Kongoerinnerungen

Part 5

Chapter 53,379 wordsPublic domain

Während die Fahrt frühmorgens mit der Strömung ein wahrer Genuß war, kann ich von der Rückkehr nur das Gegenteil sagen. Das schwerbeladene Boot kämpfte sich wie ein Bleiklotz Schritt für Schritt, immer dicht am Ufer und am Schilf entlang, stromauf vorwärts. Um die Hauptströmung zu vermeiden, mußte ein Riesenumweg in kleinen, seichten Kanälen gewählt werden. Langsam verschwand die Sonne am Firmament als leuchtender, roter Feuerball; die Dämmerung rückte heran; es wurde dunkler und dunkler und die Ausdünstung des Nilpferdfleisches immer unerträglicher. Mit anbrechender Dunkelheit fielen wieder Schwärme von Moskitos über uns her und peinigten uns auf das furchtbarste. Hände, Kopf und Füße waren von den Blutflecken der erschlagenen Insekten wie tätowiert. Meine Kräfte erlahmten, und im Sitzen ließ mich die Müdigkeit in eine Art Halbschlummer fallen, als ich von meinem Nachbar Magalhaes plötzlich unsanft wachgerüttelt wurde. Dicht vor uns, auf kaum zwanzig Schritte Entfernung, trat ein mächtiger Hippopotamus aus dem Schilf und kreuzte, gemächlich durch das seichte Wasser watend, unseren Weg.

Die Dämmerung ließ die Umrisse des ungeschlachten Tieres noch über seine normale Größe hinauswachsen. Unwillkürlich kamen mir bei seinem Anblick die Riesen der Vorzeit, die Ichtiosaurier und Dynosaurier, in den Sinn. Niemals später im Leben habe ich einen ähnlichen Schrecken und -- ich sage es aufrichtig -- eine solche Angst empfunden. Unser Boot näherte sich inzwischen immer mehr dem Kreuzungspunkt, wo es mit dem Flußpferd zusammenstoßen mußte. Mir sträubten sich die Haare bei dem Gedanken, daß das Tier unser schwer lenkbares Boot angreifen würde; doch kümmerte es sich merkwürdigerweise gar nicht um uns. Vorher auf der Jagd hatte ich nur einen Teil des Oberkörpers sowie den ungeheueren Kopf der Bestie gesehen; dies Tier aber ragte in seiner vollen Größe aus dem Wasser und schien in der Dämmerung ins Ungeheuere zu wachsen. Pereira, der die Eigenschaften des Flußpferdes kannte und es offenbar darauf ankommen lassen wollte, wer von beiden den kürzeren zog, gab schließlich einen kurzen Befehl; die Ruderer bremsten das vorwärts treibende Boot mit aller Macht und ließen das Tier vorbei. Pereira, den Finger am Drücker seines Gewehres, rührte sich nicht in seinem Stuhl. Langsam, Schritt für Schritt, tief im Sande versinkend, zog das Flußpferd etwa zwei bis drei Meter vor unserer Bootsspitze vorüber, zeitweilig stehenbleibend und uns herausfordernd anbrüllend. Weit riß es den ungeheueren Rachen auf, tief und drohend hallte das Brüllen ins Land hinein, bis es in weiter Ferne von irgendeinem Kampfbullen, der es als eine Herausforderung betrachtete, gleichsam als Echo wiedergegeben wurde.

Ich saß wie versteinert auf meinem unsicheren Sitz. Die gespenstischen Schatten der Dämmerung, die unermeßliche Macht der schaffenden Natur, welche sich in dem drohenden Ungeheuer da vor uns kundgab, hatten mich vollständig gelähmt. Ich fühlte plötzlich die unsichtbaren Gewalten und tausenderlei Gefahren, denen wir ahnungslos in diesem wilden Kontinent entgegentreten.

Doch auch diese Gefahr ging glücklich an uns vorüber, und unsere mühsame Weiterfahrt stromaufwärts verlief ohne jeden weiteren Unfall. Gegen ein Uhr nachts langten wir nach vollbrachter Riesenarbeit unserer Ruderer -- die armen Teufel hatten zwölf Stunden ohne Unterbrechung das schwerbeladene Boot gegen die Strömung hinaufgerudert -- in Boma an, wo ich nach Verschlucken einer Doppelration von Chinin, an allen Gliedern wie gelähmt, sofort in tiefen Schlaf verfiel. Leider blieb dies die einzige Jagd auf Nilpferde, die ich am Unterkongo mitmachte.

Etwa vier Wochen später wurde Magalhaes bei einer Jagd auf ein Nilpferdjunges von der Mutter, die er nicht bemerkt hatte, angegriffen. Das alte Tier warf das Kanu um, zertrümmerte einem Neger mit einem Hufschlag die Hirnschale und stürzte sich auf den des Schwimmens nicht kundigen und infolgedessen nach Hilfe rufenden Magalhaes, den es am Oberschenkel erwischte, mehrmals biß und in die Luft schleuderte, bis Magalhaes besinnungslos zwischen Schilfgras zu liegen kam. Die Neger hatten inzwischen das Boot gedreht und brachten den Besinnungslosen nach Boma, wo er infolge mehrfacher Brüche und Zerschmetterung des Oberschenkels und eines Armes sowie innerer Verletzungen binnen wenigen Stunden verschied.

Produktenhandel mit den Eingeborenen.

Doch nicht zum Vergnügen der Nilpferdjagd hatte die Direktion mich von Matadi nach Boma auf die Produktenfaktorei herunterkommen lassen. Wie bereits erwähnt, hatte ich hier Herrn Bürbank, Chef der Produktenfaktorei -- einen liebenswürdigen Holländer, der an Schwarzwasserfieber erkrankt war --, zu vertreten. Als abgehärmtes Skelett fand ich den lebensfrohen Mann ans Bett gefesselt und von der Wucht der schrecklichen Krankheit, die mit der Dysenterie die meisten Todesopfer fordert, vollständig niedergeworfen vor. Drei lange Tage hatte er in beständiger Lebensgefahr geschwebt und große Mengen Galle gebrochen, bis Podiferin -- =Pillules Antibilieuses= -- und wiederholte kräftige Einläufe den Körper so weit von allen Krankheitsstoffen befreit hatten, daß der versiegende Lebensfunken wieder langsam aufflackern konnte.

Ich hatte in der relativ kurzen Zeit meines Aufenthaltes in Banana und Fuca-Fuca von der meist portugiesischen Dienerschaft und Bevölkerung so viel von der Sprache gelernt, um ohne weiteres mit den Eingeborenen ohne Dolmetscher Handel treiben zu können. Der Produkteneintausch mit den Eingeborenen spielt sich ungefähr folgendermaßen ab:

Frühmorgens werden die Linguister (Eingeborene, die die Karawanen durch Versprechungen in die Faktorei locken sollen) mit Alkohol und allerlei Zierat, als Geschenke bestimmt, in die verschiedenen Richtungen, die ins Innere des Landes führen, ausgesandt. Schlaue Portugiesen hatten diesen Modus des Handels wegen der immer heftigeren Konkurrenz ausgedacht, und wir anderen mußten folgen, wollten wir nicht alle Karawanen zur Konkurrenz ziehen sehen. Von der Tüchtigkeit dieser Linguister im Lügen und Vorschwindeln, von der Stärke des Alkohols (die Portugiesen hatten allerhand Kniffe, um den Geschmack desselben durch Beimischen von Gewürznelken oder auch Cayenne-Pfeffer noch zu erhöhen) und schließlich auch von dem Ansehen, den dieser bei ihnen genoß, hingen dann hauptsächlich die Geschäftsresultate ab. Hatten unsere Linguister durch irgendeinen neuen Kniff die Leute betört, dann kamen in langen Reihen die Karawanen, jeder Mann seinen »Kisako«, eine Art Tragkorb, auf dem Kopf, der mit Kautschuk, Palmnüssen, Palmöl oder auch Elfenbein gefüllt war, in die Faktorei hereinspaziert.

Doch damit ist der Handel noch lange nicht erledigt. Die Konkurrenz hat mit scheelen Augen die Karawane vorüberziehen sehen und dabei nochmals durch ganz besonders gewandte Neger den Leuten »das Blaue vom Himmel versprechen lassen«. Gewöhnlich begleitet der eine oder andere Konkurrenzbote die Leute bis in die eigene Faktorei. Dazu werden von den Portugiesen wieder Eingeborene aus solchen Dörfern verwendet, die uns zumeist unbekannt sind. Werden sie ausfindig gemacht, dann verlassen sie hinkend die Faktorei und kehren bestimmt nicht wieder.

Jetzt beginnt ein Feilschen und Schachern, wovon ein europäischer Kaufmann sich schwer einen Begriff machen kann. Alkohol wird bei diesen Unterhandlungen im Überfluß gespendet. Mata biche (töte das Tier im Magen -- den Hunger --) ist das erste Wort und auch das letzte bei jeder Verhandlung. Im Halbkreis um die Wage herum sitzen die Neger und packen mit einer Umständlichkeit ihre Siebensachen aus ihren Körben heraus, die uns Europäern ein Lächeln entlockt. Gewöhnlich ist der Häuptling der Erste und Anspruchsvollste, der mit einigen Kilo Kautschuk an die Wage tritt. Der Preis, den er zuerst dafür fordert, ist das Dreifache des eigentlichen Wertes. Wer ärgerlich davonläuft, wird von einem Bakongo niemals ein Lot Kautschuk kaufen. Am meisten Erfolg wird stets der haben, der als Philosoph ruhig lächelt und das Ganze als lustigen Scherz auffaßt. Denn die Leute wissen ganz gut, daß das, was sie fordern, unmöglich ist, und grinsen ganz vergnügt, wenn der weiße Chef sie auslacht. Inzwischen werden bedächtig die kleinen, kunstvoll gearbeiteten Tonpfeifen in Brand gesetzt, die Alkoholflasche geht von Hand zu Hand, und die Kerls setzen sich gemächlich, als ob sie die ganze nächste Woche verhandeln wollen. Die Leute haben Zeit, Zeit, riesig viel Zeit. Sie kommen acht bis zehn Tagereisen aus dem Innern und wollen nun alles Neue, was um sie vorgeht, in Gemütsruhe auffassen und genießen. Darum »Eile mit Weile«!

Ganz gemütlich kehre ich nach der ersten Begrüßung an meinen Frühstückstisch zurück. Ist der mitgekommene Häuptling eine gewichtige Persönlichkeit oder mir von früher her bekannt, so lasse ich ihm durch einen Moleque -- portugiesische Bezeichnung für Diener -- eine dampfende Tasse schwarzen Kaffee bringen. Dies schmeichelt seiner Eitelkeit ganz besonders und macht ihn um einen großen Grad entgegenkommender. Inzwischen kommen immer neue Karawanen herein, die dem ersten Beispiel folgen.

Nach dem ersten Frühstück kehre ich abermals zur Wage zurück. Die Leute sind inzwischen im Preise heruntergegangen, verlangen aber immer noch zu viel. Ich erkenne, daß eine Einigung vorläufig unmöglich ist, und wende mich den Neuangekommenen zu. Bei ihnen gewöhnlich Wiederholung ungefähr der gleichen Prozedur.

Unter die zuerst Angekommenen habe ich inzwischen einige Ringe Lukolela-Tabak verteilen lassen. Diese Gratisverteilung imponiert ihnen offenbar sehr; sie ziehen mit Behagen den Duft des bei ihnen ganz besonders beliebten Krautes ein und überlegen im stillen, wie viele solcher Ringe sie sich als »Matabiche« mitnehmen werden. Inzwischen sind die Türen des Faktoreigebäudes geöffnet worden, wo Reihe an Reihe große Mengen von Tüchern, Baumwollstoffen aller Art, kurz ein ganzes Arsenal von begehrenswerten Dingen aufgestapelt liegen. Der Wunsch, all dies zu besitzen, stimmt sie nachgiebiger. Den Anführer oder Häuptling habe ich beiseite genommen und ihm außer den gewöhnlichen Draufgaben noch ein Extra-Matabiche versprochen, wenn er mir beim Kauf zur Seite steht. Kurzum, wir einigen uns auf einen Preis, der vorläufig mein Kauflimit noch überschreitet. Gestreifte und geblümte Baumwollstoffe in allen möglichen grellen Farben, Faschinenmesser, Hauen, Arm- und Beinringe aus Messing, Perlen, einige Säcke Salz usw. haben ihren Besitzer gewechselt und werden nun mit kritischen Augen betrachtet. Hat der Anführer nun erst einmal gekauft, so folgen alle anderen, wie eine Herde Schafe ihrem Leithammel. Diese sind bei weitem nicht so gerieben und verwöhnt wie der erste und nehmen, was man ihnen gibt. An ihnen muß die erste Differenz sowie das Extrageschenk dazu verdient werden. Schließlich wird der ganze Kauf noch in einer Runde Alkohol sowie verschiedenen Runden Schnupftabak gewissermaßen besiegelt. Ich habe inzwischen schnell die Gesamtbilanz gezogen und den Häuptling allein zu mir ins Magazin gebeten. Unsere weiteren Verhandlungen bleiben für alle, selbst für meine Leser, ein Geheimnis.

Es kommt aber auch vor, daß man von den Eingeborenen hineingelegt wird. Davon nur ein tragikomisches Beispiel. Eines Tages erhielt ich den Besuch eines großen Häuptlings »Nfuma mafuta mingi« der Mayumbe-Region. Er sah außerordentlich vornehm aus. Die dünnen, langen, mit schwarzem gekrullten Haar bedeckten Beine staken in einer Pumphose, die vor Jahren einmal weiß gewesen war; um den knochigen Körper schlotterte ein Gehrock, in den an verschiedenen Stellen mittels weißen Zwirns Flicken eingesetzt waren. Die mit Amuletten aller Art verzierte Brust schmückte stolz die Nickelmedaille, das Abzeichen der vom Staat anerkannten Häuptlinge. Mit dem Gruße »Mbote Nfuma« trat der Mann, gefolgt von zwei Eingeborenen seines Dorfes, zu mir auf die Veranda, nahm aus den Händen seiner Diener zwei große fette Hühner sowie eine Kalebasse mit süßem Palmwein und legte sie mit hoheitsvoller Würde zu meinen Füßen nieder. Das mindeste, was man in solchen Fällen tun kann, noch dazu, wenn man ein Geschenk erhält, ist, seinem Gast einen Stuhl anzubieten. Dies tat ich, und Nfuma mafuta mingi drehte zuerst das eine Bein einwärts, dann das zweite und setzte sich darauf mit sehr viel Würde mir gegenüber nieder.

Behaglich lehnte ich mich inzwischen in meinen Stuhl zurück und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Einige Minuten völligen Stillschweigens vergingen, dann begann Mafuta mingi:

»Ich komme von meinem Dorf.«

»Gut, das freut mich,« erwiderte ich und überlegte im stillen: Sicherlich will der Mann irgendeinen Dienst von mir, daher die Geschenke.

Wir sahen einander einige Minuten schweigend, prüfend an.

Dann fuhr er fort: »Um dir guten Morgen zu sagen.«

Ich bin von jeher ein höflicher Mann gewesen und erwiderte nun meinerseits den Gruß, gespannt, was darauf folgen sollte. Wieder langes Stillschweigen -- endlich:

»Ich bringe dir hier dieses Geschenk.« Ah, denke ich, jetzt kommt es. Doch wieder hatte ich mich getäuscht. Nach weiteren fünf Minuten Stillschweigens fing ich an ungeduldig zu werden und fragte mich vergeblich, was der gute Mann eigentlich von mir wollte. »Ist das alles, und bist du darum aus dem Dorfe gekommen, um mir nur guten Tag zu sagen und ein Geschenk zu bringen?«

Diese Frage verwirrte ihn offenbar noch mehr, und er antwortete: »Ich habe dir dieses Geschenk gebracht, weil du mein Chef und ein guter Chef bist und weil ich dich lieb habe.«

»Ah, sehr brav, sehr brav, mein lieber Freund«, antworte ich darauf, innerlich tief beschämt und erstaunt über so viel Liebe und Aufmerksamkeit von seiten eines Mannes, den ich bisher höchstens dreimal gesehen.

Wieder hüllten wir uns in tiefes Stillschweigen. Die Idee, daß der gute Mann eigens mir zuliebe die weite Reise gemacht haben sollte, wollte mir doch nicht so recht in den Kopf. Wäre ich ein abergläubischer Mensch gewesen, so hätte ich jetzt ernstlich Furcht vor irgendeiner Hexerei empfunden, die der Häuptling mit mir vorhatte, so unverwandt und durchdringend blickten seine Augen mich an. Doch da ich als guter Mensch von meinen Nächsten stets das Beste denke, so hatte ich keine Furcht, sondern fühlte nur ein leises Unbehagen, zumal ich nicht recht wußte, auf welche Weise ich mich für so viel Güte revanchieren sollte. Ich verließ also meinen Lehnstuhl und machte einen kleinen Rundgang in der Faktorei, um die verschiedenen Arbeiten zu inspizieren. Das war gegen 9 Uhr morgens. Etwa eine Stunde später kehrte ich auf die Veranda zurück und fand den guten Mann, den ich völlig vergessen hatte, mit seinen beiden Dienern auf der gleichen Stelle hockend vor.

»Mfumu, seit etwa vierzehn Tagen habe ich hier« -- dabei deutete er in die Magengegend -- »ein Tier, welches auf und ab geht und mir meinen Schlaf raubt.«

Da haben wir die Bescherung, dachte ich, sicherlich wünscht der Brave ein Medikament. Mit ernsthafter Miene ließ ich mir die Örtlichkeit seiner Schmerzen von ihm näher erklären. Diesmal lamentierte er fließend weiter:

»Und da ich weiß, daß du ein guter Chef und großer Medizinmann bist, der alle Teufel zu bezwingen vermag, bin ich zu dir gekommen, dich zu bitten, das Tier im Magen zu töten.«

Unwillkürlich setzte ich eine wichtige Miene auf -- ein Beweis, daß eine Schmeichelei, selbst von einem Negerhäuptling, niemals ihre Wirkung verfehlt -- und stellte die bei derartigen Anlässen üblichen Fragen.

»Laß die Zunge sehen -- gut. Bist du bei gutem Appetit?«

»Nein.«

»Gehst du regelmäßig ins Grüne?«

»Seit einer Woche nicht.«

»Ah, ah« -- schließe ich meine Diagnose, »der Fall ist schwer, sehr schwer.« Gewichtig schreite ich ein paarmal auf und ab, die Stirne in krause Falten ziehend. Für mich, der ich niemals einen pharmazeutischen Kursus zu absolvieren Gelegenheit hatte, bedeutete dies einen ganz komplizierten Fall. Meine Wissenschaft in derartigen Dingen reichte gerade so weit, um sofort mit klarem Blick zu erkennen, daß hier nur ein kräftiges Purgativ, wie =Magnesium sulfuricum= (Bittersalz) helfen konnte. Ich entnahm daher meinem Arzneikasten eine Flasche, welche das Heilmittel für den Patienten enthielt. Dieser war mir auf den Fersen gefolgt und hatte mißtrauisch jede meiner Bewegungen beobachtet. Ich füllte einen Löffel bis zum Rand und leerte ihn in ein Glas. Dies genügt für gewöhnlich, doch, teils aus Mitleid für die Qualen, welche der Bedauernswerte bisher erduldet hatte, teils aus Vorsicht, weil Negermagen stets die doppelte Dosis vertragen können, leerte ich einen zweiten vollen Suppenlöffel mit der gebührenden Feierlichkeit in das Glas.

Die Zubereitung einer Medizin, die den »bösen Geist im Körper töten sollte«, mußte natürlich im mystischen Dunkel erfolgen, damit mein Ruf als Medizinmann nicht vom Erstbesten vernichtet werden konnte. Ich trat daher in meine Dunkelkammer, in welcher mein Boy vorher das rote Licht angezündet hatte, und in deren geheimnisvollem roten Schein füllte ich das Glas bis zum Rande mit »=aqua destillata=«. Hierauf reichte ich dem Häuptling, der von der Veranda aus den ganzen Vorgang beobachtet hatte, das Glas mit gebieterischer Gebärde. »Trinke!«

Dieselbe Gebärde und Haltung mir gegenüber einnehmend, erwiderte dieser:

»Trinke du zuerst!«

Mit einem Schlag stürzte ich aus meinen mystischen Höhen, in die mich die Zubereitung der Medizin versetzt hatte. Ich glaubte meinen Ohren nicht trauen zu dürfen. Doch ein Blick auf den Patienten genügte, um zu sehen, daß ich recht gehört hatte und daß dies sein bitterer Ernst war.

»Aber ich bin doch nicht krank!« erklärte ich.

»Wenn du nicht krank bist, dann wird es dir nicht schaden«, war die Antwort.

»Aber ich gehe doch regelmäßig, jeden Tag ... ins Grüne!«

»So wirst du eben noch regelmäßiger gehen.«

»Ah, geh zum Teufel, wenn du nicht trinken willst, dann schau, daß du weiterkommst!«

»Aber ich will ja trinken, nur mußt du zuerst die Hälfte trinken!«

»Wenn du nur die Hälfte trinkst, dann nützt die Medizin nichts, du mußt alles trinken.«

»Gut, dann trinke du das ganze Glas und bereite mir die gleiche Medizin nochmals!«

»Der Teufel soll dich holen -- Kaluka -- schau, daß du fortkommst!«

Bis zu diesem Augenblick hatte ich die Angelegenheit von der komischen Seite betrachtet. Nun fing ich wirklich an, ärgerlich zu werden. Mein Patient ließ sich durch meinen Zorn durchaus nicht aus dem Gleichmut bringen. Langsam erhob er sich, setzte die Füße einwärts, schüttelte das greise Haupt:

»Wa--wa--wa--was? Du willst nicht trinken? Dann hast du mich vergiften wollen!«

Und seine beiden Diener nickten zustimmend mit den Köpfen und wiederholten: »-- vergiften -- vergiften wollen.«

Ich erstickte vor Wut und mußte mich zusammennehmen, um ihnen nicht das Glas an den Kopf zu werfen.

»Und wir gehen jetzt zum Richter, um dich anzuzeigen!«

Mir wurde es schwarz vor den Augen; ich fühlte, wie mir eine Blutwelle zu Kopf stieg. Da hatte ich mir eine schöne Suppe eingebrockt! Hin und her überlegend, rannte ich wie ein wildes Tier auf der Veranda auf und ab. Der Satz: »dann wolltest du mich vergiften« ging mir im Kopf herum. Ich konnte den Esel doch nicht im Glauben lassen, daß ich es wirklich auf sein Leben abgesehen hatte. Der Kerl wäre imstande, die Geschichte in ganz Boma und Umgebung zu verbreiten. Er hatte zwei Zeugen, die offenbar ganz der gleichen Meinung waren. In Gedanken sah ich mich schon vor das Schwurgericht gestellt! Ich würde ja sicherlich freigesprochen werden, aber ein Makel würde ebenso sicher auf meinem Namen bleiben, und ich sah schon in Gedanken die englischen Missionare in ihren Journalen der Welt verkünden: Mißglückter Versuch eines Händlers, einen bedeutenden Eingeborenenhäuptling zu ermorden! Aussagen von zwei Zeugen, die zugegen waren. Urteil der Kongogerichte. Freispruch des Mörders mangels genügender Beweise!

Eine unbeschreibliche Wut erfaßte mich bei diesem Dilemma. Am liebsten hätte ich dem Kerl von meinem Capita[3] 25 Hiebe mit der Nilpferdpeitsche aufzählen lassen. Doch nein -- rechtzeitig hielt ich inne! -- Mißglückter Vergiftungsversuch -- dann Prügel -- vielleicht gar Totschlag -- mir wurde es schwarz vor den Augen! »Ah, wenn ich wenigstens noch Bittersalz vertragen könnte! Doch ich versichere, nicht einmal riechen, geschweige denn trinken konnte ich bisher das abscheuliche Zeug. Ach, in welches Wespennest hatte ich da die Hand hineingesteckt! -- Es sollte mir nichts übrigbleiben -- ihr werdet sehen!« --

Mafuta mingi stand noch immer vor mir, das Glas mit meiner Medizin in der Hand. Plötzlich reifte ein heroischer Entschluß in mir, ich nahm das Glas und leerte es auf einen Zug!

Mafuta mingis Gesicht verzerrte sich zu einem behaglichen Grinsen; ich aber rannte zu meiner Flasche, schüttete vor seinen Augen drei große Löffel in das Glas und füllte dieses bis zum Rand mit =aqua destillata=.

»So, jetzt trinke, sonst erschlage ich dich auf der Stelle.« -- -- --

Eine Woche später erschien Mafuta mingi wieder, um mir für den Erfolg meiner Behandlung zu danken; er war zwei Tage lang fortwährend -- ins Grüne gegangen. Und ich armer Teufel -- --?!

Ich habe in meinem späteren Leben niemals mehr einem Häuptling eine Medizin gegeben.

Die Fahrt zum Stanley-Pool. Leopoldville. Brazzaville.

Von Matadi stromaufwärts bis zum Stanley-Pool bildet der Kongofluß eine Reihe von Katarakten, Stromschnellen und Strudeln, die für Dampfer völlig unpassierbar sind, so daß diese Strecke in früheren Jahren mit Karawane zu Fuß zurückgelegt werden mußte. Im März 1890 wurde mit dem Bau der 500 Kilometer langen Eisenbahn begonnen, und im Jahre 1898 wurde diese offiziell dem Verkehr übergeben. Wer sein ganzes Leben in der Heimat hinterm Bureautisch in beschaulicher Ruhe zugebracht hat, wer als Weltbummler, dank seines Goldes, in bequeme Sessel zurückgelehnt, eine Vergnügungsreise über die Kristallberge nach dem Stanley-Pool macht, der wird keine Ahnung von der Riesenarbeit haben, die durch menschliche Intelligenz hier geschaffen, von dem Kampf zweier Welten, der hier ausgefochten worden ist und Tausende von Opfern durch Seuchen aller Art gefordert hat. Niemals wird er sich davon Rechenschaft ablegen, wieviel menschliches Blut hier an jedem Schritt Landes haftet, und wie viele vor ihm ihre Gesundheit, ihren Verstand und ihr Leben bei dieser mörderischen Arbeit lassen mußten. Der aber, der mehr als einmal unter viel kleineren Aufgaben zusammengebrochen ist, der am eigenen Körper die erschlaffende Wirkung der Sonnenstrahlen empfunden hat, kann sich eine Vorstellung davon machen, was es heißt, dieses Riesenwerk in den Granitfelsen in schwindelnder Höhe entstehen zu lassen.