Kaspar Hauser

Part 5

Chapter 53,127 wordsPublic domain

»Die mannichfaltigen Eindrücke, welche den, bisher in einem Kerker lebendig begrabenen, von aller Welt abgeschiedenen, sich selbst überlassenen Kaspar Hauser ringsum bestürmten, als er mit einem Male in die Welt und unter die Menschen hineingeworfen wurde, und welche nicht einzeln, sondern in Masse auf ihn einwirkten, die verschiedenartigsten Eindrücke der freien Luft, des Lichts, der ihn umgebenden Gegenstände, die ihm alle neu waren, dann das Erwachen seines geistigen Ichs, seine aufgeregte Lern- und Wißbegierde, seine veränderte Lebensweise u. s. w., alle diese Eindrücke mußten ihn nothwendig gewaltsam erschüttern und endlich, zumal bei seinem so sehr empfindlichen Nervensystem, seiner Gesundheit nachtheilig werden. -- Ich fand ihn, als ich ihn wieder sah, ganz verändert. Er war traurig, sehr niedergeschlagen und ermattet. Die Reizbarkeit seiner Nerven war krankhaft erhöht. Seine Gesichtsmuskeln zuckten beständig. Seine Hände zitterten so sehr, daß er kaum etwas halten konnte. Seine Augen waren entzündet, konnten das Licht nicht vertragen und schmerzten ihn bedeutend, wenn er lesen oder einen Gegenstand aufmerksam betrachten wollte. Sein Gehör war so empfindlich, daß schon jedes laute Sprechen ihm heftige Schmerzen verursachte und er daher die Musik, die er so leidenschaftlich liebte, nicht mehr hören konnte. Er hatte Mangel an Eßlust, mangelhaften, erschwerten Stuhlgang, klagte über Beschwerden im Unterleibe und fühlte sich durchaus unbehaglich. -- Ich war nicht wenig wegen seines Zustandes besorgt, da es nicht möglich war, ihm mit Arzneien beizukommen; theils weil er einen unbezwingbaren Abscheu vor Allem, Wasser und Brod ausgenommen, hatte, theils weil, wenn er auch welche hätte nehmen können, zu befürchten war, es möchte selbst das indifferenteste Mittel zu heftig auf seine so sehr gereizten Nerven einwirken u. s. w.«

Kaspar Hauser wurde am 18. Juli aus seiner Wohnung auf dem Thurm erlöst und dem an Geist und Herz gleich vorzüglichen Gymnasial-Professor, Herrn Daumer, der sich bisher schon der Unterweisung und Bildung dieses Menschen väterlich angenommen hatte, zur Erziehung und häuslichen Pflege übergeben. Er fand in der Familie dieses Mannes -- einer würdigen Mutter und der Schwester seines Erziehers -- gewissermaßen den Ersatz für diejenigen Wesen, die ihm die Natur gegeben und Menschenbosheit genommen hatte.

Auf den großen Andrang der Neugierigen, denen Kaspar Hauser bisher im Thurm Preis gegeben war, mag man aus dem einzigen Umstand den Schluß ziehen, daß der Magistrat zu Nürnberg, sobald Kaspar dem Professor Daumer übergeben war, sich veranlaßt sah, am 19. Juli in öffentlichen Blättern folgendes Publicandum zu erlassen:

»Vom Magistrat der Stadt Nürnberg ist der heimathlose Kaspar Hauser zur gehörigen Entwickelung seiner körperlichen und geistigen Kräfte einem besondern, hiezu geeigneten Lehrer übergeben worden. Damit aber beide hierin keine Störung erleiden, und dem Kaspar Hauser die ihm in jeder Beziehung höchst nöthige Ruhe zu Theil und erhalten werde, ist der Erzieher angewiesen worden, keine Besuche bei Hauser mehr zuzulassen, und das gesammte Publicum wird daher hiermit ebenfalls angewiesen, sich derselben gänzlich zu enthalten, und sich dadurch der Wegweisung zu überheben, welche im Falle der Zudringlichkeit mit polizeilicher Hülfe erfolgen müßte«[30].

Kaspar Hauser bekam zuerst bei Professor Daumer, statt seines Strohlagers auf dem Thurm, zur Schlafstätte ein ordentliches Bett, was ihm ganz ausserordentlich behagte. Oefters äußerte er: das Bett sei das einzige Angenehme, das ihm noch auf dieser Welt vorgekommen; alles übrige sei gar schlecht. -- Erst seit er in einem Bette schlief, hatte er Träume, die er aber Anfangs nicht für Träume erkannte, sondern beim Erwachen seinem Lehrer als wirkliche Begegnisse erzählte, indem er zwischen Wachen und Träumen erst später einen Unterschied zu machen lernte[31].

Eine der schwersten Aufgaben war es, ihn an ordentliche Kost zu gewöhnen, was nur langsam und mit vieler Mühe und Vorsicht gelang[32]. Am frühesten verstand er sich zur Wassersuppe, die ihm täglich mehr behagte, weshalb er meinte, sie werde täglich besser zubereitet, und zuweilen fragte: warum man sie ihm denn nicht gleich Anfangs so gut gemacht habe? Auch Mehlspeisen, Hülsenfrüchte und was sonst mit dem Brod Aehnlichkeit hat, sagte ihm zu. Indem man ihm erst einzelne Tropfen Fleischbrühe unter seine Wassersuppe mischte, dann wenige, stark ausgekochte Fleischfasern ihn zu seinem Brode essen ließ, und diese Gaben mit Vorsicht nach und nach steigerte, gewöhnte man ihn allmählig an Fleischspeisen. Prof. Daumer macht in seinen über Kaspar H. gesammelten Notizen die Bemerkung: »nachdem dieser zuletzt ordentlich Fleisch essen gelernt, habe sich seine geistige Regsamkeit vermindert, die Augen hätten ihren Glanz und Ausdruck eingebüßt, sein lebendiger Trieb nach Thätigkeit habe nachgelassen, und das Intensive seines Wesens sei in Zerstreuungssucht und Gleichgültigkeit übergegangen; auch habe seine Fassungskraft bedeutend abgenommen.« Ob dieses gerade Folge der Fleischspeisen, oder nicht vielmehr Folge der nun in Abstumpfung übergehenden schmerzhaften Ueberreitzung gewesen? bleibt wohl mit Recht unentschieden. Mit mehr Zuverlässigkeit ist hingegen anzunehmen, daß der Genuß warmer Kost und einiger Fleischspeisen auf sein Wachsthum bedeutenden Einfluß haben mußte; im Daumerschen Hause wurde er in wenigen Wochen um mehr als zwei Zolle größer.

Da seine entzündeten Augen und sein mit jeder Anstrengung des Gesichts verbundenes Kopfweh ihm das Lesen, Schreiben, Zeichnen, unmöglich machten, beschäftigte ihn Hr. Daumer mit Papparbeiten, worin er sehr bald nicht geringe Geschicklichkeit erlangte; auch lehrte er ihn das Schachspiel, das er ebenfalls bald erlernte, und mit Vergnügen übte. Ausserdem beschäftigte man ihn mit leichten Gartenarbeiten und machte ihn mit den verschiedenen Erzeugnissen, Erscheinungen und Kräften der Natur bekannt, wo dann kein Tag verging, der ihn nicht unzählig Neues gelehrt oder ihm Gegenstände des Befremdens, der Bewunderung, des Erstaunens zugeführt hätte.

Nicht geringe Mühe und häufige Zurechtweisungen kostete es, ihm den Unterschied zwischen dem Organischen und Unorganischen, dem Lebenden und Todten, so wie zwischen freiwilliger und von aussen mitgetheilter Bewegung begreiflich und geläufig zu machen. Vieles was eine Menschen- oder Thiergestalt hatte, mochte es aus Stein gehauen, aus Holz geschnitzt oder gemahlt sein, hielt er noch immer für beseelt und mit allen den Eigenschaften begabt, die er an sich selbst oder andern beseelten Wesen wahrnahm. Bei den an den Häusern der Stadt gemahlten oder ausgehauenen Pferden, Einhörnern, Straußen &c. kam es ihm sehr verwunderlich vor, daß sie immer an einer Stelle blieben, und nicht davon liefen. -- Gegen eine Statue in dem Hausgarten äusserte er seinen Unwillen, daß sie so schmutzig aussehe und sich doch nicht wasche. -- Als er zum erstenmal das große Cruzifix des Veit Stoß an der Aussenseite der Sebalduskirche sah, erregte ihm dieser Anblick Entsetzen und Jammer; er bat flehentlich, man möge den gequälten Menschen da droben herunternehmen, und wollte sich lange nicht zufrieden geben, obgleich man ihm zu erklären versucht hatte, daß dieses kein wirklicher Mensch, sondern nur ein Bild sei und nichts empfinde. -- Jede Bewegung, die er an was immer für einem Gegenstande wahrnahm, hielt er für freiwillig und das Ding, woran sie sich äusserte, für belebt. Ein Blatt Papier, das der Wind herabwehte, war vom Tisch hinweggelaufen; ein von einer Anhöhe herabrollendes Kinderwägelchen, machte sich das Vergnügen, sich selbst von der Höhe herabzufahren. Der Baum bekundete ihm Leben, indem er seine Zweige und Blätter bewegte, und sprach, wenn der Wind durch seine Blätter rauschte. -- Einem Knaben, der mit einem Stecken auf den Stamm eines Baumes schlug, bezeigte er seinen Unwillen darüber, daß er dem Baum so wehe thue. -- Die Kugeln einer Kegelbahn liefen, nach seinen Aeußerungen zu schließen, freiwillig, thaten andern Kugeln wehe, und waren, wenn sie endlich still standen, vom Laufe müde. Prof. Daumer bemühte sich eine Weile vergebens, ihm die Ueberzeugung beizubringen, daß eine Kugel sich nicht freiwillig bewege. Es gelang ihm dieses erst dadurch, daß er Kasparn selbst aus seinem Brod eine Kugel formen, und ihn dieselbe dann vor sich herrollen ließ. -- Daß ein Brummkreisel, den er schon eine Weile hatte tanzen lassen, nicht freiwillig sich bewege, wurde ihm erst klar, als ihm, vom öftern Aufziehen der Schnur, der Arm wehe that und er sich dadurch seiner eignen Kraft, die er bei jener Kreiselbewegung verwendet hatte, fühlbar bewußt wurde.

Vollends den Thieren legte er längere Zeit dieselben Eigenschaften, wie den Menschen bei und schien sie von diesen nur durch ihre Gestalt zu unterscheiden. Er ärgerte sich darüber, daß die Katze blos mit dem Mund esse, ohne dabei ihre Hände zu gebrauchen. Er wollte sie dann das Essen mit den Pfoten lehren, versuchte sie aufrecht gehen zu machen, sprach mit ihr wie mit seines Gleichen und bezeigte Unwillen, daß sie gar nicht darauf achte und nichts lernen wolle. Dagegen lobte er gar sehr die Folgsamkeit eines Hundes. -- Als er eine graue Katze sah, fragte er, warum sie sich nicht wasche, damit sie weiß werde. -- Da er Ochsen auf dem Strassenpflaster gelagert sah, verwunderte er sich, daß sie nicht nach Hause gingen und sich da niederlegten. -- Ganz zuwider war es ihm, daß die Pferde, Ochsen u. s. w. die Straße verunreinigten, und nicht, wie er, auf den Abtritt gingen. Sagte man ihm, bei diesem oder jenem was er von den Thieren verlangte, sie könnten dieses nicht, so war er gleich mit der Antwort bei der Hand: sie möchten es dann nur lernen; er habe ja auch schon vieles gelernt, und müsse noch immer vieles lernen.

Vom Entstehen und Wachsen des Organischen in der Natur hatte er Anfangs noch weniger eine Vorstellung. Er äusserte sich immer so, als wären alle Bäume in den Boden hineingesteckt, alle Blätter, Blumen und Blüthen von Menschen-Händen gemacht und daran gehängt. Den ersten Stoff zu einer Vorstellung vom Entstehen der Pflanzen gewann er, nachdem er, auf Geheiß seines Lehrers, mit eigener Hand einige Bohnen in einen Blumentopf gesteckt hatte, und er diese nun, gleichsam unter seinen Augen, keimen und Blätter treiben gesehen hatte. -- Ueberhaupt pflegte er fast bei jedem, ihm neuen und auffallenden Naturgegenstande zu fragen: wer dieses Ding gemacht habe?

Für die Schönheiten der Natur hatte er fast gar keinen Sinn. Die Natur schien ihn nur in so weit anzusprechen, als sie seine Neugier beschäftigte und ihm zu der Frage Anlaß gab: wer dieses oder jenes Ding gemacht habe? -- Als er zum erstenmal einen Regenbogen sah, bezeigte er zwar daran in den ersten Augenblicken sein Wohlgefallen, wendete sich aber doch kurz darauf wieder von diesem Anblick ab, indem die Frage: wer dieses Ding gemacht habe? ihm weit mehr, als die Herrlichkeit der Erscheinung selbst am Herzen lag.

Ein Anblick machte jedoch hievon eine merkwürdige Ausnahme und wurde ein großes ihm unvergeßliches Ereigniß seines mehr und mehr sich entfaltenden geistigen Lebens. Es war im Monat August (1829), als ihm an einem schönen heitern Sommerabend sein Lehrer zum erstenmal den gestirnten Himmel zeigte. Sein Erstaunen und Entzücken überstieg jede mögliche Schilderung. Er konnte sich nicht satt daran sehen, kehrte immer wieder zu diesem Anblick zurück, faßte dabei die verschiedenen Sterngruppen richtig ins Auge, und bemerkte die ausgezeichneten hellen Sterne mit ihren verschiedenen Farben. »Das«, rief er aus, »das ist aber doch das Schönste, was ich noch auf der Welt gesehen habe. Wer aber hat die vielen schönen Lichter da hinaufgestellt? wer zündet sie an? wer löscht sie wieder aus?« Als man ihm sagte, daß sie, wie die Sonne, die er schon kenne, immer fortleuchteten, aber nicht immer gesehen würden, fragte er von neuem: wer sie denn da oben hinauf gesetzt habe, daß sie immer fortbrennten? Endlich verfiel er, indem er, gesenkten Kopfes, unbeweglich, mit starren Augen da stand, in tiefes ernstes Nachdenken. Als er wieder zu sich kam, war sein Entzücken in Schwermuth übergegangen. Er ließ sich zitternd auf einen Stuhl nieder und fragte: warum jener böse Mann ihn doch nur immer eingesperrt gehalten und von allen diesen schönen Sachen ihm gar nichts gezeigt habe? er (Kaspar) habe doch nichts böses gethan. Er brach hierauf in ein langes, schwer zu stillendes Weinen aus, und sagte: man möge nun auch einmal den Mann, bei dem er immer gewesen, auf ein Paar Tage einsperren, damit er wisse, wie hart dieses sei. Vor diesem großen Himmelsschauspiele hatte Kaspar noch nie Unwillen gegen jenen Mann geäussert, noch weniger von einer Bestrafung desselben etwas wissen wollen. Nur die Müdigkeit und der Schlummer vermochten seine Empfindungen zur Ruhe zu bringen; er schlief -- was vorher noch nie geschehen war -- erst gegen 11 Uhr ein.

Ueberhaupt begann er erst in Daumers Familie, wie es schien, über sein Schicksal nachzudenken und was dieses ihm vorenthalten und genommen, mehr und mehr zu erkennen und schmerzlich zu empfinden. Erst hier wurde ihm die Vorstellung von Familie, von Verwandtschaft und Freundschaft, von dem menschlichen Verhältniß zwischen Aeltern, Kindern und Geschwistern nahe gebracht; erst hier erhielten die Namen: Mutter, Schwester, Bruder, für ihn eine Bedeutung, indem Er sah, wie Mutter, Schwester, Bruder, durch gegenseitige Liebe verbunden, für einander sorgten und sich wechselseitig zu Gefallen lebten. Er wollte erklärt haben: was denn eigentlich Mutter sei? was Bruder? was Schwester? Man suchte ihn so gut als möglich durch eine schickliche Antwort zu befriedigen. Bald darauf fand man ihn auf seinem Stuhle sitzend mit Thränen in den Augen, und wie es schien, in tiefe Betrachtungen versunken. Als er gefragt wurde: was er denn wieder habe? antwortete er weinend: »er habe darüber nachgedacht, warum denn Er nicht auch eine Mutter, einen Bruder und eine Schwester habe? denn dies sei doch gar zu schön.«

Da seine hohe Reizbarkeit zu dieser Zeit das Ausruhen von jeder geistigen Anstrengung gebot, und vor allem die Kräfte seines schwächlichen Körpers der Uebung und Stärkung bedurften; so schien, nebst andern körperlichen Beschäftigungen, besonders auch das Reiten seiner Gesundheit förderlich werden zu können, zumal er hiezu besondere Lust bezeigte. Wie früher die hölzernen Rosse, waren schon längst die lebenden seine Lieblinge geworden. Unter allen Thieren war ihm das Pferd das schönste Geschöpf, und wenn er einen Reiter sein Roß tummeln sah, quoll seine Brust von dem Wunsche über: wenn er doch auch einmal so ein Roß unter sich haben könnte! Der Stallmeister zu Nürnberg, Herr von Rumpler, hatte bald die Gefälligkeit, diese Sehnsucht zu stillen; er nahm unsern Kaspar unter seine Schüler auf. Kaspar, mit der gespanntesten Aufmerksamkeit alles beobachtend, was ihm und andern Scholaren von dem Lehrer gezeigt und vorgemacht wurde, hatte sich schon in der ersten Stunde die Hauptregeln und Elemente der Reitkunst nicht blos gemerkt, sondern auch, nach den ersten Versuchen, sogleich angeeignet; und in wenigen Tagen war er bereits so weit, daß Scholaren, junge und alte, die schon mehre Monate lang Unterricht genossen hatten, in ihm ihren Meister erkennen mußten. Seine Haltung, sein Muth, die richtige Führung des Pferdes, setzten Jedermann in Erstaunen, und er traute sich zu, was, ausser ihm und seinem Lehrer, Niemand zu unternehmen wagte. Als einst der Stallmeister auf der Reitbahn ein eigenwilliges türkisches Roß umhergetummelt hatte, schreckte ihn dieser Anblick so wenig, daß er dieses Pferd sich selbst zum Reiten ausbat. -- Nachdem er sich einige Zeit lang geübt hatte, wurde ihm die Reitschule zu eng; er verlangte mit seinem Roß ins Freie und hier bewies er dann, nebst Geschicklichkeit, eine so unermüdliche Ausdauer, Härte und Zähigkeit des Körpers, daß es ihm die Geübtesten hierin kaum gleich thun konnten. Am liebsten hatte er muthige und harttrabende Pferde. Er ritt oft viele Stunden lang ununterbrochen, ohne müde zu werden, ohne sich wund zu reiten, oder nur in den Schenkeln oder im Gesäß Schmerzen zu empfinden. An einem Nachmittag ritt er, fast beständig in vollem Trab, von Nürnberg auf die sogenannte alte Veste und von da wieder zurück; und dieser Schwächling, der um dieselbe Zeit von einigen Gängen in der Stadt so müde geworden war, daß er sich um ein Paar Stunden früher als gewöhnlich erschöpft zu Bett legen mußte, kam von jenem gewaltigen Ritt wieder so frisch und kräftig nach Haus, als wenn er im Schritt nur von einem Thor der Stadt zum andern geritten wäre. Er scherzte zuweilen über die Unempfindlichkeit seines Gesäßes, indem er sagte: wäre alles an mir so gut, wie mein Hintertheil, so stünde es sehr gut mit mir. Daß das vieljährige Sitzen auf hartem Boden an dieser Unempfindlichkeit seines Hintertheils den meisten Antheil habe, wie Professor Daumer vermuthet, ist allerdings nicht unwahrscheinlich. Man könnte jedoch überdies, aus der Pferdelust Hausers und seiner gleichsam instinktmäßigen Reitergeschicklichkeit, den nicht ganz unhaltbaren Schluß ziehen: er möge von Geburt einer Reiternation angehören. Denn daß ursprünglich nur durch Kunst erworbene Fertigkeiten, mehre Generationen hindurch fortgesetzt, zuletzt sich als habituelle Neigung und besonders ausgezeichnete Anlage fortpflanzen können, ist nicht unbekannt, wofür die Schwimmfertigkeit der Südsee-Insulaner, die Scharfsichtigkeit der Jägernationen Amerika's u. s. w. als Beispiele dienen. Wenn ein gewisser feinriechender Polizeimann[33] durch das auffallende Reitertalent Kaspars zu der Vermuthung verleitet wurde: Kaspar sei vielleicht ein junger englischer Reiter, der seiner Bande entlaufen, um auf eigne Rechnung mit den gutmüthigen Nürnbergern Komödie zu spielen, so wird nicht leicht Jemand dem Erfinder die Ehre seiner Hypothese streitig machen wollen.

Was, nächst dem seltenen Reitertalent Hausers, während seines Aufenthalts bei Prof. Daumer, als Eigentümlichkeit sich besonders bemerklich machte, war die fast übernatürliche Beschaffenheit, Schärfe und Erhöhung aller seiner Sinne.

Was das ~Sehen~ betrifft, so gab es für ihn keine Dämmerung, keine Nacht, keine Finsterniß. Man wurde hierauf zuerst aufmerksam, als man bemerkte, daß er bei Nacht überall hin mit der größten Sicherheit vorwärts schreite, und daß er, so oft er an einen dunklen Ort ging, das ihm angebotene Licht ausschlug. Mit Verwunderung oder Lachen sah er öfters den Leuten zu, die an dunkeln Orten z. B. Nachts beim Eintritt in das Haus und beim Treppensteigen, durch Tappen und Anhalten sich zu helfen suchten. Im Dämmerlicht sah er sogar bei weitem besser als am hellen Tage. So las er, nach Untergang der Sonne, auf der Straße eine Hausnummer, die er bei Tage wenigstens in solcher Ferne nicht würde erkannt haben, auf ungefähr 180 Schritte weit. Bei tiefer Dämmerung machte er einst seinen Lehrer auf eine Mücke aufmerksam, die in einem sehr entfernten Spinnegewebe hing. In einer Entfernung von gewiß 60 Schritten unterschied er die Beeren der Trauben von den Hollunderbeeren, und diese von Schwarzbeeren. Bei völliger Nacht unterschied er, nach sorgfältig mit ihm angestellten Versuchen, die Farben, selbst verschiedene dunkle Farben, wie die blaue und grüne. Wenn, bei einbrechender Dämmerung, ein gewöhnliches weitsichtiges Auge nur erst drei oder vier Sterne am Himmel sah, erkannte er bereits die Sterngruppen und wußte die einzelnen Sterne darin, nach ihrer Größe und eigenthümlichem Farbenspiel zu unterscheiden. Vom Nürnberger Schloßzwinger aus zählte er eine Reihe Fenster des Schlosses Marloffstein, und von der Burg aus die Fensterreihe eines unterhalb der Festung Rothenberg liegenden Hauses. Sein Auge war eben so scharf in der Nähe, als weittragend in die Ferne. Bei Zergliederung von Blumen bemerkte er feine Unterschiede und zarte Theile, welche der Beobachtung Andrer ganz entgangen waren.

Fast nicht minder scharf und weitreichend war sein ~Gehör~. In einer verhältnißmäßig sehr großen Entfernung, hörte er bei einem Spaziergang auf dem Feld die Tritte mehrer Wandrer und unterschied diese Tritte nach ihrer Stärke. Einst hatte er Gelegenheit, die damalige Schärfe seines Gehörs mit dem noch feinern eines Blinden zu vergleichen, der jeden, auch noch so leisen Tritt eines Barfüßigen bemerkte. Bei dieser Gelegenheit äusserte er: früher sei sein Gehör eben so scharf gewesen, habe aber, seitdem er Fleisch zu essen angefangen, bedeutend abgenommen, so daß er nicht mehr durchs Gehör so fein unterscheiden könne, wie dieser Blinde.