Königin Heimat

Part 9

Chapter 93,897 wordsPublic domain

Jetzt wurden der Wastl und die Vef zutraulicher und redeten mit ihren Besuchern wie in alten Tagen. Erzählten ungezwungen von sich und berichteten Nichtigkeiten ihres täglichen Lebens, die sie erfüllten und die ihnen wichtig erschienen. Und das Regele und der Florl hörten ohne zu unterbrechen zu, und es war ihnen, als wäre alles, was sie von diesem schlichten Leben getrennt hatte, verschwunden ... als lebten sie selber wie zuvor dieses schlichte Leben der Heimat, in dem sie wunschlos glücklich waren.

Da der Wastl und die Vef fertig waren mit ihren Berichten, erzählten der Florl und das Regele alles, wie es ihnen ergangen war in der fremden Welt da draußen. Und je mehr sie ins Erzählen kamen, desto fremder wurden sie wieder diesen schlichten Bergleuten, die ihnen zuhörten.

Sie erzählten, wie sie zu Beginn ihrer Reisen hatten in kleinen Wirtschaften singen müssen; und das Regele hatte dann einen Teller nehmen müssen und war von Tisch zu Tisch gegangen, um Geld einzusammeln. Aber dann war es ihnen besser und immer besser ergangen. Man lobte ihren Gesang und drängte sich, um sie zu hören. Und jetzt sangen der Florl und das Regele nur mehr in großen Sälen mit weißgedeckten Tischen und mit großen Spiegelscheiben, von denen viele Kerzenlichter ihren Schein zurückwarfen.

Die Leute, die kamen, um ihren Gesang zu hören, trugen herrliche Kleider aus Samt und Seide und die Frauen funkelnde Edelsteine im Haar und an den Hälsen, und ehe sie in den Saal zu dem Regele und dem Florl durften, mußten sie Geld bezahlen, und das Geld wurde dann zu gleichen Teilen geteilt und gehörte dem Florl, dem Regele und dem Kramer Veit.

»Ja ... aber iatz tut er ja nimmer mit, der Kramer Veit?« frug die Vef neugierig. »Z'wegen was eigentlich?« Sie hatte mit leuchtenden Augen zugehört, und ihre Wangen flammten; denn alles, was der Florl und das Regele erzählten, kam ihr so wunderbar und herrlich und schier unglaublich vor.

Der Florl runzelte leicht geärgert die Stirn und schob sein graues Lodenhütl mit dem auffallend großen Gamsbart weit gegen den Hinterkopf zurück.

»An altmodischer Mensch ist's, der Kramer Veit!« sagte er unwirsch. »Kann nimmer mittun mit junge Leut'!«

»Er derleid't's nit, daß i mi a bißl schian außerputz'!« machte das Regele schnippisch und mit gekränkter Miene.

Der Wastl sah das Regele verständnislos an. »Ah nit?« frug er dann, nur um etwas zu sagen.

»Die Sach' ist nämlich so!« erklärte der Florl wichtig. »Wenn man an Unternehmen in die Höh' bringen will, dann muß man sich aa a bißl an den G'schmack von die Leut' anpassen. Verstehst?«

»Naa!« sagte der Wastl, und die Vef hörte schweigend zu.

Die Julie hatte es nun doch fertiggebracht, daß sie den kleinen Neffen dem Wastl abnehmen durfte, und das hellblonde, pausbäckige Büabl saß jetzt ganz gefügig, aber doch noch mit lauerndem Mißtrauen auf ihrem Schoß und duldete es, daß sie ihm liebkosend mit ihrer Arbeitshand über den kleinen Lockenkopf fuhr.

»Anpassen, dös heißt, man muß den Leuten erstens zeigen, daß wir richtige Bauersleut' sein. Das haben's nämlich gern, weil sie's nit kennen und aa nit verstiahn. Und das Jodeln, das hören sie ganz besonders gern und unsere Sprach' aa. Völlig derkugeln tun sie sich, wenn wir so richtig zu reden anfangen. Und haben aa a Freud' mit uns. A richtige Freud'. Kann's nit anders sagen. Aber siehst, Wastl, so wia wir iatz da sitzen in dem G'wand, das paßt nit ganz zu dem G'schmack von die herrischen Leut'. Das muß man verstehn, und das versteht der Kramer Veit nit. Das G'wand ist zu armselig und sieht nach nix aus. Dös muß man a bißl herrichten, damit's wirkt.«

»Woaßt ...« verfiel nun das Regele in ihrem Eifer wieder in die alte ursprüngliche Mundart ... »der dunkle Kittel da geht do absolut nit für an feinen Konzertsaal. Der muß a bißl kurz sein, daß man die Schuh' g'siecht und a bißl was von die Strümpf' aa ... und's Miederleibl, dös g'hört aa a bißl tiefer ausg'schnitten ... woaßt ... so bis a so daher.« Und sie zeigte wichtig mit der Hand den Ausschnitt des Halses an, der einen schönen Teil der Büste enthüllte.

»Was? A so tief? Und all's nacket?« rief die Vef verwundert. »Da tat' i mi amal schamen!« erklärte sie energisch. »Als a Halbsnacketer vor alle Mannsbilder so dazustiahn!«

Das Regele lachte geziert. »Mei ... dös g'wöhnt man schon ...« meinte sie leicht verlegen ... »und nachdem, weißt, man schaut aa wirklich viel schöner aus a so.«

Die Julie riß ihre Augen auf, so weit es nur anging, und der Mund blieb ihr offen stehen vor Staunen. Der Wastl aber meinte langsam und sehr schwerfällig: »Und dös derlabst du, Florl? Dei' Weib und ...«

»Mei' lieber Wastl!« Der Florl lachte laut und polternd. Es klang beklommen, dieses Lachen und nicht so urwüchsig und befreiend, wie dasjenige vom Kramer Veit. »Wann's a Geld ... viel Geld eintragt ... warum nit? Das derlabest du aa.«

»I tat's schon nit! So a Fackerei!« entrüstete sich die Vef und sprang in hellichtem Zorn von ihrem Sitz auf. Den Säugling übergab sie jetzt ihrem Mann und machte sich am offenen Herd zu schaffen. Blies das Feuer an und holte die Muspfanne von der rauchgeschwärzten Wand herab, und an dem geräuschvollen Geklapper mit der Pfanne erkannte der Wastl, daß die Vef innerlich sehr zornig war. Und das freute ihn, und es freute auch den Alten, der regungslos dasaß und leise und unverständlich mit zahnlosem Munde vor sich hin murmelte.

Eine Weile herrschte eine beklemmende Stille in der kleinen Küche. Keines sprach ein Wort. Der Florl und das Regele fühlten: diese Menschen hatten kein Verständnis für ihren Geschäftsgeist. Gerade so wenig wie der Kramer Veit, der nicht mehr mittun wollte.

Das Regele schaute angelegentlich durch die winzige Fensterscheibe, um ihre Verlegenheit zu verbergen. Draußen hatten sich schwere Gewitterwolken zusammengezogen, und dicke Tropfen prallten heftig ans Fenster. Dicht ballten sich die Nebel und zogen, vom Sturm gejagt, im eiligen Flug schwarzgrau durchs Tal heraus.

»Schau, Florl ...« brach das Regele die Stille ... »wia's da schiach außerkimmt. So schiach!« sagte sie etwas furchtsam.

Da hob der Alte auf der Herdbank den Kopf horchend empor. »Schiach?« frug er mit seiner zittrigen, hohlen Stimme. »Schiach? Mensch ... was die Natur fürer bringt ... dös ist niemals schiach. Ist schian und gewaltig. Weil's von unserm Herrgott selber kimmt.«

Ein greller Blitz leuchtete im scharfen Zickzack durch das Dunkel der Küche, in der jetzt auf dem Herd das Feuer loderte. Und mächtig krachte der Donner. Majestätisch und gewaltig war diese Sprache der Natur und hallte wider im vielfachen Echo von den nahen Felswänden der Berge. Und zornig schäumten die Wasser im Wildbach drunten und brausten so grimmig, daß ihr Toben in der kleinen Hütte deutlich vernehmbar war.

»A Hochwetter!« sagte der Wastl und sah besorgt durch eine andere der winzigen Fensterscheiben. »'s werd do koa Muhr nit niedergiahn.«

»Tian wir beten!« mahnte die Vef.

Sie knieten alle wie sie waren auf den rauhen, holprigen Holzboden der kleinen Küche nieder. Auch der Florl und das Regele. Und der Göd war aufgestanden, steif und hager, und nahm den Hut vom Kopfe und betete laut und mit zittriger Stimme den Wettersegen.

Und das Regele deckte die Augen mit ihren Händen; denn sie fürchtete sich vor den zuckenden Blitzen und hatte Angst vor den Gewalten der Natur, die so mächtig waren.

Und es war doch die Sprache der Heimat, die zu diesen Menschen redete in den Donnern des Hochwetters, im brausenden Tosen des Wildbaches, im Heulen des Sturmes, im gewaltigen Niederrauschen des Regens, im Ächzen und Krachen und Stöhnen der vom Sturm gerüttelten Bäume. Die Heimat sprach zu ihnen in ihren Schrecknissen und in ihren Segnungen ... die heilige Heimat.

Mit ihrer strahlenden Sonne sah sie in ihre Hütten. Mit ihren Schauern machte sie ihre Herzen erbeben ... die heilige Heimat. Sie gab ihnen Obdach und Nahrung. Mit ihren Bergen ragte sie über ihren Freuden und über ihrem Leid. Ihre Erde durchpflügten sie. Aus ihr wuchs Korn und Frucht. Und sie dankten es ihr gläubigen Herzens ... der heiligen Heimat.

Und Gott, der Allmächtige, Allgütige und Allbarmherzige, hatte in seiner ewiglichen Fürsorge die Heimat im Ratschluß seines unerforschlichen Willens über sie alle gesetzt als Herrscherin und Mutter, als Sachwalterin seiner unerschöpflichen Güter, als Statthalterin seiner Macht, als eine Königin von Gottes Gnaden.

Über alle Menschen ist sie gesetzt im Namen Gottes, mächtiger und unvergänglicher als jegliches Herrschergeschlecht dieser Erde ... die Königin Heimat. Sie segnet alle und sorgt für alle und hat alle in Eid und Pflicht genommen und straft alle, die ihr die Treue brechen. Wir sind in ihrer Macht ... Kinder und Untertanen zugleich ... Wer fern von ihr stirbt, dessen Seele sehnt sich nach ihrer Erde ...

Und sie läßt uns ziehen ins fernste Land ... und lächelt dazu ... die Königin Heimat ... Ein Würzelein hat sie heimlich eingegraben in unsern Herzen. Das gräbt sich bei Tag und gräbt sich bei Nacht immer tiefer und tiefer und wächst zum Baum, zum mächtigen Baum und trägt wehe Frucht. Trägt bittersüße Frucht. Wer davon gekostet, will zurück dahin, wo seine Wiege stand, wo er die ersten Lieder hörte, den ersten Boden trat, das erste Brot aß. Ihre Untertanen sind wir allzumal. Keine Macht ist größer auf Erden, weil keine Macht uns so weithin erreicht wie ihre Macht, die über uns gesetzt ist im Namen Gottes ...

Und der Göd betete mit gefalteten, knochigen Händen, mit den sehnigen Händen, die ein langes Menschenalter gearbeitet hatten in ihrem Dienst, treu und unermüdlich, und die in Ehren zittrig geworden waren in ihrem Dienst ... betete gläubig ... Herr Jesu Christ in Deinem Himmelreich ... Schütz' uns vor Dunnder, Blitz, Hagel und Wetterstreich ... Schütz' uns, unser Vieh und unser Korn ... Such' uns nit heim mit Deinem Zorn ... Laß Wetters G'walt vorübergehn ... Wollen allzeit in Deinem heiligen Dienste stehn ... Wollen nit wanken und weichen von Deiner Himmelstür ... Sind selber zu schwach, drum sorg' Du in Deiner Allmacht für ... Vater unser, der Du bist in dem Himmel, geheiliget werde Dein Name!

Siebentes Kapitel

Als der Florl und das Regele zum erstenmal ihr Kind aufsuchten, hatten beide ein etwas beklommenes Gefühl. Etwas wie Scham und eine innere Verlegenheit war es, diesem Kinde gegenüberzutreten, das ihr eigen Fleisch und Blut war und dem sie bis jetzt so fremd und fast interesselos gegenübergestanden hatten.

Ohne elterliche Liebe und Fürsorge war es bisher aufgewachsen, und die Notburg hatte ihm Vater und Mutter ersetzen müssen, und wahrlich, die Frau hatte getreulich ihre Pflicht erfüllt.

Der kleine Anderl hatte nur eine große Liebe, und das war die zu seiner Pflegemutter. Und die Notburg hätte ein eigenes Kind nicht lieber haben können und nicht besser betreuen können, wie das fremde Kind vom Regele.

Sie pflegte und wartete den kleinen Anderl, hätschelte ihn und verwöhnte ihn auch, so daß sich die Nachbarsleute gar oft darüber aufhielten. Sie werde keinen Dank dafür ernten, die Notburg, meinten sie; und die Notburg erwiderte scharf, daß sie wegen des Dankes überhaupt nichts tue und daß die Leute vor ihren eigenen Türen kehren sollten, ehe sie sich in ihre Angelegenheiten mischten. Sie war noch immer die alte Notburg, nur etwas älter geworden und auch etwas milder in ihrem Wesen.

Ein schmächtiges, lang aufgeschossenes Kind war der kleine Anderl, der nun schon das erste Jahr zur Schule ging und recht fleißig lernte. So erzählte wenigstens die Notburg und lobte ihn sehr und konnte sein Talent und seinen Eifer nicht genug rühmen. Er war ein aufgeweckter, bildhübscher kleiner Kerl, der Anderl, der, wie es schien, das Mundwerk von der Mutter und die Frechheit vom Vater her geerbt hatte.

Seine Eltern betrachtete der Anderl keineswegs mit liebenswürdigen Augen. Zeigte überhaupt gar keine Freude über den elterlichen Besuch, so daß ihn die Notburg wiederholt strenge ermahnen mußte, doch freundlich zu sein und schön das Handerl zum Gruß zu geben.

»Jatz, Anderl, wer bin denn epper i?« frug der Florl und griff dem Kleinen unters Kinn. »Kennst mi nit, gelt?«

Der Anderl spreizte, wie er das vom Kramer Veit abgeguckt hatte, breitspurig die magern Beinchen, die in langen Hosenröhren staken, auseinander, verzog schmollend das Mäulchen und sah trotzig zu Boden.

»Hast koa Zung', Anderl?«

Der Anderl streckte unartig seine Zunge heraus, so weit er nur konnte, aber redete kein Wort.

»Aber Anderl!« sagte die Notburg entsetzt. »Wo hast denn iatz dös wieder her?«

»Vom Moidele!« sagte der Bub triumphierend und mit dem strahlenden Augenaufschlag seiner Mutter. »Vom Moidele!«

Das Regele in ihrem feinen Staat machte sich jetzt an den Buben heran und wollte ihn von der Notburg, zu der er sich geflüchtet hatte, wegziehen. Der Anderl aber steckte seinen Kopf in die dunkle Schürze seiner Pflegemutter und schlug abwehrend mit den Beinen um sich.

»Laß mi ... du ...« schrie er ungebärdig.

Die Notburg fuhr dem Kinde mit linder Hand über den dunklen Lockenkopf. »Muaßt brav sein, Büabl ...« mahnte sie mit guter Stimme. »'s ist dei' Muatter!«

»Naa!« wehrte sich der kleine Bursch energisch. »I mag nit.«

»Magst mi nit, Anderl?« schmeichelte das Regele. Sie versuchte, so gut sie konnte, den richtigen Ton zu ihrem Kinde zu finden. Es war aber doch schon lange her, seitdem das Regele in der Kinderstube ihrer Mutter herumhantiert hatte, und sie schien die Art, mit Kindern umzugehen, gründlich verlernt zu haben. Zum mindesten gelang es ihr hier nicht bei dem kleinen Anderl. Der blieb störrisch und abweisend und widerstand hartnäckig ihren Koseworten, und ihre Verlegenheit nahm zu, je mehr sie sich um den Kleinen mühte.

»Schau ... Anderl, i hab' dir was mitgebracht!« lockte das Regele neuerdings.

Der Anderl zog für einen Augenblick das Gesicht aus der Schürze der Notburg hervor und sah neugierig auf das Geschenk, das ihm das Regele jetzt aus einem Päckchen wickelte. Eine schöne silberne Uhr war es, mit einer dicken Kette daran, viel zu groß und schwer noch für den Knirps.

»Schau, Anderl ... g'hört dir!« lockte das Regele den Buben an sich heran, während sie sorgfältig Papier um Papier von Uhr und Kette löste, in dem beides verpackt war, und die schönen Sachen dann dem Kinde zum Bewundern hinhielt.

»G'halt' dir's!« machte das Büabl und versteckte sich abermals unter der Schürze der Pflegemutter. »I brauch' nix von enk zwoa.«

»Aber Anderl ... Anderl ...« mahnte die Notburg ehrlich bestürzt. »Wer wird denn a so sein.« Und hilflos sah sie auf das Kind, das ungebärdig jeden Annäherungsversuch seiner Eltern von sich wies.

»Brauchet halt a Tracht Prügel, der Bua!« konstatierte der Florl unmutig. »Ist arg verzogen, kommt mir vor.«

»Der ist ja völlig aufg'hetzt gegen uns!« sagte das Regele beleidigt. »Dös hätt's ja grad aa nit braucht!« setzte sie schnippisch hinzu.

Die Notburg zog den Kopf des Anderl gewaltsam aus ihrer Schürze hervor und fuhr ihm mit der Hand leicht und beruhigend über das erhitzte Gesichtl.

»Aufg'hetzt hab' i den Buben nit!« erwiderte sie sehr ruhig. »Er tut halt a bißl fremden, der Bua!« fügte sie entschuldigend bei. Und dann fragte sie ihn weich und gut, und das Regele neidete ihr für einen Augenblick diese mütterlich gütige Nachsicht ... »Sag', Anderl ... für wen hast denn alle Abend beten müssen?«

Man hätte es dieser ernsten, wortkargen Frau niemals zugemutet, wie zart und innig ihre Stimme klingen konnte. Und das Regele fühlte in dieser Stunde keine Dankbarkeit für die Güte dieser Frau, sondern nur wütendblinde Eifersucht. Sie war ihr neidig um die Liebe dieses Kindes, das ihr eigen war, und fühlte sich innerlich hilflos und beraubt.

»Für wen hast gebetet, Anderl?« wiederholte die Notburg ihre Frage von vorhin.

»Für di!« erklärte der Bub trotzig.

»Für mi? Und für wen no?« frug die Notburg leise.

»Für mein' Vater!« sagte der Bub eigensinnig. Man sah es deutlich, daß er damit nicht den Florl meinte, von dem er sich immer noch im kindlichen Trotz abwandte.

Das Regele verzog spöttisch den Mund. »Für'n Kramer Veit, gelt?« frug sie schnippisch.

»Ja. Für densell!« erklärte der Anderl frech. »Weil i den mag!« sagte er eigensinnig.

»Und uns magst nit?« frug der Florl unmutig und mit zusammengezogenen Brauen.

»Naa. Enk mag i nit!« sagte der Bub sehr bestimmt.

»Und warum magst uns nit?« forschte der Florl weiter. »Wir haben dir ja nix getan.«

»'s Moidele hat g'sagt, so zwoa wie ös seid's, soll man nit mögen!« erzählte der Kleine.

»So zwoa wia ös seid's ...« Der Hieb saß fest. Wiederholt hatten sie, seit sie nun in der Heimat weilten, diese Rede der Geringschätzung gehört. Zuerst vom Söllerbauer, dem Vater der Regina, und dann vom Perlmoser, und jetzt hörten sie sie aus dem Munde ihres Kindes.

»Ös habt's enk ja nia nit bekümmert um mi ...« fuhr der Kleine altklug zu reden fort. »Wie soll denn i enk mögen?« Und eigensinnig stampfte der Bub mit beiden Füßen und hatte jetzt mit seinem frechen Gesichtl eine so auffallende Ähnlichkeit mit dem Florl von einst, wie er noch am Alpl droben war, daß der Florl ungeachtet seines Ärgers hellauflachen mußte.

»Ist ja recht nett von dir!« meinte er dann trocken, spitzte die Lippen und pfiff leise vor sich hin.

»Wer ist denn das Moidele, das dich so aufg'hetzt hat?« frug das Regele über eine Weile, in der eine peinliche Stille in der kleinen Wohnstube der Notburg geherrscht hatte.

»Das ist halt sei' G'spielin!« erklärte die Notburg. »Schon woltern alt für ihn, aber a bissele schwach da oben.« Die Notburg tupfte mit dem Finger auf die Stirn. »Ist schon bald ausg'schult, 's Madl, spielt aber mit'n Anderl, als ob sie erst sieben oder acht Jahr' alt wär'. Du kennst sie epper wohl no ...« wandte sie sich dann an das Regele. »'s Kind von der Mena ist's ... woaßt wohl ... die sell, die ins Wasser gangen ist.«

Da wurde das Regele ganz still und in sich gekehrt und sagte kein Wort mehr. Sie mahnte ihren Mann aber bald zum Aufbruch; denn es wurde ihr auf einmal schwül in der kleinen, sauber hergerichteten Stube.

Sie mochte nicht gerne erinnert werden an jene harten Stunden seelischen Erlebens, welche die schwersten waren in ihrem jungen Dasein. Wozu auch? Diese Zeiten gehörten ja nun, Gott sei Dank, der Vergangenheit an, und sie brauchte nicht mehr daran zu denken. Und sie dachte auch nie mehr daran, wenn sie draußen war in der großen Welt, die voll Glanz und Erfolg für sie war.

Seitdem sie aber wieder in der Heimat weilte, lebten die alten Erinnerungen mächtig in ihr auf. Das Regele wäre eigentlich froh gewesen, wenn sie nur wieder bald hätte fort dürfen. Es gefiel ihr im Grunde alles nicht mehr so recht in der Heimat. Die Leute sahen sie mit scheelen Augen an, das fühlte sie gar wohl, und ihr und des Florl nobles Auftreten schien ihnen nicht viel Eindruck zu machen.

Auch bei ihren Angehörigen fand sie nur wenig Entgegenkommen und Verständnis. Dem Söllerbauer gefiel es zwar, daß der Florl viel Geld aufzuweisen hatte; denn für Geld hat der Bauer immer ein Verständnis. Daß aber die jungen Leute nur durch ihr Singen allein das Geld erworben hatten, das wollte dem schwerfälligen Dickschädel nicht recht einleuchten.

»Dös ist a Faulenzerei und a Lotterei!« erklärte er mit Bestimmtheit. »Und so eppas tuat a rechtschaffener Mensch nit. Handeln ... ja ... dös lass' i gelten ... und nebenbei singen ... wia dös der Kramer Veit macht. Aber lei so umananderziechen und 's Maul aufreißen und singen ... dös ist koa Arbeit nit!« sagte er mißbilligend.

Die Söllerbäuerin hatte ihre ganze Überredungskunst aufbieten müssen, daß der Vater überhaupt die jungen Leute unter sein Dach aufnahm. Gar nicht wollte er sich dazu verstehen. Bis die Bäurin zornig wurde und ihn anschrie. Da gab er nach; denn der Gewalt dieser Stimme unterwarf er sich. Aber innerlich grollte er noch immer über »dö elendige Faulenzerei« und brummte darüber, »daß man sich vor die Leut' schamen muaß, wia dö zwoa Tagdieb' nix tian wia umananderziagen.«

Der Florl und das Regerl waren recht niedergeschlagen und betraten das elterliche Heim mit geduckten Köpfen und mit dem demütigenden Gefühl, hier bloß geduldet zu sein.

Es war ein recht bescheidenes Kämmerlein, welches das junge Paar bewohnte, und niemand im Haus achtete sonderlich auf sie. Sie gingen alle ihrer Arbeit nach wie sonst und hatten, da es Sommer war, alle Hände voll zu tun.

Und es war schon wirklich so, wie es der Söllerbauer in seinem Zorn hinausschrie. Arbeiten mochten sie nimmer, die beiden. Das schienen sie gründlich verlernt zu haben. Etliche Wochen waren sie nun schon daheim und hätten sich vom Faulenzen und Nixtun eigentlich schon erholt haben können, meinte der Söllerbauer.

Wenn die andern, ja sogar die Bäurin, jetzt im Morgengrauen an die Arbeit gingen, dann schliefen der Florl und das Regele bis tief in den Tag hinein. Sogar eine eigene Bedienung beanspruchten sie; denn dem Regele fiel es nicht im Traum ein, auch nur einen Stiefel zu putzen, geschweige denn ihre Kammer aufzuräumen.

Dazu hatte sie sich ihre jüngere Schwester, die Zenz, abgerichtet. Denn das Regele mußte die Pfötchen hübsch weiß und zart erhalten für den Winter, wo sie wieder auf Reisen mit dem Florl gehen wollte.

Was aber den Söllerbauer am meisten gegen die jungen Leute erboste, das war, daß ihnen jeder Sinn für bäuerlichen Fleiß und bäuerliche Arbeit abhanden gekommen war. Denn nicht ein einziges Mal hatten sie mit zugegriffen bei der Feldarbeit. Und wenn alle am Hof, auch die Bäurin und das jüngste der Kinder, das noch kaum einen Rechen ordentlich halten konnte, draußen bei der Heumahd waren und im Sonnenbrand schufteten, daß ihnen der dicke Schweiß von der Stirne perlte, da spazierten der Florl und das Regerl in ihren feinen Gewändern müßig herum, besuchten Bekannte oder machten Ausflüge in die Nachbartäler.

Sie fühlten es gar wohl, die jungen Leute, daß man sie in der Heimat als Müßiggänger verachtete und ihnen nur wenig Freundschaft entgegenbrachte. Sie merkten es, wenn sie zum Nachbar hinüber auf dem Perlmoserhof zum »Hoangart« kamen, daß ihnen der Perlmoser am liebsten die Türe vor der Nase zugeworfen hätte.

Und als es gar erst aufkam, daß sie die Rosina zu der verflixten Singerei beredet hatten, da war es bei dem Perlmoser aus und vorbei. Wie zwei Vagabunden wies er ihnen grob die Türe. Und sie sollten sich nicht mehr unterstehen und sein ehrliches Haus betreten. Das sei zu schade »für söllene zwoa ... wia ös seid's!« schrie er sie an.

Überall, wohin sie kamen, fühlten sie offen oder versteckt das gleiche Mißtrauen. Nur ein paar von den ganz jungen Leuten schlossen sich ihnen an und lauschten gierig auf die Erzählungen aus der Fremde.

Der Florl biß die Lippen zusammen, und zwei eigensinnige Falten prägten sich in seine glatte, junge Stirne ein. Er litt unter der Mißachtung seiner Landsleute weit mehr als das Regele, die wie ein eitles Pfauenweibchen leichtsinnig und geputzt herumging. Sie achtete scharf auf die neidischen Gesichter ihrer Geschlechtsgenossinnen; denn sie wußte genau: neidig waren sie ihr ... trotz allem. Der Florl aber schwor es sich, daß sie ihn und sein Weib einmal noch weit mehr beneiden sollten wie den Kramer Veit.

»Platzen soll'n 's no vor Neid!« sagte er oft wütend zu dem Regele und ballte die Fäuste. »I werd' ihnen den Faulenzer und Tagdieb schon geben! Wenn i erst mehr Geld hab' ... die soll'n Augen machen. Nachher kriechen's vor mir, das weiß i!«

Das Regele dachte nicht viel darüber nach, auf welche Weise denn der Florl noch mehr Geld zusammenbringen wollte. Sie war zufrieden, daß er das mit ihr überhaupt besprach, und hatte volles Vertrauen zu ihm, daß er es auch erreichen würde.

Sie teilte auch nicht die Sorgen ihres Mannes um die allernächste Zukunft, die ihn jetzt oft arg bedrückten. Und diese Sorgen waren eigentlich recht schwer und verursachten dem Florl viel Kopfzerbrechen. Aber er wußte: durchhalten müsse er um jeden Preis. Feig durfte er nicht sein, sondern er mußte das Angefangene mit Energie vertreten.