Part 15
Unsere Reiseroute weiter stromabwärts verfolgend, gelangten wir endlich nach Janongo, welches Dorf die unschuldige Veranlassung zu Janssens Tod gewesen ist. Der Häuptling Janongo war von seinen Wunden völlig wiederhergestellt, und die Kunde von der gerichtlichen Untersuchung war bis zu dem unweit gelegenen Staatsposten durchgedrungen, so daß das Dorf von weiteren Besuchen verschont blieb. Von Janongo geleitet, besuchte ich fünf Dörfer, die unter seiner Herrschaft standen, und nahm einen der Unterhäuptlinge, dessen Dorf sich gegen Janongo aufgelehnt und das versprochene Quantum Kautschuk nicht angefertigt hatte, gefangen mit mir. Ich ließ ihn in Ketten legen und den daraufhin geflüchteten Einwohnern mitteilen, daß ihr Häuptling so lange in Stanleyville in der Gefangenschaft bliebe, bis sie sich Janongo unterworfen und den Kautschuk abgeliefert hätten. Beim Besuch der Dörfer hatte ich Gelegenheit, zu konstatieren, daß dank unserem raschen Vorgehen und dem sofortigen Eingreifen des Distriktskommissars unser Ansehen in Janongo nicht nur nicht gelitten, sondern sogar bedeutend gestärkt worden war. Überdies benutzte ich die Gelegenheit, um Janongo ein Geschenk zu überreichen, welches ihn für alle erlittenen Demütigungen aufs reichlichste entschädigte.
Bei einbrechender Nacht an das Flußufer zurückgekehrt, ließ ich meine Leute bis zum nächstgelegenen Fischerdorf rudern, um daselbst zu übernachten. Eine größere Hütte, groß genug, um mein Feldbett darin unterzubringen, war bald gefunden. Beim Ausräumen derselben stürzten plötzlich meine Leute mit dem Schrei »=Nioka=« heraus, und Mustapha erklärte mir, daß man auf eine armdicke gehörnte Viper, eine der schönsten und giftigsten Schlangen Zentralafrikas, gestoßen sei. Da es schon lange mein Wunsch war, ein tadelloses Exemplar dieser Schlangenart zu konservieren, verbot ich meinen Leuten, sie zu töten und begab mich selbst mit einem in aller Eile herbeigeschafften Bambusstock, an dessen oberem Ende mittels »=Koddi=« (Liane) eine Schlinge befestigt war, die sich zuziehen ließ, in die Hütte. Meine Befürchtung, daß das Tier inzwischen entwichen oder in eines der Rattenlöcher verschwunden war, erwies sich glücklicherweise als grundlos, die Schlange lag zusammengerollt in einem Winkel der Hütte. Mein Bambusstock war lang genug, um mich selbst im ungünstigsten Falle vor einem direkten Angriff des Tieres zu schützen. Mit pochendem Herzen näherte ich jetzt die Stockspitze dem Kopfe der Schlange, als diese sich plötzlich unter Pfauchen wie eine Katze blitzschnell erhob und ihre giftigen Fänge mehrmals schnell hintereinander mit hörbarem Ticken in das Holz einschlug. Als sie sich schließlich, die Nutzlosigkeit weiterer Bisse einsehend, einen Augenblick ruhig verhielt, gelang es mir, ihr die Schlinge um den Hals zu werfen und diese mit kräftigem Ruck zuzuziehen. Mit großer Gewalt ringelte das gefangene Tier sich nun um den weit vorgehaltenen Stock und versuchte sich loszureißen, so daß die kurze Schwanzspitze bis nahe zu den Händen herunterreichte. Doch die Liane war kräftig, und die Schlinge zog sich immer enger um den zusammengeschnürten Hals. Ich war mit der gefährlichen, kostbaren Last schleunigst aus der Hütte geeilt, um im Falle eines Loskommens oder Durchbeißens der Liane meine volle Bewegungsfreiheit zu haben.
Meine Boys hatten einstweilen eine entleerte Mehlbüchse aus Blech zur Hälfte mit Alkohol, Formalin und etwas Wasser gefüllt. In diese konservierende Flüssigkeit warfen wir nun die halberwürgte Schlange und schlossen den Deckel, nachdem wir noch eben vorher die um den Hals des Tieres liegende Schlinge durchschnitten hatten.
Durch dieses Ereignis wurde mein Nachtmahl verzögert, so daß ich ziemlich spät mein Lager aufsuchte. Ich mochte bereits einige Stunden geschlafen haben, als ich plötzlich gegen Mitternacht durch das Dröhnen eines Gongs und ein markerschütterndes Geschrei geweckt wurde. Im ersten Moment glaubte ich an den Überfall eines benachbarten Dorfes. Schon wollte ich mich erheben, als eine der Wachen mir den Vorfall erzählte. Ein Eilbote von »Mbula Matadi«, der Soldat Fundi, war in einem Kanu angekommen und wollte neue Ruderer haben. Natürlich wollte keiner der Eingeborenen sein warmes Lager verlassen und für einen Schwarzen bei stockfinsterer Nacht weiß Gott wohin rudern. Doch der Kerl hatte den Häuptling gepackt, aus der Hütte gezerrt und brüllte wie ein Besessener, daß er das ganze Dorf in Brand stecken würde. Der Lärm hielt eine halbe Stunde an, bis der Soldat die nötige Anzahl Ruderer beisammen hatte. Verschiedentlich kam die Versuchung über mich, dem Spektakel ein Ende zu machen, indem ich den schwarzen Soldaten wegen nächtlicher Ruhestörung einfach in Ketten legen ließ. Doch der Gedanke, daß der Mann vielleicht Träger wichtiger Briefe war, hielt mich glücklicherweise davon zurück. Wer weiß, was für Unannehmlichkeiten für mich daraus hätten erwachsen können.
Einmal durch den Lärm geweckt, konnte ich sobald nicht wieder einschlafen. Ratten und Mäuse hetzten in wilder Hast am Boden der Hütte umher und nagten und spielten mit meinen Schuhen. Dann wieder erklang das langgezogene Geheul einer Hyäne durch die tiefe Stille der Nacht. Meine Gedanken schweiften unwillkürlich nach Stanleyville zurück. In welchem Zustande würde ich die Faktorei bei meiner Rückkehr vorfinden?
Bei Tagesanbruch, noch vor dem ersten Hahnenschrei, ließ ich das Dorf und meine Arbeiter durch den Gong alarmieren. Eine nervöse Unruhe war über mich gekommen. Ich wollte die restlichen Dörfer Jasuko, Komango und Yombo in aller Eile noch besuchen und dann sofort die Heimkehr antreten. Unter dem gleichmäßigen Schlag der Ruderer ging unsere Fahrt weiter stromabwärts dem Endziel unserer Reise zu. Als nach einer Stunde die Sonne ihre ersten Strahlen schräg über die Baumwipfel auf die Wasserfläche sandte und ich in kurzer Reihenfolge einen großen grauen Reiher und zwei Wildgänse erlegt hatte, da legte sich die innere Unruhe. Schließlich bog unser Kanu in eine kleine Ausbuchtung des Flusses ein und war kurz darauf unter dem Schatten des überhängenden Laubdaches, vom Strom aus völlig unsichtbar, an der Mündung eines kleinen Baches gelandet.
Nichts deutete darauf hin, daß irgendein Fußpfad hier ins Innere des Landes führte. Von einem meiner kräftigsten Männer auf den Rücken genommen, wurde ich im Bach wohl eine Viertelstunde lang getragen, bis endlich ein kleiner Pfad zum Vorschein kam und ich auf trockenen Boden gesetzt wurde. Eine Stunde später waren wir im Dorfe Jasuko angelangt, und ich hielt hier kurze Rast, um zu frühstücken und meinen Leuten Gelegenheit zu geben, das gleiche zu tun. Der Häuptling war soeben für einige Minuten verschwunden, als plötzlich im Dorfe ein ungeheurer Tumult entstand. Die Eingeborenen in der Nähe stürzten in ihre Hütten und kamen, mit Pfeil und Bogen bewaffnet, wieder heraus. Das Schreien und Rufen, das Durcheinanderlaufen von bewaffneten Männern, die alle in der gleichen Richtung verschwanden, verbreitete sofort eine wilde Panik um mich her.
Ein Teil meiner Träger ergriff die Flucht, die Traglasten mitten im Wege liegen lassend. Ich aber stürzte zu meinem Gewehr, meine Boys und die Eskorte taten dasselbe. Wir waren entschlossen, unser Leben so teuer wie möglich zu verkaufen. Was war geschehen? Hatte ein Teil meiner Arbeiter mit den Eingeborenen Streit angefangen, und war es zum Schlagen gekommen? So schnell uns unsere Füße tragen konnten, eilten wir den davonstürzenden Eingeborenen nach, um womöglich noch rechtzeitig einzuschreiten und unnützes Blutvergießen zu vermeiden. Am Ende des Dorfes angelangt, erblickten wir eine erregte Volksmenge, darunter einige meiner Arbeiter, unschlüssig um den Häuptling gruppiert.
Was war der Grund der allgemeinen Aufregung? Ein Leopard hatte wenige Minuten vorher einen erwachsenen Mann des Dorfes in dessen unmittelbarer Nähe und vor den Augen seiner Begleiter weggezerrt und war mit ihm im Walde verschwunden. Das Rufen und Klagegeheul des Überfallenen war noch eine Zeitlang hörbar gewesen -- dann war alles verstummt. Unschlüssig berieten nun die feigen Kerle, wer von ihnen der Erste sein sollte, dem Tier zu folgen und ihm womöglich die Beute zu entreißen.
Hier war für mich eine glänzende Gelegenheit zu einer Leopardenjagd gegeben. Mein dunkler Khakianzug war wie geschaffen dafür. Von den Leuten erfuhr ich, daß ein Prachtexemplar eines Leoparden seit etwa einem Monat ihr Dorf heimsuchte und regelmäßig jeden Tag ein Menschenopfer, bald eine Frau, bald einen Mann oder ein Kind, manchmal mitten im Dorfe, anfalle und wegschleppe. Die verfolgenden Leute sei er einmal aus dem Dickicht heraus angesprungen, habe einem Manne mit den Pranken den Bauch aufgerissen und sei darauf verschwunden, noch ehe die bestürzten Begleiter Zeit gehabt hätten, auf ihn zu schießen. Daher ihr Zaudern.
Ich versprach dem Häuptling zu bleiben und den Leoparden zu töten. Dagegen mußte mir das Dorf geloben, den ganzen Tag über ruhig zu bleiben und den Teil des Waldes nicht zu betreten, in welchen der Leopard sein Opfer geschleppt hatte. Von einem verläßlichen Mann meiner Eskorte begleitet, machte ich mich sogleich an die Verfolgung des Raubtieres. Die Spur, die der Leopard hinterließ, war deutlich an geknickten Zweigen und der Blutspur seines Opfers auf dem Boden und den Blättern der Sträucher erkennbar. Wir eilten, so schnell wir den Umständen nach laufen konnten, in der Hoffnung, vielleicht den Mann noch retten zu können, dem frechen Räuber nach. Doch alle Mühe war vergeblich. Wir fanden nur mehr eine Leiche vor. Die linke Halsschlagader, ein Teil des Halses und die linke Brust waren vom Leoparden herausgerissen und gefressen worden. Das Zucken der Eingeweide und der noch warme Körper deuteten auf den kaum eingetretenen gewaltsamen Tod hin.
Wir ließen den Toten in der gleichen Lage liegen, wie wir ihn vorgefunden hatten und erkletterten in der Annahme, daß das furchtlose Tier unbedingt zu seinem Opfer zurückkehren würde, einen in nächster Nähe befindlichen Baum. Dies geschah hauptsächlich, um dem Tier die Witterung zu benehmen. Aus demselben Grunde vermieden wir auch, den unteren Stamm des Baumes, auf dem wir uns befanden, zu berühren. Von der Schulter meines Begleiters aus konnte ich mich auf einen dicken Ast emporschwingen und den Mann nachziehen. Wir befanden uns etwa fünf Meter über dem Erdboden und waren durch das Laubdach des Unterholzes derart gedeckt, daß das anschleichende Tier uns unbedingt nicht sehen konnte. Mit der Flinte im Anschlag verhielten wir uns mäuschenstill und starrten bald auf den Leichnam unter uns, bald auf das undurchsichtige Unterholz, das uns mit seinem grünen Schutzwall umgab. Die ersten zwei Stunden verliefen verhältnismäßig erträglich. Ich war durch die Vorgänge furchtbar aufgebracht und mußte immer an meinen kleinen Boy denken, den ein gleiches Schicksal erreicht hatte, und dessen Rächer ich voraussichtlich werden würde. Denn das stand fest für mich, ich würde meinen Posten vor einbrechender Nacht, das heißt, solange genügend Licht zum Schießen vorhanden war, nicht verlassen, mochte kommen, was da wollte. Außer meinem fünfschüssigen Mauser, der mit Dum-Dum-Kugeln geladen war, trug ich meinen sechsschüssigen, schweren Armeerevolver im Gürtel. Damit war ich jedem Feind gewachsen, und meine Eskorte Mukenge verließ mich nicht, dessen war ich ganz sicher.
Es wurde 1 Uhr mittag, es wurde 2 Uhr, und immer rührte sich noch nichts. Die Glieder fingen an, vom Sitzen auf demselben Fleck zu schmerzen. Der Magen forderte sein Recht. Der Leichnam unter uns, auf den die Sonnenstrahlen herabbrannten, begann in Verwesung überzugehen und die ganze Umgebung zu verpesten. Tausende von Schmeißfliegen saßen in der geöffneten Brusthöhle und an den heraushängenden Därmen, sogen und fraßen sich voll und setzten sich dann auf uns, um den Schweiß von Stirne, Nacken und Armen gierig aufzusaugen. Unter möglichster Vermeidung jeglichen Geräusches veränderten wir unsere sitzende Position derart, daß wir es wieder einige Zeit aushalten konnten. Die Zeit der schwersten Prüfung, die Mittagshitze, wo Minuten wie nie endenwollende Stunden erscheinen, war herangekommen. Welcher Aufwand an Kraft und Energie, welche Willensstärke nötig sind, um in einer solchen Lage auszuhalten, davon kann nur der sich einen Begriff machen, der selbst ähnliches durchgemacht hat. Um meinen Geist gewaltsam mit irgend etwas zu beschäftigen, damit er nicht fortwährend an den knurrenden Magen und die schmerzenden Glieder dachte, zwang ich mich, alle heranfliegenden großen und kleinen Mistkäfer zu zählen, die sich auf den Leichnam setzten und nach einigem Herumwühlen im Innern der Bauchhöhle verschwanden. Ich glaube, es waren im ganzen elf große schwarze und siebzehn kleine farbige und schwarze Skarabäen, die sich bekanntlich als Totengräber an Leichen heranmachen und sie verzehren.
Sooft ein Vogel im nahen Gebüsch sich regte, beim leisesten Windhauch, der durch die Blätter fuhr, vermeinten wir stets, des elenden Räubers ansichtig zu werden. Minute auf Minute bei drückender Schwüle vergingen. Es wurde 3 Uhr, es wurde 4 Uhr. Die Sonnenstrahlen fielen nunmehr schräg auf den in Fäulnis übergehenden Leichnam, dessen Verwesungsgeruch meine Geruchs- und Geschmacksnerven bis zur Übelkeit erregten. Bald würde der langersehnte Moment, die Dämmerung, eintreten, die das gefräßige Tier unbedingt zu seinem Opfer zurückbringen würde. Die Fliegenplage ließ merklich nach. Faul und dickgefressen, zu schwer, um bis zu uns emporzufliegen, blieben sie am Kadaver sitzen und stimmten ihr Summ- und Brummlied an.
Langsam erwachte der Wald um uns aus seinem lethargischen Mittagsschlaf. Vögel hüpften von Ast zu Ast und betrachteten ganz zutraulich uns fremdartige Gäste. Eine Schar grauer Papageien hatte sich ganz in der Nähe auf einem Baum niedergelassen und pfiff und krächzte fröhlich mit den anderen Vögeln um die Wette. Mit Ausnahme des Leichnams unter uns deutete nichts auf die entsetzliche Tragödie hin, die sich hier am frühen Morgen abgespielt hatte. Von dem fürchterlichen Räuber war nichts vernehmbar; der Wald hatte sein friedliches, alltägliches Aussehen. Von der Seite her passierte eine Karawane zierlicher Äffchen in den Wipfeln der Bäume über uns. Mein Auge ergötzte sich an den possierlichen Tierchen, die gleich unseren europäischen Eichkätzchen gewandt von Ast zu Ast springen.
Meine Glieder waren vom gebeugten Sitzen bereits derart erlahmt, daß sie mich kaum noch schmerzten. Mit der untergehenden Sonne und dem näherrückenden Zeitpunkt, an dem ich endlich den verhaßten Leopard vor dem Laufe meiner Flinte sehen würde, begann auch wieder eine gewisse Jagdleidenschaft in mir rege zu werden. Das bange und gleichzeitig freudige Gefühl der herannahenden Entscheidung ließ mich alle anderen Schmerzen, meinen hungernden Magen miteinbegriffen, vergessen.
Langsam verschwand die Sonne als rotleuchtender Feuerball zwischen den Wipfeln der Bäume, die Dämmerung rückte heran. Angestrengt lauschten wir auf jedes verdächtige Geräusch. Da, unvermittelt das leichte Zurückschnellen eines Astes in einiger Entfernung -- darauf lange Minuten lautloser Stille. Dann wieder das Knistern eines kleinen Ästchens aus derselben Richtung -- wieder vergingen einige Minuten. Die Sonne war bereits ganz am Firmament verschwunden. Dann wieder das Zurückschnellen eines Zweiges. Jetzt konnten wir genau die Richtung bestimmen, aus der der Räuber auftauchen würde. Gewisse Anzeichen, wie das Innehalten der Lockrufe der Vögel aus der gleichen Richtung deuteten darauf hin, daß die große Katze im Anzug war. Mein Herz klopfte zum Zerspringen -- -- jetzt war der Moment gekommen, auf den wir den ganzen Tag geharrt hatten. Unwillkürlich reichte ich Mukenge bedeutungsvoll die Hand.
Doch was war das? -- Plötzlich hörten wir von der entgegengesetzten Richtung gleichfalls ein Geräusch wie von einem anschleichenden Wesen. Sollten etwa zwei Räuber von entgegengesetzter Seite auf uns zukommen? Aus unserer ersten Schallrichtung vernahmen wir nichts mehr. Offenbar traute das Tier dem Frieden nicht recht, oder es hatte etwas gehört und wartete vorsichtig ab. Das Geräusch von der anderen, dem Dorfe zugekehrten Seite, wurde immer vernehmlicher. Zweige schnellten zurück, unaufhaltsam drang ein unbestimmtes Etwas in unserer Richtung vor. Immer näher kam das Verhängnis. Den Finger am Drücker, beide die Gewehre an der Backe, lauerten wir auf den Moment, wo der Kopf des Leoparden ansichtig wurde, um sofort Feuer zu geben. Zweige schlugen unter uns auseinander, ein Gemurmel wurde hörbar, und -- -- -- im Gänsemarsch, einer hinter dem anderen, tauchten fünf Eingeborene unter der Führung ihres Häuptlings auf, um -- den Toten wegzuholen.
Meine Bestürzung und Enttäuschung wiederzugeben, ist unmöglich. Also deshalb hatte ich den ganzen Tag gehungert, die unglaublichsten Schmerzen ausgehalten und den Verwesungsgeruch eingeatmet, damit im entscheidenden Moment mir der Preis verlorengehen sollte. Eine furchtbare Wut überfiel mich, und ich machte mir Luft, indem ich den verdutzten Negern von meinem Baum herunter eine Flut von Schimpfwörtern zudonnerte. Abgesehen davon, daß die Leute darauf bestanden, den Leichnam mitzunehmen, mußte ich wohl oder übel einsehen, daß nach den so unerwartet eingetretenen Ereignissen absolut keine Aussicht auf die Wiederkehr des Leoparden bestand. Der Abend und die Nacht, die ich im Dorfe zubrachte, waren mir gründlich verleidet.
Am folgenden Morgen besuchte ich die letzten beiden Dörfer Yobi und Komango, teilte Stoffe und Geschenke wie in allen übrigen Dörfern aus und ließ auch hier einen Capita zurück. Dann trat ich endlich die Rückreise an, die ohne nennenswerte Begebenheit verlief und mich nach vierzehntägiger Abwesenheit gesund und trotz der überstandenen Strapazen gekräftigt nach Stanleyville in meine Faktorei zurückbrachte.
Einiges über die Gewinnung des Kautschuks.
Es wird den Leser, der dem Verfasser bis hierher auf seinen abenteuerlichen Wegen durch den Urwald und bis in die entferntesten Negerdörfer gefolgt ist und das im Kongo übliche »System« des Kautschuksammelns kennengelernt hat, gewiß interessieren, etwas Näheres über die Gewinnung dieses wertvollen Naturproduktes zu erfahren.
Bis vor wenigen Jahren galt als Hauptreichtum des Kongostaates die Ergiebigkeit seiner ungeheuren Wälder und Prärien an Kautschuk, jenem kostbaren Material, das bisher chemisch nicht zu ersetzen und für das mit der zunehmenden Verwendung zu technischen Zwecken ein kaum zu befriedigender Markt entstanden war. Mit dem Bau der Eisenbahn Matadi-Stanley-Pool, mit der fortschreitenden Erschließung des Landes, der Unterwerfung der blutdürstigen, wilden Negerstämme, die bisher ausschließlich vom Morden und Plündern der schwächeren Nachbarn gelebt hatten, mit ihrer Heranziehung zu friedlicher Feldarbeit und Ausbeutung der reichen Lianenbestände der Urwälder, die von der Kongomündung quer durch ganz Zentralafrika bis zum Indischen Ozean reichen, wurde von Belgiens größtem Herrscher, dem König Leopold, mit sicherem, zielbewußtem Blick ein Kulturwerk geschaffen, so groß und mächtig, wie er selbst es ursprünglich kaum geahnt hatte. Schwere finanzielle Opfer hat es erfordert, viel Blut ist auf beiden Seiten geflossen, bis der neugeschaffene Staat die sengend und plündernd herumziehenden unbotmäßigen Horden bezwingen und seine Grenzen gegen räuberische Einfälle mächtiger Sklavenjäger zu schützen vermochte.
Der Lohn hierfür blieb nicht aus. Bald war bis in die entferntesten Dörfer des Urwaldes die Kunde gedrungen, daß der weiße Gott, der auf einem Feuerroß aus dem Meere aufgetaucht war und den Strom heraufgefahren kam, gegen den bisher nur zu »Gongschlägern« verfertigten Kautschuk prachtvolle Gewebe, glänzende Arm- und Beinspangen aus Messing, kurzum eine Menge nie gesehener Herrlichkeiten eintauschte, als sich alsobald hunderttausende fleißiger Hände an die Arbeit machten, den milchigen Saft der Lianen zu sammeln, zu Kugeln oder Platten zu formen und in die Stationen am großen Fluß zu bringen. Aus allen Teilen des Landes kam das kostbare, aber für die Eingeborenen fast wertlose Material. Immer mehr häuften sich die Vorräte, gleich dem Anschwellen einer Lawine. Die reiche Fracht füllte die Dampfer bis an Deck, wurde nach Antwerpen dirigiert und machte diesen Hafen bald zum zweitgrößten Kautschukmarkt der Welt. Dank der weisen Politik des klugen Königs, der durch Gewährung von Konzessionen Kapital ins Land zu bringen wußte, um all die ungeheuren Produktionsquellen voll zur Entfaltung bringen zu können, gediehen die unter Aufwand von vielen Millionen gegründeten Unternehmungen prächtig und entwickelten sich mit der Zeit zu großen Aktiengesellschaften, die ihren Gründern und ihrem Schöpfer alljährlich goldenen Gewinn eintrugen.
Kehren wir zurück zum Ursprung des Kautschuks und zu dessen Gewinnung. Im Gegensatz zum Plantagenkautschuk, der auf großen Anpflanzungen, z. B. in Brasilien, durch rationelle Ausbeutung gewonnen wird, stammte noch während meines Aufenthaltes am Kongo neun Zehntel der dortigen Gesamtproduktion aus sogenanntem »Raubbau«. Die Eingeborenen, die den Wert der Lianen nicht erkennen, haben, sobald sie eine solche finden, das natürliche Bestreben, möglichst viel Kautschuk aus ihr zu gewinnen, ohne Rücksicht darauf, daß die Pflanze bei einem solchen Verfahren eingeht. Der Rest verdankte seinen Ursprung gleichfalls rationeller Plantagenausbeutung.
Um dem Raubbau zu steuern und zu verhüten, daß die kostbaren Kautschukbestände eine Verminderung erfahren, werden sämtliche Gesellschaften seit dem Jahre 1900 durch königliche Verordnung dazu angehalten, alljährlich für je 1000 Kilogramm angekauften Kautschuk 500 neue Kautschuklianen anzupflanzen. Jede Gesellschaft besitzt daher heute geeignete ausgedehnte Terrains, die vom Staat unter gewissen Modalitäten kostenlos zur Verfügung gestellt wurden, auf welchen die Kautschukkulturen rationell betrieben werden. Diese Pflanzungen werden alljährlich von eigens dazu bestellten Inspektoren kontrolliert.
Der Kautschukbaum kommt in den Urwäldern Afrikas nicht vor. Aller geerntete Kautschuk rührt von wild wachsenden Lianen her. Man unterscheidet unter ihnen folgende Arten, die hauptsächlich für die Kautschukgewinnung in Betracht kommen: =Landolphia Ovariensis=, =Landolphia Droogmansia=, =Landolphia Klainei=, =Clitandra Arnoldiana=, =Clitandra Nzunde=. Die ersten drei Arten ergeben einen rötlichen, durchsichtigen Kautschuk, während die zuletzt genannten den schwarzen Kautschuk liefern. Alle diese Lianen erreichen einen Durchmesser bis zu Armstärke, ranken an hohen Bäumen als Parasit empor und erreichen eine Länge bis zu 25 bis 30 Metern.
Hat der kautschuksammelnde Eingeborene eine derartige Liane entdeckt, dann klettert er am Baum so hoch wie möglich empor und durchschneidet sie. Die nunmehr zu Boden stürzende Liane wird durch Holzgabeln gestützt und mit ringartigen Quereinschnitten in ihrer Rinde versehen. Der an der Schnittfläche herausträufelnde milchige Saft trocknet entweder sofort am Baum ein oder wird in aus Blättern angefertigten primitiven Behältern aufgefangen. Im ersten Fall kehrt der Eingeborene am nächsten Tag zurück, um den trockenen Kautschuk mit einem stumpfen Messer loszulösen und zu einer Kugel zu formen, deren Größe je nach dem Distrikt von einer Pflaume bis zu einer Orange wechselt. Im letzten Fall entleert er die milchige Flüssigkeit in ein zu diesem Zwecke mitgebrachtes Gefäß und gießt sie zu Hause in kochendes Wasser, worauf sie sofort hart wird und wie ein flacher Kuchen auf der Oberfläche des Wassers schwimmt. Der frisch gewonnene Kautschuk ist schneeweiß und enthält viel Wasser, das ihn, falls man ihn nicht gehörig zerteilt und im Schatten trocknet, zersetzt und in eine klebrige, unansehnliche Masse verwandelt.