Kentaurenliebe. Die Toteninsel
Part 3
Mit jeder Stunde wuchs mein Leid. Je qualvoller dieses war, um so größer ihre Freude daran. Sonst empfand sie nichts — nichts — nichts! Keine Wonne bei meinen Küssen, keine Seligkeit in meinen Armen. Aber wenn sie meine Liebespein sah, lachte sie mich an; und wenn mir das Herz blutete, kränzte sie meine Stirn. Dazu mußte ich die Leier schlagen und singen zu ihrem Preis.
Mein ganzes Sinnen und Dichten war, sie heiß und heißer zu lieben; ihr mehr und mehr meine Seele zu eigen zu geben und Lieder zu singen zum Preise ihrer jungen holdseligen Schönheit.
Eins jedoch vergaß ich nie: daß sie bereits an den Herzen anderer gelegen hatte. Und noch ein Zweites; daß sie nicht zu lieben und zu leiden vermochte; also keine Seele besaß.
Keine Seele! Und sie hatte mir doch die meine gegeben ...
Es kam eine Zeit, da merkte ich wohl, wie sie meine Lieder nicht mehr »jung« fand, nicht mehr in mir den Sänger und Dichter sah, sondern nur noch den alternden Mann mit dem schmerzlichen Antlitz, den todtraurigen Augen und den sklavisch gefesselten Händen. Die Zeit kam, wo sie meine Küsse nicht mehr wollte, wo sie fortstrebte von mir.
Fort von mir wollte sie. — Ich aber wollte sie nicht fortlassen. Wie hätte ich sie fortlassen können? Sie war zu meinem Atem geworden; und Atem ist Leben. Ich konnte doch nicht plötzlich aufhören zu atmen, zu sein.
Da machte sie mein Herzblut strömen — nur um von mir fortzukommen. Ich ließ es hinströmen in Fluten. Wenn sie nur bei mir blieb.
Was jetzt folgte, war nichts anderes als meines Schicksals letzte Erfüllung ...
Nach einer mondhellen wütenden Sturmnacht tat ich in der Frühe am Gestade einen seltsamen Fund.
Es war ein Jüngling, ein Menschen-Jüngling! Zugleich das Schönste, was ich jemals erblickt hatte: fast schöner als die Geliebte. Jener Holde dort (der Kentaure deutete auf den ernsthaft zuhörenden Antinous) gleicht dem schlanken Knaben, der in der wilden Mondnacht über den See schwamm — ich erfuhr später weshalb — und der nun am Ufer lag ohne Bewußtsein, ohne Leben.
Ich hob ihn sorgsam auf, trug ihn in die Grotte, bettete ihn auf das Mooslager. Da sah ihn mein Weib, und da wußte ich's denn.
Ich wußte es sogleich ...
Der Jüngling erwachte zum Leben, lag aber im heftigen Fieber. In seinen Phantasien sprach er von der schneeigen Frau, die er vom jenseitigen Ufer aus erblickt hatte, und deretwillen er in der Sturmnacht über den See geschwommen war. Sie stand dabei, hörte sein Seufzen und Sehnen, und lachte.
Dann ward er gesund. Ich pflegte ihn; ich liebte ihn. Seine Schönheit war von schier göttlicher Art. Ich mußte ihn lieben! Und ihn lieben müssen hätte das junge Weib — wenn es hätte lieben können.
Es wollte ihn jedoch nur küssen ...
Aus abgrundtiefen Augen lachte sie ihn an: anders, ganz anders, als sie jemals mich angelacht hatte. Sie wand um seine Stirn Kränze, dafür sie die allerschönsten Blumen suchte. Er half ihr suchen und pflücken. Dabei küßte sie ihn. Ich sah es nicht; aber ich wußte, daß sie ihn küßte: anders, ganz anders als mich ...
Wiederum eines schönen Morgens hieß ich beide, sich auf meinen Rücken setzen. Sie gehorchten stumm. Über denn See trug ich das Liebespaar und die Schwäne geleiteten uns. Am jenseitigen Gestade stieg ich ans Land.
Sie glitten von meinem Rücken herab in das blumige Gras, faßten sich bei der Hand, schritten davon: schweigend, ganz schweigend. Mit keinem Blick schauten die beiden jungen lichten Gestalten zurück nach dem Einsamen, dem Tiermenschen, dem alten Kentauren mit den gefesselten Händen und der gemordeten Seele.
Was weiter geschah?
Ich hauste in Öde und Wildnis, rührte meine Leier nie wieder, sang nie mehr ein Lied.
Auf meiner Leier waren sämtliche Saiten zersprungen, und zersprungen war etwas in meinem Herzen.
Auch der Dichter, der ich sein sollte, war tot.
Und das war gut so.
Einmal belauschte ich wider Willen das Gespräch zweier alter Dryaden in den Wipfeln einer grauen Steineiche. Die beiden Frauen erzählten sich von einem großen Künstler in der Stadt Aphrodisias, der Götter und Heroen, Faune und Kentauren und sonst alle Fabelwesen zu Erz und Marmor umschuf. Da wußte ich sogleich, auf welche Weise ich zu einem leiblichen Tode gelangen konnte: zur Entgeisterung, Erstarrung, zur Umwandlung in Erz oder Stein.
Wie ich wollte, so ist mir geschehen ...
Das ist meine Geschichte, große Himmlische, du Siegerin über Menschen und Götter.«
13.
In dem schweren Schweigen des antiken Geisterspuks dieser Frühlingsnacht erschallte ein weicher Wohllaut. Die Stimme der großen Göttin war's, welche fragte: »Vermag ich dir einen Wunsch zu erfüllen?«
»Was für einen Wunsch?«
»Zum Leben will ich dich nicht wieder erwecken. Was solltest du, armer Geselle, wohl noch auf der Welt? Sie kennt keine Götter mehr; also auch keine Kentauren. Es würde dir daher auf Erden schlecht ergehen. Die Römer würden dich bei ihren Karnevalsfesten als ›Barbari‹ laufen lassen; sie würden dich hetzen und höhnen, dich wohl gar wie einen Büffel vor einen Karren oder Pflug spannen.
Werde daher auch du wieder fühlloser Stein wie wir alle hier, die in dieser leuchtenden Frühlingsnacht durch die holden Frauen Apolls für einige Stunden zum Leben erweckt wurden. Uns allen ist besser, ist tausendmal besser, in der neuen Zeit, die hereinbrach, starre stille Bildsäulen zu sein.
Aber siehe, Lieber: ich könnte dich von dem bösen kleinen Gott befreien; denn er trieb es wahrlich arg mit dir. Ich könnte deine Hände aus ihren Fesseln lösen und den grimmigen Schmerz aus deinem Antlitz streichen. Wünsche also, mein Freund.«
Des Kentauren Antwort lautete: »Was ich war, will ich in Ewigkeit bleiben. Da ich von meiner großen Liebe nicht mehr zu spielen und zu singen vermag, so sollen die Menschen sie an meinen gefesselten Händen, an meinem gramvollen Angesicht erkennen. Und sie sollen daraus erkennen, daß auch ein Tiermensch lieben kann — wie sie; also auch er eine gottgeschaffene Seele besitzt — wie sie. Vielleicht, daß sie alsdann mich und meinesgleichen weniger verachten.«
Plötzlich rief aus der Versammlung der Olympischen eine strenge Frauenstimme: »Wie kann ein ernsthafter Mann, wenn er auch nur ein Kentaure und Halbmensch ist — wie konntest du, o Meisterwerk des Bildners Papias, eines derartigen Geschöpfes willen in solchen Abgrund von Schwäche versinken? Pfui, schäme dich, grauer Gesell!«
Mit einem Lächeln, welches das schmerzliche Antlitz wundersam verjüngte, erwiderte der Geschmähte der hehren Minerva: »Weise Göttin, weißt du nicht, daß wir nicht den Gegenstand unserer Liebe lieben, sondern —«
Er blickte sie leuchtenden Auges an, die ihn ungeduldig unterbrach: »Sondern was? ... Willst du mich etwa belehren?!«
»Ich will dir nur sagen, daß es die göttliche Liebe selbst ist, die wir in einem unwürdigen Geschöpfe — wie du es nennst — lieben. Ich weiß nicht, ob du mich verstehst?«
Aber die Göttin der Weisheit verstand ihn nicht. Wie sollte sie auch?
Kaum hatte der Kentaure diese Worte gesprochen, als die Zeit um war. Der Frühlingstag dämmerte auf. In feierlicher Prozession kehrte die Welt der Antike zurück in die Säle, verteilte sich auf die Postamente, wurde wiederum Statue — Stein.
Ein leises, leises Klirren wie ein unirdischer Klagelaut begleitete die Wandlung ...
Die neun Musen verließen das Standbild ihres Gottes, schritten traurig hinweg: aus dem Palast des kapitolinischen Museums, den Hügel hinab, über das zertrümmerte Forum, an den Ruinen des Palatins vorbei und hinaus in die Campagna, darüber keine Morgenröte Purpurglanz warf. Denn die himmlischen Frauen hatten ihr Nachtwerk ungetan gelassen, für welche Versäumnis sie sicher einer strengen Strafe verfielen.
Etwas Erfreuliches begegnete ihnen an diesem grauen Morgen aber doch noch auf der Via Appia antica in Gestalt eines jungen zärtlichen Liebespaares, welches die leuchtende Frühlingsnacht im Hain der guten und getreuen Egeria verbracht hatte. Als die neun Hehren die beiden Glücklichen gewahrten, sprachen sie untereinander: »~Es gibt doch noch Götter auf Erden!~«
Und sie kehrten getröstet auf ihren Mons Albanus zurück.
* * * * *
Am Vormittage besuchten die Fremden zu hellen Haufen das Museum des Kapitols. Sie kamen mit braunen und roten Büchern in den Händen, schlugen darin wichtig nach, lasen eifrig; und wenn eine Statue mit einem Stern bezeichnet war, so blieben sie davor stehen und fanden das besternte Steinbild in allen Sprachen Europas ganz besonders wundervoll, oder reizend, oder sonst etwas.
Am begierigsten drängten sie in das Kabinett der »Venus vom Kapitol«, verglichen sie mit anderen Standbildern der großen Göttin der Liebe; und die meisten fanden die Mediceerin um vieles herrlicher, was jedoch niemand laut sagte.
Aber auch die beiden Kentauren des Aristias und Papias aus Aphrodisias in Karien fanden Beachtung. Die Fremden lasen darüber: »Das Motiv der Gruppe ist die verschiedene Wirkung der sinnlichen Liebe auf das reifere und das jugendlichere Alter.«
»Ach so! ... Seht! Der Junge hat den Amor abgeworfen: Jugend läßt sich nicht fangen ... Aber seht das andere mythologische Vieh! Alter schützt vor Torheit nicht! Selbst nicht solchen Halbmenschen.«
Sie lachten.
Die Toteninsel.
Es war zu Roms goldener Zeit. Die Kaiserstadt am Tiber war in Flammen aufgegangen und soeben aus der Asche neu entstanden. Was der menschliche Geist an Herrlichkeit, an Üppigkeit und Vergeudung, an ungeheuerlichster Verworfenheit und schändlichem Laster hervorbringen konnte, ward ausgesprochen, wenn man Rom nannte. Mit dem Wahnwitze Neros war die schreckliche und scheußliche Kaiserkrankheit bereits typisch geworden: es gab nichts, was in der Welt, die jener Grimasse eines großen Herrschers untertan war, unmöglich gewesen wäre.
Noch lebten die Götter Griechenlands. In Rom befand sich eine Stadt von Tempeln, welche ein Volk von göttlichen Bildnissen aus Marmor, aus Gold und Elfenbein bewohnte. Überall standen die Altäre der Olympier. Aber bereits schwebte über der Glorie dieser Götterwelt der Schatten des Kreuzes, unter dessen triumphierendem Zeichen der Glanz der goldenen Roma erblassen, die Tempel zerbrechen, die Altäre stürzen, die Götter vergehen sollten; bereits stieg von Golgatha der Dunst vergossenen göttlichen Blutes auf, den alle Wohlgerüche Arabiens nicht zu überduften vermochten, und das bacchantische Evoe des Heidentums durchzitterte der letzte Seufzer des sterbenden Gottessohnes; in der von Lust und Genuß übersättigten Menschheit erwachte die Sehnsucht nach einem erlösenden Tode.
Rom war das Meer brausender Lebensfreuden, schäumender Daseinswonnen und schimmernder Herrlichkeiten, von dem nach allen Himmelsgegenden Ströme ausgingen, die Welt mit Wogen römischen Glanzes und römischer Verderbnis überflutend. Einer dieser zahllosen Kanäle, welche römische Kultur, Sitte und Fäulnis über die Erde verbreiteten, lief durch Latium dem Meere zu, die ganze Küste von Centumcellae bis zu dem wollüstigen Bajä mit einem strahlenden Bande von ländlichen Lusthäusern und Prachtbauten säumend, so daß der Strand weit hinausleuchtete in die blauenden Fernen des herrlichen, von Göttern und Menschen geliebten, tyrrhenischen Meeres.
Und die römische Herrlichkeit schimmerte gleich einem Nebelstreif zu einem winzigen Klippeneilande hinüber, das weltfern in der erhabenen Einsamkeit der Meeresfluten ruhte.
Die Insel war der Krater eines toten Vulkans, tief lag der mächtige Berg in die Wellen versenkt. Nach dem Festlande zu hatte die Gewalt des unterirdischen Elementes die Rundung gesprengt, auseinandergerissen und teils in die Tiefe des Kraters selbst, teils in den Abgrund der Wellen geschleudert. Als ein Halbkreis von mächtigen Wänden, an denen kein Pflänzlein Wurzel zu fassen vermochte, entstieg der braune Lavafels dem Meere; gleich dem Thron des Neptun erhob sich der geborstene Gipfel über der leuchtenden Wogendecke. Möven umkreisten die Klippen, der Seeadler ruhte darauf, die Wellen schlugen beim Sturme schäumend und donnernd daran; aber keines Menschen Fuß berührte das öde Gestein. In langer Kette zogen die Jahrhunderte an dem einsamen Felsen vorüber, langsam eine Wandlung vollziehend.
Der vulkanische Stein verwitterte, und wo der Krater in sich zusammengestürzt war, deckte eine dünne Erdschicht die Trümmer. Winde und Vögel trugen geschäftig aus beiden Weltteilen Samen von Bäumen und Blumen nach dem Eiland hinüber. Im Halbkreis der Felsenmauern blühte es auf; ein tiefschattiger Hain entstand, ein paradiesisches Gefilde, die köstlichste Wildnis von Blumen und Blüten, in denen Scharen buntgefiederter Vögel nisteten, ringsum die Luft mit Gesang erfüllend, so daß Vogellied das Rauschen der Meeresflut übertönte.
Dann entdeckte der Mensch das glückselige Eiland. Von der Küste her kamen die Römer, und da die winzige Klippe zu wenig Raum bot, als daß ein Volk von Lebendigen darauf hätte Fuß fassen können, wurde die Insel zu einer Wohnstätte der Toten bestimmt. Man sprengte Galerien in das Gestein, wölbte Grotten und Grabkammern, rodete den Hain aus, die Platanen und Steineichen, die Palmen und Pinien, und pflanzte den Toten schwarze Zypressen, in deren Mitte sich leuchtend der Altar erhob, darauf den Unsterblichen das Opferfeuer angebrannt wurde. Was die tiefen Schatten der Bäume durchstrahlte, weit bis ins Meer hinaus, das waren die Rosen, deren Heimat der meerumbrandete Fels zu sein schien: Rosen umblühten die Stufen des Altares, Rosen umrankten die Stämme der Zypressen, durchwanden die starren Zweige, kletterten hinauf in die Wipfel, stürzten sich von droben in schimmerndem Blütenfall zur Erde nieder.
Und Rosen bedeckten ringsum die braunen Klippen! Gleich einem strahlenden Vorhang hing es von den jähen Wänden, in deren Tiefen die Toten ruhten, bis hinab in die Fluten. Die rosigen Blumenwellen trieben auf den Meereswogen.
Generationen von Menschengeschlechtern schliefen in den engen, dunklen Kammern vom Leben aus; ein ganzes Volk von Toten bewohnte das liebliche Eiland, schon war es mit Sarkophagen und modernden Leichnamen angefüllt, aber das Blühen der Rosen nahm kein Ende. Mancher, der aus der blauen Flut das schimmernde Eiland auftauchen sah, rief, ernsten Auges hinüberspähend, mit gedämpfter Stimme aus: »Seht dort — die Insel der Seligen!«
* * * * *
Die Insel der Seligen, wie das Eiland von den Küstenbewohnern bald allgemein genannt wurde, war zur neronischen Zeit außer von der Heerschar seliger Toten nur noch von einem Priester und einem Hüter der Gräber nebst ihren Familien bewohnt. Der Priester, welcher dem Dienste der Totenopfer oblag, hieß Atinas und war ein überaus gottesfürchtiger, in seinem Glauben strenger und eifriger Mann. Sein Weib führte den göttlichen Namen Trivia. Leider starb die Frau in jungen Jahren, nachdem sie ihrem Gatten, der sie heiß liebte, einen Sohn geboren hatte. Die Götter mögen wissen, was aus dem kleinen Tullus geworden wäre, hätte das Weib des Grabhüters Daunus nicht mütterlich des Knäbleins sich angenommen. Zur selben Zeit, als Trivia einem Kinde das Leben gab und daran starb, ward auch die wackere Larina Mutter eines Mädchens, so daß sie die Quelle ihrer Brust zwischen dem mutterlosen Knaben und ihrem eigenen Kinde teilen konnte. Der arme Atinas hüllte sein totes Weib in ein Linnen, opferte für ihren Schatten den finsteren Gottheiten und half Daunus den Leichnam in eine Grabkammer tragen. Da fast alle Höhlungen der Felsen ihre Sarkophage oder Aschenurnen bereits empfangen hatten, mußten die Männer mit der Gestorbenen bis in das höchste Stockwerk des großen Totenhauses hinauf, woselbst sich noch einige leere Zellen befanden: eine mühselige Wanderung beim Scheine der Fackel durch die Nacht des engen Felsenganges. Als das Grab seine ewige Bewohnerin aufgenommen hatte, meinte Daunus: »Nun ist unser Tagewerk hier bald getan. Wenn unsere Kinder groß geworden sind, schiffen wir uns alle ein, fahren nach Antium hinüber und wandern miteinander nach Rom. Dort soll es uns gut gehen! Die Toten hier werden wohl von den Wellen bewacht werden und auf deinem Altare, mein guter Atinas, mögen die Zypressen und Rosen den Göttern opfern.«
Atinas erwiderte nichts. Er gedachte seiner Toten und daß sein Weib ihren Knaben nicht sehen sollte, wenn er groß geworden war und mit der jungen Acca nach Rom zog.
Anderen Tages wurde der Eingang zur Grotte, darin sich nur noch Platz für einen Gestorbenen befand, vermauert, und Larina flocht aus Zypressenzweigen und bunten Bändern eine Tänie[A], die Atinas trauernd über die Grabtür hängte.
[A] Binden, die man den Toten weihte.
Einträchtig lebten die Inselleute weiter. Atinas, dessen von Natur finsteres Gemüt sich mehr und mehr verdüsterte, wohnte auf der einen Seite der Insel, wo neben dem eingestürzten Kraterrand der Fels als mächtige und unzugängliche Wand ins Meer abfiel, seinen treuen Gefährten in der Einsamkeit gerade gegenüber. Zwischen beiden Behausungen lag der Zypressenhain mit der Blumenwildnis und dem Altar in seiner Mitte. Beide Hütten waren ehemalige Grabkammern, in welche man nach dem Meere zu Fenster eingebrochen hatte. Aber weder bei Atinas noch bei Daunus war es den Räumen anzumerken, daß sie während vieler Jahrhunderte von Toten bewohnt gewesen. Die Wände waren mit hellem Stuck überzogen, darauf heitere Gemälde: Landschaften, Genien und anmutige Menschengestalten, Bilder des Lebens, der Schönheit und der Freude erglänzten; ein bunter Fries, an dem Gewinde von Blumen und Früchten niederhingen, umrandete die mit lichten Stuckaturen geschmückte Decke. Der Fußboden trug eine schöne Mosaik und wurde an festlichen Tagen mit wohlriechenden Kräutern bestreut.
Die Geräte beider Wohnungen waren überaus schlicht und ihrer nur sehr wenige; sie genügten indessen den Bedürfnissen der Bewohner. In der einen Kammer stand neben dem Ehebette der Webstuhl; in einem andern Gelasse befand sich der Stein, darauf das Brot gebacken und die Fische gebraten wurden, befanden sich auch die verschiedenen Amphoren, Gefäße von nicht allzu mäßigem Umfange, und der Platz, um den Mischkrug zu bewahren.
In dem kleinen Nachen, für den die sorgende Natur an dem Gestade der einen Inselseite einen winzigen Hafen geschaffen, trat der biedere Daunus einmal in jedem Monat die Meerfahrt nach Antium an. In dieser herrlichen Stadt, in deren Mauern der Kaiser geboren worden, beschaffte er für sich und seinen priesterlichen Freund alles, dessen das Haus und der Grabkultus bedurfte: Mehl und Salz, Öl, Wein und Flachs, buntes Bandwerk, um Tänien zu flechten, und allerlei Spezereien für den heiligen Opferdienst.
Nach glücklich abgeschlossenem Handel und nachdem er sich beim Oberpriester des Apollotempels gemeldet, unter welchem hohen Heiligtum die Gräberinsel stand, schiffte Daunus so eilig wie möglich wieder zurück. Die reiche, lärmende Hafenstadt mit ihrer Menge von prangenden Tempeln, Basiliken und Hallen war für sein ehrliches, weltfremdes und weltscheues Gemüt voller Schrecknisse, Gefahren und Nöte, denen er sich erst dann glücklich entronnen fühlte, wenn er sich weit entfernt von dem sirenischen Gestade auf offenem Meere befand. Segelte er seiner lieben Gräberinsel zu, so war ihm, als ob die Wellen ihn einem seligen Gestade entgegentrügen, und das Herz bebte ihm bei der Vorstellung, daß, sobald die Kinder groß geworden, sie ihr friedliches Eiland verlassen und nach Rom ziehen würden, um sich in dieser ungeheuren Stadt ihres Lebens zu erfreuen. Der gute Daunus zerbrach sich bereits jetzt den Kopf, wie sie es dereinst anfangen sollten, in dem Gedränge der Gassen nicht erstickt und erdrückt zu werden. Wenn schon das kleine Antium als ein Rom erschien, wie groß mußte dann erst die Stadt des Kaisers sein!
Die glückliche Rückkehr des Daunus aus der weiten, weiten Welt war auf der Insel jedesmal ein Ereignis. Der Weitgereiste sollte erzählen. Larina erkundigte sich eifrigst nach allerlei Frauenangelegenheiten: ob die vornehmen Antiatinnen sich immer noch das Haar auftürmten, des Nachts frisches Hühnerfleisch auf die Gesichter legten und Belladonna in die Augen gössen? Ob die Frau des Cäsars wirklich goldenes Haar hätte, ein Hemd aus Byssus[B] trüge, wie Spinnweb so fein, und eine Freigelassene wäre? Ob Daunus einen Gladiator gesehen und ob in Antium nicht bald wieder ein Fest gefeiert würde, bei dem wilde Tiere gefangene Übeltäter zerrissen?
[B] Batist.
Der schweigsame Atinas fragte nur nach einem; aber er fragte es jedesmal: »Sage, o Daunus: werden in Antium die Götter geehrt?«
Dann wurde Daunus redselig: »Das will ich meinen! Welche Tempel, welche Bildnisse, welche Weihgeschenke! Es ist nicht zu glauben!«
»Und in Rom? Hörtest du in Antium sagen, daß auch in Rom den Unsterblichen eifrig gedient würde?«
»Je nun, in Rom — freilich auch in Rom, ganz sicher auch in Rom! Es soll nicht zu glauben sein!«
»Aber der Kaiser?«
»Nun, das ist einer! Der versteht's! Das ist ein anderer als der Caligula. Und wie er die Götter ehrt! Er soll sogar daran denken, selber einer zu werden, ein ganz anderer, als der Caligula war: ein wirklicher Gott. Gar nicht zu glauben ist's!«
Und Atinas seufzte tief auf.
* * * * *
Unter Toten, die in ihrem ewigen Frieden selig waren, und unter Blumen, welche das ganze Jahr hindurch blühten, wuchs das Kinderpaar auf; an Lebensfülle, Heiterkeit und Schönheit jungen Göttern gleich. Die kleine Acca mit ihren zarten Gliedern, dem schlanken Hals mit blassen Gesichtchen glich einem Marmorbilde der Psyche, das in einem laurentinischen Heiligtum verehrt wurde. Sie hatte lichtes, welliges Haar und in ihrem lieblichen Antlitz erstrahlten die Augen in dem tiefen Blau der von Sonne durchleuchteten Meereswogen. Wenn sie lächelte, was sie tat, so oft sie ihres Spielgefährten ansichtig ward, erschien sie so reizend, daß selbst Atinas glaubte, es könnte auf der Welt nichts Holdseligeres geben. Ihre Stimme war voll Wohllauts, und sie hatte eine eigentümlich anmutige Art zu gehen und sich zu bewegen. Im Spiel mit dem Knaben huschte und schlüpfte sie wie eine Eidechse durch die Büsche; dann hörte man durch die Zweige ihr Lachen, lieblich wie Sirenengesang.
Sie war heiteren Gemütes, von einem stillen Frohsinn, gleichmäßig sonnig, einem schönen Frühlingsmorgen ähnlich. Wenn sie in die Kammer ihrer Eltern oder in die Wohnung des Atinas trat, schien der trübste Tag plötzlich weniger trübe; ein sonniger noch strahlender zu werden. Frühzeitig lernte sie ihrer Mutter Larina beim Flechten der Tänien behilflich zu sein, welche das Weib des Grabhüters an bestimmten Tagen vor den Grabkammern aufzuhängen hatte; sie goß für Vater Atinas den Wein in die Opferschale, häufte die Spezereien auf dem Altar, den sie jeden Tag mit frischen Blüten kränzte, und schaffte bereits als halbwüchsiges Mädchen eifrig mit der Spindel und am Webstuhl. Da nun seit dem Tode der armen Trivia in des Atinas Kammer der Webstuhl verlassen stand, so war nichts natürlicher, als daß der leere Platz von Acca eingenommen wurde, welche auch sonst im Hause des Priesters geschäftig als kleine Domina waltete.
Auch der junge Tullus war von besonderer Art, ein prächtiger Bursche, um dessen braunes Antlitz düstere Locken sich ringelten, mit schwarzen, blitzenden Augen, die bald in überquellender Lebenslust und Jugendfreude aufleuchteten, bald voll unsäglicher Schwermut still vor sich hinblickten. In solchen Stunden schien des Knaben Seele eine Flamme zu sein und er sich bei diesem innern Feuer zu verzehren.