Part 12
Unterwegs begegneten mir eine Menge bekannter Gestalten, die ich im Leben niemals gesehen, die mir jedoch im Verlaufe der Jahre wiederholt im Traum erschienen waren und die mich jetzt verwundert und entsetzt betrachteten, um gleich darauf wieder wesenlos zu verschwinden. Plötzlich kam ich an ein hohes Felsengebirge, das ich im rasenden Laufe erkletterte. Ein dunkler Abgrund -- unermeßlich tief --, aus welchem gleich Nebelschwaden Rauch aufstieg, lag zu meinen Füßen. Vor mir tat sich die Hölle auf, und in sie hinein entschwand meine Seele. Von Grauen gepackt, wollte ich einhalten im rasenden Lauf. Unmöglich -- ein unsichtbares Etwas trieb mich unaufhaltsam dem Abgrunde zu. Ich fühlte, wie ich durch die Luft schwebte und in die Tiefe sauste. Immer tiefer durch Feuerwolken und giftige Gase, in ein Flammenmeer, das mir den Atem raubte und mir die Sinne nahm. Dann wieder stand ich inmitten hellen Sonnenscheins, von allen Seiten eingeschlossen, in einer Bodensenkung. Oben auf einer Anhöhe standen meine Eltern und winkten mir, heraufzukommen. Ich hatte sie viele Jahre nicht gesehen und als tot beweint, und mein Herz sehnte sich danach, sie in die Arme zu schließen. Im Begriffe, zu ihnen zu eilen, bemerkte ich mit Entsetzen, daß ich inmitten tausender Schlangen stand, die von allen Seiten aus Erdlöchern herausschlüpften, um sich zu sonnen. Zu Ringen und Klumpen geballt, lag das giftige Gewürm über- und aufeinander. Die einen fraßen die anderen auf. Ich hatte ein Schwert in der Hand und versuchte, von Grauen gepackt, mich der Schlangen zu erwehren. Ich zerspaltete und durchschnitt die ekelhafte Brut. Doch es wuchsen den einzelnen Teilen neue Köpfe, die sich nun mit ihren giftigen Fängen an meinem ganzen Körper festbissen. Ganz genau empfand ich, wie die Nattern sich trotz meiner verzweifelten Gegenwehr um Füße, Arme und Beine hinaufringelten und mir schließlich die Kehle durchbissen. In wahnsinniger Angst eilte ich mit geflügelten Schritten weiter -- meine Eltern waren meinen Blicken entschwunden.
Dann wieder sah ich mich inmitten von Totenschädeln als Leiche aufgebahrt. Ein Kreis der nächsten Verwandten saß fröhlich plaudernd neben dem Totenlager, während sich meine Mutter, ihr Herz vom wilden Schmerze zerrissen, über den Toten warf. Ich aber stand daneben, und das Weinen und Wehklagen der Mutter, die mich, ihren totgeglaubten Sohn, betrauerte, schnitt mir tief ins Herz hinein. Ich wollte mich ihr zu Füßen stürzen, ihr zurufen, doch die Glieder und die Stimme versagten ihren Dienst, und jetzt wurde ich plötzlich mit Erstaunen gewahr, daß kein Ton, kein Laut eines lebenden Wesens meinem Ohr vernehmbar war. Grabesstille herrschte in diesem Weltall der Toten, das doch wieder voll Leben war. Ganz deutlich sah ich mit den Augen die geschilderten Vorgänge -- das Ohr jedoch vernahm nichts davon.
Dann wieder eilte ich an der Spitze einer Karawane durch dichten Urwald und weite Grassteppen mit Palmenhainen, aus deren Wedeln große Affen mit Menschenfratzen höhnisch auf uns herabblickten. Meine Karawane war kunterbunt aus Negern von der Küste und Traumgestalten von Leuten, denen ich im Leben einmal begegnet sein mochte, zusammengestellt. Stunden über Stunden waren wir unter sengender Sonnenhitze über Steppen und Wiesen dahingeeilt, ohne einen Tropfen Wasser oder etwas Nahrung zu uns genommen zu haben. Die Zunge klebte am Gaumen, die Füße versagten ihren Dienst. Da sahen wir plötzlich aus einem Bananenwald liebliche Hütten auftauchen und einladend winken. Und von allen Hütten näherten sich uns Negerfrauen und -mädchen, die uns in scheuer Furcht betrachteten und wieder verschwanden. Wohl fiel mir auf, daß wir nur weibliche Personen zu Gesicht bekamen, doch der Gedanke, ins Reich der Amazonen zu kommen, hatte nichts Schreckliches an sich.
Im Dorfe um uns schien sich etwas Geheimnisvolles vorzubereiten. Seit Menschengedenken war in diese Gegend kein männliches Wesen gekommen, und uns drohte ein fürchterliches Unheil. Mein Blick, der durch die Wände der Hütte ins Innere hineinzudringen vermochte, sah alte Weiber mit zornverzerrten Mienen um die Feuer hocken. Ich sah, wie sie untereinander tuschelten, die Köpfe zusammensteckten und in den Mondschein hinausstarrten, als erwarteten sie etwas Furchtbares zu hören. Ein Orakel hatte den Weibern den Untergang des Dorfes verkündet, sobald der Fuß eines Mannes das Gebiet betreten würde.
Die Sitte wollte es, daß, sobald eines der jungen Mädchen das heiratsfähige Alter erreicht hatte, es mit großem Pomp dem Bräutigam, der Sonne, zugeführt wurde. Die Glut der heißen Strahlen mit der ihnen innewohnenden Kraft, die stets neues Leben erweckt, befruchtete den jugendlichen, jungfräulichen Körper, der bis zur Geburt des Kindes alltäglich ein Gegenstand sorgfältigen Sonnenkultus bildete. Gebar die junge Frau ein Mädchen, dann wurde dieses Mädchen mit Prunk und Festlichkeit in die Gemeinde aufgenommen -- kam ein Junge zur Welt, so wurde er der Sonne geopfert.
Die finstere Nacht nahte heran. In schlauer Zärtlichkeit führten die schönen, bronzenen jungen Mädchen des Dorfes Freudentänze vor unseren Augen auf. Sie schmiegten sich völlig unbekleidet an uns und umfingen uns mit den Armen. In höchstem Wonnegefühl ließ ein dunkles Ahnen mein Blut in den Adern erstarren, ganz deutlich erkannte ich plötzlich in den liebevollen Augen meiner Gefährtinnen den giftigen Blick der Schlangen, die ihr Opfer suchten.
Ich wollte meine Leute warnen, wollte rufen, vermochte aber keinen Laut hervorzubringen. Ich wollte mich der fürchterlichen Umarmung erwehren, doch wie eiserne Ketten umschlossen die bloßen Arme und Füße meinen Körper. Mit Grauen bemerkte ich, wie die Frauen mit wollüstiger Grausamkeit einem Gefährten nach dem anderen die Kehle durchschnitten -- das entströmende Blut versetzte sie in einen Freudentaumel. Um mich her, toll vom Blutrausch, in den Händen die blutigen Messer und Fackeln schwingend, tanzte im Reigen eine Legion der wilden Amazonen.
Vergeblich versuchte ich, mich der von allen Seiten auf mich einstürmenden Frauenkörper, ihrem sinnlichen Begehren und der Glutwelle, die von ihren Leibern ausging, zu erwehren. Von ihnen in die Mitte des Dorfes vor ihren Götzen geschleppt, wurde ich an Händen und Füßen gefesselt. Ich hatte das Vorgefühl eines schauerlichen Todes, dem qualvolle Martern vorhergehen sollten. Eine Horde besessener Teufel mit herrlichen Frauenleibern umtanzte mich im tollen Bacchanal und weidete sich an dem Grauen, das sie mir mit ihrer Wollust einflößten. Mit scharfen Messern bezeichnete eine nach der anderen in blutigen Ringen auf meiner weißen Haut das Stück, das ihr nach meinem Tode angehören sollte. Die Vorkehrungen zum Opfer waren beendet. Ich sollte am Spieße gebraten werden. Ganz deutlich fühlte ich das kalte Eisen, das mich von unten nach oben durchbohrte, und die ungeheure Hitze der Flammen.
Ein Schmerz durchzuckte meinen Körper. Ich öffnete die Augen und erkannte in tiefer Erregung den über mich gebeugten Dr. Bellis, mit der Pravazschen Spritze in der Hand, mittels der er gerade noch rechtzeitig durch Chinin und Koffein-Einspritzungen unter die Haut die entfliehenden Lebensgeister gebannt hatte. Dank seiner Hilfe war ich für diesmal gerettet.
Janssen, durch Eilboten vom Arzt aus Romée zurückberufen, kehrte nach vier Tagen heim. Acht qualvolle Tage und Nächte fesselte mich der beständige Kampf mit dem Fieber und der sich immer wieder von neuem ansammelnden Galle ans Krankenbett. Als einzige Nahrung während der ganzen Zeit erhielt ich etwas mit Wasser zu gleichen Teilen flüssig gemachte kondensierte Milch. Kein Wunder, daß ich mich nach neun Tagen völlig entkräftet, ein schwankendes Rohr, von meinem Lager erhob. Von Mustapha und meinem Boy unterstützt, ließ ich mich für einige Stunden im Lehnstuhl hinaus ins Freie tragen, von wo auch ich einen freien Überblick über den Strom und das Leben um mich genießen konnte. Die muntere Arbeit und das frohe Leben und Treiben um mich her erweckten in mir bald die schlummernden Lebenskräfte, und in zwei weiteren Tagen war ich bereits so weit hergestellt, um die Arbeit wieder aufnehmen zu können.
Faktoreichef. Reisen ins Innere des Landes.
Eines Tages kam Janongo, der Häuptling eines Dorfes, das bisher die Hälfte unserer monatlichen Kautschukproduktion lieferte, mit unserem im Dorfe installierten Capita zurück. Gewöhnlich nehmen Dörfer die Namen von Häuptlingen an, die sich durch persönlichen Mut und Unerschrockenheit besonders hervorgetan haben. Der Häuptling war übel zugerichtet. Das rechte Auge und die Nase waren unförmig angeschwollen und der übrige Teil des Gesichtes und die Brust mit gestocktem Blute bis zur Unkenntlichkeit besudelt. Vom Rücken und den Lenden abwärts zeigte die Haut blutige Striemen und entsetzliche Wunden und Geschwüre. Der Mann war offenbar mißhandelt worden und hatte dabei reichlich Blut verloren. Was hatte sich zugetragen?
Die Dörfer Janongos, zum Rayon der Stanleyfälle gehörend, liegen in unmittelbarer Nähe der Grenze, welche den anschließenden Aruwimi-Distrikt von der »=Province Orientale=« scheidet.
Zwischen dem ehemaligen Staatsangestellten, der den einige Stunden stromabwärts gelegenen Staatsposten kommandierte, und unserer Faktorei bestanden bisher freundschaftlich nachbarliche Beziehungen. Seit kurzem war der Beamte auf Urlaub nach Europa zurückgekehrt, und sein Nachfolger P..... hatte Janssen bei seiner letzten Reise ziemlich kühl aufgenommen, so daß dieser, ganz gegen seine bisherige Gewohnheit, gar nicht dort übernachtet hatte, sondern nach kurzem Aufenthalt weitergereist war. P....., von den Eingeborenen »=Malu Malu=« (»Schnell schnell«) genannt, war nun vor einigen Tagen mit fünfzig Soldaten im Dorfe erschienen und hatte von Janongo eine monatliche Steuer von hundert Säcken Kautschuk verlangt. Aus die Erklärung Janongos, daß sein Dorf seit Jahren Kautschuk an die Stanleyfälle liefere, und seine Weigerung, dem Befehl nachzukommen, ließ P..... ihn in Ketten legen und befahl seinen Soldaten, in den Hütten der Eingeborenen nach Kautschuk zu suchen. Einer der Soldaten schnüffelte im Hause unseres Capitas den bereits fertiggestellten Kautschuk auf. Unser Capita, nichts Gutes ahnend, hatte wahrscheinlich Reißaus genommen, obgleich er natürlich steif und fest behauptete, zur Zeit nicht im Dorfe gewesen zu sein. P..... ließ nun den gesamten Kautschukvorrat mit Beschlag belegen und dem Häuptling Janongo, weil dieser ihn belogen hatte, fünfzig Hiebe mit der Nilpferdpeitsche geben. Überdies traktierte er den am Boden Liegenden in schamlosester Weise mit seinen Stiefelabsätzen. Noch in der gleichen Nacht hatten Janongo und der inzwischen zurückgekehrte Capita das Dorf verlassen, um Klage bei uns zu führen. Janssen war durch die geschilderten Vorgänge in eine nicht wiederzugebende Aufregung und Wut versetzt worden. Abgesehen davon, daß Janongo stets einer der verläßlichsten Häuptlinge gewesen war und wir durch die Beschlagnahme des bereits bezahlten Kautschuks einen enormen finanziellen Schaden erlitten hatten, erregte es ihn besonders, daß unser Prestige bei den Eingeborenen infolge der Mißhandlungen des Häuptlings durch einen Staatsbeamten stark erschüttert worden war. Er betraute mich mit der Klage beim Distrikts-Kommissar, da er fürchtete, nicht Herr seiner Erregung bleiben zu können. Ich begab mich sofort mit den beiden Zeugen auf das Kommissariat und ließ den ganzen Sachverhalt zu Protokoll nehmen, worauf der Distrikts-Kommissar uns volle Entschädigung und Bestrafung des Schuldigen in Aussicht stellte und sofort einen der hiesigen Offiziere mit der Untersuchung an Ort und Stelle betraute.
Bei meiner Rückkehr fand ich Janssen mit hochgradigem Fieber infolge der Aufregung im Bette vor. Gegen Mitternacht ließ er mich zu sich rufen. Sein Zustand hatte sich bedeutend verschlimmert, es erwies sich, daß er an Schwarzwasserfieber erkrankt war. Ich gab ihm sofort heißen Tee und eine reichliche Dosis Antipyrin. Der Harn, welcher vorher schwarzrot war, bekam daraufhin wieder seine natürliche Farbe. Da das Fieber während der Nacht absolut nicht weichen wollte, ließ ich am folgenden Morgen =Dr.= Bellis von der Station kommen. Merkwürdigerweise ließ das Fieber plötzlich ganz nach, so daß der Arzt nun nicht recht wußte, was er von der Veränderung halten sollte. Vorsichtigerweise verordnete er Janssen ein Purgativ, völlige Ruhe und Diät. Gegen 11 Uhr früh fühlte Janssen sich wieder vollständig wohl und erhob sich trotz aller Abmahnungen. Die Geschichte mit Janongo wollte ihm nicht aus dem Kopf.
Meine Abreise in Begleitung des befreundeten Offiziers mit einer Eskorte von zehn Soldaten war für den nächsten Morgen in Aussicht genommen, und Janssen gab mir eine Menge Ratschläge, wie ich mich bei der Sache zu verhalten habe.
Gegen Abend begann das Fieber von neuem, um Mitternacht traten wieder die einwandfreien Zeichen von Schwarzwasserfieber auf. Ernstlich beunruhigt, ließ ich diesmal trotz der späten Stunde =Dr.= Bellis rufen. Dieser kam gegen 1 Uhr und bestätigte unsere Vermutung. Er ließ sofort einen Einlauf von zwei Liter Seifenwasser machen, gab dem Patienten ein Gramm Chinin und viel heißen Tee und meinte, daß die Krankheit bis spätestens am nächsten Tage behoben wäre. Unter diesen Umständen wollte ich meine Reise nach Janongo unbedingt um einige Tage verschieben, um Janssen zu pflegen. Doch diesem ging die Angelegenheit fortwährend derart im Kopfe herum, daß =Dr.= Bellis, um ihn nicht unnötig noch mehr aufzuregen, mich bat, wegzufahren. Janssens Abschiedsworte waren: »Tu dein möglichstes, um die Sache glücklich zu Ende zu führen, dann werde ich sicherlich vor Freude genesen.« Dies waren die letzten Worte, die er an mich richtete. Das Schicksal hatte gewollt, daß wir uns nie wiedersähen. Der Tod hatte während meiner kurzen Abwesenheit Einkehr in unserer kleinen Faktorei gehalten und ein junges Menschenopfer gefordert.
Auf meiner Reise nach Janongo ließ ich unser Kanu vorsichtshalber noch in der Mission St. Gabriel anlaufen und Pater Willibrord, der Janssen persönlich sehr zugetan war, bitten, ihn während meiner Abwesenheit zu pflegen.
Während der nächsten Tage besuchte ich mit meinem Begleiter die Dörfer von Janongo und stellte an Ort und Stelle an der Hand von Zeugenaussagen der Eingeborenen den Tatbestand fest. Meine Capitas waren auf die Nachricht unserer Ankunft hin wieder zur Stelle. Der schuldtragende Beamte wurde einige Zeit danach vom Distrikts-Kommissar abberufen und anderswohin versetzt -- der leidtragende Häuptling Janongo hingegen für die erlittene Unbill von mir reichlich mit Geschenken bedacht.
Vier Tage später kehrte ich gegen 10 Uhr nachts ahnungslos von meiner Reise zurück. Wir waren im Begriffe, die Mission St. Gabriel zu passieren, als unser Boot von dorther angerufen wurde. Durch den Gesang der Ruderer war die Annäherung unseres Bootes schon bemerkt worden. Beim Überqueren des Flußufers erkannte ich mehrere vom Fackelschein beleuchtete Männer, darunter den Leiter der Mission Pater Vitus und =Dr.= Bellis, die am Anlegeplatz standen.
»=Vous avez reçu la nouvelle?=« war die erste Frage. Ich ganz erstaunt: »=Mais quelle nouvelle, mon reverend Père?=«
Ich ließ anhalten und erfuhr nun vom Pater Gabriel, daß mein Chef Janssen am Morgen gestorben und nachmittags in der Mission begraben worden war.
Der Schlag traf mich gänzlich unerwartet. Nach den letzten Äußerungen von =Dr.= Bellis hatte ich an die Krankheit gar nicht mehr gedacht, sondern geglaubt, daß Janssens gesunde, kräftige Konstitution diese zweite Attacke ebenso leicht überwinden würde wie die erste. Den ganzen Nachmittag hatte ich im Hochgefühl einer für uns äußerst günstigen Abwicklung geschwelgt und mich auf den Moment gefreut, wo ich Janssen die erfreuliche Nachricht überbringen würde und nun ... Ein Bote war mir am frühen Morgen nachgesandt worden, der mich aber verfehlt haben mußte. Infolge meiner Abwesenheit waren an sämtliche Magazine und Gebäude vom Gerichtsschreiber Siegel angelegt worden. Ein Justizoffizier und Pater Willibrord waren auf der Faktorei verblieben. Tief niedergeschlagen traf ich gegen Mitternacht in Stanleyville an, wo mich de Koning, der vom Distrikts-Kommissar mit der Überwachung der Faktorei beauftragt war, empfing.
Am folgenden Morgen wurden die Siegel gelöst, und ich machte mich an die äußerst langwierige Arbeit, ein vollständiges Inventar von dem gegenwärtigen Stand der Faktorei und allen Janssen gehörenden Effekten aufzustellen. Mein langersehnter Wunsch, Faktoreichef zu werden, war erfüllt, allerdings auf eine Art, die mir jede Freude daran benahm. Ich hatte Janssen eigentlich nie als meinen Chef, sondern vielmehr stets als guten Kameraden betrachtet, und seine Stütze ging mir in der ersten Zeit sehr ab.
Die unmittelbare Folge dieses Todesfalles war, daß die Konkurrenz, die mit wachsendem Mißmut das Anschwellen unserer Kautschukproduktion in den letzten Monaten -- eine Folge der fortwährenden Bemühungen und Reisen von Janssen ins Innere des Landes -- beobachtet hatte, sich sofort ans Werk machte, um die Dörfer, die bisher Kautschuk für uns anfertigten, uns abspenstig zu machen und zu sich hinüberzuholen. Laut übereinstimmenden Berichten glaubwürdiger Vertrauensmänner ergab sich, daß die Chefs der »SAB« und der »Belgika« überall in den Dörfern die Todesnachricht verbreiteten und unsere Capitas auffordern ließen, in ihre Dienste überzutreten. Hier galt es rasch handeln, wollte ich diese Absicht vereiteln und nicht die Früchte monatelanger Organisationsarbeit verlieren.
Zwei Tage und Nächte arbeitete ich am Inventar und den schriftlichen Berichten an die Direktion in Brazzaville, die ich gleichzeitig auch um einen neuen Beamten ersuchte. Am dritten Tag übergab ich die Station meinem schwarzen Schreiber und brach mit 40 Mann, 20 Gewehren und einer reichlichen Auswahl an Waren und Geschenken aller Art, die für die Häuptlinge bestimmt waren, in zwei Kanus auf, um sämtliche Dörfer, die bisher Kautschuk für uns geliefert hatten, zu besuchen und zur Weiterarbeit anzufeuern. Gleichzeitig wollte ich noch versuchen, einige weitere Dörfer zur Kautschukproduktion heranzuziehen.
Trotz wenig günstiger Witterung fuhren wir gegen 9 Uhr früh ab. Meine Leute, froh, die eintönige Faktoreiarbeit für wenigstens eine Woche zu verlassen, stimmten jubelnd ein melodisches Ruderlied in ihrer Yambingasprache an, und von kräftigen Ruderschlägen getrieben, schoß das Boot wie ein Pfeil mit der Strömung dahin. Gegen Mittag begann es zu regnen. Mein Kanu besaß ein kleines Dach, gerade groß genug, um mich und meine Effekten zu decken, während die Waren in dem zweiten Kanu dem Regen preisgegeben waren. Einer meiner Leute entdeckte auf der Fahrt ein Fischerkanu, das mit Schilfdächern beladen war. Ich forderte die Fischer auf, mir zwei davon zu verkaufen. In unbegreiflicher Verstocktheit wollten die Leute von ihrem Vorrat nichts abgeben, so daß ich gezwungen war, das Gewünschte einfach »requirieren« zu lassen, worauf die Leute dann gerne die Bezahlung annahmen. Da der Regen an Heftigkeit zunahm, beschloß ich, über Mittag in der Mission St. Gabriel zu bleiben.
Nirgends in der Welt herrscht größere Gastfreundschaft als in den spärlich besiedelten Teilen Zentralafrikas, wo der Gast zu jeder Tageszeit willkommen ist. Ist er doch gewöhnlich Träger interessanter Neuigkeiten aus der Außenwelt, von der man vollständig abgeschlossen ist, und bringt ein neues Element der Fröhlichkeit und des belebenden Gedankenaustausches mit sich. In vielen Stationen würde es dem Europäer geradezu verübelt werden, wollte er auf der Durchreise sich nicht aufhalten.
Gegen Nachmittag ließ der Regen nach, und ich fuhr weiter stromabwärts nach dem Dorfe Kilomani. Hier war Janssen eine Woche vor seinem Ableben von den Eingeborenen mit Speeren und Pfeilen empfangen worden. Ein Korporal mit zehn Soldaten hatte nachts Streit mit den Eingeborenen angefangen, und im Verlaufe desselben waren mehrere Leute verwundet worden. Seither fürchteten sie eine Strafexpedition und flohen, sobald sie eines Europäers ansichtig wurden. Auch mir erging es nicht besser. Das ganze Dorf war bei Ankunft meiner bewaffneten Macht auf einen hochtönenden, trillernden Schrei hin verschwunden. Ringsum war keine Menschenseele zu erblicken. Vor den Hütten brodelten in Töpfen über dem Feuer alle möglichen Nahrungsmittel, und ich hatte Mühe, meine Leute vom Plündern abzuhalten. Zwischen den Hütten krähte ein naseweiser Hahn, eine Henne lief gackernd mit den Jungen davon, um sich vor der Gefahr in Sicherheit zu bringen.
Eine unheimliche Stille lastete bei unserer Ankunft über dem verlassenen Dorf, in den niedrigen Plantagen und dem undurchdringlichen Blätterdach des Urwaldes. Wir hatten das Gefühl, daß jeder Baum und jeder Strauch einen unsichtbaren Feind verbarg und daß hunderte Augenpaare jede unserer Bewegungen scharf beobachtete, um im geeigneten Moment auf ein gegebenes Zeichen uns mit einem Hagel von Pfeilen und Speeren zu überschütten. Es ist für den Neuling ein ganz eigenartiges Gefühl, so inmitten eines verlassenen afrikanischen Dorfes, das allenthalben deutliche Spuren der anwesenden Einwohnerschaft zeigt, zu stehen und dabei im unklaren zu sein, ob nicht in der nächsten Minute ein gefiederter Schaft mit fünf Zentimeter langer Eisenspitze einem durch die Rippen fährt.
Am Hauptplatz, vor der Hütte des Häuptlings machten wir halt. Gewöhnlich unterscheidet sich diese von den niedrigen aus Palmenblättern bestehenden Hütten der übrigen Eingeborenen durch ihre massive, geräumige Struktur. Sie ist meistens doppelt so groß wie die anderen und manchmal von einer Palisadenwand umgeben. Vor der Hütte befindet sich stets ein großer freier Platz, der Versammlungsplatz des Dorfes, und rings herum im Kreise, je nach dessen Größe, ein zwei- bis dreifacher Kranz von Hütten. Unmittelbar vor der Hütte des Häuptlings steht der »Medizinbaum«, ein kahler Strauch, auf dessen Zweige kleine Götzen und Fetische, kleine Beutel aus Antilopenfell, worin sich eine Medizin befindet, die Schädel von Affen und allen möglichen kleinen Tieren, aber auch von Leoparden, Büffeln usw. befestigt sind. Daneben steht, gegen Regen durch ein Dach geschützt, der große Gong des Dorfes, welcher gleich unseren Telegraphen den benachbarten Dörfern Kunde von allen Vorfällen und Beschlüssen des Häuptlings geben soll. Mittels desselben ließ ich durch einen meiner der »Gong-Sprache« kundigen Leute den Eingeborenen mitteilen, daß ich in friedlicher Absicht zu ihnen käme, um Tauschhandel mit ihnen zu treiben und daß ich mit dem Streit, den sie mit den Soldaten hatten, nichts zu tun hätte.
Einige Minuten herrschte tiefes Stillschweigen, dann erscholl aus der Tiefe des Waldes eine Stimme, die den Eingeborenen befahl, auf den weißen Mann nicht zu schießen. Hierauf kamen zögernd hinter Büschen und Sträuchern einige unbewaffnete Männer hervor. Die Kameraden, noch immer mißtrauisch, beobachteten von ihren Verstecken aus, was weiter geschah. Um die Leute zu beruhigen, hatte ich meinerseits Anweisung gegeben, die Gewehre zu Pyramiden zusammenzustellen. Endlich, nach wiederholter Aufforderung kam auch der Häuptling Monkwojama und mit ihm ein Teil der Dorfjugend hervor, und nunmehr konnten wir mit den äußerst mißtrauischen Eingeborenen in Verhandlung treten.
Gegen 20 »=dottis=« (etwa 70 Meter verschieden gefärbter Baumwollstoffe), einen langen Gehrock samt grauem, breitrandigem Touristenhut für den Häuptling sowie einem entsprechenden Geschenk an Spiegeln, Perlen, Zündhölzern, hohlen Arm- und Beinringen aus Messing, kleinen Schellen und Glöckchen, Löffeln und Messern, alles blinkende Herrlichkeiten für die entzückten Dorfschönen, wurden wir schließlich handelseinig, und das Dorf versprach, das von mir angesetzte Quantum Kautschuk anzufertigen.