Kongoerinnerungen

Part 13

Chapter 133,335 wordsPublic domain

Vor meiner Abreise mußte ich Monkwojama noch versprechen, seine Sache beim Kommandanten von Stanleyville zu vertreten. Dies konnte ich um so eher zusagen, als sich herausstellte, daß keiner der Soldaten verwundet oder getötet worden war und, wie ich aus Erfahrung wußte, diese sich hüten würden, von ihrem nächtlichen Raubzug etwas verlauten zu lassen. Zum Schutze des Dorfes vor ähnlichen Vorkommnissen, und um auch dafür zu sorgen, daß der Kautschuk zustande kam, ließ ich hier einen meiner Leute mit einem Perkussionsgewehr zurück. Als vermeintlicher Feind war ich ins Dorf gekommen, als Freund verließ ich dasselbe eine Stunde später, von der freudig erregten Menge begleitet, die im Tanzschritt unter dem ohrenbetäubenden »Yolah«-Geschrei und Tuten von Hörnern ihrer kindlichen Freude Ausdruck verlieh, ein Zeichen, wie schnell Volksstimmungen umschlagen.

Weiter stromabwärts eilten meine beiden Kanus in wilder Wettfahrt, um noch vor Einbruch der Nacht die »Baptist-Mission Yakussi« zu erreichen, wo wir freundliche Aufnahme vorfanden und übernachteten.

Am folgenden Morgen bei Tagesanbruch machten wir uns auf den Weg nach dem unweit der Mission im Urwald gelegenen Dorfe Yakussi. Die ganze Nacht durch hatte es geregnet, und die schmalen, lehmigen Fußpfade standen unter Wasser. Auf Schritt und Tritt streifte ich von dem dichten Unterholz große Regentropfen ab, so daß meine Kleidung binnen wenigen Minuten vom Kopf bis zu den Füßen völlig durchnäßt, und ich wohl oder übel gezwungen war, ein unfreiwilliges Kneippbad zu nehmen. Denkt sich der Leser hierzu noch rote, braune und schmutzige Flecken infolge Abstreifens des roten Tukula-Pulvers, womit Männer und Frauen sich den Körper beschmieren, dann kann er sich ungefähr eine Vorstellung davon machen, in welchem Aufzug ich eine halbe Stunde später nach forciertem Marsche im Dorfe ankam. Ich benützte die erste freie Hütte, um mich vollständig umzukleiden und hatte eben meine rasche Toilette beendigt, als der »Tambu Tambu« -- Neger-Sultan Yakussi -- mit großem Gefolge und tanzenden Frauen, die mich mit lautem Händeklatschen begrüßten, eintraf, um mich zum Hauptdorfe zu geleiten.

Das Dorf Yakussi, ursprünglich aus einem paar halbverfallener, im Urwald versteckter Negerhütten bestehend, hatte sich im Laufe der Jahre unter dem Schutze der Mission zu einer langgestreckten Ansammlung von Negerhütten und zu einem bedeutenden Markte entwickelt. Der alte Häuptling hatte wahrscheinlich mit schwerem Herzen von der Sitte seiner Vorväter und dem Genuß delikater Menschenkotelettchen Abstand genommen, seinen Lendenschurz mit dem Prunkgewand eines Negersultans vertauscht und dazu im Laufe der Zeit den Titel angenommen.

Dank dem unermüdlichen Eifer der Missionare, dem unzivilisierten Negervolke ein menschenwürdiges Dasein aufzudrängen, dank ihrer nah und fern gerührten Werbetrommel, um alle mit ihrem Lose Unzufriedenen um sich zu versammeln und zum Heil »Zambis«, des einzigen, wahrhaften Gottes zu bekehren, hat Yakussi sein Dorf Monat für Monat sich vergrößern und die Anzahl der Einwohner vermehren sehen. War seine eigentliche Macht über Leben und Eigentum seiner Untergebenen auch nur mehr ein Schein, so tröstete er sich offenbar damit, daß es den Häuptlingen in den von »Felsenbrecher«, wie die Eingeborenen den Kongostaat nennen, okkupierten Gebieten auch nicht besser ging und die Häuptlinge der umliegenden Dörfer ihm gewissermaßen unterstanden. Denn Yakussi war ein mächtiger Sultan geworden, der hoch in der Gunst des weißen Eroberers stand und dessen Ohr stets auf seiner Seite hatte. Alle Häuptlinge der umliegenden Dörfer erkannten dies willig an und bedienten sich unter Zuhilfenahme reicher Geschenke stets seiner Vermittlung, wenn es galt, ihr Dorf vor drückenden Steuern zu bewahren, oder aber Streitigkeiten unter einander auszutragen. Auf diese Weise war Yakussi im Laufe der Zeit reich geworden.

Auch die Einwohner des Dorfes erfreuten sich einer gewissen Wohlhabenheit und hatten ihre ursprüngliche Scheu im Verkehr mit den Europäern vollständig abgestreift. Die Frauen saßen größtenteils in Kleidern um die Feuer und nickten uns einen freundlichen Gruß zu, während die Kleinen und Allerkleinsten, die wir in anderen Dörfern überhaupt nicht zu Gesicht bekamen, sich mir ganz zutraulich näherten, ihre Pfötchen gaben und sich mit Perlen, Spiegeln und Löffeln beschenken ließen. Auf dem Weg durch das langgestreckte Dorf schlossen sich uns immer mehr Eingeborene an, so daß uns, als wir am Versammlungsort angelangt waren, ein großer Wall von Eingeborenen umgab. Nachdem ich nun den Leuten den Zweck meines Kommens auseinandergesetzt hatte, teilte mir Yakussi mit, daß das Dorf zwar bereits für »=Talla Talla=«, d. h. Augengläser (womit der Chef der SAB, der Augengläser trug, bezeichnet wurde), Kautschuk anfertige, daß er jedoch gerne bereit sei, das gleiche auch für mich zu tun.

Nicht sonderlich erbaut über den gemachten Vorschlag, willigte ich schließlich ein und ließ die von Yakussi selbst ausgewählten Waren, wofür er ein gewisses Quantum Kautschuk innerhalb eines Monats zu liefern versprach, zurück. Meine Boys hatten inzwischen meinen transportablen Tisch aufgestellt, ein nagelneues Tischtuch darüber ausgebreitet und erschienen nunmehr mit dem Frühstück, bestehend aus Omelett, geräuchertem Schinken, Sardinen und Kaffee. Während ich inmitten der neugierigen Menge frühstückte, die jede Handbewegung, das Öffnen der Sardinenbüchse usw. mit großem Interesse beobachtete, brachten gegen dreißig Frauen aus Kürbis hergestellte Gefäße mit »=Bidia=«, einer aus Mais und Maniokmehl hergestellten Polenta, sowie allerlei Gemüse, geräucherte kleine Fische, Heuschrecken und ähnliche Delikatessen zum Kaufe für mein Personal. Ich bezahlte das gerne und ließ die Herrlichkeiten unter meine Träger verteilen, die mit Heißhunger darüber herfielen.

Nachdem Sultan Yakussi mir im Laufe des Gespräches noch angeboten hatte, durch einen seiner Leute mir den Weg zu drei Dörfern in der Nähe des Lindiflusses zeigen zu lassen, die möglicherweise auch Kautschuk für mich sammeln würden, brach ich nach einstündigem Aufenthalt auf.

Wer da glaubt, Yakussi hätte mich in selbstloser Weise zu drei Dörfern gewiesen, um meine Zwecke zu unterstützen, täuscht sich gewaltig. Von dem Sultan und einer Menge Eingeborener, die auf Pfeifen und kleinen Holzgongs, hölzernen und elfenbeinernen Hörnern einen ohrenbetäubenden Spektakel aufführten, begleitet, erfuhr ich kurz vor dem Abschied am Flußufer, daß ein am Unterlauf des Lindis gelegenes Fischerdorf drei Frauen des Dorfes geraubt hätte. Yakussi bat mich, ihm die drei Frauen gelegentlich meines Besuches der Dörfer wiederzubringen.

Wir verließen Yakussi und schifften uns auf unseren Kanus wieder ein. Der Weg von Yakussi bis zur Mündung des Lindiflusses in den Kongo war, da es mit der Strömung ging, unter begeistertem Jubelgesang der Ruderer bald erreicht. Hier stellten sich mir Schwierigkeiten in den Weg, meine abergläubischen Leute dahinzubringen, in das bisher völlig unbekannte Lindistromgebiet einzufahren. Geschichten, die in Stanleyville unter den Eingeborenen umgehen, und die von einem Fabeltier erzählen, das bald in Gestalt eines ungeheuren Krokodils, bald als Riesen-Wasserschlange aus den Tiefen des Lindiflusses auftaucht und jedes Boot vernichtet, hatten die Leute verängstigt. Wir waren etwa eine Stunde weit den Fluß hinaufgefahren, ohne auf menschliche Spuren gestoßen zu sein, als wir mit einem Male bei einer Biegung des Flusses zu einem großen Fischerdorf kamen. Schätzungsweise mochte dasselbe gegen 2000 Einwohner zählen. Die Leute waren gerade im Begriffe, einen riesigen Gong, der auf vier Holzfüßen inmitten des geräumigen Versammlungsplatzes stand, einzuweihen. Von oben bis unten mit rotem Sandelholzpulver zur Feier des Tages beschmiert, tanzten Männer und Frauen unter wilden Kontorsionen der Bauchmuskeln und unter lautem Freudengeheul wie Besessene um den Gong, den zwei Mann mit Kautschuk-Keulen mit aller Gewalt bearbeiteten.

In dem allgemeinen Taumel war unsere Ankunft kaum bemerkt worden. Sowie der Häuptling uns bemerkte, gab er ein Zeichen, das Fest zu unterbrechen, und kam, umringt von den Seinen, auf uns zu. In wenigen Sekunden war unser kleines Häufchen von einer tobenden Menschenmenge umringt. Die tiefliegenden, verschleierten Augen und die starke Erregung, die sich auf allen Mienen kundgab, verriet mir auf den ersten Blick, daß die Leute viel Hanf geraucht hatten, und daß äußerste Vorsicht am Platze war, wollten wir nicht den zündenden Funken in das Pulverfaß werfen. Die getrockneten Blätter der Hanfstaude, dem Tabak beigemengt, haben berauschende Wirkung und versetzen den Neger bei reichlichem Genuß in eine tobsuchtsartige, blutdürstige Stimmung, in welcher er weder Feind noch Freund kennt, beim geringsten Anlaß blindlings darauflosschlägt und alles niedermacht, was sich ihm in den Weg stellt. Diese Unsitte fordert alljährlich unzählige Opfer und nötigt die Regierung, die Hanfstauden in den Dörfern vernichten zu lassen.

Mit einer mir später selbst fast unerklärlichen Ruhe ließ ich mir von meinen Boys inmitten des Kreises, der sich in immer weiterem Umfange um uns schloß, meinen Streckstuhl bringen und setzte mich nieder. Dem Häuptling bedeutete ich, dasselbe zu tun. Tausende Augenpaare beobachteten jede meiner Bewegungen. Hier galt es mit voller Unerschrockenheit auftreten, sonst waren wir in die Hände der Leute gegeben, die nach Belieben mit uns verfahren konnten.

Ich ließ den Mann aus Yakussi vortreten und forderte den Häuptling auf, die widerrechtlich weggeschleppten drei Frauen, die sich in seinem Dorfe aufhielten, sofort herauszugeben. Ohne ein Wort der Widerrede gab der Häuptling einem Manne ein Zeichen, die Frauen zu holen. Hierauf verständigte ich ihn vom Zwecke meines Kommens, daß ich Tauschhandel mit den Leuten seines Dorfes pflegen wolle, daß ich Geschenke für Kautschuk mitgebracht habe usw.

Hatte der Häuptling meinem ersten Verlangen ohne weiteres Folge geleistet, so erklärte er jetzt, dabei die Volksmenge mit jedem Satz apostrophierend, ungefähr folgendes: »Der weiße Häuptling =Nfuma Ntanga= ist in unser Dorf gekommen -- =ayoki= (hört), um drei Frauen aus Yakussi zurückzufordern -- =ayoki=. Wir wollen keinen Krieg mit dem weißen Häuptling -- =ayoki=. Darum geben wir die Frauen zurück -- =ayoki=. =Nfuma Ntanga= bringt Stoffe und »=Shokkas=« (große Stücke Eisen, welche an Geldes Statt zirkulieren) und will, daß wir Kautschuk sammeln gehen -- =ayoki=. Kautschuk sammeln ist Sklavenarbeit -- =ayoki=. Wir aber sind freie Männer und wollen keinen Kautschuk machen.«

Nach jedem Satze wiederholte die Menge wie aus einem Munde »=ayoki=«, was ungefähr »wir hören« heißt. Nach den letzten Worten des Häuptlings brach ein tausendstimmiges Jubelgeheul aus, das von der grünen Mauer des Urwaldes jenseits des Wasserspiegels widerhallte. Darin kennzeichnete sich das stolze Bewußtsein und der unerschütterliche Wille eines freien Volkes, das Sklavenarbeit verachtete und bereit war, für seine Gesinnung sein Leben einzusetzen.

Diese einzigartige Kundgabe des Volkswillens machte auf mich einen großen Eindruck. Zum erstenmal stand hier in Gestalt des Wilden ein Mann vor mir, dem die Natur den Stempel des Herrschers aufgedrückt hatte. Von Wuchs ein über das Mittelmaß reichender, herkulisch gebauter Mann, in Miene und Gebärden jeder Zoll ein König, die Gesichtszüge von tiefem, feierlichem Ernst durchdrungen, das stolz erhobene Haupt mit Adlerfedern geschmückt, um die gewölbte, sehnige Brust ein Diadem von Leopardenzähnen, um die Hüften ein kunstvolles faltenreiches Gewebe aus Raphiafasern: so stand der Mann vor mir, mit tieftönender, voller Stimme zu seinem Volke redend. Diese Szene hat sich unauslöschlich meinem Gedächtnis eingeprägt. Der Wille und die Kraft, die von dieser Herrschernatur ausgingen, waren derart, daß sie geradezu hypnotische Wirkung auf das Volk ausüben mußten. Ohne ein Wort weiter zu verlieren, erhoben sich alle, die mit dem Häuptling gekommen waren, und verließen den Versammlungsplatz, mich in ziemlicher Bestürzung zurücklassend.

Was hatte dies alles zu bedeuten? Warum war der Häuptling mit seinen Leuten so unvermittelt verschwunden? Hatten sie etwa die Absicht, über uns herzufallen? Diese Fragen und viele ähnliche bestürmten mich im nächsten Augenblick. Mechanisch griff ich nach einer illustrierten Zeitschrift, die ich immer bei mir zu tragen pflegte, da ich aus Erfahrung wußte, daß die Illustrationen und das gedruckte Papier für die Eingeborenen als »schwarzer Zauber« gelten und sie davor einen großen Respekt haben. Während ich mechanisch in der Zeitschrift blätterte, arbeitete mein Gehirn fieberhaft. Ich beobachtete genau, was um mich vorging und ob nicht irgend etwas in dem Gebaren der Eingeborenen auf feindliche Absicht schließen ließ. Doch nichts dergleichen geschah -- langsam fand ich das seelische Gleichgewicht wieder.

Eine Viertelstunde mochte etwa vergangen sein, da tauchte plötzlich der Häuptling wieder mit seinem Gefolge auf, das zwei große Ziegen hinter sich herzog und sie mir als Geschenk übergab. Ein Stein fiel mir vom Herzen. Nach dieser Gabe konnten wir über die friedlichen Absichten der Leute nicht länger im Zweifel sein, und ich ließ nun meinerseits durch Mustapha dem Häuptling ein den Wert der beiden Ziegen übertreffendes Geschenk überreichen. Im Verlaufe des sich daran anknüpfenden Gespräches stellte es sich heraus, daß die drei von Yakussi bezeichneten Dörfer in unmittelbarer Nähe lagen. Ich beschloß daher, mich sofort auf den Weg zu machen und brachte gleichzeitig meinen Koch in einer der mir freiwillig geräumten Hütten unter, um einstweilen eine Mahlzeit für mich vorbereiten zu lassen.

Von unserem Führer aus Yakussi geleitet, folgten wir einem der vielen sich kreuzenden Fußpfade, die von dem Dorfe aus durch Maniok- und Maisanpflanzungen in den Schatten des Urwaldes führten. In brennender Sonnenhitze durchquerten wir einen frischen Ausschlag aus dem Walde. Quer über dem Wege lagen die tausendjährigen, umgestürzten Urwaldriesen, über die wir bald hinwegkletterten, dann wieder unter ihnen durchschlüpfen mußten. Allenthalben waren die ungeheuren Stämme angekohlt, und große Feuer brannten, um die von der Sonne verdorrten Äste und Zweige aus dem Wege zu räumen und in befruchtende Asche umzuwandeln. In sengender Gluthitze bahnten wir uns mühsam über all diese Hindernisse hinweg einen Weg zu dem kühlen Schatten des Waldes. Unterwegs kamen wir am Grabe eines Häuptlings vorbei. Eine Binsenmatte, von vier Stöcken unterstützt, bildete das Dach dieses innerafrikanischen Mausoleums, unter dem auf einem Bäumchen ein dicker, weiß und schwarz gefleckter Baumbast zusammengerollt lag. Dieser war so täuschend einer riesigen Schlange nachgebildet, daß ich beim ersten Anblick unwillkürlich einen Schritt nach rückwärts machte. Einige Tongefäße und kleine Götzen vervollständigten diese äußerst sonderbare Begräbnisstätte.

Nach längerem Marsch deutete endlich entferntes Stampfen eines Maniokmehl-Mörsers sowie eine allmähliche Verbreiterung des Fußpfades an, daß wir uns in der Nähe eines Dorfes befanden. Einige hundert Meter vor dem Dorfe bildete der Fußpfad eine Biegung und bot einen Ausblick, durch welche die Einwohner, die in steter Furcht vor feindlichen Überfällen leben, unsere Karawane herannahen sahen. Ich hörte einen schrillen, trillernden Schrei, dann Rufen und Trappeln vieler nackter Füße. Als ich endlich im Dorfe anlangte, war die gesamte Bevölkerung geflohen. Das Dorf machte einen äußerst reinlichen und respektablen Eindruck. Zwei Reihen spitzzulaufender, kegelförmiger Hütten standen inmitten von Bananenhainen, Tabak- und Hanfanpflanzungen. Es war bisher das einzige Dorf mit Hütten dieser Konstruktion hier in der Umgebung, wo alle Eingeborenen mehr oder minder runde Hütten bauen oder sich die arabischen Häuser als Modell nehmen. Ich verharrte nahezu eine halbe Stunde im Dorfe und machte vermittels der Gongsprache alle möglichen Anstrengungen, um die Leute zurückzurufen. Es war leider vergebliche Mühe, nichts rührte sich in dem umliegenden Urwalde. Es war eine starke Enttäuschung für mich, nach langem, mühseligem Marsch unverrichteterdinge weiterziehen zu müssen.

Beim zweiten Dorfe Alelo hatten wir nicht mehr Glück. Ich hatte dieses Mal meinen Führer aus Yakussi vorausgesandt, um die Leute auf die Ankunft meiner Karawane vorzubereiten. Hatte dieser nun die übertragene Mission nicht richtig erfüllt oder hatten die Leute ein Verbrechen auf dem Gewissen, kurzum, als sie vom Herannahen eines Europäers hörten, waren sie, so schnell ihre Füße sie zu tragen vermochten, im Urwalde verschwunden. Trotz aller Versprechungen waren die Leute auch dann nicht zu bewegen, zurückzukehren.

Mißmutig zogen wir durch den Urwald weiter. Einmal passierten wir eine Ameisenkarawane, die auf einige hundert Schritt den schmalen Fußpfad und die Büsche zu beiden Seiten desselben vollständig mit Beschlag belegte. Ein seltsames Knistern und Zirpen hätte uns aufmerksam machen sollen, doch achtlos liefen wir weiter, bis ein kräftiges Zwicken im Gesicht, am Hals und an den Händen mich veranlaßte, gleich meinen Trägern aus Leibeskräften zu laufen, um den Bissen dieser kleinen Insekten, die alles Strauchwerk um uns belebten, zu entrinnen. Die Zangen zum Angriff weit geöffnet, den Schlachtruf in Form eines eigenartigen Knisterns und Zirpens ausstoßend, waren Legionen dieser kleinen Soldaten bereit, alles, was in den Bereich ihrer Zangen geriet, sofort wütend anzufallen. Ihr Biß ist derart kräftig, daß die Scheren aus der Wunde meist nicht wieder herauszubekommen sind, sondern auseitern müssen. Eine kurze Rast mitten im Urwalde gab uns Gelegenheit, uns unserer Kleidung zu entledigen und uns von den kleinen Peinigern zu befreien. Hierauf setzten wir unseren Marsch durch das Dickicht, über Morast und kleine Flüsse hinweg, fort.

In die Nähe des dritten Dorfes gelangt, ließ ich haltmachen und sandte jetzt Mustapha mit dem Führer aus Yakussi voraus. Diesmal verschwanden nur die Frauen und Kinder und zogen sich nach den entlegeneren Hütten des Dorfes zurück. Der Häuptling Monganga und die Männer erwarteten uns. Ein Blick auf sie belehrte mich übrigens sofort, daß ich es hier mit reinen Urwaldbewohnern zu tun hatte, mit Leuten, die ihren Fuß sicherlich noch nicht außerhalb der unmittelbaren Nähe des Dorfes gesetzt und niemals zuvor einen Europäer von Angesicht zu Angesicht gesehen hatten. Durch die bisherigen Erfahrungen gewitzigt, hatte ich angeordnet, daß die begleitende Eskorte sowie der größte Teil des Personals zurückbleiben und erst allmählich Mann für Mann nachkommen sollte. Ich selbst folgte Mustapha in einiger Entfernung, nur von einem Gewehrträger begleitet. Bloß diesen Vorsichtsmaßregeln hatte ich es zu verdanken, daß die Leute nicht auch hier das Weite suchten. Der Häuptling schlotterte an allen Gliedern, als ich mich ihm näherte und ihn ansprach. Um ihn nicht unnötig zu erregen, setzte ich mich sofort in meinen inzwischen angekommenen Streckstuhl und befahl den herbeikommenden Trägern, sich gleichfalls zu setzen.

Je mehr von meinen Leuten herankamen, um so ängstlicher wurden die Mienen der Eingeborenen. Ich hatte das Gefühl, daß nur die Furcht, niedergeschossen zu werden, sie auf dem Platze festhielt. Meine friedliche Absicht, Tauschhandel zu treiben, durch unseren Yakussi-Führer in die Sprache der Eingeborenen übersetzt, wurde beifällig aufgenommen. Die Leute erklärten sich gern bereit, für uns Kautschuk im Walde zu sammeln.

Bei Abschluß der Verhandlung ergab sich aber eine Schwierigkeit. Keiner meiner Leute wollte als Capita im Dorfe zurückbleiben. Andererseits getraute sich auch niemand, vom Dorfe den fertigen Kautschuk per Boot nach Stanleyville zu bringen. Die Leute trugen so sehr den Stempel tiefster Verrohung an sich, daß mein mutigster Capita sich weigerte im Dorf zu bleiben und offen erklärte, er sei überzeugt, daß die Leute ihn abschlachten würden, noch ehe ich außer Rufweite des Dorfes gelangt sein würde. Unter diesen Umständen blieb mir nichts übrig, als vorerst abzuwarten, bis durch wiederholten Besuch des Dorfes meine Capitas mehr Vertrauen zu den Eingeborenen gefaßt haben würden und diesen einstweilen ein kleines Quantum Waren anzuvertrauen. Erwiesen die Leute sich innerhalb eines Monats des Vertrauens würdig, dann konnte ein Versuch im größeren Stil unternommen werden. Im anderen Falle war damit nicht viel verloren.

Ich ließ den Häuptling unter den mitgebrachten Waren seine Auswahl treffen. Dann gab ich ihm als Geschenk eine weiß und rot gestreifte Decke, ein großes Dolchmesser mit einer Scheide und einen breitkantigen, schwarzen Hut, der ihm ein behagliches Grinsen abnötigte und ihn geradezu grotesk kleidete. Dagegen gelobte Monganga, Ende des nächsten Monats acht Körbe Kautschuk bereitzuhalten, die entweder ich oder meine Leute vom Dorfe abzuholen hätten.

Nicht besonders erbaut über das Resultat des Tages, kehrte ich bei einbrechender Nacht nach dem Fischerdorfe zurück und verzehrte in aller Eile das von meinem Koch inzwischen zubereitete Essen, wobei ein andächtiger Kreis von Kindern, Frauen und Männern mir zusah. Bildete doch von der Petroleumlampe angefangen bis zum Salzstreuer jeder Gegenstand ein bisher nie gesehenes Wunder, von welchem man Wochen lang noch sprechen würde. Zum Schluß servierte mein Koch eine »=Omelette soufflée=«, die ich reichlich überzuckerte. Als ich nun noch den darübergegossenen Rum angezündet hatte, war mein Ruf als Feuerfresser und großer Medizinmann für alle Zeit gesichert. Die Nacht verbrachte ich in einer der größeren Negerhütten, nachdem ich sie vorher, eingedenk früherer Erlebnisse, von meinen Leuten völlig hatte ausräumen lassen.

Meinem Personal waren vom Häuptling fünf weitere Hütten zur Verfügung gestellt worden, und ich hatte den Wachen strikten Befehl erteilt, darauf zu achten, daß keiner der Leute nachts auf Abenteuer ausging. Die Nacht verlief ruhig. Ich war dank den anstrengenden Märschen des Tages in tiefen Schlummer gefallen, aus dem weder Ratten, Mäuse noch sonstiges Ungeziefer mich wecken konnten.

Am nächsten Morgen fuhr ich mit beiden Kanus ein gutes Stück stromaufwärts, um die berühmten »Tschoppa-Fälle« auf dem Lindifluß zu besuchen. Diese gelten weit und breit als die herrlichsten Fälle der Region und werden mit Vorliebe von Stanleyville aus besucht. Kurz vor dem eigentlichen Fall verließen wir die Kanus, da die Strömung zu heftig wurde. Dem Flusse entlang bahnten mir ein paar Arbeiter mit Haumessern einen Weg durch den Urwald, um zum eigentlichen Fall zu gelangen. Der Fluß stürzt hier in seiner ganzen Breite aus etwa 20 Meter Höhe in die Tiefe. Die Gewalt der fallenden Wassermassen übertrifft alles, was ich bisher in dieser Art gesehen habe. Mit Recht wird der Fall als herrlichstes Naturschauspiel Zentralafrikas bezeichnet.