Kongoerinnerungen

Part 3

Chapter 33,391 wordsPublic domain

Träge glitt unser Boot an einem undurchdringlichen grünen Wall von Schlingpflanzen, Mangrovendickicht und Urwald, eng miteinander verschlungen und verwachsen und dem Eindringling den Zugang zum festen Lande verwehrend, vorüber. Vom Wasser aus gesehen, hat dieser lebende Schutzwall geradezu etwas Märchenhaftes. In zarten Fäden, gleich Spinnweben, hängen die Ausläufer von den höchsten Spitzen der Mangroven und Bäume bis zum Wasser herab und bilden, mit den gleichfalls aus dem Laubdach herabfallenden Lianen dicht verschlungen, reizende Grotten und Höhlen. Dem Neuling erschließt sich hier ein Reich der Wunder, welches Herz und Sinne völlig in seinen Bann schlägt.

Wir landeten an einem ausgetretenen Nilpferdpfad, und mein Herz pochte mächtig bei dem Gedanken, das ungeschlachte Ungeheuer könnte uns aus dem undurchdringlichen Dickicht entgegentreten. Doch nichts dergleichen geschah, und mit ein paar Sprüngen über Morast standen wir auf festem Boden. Beim Eintreten in das Walddickicht konnte ich mich eines gewissen Gefühles der Beklemmung nicht erwehren. War es das mächtige Walten und Schaffen der Natur, das mich Neuling niederdrückte? Meine Augen schweiften unruhig umher und bemerkten, daß der Grund und Boden, auf dem wir standen, von mir unbekannten Geschöpfen wimmelte. Das Gelände war sumpfig und allenthalben von Löchern unterhöhlt. Vor diesen saßen prachtvoll vom hellsten Rot bis zum tiefsten Violett gefärbte Krabben von der Größe unserer heimischen Art bis zu den Maßen eines Hummers. Sowie wir uns auf ein paar Schritte näherten, verschwanden sie, um sofort, wenn wir den Rücken gekehrt hatten, wieder aus den Löchern hervorzukommen. Viele Stunden habe ich diese Tiere in ihrem Leben und Treiben belauscht und oftmals mittels eines Netzes versucht, ihrer habhaft zu werden; es ist mir aber nie gelungen. Diese Krabben, ebenso wie die Baumechsen in allen möglichen Größen und Formen, welche beim geringsten Geräusch mit einer unglaublichen Gewandtheit den nächsten Baum erklettern, bildeten während meines kurzen Aufenthaltes in Banana einen Gegenstand beständigen Interesses und Studiums. Beide Tierarten habe ich auf meinem weiteren Vordringen nach dem Innern Afrikas nirgends mehr angetroffen.

Auf diesem ersten Jagdausflug erlegte ich eine kleine Wildkatze, meine erste Beute auf afrikanischem Boden, deren Fell ich abzog und präparierte. Leider übersah ich bei dieser Prozedur den langen, buschigen Schwanz, so daß derselbe die Haare verlor.

Die Fahrt nach Fuca-Fuca. Faktoreibeamter.

Etwa sieben Wochen waren seit meiner Ankunft in Banana verstrichen. Ich hatte in dieser Zeit gründlich Gelegenheit gehabt zu überlegen, daß das ruhige Bureauleben auf einer großen Station, soviel Angenehmes es auch für den Durchschnittsmenschen haben mag, für meine abenteuerhungrige und nach freier Betätigung verlangende Natur nicht taugte. Lieber die Strapazen beschwerlicher Karawanenreisen, lieber Hungersnöte und Kämpfe mit den Eingeborenen ertragen, als hier von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends bei sengender Sonnenhitze hinter Büchern vergraben zu sein.

Mein erster Versuch fortzukommen, wurde vom Konsul unter Hinweis auf die großen Vorzüge, die ich hier an Ort und Stelle in Form eines behaglichen Heimes, der Gesellschaft von Europäern, eines reich besetzten Tisches und schließlich einer voraussichtlich schnellen Karriere -- da er mir persönlich sehr zugetan sei -- schlankweg abgewiesen. Tatsächlich waren in der letzten Zeit einige unserer Agenten in abgemagertem, elendem Zustande vom oberen Ubangi eingetroffen, die von unsagbaren Leiden und Hungersnöten in diesen Gebieten infolge eines Negeraufstandes berichteten. Doch ihre Erzählungen hatten auf mich gerade den gegenteiligen Einfluß und bestärkten mich eher in meinem Beschlusse, von Banana fortzukommen. Da mündliche Anträge nichts halfen, beschloß ich schriftlich, sowohl hier als auch bei der Zentrale in Europa anzusuchen. Diese Schritte geben mir Gelegenheit, einige Worte über die Organisation unseres geschäftlichen Unternehmens einzuflechten.

Die Holländer waren neben den Portugiesen die ersten, die viele Jahre vor Zustandekommen der »Association Internationale«, aus der der heutige Kongostaat hervorgegangen ist, von der Kongomündung Besitz ergriffen hatten. Während die Portugiesen am linken Ufer des Stromes Fuß faßten, gründeten die Holländer Banana, errichteten daselbst eine eigene Schiffswerft und befuhren mit ihren Handelsdampfern den gesamten Unterlauf des Kongo bis nach Vivi, ungefähr auf der Höhe des heutigen Matadi gelegen, sowie die ganze portugiesische Küste nördlich und südlich der Kongomündung -- heute Angola und Portugiesisch-Kongo genannt --, in deren wichtigsten Plätzen sie Faktoreien anlegten. Beim weiteren Vordringen ins Innere des Landes bis zum Stanley-Pool, im Gefolge von Stanley, waren wieder die Holländer die ersten, die in Brazzaville am Stanley-Pool die erste Handelsniederlassung gründeten und von dort aus mit ihren eigenen Dampfern den ganzen Oberlauf des Kongoflusses befuhren und daselbst Stationen errichteten. Die großen Entfernungen, die beide Stützpunkte räumlich voneinander trennen -- die Eisenbahn Matadi-Stanley-Pool wurde erst Jahrzehnte später in Angriff genommen -- nötigte die Gesellschaft, zwei vollständig voneinander getrennte Abteilungen mit je einem Direktor an der Spitze -- die Unterkongo- und Oberkongo-Abteilung -- einzurichten.

Ich war von Europa aus ursprünglich auf mein Ansuchen hin für die Oberkongo-Abteilung bestimmt und vom Konsul gegen einen anderen Agenten eingetauscht worden. Meinem nochmaligen, schriftlichen Ansuchen konnte dieser sich daher nicht gut widersetzen, und er erfüllte meinen Wunsch wenigstens soweit, daß er mich nach der durch ihr ungesundes Klima berüchtigten Faktorei Fuca Fuca versetzte.

Mit gemischten Gefühlen verließ ich am 27. September Banana, einesteils erfreut, meinen Wunsch erreicht zu haben, doch auch wieder besorgt, wie meine weitere Zukunft sich gestalten werde, da Fuca Fuca im Rufe einer verseuchten Faktorei stand, auf der ihrer ungesunden Lage wegen kein Europäer es länger als zwölf Monate aushält und die meisten von ihnen sterben. Doch der herrliche Sonnentag, die heitere Gesellschaft an Bord und vor allem das Vertrauen auf meinen Glücksstern verscheuchten bald alle trüben Gedanken. Bald tauchte auf der linken Seite des Flusses, mitten im Palmenwald gelegen, Kisanga auf. Von der Flaggenstange vor dem Hauptfaktoreigebäude flatterte lustig die holländische Fahne in der leichten Brise. Das Gebäude selbst sah viel mehr einem modernen Jagdschlößchen als einer Faktorei ähnlich. Wege und Anlagen waren tadellos gepflegt und rein gehalten -- ein europäisches in die Tropen versetztes Schmuckkästchen. Wir waren nachmittags gegen 2 Uhr von Banana ausgefahren und verbrachten hier die Nacht, da wir noch einen Teil der Ladung löschen sollten. Ich begab mich mit dem Kapitän und dem Lotsen an Land und wurde vom Chef der Faktorei nach Besichtigung derselben zu einer Partie Billard eingeladen.

Kisanga gehört noch zu Portugiesisch-Angola und bestand damals außer der portugiesischen Zollstation und dem holländischen Hause nur noch aus einer kleinen portugiesischen Faktorei. Während der Dämmerung ertönte plötzlich von der Flußseite her lebhaftes Geschrei. Eine Cabindafrau war beim Waschen von einem Krokodil durch einen Schlag seines mächtigen Schwanzes ins Wasser geschleudert und vor den Augen der entsetzten Gefährtinnen in Stücke zerrissen und in die Tiefe gezerrt worden. Der Vorfall versetzte mich begreiflicherweise in die höchste Aufregung, während die Holländer und Portugiesen die Sache ganz kühlen Blutes als etwas hinnahmen, was sich öfters ereignet. Es war den Eingeborenen untersagt, bei Einbrechen der Dämmerung an das Flußufer, noch dazu an tiefe Stellen, zu gehen, wo ein Krokodil sich ganz unbemerkt an sie heranmachen konnte. Beim ersten Morgengrauen verließen wir Kisanga, und in voller Fahrt ging es stromaufwärts nach der Haupt- und Regierungsstadt Boma, die wir gegen 1/2-12 Uhr -- falls wir glücklich, ohne hängen zu bleiben, die große Sandbarriere überschreiten würden -- erreichen sollten. An Stelle der dicht bewaldeten Inseln und des verhältnismäßig ziemlich hoch gelegenen und mit üppiger Vegetation bedeckten linken Flußufers stießen wir, je weiter wir ins Innere kamen, auf große Weide- und Schilfgebiete. Die Inseln verflachen sich und sind mit hohem Schilfgras bewachsen, und die bewaldeten, hohen Ufer entschwinden allmählich aus dem Gesichtskreis. Wir näherten uns der großen Sandbank, welche alljährlich durch die Strömung hier angeschwemmt wird und, vor allem gegen Ende der Trockenperiode, wenn der Wasserstand am niedrigsten ist, die Schiffahrt ernstlich gefährdet.

Ein Heer von Piloten ist beständig mit dem Sondieren der Wassertiefe und dem Suchen nach einem Durchgangswege für die Schiffe betraut, da Menschenhände bisher die Macht des Flusses infolge der eigenartigen geologischen Beschaffenheit des Terrains nicht zu bändigen vermochten und die Sandbänke im beständigen Abbau und in Neubildung begriffen sind. Das Flußbett, welches auf der Höhe von Kisanga z. B. eine Breite von zirka 1500 bis 2000 Meter haben mag, umfaßt hier wohl das Zehnfache und bildet mit den vielen Inseln, toten Armen und Sandbänken eine Art Binnensee, in welchem die Strömung kaum bemerkbar ist.

An der eigentlichen Barriere bleibt dem Dampfer manchmal kein anderer Ausweg, als sich mit aller Maschinenkraft über das letzte Hindernis hinwegzuarbeiten. Gelingt das nicht, dann bleibt er oft zwei bis drei Wochen auf dem Sande sitzen, bis er soweit entladen ist, daß er sich herausarbeiten kann. Auch wir waren verschiedene Male an Sandbänke angefahren und gelangten schließlich nach einer Reihe von Stößen, die das Schiff bis in die Grundfesten erschütterten, über die große Barriere nach Boma.

Boma ist die malerisch auf einer Anhöhe gelegene Haupt- und Residenzstadt des Gouverneurs des Kongostaates und zählte damals gegen 300 Europäer aller Nationen. Die Stadt ist von dem gleichfalls auf einem Hügel gelegenen Fort Shinkakassa vor feindlichen Angriffen sowohl von der Landseite aus als auch gegen den Fluß hin geschützt und besitzt eine kleine Lokalbahn, die das Ufer mit dem Fort verbindet und die Stadt durchquert. Boma ist überdies der Ausgangspunkt einer Eisenbahnlinie, die nach dem reichen und für Plantagenbau besonders geeigneten Hinterlande Mayumbe führt und von dort die Kolonialprodukte an Kautschuk, Kakao, Kaffee, Tee, Palmöl, Nutzhölzern aller Art usw. vom Innern an das Flußufer bringt. Von der Landungsbrücke gelangt man auf einen schattigen großen Platz mit einem Musikpavillon, =Place de la Marine= genannt, auf welchem an Sonntagen die Kapelle der »Katholischen Missionskinder« spielt. Von hier führt eine Straße den Fluß entlang ins sogenannte Faktoreiviertel, d. h. die Niederlassungen der holländischen, portugiesischen, englischen und französischen Kaufleute, während eine zweite schattige Allee von Mangobäumen den Hügel erklimmt und nach dem »Boma-Plateau« führt, auf welchem die meisten Verwaltungsgebäude der Regierung, die Katholische Mission nebst kleiner Missionskapelle sowie das Gouvernementsgebäude liegen. Die einzelnen Häuser sind von schönen Gärten umgeben und stehen ziemlich weit auseinander, so daß Boma auf den ersten Anblick viel größer erscheint, als es tatsächlich ist. Vom Plateau aus genießt man einen prächtigen Rundblick auf den majestätisch dahinziehenden Strom, der nach dem Unterlaufe zu mit einer in das Bett hineinragenden Felsengruppe, dem sogenannten »Fetish-Rock« abschließt, während nach seinem Oberlauf die Ufer zu beiden Seiten ihn immer mehr einschließen. Zur Rechten erblickt man das Fort Shinkakassa, und zu Füßen, hinter Palmenanlagen, leuchten die weißen Dächer der Faktoreigebäude aus dem saftigen Grün hervor. Das wellenförmige Hügelgelände der Umgebung ist eine ausgedehnte unfruchtbare Grassteppe, deren Eintönigkeit hie und da durch einen mächtigen »Baobab« (Affenbrotbaum) oder »Wurstbaum«, nach den wurstartigen Früchten so benannt, belebt wird. Das Gelände durchschneidet ein kleiner Bach, der in einer Lagune in den Fluß einmündet und »Krokodilfluß« heißt. Vor Jahrzehnten soll das Gewässer eine Brutstätte für Krokodile gewesen sein.

Was die einheimische Bevölkerung anbelangt, so ist Boma das moderne Babel der Negerrassen Innerafrikas. Als größere Garnisonstadt finden sich unter den Soldaten, die übrigens in ihrer dunkelblauen Uniform mit Pumphosen, roter Schärpe und dunkelrotem Fes höchst schmuck aussehen, Vertreter sämtlicher Rassen. Allerdings fallen bei ihnen die Stammesmerkmale nicht so sehr in die Augen, da sie meistenteils frühzeitig von ihrer Heimat weg Dienste beim Europäer angenommen und infolgedessen die Tätowierung vernachlässigt haben.

Von Boma stromaufwärts verengt sich, wie gesagt, der Lauf des Stromes, und die Ufer zu beiden Seiten nehmen gebirgigen Charakter an. Die Fahrt wird immer genußreicher, und bei jeder Krümmung bietet sich dem entzückten Auge des Reisenden eine neue Offenbarung des mächtigen Waltens der Natur. Steile Felsen senken sich von beträchtlicher Höhe fast senkrecht zum Wasserspiegel hinab und schließen jede weitere Aussicht derart ab, daß das vor uns liegende Wasserbecken einem von allen Seiten eingeschlossenen Hochgebirgssee gleicht. Dies Bild wiederholt sich in immer anderer Gestalt fortwährend. Ein Landschaftsmaler könnte hier Motive für unzählige Bilder finden. Kommt man näher an die Ufer heran, so ist man erstaunt, zu sehen, wie hier die Natur vorgesorgt hat, die Öde und Eintönigkeit der Gegend zu verdecken und zu beleben, denn im Grunde genommen ist es doch ein trostloses Bild, das sich dem Auge bietet. Nichts als dürres Gras gedeiht auf diesen Steinfelsen und in der Tiefe, aus welcher befruchtende Quellen aus dem Gebirge kommen, einiges Laubwerk.

Auf das lebhafteste wurde meine Phantasie angezogen durch die Riesenbrände, die gegen Ende der Trockenperiode allenthalben wahrzunehmen sind und gierig den letzten Rest der Vegetation verschlingen. Wir kamen an mehreren solchen Brandstellen vorüber. Auf meilenweite Entfernung stand das etwa zwei Meter hohe, trockene Gras in Flammen. So großartig dies Schauspiel auch ist, so grauenhaft ist es, mitanzusehen, wie der lechzende Dämon alles Lebende vernichtet. Wehe der Karawane, die ahnungslos in den Bereich eines solchen Brandes gelangt. Da hilft keine Flucht; denn wie ein Orkan fegt die Feuersbrunst daher. Ein paar Häuflein verkohlter Skelette sind alles, was binnen wenigen Minuten übrigbleibt. Diese Riesenbrände entstehen übrigens nicht von selbst, sondern werden von den Eingeborenen zu Jagdzwecken angefacht.

Im Verlaufe unserer Reise kamen wir öfters an schwimmenden Inseln, Fetzen festen Landes von 30 bis 40 Meter Umfang, mit Bäumen und Gestrüpp bewachsen, vorbei. Auf einem derselben lagerte ein Riesenexemplar von Krokodil, das bei unserem Nahen schwerfällig ins Wasser glitt.

Wir passierten auf unserer Fahrt, ohne anzuhalten, die malerisch in kleinen Ausbuchtungen, gleich Oasen in dieser Steinwüste, gelegenen holländischen Faktoreien Binda, Musuko, danach Muckula und zuletzt Noki. Alle diese Faktoreien liegen noch auf portugiesischem Gebiet. Kurz vor unserer Ankunft in Matadi hatte der Dampfer ein schweres Hindernis, den »=Chaudron d'Enfer=«, zu überwinden. Infolge einer quer durch das Flußbett laufenden Niveausenkung sowie der Anhäufung großer Felsmassen unter Wasser erreicht hier die Strömung eine außerordentliche Schnelligkeit und bildet Stromschnellen und Trichter, die kleinere Boote und Gegenstände, die in ihren Bereich kommen, in die Tiefe ziehen und zerschellen. Nur Schiffe, die über zwölf Knoten Geschwindigkeit laufen, können diese Stromschnellen passieren. Die Fahrt durch den Höllenschlund ist für jedes Schiff ein Ereignis; selbst mit großen Ozeandampfern haben sich hier bereits mehrfach Unglücksfälle ereignet.

Unser Dampfer hielt einige Zeit unterhalb dieser Stelle, gleichsam um Kraft und Atem zur Bewältigung dieses letzten Hindernisses zu schöpfen. Der Dampf wurde auf höchstmöglichen Druck gebracht, so daß die Kessel zu explodieren drohten, und nun ging es vorwärts, an den großen Höllentrichtern vorbei. Wir sahen, wie vorbeischwimmende Balken und Gestrüpp in kreiselförmiger Bewegung von ihnen in die Tiefe gezogen wurden. Unserem Ozeanriesen konnten sie allerdings nichts anhaben, -- der Boden unter unseren Füßen zitterte und bebte --, langsam, fast unmerkbar, kamen wir trotz erhöhter Schraubengeschwindigkeit Schritt für Schritt durch Stromschnellen und den verderbenbringenden Trichter vorwärts, bis wir, um die Flußecke biegend, in der Ferne das an Felsenwänden erbaute Matadi, die Endstation der Flußschiffahrt am unteren Kongo, erkannten und binnen einer kleinen Viertelstunde erreichten.

Matadi ist die inländische Bezeichnung, welche die Eingeborenen der Stadt gegeben haben, für »Fels« oder »Gestein«. Tatsächlich ist die Stadt in die Felsen hineingebaut, und Straßen und Anlagen mußten ursprünglich aus den Felsen mittels Dynamit herausgesprengt werden. Die Riesenarbeit, die seinerzeit bei Anlage der Stadt durch Sappeure und Genie-Truppen geleistet wurde, hat auf die leicht erregbare Phantasie der Eingeborenen einen derartigen Eindruck gemacht, daß sie von da an den neuen Staat mit »=m'bula matadi=« (Felsensprenger) betitelten, welche Bezeichnung ihm bis auf den heutigen Tag als Zeichen der Höchstleistung an übernatürlicher Kraft und Energie für die Eingeborenen geblieben ist.

Matadi ist Ausgangspunkt der 500 Kilometer langen Eisenbahn nach dem Stanley-Pool und steht heute an Bedeutung und Einwohnerzahl als große Zwischenverkehrs-Station Boma kaum nach. Bei meinem ersten Besuch 1897 war die Bahnlinie erst bis Kilometer 360 fertiggestellt und in Betrieb, und Matadi bestand nur aus ein paar Häusern, dem Betriebsgebäude der »=Compagnie du Chemin de Fer=«, unserer Faktorei Fuca Fuca und dem »Englischen Hause« in Chikenge. Inzwischen wurden Kaianlagen errichtet, um die Schienenstränge vor den alljährlichen Überschwemmungen zu schützen. Die Regierung verlegte einen Teil ihrer Verwaltung nach hier, die Eisenbahnverwaltung errichtete luftige, von kleinen Gärten umgebene »=Chalets=« für ihren Beamtenstab, große, mehrstöckige Faktoreigebäude eröffneten an einer Hauptstraße entlang ihre Stores, kurzum, die Stadt hat innerhalb eines Jahrzehntes großen Aufschwung genommen.

Selbstverständlich war Matadi damals, wo weder Baum noch Strauch auf den kahlen Felsen gedeihen konnte, zur Zeit der heißen Regenperiode eine wahre Hölle auf Erden. Die Rückwirkung der Sonnenstrahlen von den glühenden Granitfelsen und weißen Dächern der Gebäude um die Mittagszeit war derart, daß man kaum die Augen zu öffnen wagte und das Gefühl hatte, mitten in einer Feuersbrunst zu stehen. Die Hitze des Gesteins durchbrannte die Sohlen der Schuhe, und die Augenlider waren trotz schwarzer Augenbrillen und Tropenhelm angeschwollen. Um die Mittagszeit stockte daher jeder Verkehr, und wer irgend konnte, verschloß sich in die halbwegs kühlen inneren Faktoreiräume.

Fuca Fuca war der Name der holländischen Faktorei und diese vorläufig das Endziel meiner Reise. Auch diese Bezeichnung stammt von der hiesigen eingeborenen, zum großen Teil Portugiesisch sprechenden Bevölkerung und heißt »Feuer Feuer«. Man sieht aus den beiden Beispielen, daß die Eingeborenen in ihren Bezeichnungen den Nagel auf den Kopf treffen.

~Das Märchen von Fuca Fuca.~ Tief im Innern, in Angola, in einem Urwalde, abgeschnitten von der übrigen Welt, liegt ein kleines Negerdorf, aus nur wenigen Hütten bestehend. Hier herrschte Mukenge als unumstrittener Gebieter über das Häuflein der Treuen, die das große Sterben, das vor Jahren die Blüte und Auslese seines Stammes mit rauher Todessichel hinwegraffte, übriggelassen hatte. Nur einen seiner Söhne, Kalamba, hatten die bösen »Nkichi«-Geister verschont, und dieser war die Stütze und der Stolz seines alten Vaters.

Fortuna hieß die Tochter des mächtigen Häuptlings Jongo Jongo, der in der großen Grassteppe, zwei Tagereisen gegen Sonnenaufgang, Gebieter über ein kriegerisches Volk war. Sie war eine Königstochter im wahren Sinne des Wortes; ihre Augen leuchteten wie die Sterne der Nacht; ihre Füße und Hände waren zart und klein, ihr Wuchs schlank wie der einer Gazelle.

An einem der jeden Neumond inmitten des großen Urwaldes stattfindenden Markttage hatte Kalamba Fortuna zum ersten Male gesehen, und ihre strahlenden Augensterne hatten sofort das Feuer der Liebe in seinem Busen entfacht. Auch er war der schönen Königstochter nicht gleichgültig geblieben; denn Kalamba war ein junger, kräftiger, stolzer Mann.

Monate vergingen, und bald entstand ein Gemurmel und Geflüster im Urwalde. Die Wipfel der Bäume und die Vögel des Waldes flüsterten das große Geheimnis einander zu, und eines Tages erschien Kalamba im Dorfe des Jongo Jongo an der Spitze einer großen, mit Geschenken reich beladenen Karawane, um die Königstochter zu freien.

Der alte Jongo war ein schlauer und wegen seiner Zauberkünste gefürchteter Mann. Mit heuchlerischer Güte empfing er seinen künftigen Schwiegersohn und nahm die Hochzeitsgeschenke entgegen. Bevor er seine Einwilligung zur Ehe gab, meinte er, er müsse den Segen Zambis, des höchsten Gottes, erflehen und dessen Orakel befragen und bat Kalamba, einstweilen mit seiner Gastfreundschaft vorlieb zu nehmen. In Wahrheit aber sann er darüber nach, wie er sich des unerwünschten Freiers am besten entledigen könnte.

Am nächsten Morgen versammelte er sein ganzes Dorf um sich, um den Orakelspruch, der ihm in der Nacht geworden, feierlich zu verkünden. Am vorhergehenden Tage hatte man eine der als Hochzeitsgeschenk gebrachten Ziegen geschlachtet und von ihr verschiedene Teile Zambi als Opfer dargebracht. Jongo Jongo hatte die ganze Nacht im Gebet gelegen, und gerade um die Zeit, als »Ngondo«, der Mond, am höchsten stand, sei Zambi ihm in der Gestalt von »Djakombo« (Fetisch) erschienen und habe ihm folgendes verkündet:

»Weit über Steppe und Urwald, dort, wo die Sonne in dem großen Wasser verschwindet, sei ein mächtiger Gott in der Gestalt eines weißen Mannes aus den Fluten des Meeres emporgestiegen. Im Bauche eines feuerspeienden Riesenfisches sei er auf der Oberfläche des Wassers aufgetaucht und an Land gekommen, eine Menge fremdartiger Gegenstände vom Grunde des Meeres mitbringend. Dieser fremde Gott habe Donner und Blitz in seiner Gewalt. Zu ihm solle Jongo Jongo seinen Schwiegersohn senden, und dieser solle ihm Donner und Blitz bringen, dann würde er der mächtigste Gebieter über sämtliche Stämme werden.«

Mit Staunen und Entsetzen vernahmen alle Anwesenden die Stimme des Orakels, und Furcht und Schrecken bemächtigte sich ihrer. Doch Kalamba war ein mutiger Mann; Fortuna hatte sein Herz völlig in Bann geschlagen, und er erklärte sich sofort bereit, das Geheiß des Orakels zu befolgen. Vor seiner Abreise aber mußte Fortuna einen heiligen Schwur leisten, keinem anderen Manne zu folgen und seine Rückkehr, sollte sie auch viele Monde dauern, abzuwarten. Und Fortuna schwur bei der Frucht ihres Leibes. Mond um Mond verging, und Kalamba, der sich mit zwei Waffengefährten auf den Weg gemacht hatte, kehrte nicht zurück. Durch Urwald und Steppe, über heißen Wüstensand, war er immer dem Laufe der Sonne nachgewandert. Der eine Gefährte war dem Biß einer Sandviper erlegen, während der andere beim Durchschwimmen eines größeren Flusses von einem Krokodil von seiner Seite gerissen wurde. Endlich, nach langem Herumirren und Wandern, stieß er auf menschliche Spuren und, diesen folgend, schließlich auf das Lager des weißen Mannes, genannt »Nfumu Ntanga« (Herr der Sonne).