Part 14
Über Granitblöcke emporkletternd bahnten wir uns einen Weg zu einem Felsblock, von dem aus wir einen Blick in den tobenden Hexenkessel unter uns werfen konnten, ohne von dem aufwirbelnden Wasserstaub durchnäßt zu werden. Schräg fielen die ersten Strahlen der Morgensonne auf die aufsteigenden Gischtschwaden. Über der geheimnisvollen, grausigen Tiefe wölbte sich ein Regenbogen in leuchtenden Farben. In den zartesten Tönen vom hellsten Blau bis zum feurigsten Rot schillernd, formten sich die Wassertropfen zu funkelnden Diamanten, Saphiren und Rubinen. Das Auge konnte sich nimmer satt sehen an all der Pracht, die die Natur auf diesem weltentlegenen Fleckchen Erde inmitten des großen Urwaldes, fernab vom Weltgetriebe, aufgespeichert hatte. Eine Beschreibung dieses Naturschauspiels, die einigermaßen der Wirklichkeit gleichkommen könnte, zu geben, liegt völlig außer dem Bereich meiner Kräfte. Nicht Worte vermögen zu schildern, was ich bei seinem Anblick fühlte. Stumm stand ich vor dieser Offenbarung einer höheren Gewalt, deren Macht unsere menschlichen Begriffe übersteigt.
Wohl eine Stunde mochte im Anblick dieses überwältigenden Naturschauspiels vergangen sein, als der hohe Stand der Sonne zur Abreise mahnte. Wir schifften uns in unsere beiden Kanus ein und fuhren diesmal mit der Strömung der Mündung des Lindiflusses zu, durchquerten den Kongostrom und legten bald bei einem kleinen Fußpfade, der in den Urwald führte, an. Vier Mann ließ ich zur Bewachung der Boote zurück. Mit dem übrigen Personal, das mit Waren und meinen Reiserequisiten beladen war, machte ich mich auf den Weg nach dem Dorfe Kisui, zwei Marschstunden weit im Innern des Landes gelegen.
Der erste Teil des Fußpfades führte durch hochstämmigen Urwald, in dem wir bald auf allen Vieren, meistens aber nur in gebückter Stellung vordringen konnten. Jeden Augenblick lagen Baumstämme quer über dem Weg, die ein Durchkommen behinderten. Bald kamen wir an einen breiten Bach, über den ein umgehauener Baum als Brücke diente. Der Stamm ohne Rinde war vom Morgentau und dem Passieren vieler bloßer Negerfüße glatt wie mit Seife beschmiert, so daß ich gleich nach den ersten Schritten ausglitt. Glücklicherweise fiel ich in die Hocke und konnte mich mit den Händen noch festhalten, andernfalls wäre ich in den reißenden, über Mannshöhe tiefen Bach gestürzt. Tausend Ängste hatte ich auszustehen, bis ich mit Hilfe meiner Leute endlich über die gefährliche Stelle hinwegkam. Der Neger, von Jugend auf gewöhnt, wie ein Eichhörnchen auf den Bäumen herumzuklettern und derartige Brücken zu passieren, balanciert auf bloßen Füßen auch mit schweren Lasten mit Leichtigkeit darüber hin. Wahrlich, man muß Seiltänzer und Akrobat sein, um im Urwald zu reisen. Über Untiefen, Schluchten und Morast hinweg hatten die Eingeborenen einfach Bäume gestürzt, deren im Schlamm versenkte Äste den schwankenden Brücken zur Stütze dienen. Je nach dem Fall der Bäume führte der auf diese Art improvisierte Steg bald bis zu sechs Meter ragender Höhe über den übelriechenden Schlamm, dann wieder in die Tiefe. Manchmal waren zwei Stämme so weit von einander entfernt, daß man nur im Sprung von einem zum anderen gelangen konnte, was für mich immer einen großen Zeitverlust und eine wahnsinnige Angst, das Ziel zu verfehlen und in den Morast zu stürzen, zur Folge hatte. Endlich hatten wir wieder festen Boden unter den Füßen. Durch Maniok-, Reis- und Maispflanzungen führte unser Pfad ins Dorf Kisui, das ganz von Palisaden zum Schutze gegen räuberische Überfälle umgeben war.
Die Nachricht von unserer Ankunft hatte sich im Dorfe bereits verbreitet, und der Sultan Kisui mit seinen Unterhäuptlingen und einer großen Anzahl von Leuten, die auf Blasinstrumenten, Pauken und Gongs ein ohrenbetäubendes Konzert veranstalteten, kamen uns entgegen, um mich im Triumphzug durch das ganze Dorf zu geleiten. Wir brauchten wohl eine halbe Stunde, um zum Hause meines Capitas, das in unmittelbarer Nähe des »Sultanpalastes« lag, zu gelangen. Auf dem Weg dahin hatten sich viele Männer, Frauen und Kinder angeschlossen, so daß ich bald den Mittelpunkt einer ungeheuren Menschenmenge bildete, die alle den neuen »Nfuma Ntanga« von Angesicht sehen wollten. Während ich den Kautschuk übernahm, die darauf entfallenden Auszahlungen veranlaßte und neue Abschlüsse für den nächsten Monat machte, hatte der Koch mein etwas verspätetes, jedoch um so reichlicheres Frühstück zubereitet, das ich jetzt in aller Eile verzehrte, da ich noch ein Dorf, zwei Marschstunden entfernt, zu besuchen hatte. Unter die Zuschauer warf ich, von dem Quantum des gelieferten Kautschuks befriedigt, eine Menge kleiner Metallspiegel, Schellen, Arm- und Beinringe, Zündhölzchen, Perlen, Metallöffel usw., worüber ungeheurer Jubel ausbrach.
Gestärkt durch die Rastpause, brach ich gegen Mittag wieder auf. In der Nähe des Dorfes hatten die Eingeborenen den Wald gefällt, um für neue Pflanzungen Raum zu gewinnen. Auf tausend Meter im Umkreis lag im wilden Chaos alles Strauchwerk auf- und übereinander. Von Weg oder Steg war keine Spur zu sehen, die umgestürzten Stämme und das niedergelegte Unterholz hatten alle Anzeichen davon unter sich begraben. Aufs geratewohl liefen und kletterten wir in der bisherigen Marschrichtung über Äste und Zweige weiter, über tausendjährige Baumriesen, deren Stamm oft einen Durchmesser bis zu zwei Meter hatte, dahin. Dabei brannten die Sonnenstrahlen unbarmherzig auf uns herab, als wollten sie sich durch den Tropenhelm bis ins Hirn bohren. Ein Marsch unter diesen Verhältnissen ist wie geschaffen, um den stärksten Mann zu erschöpfen und ins Grab zu bringen. Immer und immer wieder drohten die Kräfte, in der ungeheuren Sonnenglut zu versagen. Wenn ich aber verzagend innehalten wollte, fiel mein Blick auf die Träger, die trotz ihrer schweren, sie in ihren Bewegungen hindernden Last von Baum zu Baum mühsam weiterkletterten, und eine innere Stimme spornte mich immer wieder zu neuen Kraftanstrengungen an. Ich durfte nicht schwach werden, ich mußte vorwärts eilen -- was würde sonst mein Personal von mir denken? Also vorwärts zum schützenden Laubdach. Völlig erschöpft von den Strapazen langten wir endlich im Walde an. Wie wohl tat die kühle Luft im Schatten der Baumriesen. Mechanisch ging ich weiter. Diese kurze Kletterei in glühender Sonnenhitze hatte mich derart mitgenommen, daß ich den ganzen Rest des Weges wie im Schlafe hinter Mustapha herlief. Von Zeit zu Zeit stolperte ich über etwas und fiel der Länge nach zu Boden, wodurch ich immer wieder für einige Minuten wach wurde. Mustapha war auf meinen Zustand aufmerksam geworden und blieb bei jedem Hindernis stehen, um mich sorgsam hinüberzuleiten.
Dem Zusammenbruch nahe, kam ich gegen 2 Uhr nachmittags in Tombako an. Mustapha hatte für mich einen kleinen Bach entdeckt, in dem ich den erschlafften Körper durch ein Bad erfrischen konnte. Was kümmerten mich die vielen Augenpaare, die hinter jedem Busch neugierig hervorlugten, um sich an dem ungewohnten Anblick meiner weißen Haut zu ergötzen. Nachdem meine beiden Boys mich von Kopf bis zu den Füßen in dem Lebensquell gewaschen, geduscht und wieder angekleidet hatten, war ich wieder so weit hergestellt, um an die Arbeit gehen zu können.
Wie in Kisui nahm ich auch hier den gesammelten Kautschuk entgegen und wechselte den Capita aus. Vor dessen Haus hatten die Dorfbewohner in Ermangelung von Schattenbäumen ein durch vier Pfosten gestütztes Dach zum Schutz gegen Sonne und Regen hergerichtet. Darunter fand ich, vom Bade zurückgekehrt, bereits einen gedeckten Tisch und meinen Streckstuhl vor. Der Raum ringsumher war mit erregt gestikulierenden und schreienden Bassengis beiderlei Geschlechts angefüllt, deren mit Palmöl und Rotholzpulver beschmierte Körper eine schweißdurchtränkte, übelriechende Atmosphäre verbreiteten. Nachdem die Unterhandlungen mit dem Häuptling zu befriedigendem Abschluß gebracht waren, ließ ich von meiner Eskorte den Platz von den vielen Menschen säubern, um für kurze Zeit Ruhe zu haben. Vorher verteilte ich unter mein Personal noch eine Extrafleischration von zwei Ziegen, Geschenk des Häuptlings, die sofort geschlachtet worden waren, etwa fünf Liter frischen Palmweines und reichlich »Bidia-Polenta«, die das Dorf gespendet hatte.
Gegen vier Uhr nachmittags konnte ich mein Mittagmahl, aus gebackenen kleinen Fischen, einer Dose Hummer und einem gebratenen Huhn bestehend, einnehmen und mußte jetzt an die Rückkehr denken, um vor Anbruch der Nacht ans Flußufer zu gelangen. Der Häuptling des Dorfes gab uns ein Stück Weges das Geleit und führte uns an Stellen vorbei, wo im vergangenen Kriege zwischen Kisui und Tombako die früheren Häuptlinge der beiden Dörfer gefallen waren. An diesen Stellen haben die Eingeborenen eine Lanze in die Erde gesteckt. Jeder Vorbeigehende nimmt ein Blatt, bläst es an, um den bösen Geist, der darauf sitzt, zu vertreiben, und steckt es auf die Lanze oder wirft es auf ein Häufchen daneben. Begräbnisstellen, selbst für die Häuptlinge, existieren in dieser Gegend nicht, da die Eingeborenen ihre Leichen in den Fluß werfen.
Zum Rückweg benutzten wir einen Richtweg, der etwas unterhalb des Morastes an das Flußufer führt. Auf dem ursprünglichen Weg hatte ich einen Eilboten mit dem Befehl an die beiden zurückgebliebenen Kanus gesandt, weiter stromabwärts bis zur Einmündung des Fußpfades zu rudern. Bei Anbruch der Nacht gelangten wir an das Flußufer, und da weit und breit kein Fischerdorf vorhanden war und der dichte Urwald nirgends eine Lagerstelle zum Übernachten bot, ließ ich die beiden Boote auf eine inmitten des Stromes gelegene Sandbank hinüberrudern, um dort zu übernachten.
Der dichte Sternenhimmel über uns ließ eine schöne, windstille Nacht erhoffen, zumal Sandbänke bekanntlich von Moskitos, die mit Vorliebe Grasflächen und das Laubwerk des Flußufers aufsuchen, verschont bleiben und wir die Gefahr eines Überfalls von Leoparden nicht zu fürchten hatten. Der untere Teil der Insel war zwar bewaldet, doch meidet der Leopard, wie alle Katzenarten, das Wasser, und es war nicht anzunehmen, daß die kleine Insel derartiges Raubzeug ernähren konnte.
Während ein Teil des Personals mit Haumessern in das kleine Wäldchen eindrang, um trockenes Holz für die Lagerfeuer heranzubringen, hatten die Boys aus dem Kanu meinen tragbaren Feldtisch, Streck- und Klappstuhl auf die Sandbank gebracht, so daß ich eine halbe Stunde später bereits vor meinem gewohnten Aperitif, meist bestehend entweder aus Portwein, Amer-Pikon, Absinth oder einer halben Flasche Champagner, saß. Es ist überflüssig zu erwähnen, daß nach derartigen Gewaltmärschen stets die Unterwäsche und Kleidung, die völlig durchnäßt ist, gewechselt werden muß. Abends empfiehlt es sich überdies, einen leichten Überrock umzunehmen, da die Nächte kühl und der Körper infolge der großen Hitze tagsüber empfindlich geworden ist.
Die Nacht war inzwischen völlig hereingebrochen, eine ideale tropische Nacht, hell erleuchtet von dem langsam am Horizont aufsteigenden Vollmond und Tausenden von Sternen, die in der klaren Luft einen strahlenden Glanz entfalten, wie wir ihn in unserer durch Rauch und Ruß geschwärzten Großstadtatmosphäre niemals sehen. Infolge der reinen Luft scheint uns der Himmel viel näher gerückt zu sein, und unwillkürlich spannen sich die Fäden meiner Gedanken hinauf zu jenen leuchtenden Gestirnen am Firmament, die in unberechenbaren Abständen im ungeheuren Weltall gleich unserer Erde ihre eigenen Bahnen ziehen. Und ich versank in Sinnen über das ungelöste Problem, wie wohl jene Macht beschaffen sein könnte, die dem Weltall ihre Gesetze diktiert. In diesen Stunden des In-mich-Gehens lernte ich erkennen, wie hinfällig alle jene Ansprüche sind, die der Mensch im egoistischen Selbstherrlichkeitsgefühl für sich aufstellt und die er ohne weiteres ungezählten Lebewesen abspricht, deren Lebensbedingungen genau dem gleichen Ursprung entstammen und den gleichen Gesetzen unterworfen sind.
Meine Leute hatten unweit der Landungsstelle große Feuer angezündet, an denen sie, in Gruppen auf Matten, die ihnen als Schlafstätte dienten, lagen und die Tagesereignisse diskutierten. In Ermangelung eines Zeltes zum Schutze gegen den bei Morgengrauen fallenden Tau hatten meine Diener mein Feldbett im Kanu unter dem Schutzdach aufgeschlagen, und, ermüdet von den Anstrengungen des Tages, begab ich mich alsbald zur Ruhe.
Ich mochte ein paar Stunden in tiefem Schlummer gelegen haben, als ich plötzlich durch einen ungeheuren Schlag, der das Boot fast zum Umschlagen brachte, aus dem Schlaf geschreckt wurde. Das Nächste, was mein entsetztes Auge wahrnehmen konnte, waren der Riesenleib und der ungeschlachte Kopf eines kolossalen Nilpferdes, das am Fußende meines Bootes, über das Boot gebeugt, stand und neugierig alles beschnüffelte. Ich war vor Schrecken an allen Gliedern gelähmt -- der Angstschweiß perlte mir von der Stirn.
Hatte ich beim jähen Erwachen irgendeine brüske Bewegung gemacht, die das Tier erschreckte, oder hatte es den Menschen -- seinen Feind -- gewittert, kurzum, es wandte mir den unförmlichen Riesenschädel zu, blies ärgerlich durch die ungeheuren Nüstern einen gewaltigen Sprühregen von Schleim, öffnete den riesigen Rachen und stieß ein tiefdröhnendes Gebrüll aus, so daß mir das Blut in den Adern erstarrte. In diesem Moment wurde es lebendig auf der Sandbank. Die Wachen, aus dem Schlaf geschreckt, eilten herbei -- und pang, pang, pang, erfolgte Schuß auf Schuß, wodurch sich meine Situation nur noch unbehaglicher gestaltete, da die Leute im ersten Schrecken erfahrungsgemäß nie etwas zu treffen pflegen und ich Gefahr lief, von der einen oder anderen Kugel getroffen zu werden.
Das Nilpferd war über diesen unerwarteten Empfang wahrscheinlich ebensosehr erschrocken wie ich kurz zuvor. Mit einem Satz verschwand es in das tiefe Wasser, und ich beeilte mich, sobald die Schießerei aufgehört hatte, mit einem Sprung auf die Sandbank zu gelangen. Konnten wir wissen, ob das vielleicht verwundete Tier nicht in rasendem Schmerz sich auf das Boot stürzen und es zermalmen würde? Einige Sekunden bangen Wartens, während der ich der zunächststehenden Wache das Gewehr entrissen und mich feuerbereit gemacht hatte, vergingen, dann tauchte das Tier auf etwa zehn Meter Distanz für einen Augenblick auf. Gleich krachten unsere Gewehre, und sofort verschwand es wieder. War auch die Nacht so klar, daß man auf der Sandbank jeden Menschen auf hundert Meter Entfernung hätte aufs Korn nehmen können, so konnte von einem regelrechten Ziel auf der dunkeln oder vom Mondschein glitzernden Wasserfläche keine Rede sein. Wir gaben daher das Schießen bald als unnütze Munitionsverschwendung auf.
Nach diesem aufregenden Erlebnis hatte ich natürlich keine Lust mehr, meine unterbrochene Nachtruhe im Boote fortzusetzen, obgleich ich mir sagen mußte, daß uns nach der vielen Schießerei sicherlich nichts mehr behelligen würde. Ich ließ daher mein Bett auf die Sandbank bringen. Dieser nächtliche Besuch war für uns alle eine um so größere Überraschung, als wir bisher angenommen hatten, daß in diesem Teil des Flusses überhaupt keine Nilpferde vorkamen. Am folgenden Morgen bei Tagesanbruch hielten wir scharfe Umschau an allen Plätzen und Sandbänken, die Nilpferde mit Vorliebe aufzusuchen pflegen, doch das Tier war und blieb verschwunden. Sicherlich hatten wir es mit einem alten, erfahrenen Einsiedler zu tun gehabt, der tagsüber das befahrene Fahrwasser meidet und an einer abseits gelegenen, völlig unzugänglichen Flußstelle ein beschauliches Dasein führte.
Wieder fuhren wir eine Strecke stromabwärts, bis wir an einen kleinen Flußpfad kamen, der zu den im Innern des Landes gelegenen Dörfern führte. Diese Pfade sind derart angelegt, daß sie von den vorbeifahrenden Dampfern und Booten aus völlig unsichtbar sind und nur dank der Lokalkenntnis meiner Capitas, die zu wiederholten Malen die Dörfer besucht haben, entdeckt werden konnten.
Wie schon aus meinen früheren Schilderungen ersichtlich, sind die scheuen Eingeborenen stets darauf bedacht, ihre Dörfer derart im Urwald anzulegen, daß sie alle Vorgänge durch Späher aus der Ferne beobachten, selbst jedoch nicht entdeckt werden können. Hat ein Dorf sich irgend etwas zuschulden kommen lassen und fürchtet es die Rache seiner Nachbarn oder der Europäer, dann übersiedelt es einfach mit den tragbaren Hütten einige Stunden landeinwärts an völlig unzugängliche Stellen und sucht den Gegner durch Irrwege, die in den Morast führen oder plötzlich im Urwalde aufhören, irrezuführen.
Wie am vorhergehenden Tag hatten wir auch heute wieder während des Marsches mit Widerwärtigkeiten aller Art zu kämpfen. Ein tiefer Morast hemmte bald unseren Vormarsch in den Urwald. Zu seiner Durchquerung hatten die leichtfüßigen Eingeborenen überall dünne Bäume umgeschlagen, um einen gangbaren Weg zu schaffen. Die Stämmchen erwiesen sich aber für das Gewicht einer Last, d. h. einer Kiste, die von zwei Mann an einer Stange auf den Schultern getragen wird, also etwa für 180 bis 200 Kilogramm, als zu schwach. Die Folge davon war, daß verschiedene meiner Leute mit der Traglast zusammenbrachen und sich beim Sturze Verletzungen an den Füßen und bloßen Körperteilen zuzogen, die dann schwer zuheilten. Überdies verloren wir viel Zeit mit der Anbahnung einer neuen Marschroute. Was wir an diesem Tage an Strapazen durchzumachen hatten, läßt sich in Worten nicht wiedergeben. Durch dick und dünn, bald auf allen vieren, dann wieder gebückt, durch niederes Gestrüpp von Pandanus (einer Art Stachelpalme, die im Morast oder an Flußläufen wächst) führte ein kaum erkennbarer Fußpfad zu dem ungefähr eine Wegstunde vom früheren Standplatz des Dorfes gelegenen neuen Dorfe Lungulungu. Angeblich mußte der alte Ort wegen zunehmender Verseuchung im Stich gelassen werden.
Hier, wie in den früheren Dörfern, nahm ich den gesammelten Kautschuk in Empfang, wechselte den Capita aus und ließ, nachdem ich an den Häuptling Lungulungu und die im Kreise versammelten Eingeborenen reichliche Geschenke ausgeteilt hatte, einen neuen Vorrat an Waren zurück.
Ich hatte soeben mein Mittagsmahl vollendet, als der frühere Capita zwei Unterhäuptlinge des Dorfes vor mich brachte, die Streit miteinander führten und sich dem Urteil Lungulungus nicht unterwerfen wollten. Da dieser Streit zweier ebenbürtiger Gegner, von denen jeder einen mächtigen Anhang hinter sich hatte, zu einer Spaltung des Dorfes und zu Blutvergießen führen konnte, nahm ich das verantwortungsvolle Amt eines Schiedsrichters erst an, nachdem beide vorher feierlich erklärt hatten, sich meinem Schiedspruch fügen zu wollen. Mabruki und Alsala entstammten einer weitverzweigten Patrizierfamilie, die seit Menschengedenken viele tapfere Krieger hervorgebracht und dank mutiger, räuberischer Überfälle auf schwächere Nachbardörfer ihre Macht durch erbeutete Sklaven immer mehr vergrößert hatte. Beide verfügten im Rat des Dorfes, teils durch Überlieferung, teils durch ihren Anhang, über eine einflußreiche Stimme. Bis vor kurzem waren Mabruki und Alsala innige Freunde, so daß Alsala bei der Verheiratung seiner Schwester mit Mabruki ihr zwei Sklavinnen mit in die Ehe gab. Nun war die Schwester einige Monate nach der Heirat plötzlich aus unbekannten Gründen verschieden, und Alsala behauptete, Mabruki hätte sie verhext und wäre an ihrem Tode schuld. Alsala fürchtete auch, daß Mabruki die beiden Sklavinnen ebenfalls verhexen würde, und forderte diese zurück. Nun hatten letztere sich vor einiger Zeit beim Holzsuchen im Walde zu weit entfernt und waren dabei in die Gefangenschaft eines am Flußufer gelegenen Fischerdorfes geraten. Mabruki mußte für deren Auslieferung sechzig Shokkas (Eisenstücke, die zu Pfeilspitzen verarbeitet werden) bezahlen, was ungefähr den Wert von dreißig Frank repräsentiert. Alsala wollte diesen Preis nicht zahlen, sondern forderte die unverzügliche Rückgabe der beiden, seiner Schwester freiwillig überlassenen Sklavinnen, worüber sich heftiger Streit und Feindschaft auf Leben und Tod zwischen den beiden Parteien entwickelt hatte.
Man würde allgemein annehmen, daß der auf das Recht des Stärkeren pochende unzivilisierte Wilde nicht imstande sei, einen Prozeß klar durchzuführen und nachzuweisen, daß das Recht auf seiner Seite ist. Dem ist nicht so -- gerade das Gegenteil trifft zu. Die meisten Neger sind hervorragende Redner und sowohl im Angriff als in der Abwehr äußerst findige Advokaten, die es glänzend verstehen, durch geschickte Argumente den Schein des Rechtes auf ihre Seite zu bringen.
Gewöhnlich beginnt das Plädoyer damit, daß der Redner die Ruhmestaten oder die soziale Stellung seiner Vorväter hervorhebt und dann die Lichtpunkte seiner eigenen Vergangenheit zur Geltung bringt, gewissermaßen, um den Richter für sich einzunehmen. Einmal im Redeschwall, gefällt er sich sichtlich darin, das Zentrum gespannter Aufmerksamkeit zu sein, und seine lebhafte Phantasie führt alles mögliche aus dem Vorleben des Gegners an, was diesen im öffentlichen Ansehen schädigen könnte. Sein Hauptbestreben geht dahin, Sensation zu machen und den Widersacher durch erfundene Geschichten bloßzustellen. Kommt er endlich nach mancherlei Abschweifungen an die eigentliche Streitfrage, dann beleuchtet er aufs genaueste alle Einzelheiten, die für ihn sprechen. Solche Prozesse sind immer langwierig und dauern, wenn man den Gegenstand nicht gewaltsam abkürzt, oft tagelang. Kaum hat der eine der beiden Gegner geendet, so beginnt der andere bereits wieder.
Nach zweistündigem Palaver gelang es mir, die vorliegende Streitfrage in einem den Sitten und Rechtsanschauungen der Eingeborenen entsprechenden Sinne zu erledigen. Alsala mußte die sechzig Shokkas zahlen und erhielt dagegen die zwei Frauen zurück. Auch suchte ich ihm plausibel zu machen, daß Mabruki die Frau nicht verhext habe, da aus den Zeugenaussagen der beiden Sklavinnen und der anderen Einwohner hervorging, daß die Eheleute im besten Einvernehmen miteinander gelebt hätten. Die Frau war irgendeiner Krankheit zum Opfer gefallen. Es ist unnötig, zu erwähnen, daß ich mit diesem Argument keinen Erfolg hatte. Alsala war nach wie vor überzeugt, daß ein »=Nkischi=« seiner Schwester das Lebenslicht ausgeblasen hatte.
Ein beschwerlicher Marsch brachte uns an das Flußufer zurück, von wo aus wir uns direkt nach dem Staatsposten »Romée« einschifften. Ich war glücklich, nach zweimaligem Übernachten im Busch endlich wieder ein komfortables Zimmer und die Gesellschaft von Europäern vorzufinden. Seit zwei Tagen hatte ich mich oftmals fragen müssen, ob ich eigentlich zu den Vierfüßlern oder zu den Menschen gehöre. Romée wird von zwei Ökonomiebeamten verwaltet und umfaßt ausgedehnte Plantagen von Kaffee-, Kakao-, Kautschukbäumen und Lianen. Als Arbeiter werden die Sträflingskolonnen der =Province orientale= herangezogen.
Körperlich und geistig neugestärkt verließ ich am folgenden Morgen die Station, um meine Werbetätigkeit in den Negerdörfern fortzusetzen. Ich besuchte die Dörfer Turumbo, Mokotantefu und Lulanga, in welchen ich wie bisher Waren, Geschenke und Capitas zurückließ, und übernachtete am folgenden Tage in einem am Flusse gelegenen kleinen Staatsposten, der von einem schwarzen Korporal kommandiert wurde.