Kongoerinnerungen

Part 11

Chapter 113,472 wordsPublic domain

Nirgends in der Welt werden an die Schaffenskraft und Intelligenz des einzelnen solche Anforderungen gestellt wie zwischen völlig unzivilisierten Negerstämmen Innerafrikas. Alles, vom einfachsten Haushaltungsgerät bis zum vollständigen Wohnhause -- Dinge, die in Europa einen Stab verschiedener Arbeiter voraussetzen -- muß hier vom einzelnen durchdacht und vollbracht werden. Bald Baumeister, bald Maurer, bald Tischler, bald Schmied, bald Arzt, bald Schiedsrichter, muß er die nötige Initiative und den Mut besitzen, an jede Aufgabe ohne Zaudern heranzugehen. Ich bin einer der Glücklichen dieser Erde, die sich mit jeder Situation abzufinden wissen. Ich hatte einen Chef, mit dem ich mich ausgezeichnet vertrug, der mir über die Anfangsschwierigkeiten hinweghalf -- und den ich gewissermaßen ergänzte. Janssen hatte eine Vorliebe für Reisen und das Leben im Busch. Er war meistens unterwegs und ließ mich den Bau der Faktorei und die schriftlichen Arbeiten besorgen. Wenig der französischen und englischen Sprache mächtig, legte er die Vertretung nach außen und den Verkehr mit dem Staat fast ausschließlich in meine Hände. So kam es, daß ich besonders in der ersten Zeit, bis ich die Suaheli-Sprache erlernt hatte, mit Mustapha viel auf der Faktorei verblieb. Später unternahm ich dann auch selbständige Reisen ins Innere und fand an der damit verbundenen Abwechslung großen Gefallen. Erst viele Jahre später lernte ich erkennen, wie gut es mir in Stanleyville ergangen war, denn nur wenigen Auserwählten ist das Glück beschieden, Verhältnisse wie die geschilderten zu Beginn ihrer kolonialen Laufbahn anzutreffen.

Man machte damals mit jungen Leuten nicht viel Umstände. Nach kurzer, vierwöchiger Vorbereitung in der Faktorei, der er zugeteilt war, sandte man den Neuling nach irgendeinem verlorenen, oft vier bis fünf Tagereisen vom Hauptposten entfernten Negerdorfe inmitten der ungeheuren Wildnis und überließ es einfach seiner Initiative, sich dort eine menschenwürdige Behausung zu schaffen oder aber in irgendeiner Negerhütte zu wohnen. War der Hauptposten mit Geräten aller Art gut versehen -- ein Fall, der höchst selten zutraf -- und hatte der Neuling es verstanden, sich das Wohlwollen seines Chefs zu erwerben, so bekam er wohl außer einem Feldbett auch Säge, Hammer, Zange, Hacke und ein paar Nägel mit auf den Weg, womit er wenigstens seine Kisten und Ballen selbst öffnen konnte. Traf dieser äußerst seltene Fall nicht zu, dann mußte er sich eben ohne diese Geräte behelfen. War er so vorsichtig, vor seiner Abreise von Europa sich bei der Generaldirektion nach einem Zelt, tragbarem Feldbett, Klapptisch und -stuhl -- alles Dinge, die auf beständigen Reisen wenn nicht unentbehrlich, so doch von großem Nutzen sind -- zu erkundigen, so gab man ihm mit schmunzelndem Lächeln zur Antwort, daß alle diese Dinge drüben auf den Faktoreien in genügender Menge vorhanden seien. Dafür händigte man ihm als persönliches Eigentum eine Kantine (tragbare Feldküche), enthaltend Kochtopf, Bratpfanne, Teller, Besteck, kurzum, das Allernotwendigste zur Herstellung einer Speise -- sowie einen kleinen tragbaren Arzneikasten ein, der mit seinem reichlichen Inhalt an Flaschen, allen möglichen Mixturen und Pillen, die er nie vorher im Leben gesehen, das Entzücken jedes Neulings bildet. Kaum kann er den Moment erwarten, um den Inhalt an sich selbst zu erproben. An die fürchterlichen Krankheiten in den Tropen denkt dabei meist keiner. Ich habe öfters Neulinge gesehen, die nach der ersten Seekrankheit die Hälfte ihres Arzneikastens zu sich genommen hatten, merkwürdigerweise übrigens ohne beträchtlichen Schaden zu nehmen.

Während der ersten Nacht, die er auf einer von Rauch und den Negerleibern infolge des langen Gebrauches schwarz gewordenen Pritsche inmitten einer von Ratten und Mäusen und anderem Ungeziefer heimgesuchten Negerhütte zubringen muß, hat der unerfahrene Angestellte dann reichlich Zeit, über das Lächeln des Direktors, dessen Verschlagenheit er erst jetzt ganz versteht, nachzudenken. Hat er dann, von der Sonnenglut und den Strapazen der Reise völlig erschöpft, das Ziel seiner Reise erreicht und seine Wut über die leere Kiste, die den Stuhl ersetzen muß, und das harte Nachtlager ausgetobt, dann steigt er wohl von seiner Höhe herunter und arbeitet, um das Fehlende zu ersetzen. Nach kurzer Zeit macht er eine ganz sonderbare Wahrnehmung. Etwas ihm bisher völlig Fremdes, ein anderes kraftvolles und mächtiges Wesen, der Wille den Kampf mit dem Dasein aufzunehmen, quillt aus seinem Innersten hervor und durchbricht kraftvoll alle Schranken, die Trägheit und Gewohnheit ihr in den Weg legen. Von diesem Augenblick an tritt er in die Reihe jener Pioniere, die im Laufe der Jahre im Schweiße ihres Angesichts aus den kahlen Grassteppen und den Urwäldern Afrikas blühende Posten -- Stätten der Zivilisation -- und herrliche Plantagen hervorgezaubert haben, während jene, die in dieser schweren Schicksalsstunde verzagend den Kopf hängen lassen, körperlich und geistig zugrunde gehen. Das Kräftige und Starke im Menschen behält auch hier die Oberhand, das Schwache geht unter.

Seit einiger Zeit machte sich ein regelmäßiger Abgang von Hühnern fühlbar, dessen Ursache wir uns lange nicht zu erklären vermochten. Eines Morgens bemerkte ich endlich den vermeintlichen Hühnerdieb in der Gestalt eines Leguans von der Größe eines kleinen Krokodils, der auf einem Baumriesen von etwa 40 Meter Höhe neben dem Hühnerhof, unmittelbar unter einem Loch saß. Da Janssen sich mein Schrotgewehr für die Reise ausgeliehen hatte, holte ich meinen Kugelstutzen und verwundete das Tier durch einen wohlgezielten Schuß derart, daß es nur mit Mühe zu seinem Unterschlupfloch gelangen konnte. Hier verschwand es, und da ich befürchtete, daß das Tier dort verenden könnte, ließ ich in einer kleinen tiefer liegenden Öffnung einige Späne anzünden, um es durch die Rauchentwicklung herauszutreiben. Keiner von uns ahnte, daß das Innere des Stammes wie ein Kamin vollständig hohl war und die Krone sich einzig und allein durch eine starke Liane, die sich um den Baum in die Höhe schlängelte, erhielt. Ein Knistern und Knattern, wie das Abbrennen eines Feuerwerks, eine kräftige Flamme schlug durch das Innere des trockenen Stammes empor, und noch ehe wir uns von dem ersten Schrecken erholt hatten, brannte der ganze Baum lichterloh. Gleichzeitig schossen zwei Tiere in der Größe von Affen wie der Blitz aus einem der vielen Löcher heraus, erkletterten das schützende Laubdach und flogen von dort zu unserem Erstaunen von Baum zu Baum. Es gelang, eines der Tiere zu erlegen, und es stellte sich später heraus, daß ich damit einen äußerst seltenen Fang getan hatte. Es war ein fliegender Hund, ein Mittelding zwischen einem Affen, einem Nagetier und einer großen Fledermaus.

Ein Blick auf den brennenden Baumriesen ließ mich erkennen, daß Löscharbeit vollständig nutzlos war, und man mußte damit rechnen, daß er in kurzer Zeit zusammenbrechen würde. Auf der einen Seite in unmittelbarer Nähe lag das vor kurzem vollendete Warenmagazin, auf der anderen die Wohnungen der Arbeiter. Ein unglücklicher Zufall, und das Magazin mit dem Werte von vielen Tausenden, die Frucht mühseliger Arbeit, drohte vernichtet zu werden. Damit -- dies fühlte ich ganz genau -- war auch meine afrikanische Laufbahn besiegelt, da ich nicht die Mittel besaß, den Schaden wieder gutzumachen. Bitter mußte ich meine jugendliche Unvorsichtigkeit [Illustration: Wohnhaus im Urwalde.]

büßen. Wie ein Wahnsinniger lief ich völlig ratlos umher, um an dem Überneigen der Baumkrone nach der einen oder der anderen Seite hin die vermutliche Fallrichtung festzustellen. Doch das Geäst war ziemlich gleichmäßig verteilt, und der Sturz hing daher völlig von irgendeinem Zufall ab. Ein Fällen des Baumes von irgendeiner Seite war wegen der Glutwelle, die von ihm ausging, ganz ausgeschlossen. Zudem hätte es wochenlanger Arbeit bedurft, um das eisenharte Holz an der Basis zu durchschlagen. Stunde auf Stunde verging unter Hangen und Bangen; das Magazin und die Arbeiterhütten waren vollständig ausgeräumt worden. Brennende Äste waren zu wiederholten Malen gestürzt; da plötzlich, gegen Sonnenuntergang, drang aus dem Baume ein Ächzen und Stöhnen, der Riese bäumte sich in einer letzten Anstrengung gegen die alles verheerende Macht des Feuers auf -- dann schwebte die ausgebreitete Krone in der Luft und fiel in gerader Richtung auf das Magazin zu. Schon glaubte ich alles verloren, als die starke Liane, die anscheinend nicht durchgebrannt war, die fallende Krone im letzten Augenblick etwas zur Seite lenkte, so daß der Koloß hart neben der Faktorei mit explosionsartigem, dumpfem Knall, der den Erdboden erschütterte, gerade mitten zwischen den Hütten und dem Magazin niederstürzte. Hier lag nun der mächtige Stamm in der Kaffeeplantage -- eine Zentnerlast war mir vom Herzen gefallen.

Mit Ausnahme einer leichten Beschädigung einer Negerhütte, die innerhalb einer Woche wiederhergestellt werden konnte, und der Zerstörung einiger Kaffeebäume war nichts geschehen. Wie durch ein Wunder war ich einer großen Gefahr entgangen, und die Leute meinten, daß ein mächtiger »Fetisch« Magazin und ihre Hütten vor sicherer Zerstörung bewahrt hätte.

Der Knall und der aufsteigende Rauch beim Fall des Riesen war derartig stark, daß Stanleyville -- eine Pulverexplosion vermutend -- uns sofort ein Boot mit =Dr.= Bellis zur Hilfeleistung über den Strom sandte. Von dem Leguan war keine Spur mehr aufzufinden, er war offenbar vollständig zu Asche verbrannt worden.

Eine Fahrt zum ersten Stanleyfall. Fieberkrank.

Der Bau der Faktorei hatte bereits große Fortschritte gemacht, die Gerüste zweier weiterer Magazine, eins zum Trocknen für Kautschuk und eins für Elfenbein und Kautschuk, waren fertiggestellt und harrten nur noch der Vollendung des Dachstuhles, damit die Mauern, vor Regen geschützt, aufgeführt werden konnten.

Da die Suaheli aus den Dörfern oberhalb der Stanleyfälle, die das Bedeckungsmaterial aus Palmblättern anfertigen, in den letzten Wochen ausgeblieben waren, beschloß ich, ein großes Boot über den Fall hinaufzubringen und von meinen eigenen Arbeitern das Material schneiden zu lassen. Dadurch ersparte ich die hohen Anschaffungskosten und wurde auch von der Trägheit der Suaheli unabhängig.

Unser letzter Dampfer »Henriette« hatte gegen zwanzig Yambinga-Arbeiter aus Upoto-Irengi heraufgebracht, und mit diesen machte ich mich eines Nachmittags auf den Weg. An Stromschnellen und Wirbeln vorbei, über Hindernisse aller Art ging die an Aufregungen reiche Fahrt. Mit Hilfe langer Stangen und Bootshaken halfen wir an besonders reißenden und gefährlichen Stellen nach, wo die Ruderer versagten, bis wir nach einstündiger, harter Arbeit in die unmittelbare Nähe des Falles, dessen Lärm und Getöse bei einbrechender Nacht in Stanleyville jedes andere Geräusch übertönt, gelangten.

Hatte unser Boot bis dahin brav standgehalten, obwohl es mehrmals von der Wucht der Strömung gegen die Felsmassen geschleudert worden war und dabei viel Wasser bekommen hatte, so entschloß ich mich jetzt, das Vergebliche und Gefahrvolle weiterer Versuche einsehend, hier am Fall mit der Mehrzahl meiner Leute zu Lande weiter vorzudringen. Nur zwei Mann, einer vorne am Bug und ein zweiter am Hinterteil, beide vollständig nackt, verblieben, um das Boot mit Stangen und Bootshaken durch die unzähligen Felsblöcke hindurchzusteuern, während der Rest der Leute unter meiner Führung, von Fels zu Fels springend, das Kanu an einem langen Tau stromaufwärts zogen.

Dicht vor dem Fall, auf der linken Seite des Flusses, liegt eine kleine Insel, die die Aussicht versperrt. Hier begann, am Flußufer entlang, eine äußerst gefährliche Kletterei, eine halsbrecherische Tour über aufeinander getürmte Granitblöcke, die der Strom hier im Laufe von Jahrtausenden gleich einer Lawine angeschwemmt hat. Diese Granitblöcke haben oftmals einen Durchmesser von fünf bis sechs Meter. Sie sind glatt und durch das Wasser abgerundet und bilden große Lücken und Spalten, zwischen denen ein kleiner Seitenarm des Stromes in der Tiefe durchschießt. Wehe demjenigen, der von der Höhe eines solchen Granitblocks beim Klettern abstürzt und in die Lücke gleitet. Von den tosenden Wassermassen würde er sofort in die Tiefe gezogen und vernichtet werden. Bei Hochwasser ist diese ganze Region in wilder Bewegung und bildet ein Chaos von Gischt, Schaum und Wirbeln.

Auf einer Anhöhe liegt das Hauptdorf der Bakenien, Peneka Tango, dessen Einwohner fast ausschließlich vom Fischfang leben. Das äußerst zahlreiche junge Volk spielte am Wasser und eilte, sowie es unser ansichtig wurde, ganz ohne Scheu herbei, ein Zeichen, daß Europäer hier beständig durchkommen und die Eingeborenen die ihnen sonst eigentümliche Angst vollständig überwunden hatten.

Wir passierten die Stellen, an denen bei Hochwasser gefischt wird, und die nun verlassen waren. Zwischen einem Gewirr von kolossalen Baumstämmen, die in Löchern zwischen den Granitblöcken geschickt versenkt und an der Spitze mit Querbalken versehen sind, auf denen die Fischer zu ihren Reusen gelangen, bahnte ich mir einen Weg, wobei zwei meiner Leute mir beim Sprung über Wassergerinnsel als Stütze dienten.

Auf den Felsen im Umkreis lagen Fischkörbe und Reusen in den verschiedensten Ausmaßen. Die größten hatten an der Mündung zwei bis drei Meter im Durchmesser und eine Länge bis zu fünf Meter. Diese Reusen sind aus starken Lianen wie Korbwerk geflochten und werden von den Balken aus, an denen sie mittels Lianen befestigt sind, in den Strudel versenkt. Sind diese Körbe auch nicht so solide wie die eisernen Reusen, die bei der Flußfischerei in Europa, z. B. bei Lauffenberg am Rhein beim Lachsfang, zur Verwendung gelangen, so übertreffen sie diese an Umfang und leisten sicherlich die gleichen Dienste, da in ihnen Fische bis zu sechzig Kilogramm Gewicht gefangen werden.

Über die ganze Breite des Stromes, die hier gegen 1300 Meter betragen dürfte, haben die Bakeniens unmittelbar vor dem Absturz der Wassermassen große Balken und Bäume auf fast unerklärliche Weise in den Strom versenkt und untereinander durch ein Gerüst von Querbalken verbunden. Von weitem gleicht die Anlage einer Palisadenwand. Nun wurde mir auch klar, warum in letzter Zeit verschiedene umgeschlagene Kanus mit Frauen und Männern an unserer Faktorei vorbeistrichen. Alle paar Tage mußte ich durch meine Arbeiter solche Leute auffischen lassen.

Der Strom stürzt hier in seiner ganzen Breite über Felsen hinweg auf etwa drei Meter in die Tiefe. Über einzelne tiefere Stellen, an denen das Wasser das Bett etwas mehr ausgehöhlt hat, gehen die verwegenen Kerle mit ihren Kanus durch den Katarakt: ein unglücklicher Zufall, eine ungeschickte Bewegung, und das Kanu zerschellt an den Felsen. Die Insassen, zumeist gute Schwimmer, werden von der Strömung fortgerissen; keiner ihrer Konkurrenten denkt daran, ihnen nachzueilen.

Bei unserer Ankunft war gerade eine Anzahl Eingeborener damit beschäftigt, die Reusen und Körbe im Strudel zu heben. Der Mut und die Gewandtheit dieser Leute sind geradezu verblüffend. Wie Affen springen und klettern sie an dem infolge des Anpralls der Strömung stets schwankenden Gerüst ganz weit in den Strom hinaus, um unmittelbar oberhalb der sich überströmenden Wassermassen ihre halsbrecherische Arbeit zu versehen. Nach dem, was ich hier gesehen, würde es mich nicht wundern, Neger zu sehen, die imstande wären, Affen auf den Bäumen nachzueilen und sie zu fangen.

Während ich nun so in Betrachtungen der kochenden, stürzenden Wassermassen dasaß, kamen von oberhalb des Falles zwei gut bemannte Kanus direkt auf den Fall zugerudert. Ich traute kaum meinen Augen, als etwa fünf bis zehn Meter oberhalb des Falles die Hälfte der Mannschaft in den Strom sprang und mit Leibeskräften auf die Balken im Falle selbst zuschwamm. Die übrige Besatzung hatte mit ein paar Ruderschlägen das Boot nun derart gedreht, daß es mit der Breitseite gegen die Balken antrieb, wo es, von der inzwischen dort postierten Gruppe, unterstützt von den Leuten im Kanu, die sich mit aller Gewalt mit langen Stöcken gegen die Felsen anstemmten, in Empfang genommen wurde. Die Wucht des Anpralls wurde durch die vereinten Kräfte vollständig gebrochen. Hier lag nun das Boot infolge der starken Strömung wie festgenagelt an den Balken, während die Insassen an den Bäumen emporkletterten und auf diesem halsbrecherischen Gerüst herumsprangen und -kletterten, als ob sie auf allen Vieren geboren wären. Um die in die Tiefe stürzenden Wassermassen, die jeden Herabfallenden zermalmen und zerschmettern würden, kümmerten sie sich nur soweit, als es ihre Fischapparate anging. Ebenso wie sie gekommen, gelang es beiden Kanus auch wieder, mit Hilfe der langen Stangen aus dem Bereich des Falles stromaufwärts zu entkommen.

Nach den Quantitäten an Fischen zu urteilen, die das Dorf allwöchentlich an die Station Stanleyville für die Tafel der Staatsangestellten und zur Ernährung der schwarzen Arbeiter abzuliefern hatte, mußte die Ausbeute eine ganz gewaltige sein. Es kommen verschiedene große Arten von Wels vor, die oft ein Gewicht von 60 und 80 Kilogramm erreichen und auch Leichen anfressen sollen. Außer diesen finden sich unzählige Arten, vom Catfisch angefangen, bis zum Kongosalm -- Rüsselfische, Hundefische (nach ihrem scharfen Gebiß so benannt), Fische in der Art unserer Barben, Karpfen, Schleie, Barsche usw.

Unser eigenes Kanu hatten wir inzwischen, es immer dicht am Ufer entlang ziehend, mit Hilfe von ein paar Bakeniens, die für Geld und gute Worte herbeigeeilt waren, über die Felsen emporgezogen und oberhalb des Falls verankert. Nachdem ich mich bis gegen Sonnenuntergang an dem gewaltigen Naturschauspiel, das der Fall uns bot, geweidet hatte, sandte ich das schwarze Personal zu Fuß nach der Faktorei zurück, während ich mich mit Mustapha oberhalb des Falles auf das rechte Ufer übersetzen ließ, von wo aus ein bequemer Promenadenweg durch die Araberniederlassungen nach Stanleyville führt. Auf unserem Weg wurden wir wiederholt von Händlern angehalten, die uns Sklaven und Sklavinnen zum Kaufe oder besser gesagt zum Freikaufe -- wie der Staat dies diplomatisch ausdrückt -- anboten.

Am nächsten Morgen bei Tagesanbruch machte ich mich, von zwölf Arbeitern begleitet, auf den Weg nach Peneka Tango und schiffte mich auf unserem Kanu ein. Wir fuhren eine kleine Strecke stromaufwärts, um bei Überquerung des Flusses nicht in die Fälle hineingetrieben zu werden und gingen dann auf die andere Seite über, wo wir in einen Seitenarm des Kongos einbogen. Zur Rechten dichtbelaubte Inseln, zur Linken das nach der Tiefe zu sich abstufende Laub des Urwaldes, über uns die Sonne eines herrlichen Frühlingsmorgens, auf Blättern und Blüten gleich Myriaden Diamanten große, in den Sonnenstrahlen funkelnde Tautropfen: wie in einem Märchenlande glitt unser Boot über die spiegelglatte Wasserfläche dahin. Tiefer, weihevoller Frieden lag auf der Wasserfläche. Das Leben und Treiben von Stanleyville drang nicht bis hierher, selbst das dumpfe Brausen des unweit hinter Inseln und Bäumen befindlichen Falles ertönte wie aus weiter Ferne. Nur das Trillern, Gezwitscher und Lockrufen der Vögel, die den herrlichen Morgen mit ihrem Jubellied feierten, war hörbar und stimmte das Herz unsagbar glücklich.

Nach dreistündiger, genußreicher Wasserfahrt gelangten wir an unser Reiseziel. Ich ging mit den Leuten durch den Urwald bis an Sumpfniederungen, wo Riesenpalmblätter und Bambus in Unmengen wucherten. Das Terrain war zum Teil stark versumpft, und meine Leute arbeiteten bis zu den Knien im Morast, um das zum Dachdecken nötige Material zu gewinnen. Während dieser Zeit machte ich einen kleinen Streifzug in die nächste Umgebung und hatte Gelegenheit, einen »=Bulikoko=« (blauer Fasan) und zwei Affen zur Strecke zu bringen.

Dieser Ausflug in das Morastgebiet sollte mir teuer zu stehen kommen und hatte für mich böse Folgen. Als ich am folgenden Morgen erwachte, fühlte ich eine unbegreifliche Schwäche in mir. Abgespannt und müde erhob ich mich vom Lager, entschlossen, dem unsichtbaren Feind, dem Fieber, welches mich unvermutet in der Nacht überfallen hatte, zu trotzen und es durch Arbeit niederzukämpfen. Da Janssen verreist war, hatte ich alle Hände voll zu tun und ging wie gewöhnlich meiner Beschäftigung nach. Gegen 9 Uhr wurde ich plötzlich von heftigem Schüttelfrost befallen. Ich ließ mir eine Tasse heißen Tee machen und nahm gleichzeitig ein halbes Gramm Antipyrin. Auch jetzt noch war ich fest entschlossen, der wachsenden Schwäche und inneren Erregung zu widerstehen. Ich hatte jedoch kaum die ersten paar Schlucke heißen Tees im Magen, als sich die Reaktion mit elementarer Gewalt einstellte. Unter Erbrechen von großen Brocken Galle brach ich zusammen. Ein Schüttelfrost überfiel mich mit solcher Heftigkeit, daß ich vor dem Klappern der Zähne kaum imstande war, mich mit meinem Boy und dem schnell herbeigeeilten Mustapha verständlich zu machen. Sie brachten mich zu Bett, und als alle im Hause verfügbaren Decken nicht genügten, bei mir ein Wärmegefühl aufkommen zu lassen, eilte Mustapha ins Magazin und ließ auch von unserem dortigen Vorrat noch weitere dazu holen. Immer und immer wieder versuchte ich, heißen Tee, als einziges und bestes Mittel, den kalten Todesschauer loszuwerden, zu mir zu nehmen, doch jeder Versuch verursachte erneutes Erbrechen von Galle. Es ist geradezu ungeheuerlich, welche Quantitäten davon der menschliche Körper bei Gallfieber von sich gibt.

Hatte ich bisher tapfer standgehalten, so brach ich nun völlig nieder, jede Energie und Widerstandskraft war dahin. Eine dumpfe Resignation bemächtigte sich meiner. Nach dem Schüttelfrost kam plötzlich ein heißer Schauer über mich. Ich hatte das Gefühl, als ob eine Blutwelle durch den ganzen Körper dem Kopfe zujagte und auf ihrem Weg dahin alle Adern zum Bersten bringen müßte. Kopf und Stirne waren glühend heiß; das Thermometer stieg von 38,7 auf 39,5, 40,2, um schließlich bei 41 Grad haltzumachen. Das Hirn arbeitete ruhelos, die Pulse flogen und trommelten im Schnelltempo. Ich fühlte, wie mir das Bewußtsein entschwand, und hatte das Empfinden, als ob ich durch das Bett immer tiefer und tiefer in die Erde, in mein Grab sänke. Das Bett und meine Umgebung wankte und schaukelte wie auf hoher See. Gleichzeitig fühlte ich im Kopfe ein Sausen und Brausen wie die Brandung des Meeres. Das Chinin tat offenbar bereits seine Wirkung.

Das Nächste, woran ich mich zurückerinnern kann, war, daß mich plötzlich ein wohliges, warmes Gefühl überkam. Irgend etwas in meinem Hirn schien gerissen zu sein. Ich hatte keinen eigenen Willen mehr, sondern befand mich in einer Art hochgradigen Fiebertraumes, der fremdartige Phantasiegebilde, in denen ich den Mittelpunkt bildete, gleich den Bildern eines Kaleidoskops in wilder Jagd an meinem geistigen Auge vorüberziehen ließ. Von unsichtbarer Gewalt getrieben, eilte ich in wilder Hast über seltsame Landschaften mit Palmenhainen und mit Blumen übersäten Wiesen, die von der aufgehenden Sonne hell beleuchtet waren, meiner entflohenen Seele nach, die wie ein Schatten vor mir herschwebte und die ich unter Aufbietung aller Kräfte wiederzuerlangen suchte.