gegen die urwüchsige, bodenständige Kraft dieses Mannes kam der Florl nicht auf. Beinahe wie ein Schulbub nahm er sich gegen den Veit aus, und der Florl wußte es auch, daß ihm der Kramer in jeder Hinsicht weitaus überlegen war.
»Und i mag's nit verantworten, Florl ...« fuhr der Kramer Veit zu reden fort, und seine Stimme klang ungewöhnlich weich ... »daß jetzt no andere junge Leut' in dös fremde Erdreich verpflanzt werden. 's tuat ihnen nit gut!« sagte er mit einem Anflug seiner gewöhnlichen Energie. »I weiß es bestimmt. 's geht wie mit 'n Edelweiß. Wie schön blüht der am Joch droben. Aber Bua ... tua'n aber vom Joch und pflanz' ihn im Tal herunten ein ... wia sieht er nachher aus? Ist a Edelweiß und do keiner mehr. A traurige Blüah ... daß oan 's Herz schwer werden könnt', wenn man ihn siecht.«
Schier traurig sah der Kramer Veit auf den Florl herab, den er weitaus überragte. »Grad a so wie du und 's Regele. Seid's Bauern und do keine mehr. Und, desweg'n sag' i mi los von enk!« fuhr er leiser sprechend fort. »Verantwort' du's ... wenn du kannst, Florl ... was du aus die jungen Mannder und die Dirndeln machst. Und i rat' dir's gut ...« beinahe drohend kam es über die Lippen des Kramer Veit ... »lass' die Händ' weg davon! 's geht nit gut aus, das was du sinnst und planst.«
Wie ein Vater zu seinem Sohn, so hatte Veit Galler, der Krämer, zu dem Florl gesprochen. Voll Nachsicht und voll Güte. Aber er war nicht zu bewegen gewesen, dem Florl auch nur einen Groschen für sein Unternehmen vorzustrecken. Und das war die große Sorge, die den Florl jetzt Tag und Nacht drückte.
Zwei Burschen und zwei Dirndeln wollten in diesem Herbst mit dem Florian Siegwein und seiner Frau in die Welt hinausziehen, und von nun ab würde der Florl für sechs Personen aufzukommen haben. Dies erforderte Geld ... viel Geld. Alle Ersparnisse, die er und die Regina in diesen Jahren gemacht hatten, würden daraufgehen und trotzdem bei weitem nicht hinreichen, sein Unternehmen zu decken ...
Der Tag der geplanten Abreise rückte immer näher, und dem Florl wurde es immer schwüler. Noch einmal nahm er sich ein Herz und wanderte mit der Regina übers Bergl hinüber zum Dörfl und zum Kramer Veit.
Er sei gekommen, um Abschied zu nehmen und das Kind noch einmal zu sehen, sagte er erklärend und nicht ohne Wehmut. Denn es war ihm, als ob er Abschied nähme von einem guten Vater, der bis jetzt schützend seine starke Hand über ihn und sein junges Weib gehalten hatte.
Der Florl und die Regina hatten sich in der Stube neben dem Kramer Veit auf die Bank gesetzt und redeten lange kein Wort. Die Notburg saß wie immer im Herrgottswinkel, tief über eine Näharbeit gebeugt, und der kleine Anderl spielte mit dem Moidele und sah abwechselnd zum Fenster hinaus. Er achtete nur wenig auf seine Eltern, war aber freundlich und nicht mehr so trotzig zu ihnen wie im Anfang. Mit ernstem Sinnen stierte der Florl eine Weile vor sich hin, und der Veit kannte gar wohl die schwere Sorge, die auf dem jungen Mann lastete.
»Bua ...« brach der Kramer nun das Schweigen ... »i rat' dir no amal. Lass' gut sein! Bleibt's daheim, du und 's Regele!« meinte er. »Schau, i leih' enk a Geld. Baut's enk eppas! Arbeitet's! Schaut's, daß ös a Wirtschaft gründen könnt's!« sagte er immer eindringlicher. »Gabst kein' unebenen Wirt ab, du, und 's Regele war' ganz a saubere Wirtin.«
Mit einem Anflug seiner alten polternden Heiterkeit fletschte der Veit die Raubtierzähne und schaute dabei fast zärtlich auf die beiden jungen Leute, die geduckt und kleinlaut neben ihm auf der Bank saßen.
»Könnt's fein hausen miteinander ...« meinte der Kramer ... »und könnt's no etline Kinder kriagen und ...«
Da lachte das Regele laut und geziert. »Könnt' mir einfallen! Sölle Balgen aufziehn! I weiß mir was Besseres!«
Erschrocken hielt die Notburg mit ihrer Näharbeit inne und starrte auf das junge Ding, das so gottlose Reden tat. Und als müsse sie den kleinen Anderl vor dieser Mutter schützen, rief sie laut seinen Namen, und das Kind sprang zu der Pflegemutter und schmiegte sich schmeichelnd an sie. Fast hätte sich die Notburg bekreuzigt, so frevelhaft und gottlos kam ihr die Rede des jungen Weibes vor.
Der Florl aber lenkte ein und entschuldigte das Regerl.
»Sie moant's nit so, 's Regele ...« sagte er beschwichtigend. »Leicht ... wenn wir a Heimatl hätten ... leicht wär's anders dann ... gelt, Regele?«
Es lag etwas in dem Ton des Mannes, das den leichten Sinn der jungen Frau bezwang. Etwas Inniges und Warmes, das sie längst nicht mehr bei ihm kannte. Heiß schoß es ihr in die Augen, und ganz verlegen stammelte sie: »Ja ... freilich ... siegst wohl ...« und jetzt wandte sie sich an die Notburg ... »Unseroans kann do nit an Kinder denken, in der Fremd' draußen.«
Der Kramer Veit war ein viel zu guter Menschenkenner, als daß er dem Regele ihr vorlautes Reden weiter nachgetragen hätte. Er wußte: dieses Weib war noch weich und zu biegen. Noch war sie unverdorben, und wenn sie in die Heimaterde zurückversetzt wurde, konnte sie gedeihen wie ehedem. Er sah dem Florl forschend ins Gesicht und wußte, daß der Sinn des Mannes schwerer zu wandeln sei. Er sah den listig schlauen Ausdruck in den hellen Augen und den eigenwilligen intelligenten Zug in dem jungen Gesicht, der von Kraft und Zähigkeit sprach.
»Schlag' ein ... Florl ...« sagte der Kramer Veit über eine Weile und hielt ihm seine Hand ausgestreckt entgegen. »Schlag' ein! I mach' an Wirt aus dir! Magst?«
Fast war's wie damals droben am Alpl. Nur daß der Florl es jetzt gelernt hatte, vorsichtig und genau alle Seiten einer Sache zu überlegen, ehe er zusagte. Der Vorschlag des Kramer Veit gefiel ihm nicht übel ... aber auf das Reisen mochte er doch nicht ganz verzichten. Die große Welt da draußen lockte verführerisch mit ihrem gleißenden Schimmer und mit ihrem süßen, betäubenden Gift. So suchte er denn nach einem Ausweg und unterhandelte mit dem Kramer.
»Sag', Kramer, wo tat'st du's hinbauen ... die Wirtschaft?« frug er ernst und nachdenklich.
»Wohin du willst. Wir da herinn' können überall a gut's Gasthaus brauchen.«
Und wieder dachte der Florl nach und brauchte lange Zeit dazu. Und der Kramer störte ihn mit keiner Silbe und keinem Blick.
»Eppar da aufi ...« frug der Florl dann, streckte den Kopf etwas zum Fenster vor und zeigte mit der Hand auf die steile Wiese, die zu jener Stelle führte, an welcher der Veit als Kind mit seiner Notburg so oft gesessen hatte.
Nun war der Kramer doch etwas verblüfft; denn diesen Vorschlag hatte er nicht erwartet.
»Da aufi?« frug er verständnislos. »Da geht dir do koa Mensch nit hin, Florl!« sagte er kopfschüttelnd.
»Ah wohl! I moanet wohl!« sagte der Florl zuversichtlich. »Wenn du baust ... sag'n wir bis in zwoa Jahr' ist die Sach' fertig ... und 's Regerl und i fahr'n auf als Wirt und Wirtin. War's g'recht, Kramer?«
Noch immer verstand der Veit den Florl nicht.
»Ja und die Gäst' ...?« Seine dunklen runden Augen standen dem Kramer Veit jetzt noch mehr hervor wie gewöhnlich, vor lauter Staunen.
»Die Gäst'? Die bring' i von draußen mit!« erklärte der Florl ganz bestimmt.
»Von draußen ...?«
Der Florl nickte. »Ja. Sollst sehen, Kramer, daß das möglich ist. A neu's Unternehmen.« Der Florl erhob sich, und jetzt war er es, der dem Kramer aufmunternd auf die Schulter schlug. »Und da tust du mit, Veit. Wirst's sechen ... 's geht.«
Und jetzt hielt er dem Kramer Veit die Hand zum Einschlag hin. Aber der Kramer war genau so vorsichtig, wie es vorhin der Florl gewesen war, und zögerte einzuschlagen.
»Du willst dö Fremden ins Land einerzügeln ... in unser Landl?« frug er zögernd und fast so schwerfällig, als wie der Wastl in der Gungl drinnen es getan haben würde.
»Ja. In unser Landl!« nickte der Florl. »Wir brauchen uns do nit zu schamen damit. Sollen nur kommen die Fremden und sich die Augen außerschaug'n, wenn sie unsere Berg' sechen. Schian ist's bei uns da, Kramer ...« der Florl streckte die Arme in ehrlicher Begeisterung ... »wia nirgends in der Welt, kimmt mir für. I und mei' Weib, wir hab'n nit viel Rar's derlebt da, seit wir wiederkömmen sein. Aber ~eins~ hab'n wir derlebt, und dös war das G'fühl, daß wir ~da~ und nirgends sonst dahoam sein. Und desweg'n, Kramer, wenn du Wort halt'st und baust ... daß wir aa a eigenes Dach kriegen ... i schwör' dir's ... daß i's heilig halten will und rechtschaffen wirtschaften.«
Es war lange her, seit der Florl dem Kramer Veit so gut gefallen hatte wie in dieser Stunde. Und trotzdem überlegte er noch, ehe er auf den Vorschlag einging.
»Wann wollt's denn fort ... Bua?« frug der Kramer nach einer kleinen Pause, in der er tief nachdenklich dasaß und den Kopf schwer in die Hand gestützt hielt.
»Morgen in einer Woche.«
»Und du nimmst die andern mit?«
»Ja!« kam es sehr bestimmt zurück. »I nimm sie mit und bring' sie wieder, wie sie iatz sein. I versprich dir's, Veit.«
Da schüttelte der Kramer Veit den Kopf. »Dös kannst nit halten ... dös Versprechen!« sagte er fast tonlos. Dann aber gab er sich einen Ruck, so daß seine kernige, kräftige Gestalt zur vollen Geltung kam. »Aber dös andere ... dös mit der Wirtschaft ... dös will i mir überleg'n und dir no Botschaft bringen, eh' du fortziehst. Kann sein, daß i die Sach' mach' ... kann sein aa nit.« ...
Und in einigen Tagen darauf ging der Kramer Veit übers Bergl hinüber zum Söllerbauer und fragte nach dem Florl. Und sagte diesem in seiner geraden, offenen Weise, daß er die Sache mit dem Bau machen wolle.
»Soll a schian's Häusl abgeben ... Florl ... daß du a Freud' hast. Nit zu groß und nit zu klein. Grad g'recht für enk und etliche Fremde, die ihr mit einerbringen wollt's. Aber nacher, Florl ... dös versprichst mir ... nacher steckst es auf ... dö Singerei ... gelt?« Treuherzig und wie abbittend schaute der Kramer Veit in die Augen des Florl.
Der Florl sah eine Weile zu Boden, ehe er antwortete.
»Wann wir a Heimat haben ... 's Regele und i ... und uns halten können ... i mein' ... wann sich die Sach' aa rentiert ... nacher glaub' i's selber, daß i kein Verlangen mehr hab' ... mi Abend für Abend vor die Leut' hinzustellen und ihnen eppas vorzusingen!« sagte der Florl zögernd. »Aber rentier'n muß sich's halt ordentlich ... dös verstehst wohl, gelt, Kramer?« -- -- --
Ganz zufrieden war der Kramer Veit ja nicht mit dieser Antwort. Aber er baute trotzdem. Er baute, weil ihn das neue Unternehmen interessierte und seinen regen Geist beschäftigte. Auf diese Weise ging ihm der erste Winter, den er wieder in der Heimat verlebte, rasch und abwechslungsreich dahin. Er hatte einen Plan und spann ihn aus. -- -- --
Kaum waren zwei Jahre verflossen, da zogen der Florian Siegwein und seine Frau Regina als Wirtsleute in das Haus, das der Kramer Veit hoch droben überm Dörfl mit dem Blick auf die drei Hochtäler und die Berge und Gletscher im Hintergrund erbaut hatte.
Achtes Kapitel
Der Winter war lang und schwer in der Gungl. Wenn draußen im Tal an den geschützten Stellen der Schnee den warmen Strahlen der Sonne zu weichen begann und die Hänge der Berge ab und zu ihr weißes Kleid mit dem grünen vertauschten, dann merkte man hier drinnen im engen, schluchtartigen Hochtal nur wenig von dem werdenden Frühling.
Ein einsames, abgeschlossenes Dasein war es eigentlich schon hier herinnen. Dieser letzte Winter ganz besonders erschien der Vef endlos und lange. Wenn sie nicht ihre drei Kinderchen gehabt hätte, die ihr vollauf zu schaffen machten, dann hätte sie wohl oftmals Heimweh verspürt nach dem Perlmoserhof. Denn so weltabgeschieden war man dort oben doch nicht wie hier in der Gungl.
Schließlich war sie ja noch jung, die Vef, und hätte manchmal ganz gern einen Hoangart mit Nachbarsleuten gehabt. So aber war außer dem Wastl und dem Göd rein gar niemand vorhanden, mit dem man hätte diskurieren können. Und der Göd zählte schon bald nicht mehr. Von Tag zu Tag schwand seine Kraft, und der Vef war oft recht bange davor, daß der alte Mann just in der allerschlimmsten Zeit dahinsterben könnte. So mitten im Winter, wenn sie oft wochenlang von aller Welt abgeschlossen lebten und der Schnee so hoch vor ihrer Hütte lag, daß sie kaum zu den Fensterscheiben hinausschauen konnten.
Mit vieler Müh' mußte da der Wastl den Schnee rings um die Hütte und bis zum Stadl hinüber wegschaufeln, eine Arbeit, die ihm fast keinen Tag erspart blieb. Denn täglich erneuten sich die Massen des Schnees und fielen dicht und unaufhörlich und hüllten neidisch jeden Ausblick, auch den nächsten, in ein undurchdringlich weißes, wirbelndes und flatterndes Tuch.
Wenn der Alte von der Gungl justament in so einer bösen Zeit dahingegangen wäre, dann hätte es geschehen können, daß man die Leiche vielleicht gar etliche Wochen im Haus hätte behalten und unter Dach einfrieren lassen müssen. Wie dies in abgeschlossenen Hochtälern bei strengen Wintern vorzukommen pflegt. In der engen Hütte, wo buchstäblich eines über das andere stolperte, auch noch eine Leiche zu beherbergen, dieser Gedanke allein machte das junge Weib in abergläubischer Furcht schaudern.
Es war ein weiter Weg zurückzulegen bis zum nächsten Kirchdorf. So an die vier Stunden rechnete man im Sommer, wenn die Wege gut und gangbar waren. Im Winter aber, bei Schnee und Eis, wo man sich jeden Schritt erst bahnen mußte, konnte man völlig die doppelte Zeit rechnen.
Eigentlich war's ja nicht zum verwundern, wenn die Vef manchmal recht übellaunig war und mehr schimpfte, als gerade notwendig gewesen wäre. Manchen Tag hatte sie in diesem letzten Winter, an dem ihr der Wastl rein gar nichts recht machen konnte. Denn daß ihre üble Laune in der Hauptsache ihr Mann zu fühlen bekam, das war eigentlich nur natürlich. Und der Wastl gewöhnte sich auch daran und sah es ein, daß sein junges, lebensprühendes Weib eben doch oft unter der Einsamkeit litt. Ein Glück, daß sie die Kinder hatte, die ihren Sinn ablenkten.
Als es draußen im Tal schon wieder zu sprossen und blühen anhub und herinnen in der Gungl die dichte, festgefrorene Schneedecke unter der warmen Frühlingssonne allgemach dahinschmolz, da war es mit der Lebenskraft des alten Göd auch zu Ende.
Ohne Schmerzen und ohne eigentliche Krankheit war der Alte dahingegangen. Ausgelöscht wie ein Licht, das kein Öl mehr hatte. Auf seinem gewöhnlichen Platz auf der Bank am Herd war der alte Mann eingeschlummert. Am Nachmittag, als es zu dunkeln anfing und sie alle in der Küche waren. In seinem gewöhnlichen Anzug, den Hut am Kopf und in dem grauen kurzen Lodenrock mit den schwarzen Samtstulpen, so war er dagesessen, hatte sich nur mühsam aufrecht halten können und hatte wie immer unverständlich und leise vor sich hingemurmelt.
Und auf einmal war er ganz still geworden. Und die Vef, die am Herd herumhantierte, glaubte, er sei eingeschlafen, wie das schon öfters der Fall gewesen war. Die Kinder spielten und kreischten, und der Wastl wiegte das Jüngste in der Wiege.
Sie war wieder einmal recht übellaunig gewesen heute, die Vef, und der Wastl vermied es, viel mit ihr zu reden. Würde schon wieder besser werden mit dem Humor, wenn erst der Schnee ganz dahin war und man wieder mehr hinaus konnte ins Freie.
Der Wastl gab sich den Anschein, als bemerke er die schlechte Laune seines Weibes gar nicht, obwohl die Vef alles tat, um nur ja recht viel Lärm zu verursachen. Sie klapperte in überflüssiger Weise mit der Pfanne und warf die Deckel auf dem Fußboden herum, und als sie endlich mit der Kocherei fertig war, rief sie laut und mit zorniger Stimme: »Essengiahn!«
Sie mußte ein Ventil haben, die Vef, um jeden Preis, und wenn ihr schon kein Mensch den Gefallen erwies, sie zu ärgern, dann mußte sie eben ohne Ursache schreien. Der Wastl folgte gehorsam und schweigend dem zornigen Ruf, ließ den Säugling in der Wiege liegen und ging mit schwerfällig langsamen Schritten zu dem Tisch, wo die Muspfanne aufgetragen stand.
»Essengiahn!« wiederholte die Vef scharf, als sich der alte Mann noch immer nicht von seinem Platze rührte. Der Göd aber hörte ihren Ruf nicht mehr ...
Bis ins Innerste ihres Herzens war die Vef erschüttert, und ihr ganzer Unmut war mit einem Male verflogen.
»Wastl ... der Göd ...« Das war alles, was sie herausbrachte, als sie die regungslose Gestalt des alten Mannes sah, der tief in sich zusammengesunken war und den Kopf hängen ließ. Die Augen lagen starr und gebrochen in den tiefen Höhlen.
»Jessus Maria!«
Es war ihnen beiden doch recht überraschend gekommen, dieses jähe Ende des Alten. Und so sehr sich die Vef den Winter über vor dem Tod gefürchtet hatte, so bitter griff es ihr jetzt ans Herz, da er nun wirklich Einkehr hielt in ihre kleine Hütte.
Noch nie war ihr ein naher Verwandter gestorben, und niemals noch hatte sie einen Menschen sterben sehen. Um den eigenen Vater hätte das junge Weib nicht mehr und nicht ehrlicher weinen können wie um den Göd ihres Mannes. Sie schüttelte den Alten und rüttelte ihn und wollte es gar nicht glauben, daß er nun wirklich dahingegangen war.
»Göd! Göd!« schluchzte sie laut und fassungslos.
Der Wastl zog sie sanft von dem Toten fort. »Laß gut sein, Vef! Den weckst du nimmer auf.«
Einige Tage später luden sie die Leiche des Alten von der Gungl auf einen Schlitten und brachten ihn zum nächsten Kirchdorf. Der Wastl hatte bitten gehen müssen, daß Leute vom Tal hereingekommen waren, um ihm bei dieser traurigen Pflicht zu helfen.
Es kam der Vef recht hart an, daß sie nicht einmal beim Begräbnis dabei sein konnte. Sie hatte ihn lieb gehabt, den Alten. Das fühlte sie jetzt erst. Recht lieb ... Und eine Leere war da plötzlich um sie, eine Leere und Kälte, daß sie sich in dem kleinen Raum fast zu fürchten anfing.
Doppelt einsam und verlassen kam sie sich jetzt vor. Daß man so gar keinen Menschen um sich hatte, der einem ein wenig beigestanden wäre! Die Vef mußte bei ihren Kindern zurückbleiben, während sie draußen im Tal den toten Göd in die geweihte Erde betteten.
Er fehlte der Vef an allen Ecken und Enden, der alte Mann. Die Leute in der Einsamkeit der Berge gewöhnen sich mehr aneinander und hängen auch mehr aneinander. Und immer wieder mußte die Vef an den Alten denken, wie gut er gewesen war und wie er nie ein anderes Wörtl als wie ein liebes für sie übrig hatte.
»Jetzt hat man gar kein' Menschen mehr, mit dem man a Wörtl reden könnt' ...« sagte das junge Weib, wenn sie abends noch eine Weile mit ihrem Mann in der spärlich erleuchteten Küche saß; und der Wastl stimmte ihr dann traurig bei.
»Gar kein' Menschen. Freilich. Aber wir haben ja no uns selber, Vef, und aa no die Kinder!« tröstete er dann ...
Das war in jenem ersten Jahr gewesen, nachdem die Rosina mit dem Florl und dem Regele in die Welt hinaus gewandert war. Die Vef hatte oft an diese Schwester denken müssen an den langen, düstern Winterabenden. Was die Rosina wohl treiben würde, und ob sie auch Sehnsucht empfand nach der Heimat?
Es war merkwürdig. Je länger die Zeit verging, desto mehr sehnte sich die Vef fort von der Gungl. Und der erste Winter nach dem Tod des Göd war noch schlimmer wie der vorhergehende. Da überkam es die Vef mit seltsam starker Macht, die Sehnsucht nach der alten Heimat und die Sehnsucht nach dem Alpl hinauf, wo man so unbändig toll und lustig sein konnte.
Die Vef sprach auch mit dem Wastl darüber. Der kannte diese Sehnsucht nicht, hatte kein Verlangen nach den Menschen, war glücklich und zufrieden mit seinem Schicksal und freute sich an seinem Weib und seinen Kindern.
Zu Lichtmeß schon sollte der vierte Sproß ihrer Ehe kommen, und gleich nach Weihnachten traf die Julie in der Gungl ein, um abermals bei der Schwester auszuwarten. Die Julie brachte wenigstens ein bissl Leben in das einförmige Dasein, und die Vef atmete förmlich auf, als die Julie fröhlich und lachend den Kopf zur Hüttentür hereinsteckte.
Was die Julie aber auch für Neuigkeiten mitbrachte! Schon in diesem Frühjahr, so erzählte sie, werde der Neubau vom Kramer Veit fertiggestellt sein. Ein großes, zweistöckiges Haus sei das und ganz aus Holz gebaut.
Wahre Wunder wußte die Julie darüber zu berichten. Alle Leut' sagten es weitum: »So eppas schian's, wie die Wirtschaft vom Kramer Veit, könnt' man do völlig nur in der Stadt finden. Und da kennet man's halt do, daß der Veit eppas von der Welt g'sechen und erfahren hat.«
»Du ... Wastl ... dös muß i mir anschaug'n giahn!« sagte die Vef ganz begeistert, und ihre Augen, die jetzt immer etwas trübe und matt schauten, leuchteten aufgeregt bei den Schilderungen der Julie, wie die Augen eines Kindes vor der Christbescherung.
»Die Julie kann derweil bei die Kinder bleiben, und i geh' auf a Woch'n hoam außi. Gelt, Wastl?« sagte die Vef bittend und in beinahe demütigem Ton.
Der Wastl nickte gutmütig. »Freilich. Bleib' nur glei a paar Wochen draußen!« meinte er in seiner schwerfälligen Art. »Nachher g'freut's di da herin wieder um so besser!« setzte er hinzu und stopfte sich in aller Behaglichkeit seine Pfeife.
»Ja!« machte da die Julie etwas gespreizt. »Aber i werd' enk halt nimmer einer kommen können.«
»Nit?« frug die Vef verwundert. »Ja, warum denn nit?«
»I bin halt ang'stellt im Fruahjahr, woaßt wohl. Muß Kellnerin machen in der neuen Wirtschaft draußen!« antwortete die Julie und spielte recht angelegentlich mit ihrem Schürzenband.
»Beim Florl?« frug der Wastl gedehnt und nicht ohne Interesse.
»Freilich. Der Kramer Veit hat mi aufg'nommen dafür. Und ... damit ihr's aa gleich wißt's. I geh' enk überhaupts nimmer da einer in enkere Daxhöhl'n ... wann ihr leicht wieder a Kloans kriagen sollt. I siech nit ein, zu was grad i alleweil daheim herhocken soll. Und wo die Rosina so a fein's Leben hat.«
»Du willst do nit aa no mit'm Florl mitgiahn?« fragte die Vef jetzt ehrlich erschrocken.
Die Julie lachte geziert und laut. »Ja ... warum denn nit? Was die Rosina kann ... kann i döcht aa no. Möcht' grad wissen, wer mir dös verbieten soll?«
»Ja ... und dei' Vater?« frug der Wastl sehr ernst nach einer kleinen Weile.
»Mei! Soll amal übergeb'n, der Vater, wenn er sich nit anders aussiecht.« Die Julie hob gleichgültig ihre vollen Schultern in die Höhe. »Der Jackl wartet eh' schon hart und möcht' alleweil gern heiraten. Und i bin mir aa zu gut dazu, lei alleweil grad in Mistkorb am Buckel zu tragen!« erklärte das Mädel entschlossen. »Und wo der Florl a so gute G'schäft' macht und 's Regele a so a nobles Weibets ist. Naa ... i bleib' nimmer dahoam. Dessell' woaß i g'wiß. Glei' wenn der Florl kimmt, sag' i's ihm!« erklärte die Julie sehr energisch. In diesem Augenblick erinnerte sie ganz an die resolute Art der Vef, nur daß sie trotz allem nicht so temperamentvoll und auch nicht so hübsch war wie diese.
»Du solltest halt heiraten ... Julie ...« mahnte die Vef nach einer kleinen Pause, in der sie nachdenklich und sinnend dagesessen war.
»Heiraten? Moanst?« Die Julie lachte laut heraus. Es klang schrill und häßlich, dieses Lachen. »Und in a söller Daxhöhl'n leben wia du und oa Kind ums andere hab'n?« frug sie spöttisch. »Naa, mei' Liabe! I tat' mi bedanken dafür! Die Rosina ... ja ... die hat an anders Leben wie du. Geld g'nuag und schiane G'wander und braucht nix zu arbeiten und sich um nix zu kümmern. War' oans ja dumm, wenn's nit aa mittat'« ...