Kentaurenliebe. Die Toteninsel
Part 4
Schneller als Tullus selbst empfand Acca die Wandlung, die so häufig mit ihrem Freunde vorging. War sie bei ihm, so wich sie nicht von seiner Seite. Nie war ihr Lächeln so lieblich, ihr Antlitz so sonnig, ihre Stimme so voll süßen Wohlklangs, als wenn Tullus' Geist von der dunkeln Wolke beschattet ward, von der auch das Mädchen nicht wußte, woher sie kam und was sie barg. Sie steckte voller unschuldiger Liste und Künste, denen nicht zu widerstehen war. Tausend Einfälle flogen ihr zu; immerfort neue, mit denen sie den Freund fortzulocken wußte; allerlei anmutige Possen kamen ihr in den Sinn. Sie summte schelmische Lieder, die niemand sie gelehrt, erzählte wunderschöne Geschichten, die sie von niemand gehört hatte. Aus der engen Kammer trieb sie den schwermütigen Gespielen hinaus in den von Sonnenglanz durchfluteten Tag. Sie selbst versteckte sich im Hain; Tullus mußte sie suchen, und fand er sie endlich, so warf sie ihm eine Fülle von Rosen ins Gesicht. Dann riß auch Tullus Blüten ab; es entbrannte zwischen beiden der Kampf, bei dem der Jüngling Heldentaten beging und seine reizende Feindin glorreich besiegte. Oder sie lockte die Vögel, die Nachtigallen, die Amseln und die Tauben, welche Acca als Herrin und Königin des Eilandes kannten und ihr untertan waren. Die kleine Zauberin stand auf den Stufen des Altars und von allen Seiten kam das Gevögel herangeflattert. Zwitschernd und gurrend schwirrte es aus den Blumendickichten und den Wipfeln der Zypressen nieder; von den Felsen herab kamen sie geflogen, ein schimmerndes Gewölk, das sich, Accas Haupt umrauschend, zu ihren Füßen niedersenkte. Auf Schultern und Armen saß das kecke Vogelvolk, die Brosamen von den geöffneten, rosigen Lippen naschend. Dann wurde Tullus eifersüchtig, dann lachte Acca.
Zuweilen zog das Mädchen den Träumer mit sich fort, tief in das Innere des Totenberges hinein. Die düsteren Gänge entlang, die engen Felsenstiegen empor, die sie kannten wie die Gänge und Wege draußen im Hain; an allen den Gräbern und Grüften vorüber, klommen sie hoch und höher, bis sie wieder hinaus an den Tag und auf den Gipfel gelangten. Auf seinem schmalen Rand dahinschreitend, schienen sie zwischen Himmel und Erde zu schweben. Zu ihren Füßen ruhte das herrliche Meer, so weit sie blickten in dunklem Purpur erstrahlend, oder in hellem Silberglanz aufleuchtend, unübersehbar, unendlich, aus seinem heiligen Schoß die schöne Erde zur Sonne emporsendend und in seinen Abgrund den Himmel hinabziehend mit aller seiner Wolkenpracht. Dann stand Acca auf der Klippe; ihr weißes Kleid wehte um ihre winzigen nackten Füße, es wehte um Stirn und Wangen ihr glänzendes Haar. Sie hob die Arme. Es war, als ob ihren Schultern Flügel entwachsen müßten und die kleine lichte Gestalt sich aufschwingen würde in den Himmel hinein. Waren die beiden in die blühende Tiefe zurückgekehrt, so war Tullus' Blick wieder beruhigt, dann wand ihm die Freundin zum Lohn für seine heitere Miene von ihren schönsten Blumen einen Kranz. Diesen setzte sie ihm auf, und wenn er sie zum Dank küssen wollte, entwand sie sich ihm; er mußte sie jagen und fangen und halten. Dann tönten die Stimmen der beiden Unschuldigen und Reinen fröhlich durch die wonnige Wildnis, mit den Vogelstimmen und dem Rauschen der Wogen sich mischend.
Aber nicht immer gelang der jungen Sirene ihre Bestrickung; zuweilen enteilte Tullus, wohin sie ihm nicht zu folgen vermochte. Er sprang in den Nachen und trieb mit raschen Schlägen vom Lande ab; taub für die süße, flehende Stimme, die vom Ufer her zu ihm drang, blind für die kleine, einsame Gestalt, für die ihm zuwinkende Hand, ihren bittend erhobenen Arm. Oft geschah es dann, daß Tullus im Nachen sich hinwarf und, vollständig unbekümmert um Wind und Wellen, dalag, zum Himmel aufblickend, der wie ein zweiter strahlender Ozean über ihm flutete; die junge Seele krank vor Sehnsucht nach einem unbekannten, aber göttlichen Glück, träumte der Knabe.
Einmal war es ihm, als sähe er den Himmel offen. Alles war Glanz und Glorie. Zwei leuchtende Gestalten schwebten empor: Acca und er! Es waren aber nur zwei zarte Wölkchen, die dem Abendrot zuwallten. Da sie in das goldene Licht eintauchten, lösten sie sich auf und zerannen.
* * * * *
Weil auf der Toteninsel beinahe alle Grabstätten gefüllt waren, kam von der Küste selten noch jemand herübergeschifft. Nur bisweilen erschien im Morgengrauen dieser und jener Trauernde, um an irgendeinem Gedächtnistage seinen Verstorbenen eine Tänie zu bringen und nach kurzem Aufenthalt wieder zu scheiden. Niemals kam jemand von den Ponza-Inseln herüber, deren Bewohner die nächsten Nachbarn der Leute auf dem Gräbereiland waren; denn dort lebten Verbannte, Feinde und Widersacher des Kaisers, welche der Herr der Welt nicht hatte töten lassen wollen und daher auf diese öden Klippen sandte, wo ihr Leben ein langsames Sterben war. So kam es, daß von der Sturmflut der Ereignisse und Dinge selten der Schall einer verrauschenden Woge zu den fünf Einsamen drang; aber es befand sich unter ihnen keiner, der sich nach den brausenden Tönen des Lebens gesehnt hätte; jeder Laut, der nicht von dem altgewohnten Liede der Wellen und Winde herrührte, gellte als Mißklang in diese von den Vogelstimmen und dem Lachen Accas durchtönte reine und schöne Welt.
Friedlich spannen sich die Tage ab. Mutter Larina und Acca walteten sorgsam in den beiden Häusern; der fromme Atinas diente mit aller Strenge den Göttern, von Jahr zu Jahr mehr in seinem Gemüt verdüstert, während der derbere und gutmütigere Daunus für Herd und Tisch bedacht war, wobei ihm Tullus zur Hand gehen mußte: er tat es nicht allzufreudig.
Manchen Tag befanden sich die beiden schon beim Morgengrauen auf dem Meere; aber anstatt dem Daunus zu helfen, das schwere Netz zu werfen, hockte Tullus im Nachen und schaute der Sonne zu, wie der große, goldige Flammenball aus dem Pupurgewölk langsam und feierlich aufschwebte und die ersten Strahlen sich über die dunklen Wellen ergossen. Dann murrte der wackere Daunus; »Aus dir wird dein Lebtage nichts. Wozu du wohl auf der Welt bist?«
Das hätte Tullus selber gern gewußt; da er es aber nicht wußte, überließ er diese Sorge den Göttern.
Eine noch unliebsamere Beschäftigung war dem Jüngling, zu den Zeiten, wo der Thunfisch die Küsten entlang strich, mit Daunus des Nachts auf den Fischfang auszuziehen. Alsdann flammte am Bug des Schiffes die Harzfackel; Daunus lehnte mit dem spitzen Dreizack über den Rand und traf mit sicherem Stoß den Thun in den fleischigen Rücken, worauf es zwischen dem Fischer und dem mächtigen verwundeten Tier häufig zu einem Kampf kam, bei welchem in dem schwankenden Kahn auch der Mensch seines Lebens sich wehren mußte. Bessere Zeit war im Frühling, wenn der Jüngling mit dem Alten die Klippen erstieg, um den von Afrika wiederkehrenden Wachteln Netze zu stellen. Von dem weiten Flug übers Meer zu Tode ermattet, ließen sich die heimkehrenden Vögel in Scharen auf den Felsen nieder: eine leicht erjagte Beute, welche Larinas Vorratskammer füllte.
War des Tages Arbeit vorüber, so fand man sich beim Altar zusammen. An schönen Abenden, deren es auf diesem seligen Eilande gar viele gab, ruhte man nach vollbrachtem Opfer am Ufer, angesichts der lang sich hinziehenden lateinischen Küste. Dann erzählte Atinas von dem göttlichen Helden Odysseus. Dort, wo jener Felsenthron dem Meere entstieg, waren die Gärten der argen und holdseligen Zauberin Kirke! Und Atinas berichtete von dem unsterblichen Äneas: An jenem Gestade, der Insel gerade gegenüber, war der Held mit den Seinen nach langer Irrfahrt gelandet; damals war die Gegend dort drüben dunkle Waldung und schauervolle Wildnis, grenzenlose Steppe und Sumpf. Nach Antium zu erhob sich unweit des Meeres die Stadt des schönen Rutulerfürsten Turnus; und mächtig ragten, von hochstämmigem Lorbeer beschattet, die Mauern der Stadt des greisen Königs Latinus, der den stammverwandten, griechischen Fremdling gastlich empfing, diesem die Tochter, die liebliche Lavinia, zur Ehe gelobend. Heiß entbrannte zwischen Rutulern und Latinern der Kampf, dem von des Albanus Höhen die zornige Juno zuschaute: dort ragte der Gipfel des heiligen Berges! — In jenen Wäldern starb das herrliche Jünglingspaar Nisus und Euryolus den Heldentod, sank der wonnige Pallas, auf Todeswunden blutend, auf die Blumen der Flur, beweint von Göttern und Menschen.
Starren Auges schaute Tullus hinüber, wo so hehre Dinge geschehen waren. Ein Nebelstreif, versilbert vom Mondesglanz, säumte das Land. Aus dem Haupt des Albanus, der des Landes höchstes Heiligtum trug, stieg das sanft glühende Himmelslicht empor; eine breite Strahlenbrücke führte von der Insel zur Küste hinüber; hätte Tullus sie beschreiten können!
Leise erhob er sich und schlich davon in die Finsternisse des heiligen Haines. Hier, auf den Stufen des Altars, darauf das Opferfeuer verglühte, warf er sich nieder, seufzte, schluchzte, weinte. Schön war das Leben, denn Acca atmete es! Aber noch schöner mußte es sein, das Leben dahingeben zu können, zu sterben — ganz gleich, um was; starb man nur den Tod eines Helden. Acca kam dem Freunde nachgeschlichen. Sie kauerte neben ihm nieder, raunte ihm zu, tröstete ihn. Aber selbst Acca vermochte nicht ihn zu trösten. So geschah es manche Nacht.
Daunus befand sich auf einer seiner gewöhnlichen Fahrten nach Antium, mußte indessen jede Stunde zurückkehren. Es war Abend geworden, das Meer bewegt, der Himmel bewölkt; aber der Wind erwies sich dem Heimkehrenden günstig, so daß die Seinen um den einsamen Schiffer nicht zu sorgen brauchten. Da der Herbstabend kühl war, hatten sie sich in der Kammer des Atinas versammelt. Die dreiarmige Lampe brannte; auf dem Herde knisterte das Feuer; vor dem Fenster hing der bunte Teppich herab. Man hörte das Rauschen des Windes in den Zypressen und das Meer an den Felsen rollen.
Atinas erzählte von den Göttern, in deren urewiges Sein und Wesen sich der Priester mit immer größerer Inbrunst versenkte, eifrig bestrebt, in seinem Sohn dem Unsterblichen einen wahrhaft frommen Diener zu erziehen. Und das schien dem Vater zu gelingen; denn so wenig der junge Tullus von der Welt und dem Leben kannte, so gut Bescheid wußte er mit den Himmlischen, die er liebte, ehrte und fürchtete und die ihm überaus hehr und herrlich zu sein schienen.
Dann vernahmen sie den lauten Ruf des heimgekehrten Daunus. Larina und Tullus standen auf und gingen hinaus; der Nachen mußte ans Land gezogen und die Ladung in den Kammern geborgen werden. Das war bald geschehen. Nach einer Stunde saßen alle beim Herdfeuer; Daunus labte sich am Wein und sprach kräftig den warmen Ölkuchen und den gebratenen Fischen zu, die seine Hausfrau ihm bereitet hatte. Gegen alle Gewohnheit war der Gute, der sich sonst seiner Rettung aus den Gefahren der Welt und der Bergung im sicheren Hafen mit lautem Behagen erfreute, diesmal seltsam verdüstert und in sich gekehrt.
Man bestürmte ihn mit Fragen: Wie war es in Antium gewesen? Was hatte er vom Kaiser gehört? Welche Neuigkeiten über den Brand von Rom, der immer noch in den Gemütern lebte? Hatte es sich bestätigt, daß der Kaiser, purpurgekleidet, lorbeergekrönt, in einem von zwölf weißen Rossen gezogenen, goldenen Wagen nach seiner Vaterstadt gekommen war, um im Theater vor dem Volk der Antiaten zu singen und sich am nächsten Tag auf dem Forum als höchsten Gott ausrufen und anbeten zu lassen?
Nun ja, bestätigt hatte sich die Kunde. Atinas fuhr wild in die Höhe; aber Daunus blieb wortkarg. Endlich schmeichelte es Acca aus ihrem Vater heraus.
»Was soll mir geschehen sein? Geärgert habe ich mich! Denkt euch: da gibt es jetzt Menschen, die behaupten, unsere Götter wären nicht Götter. Solche Bestien! Sie verkünden einen andern Gott, den sie Jesus nennen und der aus der asiatischen Stadt Nazareth ist. Kann man sich solches vorstellen? Diesen Jesus von Nazareth haben die Juden, als Tiberius Kaiser war, unter dem Statthalter Pilatus in unserer Provinz Judäa gekreuzigt. Der soll nun ein Gott sein.«
Atinas war aufgesprungen. Mit heiserer Stimme stieß er hervor: »Wie sagtest du, Daunus? Unsere Götter wären nicht Götter? Es gibt Leute, die solches auf der Straße ausrufen und die von dem Grimm der Götter nicht zermalmt werden? Sie leugnen Jupiter und predigen von einem Gott Jesus, der unter Kaiser Tiberius gekreuzigt ward? Ei, Daunus, ein Toter soll ein Gott sein und unsere Unsterblichen sollen niemals gelebt haben? Mein wackerer Daunus, welcher laurentinische Äsop hat dir in Antium Fabeln erzählt?«
Auch Larina schüttelte den Kopf über ihren Hausherrn, der solche Geschichten mitbrachte. Die Götter wären nicht Götter! Hatte man jemals so etwas gehört? Besorgt beobachtete die verständige Frau den Gatten, ob nicht etwa der Trank des Bacchus aus ihm rede. Doch schien jener gütige Himmlische dem wackern Mann gänzlich fern geblieben zu sein.
Mit stummen Schrecken blickten Acca und Tullus einander an; es sollte keine Götter geben! Der Jüngling war erblaßt; er mußte an den neuen Gott denken, der wie ein Mensch gestorben war. Die Götter Roms starben nicht!
Nun erzählte Daunus. Und wenn er nichts mehr wußte, wiederholte er das Gesagte. Atemlos lauschten sie auf seine verworrenen Reden, Atinas mit einem Ausdruck in seinem mächtigen Antlitz, daß sein Sohn voller Scheu zu ihm hinübersah. Daunus berichtete, wie die Nazarener — so nannten sie sich nach ihrem Herrn — den neuen Gott begeistert verkündeten, wie sie die alten Götter lästerten, wie sie von den ergrimmten Römern sich töten ließen, wie sie sterbend voller Glückseligkeit waren; denn ihr Tod vereinigte sie mit ihrem gestorbenen Unsterblichen. Mit eigenen Augen hatte Daunus in Antium solche Nazarener erblickt. Sie sahen ganz aus wie andere Menschen, kleideten sich auch so, aber sie hielten sich still und grüßten einander mit einem besonderen, feierlichen Gruße.
Daunus schloß seine Rede: »Und das ärgste ist, daß dieser Gott Jesus eines Zimmermanns Sohn gewesen sein soll. Wäre er noch Kaiser gewesen!«
Aber da stieß Atinas, der in düsterem Schweigen und halber Entgeisterung dagesessen hatte, einen Seufzer aus, so laut und schmerzlich, daß es wie ein Stöhnen klang. Und der Priester gedachte des Kaisers, der, nachdem er öffentlich vor allem Volk als Schauspieler, Sänger und Rosselenker aufgetreten war, sich als höchste Gottheit hatte ausrufen lassen. Und auch das hatten die Götter geduldet! Dies bedenkend, schämte sich Atinas über die Schmach, welche die Unsterblichen sich selber zugefügt.
Bis spät in die Nacht hinein blieben die Freunde beisammen. Der Wind legte sich, die Wolken verzogen sich; der Insel gegenüber stand am Himmel ein kleiner leuchtender Streifen: der junge Mond. Es war, als wäre das Firmament aufgeritzt und Glanz quelle hervor.
Atinas erhob sich und sprach feierlich: »Laßt uns den Göttern ein Opfer bringen.«
Er verließ die Kammer. Acca füllte die Opferschale. Tullus holte die Spezereien und alle begaben sich zum Altar. Als die Flammen stiegen, hob Atinas die Schale: »Euch, die ihr ewig seid!«
Und er sprengte den heiligen Wein.
* * * * *
Trübe Tage folgten jener Nacht. Das Gemüt des Atinas blieb verdüstert und es stürmte in der Seele des sonst festen und sicheren Mannes. Er trug sich mit schweren Gedanken, verbrachte die Tage in der Tiefe des Haines, sogar den geliebten Sohn meidend, dessen Geist er nach seinem Geist gebildet und mit dessen Leben sich dereinst das seines Vaters erfüllen sollte. So oft er jetzt seines priesterlichen Amtes waltete, spendete er das Opfer den »ewigen« Göttern, jenen Herrlichen und Hehren, die da waren, die da sind, die da sein werden.
Wochen verstrichen. Der Herbst brachte die Regenzeit. Unaufhörlich strömte es hernieder; dichte, graue Wolkenschleier umhüllten das Eiland, weder Sonne noch Mond waren zu erblicken; die ganze Welt schien in Dunst und Geriesel sich auflösen zu wollen.
In den Zypressen stöhnte der Wind; er beugte die Wipfel, brach die Blütenzweige der Büsche und trieb Schwärme bunter Blätter in die Luft. Die aufgewühlten Wogen peitschten die Klippen, der Fels erbebte vom Anprall der wilden Flut; die Brandung stritt mit dem Sturm, wessen Stimme am grimmigsten zu tosen vermöchte.
Auf den Seelen der Inselbewohner lastete der graue Himmel, als wäre er der Deckel eines Sarges, der über ihnen, den Lebendigen und Atmenden, geschlossen würde. Tullus schlich blaß und stumm umher, als wandle er im Schlafe, aus dem selbst Accas Zauberstimme ihn nicht zu wecken vermochte. Zuweilen konnte man ihn starr vor sich hinschauen sehen und dabei die Worte murmeln hören: »Euch, ihr ewigen Götter!«
Eines Abends trat Atinas in die Kammer der Freunde. Indem er es vermied, seinen Sohn, der sich gerade bei Daunus befand, anzusehen, sprach der Priester mit rauher Stimme zu dem Gefährten: »Morgen gibt es einen freundlichen Tag. Der Regen hat aufgehört und der Wind ist umgeschlagen; das Meer beruhigt sich über Nacht. Getrautest du dir wohl, morgen nach Antium hinüber zu schiffen?«
»Wir haben noch Mehl genug; Wein und Öl reichen auch wohl für eine Woche.«
»Es ist diesmal nicht, um Mehl und Wein zu holen, daß du nach Antium sollst.«
Verwundert blickte Daunus auf: »Weshalb sonst?«
»Du sollst mich hinüberbringen.«
»Dich, Atinas? Du willst nach Antium?«
»So sagt' ich.«
»Aber was willst du dort?«
Tullus stand leise auf und trat zu seinem Vater.
»Ja, was willst du eigentlich in der Stadt?« fragte mit besorgtem Gesicht jetzt auch Larina. »Du gehst ja niemals hinüber. Es werden zehn Jahre und länger her sein, daß du zuletzt in Antium gewesen bist. Was willst du dort?«
»In Antium nichts.«
»Wie?«
»Ich will nach Rom.«
»Nach Rom!«
Alle vier riefen es. Die beiden Alten erschraken; Acca tat einen leisen Schrei; denn Tullus' schwermütiges Gesicht erhellte sich und er hatte den Ausruf mit ersticktem Jubel getan.
Atinas runzelte die Stirn.
»Nun ja, ich will nach Rom. Was ist da weiter? Ich muß selbst sehen, selbst hören — das von den Nazarenern. Es läßt mir keine Ruhe; ich halte es hier nicht länger aus. Genug, ich gehe morgen fort. Bis zum Frühling bin ich wieder zurück. Was willst du, Tullus?«
Atinas wußte sehr wohl, was der Jüngling wollte. Bevor dieser indessen seine Bitte stammeln konnte, vernichtete er ihm jede Hoffnung auf Erfüllung derselben.
»Du bleibst hier,« gebot Atinas. »Was wolltest du in Rom? Rom ist nichts für einen Knaben wie du einer bist. Das ist eine Stadt, die den Menschen vergiftet und verdirbt an Leib und Seele. Still! Bitte mich nicht! Genug, du bleibst bei Daunus und Larina und — bei Acca.«
Atinas sah sie an. Sie stand da, immer noch zitternd von dem gewaltigen Schrecken, aber mit einem Antlitz, das von der holdesten Freude verklärt ward: Tullus würde dableiben, bei ihr! Atinas nickte ihr zu und lächelte; bei den ewigen Göttern: der finstere Atinas lächelte! Da erglühte Acca über und über.
Am nächsten Morgen vor Aufgang der Sonne war der Nachen zur Abfahrt gerüstet. In tiefer Bewegung schloß Atinas seinen Sohn in die Arme, den Jüngling mit feierlichem Segen unter den Schutz der Ewigen stellend, denen er vorher zum letztenmal am Altare geopfert hatte. Noch lange sahen die Zurückbleibenden die hohe Gestalt im Nachen aufrecht stehen und ihnen zuwinken. Dann tauchte das Fahrzeug in den Glanz des jungen Tages, in dessen Strahlen es ihren Blicken entschwand.
Tullus war zumute, als könnte keine Woge ihm den Vater zurückbringen.
* * * * *
Von Atinas drang keine Kunde nach dem Eilande. Aber obgleich der opfernde Priester fehlte, wurde nach gewohnter Weise jeden Morgen und jeden Abend am Altar den Himmlischen gespendet.
»Euch, ihr ewigen Götter!«
Es war Tullus, der, während Daunus das Opfer darbrachte, diese feierlichen Worte sprach.
Auf der Insel befand sich eine Bildsäule des Jupiter. Die herrliche Marmorgestalt, von einem griechischen Künstler gebildet, stand unweit des Altars, an einem Ort, wo das ganze Jahr über Rosen in solcher Fülle blühten, daß es aussah, als lägen zwischen den dunklen Zypressen scharlachrote Teppiche gebreitet und rosige Schleier gehäuft. Die schönste Ranke, daran vor Blüten keine Blätter zu sehen waren, hatte sich um den Sockel der Bildsäule geschlungen und höher um den in unsterblicher Schönheit strahlenden Leib, bis zum Haupt des Donnerers empor, ihm einen Kranz von Rosen auf die Stirn drückend.
Der heimliche Winkel war von Kinderzeiten an der Lieblingsaufenthalt des jungen Paares gewesen; zu Füßen des Gottes hatten die beiden ihre ersten Spiele gespielt und das schöne Marmorbild, das mit göttlichem Lächeln auf die Kleinen niederblickte, war dabei das dritte im Bunde gewesen. In späteren Zeiten hatte Tullus manchen halben Tag vor der Jupiterstatue verträumt, glühende Sehnsucht nach einem zukünftigen Leben voll großer Taten in der Seele. Jetzt nun, nach der Abreise des Atinas, brachte er von neuem die Stunden unter dem Bildwerk zu; während er in den Anblick des hellenischen Gottes versunken war, kam dem Jüngling die Absicht jener Nazarener, so viel Majestät und Größe zu leugnen, mehr und mehr als ein Frevel vor, für den alle Qualen des Todes nicht Strafe genug waren. Pochenden Herzens gedachte er in solchen Stunden seines herrlichen Vaters, der sich in Rom sicher an der Verfolgung der Nazarener beteiligte, für die alten, unsterblichen und ewigen Götter Großes vollbringend. Mit Tränen heißen Schmerzes in den Augen fühlte er seine Nichtigkeit und daß er hatte zurückbleiben müssen, anstatt an seines Vaters Seite dessen glorreiche Taten zu teilen. Als der Jüngling das hehre Bild des höchsten Gottes anschaute, stieg in seiner Seele eine andere Gestalt auf, die eines Menschen, dessen gemarterter Leib an einem Kreuze hing: Jesus von Nazareth, der neue Gott. Ein gekreuzigter Mensch ein Gott — ein Toter ein Unsterblicher!
Tullus haßte und verabscheute den Leichnam, der ewig sein sollte.
Wieder einmal war Daunus nach Antium hinübergeschifft. Tullus hatte ihn durchaus begleiten wollen, war aber beinahe mit Gewalt zurückgehalten worden; denn Daunus hatte dem Atinas gelobt, seinen Sohn der Küste fernzuhalten. Die Nachrichten, welche er über die Nazarener zurückbrachte, waren nicht danach angetan, die Gemüter zu beruhigen: laut und lauter erhoben die Jünger des neuen Gottes ihre Stimmen; offen schmähten sie die Ewigen als ungöttlich und gar nicht seiend; triumphierend erlitten sie Verfolgung, Marter und Tod. Ihre Zahl wuchs und wuchs.
Dann war lange Zeit der Verkehr mit dem Festlande unterbrochen: Winterstürme umbrausten die Insel. Endlich kam der Frühling: es war, als ob die Schwingen einer Gottheit im Vorüberrauschen den Felsen im Meere berührt hätten. Unter den Zypressen erblühte über Nacht ein Teppich von weißen und gelben Krokus; in den Gebüschen dufteten die Veilchen; die öden Klippen bedeckten sich mit Anemonen und Tazetten, und neben den Myrtensträuchern öffneten die Blumen des schönen Narzissus ihre duftenden Kelche.
In Schwärmen erfüllten Amseln und Nachtigallen den Hain mit Gesang. Es war ein Getön, als hätten die Zweige Stimmen und Wohllaut empfangen. Gleich Strahlen durchschossen die Blaudrosseln die sonnigen Lüfte; in den von Schmetterlingen umschwärmten Blumendickichten schwirrten bunte Käfer, und in den Zypressen nisteten zahllose Turteltauben.
Halbe Tage lang lag Tullus am Strand, hörte die Wogen rauschen, sah die Wolken über sich ziehen und starrte in die glanzvolle Meeresweite hinaus, hinüber zu dem langen, leuchtenden Streifen der lateinischen Küste. Es war in diesen Tagen, daß der Jüngling sich wie sterbend fühlte vor Sehnsucht.
Acca saß am mütterlichen Webstuhl, das Schifflein weniger eifrig als sonst durch die Fäden werfend. Sorgend gedachte sie des dunklen Wesens ihres lieben Freundes und fühlte sich so kummerbelastet, daß ihr häufig die Arme wie in tiefer Ermattung am Leibe herabsanken. Die Sonne ging unter in den purpurnen Fluten, die Glorie des Abendrotes verklärte den Webstuhl und die junge Gestalt des einsam in Trauer dasitzenden, reizenden Kindes.
Was war's nur mit ihm?