Kentaurenliebe. Die Toteninsel
Part 2
Die Götter selbst schufen freie Bahn. Es bildeten sich gleichsam eine Via triumphalis, welche sie durchschreiten sollte. Ihre Tauben flogen ihr voraus.
Und sie kam!
Die hohe Frau vom Kapitol, der Göttinnen größeste, die Spenderin aller Seligkeiten, die Bezwingerin der Welt. Zugleich der Welt Beglückerin, die einige Törichte der Welt Verderberin schelten.
Auch die Venus des Praxiteles empfing für diese eine Frühlingsnacht Leben, und trat ihre Herrschaft an.
7.
Und voraus seiner großen Mutter schritt Amor. Der geflügelte Gott spannte den Bogen, legte an, schoß seine Pfeile ab: mitten hinein in die Menge. Dem kleinen Unhold war es vollkommen gleichgültig, wen er traf. Manchem seiner Opfer — sie waren wie Sand am Meer — wäre eine Todeswunde besser gewesen, als der Wurf, der weniger verletzte als Mückenstich. Dabei hatte der gemeingefährliche Knirps das Ansehen eines Unschuldengels mit Kinderlächeln.
Im Gefolge der Siegerin über Götter und Menschen befanden sich zwei Kentauren: ein Jüngling und ein bärtiger Mann. Auf jedem der Fabelwesen ritt ein Liebesgott. Der geflügelte kleine Kerl, der auf dem Jungen trabte, hatte Mühe, sein Menschenroß zu bändigen. Es war solch junger und unbändiger Geselle, mochte selbst die federleichte Last auf seinem Rücken nicht dulden, spottete aller Reiterkünste des Bengels mit einem Übermut, daß die beiden zur Belustigung des ganzen antiken Publikums ein gar artiges Schauspiel boten. Dagegen der ältere —
Das Amorlein hatte dem durch seine Pfeile Getroffenen beide Arme auf dem Rücken gefesselt, und quälte sein Opfer mit der ganzen grausamen Wollust, die den Wicht zu einem wahren Henker machte. Und dann wollte der Schlingel ein Gott sein! Das stolze Antlitz schmerzverzerrt, entstellt von Scham und Selbstverachtung, wandte der Kentaur nach seinem erbarmungslosen Peiniger das Haupt. Ein Stöhnen wie Sterbelaut entrang sich seinem Munde. Aber die belebten Antiken achteten nur seines jungen überlustigen Gefährten; bei dem allgemeinen Beifallsgetöse erstarb der Aufschrei des Gefesselten und sein Quälgeist brauchte den vergifteten Pfeil als Geißel, womit er dem zu ewiger Liebe und ewigem Leide Verdammten den Rücken peitschte.
Was jedoch bei dem traurigen Anblick als das Traurigste erschien, war, daß der Gepeinigte nicht die leiseste Anstrengung machte, seine Bande zu lösen, den Dämon abzuschütteln, und sich von dem Martyrium seiner Leidenschaft zu befreien. Mit gelähmtem Willen, gebrochenen Geistes ertrug er die Schändung seiner Mannheit. Und das mit dem Antlitz eines Heroen! Also geschah ihm recht ...
Plötzlich brachen Götter und Göttinnen mit allen anderen in ein schallendes Gelächter aus: dem jungen Kentauren gelang es, des boshaften Schalks los und ledig zu werden. Mit einem regelrechten Purzelbaum flog der göttliche Lümmel vom Rücken des Tiermenschen herab, und ward zum Glück von einem behenden Nymphlein aufgefangen. Sehr zum Überfluß drückte die Holde den Knaben wie ein Wickelkind an ihre junge Brust, ahnungslos, was für einen Säugling sie sich beilegte; denn der Bursch konnte des Mägdleins Herzblut trinken.
So ist es nun einmal mit der Liebe.
8.
Jupiter und Juno; Dionysos mit seinen bacchischen Begleitern; Apoll mit dem Gefolge der verzückten Musen — alle die Hehren und Herrlichen waren plaudernd und lachend durch die glanzvollen Säle gewallt. Jetzt aber hielt Frau Venus Hof. Sie thronte auf einem antiken Marmorsessel, dessen Lehnen Sphinxe stützten, und ihr zu Füßen lagerten ausgestreckt die beiden Kentauren.
Ihnen gebot die Göttin: »Erzählt eure Geschichte! Da ihr zwei Verliebte seid, so gehört ihr mir ... Dich heiße ich jedoch einen Liebenden —« wandte sie sich huldvoll zu dem älteren. »Weiß ich erst, wen du so gewaltig liebst, daß du durch einen meiner Kleinen deiner Liebe willen ein Martyrium erduldest, kann ich dir vielleicht beistehen in deiner Not ... Nicht jetzt sprich! Zuerst soll der Junge reden, der ein rechter Verächter aller Liebesnöte zu sein scheint. Dafür soll der Leichtfuß mir büßen.«
Der von der großen Göttin Gescholtene lachte hell auf: »Herrin,« begann er mit der heitersten Miene, »o Gebieterin! Verliebt nennst du mich? Als ich von der Hand eines Meisters noch nicht in Stein gebannt war, bin ich das seit meinen Knabenjahren jeden Tag meines jungen glückseligen Lebens gewesen. Und wie verliebt war ich! Ich lebte in den Wäldern und auf den Fluren Kariens in Kleinasien bei der wunderschönen Stadt Aphrodisias, die ihren heiligen Namen nach dir hatte, und wo dir die prächtigsten Tempel erbaut, die herrlichsten Bildsäulen errichtet waren. Da mußte ich, armer junger Kentaur, mich denn wohl oder übel bis über die Ohren verlieben: in jede Najade und Dryade, in jedes Nymphlein, das meine vor Jugendwonne und Lebenslust leuchtenden Augen erblickten. Ich küßte alle — alle! Und wen ich küßte, der verfiel mir. Denn es war, als hätte ich zu Aphrodisias das Küssen von dir selber gelernt — verzeihe die Gotteslästerung.
Niemals hättest du dich zu einem von meinesgleichen herabgelassen: zu einem Tiermenschen mit Schweif und vier Füßen! Ich mußte mich daher mit geringeren Huldinnen begnügen; und — ich begnügte mich.
Bei deiner ewigen Gottheit — was für ein seliges Leben ich führte auf den Blumenwiesen, am Rande der Bäche, unter den Wipfeln der Haine, die deine in Schönheit strahlende Stadt umschatteten. Jeden Tag, jede Nacht, herzte ich eine andere; jede eben nur ein einziges Mal. Sie wollten mich alle behalten. Ich aber lachte die verliebten Schönen aus und warf sie von meinem Halse, wie vorhin den Schlingel, der mir den Herrn und Meister zeigen wollte — mir!
Ich bin die Jugend selbst! Bin das Tier, das in jedem jungen Menschen steckt. Ein Stück Natur bin ich. Sogar ein Stück göttlicher Natur, meinem Pferdeleibe zum Trotz. Solche Jugend ist eitel Verliebtheit — Verliebtheit in beständigem Wechsel. Verstehst du?
Was jedoch mein wonnigstes Glück war, sollte zu meinem Unglück werden. Das ereignete sich folgendermaßen: Die Scharen der Schönen, in die ich verliebt war, und die ich für eine einzige Brautnacht an meinem Herzen hielt, vereinigten sich gegen mich und schwuren mir Rache. In deiner Stadt lebte ein berühmter Bildhauer, Aristias mit Namen. Zu diesem Manne schickten sie eine Gesandtschaft der Schönsten und zugleich Rachegierigsten. Sie sagten und baten: Vor den Toren der Stadt haust ein junger Kentaur. Das ist ein ganz Schlimmer! Er stellt uns armen unschuldigen Jungfrauen auf allen Wegen nach, bei Tag und bei Nacht. Wir können nicht mehr unsere Krüge zur Quelle tragen, um Wasser zu schöpfen; können nicht mehr in Frieden unter den Büschen und Bäumen ein Nachmittagsschläfchen halten; nicht mehr auf den Fluren Kränze winden und den Reigen tanzen.
In unserer Not kommen wir zu dir, großer Meister, und flehen dich an, uns von dem bösen Gesellen zu befreien. Er ist so garstig, so roh! Und er hat Pferdefüße. Denke doch: Pferdefüße! Von solchem Tier müssen wir Ärmsten uns küssen lassen.
Hilf uns, befreie uns!
Welche Tücke, große Göttin! Statt ein ewig Verliebter, sollte ich am Ende ein Weiberhasser sein. Und — stelle dir das Ungeheuerliche vor! — jener Mensch ließ sich wahr und wahrhaftig von den hübschen Lügnerinnen betören, lauerte mir auf, fing mich, schleppte mich in sein Haus, verwandelte mich in Stein: meiner vielen Schandtaten willen.
Erbarme dich meiner! Lasse mich das Leben diese Nacht behalten! Lasse mich wieder ein junger, verliebter, glückseliger Kentaur sein! Ich trabe hinaus: hinaus in Wälder und Auen, und küsse — küsse — küsse ...
Und ich verspreche dir feierlichst: zum Dank den kleinen Kerl mit den Pfeilen von neuem geduldig auf meinem Rücken zu tragen; ich schwöre dir: jedes Nymphlein anstatt ein einziges Mal, zum mindesten durch drei Nächte zu kosen. Was meinst du zu diesem Handel? Ich bitte dich, große Göttin, schlage ein.«
Unter dem jubelnden Beifall der gesamten Zuhörerschaft, urteilte Frau Venus ernsthaft: »Du hast deine Strafe verdient!«
Es wurde still, als der ältere der beiden Kentauren anhob zu sprechen, mit einer Stimme, darin seine Qual nach Worten rang. Zur Göttin erhob er sein entstelltes Menschenantlitz. Aber nicht um Mitleid flehte sein Blick; nicht einmal um Verständnis.
9.
»Auch ich bin aus dem Lande mit der Stadt deines göttlichen Namens; auch ich wurde in Stein verwandelt. Er ist getränkt von dem Herzblut meiner großen Liebe, das ich fließen ließ. Denn ich wollte lieben und leiden! Große Liebe ist großes Leid. Das haben die Götter so geschaffen. Sie seien gepriesen dafür ...
Ich wuchs auf in den nämlichen Wäldern, auf den nämlichen Fluren, wie hier mein junger Gefährte, dem ich seine leichte und lustige Verliebtheit von Herzen gönne — trotzdem er mir dadurch mein Schicksal schuf. Für mich paßt sie nicht; für mich paßt, was ich besitze. Einzig nur das.
Bereits in meiner frühesten Jugend war ich stolz bis zum Hochmut. Und ich war unglücklich von Kind an: war ich doch ein Kentaur, ein Tiermensch! Unglück macht stolz, wie es einsam macht. Dabei sehnte ich mich nach Schönheit, nach Göttlichkeit. Damals wußte ich jedoch nicht, daß es Sehnsucht war; denn ich war damals noch ohne Seele — wenigstens wähnte ich mich seelenlos.
Mein Sehnen verzehrte mich schier.
Einer der Hehrsten und Herrlichsten hätte ich sein mögen und war — ein Halbmensch, ein Pferd, eben ein Tier.
Ich schämte mich dessen, empfand meine behaarte Vierfüßigkeit als Schmach. Aus Scham verkroch ich mich in den finstersten Schatten der Haine, wagte mich nur in dunklen Nächten hinaus auf die Fluren. Und auch das nur selten. Denn auf den Auen tanzten bei Mondschein und Sternenschimmer die Nymphen, die meine Mißbildung nicht sehen sollten.
Am liebsten hätte ich mich verkrochen wie ein zu Tode verwundetes Wild, um im Dickicht einsam zu sterben.
Damals wußte ich jedoch noch nicht, daß ein mythologisches Geschöpf sterben könnte.
Meine Einsamkeit, Göttin! Sie war so groß wie dann meine Liebe ward ...
In der tiefen Einsamkeit meines Tiermenschen-Lebens lernte ich, um dieses ertragen zu können, das Spiel auf der Leier, die ich mir aus Röhricht und Haaren meines Roßschweifes verfertigte. Ich lauschte die holde Kunst Faunen und Satyren ab. Sie füllten mit ihrem Wohllaut die Haine und lockten damit die Schönen an. Mein Saitenspiel sollte indes keine vernehmen.
Also übte ich mich in Melodien. Sie klangen traurig, traurig; denn ich ließ durch sie meine Sehnsucht sprechen und klagen. Wie hätten meine Weisen fröhlich klingen können? Zu den Tönen ersann ich Worte. Ich sang sie zu meinem Spiel. Meine Worte waren wie dieses.
Mit zunehmenden Jahren wuchs mein Unglück über mein Tiermenschentum. Ich wähnte, es sei mein Geheimnis, welches ich keinem Wesen unter dem Himmel verraten wollte. Um es zu hüten, zog ich mich tiefer und tiefer in die entlegensten Einöden zurück; wurde ich einsamer und einsamer. Zugleich mit meinem Unglück, nahm ich zu an Stolz und an Hochmut.
So schwand meine Jugend, so begann das Alter ...
Noch immer hatte ich nicht geliebt, noch immer nicht gelebt. Vom Tode wußte ich nichts, fühlte mich indessen wie tot. Trotzdem diese Sehnsucht! Große Göttin, ~diese~ Sehnsucht —
Doch dann sollte sich mein Schicksal erfüllen. Höre, du Herrliche, wie es kam: Eines Sommertags begegnete mir in der Wildnis hier dieser muntere Geselle. Er war der erste von meinesgleichen, den ich sah. Du kannst dir daher denken, wie mir bei seinem Anblick zumute ward: wie einem großen Toren, der die Welt nicht kannte. Ich trabte eilends auf ihn zu und sprach ihn an: »Sei gegrüßt, mein Leidensgefährte!«
Er aber, höchst verwundert, als sagte ich ihm etwas Ungeheuerliches, fragte: »Wie nennst du mich?«
»Leidensgefährte.«
»Weshalb sollte ich leiden?«
»Weil du doch gleich mir ein Tiermensch bist.«
»Darum leidest du?«
»Du nicht?«
Er lachte unbändig: »Ich nicht. Bei allen Göttern — ich ganz und gar nicht!«
»Wie ist das möglich?«
»Wie ist's möglich, darum zu leiden? Darum!«
»Wie ist's möglich, darum nicht zu leiden?«
Aber er: »Ich bin mit Wonne das, was ich bin; möchte nicht um die Schönheit des Adonis etwas anderes sein. Als Tiermensch kann ich genießen — genießen — genießen! Mehr als ein ganzer Mensch; mehr als selbst ein Gott. Wie ein Tier kann ich genießen ... Weißt du, was Weiber sind?«
»Holde himmlische Wesen.«
Wiederum das gellende Hohnlachen: »Weiber sind's, Dirnen sind's!«
»Göttinnen!«
»Narr! O du Narr!«
»Ich kenne sie also nicht.«
»Dir hing niemals ein Weib am Halse, niemals der Mund einer Frau an deinem Munde?«
»Niemals.«
»Du Tor, du Narr, du — Mensch! Du verdientest wahrlich ein Mensch zu sein, der allernärrischsten einer.«
Und er wälzte sich am Boden vor Vergnügen über meine Narrheit. — Als er nicht mehr lachen konnte, erhob er sich, stand vor mir, meinte plötzlich: »Komm mit mir.«
»Wohin?«
»Ich führe dich.«
»Ich muß wissen, wohin. Siehe, ich bin gewiß ein großer Tor; aber ich bin zugleich ein großer Einsamer. Aus meiner Einsamkeit lasse ich mich nicht fortlocken.«
Da redete er mir schmeichelnd zu: »Nur dieses eine Mal, du großer Tugendhafter. An deiner Leier erkenne ich, daß du Musikant bist. Gewiß sogar Dichter. Du siehst mir ganz danach aus. Als Lautenschläger und Poet sollst du mir helfen, ein armes Weiblein zu trösten, ein blutjunges, bildhübsches, verlassenes.«
Ich rief mit tiefem Erschrecken: »Geh allein!«
»Folge mir, ich bitte dich. Ich selbst habe es nämlich verlassen, wie ich dir nur gestehen will. Ich kann eben nicht anders. Es ist meine Natur. Und dann — ich bin jung, jung, jung! Und ich will genießen, genießen, genießen! Will leben! Ohne Ende! Du scheinst mir zwar ein sonderbarer Kauz zu sein, so etwas von einem Schwärmer, einem sogenannten Idealisten, eben einem Narren. Zugleich aber ein netter Kerl, ein gutmütiger alter Herr. Dabei höchst ehrbar. Dir wird das niedliche Dingelchen nichts anhaben; und du tust an ihm und auch an mir ein gutes Werk. Denn ich bin zwar ein Tier; aber schließlich doch immerhin ein leidlich anständiges. Das erkenne ich daran, daß die Verlassene mir leid tut.«
So sprach dieser Jüngling, der mich jetzt mit Augen und Lippen anlachte — wieder mich auslachte ... Ich ließ mich von seiner fröhlichen Jugend auch wirklich beschwatzen. So meinte ich nämlich damals. Denn damals wußte ich nicht, daß es etwas anderes, ganz anderes war, was mich gewaltsam trieb, seiner Lockung zu folgen.
Große Göttin, meine Sehnsucht war's!
Meine Sehnsucht nach Leben, nach Liebe.«
10.
Nach diesen Worten schwieg der Liebende. Und schweigend verharrten alle, die ihm zuhörten. Alle empfunden, daß dieser Mann mit dem Heroenantlitz, der sich derartig sklavisch dem Gott unterwarf, und Hände sowohl wie Seele in Fesseln schlagen ließ — daß es bei ihm etwas anderes war als verächtliche Schwäche. Die Kraft zu lieben, und um seiner Liebe willen zu leiden war's! Es war der Mut, eine große Leidenschaft auf sich zu nehmen gleich einem Kreuz. Still und milde schaute die Göttin auf den Mann, der sonder Scheu und Scham bekannte, mit gebrochenem Stolz, zermarterten Herzens ihr zu Füßen zu liegen.
Der Tiermensch mit der durch seine leidensvolle Liebe göttlich gesprochenen Seele sprach weiter in dem schweren Schweigen rings um ihn: »Dieser glückliche Leichtfertige führte mich zu einer kleinen Waldwiese, die voll roter Anemonen stand, so daß sie mit lichtem Purpur bedeckt schien. Mitten in der glühenden Blütenflut ruhte das erste Weib, das ich sah. Sie war von feiner Gestalt und von solcher Anmut der Bildung, wie ich die Frau bei meinen Weisen und Gesängen im Geiste schuf, wenn meine Sehnsucht in mir nach Lieben und Leben schrie.«
Vollkommen hüllenlos sah ich das erste Weib, das ich für eine Göttin hielt: für dich selbst, Tochter des Zeus ...
Wir waren am Waldessaum stehen geblieben, und hier dieser rannte mir zu: »Sie ist eingeschlafen. Ihr Schmerz wiegte sie in Schlaf. Möchte sie im Traume den Treulosen vergessen! Du aber wecke das Kind mit deinen süßesten Melodien, singe der Reizenden deine zartesten Lieder: deine Melodien und Lieder werden sich in ihr trauriges Seelchen schleichen. In den Gesängen wird sie den Sänger lieben; und über deinen jungen Liedern deine alternden Jahre vergessen. Im übrigen nimm dich in acht. Denn auch dieses Nymphchen ist ein Hexlein. Diesen Rat lass' ich dir als Warnung zurück; und — Aphrodite sei mit dir!«
Wie im Traum vernahm ich des Gesellen raunende Rede; und wie das Bild eines Traums sah ich dicht vor mir auf dem blutroten Teppich der Frühlingsflur das leuchtende Frauenwesen. Nicht mit meinen Augen sah ich's; sondern mit meiner Seele, die ein gütiger Gott — oder war es ein furchtbarer, erbarmungsloser? — auch uns Tiermenschen gab. Das empfand ich plötzlich in diesem einen Augenblick.
Als ich noch stand und versuchte, das große Wunder zu fassen, das sich mit mir begab, verschwand der Versucher von meiner Seite. Aus den Dickichten hörte ich sein lustiges Lachen als letzten höhnenden Gruß.
Nun bewachte ich den Schlummer der weißen, wundersamen Gestalt. Die Ruhende seufzte im Schlaf. Da ergriff mich ein unsägliches Mitleid, ein mir bis dahin völlig unbekanntes Gefühl, wie ich mir denn auch erst jetzt meines qualvollen Sehnens bewußt ward und dieses Sehnens Grund.
Dort lag er vor meinen Augen schlank und licht im Anemonengefilde ...
Ich begann leise zu spielen, leise zu singen: von meiner verzehrenden Sehnsucht! Daß ich soeben erst meine Seele empfangen und angegraute Locken hatte bekommen müssen, bevor ich erfahren, was Leben und Liebe sei. Aber zugleich gedachte ich gar nicht meines Alters. Und ich gedachte nicht meiner Einsamkeit. Auch nicht meines Stolzes. Das war mein Schicksal.
Meine zarte Weise weckte sie. Sie schlug die Augen auf: große azurblaue Augen, die in dem weißen Gesichtchen unter der goldigen Haarflut fast schwarz strahlten. Still schaute sie auf mich, gar nicht erschrocken, kaum erstaunt. Sie blieb ruhig liegen, schien sich in dem weichen Blütenbett so recht wohlig zu fühlen, und behaglich auf Spiel und Gesang zu lauschen. Da spielte und sang ich denn, als sollte ich meine soeben erst empfangene — soeben erst empfundene Seele hingeben.
Endlich erhob sie sich ... Es war, als erblühte aus dem roten Grunde eine binsenschlanke, wundersame, blasse Blume. Als ich sie in ihrer ganzen hüllenlosen Frauenherrlichkeit vor mir sah, riß auf meiner Leier eine Saite.
11.
Sie tat durchaus nicht fremd und scheu, schien nicht im mindesten traurig und des Trostes bedürftig zu sein. Ja, sie lachte mich an, daß ich zwischen ihren roten Lippen die Zähne schimmern sah, weiß wie Winterschnee auf den Felsengipfeln.
Ich stand mit zerrissenem Saitenspiel verstummt und bebend, von heißen Schauern geschüttelt. Da trat sie auf mich zu, sagte mit einem Stimmchen wie Vogelgezwitscher im knospenden Lenz: »Du also bist der Spieler und Sänger? Du!«
Ich fragte — und kaum, daß ich sprechen konnte: »Kennst du mich denn?«
»Gut, recht gut. Ich schlich mich häufig in deine Nähe und belauschte dich heimlich. Alle deine Lieder kenne ich. Darum kann ich mit dir reden wie mit einem alten lieben Bekannten ... Aber sage mir: warum sind deine Weisen so traurig?«
Da sagte ich's ihr: »Weil ich dich nicht fand.«
»Weil du mich nicht fandest —«
»Weil ich mich nach dir sehnte! Immer, immer!«
»Suchtest du mich denn?«
»Immer, immer!«
»Also wußtest du, daß ich auf der Welt war?«
»Das Weib! ... Ich ahnte es ... Ich ahnte dich!«
»O du —«
Sie wollte lachen. Aber etwas wie Schreck ließ sie verstummen. Ich las die Ursache in ihren Augen: weil ich ein Kentaure war — ein Tiermensch!
Und ich sagte es ihr ... Sie aber meinte leise, ganz leise: »Der andere hat mich ja auch geküßt. Freilich der andere war —«
Da sie stockte, so sprach ich für sie. Ich rief, schrie es auf: »Der andere war jung!«
Nun mußte ich doch meiner ergrauenden Haare gedenken: Sie selbst erinnerte mich daran. Das hätte mich warnen sollen. Aber — welcher Liebende ließe sich warnen?
Wer sich warnen läßt, liebt nicht.
Was würde sie antworten? ... Ich wartete darauf. Mein Herz hörte ich in der Brust klopfen, mein Blut durch die Adern rauschen. Jetzt weiß ich, was es damals mit mir war: Todesangst wegen der Jugend des anderen. Denn Jugend ist die triumphierende Siegerin.
Sie sah mich an. Mir war's bei ihrem Blick, als sänke meine soeben erst empfangene Seele in einen strahlenden Abgrund, darin sie unterging: so abgrundtief war ihr Auge. Dann antwortete sie: »Deine Melodien und Lieder sind jung; und frühlingsjung ist deine Seele; und kinderjung werden deine Lippen sein, wenn ich sie küsse.«
Ich, grauer Tor, stieß hervor: »Wie kannst du mich küssen, da du doch den jungen Treulosen küßtest; da du ihn doch liebst, um ihn leidest?«
Ihr Blick ward fremd und fern. Sie sprach mir nach: »Da ich ihn doch liebe, um ihn leide ... Sagte er dir das?«
»Er führte mich zu dir, damit ich deiner liebenden und leidenden Seele meine traurigen Lieder sänge.«
»Er selber brachte dich her? ... Weshalb sprichst du nur immer von Lieben und Leiden? Und wer sagt dir, daß ich lieben und leiden kann?«
Ich verstand sie damals nicht, schwieg, schaute sie an; schaute in den strahlenden Abgrund ihres Auges. Sie fragte: »Kannst du lieben und leiden?«
»Seit ich dich sah —«
Und sie, beständig mit ihrem abgrundtiefen Blick auf mich gerichtet: »Du bist anders als alle. Einen solchen wie du bist, küßte ich niemals. Ich möchte dir die Seele ausküssen. Das möcht' ich! Weil du so ganz anders bist.«
Da entrang es sich mir wieder wie ein Stöhnen: »Ein Tiermensch bin ich! Ein lebendiges Stück Unnatur.«
Ernsthaft meinte sie: »Ein Sänger bist du, ein Dichter. Schmähe dich also nicht selbst ... Jetzt aber komm!«
»Ich soll mit dir gehen?«
»Du sollst mich lieben und sollst um mich leiden. Ich will deine Seele haben: deine Dichterseele! Ich will deine Seele mit meinem Lächeln zerstören, mit meinen Küssen morden. Oder fürchtest du dich eines solchen seligen Todes zu sterben?«
So erfuhr ich, daß es auch für uns ein Sterben gibt. Aber nur dann auch für uns, wenn wir lieben und leiden: unserer Liebe willen blutige Qualen erdulden. Wir sterben an unserer Liebe ...
Aus ihrem lächelnden Munde erfuhr ich's; und sie fragte mich, ob ich an ihr sterben wollte?
Das wollte ich.
12.
Sie schlüpfte von mir fort, schwebte wie ein Silberstreif über die rote Flur, neigte sich nieder, pflückte von den Anemonen, flocht sie zu Gewinden, kränzte mir Haupt und Brust. Auch ihren eigenen schneeweiß schimmernden Leib schmückte sie bacchantisch mit dem Blütenglanz und streute sich die blutenden Tropfen in ihr strahlendes Haar.
Das Blumenspiel der Reizenden begleitete meine Melodien, die trotz der zerrissenen Saite plötzlich einen neuen, gar wundersamen Klang hatten: als wäre auch in meinem Spiel erst die Seele erwacht. Dann streckte ich mich ihr zu Füßen aus, sie setzte sich auf meinen Rücken, und — es geschah in diesem Augenblick, daß der kleine Gott mir die Hände fesselte, die keine Macht wieder lösen kann.
Nun entführte ich meine holde Last an den schönsten und zugleich einsamsten Ort. Es war dies eine wonnige Flur am Gestade eines Alpensees. Nur über die blauende Flut konnte man hingelangen. Ringsum stiegen gewaltige Felsenmauern auf, darüber allein die Wolken und Adler zogen und schwebten. Die Aue selbst war ein einziges Rosengefilde, an dessen Ende eine Grotte sich öffnete, wie eine Halle so feierlich schön. Wände und Decke erglänzten von Kristallen und den Boden umhüllte smaragdgrünes Moos.
Als ich die Geliebte über den See trug, kamen Schwäne geschwommen und gaben unserem Brautzuge das Geleit. Nur ihre winzigen weißen Füße wurden naß. Ich aber beneidete die Wellen, die ihren Fuß küßten, und mißgönnte ihren Anblick den Schwänen. So schlimm stand es gleich anfangs um mich ...
Es ward jedoch schlimmer von Tag zu Tag. Wir hausten in der glanzvollen Grotte und ich wurde nicht nur ihr Liebhaber, sondern ihr Wärter und Wächter, ihr Knecht, Sklave, Leibeigener.