Kongoerinnerungen

Part 4

Chapter 43,474 wordsPublic domain

Unbeschreiblich war das Erstaunen und der Schrecken Kalambas, als er zum ersten Male der Karawane des gefürchteten weißen Gottes ansichtig wurde. Vor Angst warf er sich zu Boden, wurde aber von den prächtig gekleideten Dienern vor Nfuma Ntanga geführt. Dieser sah ihn eine Zeitlang durchbohrend mit seinen blauen Augen an und redete dann mit ihm in einer Sprache, die er nicht verstand. Kalamba war, vor Schreck gelähmt, auf die Knie gesunken und erwartete jeden Augenblick, daß Donner und Blitz seinem Leben ein Ende bereiten würden. Als nichts dergleichen geschah, wagte er es, zuerst schüchtern und dann immer kühner, den neuen Gott und dessen Diener, die alle in kostbare, ihm unbekannte Gewebe gehüllt waren und glitzernde Ringe an Armen und Füßen trugen, zu betrachten.

Langsam nur fand er die Sprache wieder und erzählte nunmehr seine Leidensgeschichte. Einer der Leute, die auch schwarz waren, wie er, verstand seine Sprache und verdolmetschte, was er erzählte. Dieser wurde sein Freund und beruhigte ihn darüber, daß er für sein Leben nichts zu fürchten habe. Er bestätigte ihm, daß Nfuma Ntanga tatsächlich mit einem »Machoa«-Schiff aus dem großen Weltmeer aufgetaucht sei und alle die wunderbaren Gegenstände, die Kalamba hier sah, mitgebracht habe. Diese Auseinandersetzungen wurden plötzlich durch einen donnerartigen Knall unterbrochen, der das Blut Kalambas zum Erstarren brachte. Hatte da nicht plötzlich bei hellem Sonnenschein der gefürchtete Feuergott gesprochen, der Bäume fällte und Hütten in Feuer und Flammen aufgehen ließ? Sein neuer Freund belehrte ihn, dies sei der Fetisch des Sonnengottes »Bunduki« (Gewehr) genannt, der demselben Macht über Tod und Leben aller Geschöpfe verleihe. Am nächsten Morgen nahm Kalamba all seinen Mut zusammen, trat vor Nfuma Ntanga hin und bat ihn, sein Diener werden zu dürfen.

Monde und Monde vergingen. Kalamba hatte seinem neuen Herrn treue Dienste geleistet und bat ihn, von seinem Heimatdorf Fortuna, die Königstochter, als Gefährtin holen zu dürfen. Mit einem »Bunduki« und Pulver, prächtigen Armringen und Geweben aller Art beladen, zog er in die Heimat, um die Königsbraut zur Gattin zu machen.

In seinem Heimatdorfe angelangt, fand er seinen Vater sterbend vor und erfuhr daselbst, daß Fortuna, seines Herzens Hoffnungsstrahl und Sonne, Fortuna, für die er sein Leben dahingegeben hätte und lange Monate in der Fremde Sklavenarbeit verrichtete, seiner vergessen hatte und dem Häuptling eines Nachbardorfes gefolgt war.

In Kalambas Herzen wohnten, im beständigen Kampfe miteinander, zwei Dämonen, ein guter und ein böser. Bisher hatte der gute Dämon stets die Oberhand behalten. Von der Wucht der Nachricht aber war er vollständig niedergeschlagen, alle seine Hoffnungen waren zertrümmert. Dagegen wuchs sein Widersacher ins Riesenhafte. Rasender Schmerz und Zorn über die angetane Schmach übermannte Kalamba, das Blut kochte und wallte in seinem Herzen. Feuer sprühte ihm aus den Augen; nur durch den Tod konnte Sühne gefunden werden.

Und in der folgenden Nacht raste der Todesengel durch den Urwald. Mit schrecklichem Vorgefühl sahen die Wipfel der Bäume und die Vögel des Waldes Kalamba an der Spitze seines Stammes lautlos, gleich einer Geisterschar, daherschreiten. Ihnen ahnte Schreckliches; denn aus seinen Augen glühten rote Blitze, zu seinen Häupten kreiste der Todesadler in den Lüften.

Mit dem ersten Strahl der Morgensonne fuhr der Tod mit der Sichel über das schlafende Dorf und hielt reiche Ernte. Ein Morden und Würgen von Frauen, Männern, Kindern und Greisen begann, von dem die stärkste Phantasie sich kein Bild machen kann. Der gefürchtete Feuergott selbst war gekommen, um Rechenschaft in Blitz und Donner zu fordern. Der Wald hallte wider vom Todesächzen und Stöhnen zuckender und verstümmelter Menschenleiber. Fortuna war es in der ersten Verwirrung gelungen, unbemerkt das Freie zu erreichen. Da, wie aus dem Boden gewachsen, von oben bis unten in Blut gebadet, mit wutverzerrten Zügen, stand Kalamba als Rächer seiner Ehre vor ihr. Mit flehender Gebärde, die Arme emporstreckend, sank die stolze Königstochter, um Gnade flehend, in die Knie. Doch eher hätte ihr Schicksal einen Stein zu erweichen als das nach Blut lechzende Herz Kalambas zu rühren vermocht. Der böse Dämon forderte gebieterisch sein Opfer, und zu Tode getroffen, sank die Königsblume zu Boden. Der erste Sonnenstrahl brach durch die Wipfel der Bäume, küßte die an den Blättern hängenden Tautropfen und spiegelte sich in den brechenden Augen der Königstochter. Noch einmal flackerten diese auf, im Schwur hoben sich die Finger zum Sonnengestirn, gleichsam den Fluch desselben auf den Schuldigen herabbeschwörend, und Fortunas Seele hatte die sterbliche Hülle des Körpers verlassen und war auf den Sonnenstrahlen in das unbekannte Land ihrer Vorfahren entflohen.

Während die Gefährten jubelnd Siegesorgien auf den Leibern der Gefallenen feierten, kehrte Kalamba einsam und finster in sein Heim zurück. Der Dämon im Innern war verstummt; er hatte seinen Willen erreicht, dafür meldete sich ein anderer Widersacher.

Mörder der Geliebten! Mörder deiner eigenen Stammesverwandten! flüsterten die Bäume und zwitscherten die Vögel des Waldes ihm zu. Wie von Furien besessen, trieb es ihn durch Wald und Feld, von Heim und Hof. Weder bei Tage noch bei Nacht konnte er Ruhe finden. Sein Inneres war von dem beständigen Kampf zwischen befriedigter Rache und niederdrückendem Schuldbewußtsein zerfleischt. Der Sonne Strahlen, die alles Lebende befruchten und erfreuen, wurden ihm zum Rächer. Ein großes, glühendes Auge starrte rachedürstend in sein tiefstes Innere und lastete wie Blei auf seinem Kopfe.

Nicht länger konnte er das Leben in der Heimat, bei den Freunden der Kindheit ertragen. Als einsamer, verlassener Wanderer gelangte er schließlich nach langen Irrfahrten, körperlich ein Greis, bei Nfuma Ntanga an. Aus Mitleid gab man ihm Arbeit und Feuerwasser, um seinen Kummer zu stillen. Noch gab es ein Mittel, um all die Stimmen im Innern, ja selbst die Sonne, zu bezwingen, und dies letzte Mittel mußte er versuchen.

=Aguardente= (Feuerwasser) nennen die Eingeborenen die große Medizin, die dem weißen Gott Nfuma Ntanga die übernatürliche Kraft verleiht. Wenn die Seelen der Verstorbenen und böse Götter aller Art den Körper heimsuchen und das Gemüt bedrücken, wenn am frühen Morgen das Tier im Magen, das den Hunger hervorruft, knurrt, dann genügen einige Schluck dieses Zaubertrankes, um Geister, Sorgen und Hunger zu vertreiben. »Matabiche« (=mata bichu=, töte das Tier im Innern) beschwöre die Geister und treibe die Seelen der Verstorbenen aus! Dies war die mächtige Medizin, die immer noch geholfen hatte und die auch jetzt helfen sollte.

Und am nächsten Tag, als zu den Foltergeistern im Innern sich noch das ungeheure Sonnenauge Fortunas gesellte und Kalambas Hirn durchbohrte und marterte, da spottete er hohnlachend seiner Peiniger. Stand er nicht unter dem Schutze des Gebieters der Sonne? Hatte er nicht die Macht in Händen, alle Geister zu bannen? Mit einem Ruck verschlang er die kostbare Medizin im Angesicht der glühenden Sonne.

Taumelnd war Kalamba infolge allzu reichlichen Alkoholgenusses und der Einwirkung der Sonnenstrahlen zusammengebrochen. Ah! Wie das wärmte und brannte, wie das die Lebensgeister entfachte, und wie es in seinem Hirn wirbelte und tollte! Wo war das feindselig blutleuchtende Auge der Fortuna? Endlich war es versöhnt und seine Macht gebrochen. Nicht mehr drohend, sondern verheißend winkte es vom blauen Äther; gleich einer heißen Blutwelle senkte es sich auf den Sterbenden herab, dessen Körper in Liebe und Leidenschaft mit sich emporziehend; wildes Feuer durchtobte den Körper und drohte die Brust zu zersprengen. Während die Seele auf Schwingen der Liebe dem strahlenden Tagesgestirn zuschwebte, entrangen sich der keuchenden Brust die Worte: »O Fortuna!« Dann: »Fuca Fuca« (Feuer Feuer).

Arbeiter, die den Sterbenden auffanden, hatten zufällig nur die letzten Worte gehört. Auf der Stelle, wo der Tote gefunden wurde, erhebt sich die heutige Faktorei, welche vom Volksmunde fortan »Fuca Fuca« genannt wurde.

* * * * *

Fuca Fuca liegt am Fuße des Felsens, auf dem Matadi erbaut ist. Es besteht vollständig aus Pfahlbauten und wird alljährlich während der Regenzeit vom Strom überflutet. Obwohl die Faktorei als heißester und ungesundester Platz im ganzen Kongostaate berüchtigt ist, ist sie doch wegen ihrer Lage und infolge der Eisenbahnverbindung ein wichtiger Knotenpunkt und Transitposten. Seit Erbauung der Kaianlagen, die es ermöglichen, die Durchfuhrgüter direkt vom Dampfer in die Waggons und umgekehrt zu verladen, hat auch sie von ihrer früheren Bedeutung viel verloren. Zur Zeit meiner Ankunft war Fuca Fuca sowohl Produktenfaktorei als Haupttransit-Station für Waren, die nach dem Oberlauf des Kongo bestimmt waren, und wurde von einem Faktorei-Chef, zwei europäischen Beamten und einem Stab schwarzer Schreiber von der Küste verwaltet. Mein Vorgänger war einer derjenigen, die es am längsten -- nämlich 18 Monate -- hier ausgehalten hatten. Er war an Schwarzwasserfieber verschieden.

Fuca-Fuca war der Prüfstein meines Lebens. Wenige Menschen sind imstande, die nötige Energie und Aufopferung der eigenen Person aufzubringen, um alle die Krankheiten und Leiden, die mir die nächsten sechs Monate bringen sollten, zu überwinden.

Zuerst wurde ich mit dem Ein- und Ausladen der Dampfer und Waggons sowie mit der Abwicklung des Transitverkehrs nach dem Oberkongo betraut. Mit kurzer Unterbrechung mittags war ich von sechs Uhr früh bis sechs Uhr abends fortwährend bei glühender Sonnenhitze auf den Beinen, bald ankommende Waggons von der Eisenbahngesellschaft anfordernd, bald Elfenbein und Kautschuk auf die Ozeandampfer verladend. -- Meine Natur war der Sonnenhitze und dem angestrengten Dienst schließlich nicht mehr gewachsen, und die ersten Fieber stellten sich ein. Diese waren meist sehr heftig, von Schüttelfrost begleitet, jedoch nur von kurzer Dauer.

Die Trockenperiode, welche in diesen Breiten von April bis Anfang Oktober dauert, näherte sich ihrem Ende, und der Sommer hielt langsam unter unaufhörlichen feuchtheißen Regengüssen seinen Einzug. Der Sommer oder, besser gesagt, die Regenzeit währt hier von Mitte Oktober bis Ende März und zerfällt in zwei Perioden, die eigentliche Regenperiode zur Übergangszeit, also November und Februar, März, und dazwischenliegend »=la petite saison sèche=«, d. h. die kleine Trockenperiode.

Gleich bei den ersten Regengüssen, die von ungemein heftigen Gewitterstürmen, sogenannten Tornados, begleitet waren, trat der Kongostrom aus seinen Ufern und überschwemmte einen Teil der Faktorei. Da sämtliche Gebäude, wie bereits erwähnt, Pfahlbauten sind, hinderte dies vorderhand am Betriebe nichts. Doch mußte ich, da auch die Schienenstränge überschwemmt waren, bei der Arbeit fortwährend im Wasser stehen. Das Bild des Bahnhofes von Matadi gewährte damals einen eigenartigen Anblick, da der ganze Bahnkörper oft einen Fuß hoch unter Wasser stand.

Bald stellten sich die Folgen dieser ungesunden Tätigkeit bei den Arbeitern in Form von »Beri-Beri« -- eine Art Wassersucht --, bei mir in heftigen Gallfiebern ein, die mich wochenlang aufs Krankenbett warfen. Die Wasserhöhe war inzwischen beständig gestiegen, sie hatte in der Faktorei gegen 1-1/2 Meter erreicht. Das feuchte Element begann die Fußböden der Zimmer zu lockern und zu überfluten. Des Nachts kamen Krokodile in die Faktorei hereingeschwommen, die nach lebenden Wesen suchten und sich dann auf den Veranden breitmachten. Im Vorjahre war einer der Arbeiter von ihnen in Stücke zerrissen worden. Wenn auch die Türen von innen verriegelt und verschlossen waren, so war es doch kein angenehmes Gefühl, nur durch eine dünne Holzwand von den furchtbaren, heimtückischen Tieren getrennt zu sein. Endlich, als der Kongofluß auch das Hauptgebäude bis über den Flur überschwemmte, wurde mit der Übersiedlung in eine an der Berglehne aus Bambus errichtete primitive Baracke begonnen. Der Faktoreichef übersiedelte gleichzeitig mit uns beiden, da er nachts nicht allein unten bleiben wollte. Mein Krankheitszustand hatte inzwischen immer bedenklichere Formen angenommen, ich kam aus den Fiebern -- Wechselfieber, Gallfieber -- überhaupt nicht mehr heraus. Mein Kollege, Herr Hosemans, ein Holländer, lag an Rheumatismus, vollständig an allen Gliedern gelähmt, danieder und mußte an Bord des nächsten Europadampfers gebracht werden. Mein Chef, Bertoen, war an Schwarzwasserfieber erkrankt und lag im Sterben.

Eben wieder von einem schweren Gallfieber hergestellt, ließ ich mir vom Stabsarzt ein Zeugnis ausstellen, wonach ein längerer Aufenthalt in dieser verseuchten Faktorei für mich eine Katastrophe bedeuten würde, und mit diesem Dokument in der Hand ersuchte ich um meine sofortige Versetzung oder um meine Entlassung. Mit dem nächsten Dampfer traf mein Nachfolger und gleichzeitig ein Schreiben aus Banana ein, worin mein Gesuch bewilligt wurde.

In Boma. Eine Nilpferdjagd.

Kurz vor meiner definitiven Abreise nach dem Oberkongo wurde ich noch auf zwei Monate nach Boma gerufen, um dort einen schwerkranken Kameraden zu vertreten. Während meines kurzen Aufenthaltes daselbst hatte ich Gelegenheit, eine Nilpferdjagd mitzumachen, die mir unvergeßlich bleiben wird. Nichts in meinem bisherigen Leben läßt sich mit den Eindrücken vergleichen, welche dies Erlebnis auf mein Gemüt ausübte. Endlich einmal, nach vielen Monaten, ein echt afrikanisches Abenteuer, wie es mir in der Phantasie in Europa vorgeschwebt hatte.

Allerdings bildete ich nach diesem Ereignis eine Jammerfigur, von oben bis unten von ungezählten Moskitos zerstochen, Augenlider, Lippen und Hände bis zur Unkenntlichkeit angeschwollen. Meine Füße, die beim Waten im Sand den ganzen Tag über den sengenden Sonnenstrahlen ausgesetzt waren, verloren nachher die Haut in Fetzen, wobei ich wahnsinnige Schmerzen aufzustehen hatte.

Doch was hatte all dies zu bedeuten gegenüber jenem Hochgefühl im Augenblick der Gefahr, wenn der Mensch diesem Zyklopen eines vergangenen Jahrtausends gegenübertritt, wenn der mächtige Koloß unter lautem Gebrüll mit geöffnetem Rachen sich auf das schmächtige Boot stürzt, alle Insassen mit sicherem Tod und Verderben bedrohend, gegenüber jenem Jubelschrei, der sich der Brust entringt, wenn die Intelligenz in diesem ungleichen Kampf der Kräfte Sieger geblieben ist und das mächtige Tier, zu Tode getroffen, verendet?

Magalhaes und Pereira, zwei Portugiesen, die den Fleischbedarf Bomas seinerzeit fast ausschließlich deckten, waren die ersten, die das Züchten von Nutz- und Schlachtvieh auf einer Insel unterhalb »Punta de Lenha« in großem Stil versuchten. In Sportkreisen waren sie als die erfolgreichsten Nilpferd- und Büffeljäger allgemein bekannt, und ich war daher hocherfreut, von Pereira gelegentlich zu einer solchen Jagd eingeladen zu werden.

Es war gegen 2 Uhr früh und noch finstere Nacht, als wir in einem Eingeborenen-Kanu, das mit zehn Ruderern bemannt war, langsam stromabwärts fuhren. Die Neger waren hübsche, kräftig gebaute, mit den Gefahren dieser Jagd völlig vertraute Leute. Bei ihrem Gesange und dem gleichmäßigen Ruderschlag glitten wir fast ohne jede schaukelnde Bewegung des Bootes dahin. Meine Augen, geblendet von den Hafenlichtern von Boma, gewöhnten sich nach und nach an die Dunkelheit und suchten sich zu orientieren. Die Lichter Bomas verschwanden langsam; dafür glitzerten zur Rechten die Feuer von »Shinkakassa« und ganz in der Ferne ein großes Signalfeuer am Fetish-Rock, »=Pedro feitice=« genannt. Mit dem Felsen verknüpft sich eine ähnliche Sage wie mit dem Loreleifelsen am Rhein. Auf ihm sitzt, nach dem Glauben der Eingeborenen, ein Dämon, der alle vorbeifahrenden Boote in die Tiefe zieht. Selbst große Ozeanschiffe arbeiten stromaufwärts an dieser Stelle oft eine Stunde, um durch die Strudel und Stromschnellen hindurchzukommen. Je mehr wir uns ihr näherten, um so mächtiger und unheilverkündender wurde ein dumpfes Brausen, das vom Brechen der Strömung an den Felsmassen herrührte, vernehmlich. Diese selbst riß uns bald in rasender Fahrt mit sich. Bald kam uns eine heftige Gegenströmung entgegen, die mit aller Kraftanstrengung überwunden werden mußte, damit wir von ihr nicht in die alles vernichtenden Strudel und Trichter gezogen wurden. Wir passierten die gefährliche Stelle, indem wir uns ganz knapp am gegenüberliegenden Ufer hielten. Unterhalb des Fetish-Rock verbreitert sich der Strom und umfaßt zahlreiche Inseln, die mit hohem Schilfgras bewachsen sind. Wir waren in unserem Jagdrevier angelangt und wurden sofort von einem Heer von Moskitos überfallen, die uns buchstäblich aussaugten. Niemand, der nicht selbst einmal das Opfer dieses blutdürstigsten aller Insekten gewesen ist, kann sich eine Vorstellung von den Qualen machen, die wir bis Sonnenaufgang zu erdulden hatten.

Unsere Ruderer hatten auf ein Geheiß Pereiras ihre Tätigkeit eingestellt, um das Erwachen des Tages abzuwarten. Klatschend fielen ihre Hände auf die nackten Körper, um ihre Peiniger zu töten. Hier und da plätscherte ein Ruder im Wasser, fremdartige Laute verkündeten den anbrechenden Tag, junge Wildgänse flogen mit hellem Gekreisch aus dem Schilf, während das eintönige Quaken der Frösche, dem sich der Ruf der Unken als beständiger Begleitton beimischte, die Sinne in Schlaf wiegten. Allmählich kam Leben in unsere Umgebung. Große Raubfische sprangen mit lautem Geplätscher aus dem Wasser; Enten, Reiher und das zahlreiche gefiederte Volk dieser Inseln stimmten ihr Morgenlied an. Lockrufe des Bulikoko und anderer großer Vögel ertönten dazwischen, und schließlich formte sich das Ganze zu einem Jubelchor der erwachenden Natur.

Meine Sinne waren von diesen starken Eindrücken noch ganz befangen, als von ferne plötzlich zweimal ein tiefes Brüllen mächtig und drohend über die stille Wasserfläche zu uns herüberdrang. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel fuhr es uns in die Glieder; wir waren alle wie elektrisiert. Ohne ein Kommando abzuwarten, ergriff jeder Mann sein Ruder, und aufrechtstehend, jeden Nerv und jede Muskel angespannt, mit leuchtenden Augen und pochenden Herzen, zog er es im gleichen Takt lautlos durch die spiegelglatte Wasserfläche, so daß das Kanu wie ein Pfeil dahinglitt. Vorsichtig, möglichst jedes plätschernde Geräusch vermeidend, fuhren wir an Einbuchtungen, Inseln und Sandbänken vorbei, aus welchen graue und weiße Fischreiher, Pelikane, Regenpfeifer, Störche, Gänse und Enten überrascht aufflogen.

Bei jeder neuen Ausbuchtung vermeinten wir der Tiere ansichtig zu werden. Doch wir hatten uns in der Entfernung getäuscht und mußten noch etwa eine halbe Stunde rudern, eine halbe Stunde -- eine Ewigkeit für unsere fieberhaft gespannten Nerven. Schließlich gelangten wir wieder zu einer tiefen Einbuchtung, die einen Ausblick in einen kleinen Binnensee bot, ein Motiv, das in allen afrikanischen Landschafts- und Flußbildern so oftmals wiederkehrt. Vor uns, kaum 200 Schritte entfernt, den Kopf uns abgewandt, schwamm ruhig ein anscheinend älteres Hippopotamus. Es hatte uns nicht bemerkt und tauchte von Zeit zu Zeit in unserer Fahrtrichtung unter. Diese Zwischenpause benutzten wir, um mit Leibeskräften vorwärts zu rudern. Tauchte das Tier wieder auf, so legten wir uns platt in das Kanu. Auf diese Weise kamen wir dem Tier schnell näher, ohne von ihm bemerkt zu werden. Schon fürchtete ich, daß wir es überholt hätten und daß das Tier sich unter uns befinden müsse, als es plötzlich dicht vor unserem Bug auftauchte. Ein scharfer Knall -- und das Tier verschwand wieder, diesmal allerdings in rasender Flucht, daß das Wasser nur so schäumte. Um so deutlicher zeigte sich die Spur auf dem Wasser, und dieser folgten unsere Neger, nun wieder mit höchster Anspannung der Kräfte rudernd. Wir mochten unserem Leittier so etwa 50 Meter gefolgt sein, als plötzlich zu unserer Rechten, auf kaum zehn Meter Entfernung, eine ganze Herde von acht bis zehn Nilpferden in wilder Flucht auf- und übereinander stürzten. So plötzlich und unerwartet sich dieses Schauspiel vor unseren Augen abspielte, waren wir doch alle gewissermaßen darauf vorbereitet, und pang, pang krachten von unseren drei Büchsen fortwährend Schüsse. Ein Jubelgeschrei unserer Ruderer, und wir sahen eine schwere, graue Masse die Beine teilweise aus dem Wasser strecken. Dies alles war das Werk weniger Sekunden. Die nicht getroffenen Tiere stürzten rechts und links von unserem Boote in Riesensätzen ins tiefe Wasser, während ein junges Exemplar, von Angst gepeitscht, im Schilf verschwand. Unsere Ruderer hatten indessen alle Mühe, unser Boot aus dem Bereiche der sich überstürzenden Kolosse zu bringen, um das Vollschlagen mit Wasser zu verhindern. Beim Absuchen des Terrains ergab sich, daß zwei Tiere verendet waren. Man kann sich schwerlich einen Begriff von unserer Freude machen, noch weniger aber von dem Taumel der Neger, die sich wie Wahnsinnige gebärdeten, den aufgedunsenen Körper betasteten, an den beiden Saugzapfen der Weibchen sogen oder durch den Exkrementenkanal mit dem ganzen Arm in dem noch warmen Körper wühlten. Die beiden Tiere waren Weibchen von mittlerer Große und wogen etwa 3000 Kilogramm.

Nachdem der erste Freudentaumel verflogen war, wurden beide Weibchen von sämtlichen Ruderern, die sich ihrer Lendentücher entledigt hatten, auf eine nahegelegene Sandbank gewälzt und die Bauchhöhlen mit Faschinenmessern aufgehackt. Beim Entfernen der Eingeweide wurden unsere Leute in völligen Blutrausch versetzt. Nacheinander sprang jeder einzelne in die Bauchhöhle und badete sich in dem noch rauchenden Blut der Tiere. Auch Magalhaes und Pereira hatten sich inzwischen ihrer Kleider entledigt, um die auf der unter Wasser stehenden Sandbank stattfindende Arbeit zu leiten. Ich folgte ihrem Beispiel. Es mochte gegen 6 Uhr morgens sein, und ein Fußbad konnte unseren zerstochenen Füßen nur guttun.

In einiger Entfernung hielten sich respektvoll einige Krokodile, die durch den Fleischgeruch, die abtreibenden Abfälle und das Blut angelockt waren. Doch keines dieser bei Tag äußerst scheuen Tiere wagte sich so weit in die Nähe, um uns einen guten Schuß zu ermöglichen.

Gegen 11 Uhr vormittags waren die beiden Nilpferde mittels schwerer Holzhacken so weit zerlegt, daß der größte Teil in das Boot verladen werden konnte. Da die einzelnen Teile immer noch zu schwer zum Heben waren, wurde das Boot zum Sinken gebracht. Das durch die Tragfähigkeit des Wassers verminderte Gewicht des Fleisches erlaubte jetzt, die Stücke ohne weiteres im Innern des Kanus zu verstauen. Zum Schluß kam über das Ganze, gleichsam als Schutzdach gegen die sengenden Sonnenstrahlen, der ausgeweidete Körper des einen Nilpferdes. Der Rest des anderen Tieres wurde inmitten einer Insel derart untergebracht, daß die Krokodile es nicht leicht wegschleppen konnten. Hierauf wurde das Wasser aus dem Kanu ausgeschöpft, und wir nahmen wieder darin Platz. Das Boot war nunmehr so stark beladen, daß sein Rand nur um halbe Handbreite aus dem Wasser herausragte. Nachdem wir uns an gebackenen Fischen, einer Mettwurst, Kieler Sprotten, Schinken und Hühnern in Dosen sowie einigen Flaschen Rotwein herrlich delektiert hatten, begann die Heimfahrt. Ich saß mit Magalhaes rittlings auf dem Rücken des einen Nilpferdkadavers und mußte in dieser schwierigen Stellung bis 1 Uhr nachts, also gegen zwölf Stunden, aushalten. Rühren durfte ich mich nicht, da bei der geringsten Bewegung sofort Wasser ins Boot schlug.