Part 7
Als gegen 12 Uhr des oben bemerkten Tages die Schwester des Prof. Daumer, Katharina, mit Fegen der Wohnung beschäftigt war, wurde sie auf der Treppe, die von dem ersten Stockwerk nach dem Hof führt, mehrerer Blutflecken und blutiger Fußspuren gewahr, die sie sogleich aufwischte, ohne sich dabei etwas besonders Arges zu denken. Sie meinte, Kaspar möge auf der Treppe aus der Nase geblutet haben, und ging auf dessen Zimmer, um ihn darüber zur Rede zu stellen. Sie fand Kaspar nicht, wohl aber bemerkte sie in dessen Stube, nahe an der Thüre, ebenfalls ein Paar blutige Fußtritte. Nachdem sie wieder die Treppe herabgegangen war, um auch den oben bezeichneten Gang im Hofe zu fegen, fielen ihr abermals einzelne Blutspuren auf dem Steinpflaster dieses Ganges in die Augen. Sie kam bis zum Abtritt und hier lag ein ganzer dicker Haufen gestockten Bluts, das sie der eben herbeikommenden Tochter des Hausherrn zeigte, welche meinte: es sei dieses Blut von einer Katze, welche hier ihre Jungen geworfen habe. Daumers Schwester, welche dieses Blut sogleich hinwegschwemmte, war nun um so mehr in der Meinung bestärkt, Hauser habe die Unreinlichkeit auf der Treppe gemacht; er müsse in diese Blutlache getreten sein, und beim Hinaufgehen seine Füße nicht zuvor gereinigt haben.
Es war bereits 12 Uhr vorüber, der Tisch war gedeckt, und Kaspar, der sonst immer um diese Stunde pünktlich zum Essen kam, blieb diesmal aus. Die Mutter des Prof. Daumer ging daher aus ihrem Zimmer herab, um Kaspar zu rufen, fand ihn aber auf seiner Stube eben so wenig, als zuvor ihre Tochter. Frau Daumer sah an der Wand seinen Rock hängen, und auf dem Klavier seine Chemisette, Halsbinde und Weste. Sie schloß hieraus für gewiß, Kaspar müsse auf dem heimlichen Gemach sich befinden, ging herab, ihn hier zu suchen, fand ihn auch hier nicht, und wollte sich wieder hinauf in ihr Zimmer begeben, als ihr eine Nässe auf der Kellerthür auffiel, die ihr wie Blut vorkam. Schlimmes ahnend hob sie die Kellerthür auf, bemerkte auf allen Kellerstufen theils Blutstropfen, theils größere Blutflecken, stieg nun bis zur untersten Stufe hinab, und sah von hier aus in dem von Wasser angefüllten Keller in einem Winkel etwas Weißes aus der Ferne schimmern. Frau Daumer eilte zurück, und forderte die Magd des Hausherrn auf, mit einem Licht in den Keller zu gehen, um nachzusehen, was darin Weißes liege. Kaum hatte diese auf den bezeichneten Gegenstand hingeleuchtet, so rief sie: »da liegt der Kaspar todt!« -- Die Magd und der Sohn des Hausherrn, der indessen ebenfalls herbeigekommen war, hoben nun Kaspar, der kein Lebenszeichen von sich gab, und dessen todtenbleiches Gesicht mit Blut bedeckt war, vom Boden auf, und trugen ihn aus dem Keller. Oben angekommen, gab er durch ein gewaltiges Stöhnen das erste Lebenszeichen; dann rief er mit dumpfer Stimme: »Mann! Mann!« Er wurde sogleich in das Bett gebracht, wo er mit geschlossenen Augen, von Zeit zu Zeit folgende abgebrochene Worte und Sätze bald schrie, bald vor sich hin murmelte:
»Mutter! -- Professor erzählen -- Abtritt -- Mann schlagen -- schwarzer Mann, wie Kuchen[34] -- Mutter sagen -- nit funden -- mein Zimmer -- in den Keller verstecken.«
Es überfiel ihn hierauf ein gewaltiger Fieberfrost, der bald in heftigere Paroxismen, endlich in völlige Tobsucht überging, in welcher einige starke Männer Mühe hatten, ihn zu halten. In seinen Wuthkrämpfen biß er von einer Porzellantasse, worin man ihm ein warmes Getränk beizubringen suchte, ein ganzes Stück heraus, und schluckte es mit dem Getränk in sich hinein. Beinahe 48 Stunden befand er sich im Zustand vollkommener Geistesabwesenheit. In seinen Delirien, während der Nacht, sprach er von Zeit zu Zeit folgende abgebrochene Sätze vor sich hin:
»Herrn Bürgermeister sagen. -- Nicht einsperren! -- Mann weg! -- Mann kommt! -- Glocke weg! -- Ich nach Fürth herunter reiten. -- Nicht nach Erlangen in Wallfisch! -- Nicht umbringen, nicht Mund zuhalten, nicht sterben! -- Meine Nothdurft verrichten; nicht umbringen! -- Hauser wo gewesen; nicht nach Fürth heute; nicht mehr fort; schon Kopfweh. -- Nicht nach Erlangen in Wallfisch! -- der Mann mich umbringen! Weg! nicht umbringen! Ich alle Menschen lieb; Niemand nichts than. -- Frau Bürgermeisterin helfen! -- Mann dich auch lieb, nicht umbringen! -- Warum Mann mich umbringen? ich auch gerne lebe. -- Warum Du mich umbringen? ich Dir niemals was than. -- Mich nicht umbringen! ich doch bitten, daß Du nicht eingesperrt wirst. -- Hast mich niemals herausgethan aus meinem Gefängniß, Du mich gar umbringen! -- Du mich zuerst umgebracht, eh ich verstanden, was Leben ist. -- Du mußt sagen, warum mich eingesperrt hast gehabt u. s. w.
Die meisten dieser Sätze wiederholte er sehr oft unordentlich durcheinander.
Die von dem Untersuchungsgericht -- dem die Polizeibehörde endlich jetzt die Behandlung der Hauserischen Angelegenheit überlassen hatte -- unter Zuziehung des Stadtgerichts-Physikus =Dr.= Preu, am 20. Oktober vorgenommene Besichtigung Hausers gewährte folgendes Ergebniß:
Man fand die Stirn des im Bette liegenden Hauser in der Mitte durch eine scharfe Wunde verletzt, über deren Größe und Beschaffenheit der Gerichtsarzt nachstehendes =Visum et repertum= zu Protokoll gab:
»Die Wunde befindet sich auf der Stirne, 10-1/2 Linien über der Nasenwurzel quer auslaufend, in der Art, daß 2/3 derselben auf der rechten Stirnhälfte sich befinden, das letzte Drittheil auf der linken. Die ganze Länge der in gerader Linie hinlaufenden Wunde beträgt 19-1/2 Linien. Gegenwärtig (20. October) sind beide Wundränder mit einander vereinigt, und lassen kaum noch einen Zwischenraum von 1/4 Linie bemerken. Doch ist dieser am linken Ende etwas breiter, als im ganzen Verlauf der Wunde; daher angenommen werden muß, daß sie hier am tiefsten eingedrungen.« -- »Was die Entstehung der eben beschriebenen Wunde betrifft, so ist solche unverkennbar mit einem sehr schneidenden Instrumente mittelst Hieb oder Stoß (?) dem Hauser beigebracht worden. Die scharfen Ränder der Wunde sprechen für die scharfe Schneide des Instruments; das gleiche Auslaufen der Wunde bezeichnet deren Entstehung durch Hieb oder Stoß (?), weil, wenn die Wunde rein geschnitten worden wäre, Anfang und Ende seichter und schmäler, die Mitte aber tiefer und eben darum klaffender erscheinen müßte. Am wahrscheinlichsten ist aber ihre Entstehung mittelst Hiebs, weil beim Stoß mehr Quetschung der zunächst anliegenden Theile bemerkt worden wäre u. s. w.«
Die Wunde war, wie der Arzt erklärte, an und für sich unbedeutend und hätte an jeder andern Person leicht in sechs Tagen geheilt werden können. Allein bei Kaspars höchst reizbarem Nervensystem war er erst nach 22 Tagen von den Folgen der Verwundung genesen.
Kaspar erzählt das Ereigniß im Wesentlichen wie folgt:
»Am 17. hatte ich die Rechnungsstunde, die ich täglich bei Herrn E. von 11 bis 12 Uhr zu besuchen pflegte, aussetzen müssen. Ich hatte nämlich eine Stunde zuvor, als ich Herrn =Dr.= Preu besucht hatte, von diesem eine welsche Nuß erhalten, und fühlte mich darauf, obgleich ich kaum den 4ten Theil davon genossen hatte, höchst unwohl. Herr Professor Daumer, den ich hievon in Kenntniß gesetzt hatte, befahl mir, diesmal meine gewöhnliche Stunde nicht zu besuchen, sondern zu Haus zu bleiben. Herr Prof. Daumer ging aus; ich verfügte mich auf meine Stube. Ich wollte mich mit Schreiben etwas beschäftigen; aber Leibschmerzen verhinderten mich daran und ein natürliches Bedürfniß nöthigte mich auf den Abtritt zu gehen. Wegen Leibreißens mußte ich mich länger als eine halbe Viertelstunde auf dem Abtritt aufhalten, wo ich zuletzt von der untern Holzkammer her ein Geräusch vernahm, demjenigen ähnlich, welches mit der Eröffnung dieser Thür gewöhnlich verbunden und mir wohl bekannt ist. Auch nahm ich vom Abtritt aus einen leisen Ton der Hausthürglocke wahr, welcher mir jedoch nicht vom Anschellen, sondern von unmittelbarer Berührung der Glocke selbst herzurühren schien. Gleich nachher hörte ich leise Fußtritte vom untern Gang her und zugleich sah ich durch den Raum zwischen der vor dem Abtritt befindlichen Tapete (spanischen Wand) und der Stiege selbst, daß eine Mannsperson aus dem Gang daher schlich. Ich bemerkte den ganz schwarzen Kopf der Mannsperson und meinte es sei der Schlotfeger. Ich verweilte noch einen Augenblick auf dem Abtritt, um vom Schlotfeger nicht gerade im Aufstehen bemerkt zu werden. Als ich aber hierauf mich vom Sitze des Abtritts aufrichtete (und meinen Kopf, während ich meine Beinkleider wieder aufziehen wollte, aus dem engen Abtritt etwas hervorstreckte) stand plötzlich der schwarze Mann vor mir und gab mir einen Schlag auf den Kopf, in Folge dessen ich sogleich mit dem ganzen Körper auf den Boden vor dem Abtritt niederfiel. (Nun folgt die Beschreibung des Mannes, welche nicht wohl mittheilbar ist.) Vom Gesicht und von den Haaren dieses Mannes konnte ich gar nichts wahrnehmen; denn er war verschleiert und zwar, wie ich glaube, mit einem über den ganzen Kopf gezogenen schwarzen seidenen Tuche.« --
»Nachdem ich geraume Zeit bewußtlos gelegen sein muß, kam ich endlich wieder zu mir, spürte etwas warmes mir über das Gesicht laufen und griff nach der Stirn mit beiden Händen, die hierauf blutig wurden.«
»Erschreckt hierüber wollte ich zur Mutter hinauf[35], kam aber in der Verwirrung und Angst (denn ich fürchtete immer, der Mann, der mich geschlagen, sei noch im Haus und werde zum zweitenmal über mich kommen) statt zur Thür der Mutter, an den Kleiderschrank[36] vor meiner Stube. Hier verging mir das Gesicht und ich suchte mich durch Anhalten mit der Hand am Schranke aufrecht zu erhalten[37]. Als ich mich erholt hatte, wollte ich abermals zur Mutter hinauf, kam aber, in weiterer Verwirrung, statt die Treppe hinauf, die Treppe herab und befand mich, zu meinem Entsetzen, wieder unten im Gang. Als ich die Kellerthür erblickte, gab mir die Angst den Gedanken ein, mich im Keller zu verstecken. Die Fallthür des Kellers war zu. Wie ich die Kraft erlangt habe, die schwere Fallthür aufzuheben, ist mir bis zur Stunde unbegreiflich. Gleichwohl that ich es und schlupfte in den Keller hinein«[38].
»Durch das im Keller befindliche kalte Wasser, in das ich hinein mußte, kam ich zu besserem Bewußtsein; ich bemerkte einen trockenen Fleck auf dem Boden des Kellers und ließ mich daselbst nieder. Ich hatte mich kaum niedergelassen, als ich 12 Uhr läuten hörte, da dachte ich bei mir: nun bist du hier so ganz verlassen, es wird dich hier Niemand finden und du wirst hier umkommen. -- Dieser Gedanke füllte meine Augen mit Thränen, bis mich Erbrechen überfiel, und ich hierauf das Bewußtsein verlor. Als ich mein Bewußtsein wieder erlangt hatte, fand ich mich in meiner Stube auf dem Bette und die Mutter neben mir.«
Was die Art der Verwundung betrifft, so vermag ich (der Verf. dieses) der Meinung des Gerichts-Arztes nicht beizupflichten. Ich habe mehre, jedoch zu öffentlicher Mittheilung nicht wohl geeignete Gründe zu glauben, daß die Wunde Hausers weder durch Hieb noch durch Stoß, weder mit einem Säbel, noch mit einem Beil, noch mit einem Meissel, noch mit einem gewöhnlichen zum Schneiden bestimmten Messer, sondern mit einem andern scharf schneidenden, bekannten Werkzeuge zugefügt worden, und daß es bei dieser Verwundung nicht auf die Stirne, sondern auf den ~Hals~ abgesehen gewesen, welcher aber -- weil Kaspar bei Erblickung des Mannes und der nach seinem Hals sich plötzlich ausstreckenden bewehrten Faust, instinktmäßig mit dem Kopf sich bückte -- vom Kinn bedeckt, den Streich von sich hinweg zur Stirn hinauf leitete. Der Thäter konnte, da Kaspar sogleich blutend zusammenstürzte, sein Werk für gelungen halten, und durfte auch, da er, vermöge der Beschaffenheit des Orts, jeden Augenblick befürchten mußte, von irgend Jemand betroffen zu werden, nicht länger bei seinem Opfer verweilen, um nachzusehen ob alles recht gelungen sei, und, falls es nicht gelungen wäre, das Unvollendete zu vollbringen. So kam Kaspar mit seiner Stirnwunde davon.
Bald ergaben sich auch mehre, Spuren des Thäters nachweisende, Anzeigungen. Dahin gehört z. B. daß an demselben Tag, in derselben Stunde, wo die That geschehen, der von Kaspar beschriebene Mann gesehen worden ist, wie er aus dem Daumer'schen Hause sich wieder entfernte; daß um dieselbe Zeit dieselbe von Kaspar beschriebene, wohlgekleidete Person gesehen worden ist, wie sie nicht sehr weit vom Daumer'schen Hause in den auf der Straße stehenden Wasserkufen sich die (wahrscheinlich blutigen) Hände gewaschen hat; daß ungefähr 4 Tage nach der That, ein eleganter Herr, welcher Kleider trug, wie der von Hauser beschriebene schwarze Mann, sich vor den Thoren der Stadt zu einer gemeinen, eben nach der Stadt gehenden Frau gesellt, sich bei dieser angelegentlich nach dem Leben oder Tod des verwundeten Hausers erkundigt hat, dann mit dieser Frau bis unter das Thor gegangen ist, wo ein die Verwundung Hausers betreffender magistratischer Anschlag zu lesen war, und, nachdem er ihn gelesen, ohne die Stadt zu betreten, sich auf höchstverdächtige Weise wieder entfernt hat u. s. w.
Wenn nun aber die Neu- oder Wißbegier des Lesers noch mehr von mir zu vernehmen wünscht; wenn er mich nach den Ergebnissen der gepflogenen gerichtlichen Untersuchung fragt; wenn er gern wissen möchte, nach welchen Richtungen hin jene Spuren geführt haben, an welchen Orten die Wünschelruthe wirklich angeschlagen hat, und was dann weiter geschehen und erfolgt sei: so bin ich im Falle antworten zu müssen, daß, nach den Gesetzen, wie nach der Natur der Sache, ich dem Schriftsteller nicht erlauben darf, öffentlich von Dingen zu reden, welche vor der Hand nur noch dem Staatsbeamten zu wissen oder zu vermuthen erlaubt sind. Uebrigens darf ich die Versicherung aussprechen, daß die forschende Justiz, unter Anwendung aller ihr zu Gebot stehenden Mittel, selbst der aussergewöhnlichsten, ihre Pflichten eben so rastlos als rücksichtslos zu erfüllen, nicht ohne allen Erfolg, bemüht gewesen ist.
Allein dem Arme der bürgerlichen Gerechtigkeit sind nicht alle Fernen, noch alle Höhen und Tiefen erreichbar, und bezüglich mancher Orte, hinter welchen sie den Riesen eines solchen Verbrechens zu suchen Gründe hat, müßte sie, um bis zu ihm vorzudringen, über Josua's Schlachthörner, oder wenigstens über Oberons Horn gebieten können, um die mit Flegeln bewehrten hochgewaltigen Kolossen, die vor goldnen Burgthoren Wache stehen und so hageldicht dreschen, daß zwischen Schlag und Schlag sich unzerknickt kein Lichtstrahl drängen mag -- für einige Zeit in ohnmächtige Ruhe zu bannen.
Doch was verübt' die schwarze Mitternacht Wird endlich, wenn es tagt, an's Sonnenlicht gebracht.
VIII.
Träte Kaspar, welcher jetzt zu den gesitteten Menschen von Lebensart gerechnet werden darf, unerkannt in eine gemischte Gesellschaft, so würde er bald Jedermann als eine befremdende Erscheinung auffallen. Sein Gesicht, in welchem die weichen Züge eines Kindes mit den eckigen Formen des Mannes und einigen, leicht gezogenen Furchen vorzeitigen Alters, herzgewinnende Freundlichkeit mit bedächtlichem Ernst und einem leichten Anflug von Melancholie sich vermischen[39]; seine Naivetät, zutrauliche Offenheit und oft mehr als kindische Unerfahrenheit, verbunden mit einer gewissen Art von Altklugheit und vornehmer, doch ungezwungener Gravität im Reden und Benehmen; dann die Schwerfälligkeit seiner, zuweilen nach Worten suchenden, oft fremdklingenden, harten Sprache, bei der Steifheit seiner Haltung und der Ungelenkigkeit seiner Bewegungen, -- lassen ihn jedem beobachtungsfähigen Auge als ein Gemisch von Kind, Jüngling und Mann erscheinen, ohne daß man sobald mit sich einig werden könnte, welcher Altersstufe dieser einnehmende Mischling wirklich angehöre.
In seinem Geist regt sich nichts von Genialität, nicht einmal von irgend einem ausgezeichneten Talent[40]; was er lernt verdankt er beharrlichem, hartnäckigem Fleiß. Auch jener wildlodernde Feuereifer, womit er Anfangs die Pforten alles Wissens sprengen zu wollen schien, ist längst gedämpft, beinahe erloschen. In Allem was er unternimmt, bleibt er entweder beim Anfang, oder bei der Mittelmäßigkeit stehen. Ohne ein Fünkchen Phantasie, unfähig irgend einen Witz zu machen oder nur eine bildliche Redensart zu verstehen, ist er von trocknem, aber kerngesundem Menschenverstand, und, bezüglich aller Dinge, die zunächst seine Person betreffen, oder innerhalb des engbegrenzten Kreises seiner dürftigen Kenntnisse und Erfahrungen liegen, von so richtig treffendem Urtheil und Scharfsinn, daß er damit manchen gelehrten Schulfuchs beschämen oder in Verlegenheit bringen könnte.
An Verstand ein Mann, an Einsichten ein kleiner Knabe, in Manchem noch weniger als ein Kind, zeigt sein Reden und Benehmen oft eine seltsam contrastirende Mischung von Männlichkeit und kindischem Wesen. Mit ernsthafter Miene und im Tone großer Wichtigkeit thut er nicht selten Aeusserungen, die bei jedem Andern desselben Alters dumm oder läppisch heißen würden, aus seinem Mund aber immer ein wehmüthig mitleidiges Lächeln sich erzwingen. Ganz possirlich nimmt es sich besonders aus, wenn er von seinen künftigen Lebensplanen spricht, von der Art, wie er, wenn er einmal etwas Rechtes gelernt und Geld verdient habe, sich einrichten und mit seiner Frau, die er als einen notwendigen Hausrath betrachtet, es halten wolle. Unter einer Ehefrau weiß er sich nichts anders zu denken, als eine Haushälterin oder Obermagd, die man so lange behält als sie taugt, und wieder fortschickt, wenn sie öfters die Suppe versalzen, die Hemden nicht ordentlich geflickt, die Kleider nicht gehörig rein gebürstet hat u. s. w.
Mild, sanft, ohne lasterhafte Neigungen, ohne Leidenschaften und Affekte, gleicht sein immer sich gleichbleibendes, stilles Gemüth einem spiegelglatten See in der Ruhe einer Mondscheinnacht. Unfähig einem Thier wehe zu thun, mitleidig gegen den Wurm, den er zu zertreten fürchtet, dabei furchtsam bis zur Feigheit[41], wird er gleichwohl rücksichtlos, sogar schonungslos nach seinem Sinne handeln, sobald es gilt, einmal gefaßte, für Recht erkannte Vorsätze zu behaupten und durchzusetzen. Fühlt er sich in seiner Lage bedrückt, so wird er lange duldend schweigen, dem Beschwerlichen auszubeugen oder dieses durch milde Vorstellungen zu ändern suchen, endlich aber, wenn nichts helfen will, sobald dazu die Gelegenheit sich bietet, die hemmenden Bande ganz gelassen abstreifen, ohne demjenigen, der ihm damit wehe gethan, dafür nachzuzürnen. Er ist gehorsam, willig, nachgebend; aber wer ihm mit Unrecht Etwas schuld gibt, oder als wahr behauptet, was er für unwahr hält, erwarte nicht, daß er, aus bloßer Gefälligkeit oder andern Rücksichten, in das Unrecht oder in die Unwahrheit sich bequeme; er wird bescheiden, doch immer fest, bei seinem Recht stehen bleiben und allenfalls, wenn der Andere hartnäckig gegen ihn das Feld behaupten will, schweigend davon gehen.
Als reifer Jüngling, der seine Kindheit und Jugend verschlafen, zu alt, um noch als Kind, zu kindisch unwissend, um als Jüngling zu gelten; ohne Altersgenossen, ohne Vaterland, ohne Aeltern und Verwandte; gleichsam das einzige Geschöpf seiner Gattung: erinnert ihn jeder Augenblick an seine Einsamkeit mitten im Gewühl der ihn umdrängenden Welt, an seine Ohnmacht, Schwäche und Unbehülflichkeit gegen die Macht der über sein Schicksal gebietenden Umstände, vor allem an die Abhängigkeit seiner Person von der Gunst oder Ungunst der Menschen. Daher seine, ihm gleichsam zur Nothwehr abgedrungene Fertigkeit in Beobachtung der Menschen, sein umsichtiger Scharfblick, womit er schnell ihre Eigenthümlichkeiten und Schwächen auffaßt, die Klugheit -- von Uebelwollenden Schlauheit oder Pfiffigkeit genannt -- womit er sich in diejenigen, die ihm wohl oder wehe thun können, zu bequemen, Anstößen auszubeugen, sich gefällig zu erweisen, seine Wünsche geschickt anzubringen, den guten Willen seiner Gönner und Freunde sich dienstbar zu machen weiß. Kinderstreiche, Muthwille, Possen sind eben so wenig von ihm zu erzählen, als Beispiele von Bosheit und Tücke; für die ersten ist er zu ernsthaft und kalt verständig, für die letzten zu gutmüthig und bis zur Pedanterei rechtlich.
Einer der größten Mißgriffe in der Erziehung und Bildung dieses Menschen war unstreitig, daß man, statt ihm eine seiner Eigenthümlichkeit angemessene, gemein menschliche Bildung zu geben, ihn seit einigen Jahren auf das Gymnasium schickte, und ihn noch obendrein sogleich in einer höheren Klasse den Anfang machen ließ.[42] Dieser arme verwahrloste Jüngling, der erst seit Kurzem den ersten Blick in die Welt gethan und noch nachzuholen hatte, was unsere Kinder schon an der Mutterbrust, im Schoos ihrer Wärterinnen lernen, mußte auf einmal mit der lateinischen Grammatik, mit lateinischen Exercitien, mit =Cornelius Nepos= und endlich gar mit =Caesar de bello Gallico= seinen Kopf zermartern. In lateinische Schul-Schrauben eingezwängt, erlitt nunmehr sein Geist gleichsam seine zweite Gefangenschaft. Wie früher die Kerkermauern sperrten ihn jetzt die bestaubten Wände der Schulstube von der Natur und dem Leben aus; statt nützlicher Dinge gab man ihm Worte und Phrasen, deren Sinn und Beziehung er nicht zu begreifen fähig war, und verlängerte so auf das widernatürlichste von neuem seine Kindheit. Während er an dürrem Schulkram seine Zeit und seine ohnehin geringen Kräfte vergeuden mußte, darbte er fortwährend an der nothdürftigsten Kenntniß von Dingen, die seine Seele nähren und erfreuen, seinem wunden Gemüth einigen Ersatz für die verlorne Jugend gewähren, und ihm zur Grundlage für irgend einen künftigen Beruf dienen konnten. »Ich weiß gar nicht -- sagte er öfters in Unmuth und halber Verzweiflung -- wozu ich alle die lateinische Sachen brauchen soll, da ich doch kein Pfarrer werden kann, und kein Pfarrer werden mag.« Als ihm einst hierauf ein Pedant erwiederte: »das Erlernen der lateinischen Sprache sei ihm der deutschen Sprache wegen unentbehrlich; um gründlich Deutsch zu lernen, müsse man gründlich Latein gelernt haben,« erwiderte sein gesunder Menschenverstand, »ob denn auch die Römer deutsch hätten lernen müssen, um gründlich lateinisch sprechen und schreiben zu können?« Wie das Latein zu Kaspar, Kaspar zum Latein paßte, mag man daraus abnehmen, daß dieser bärtige Lateiner, als er im Frühjahr 1831 bei mir lebte, noch nicht einmal die Erfahrung gemacht hatte, daß Gegenstände des Gesichts in der Entfernung kleiner scheinen als sie wirklich sind; er war ganz befremdet darüber, daß die Bäume einer Allee, in der ich mit ihm spazieren ging, immer kleiner und niedriger seien, und der Weg in der Ferne immer schmaler, so daß man am Ende gar nicht mehr hindurchgehen könne. Er hatte so etwas zu Nürnberg noch nicht beobachtet, und gerieth, wie über eine Zauberei, in Erstaunen, als er, mit mir die Allee hinabgehend, endlich fand, daß jeder dieser Bäume gleich hoch und der Weg überall gleich breit sei.