Part 6
Unter allen Sinnen war es der ~Geruch~, der sich ihm am zudringlichsten und peinlichsten erwies, und ihm vor allem andern das Leben auf dieser Welt zur Qual machte. Was für uns geruchlos ist, war es nicht für ihn; die feinsten lieblichsten Gerüche der Blumen, z. B. der Rose, waren ihm Gestank oder afficirten schmerzlich seine Nerven. Was uns Andern allenfalls blos in der Nähe durch den Geruch sich ankündigt, roch er in der weitesten Ferne. Mit Ausnahme des Geruchs von Brod, Fenchel, Anis, Kümmel, an die er sich, wie er versichert, schon in seinem Gefängniß gewöhnt hatte, -- denn sein Brod war mit diesen Gewürzen bestreut -- waren alle Arten von Gerüchen ihm mehr oder weniger widerlich. Als er einst gefragt wurde: welcher Geruch ihm der angenehmste sei? antwortete er: »gar keiner.« Seine Spaziergänge oder Spazierritte, da sie ihn bald an Blumengärten, bald an Tabaksfeldern, bald an Nußbäumen oder anderen, seinem Geruch empfindlichen, Pflanzen vorbeiführten, wurden ihm dadurch oft gar sehr verleidet, und er mußte dann seine Erholungen in freier Luft mit Kopfweh, Angstschweiß und Fieberanfällen bezahlen. Tabak, der auf dem Feld in der Blüthe stand, roch er auf mehr als 50 Schritte; zum Trocknen aufgehängte Tabaksbündel -- wie sie in den Dörfern um Nürnberg an den Häusern hängen -- auf mehr als 100 Schritte. Aepfel-, Birn- und Zwetschenbäume konnte er schon am Geruch ihrer Blätter aus der Ferne von einander unterscheiden. Die verschiedenen Farbstoffe an den Wänden, Geräthschaften, Kleidern u. s. w., die Pigmente, mit denen er seine Bilder illuminirte, Tinte, Bleistift, womit er schrieb, alles was ihn umgab oder ihm nahte, hauchte ihm widerliche oder schmerzliche Gerüche entgegen. Wenn auf der Straße ein Schornsteinfeger mehre Schritte vor ihm hinging, wendete er vor dem Geruch desselben schaudernd sein Gesicht ab. Auf den Geruch eines alten Käses wurde ihm unwohl und er mußte sich erbrechen. Als er einst Essig roch, der einen starken Schritt von ihm entfernt stand, wirkte dessen Schärfe so sehr auf seine Geruchs- und Augennerven, daß ihm das Wasser aus den Augen trat. Wenn Wein, in ziemlicher Entfernung von ihm, auf dem Tische eingeschenkt stand, so klagte er über widrigen Geruch und über Hitze im Kopf. Mit einer geöffneten Champagner-Flasche konnte man ihn zuverlässig vom Tische jagen oder krank machen. Was wir übelriechend nennen, schien ihn weit weniger unangenehm zu afficiren, als unsere Wohlgerüche. So sagte er z. B. er wolle weit lieber Katzenkoth riechen, weil er ihm weniger im Kopf weh thue, als Pomade, und weit lieber jede Art Koth, als kölnisches Wasser oder gewürzte Chocolade. Der Geruch von frischem Fleisch war ihm der schrecklichste von allen; sogar der Gestank von Katzenkoth und der Geruch von Stockfischen war ihm erträglicher. Als Professor Daumer (im Herbst 1828) mit Kaspar dem Johanniskirchhofe bei Nürnberg nahe kam, wirkte der Todengeruch, von welchem Professor Daumer selbst nicht das mindeste spürte, so stark auf ihn, daß er sogleich zu frieren anfing und die Gebehrden des Schauders machte. Der Frost ging bald nachher in Fieberhitze über, die zuletzt in einen heftigen Schweiß ausbrach, der sein Hemd durch und durch tränkte. Solche Hitze, sagte er später, habe er noch nie empfunden. Auf dem Rückweg in der Nähe des Stadtthors wurde ihm wieder wohl; doch klagte er, daß es ihm vor seinen Augen dunkler geworden sei. Aehnliche Zufälle erlitt er, als er einmal (am 18. September 1828) lange neben einem Tabaksfelde herzugehen hatte.
Auf die besondere Beschaffenheit des ~Gefühlvermögens~ Kaspars und dessen Empfänglichkeit, besonders für Metallreize, ward Prof. Daumer zuerst aufmerksam, als jener sich noch auf dem Thurm befand. Hier machte ihm einst ein Fremder ein Geschenk mit einem Spielpferdchen und einer kleinen Magnetstange, womit jenes, welches vorn mit Eisen beschlagen war, im Wasser schwimmend herumgezogen werden konnte. Als Kaspar den Magnet, nach der Anweisung gebrauchen wollte, fühlte er sich von demselben sogleich auf das unangenehmste afficirt, verschloß dieses Spielzeug alsbald in das dazu gehörige Kästchen, und holte es nie wieder aus demselben hervor, um es -- wie er mit seinen andern Spielsachen zu thun pflegte -- den Besuchenden zu zeigen. Späterhin über den Beweggrund seines Benehmens befragt, äusserte er: jenes Pferdchen habe ihm einen Schmerz verursacht, den er durch den ganzen Leib in allen Gliedern gespürt habe. Nachdem er zu Prof. Daumer gezogen war, hielt er das Kästchen mit dem Magnet in einem Koffer verwahrt, aus welchem es einmal beim Aufräumen seiner Sachen zufällig wieder zum Vorschein kam. Professor Daumer, der sich der frühern Erscheinung erinnerte, kam jetzt auf den Gedanken, mit dem Magnet des Pferdchens an Kaspar einen Versuch zu machen. Kaspar spürte sogleich die auffallendsten Wirkungen. Hielt Professor Daumer den Nordpol gegen ihn, so griff Kaspar in die Gegend der Herzgrube, und zog seine Weste auswärts, indem er sagte: ~so ziehe es ihn, es gehe wie ein Luftzug von ihm aus~. Der Südpol wirkte weniger stark auf ihn und er sagte von ihm: ~es wehe ihn an.~ Prof. Daumer und Prof. Herrmann machten hierauf verschiedentlich ähnliche Versuche mit ihm, welche zugleich darauf berechnet waren, ihn irre zu führen; doch immer sagten ihm jene Empfindungen ganz richtig, und zwar bei bedeutender Ferne des Magnets, wann der Südpol oder der Nordpol oder auch keiner von beiden ihm zugewendet war. Lange durften solche Versuche nicht fortgesetzt werden, weil ihm bald der Schweiß auf die Stirne trat und er sich unwohl fühlte.
Ueber seine Empfindlichkeit gegen andere Metalle und dessen Gabe, sie durch das bloße Gefühl zu unterscheiden, hat Prof. Daumer sehr viele Thatsachen gesammelt, aus welchen ich jedoch nur Einige heraushebe. Im Herbst 1828 kam er einst zufällig in ein mit Metall- besonders Messing-Waaren angefülltes Gewölbe. Kaum war er eingetreten, so eilte er unter Aeusserungen heftigen Schauders, wieder auf die Strasse hinaus, indem er sagte: da drinnen ziehe es ihn am ganzen Körper, von allen Seiten. -- Ein ihn besuchender Fremder drückte ihm einmal ein kleines Goldstück, ungefähr von der Größe und Dicke eines Kreuzers in die Hand, ohne daß Kaspar es ansehen konnte; dieser aber sagte sogleich: er fühle Gold in seiner Hand. -- Prof. Daumer legte einst in Kaspars Abwesenheit einen goldnen Ring, einen Zirkel von Stahl und Messing, nebst einer silbernen Reißfeder unter Papier, so daß es unmöglich war, zu bemerken, was darunter verborgen sei. Daumer befahl ihm, mit seinem Finger, jedoch ohne das Papier zu berühren, darüber hinzufahren; es geschah und an der Verschiedenheit und Stärke des Zugs, den die Metalle gegen seine Fingerspitzen ausübten, unterschied er richtig alle jene Gegenstände, nach ihrem Stoff, wie nach ihrer Form. -- Einst führte Daumer, als gerade der Arzt =Dr.= Osterhausen und der Königliche Kronfiskal Brunner aus München zugegen waren, den Kaspar, um ihn auf die Probe zu stellen, zu einem mit einer Wachsdecke überzogenen Tisch, auf welchem ein Bogen Papier lag, und forderte ihn auf, zu sagen, ob kein Metall darunter liege? Er fuhr mit dem Finger in einiger Entfernung darüber hin und sagte dann: da zieht es! »Diesmal aber,« erwiderte Daumer, »hast Du Dich denn doch getäuscht; denn siehe (indem er den Bogen Papier aufhob) es liegt nichts darunter.« Hauser zeigte sich Anfangs betroffen, fühlte aber doch von neuem nach der Stelle hin, wo er den Zug gespürt haben wollte, und versicherte wiederholt: da fühle er einen Zug. Man hob nun die Wachsdecke auf, suchte genau nach, und es kam eine Nadel zum Vorschein. -- Das Gefühl, welches ihm Mineralien erregten, bezeichnete er durch ein Ziehen, das ihn zugleich mit Kälte überlaufe, nach Verschiedenheit der Gegenstände, in seinem Arm mehr oder weniger hoch aufsteige, und auch sonst noch sich eigenthümlich unterscheide. Dabei schwollen ihm sichtbar die Adern der Hand, die dem Metallreitze ausgesetzt gewesen war. Gegen Ende des Decembers 1828 -- wo die krankhafte Reitzbarkeit seiner Nerven beinahe schon ganz gehoben war -- verschwand auch allmählig seine Empfindlichkeit für Metallreitze und verlor sich endlich ganz.
Nicht minder auffallend äußerte sich in ihm der ~thierische~ Magnetismus, für welchen er weit längere Zeit, als für Metallreitze Empfänglichkeit behielt. Da jedoch diese Erscheinungen an Kaspar im Wesentlichen mit ähnlichen bekannten übereinstimmen, so ist es überflüssig, ins Einzelne einzugehen, und es dürfte wohl nur zu bemerken sein, daß er die Empfindung des auf ihn einströmenden magnetischen Fluidums immer ein Anblasen nannte. Solche magnetische Empfindungen hatte er nicht blos bei Menschen, wenn diese mit der Hand ihn berührten, die Fingerspitzen, selbst in einiger Entfernung, gegen ihn ausstreckten u. s. w., sondern auch bei Thieren. Wenn er ein Pferd anfaßte, ging es ihm, wie er sagte, kalt den Arm hinauf; setzte er sich darauf, so war ihm, als gehe ihm ein Luftzug durch den Leib. Diese Empfindungen vergingen jedoch sobald er sich mit seinem Pferd ein Paarmal auf der Reitbahn herum getummelt hatte. Griff er eine Katze beim Schweif an, so überfiel ihn ein starker Kälteschauder und es war ihm, als habe er einen Schlag auf die Hand bekommen. -- Im März 1829 wurde er zum erstenmal in eine Hütte geführt, worin ausländische Thiere zu sehen waren, und, nach seinem Wunsch, auf den dritten Platz gestellt. Sogleich beim Eintritt empfand er ein Fieberfrösteln, das, als die gereitzte Klapperschlange zu rasseln begann, viel stärker wurde, und bald in Hitze mit vielem Schweiß überging. Der Blick der Schlange war dem Platze, wo er stand, nicht zugewendet. Er war sich übrigens dabei, wie er versicherte, weder des Schreckens noch der Furcht bewußt.
Wir verlassen nunmehr die physische und physiologische Seite Kaspars, um in eine tiefere Region seines Wesens einige Blicke zu werfen, die, indem sie uns die Schärfe seines natürlichen Verstandes verrathen, zugleich auf sein Lebens-Schicksal und auf die gänzliche Verwahrlosung, worin menschliche Verruchtheit ihn versenkt hatte, den bündigsten Schluß ziehen lassen. In seiner Seele voll kindlicher Güte und Milde, die ihn unfähig machte, einem Wurm oder einer Fliege, geschweige einem Menschen wehe zu thun, welche in jeder Beziehung so fleckenlos und rein sich erwies, wie der Abglanz des Ewigen in der Seele eines Engels, brachte er, wie schon früher bemerkt worden, keine Idee, keine Ahnung von Gott, keinen Schatten eines Glaubens an irgend ein höheres, unsichtbares Dasein, aus seinem Kerker mit sich in die Welt des Lichts. Wie ein Thier aufgefüttert, selbst im Wachen schlafend, in der Wüste seines engen Kerkerraums von nichts angeregt, als von den gröbsten thierischen Bedürfnissen, mit nichts beschäftigt als mit seinem Futter und mit dem ewigen Einerlei seiner Rosse, war sein Seelenleben dem Leben der Auster zu vergleichen, die am Felsen klebend, nichts empfindet als ihren Fraß, nichts vernimmt als den ewig einförmigen Schlag der Wellen, und, da im engen Raum ihres Gehäuses auch die beschränkteste Vorstellung von einer Welt ausser ihr keinen Platz findet, noch weniger von demjenigen etwas zu ahnen vermag, was ~über~ der Erde und über allen Welten ist. So kam denn Kaspar freilich ohne Vorurtheile, aber auch ohne allen Sinn für Unsichtbares, Unkörperliches, Ewiges auf die obere Welt, wo er, vom betäubenden Strudel der Aussendinge erfaßt und umhergetrieben, mit den sichtbaren Wirklichkeiten schon allzuviel zu thun hatte, als daß auch noch das Bedürfniß zum Unsichtbaren in ihm so leicht hätte aufkommen können. Nichts hatte Anfangs Wirklichkeit für ihn, als was er sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken konnte; und sein erwachter, bald auch grübelnder Verstand ließ von allem dem nichts gelten, was nicht auf seinem sinnlichen Bewußtsein fußte, nicht in den Bereich seiner Sinne gestellt, in die Form eines ihm nahe liegenden groben Verstandesbegriffs gebracht werden konnte. Lange waren alle Bemühungen, auf gewöhnlichem Weg religiöse Vorstellungen in ihm zu erwecken, ganz fruchtlos. Gegen Professor Daumer beklagte er sich ganz naiv, daß er gar nicht wisse, was doch die Geistlichen mit allen den Dingen wollten, die er nicht begreifen könne. Um seinen plump materialistischen Vorstellungen etwas abzugewinnen, versuchte es Professor Daumer auf folgende Weise, ihn wenigstens vorläufig für die Denkbarkeit und Möglichkeit einer unsichtbaren Welt, besonders einer Gottheit, empfänglich zu machen. Daumer fragte ihn: ob er nicht Gedanken, Vorstellungen und einen Willen in sich habe? und, als er es bejahte: ob er diese sehen, hören u. s. w. könne? Da er mit Nein antwortete, machte ihm sein Lehrer bemerklich: wie es folglich, nach seinem eignen Bewußtsein, Dinge gebe, die man nicht sehen, noch sonst äusserlich wahrnehmen könne. Kaspar gestand dieses zu und war sehr erstaunt über die Entdeckung der unkörperlichen Natur seines innern Wesens. Daumer fuhr fort: »ein Wesen, das Denken und Wollen könne, heiße ein Geist, Gott sei nun ein solcher Geist und verhalte sich zu der Welt, wie Kaspars eignes Denken und Wollen zu seinem Körper; wie er (Kaspar) in seinem Körper durch unsichtbares Denken und Wollen sichtbare Veränderungen hervorbringen, z. B. seine Hände und Füße bewegen könne, so könne es auch Gott in der Welt; Er sei das Leben in allen Dingen, Er sei der in der ganzen Welt wirkende Geist.« -- Professor Daumer befahl ihm jetzt, seinen Arm zu bewegen, und fragte ihn: »ob er nicht zu gleicher Zeit auch den andern Arm aufheben und bewegen könne?« Allerdings! »Nun denn,« fuhr Daumer fort, »so siehst Du also daraus, daß Dein unsichtbares Denken und Wollen, das ist Dein Geist zu gleicher Zeit in zweien Deiner Glieder, also an zwei verschiedenen Orten zugleich sein und wirken kann. Dieses ist denn eben so bei Gott, aber im Großen, und nun wirst Du ungefähr verstehen, was das heißt: Gott ist allgegenwärtig.« -- Kaspar bezeigte große Freude als ihm dieses klar geworden war und äusserte zu seinem Lehrer: was er ihm da gesagt habe, sei doch etwas »Wirkliches«, während andere Leute nie etwas Rechtes ihm darüber gesagt hätten. -- Belehrungen, wie die oben bemerkten, hatten übrigens lange Zeit keine andere Folge, als daß Hauser gegen die Idee von Gott sich nicht mehr widerspenstig bezeigte und nun der Weg gefunden war, auf welchem man religiöse Vorstellungen seiner Seele nahe bringen könne. Der ihm eingebohrne Pyrrho kam indessen bei vielen Gelegenheiten immer wieder von neuem, in veränderter Gestalt und nach andern Richtungen hin zum Vorschein. -- Einmal fragte er: ob er von Gott etwas Bestimmtes bitten dürfe und ob ihm das Gebetene auch gewährt werde? z. B. wenn er Gott bitte, ihm von seinem (damals eingetretenen) Augenübel zu helfen? Allerdings, war die Antwort, dürfe er bitten; nur müsse er es der Weisheit Gottes anheimstellen, ob dieser es auch für gut finde, ihm seine Bitte zu gewähren. »Aber, erwiderte er hierauf, ich will ja meine Augen wieder haben, damit ich lernen und arbeiten kann, und das muß ja doch gut für mich sein; Gott kann also nichts dagegen haben.« Wurde er hierauf belehrt: Gott habe zuweilen seine unerforschlichen Gründe, uns auch das, was uns gut scheint, zu versagen, um uns z. B. durch Leiden zu prüfen, in Geduld zu üben u. s. w. so gingen diese Lehren immer nur kalt an ihm vorüber, und fanden keine Anerkennung. -- Seine Zweifel, Fragen und Einwendungen setzten nicht selten seinen Lehrer in nicht geringe Verlegenheit; z. B. als er einst, da von Gottes Allmacht die Rede war, die Frage stellte: ob denn Gott, der Allmächtige, auch die Zeit könne rückgängig machen? eine Frage, welche auf sein früheres Lebensschicksal eine ironische bittere Beziehung hatte, und im Hintergrund die Frage versteckte: ob denn Gott seine Kindheit und Jugend, die er lebendig in einem Grabe verloren, ihm wieder zurückgeben könne? -- Aus diesem wenigen mag man schließen, wie es vollends mit der positiven Religion, mit der christlichen Dogmatik, mit dem Geheimniß der Versöhnungslehre und andern dergleichen Lehren stand, worüber seine Aeusserungen anzuführen ich mich gern enthalte.
Vor zwei Ständen hatte Kaspar geraume Zeit einen nicht zu bezwingenden Abscheu, -- vor den Aerzten und den Geistlichen; vor den ersten »wegen der abscheulichen Arzneien, die sie verschrieben, und womit sie die Leute krank machten«; vor den letzten, weil sie ihn ängstigten und durch unverständliches Zeug, wie er sich ausdrückte, verwirrten. Sah er einen Pfarrer, so gerieth er in Schreck und Entsetzen. Fragte man ihn um die Ursache, so antwortete er: »weil mich diese Leute schon sehr gepeinigt haben. Einmal sind ihrer vier auf einmal zu mir auf den Thurm gekommen und haben mir Dinge gesagt, die ich damals gar nicht verstanden habe, z. B., daß Gott Alles aus Nichts geschaffen. Wenn ich um Erläuterung bat, so schrieen alle zusammen und jeder sagte etwas anderes. Als ich ihnen sagte: das alles verstehe ich jetzt noch nicht, ich müsse zuerst lesen und schreiben lernen, so antworteten sie mir: jene Dinge müsse man zuerst lernen. Auch sind sie nicht eher fortgegangen, bis ich ihnen das Verlangen zu erkennen gab, sie möchten mich doch endlich einmal in Ruhe lassen.« In Kirchen war es daher Kasparn ebenfalls gar nicht wohl zu Muthe. Die Cruzifixe darin erregten ihm ein entsetzliches Schaudern, indem seine Vorstellung noch lange Zeit den Bildern unwillkührlich Leben verlieh. Das Singen der Gemeinde dünkte ihm ein widerliches Schreien. Zuerst, sagte er einmal nach einem Kirchenbesuche, schreien die Leute, und, wenn diese aufhören, fängt der Pfarrer zu schreien an.
VII.
Kaspar Hausers Gesundheit hatte unter sorgfältiger Pflege der würdigen Daumer'schen Familie, bei zweckmäßiger Leibesbewegung und angemessener Beschäftigung bedeutend gewonnen. Er lernte fleißig, nahm zu an allerlei Kenntnissen, machte Fortschritte im Rechnen und Schreiben, und brachte es im letzten bald so weit, daß er, ungefähr im Sommer 1829, es unternehmen konnte, dem Verlangen seiner Vorgesetzten entsprechend, die Erinnerungen seines Lebens in einen schriftlichen Aufsatz zu bringen. Diesen ersten Versuch eigner Darstellung seiner Gedanken, so gewiß er nur als Urkunde seiner lange zurückgehaltenen Bildung, und der Dürftigkeit und Ungelenkigkeit seines noch ganz kinderhaften Geistes gelten konnte, betrachtete gleichwohl er selbst mit den Augen eines jungen Autors, der sein erstes Feder-Product aus der Presse hervorgehen sieht. In seinem Schriftstellerkitzel wurde die sogenannte ~Lebensbeschreibung~ den ihn besuchenden Einheimischen und Fremden vorgezeigt, und bald erzählte man sogar in mehreren öffentlichen Blättern: -- Kaspar Hauser arbeite an seiner Lebensbeschreibung. Sehr wahrscheinlich, daß gerade dieses Gerücht die Katastrophe herbeiführte, die bald nachher, im October desselben Jahrs (1829), seinem kurzen Leben ein tragisches Ende zu bereiten die Absicht hatte.
Kaspar Hauser -- wenn es erlaubt ist, hier Vermuthungen einzuflechten -- war dem- oder denjenigen, die ihn im Verborgenen verwahrten, endlich zur gefährlichen Last geworden. Das Kind, das man lange gefüttert hatte, war zum Knaben, endlich zum Jüngling herangewachsen. Er fing an unruhig zu werden, es regten sich seine Kräfte, er machte schon zuweilen Lärm und mußte durch empfindliche Schläge -- wovon er noch die frischen Spuren nach Nürnberg mitbrachte -- zur Ruhe gebracht werden. Warum man sich seiner nicht auf anderem Weg entledigte? warum man ihn nicht tödtete? warum man ihn überhaupt nicht schon als Kind aus der Welt geschafft? ob er nicht vielleicht seinem Wärter in mörderischer Absicht übergeben worden, dieser aber, entweder aus Mitleid oder um gewisse, dem auf die Seite geschafften Kind günstigere Zeiten abzuwarten, oder aus andern, leicht denkbaren Beweggründen, das Kind auf eigne Gefahr beim Leben erhalten und aufgefüttert habe? bleibt der Vermuthung eines Jeden Preis gegeben. Indessen -- die Zeit war gekommen, oder vielmehr sie war nicht gekommen; der Verheimlichte konnte nicht länger verborgen gehalten werden, man mußte seiner auf irgend eine Weise los zu werden suchen und -- schaffte ihn im Bettlergewand nach Nürnberg, wo er, wie man hoffte, als Vagabund oder Blödsinniger in irgend einer öffentlichen Anstalt, oder, wenn die ihm mitgegebene Empfehlung zum Reiterstand berücksichtigt wurde, als Soldat in einem Regiment verschwinden sollte. Gegen alle Erwartung traf keine dieser Berechnungen ein; der unbekannte Findling gewann sich menschliche Theilnahme, wurde Gegenstand öffentlicher allgemeiner Aufmerksamkeit; die Tagblätter füllten sich mit Nachrichten und Nachfragen über den räthselhaften jungen Mann; erst ein Adoptiv-Kind Nürnbergs, wofür ihn der Magistrat dieser Stadt in seiner öffentlichen Bekanntmachung erklärt hatte, wird er endlich sogar das Kind -- Europa's. Man spricht aller Orten von Kaspars geistiger Entwickelung, man erzählt dem Publicum Wunder von seinen Fortschritten und -- nun schreibt sogar dieser Halbmensch seine Lebensbeschreibung! Wer sein Leben beschreibt, muß von seinem Leben etwas zu erzählen wissen; es mußte daher denen, die alle Ursache hatten, in der Dunkelheit zu bleiben, welche sie um sich selbst und die zu ihnen führenden Spuren gezogen hatten, bei der Nachricht von einer Auto-Biographie Kaspars etwas eng um die Brust werden. Der Plan, den armen Kaspar in den Wellen der ihm fremden Welt lebendig zu begraben, war vereitelt; und nun erst wurde, wie die geheimen Verbrecher glauben mochten, Kaspars Ermordung für sie eine Art von Nothwehr.
Kaspar pflegte Vormittags von 11-12 Uhr ausser dem Haus eine Rechnungsstunde zu besuchen. Aber am Sonnabend den 17. October blieb derselbe, weil er sich unwohl fühlte, auf Geheiß seines Erziehers, zu Haus. Prof. Daumer machte um diese Zeit einen Spaziergang, und, ausser Kaspar, den man auf seinem Zimmer wußte, blieb Niemand in der Daumer'schen Wohnung zurück, als Daumers Frau Mutter und dessen Schwester, die um diese Zeit mit Reinigung des Hauses beschäftigt war.
Das Haus, in welchem Kaspar bei Daumer wohnte, liegt in einem entfernten wenig besuchten Theil der Stadt, auf einem ausserordentlich großen, kaum übersehbaren öden Platz. Das Haus, nach alter Nürnberger Bauart, äusserst unregelmäßig gebaut, voll Ecken und Winkel, besteht aus einem Vordergebäude, welches der Hausherr bewohnte, und einem Hintergebäude, in welchem die Daumer'sche Familie ihre Wohnung hatte. Eine eigne Hausthüre führt über einen, den Hofraum von zwei Seiten einschließenden, Gang zur Treppe des Daumer'schen Quartiers und auf jenem Gang ist, nebst einem Holzstall, Geflügelraum und andern ähnlichen Behältnissen, dicht unter einer Wendel-Treppe, in einem Winkel, ein sehr niedriger, schmaler, enger Abtritt. Der ohnehin kleine Raum, in welchem sich der Abtritt befindet, war durch eine davor stehende spanische Wand noch mehr verengt.
So oft Kaspar dieses heimliche Gemach besuchen wollte, legte er, nach seiner Gewohnheit, aus Reinlichkeitsliebe, immer erst Rock und Weste auf seinem Zimmer ab, und ging so, bis auf die Hosen entkleidet, im bloßen Hemd mit nacktem Hals auf jenes Gemach. Noch ist zu bemerken, daß wer, auf dem eben bezeichneten Gang zu ebener Erde, allenfalls in der Nähe der Holzkammer sich befindet, sehr gut beobachten kann, wer von der Treppe herab kommt und auf den Abtritt geht.