Part 6
Gewiß, warum sollte der Baron Müller nicht über das sibirische Klima schreiben. Niemand in der Welt erlitt dadurch einen Schaden. Leonore wurde es frech und kühn zumute. Die Iphigenia von Müller, geborene von Hunsrück, sollte sie nicht wieder küssen. Nein -- nein. -- „Ich verstehe das nicht, Iphigenia, wenn Sie doch den Baron Müller geheiratet haben, warum leben Sie denn nicht bei ihm?“
„Ich könnte, da er mit dem klimatischen Werk so beschäftigt ist, doch keinen besonderen Gewinn von dem Umgang mit ihm haben. Sehen Sie, liebes Kind, in den Kreisen, aus denen ich stamme, und die ich hasse, werden viele Konvenienz-Ehen geschlossen. Dumm und thöricht habe ich mit siebzehn Jahren geheiratet. Baron Müller ist ein Konvenienz-Mensch. Er sieht es ein, daß ich mehr Anregung brauche, als er mir zu geben vermag. Ich lebe hier in der Freundschaft zu Nacka erst meine geistige Persönlichkeit aus. Ach -- aber es ist schwer, die Freundin einer Malerin zu sein. Es ist groß, erhebend schwer. Sie opfert so viel an fremde Menschen. Ich habe Nacka so wenig. Und ich brauche sie doch so sehr. Sie ahnen nicht, wozu.“
Leonore dachte: Der Iphigenia scheint nichts in der Welt zu glücken. Sie regt sich über alles auf.
Iphigenia bestätigte die stummen Gedanken sofort: „Ach, in mir sieht es oft entsetzlich aus. Laßt hoch uns denken, sagt Shakespeare, aber die Modelle untergraben mein Leben. Ich brauche doch Nacka -- es handelt sich um mein Glück.“
„Aber Anastasia kann doch nicht ohne Modell malen, und wenn Sie sie wirklich lieb haben, dürfen Sie ihr doch ihre Kunst nicht erschweren.“
„O,“ sagte Iphigenia und ihre geborgte Nase schien zornig zu den fremden Augen des Gesichts hinaufzusehen -- „O -- Sie ahnen nicht, warum ich leide. Sie ahnen nicht.“
Nein, Leonore ahnte nicht.
* * * * *
Vor der Tür entstand Lärm. „Teufel nocheinmal, was ist das für eine Wirtschaft? Zwei nasse Mäntel auf dem Flur. Resie -- Leni, in die Küche damit -- Herrgottdonnerwetter -- die Briefe soll ich alle lesen -- warum sind Sie nicht der Baronin gebracht worden?“
Iphigenia war schon beim Klang der ersten Worte in die Höhe gefahren. Nun stürzte sie nach der Tür. „Nackachen -- ich, ich wußte ja nicht --“
„Nu nu, mein Schaf, mach es morgen. Schreib feine Antworten mit deiner stolzen Baroninnenschrift, bist ein Hammel, sei nur still.“
Anastasia Planck trat ins Zimmer.
„Guten Abend,“ wollte Leonore sagen, aber die Worte erstarben ihr auf den Lippen. War etwa Kostümfest in diesem Hause? Anastasia Planck stand in braunseidenen Pumphosen da, hatte eine ebensolche Joppe mit unendlich vielen Taschen an und um den Hals ein weißes Seidentuch. Auf dem kurzgeschorenen, weißblonden Haar saß eine Wagnermütze, die nicht ganz gut zu dem starken Gesicht kleinrussischen Typs paßte.
„Was starren Sie mich denn so an, kleines Mädchen? Haben Sie mich noch nie in meinem Atelierdreß gesehen?“ schnarrte Nacka Planck in hartem Deutsch.
„Nein. Entschuldigen Sie.“
„Gottvoll -- entschuldigen Sie. Na, ich habe Hunger -- können wir essen gehen?“
Iphigenia sagte schüchtern: „Die Mannsbilder von Bendler sind aber da, Nackchen. Willst du dich nicht umkleiden?“
„Umkleiden? Seh ich etwa unanständig aus?“
„Behüte!“ rief Iphigenia.
„Oder geniert sich das Mädchen vom Lande mit mir?“
„Bewahre!“ sagte Leonore.
„Na, so kommt. Wo sind denn die Mannsbilder?“
„Im Rauchzimmer.“
Fräulein Nacka stürzte nach der Tür. „Guten Abend, meine Herren. Pardon, ich bin im Atelierdreß. Erröten Sie nicht -- ich greife Ihre Tugend nicht an. Haben Sie auch geraucht, ja?“
Alfred Wredegast, der einen langen Gehrock angezogen hatte, verbeugte sich würdevoll. „Ich habe mir soeben die siebente genehmigt.“
„Schön von Ihnen. Und Sie, Herr Tucher?“
„Ich bin doch abstinent, Gnädigste.“
Nacka Planck schüttelte sich. „Ich achte Sie hoch, Herr Tucher, aber tun Sie mir nur die eine Liebe und sprechen Sie in meinem Hause das Wort abstinent nicht aus. Es klingt so kränklich. Sie kriegen alle Limonaden der Welt und Pfeffermünzplätzchen statt Zigarretten, aber sprechen Sie nur das Wort abstinent nicht aus. Es ist mir als ob ich auf Kröten träte. Herr Wredegast -- da bitte -- dort im Flur, dort -- waschen Sie sich die Hände -- ja -- die Tabakfinger meine ich.“
Herr Alfred Wredegast lächelte. Wie eine Spitzmaus sah er aus, wenn er lächelte -- ein wenig überlegen, ein wenig unbeholfen, ein wenig gutmütig. Er kam dann hinterdrein und setzte sich mit zu Tisch.
Auf dem Tisch prangte Geschirr mit dem Wappen des Hauses Hunsrück. Das gehörte Iphigenia Müller, die es mitgebracht hatte. Es gab sehr gute Dinge, und die Herren aus der Pension Bendler schienen beschlossen zu haben, ihren Geist erst später im Salon preiszugeben.
Leonore dachte: Die Anastasia Planck ist doch schrecklich nett. Trotzdem sie mitunter so schimpft und immer von Mannsbildern redet und die Iphigenia augenscheinlich so quält. Sie ist so gastfrei und so heiter. Und arbeitet doch den ganzen Tag.
„Wo ist denn Anna Tröster geblieben?“ fragte Nacka. -- Ja, wo war Anna Tröster. Niemand wußte es. -- „Entschuldigen Sie mich,“ sagte Nacka, „da muß ich mal nachsehen.“
Sie lief weg und kam nach ein paar Minuten mit Anna Tröster wieder. „Lachen Sie mal die Person da recht aus,“ sagte Nacka. „Die wollte nicht kommen, weil sie nicht schon vor drei Tagen auf einer Karte eingeladen war.“
Die Tröster war ein verschüchtertes Wesen. Sie hatte schon fünfzehn Mal den Echtler kopiert, der eigentümlicherweise neben Feuerbachs Iphigenia in der neuen Pinakothek hängt. Das vertreibt den Stolz.
„Aber Tröster, man muß die Feste feiern, wie sie fallen,“ sagte Wredegast und lachte gutmütig.
„Ich -- ich wußte gar nicht, daß ich eingeladen sei.“
„Ja, sehen Sie, wenn Gott will, können wir auch ohne Los einen Treffer machen,“ sagte Herr Tucher.
Nun aß man. Gute Dinge von schönen Tellern mit schönen Geräten. Alle waren reichlich hungrig, weil sie lange hatten warten müssen. Nur der abstinente Herr Tucher dachte an andere Dinge als Essen.
Er erzählte plötzlich eine Gespenstergeschichte aus dem berühmten Spukhaus an der Potsdamer Straße in Berlin und fürchtete sich dabei so sehr, daß er nicht weiter essen konnte. Mit Augen, hinter denen Angst, Unglück, Verzweiflung lagen, sah er über den Tisch, immer gerade Leonore an. Der wurde es ganz bang, weniger vor der Geschichte als vor den trostlosen Augen des Lyrikers.
„Herr Tucher,“ sagte die Planck, „Gespenstergeschichten bitte am Tag. Nur in ~plein air~, bitte. Ich brauche meinen Schlaf, ich will nicht liegen und mich fürchten. Für Sie kann das von Nutzen sein. War es nicht Lenau, der nachts sich vor Gespenstern fürchtete und dabei seinen Faust schrieb! Na, oder wer es sonst war -- jedenfalls kein Maler.“
„Aber das Übersinnliche,“ wagte Herr Tucher zu sagen, „das Transzendentale ist doch ein notwendiger Bestandteil jeder wahren Kunst.“
„Wir essen jetzt, Herr Tucher,“ wiederholte Anastasia mit Nachdruck.
Leonore lächelte. Sie sagte ein wenig geniert, aber doch ganz munter: „In meiner Malklasse ist eine Pfarrerstochter von hier. Wir malen ja sonst immer Stilmuster oder Farbenexperimente, aber vor Weihnachten erlaubt der Lehrer, daß man Kleinzeug zum Verschenken herstellt. Da malt nun die Pfarrerstochter Suppenteller für ihre Familie. Und auf die schreibt sie: ‚Dein Wort sei meine Speise‘.“
„Auf Suppenteller, o Gott!“
Sie lachten alle. -- „Leonorchen, das haben Sie niedlich erfunden.“
„Aber es ist ganz gewiß wahr,“ ereiferte sich Leonore -- „wir jubeln schon alle, wenn sie ihre Teller auspackt.“
Die Baronin Müller erzählte in Hast: „Die Frau Großherzogin von Baden hat viele Frauenarbeitsschulen gegründet, und wenn die Mädchen austreten, bekommen sie ein Wandschild zum Andenken, auf dem steht: ‚Die Hand bei der Arbeit, das Herz bei Ihm.‘ Ihm ist groß geschrieben -- aber die Mädchen meinen doch, sie brauchten kein Schild, das zu wissen.“
„Und in der evangelischen Mädchenherberge,“ sagte Herr Wredegast, „da hängen Schilder in den Schlafräumen, auf denen steht ‚Ich harre des Herrn‘.“
Nacka Planck sagte: „In meinem Hause wird die Religion nicht verspottet. Bitte sehr. Ich bin griechisch-katholisch, und in meinem Hause brennt eine ewige Lampe.“
„Unter dem Bild der Madonna. Unter Murillos Immaculata. Madonna Immaculata. O, ich verstehe, daß Ihnen die Religion heilig ist. Eine rote ewige Lampe unter dem Murillo. Sie haben Stilgefühl, Nacka Planck.“ Mit einer langsamen sanften Stimme sagte das Alfred Wredegast, und er sah Nacka Planck dabei an.
Ihr schien dieser Blick Unbehagen zu machen. Sie erhob sich.
Die Baronin aus Berlin teilte Händedrücke und Gesegnete Mahlzeiten aus. Leonore wußte nicht, war das Gesegnete Mahlzeitsagen eine Freundlichkeit oder eine Höflichkeit. Die Nacka Planck kam zu ihr, sah sie sanft und liebevoll an und sagte ruhiger als sie sonst sprach: „Gesegnete --“
„Mahlzeit,“ ergänzte Leonore, obwohl sie das Wort allein abscheulich fand.
„Ich komme aber schlecht weg bei dem Dialog, Leonore.“
Draußen klingelte es. „Es wird Professor Freyer sein,“ sagte Nacka, „bitte kommen Sie herüber in den Salon.“ Sie ging selbst in den Flur, Freyer zu begrüßen.
Freyer las Kunstgeschichte. Leonore besuchte seinen Damenkurs. Sie kannte den Professor schon lang persönlich -- er kam oft zu Planck und Müller. Er trat jetzt hinter Nacka ein. Der Lyriker und der Romancier schienen klein und schwächlich neben dem hochgewachsenen Mann. Ihre Gesichter dekadent neben seinen kräftig ausgebildeten, stark modellierten Formen.
Man plauderte eine Weile. Dann gerieten plötzlich Planck und Wredegast contra Müller und Tucher in einen heftigen Streit. Ihre Worte flogen, ihre Zigaretten sprühten Feuer. Es war etwas um die Frauenbewegung.
Professor Freyer ging zur Leonore, die ein wenig allein an einem Fenster saß. „Fräulein Leonore,“ sagte er, „haben Sie Lust, morgen mit nach Nymphenburg zu gehen? Die Frau Baronin kommt auch mit -- ich habe noch ein paar junge Leute dabei, die das Schloß ansehen wollen. Es ist Samstag, dann haben Sie doch nachmittags frei?“
Leonore bejahte freudig. Der Professor blieb noch neben ihr sitzen. „Ich höre Sie so gern thüringern,“ sagte er, „erschrecken Sie nicht, Sie sprechen gewiß ganz unauffällig. Nur ein geübtes Ohr hört den Thüringer Klang heraus.“
„Haben Sie Thüringen lieb, Herr Professor?“
„Ja,“ sagte er, „denn ich kenne es. Erzählen Sie mir doch ein wenig von Ihrer Heimat.“
Sie tat es unbefangen.
Nach einer Weile verabschiedete sich der Professor. Tucher schloß sich ihm an, er wollte noch ins Nachtcafé; auch Wredegast. Die stumme Tröster war schon früher gegangen. Leonore hielt man noch zu bleiben. Sie wehrte sich, aber Nacka Planck erlaubte nicht, daß sie ging.
Nacka Planck holte eine Gedichtsammlung und las vor, Schönes und Banales wahllos durcheinander. Alles aber war von großer Heftigkeit des Empfindens, und Iphigenia von Müller verschlang die Leserin mit den Augen. Warum muß nur ich dabei sitzen? dachte Leonore.
Taumelnd vor Müdigkeit stieg sie nach Mitternacht die Treppe hinauf. Da stand Alfred Wredegast noch auf dem Korridor. Sie dachte: er ist wohl eben heimgekommen.
Er ging an ihr vorbei, sah sie an und sagte im Vorbeigehen ganz unpersönlich, sehr sanft und sehr eindringlich geradeaus in die Luft: „Bleiben Sie nie allein dort unten, Fräulein Leonore. Nie allein! Sie gehören nicht zu diesen Damen.“
* * * * *
Leonore arbeitete in dem Atelier des „diplomierten königlichen Porzellanmalers“ Fockendanz. Sie hatte gar nicht gedacht, daß es an einer Sache, die doch nur ein besseres Handwerk war, so lange, so viel zu lernen gab. Seit sie allerdings im Erdgeschoß der neuen Pinakothek die Porzellankopien der Schönheitsgalerie (einer Laune des Königs Ludwig I.) gesehen hatte, begriff sie: bis man ein solches Porträt den Tücken des Brandes, der Unberechenbarkeit mancher Erd- und Metallfarben abgewann, konnte man jahrelang lernen. Sie wollte ja das nicht. Aber wenn sie wollte, daß sie einst aus diesem Handwerk einen Lebensberuf, als Lehrerin etwa, machte, müßte sie es mit Methode treiben. Die alten „Dekors“ von Meißen, Sevres, Wedgewood, Nymphenburg, Berlin, Kopenhagen, Delft, Japan waren schließlich nur ein unerläßlicher Grundstock, der einem geläufig sein mußte, wie das Einmaleins. Dazwischen gab es eine Menge von mehr verschollenen Stilarten, die nur irgend jemand wieder in Mode bringen mußte: die alten bäuerlichen Stücke aus Feuerbachs Porzellanfabrik in Bruckberg, die Sachen in Glastönen, die Ornamente, Altäre, Urnen, Opfersteine und Gestalten des Empire, dann die moderne Linienführung in van de Veldescher Art. Freilich zum Neu-Schöpfer wird der selten, der den langen Weg historischer Entwicklung durchlaufen hat. Aber es war ja nicht ihr Ehrgeiz, eine Revolution auf dem Gebiete des Porzellandekors hervorzubringen. Ach Gott nein -- nein.
Leonore wusch ihre Pinsel in Terpentin aus, machte sie sorgfältig trocken und gab ihnen dann ein wenig Mandelöl, denn das Terpentin schadete den Marderhaaren, und die waren von großer Kostbarkeit.
Die Wortspeise, wie man abkürzend jene Pfarrerstochter mit den Suppentellern nannte, pinselte immer noch an den Passionsblumen eigener Zeichnung.
„Nun, Fräulein Eichhorn, müssen Sie heute noch fertig werden?“
Fräulein Eichhorn benutzte die Ansprache, um etwas, das sie auf dem Herzen hatte, anzubringen. Ob Leonore sich nicht an den sonntäglichen Kindergottesdiensten beteiligen wolle. Es fehle an Kräften, besonders, seit irgendeine Dame die Stadt verlassen habe. „Herr Kandidat Auerochs hält die Vorbereitung; wenn Sie sich anschließen wollten, Fräulein Wolfferstorff, ich gehe direkt von der Stunde aus in die Vorbereitung. Herr Kandidat Auerochs ist gerade bei der Aussetzung des Moseskindes, und was Ihnen von der Schöpfung bis dorthin fehlt, wird gewiß Herr Kandidat Auerochs so gut sein mit Ihnen durchzugehen, wenn Sie ihn darum bitten.“
Aber Leonore hatte keine Neigung, den unbekannten Kandidaten Auerochs um etwas zu bitten. „Ich eigne mich nicht dazu, Fräulein Eichhorn,“ sagte sie freundlich.
„Das dürfte doch erst Herr Kandidat Auerochs zu entscheiden haben, ob Sie sich eignen, Fräulein Wolfferstorff. Da wir so Mangel haben, wird er vielleicht an Ihrem kurzem Haar keinen Anstoß nehmen.“
O nein, Herr Kandidat Auerochs sollte nichts über Leonore zu entscheiden haben. -- „Ich danke Ihnen, Fräulein Eichhorn. Ich habe eine etwas andere Richtung, wenn Sie erlauben.“
Fräulein Eichhorn sah Leonore kühl und verächtlich an. „Ich hielt Sie für ernst gesinnt,“ sagte sie achselzuckend.
„Ernst gesinnt? Was meinen Sie damit? Halten alle ernstgesinnten Menschen Kindergottesdienste?“ -- Und sie dachte an jene Clemence, die apart und leer gewesen war, Kindergottesdienste hielt und einen lachenden Gestütsdirektor geheiratet hatte.
„Ernst gesinnt sein, heißt, sich zur Kirche halten und seine schwache Kraft in ihren Dienst stellen.“
„Glauben Sie, daß schwache Kräfte Ernst in sich haben?“
„Wenn nur die Gesinnung ernst ist, die Kraft mag dann auch schwach sein.“
„Kraft heißt doch Stärke. Wie können Sie das Allerpositivste immer zu etwas Relativem machen? Kraft oder Schwäche -- aber nicht schwache Kraft und starke Schwäche.“
Eine muntere Blondine rief aus einer Zimmerecke herüber: „O, Fräulein Leonore, ich fürchte, ich fürchte, wir haben beide eine starke Schwäche -- und zwar für Zigaretten.“
Leonore hielt es sogleich mit der Blonden, die sie auslachte. Es ist schöner, über jemandes Eifer beruhigend zu lachen, als ihn an dem Sterilen zu erhitzen. Aber weil Leonore nicht eine so selbstgerecht-hilflose Eichhornin kränken wollte, sagte sie noch einmal: „Seien Sie heilfroh, daß ich nicht mitkomme. Ich würde die einige Gemeinschaft sehr stören.“
Doch Fräulein Eichhorn packt heftig ihre Sachen ein und hörte nicht mehr auf Leonore. Die ging mit der Blonden ein paar Straßen weit. Dann war Leonore allein.
So einen warmen Dezembertag hatte es schon lange nicht gegeben. Man konnte sich beinahe in den Englischen Garten setzen. Hei, das mußte fein in Nymphenburg werden. Die Baronin Müller ging mit. Was hatte wohl Wredegast mit den sonderbaren Worten gestern abend gemeint? Wie? Vielleicht hatte die Baronin wirklich eine Mundkrankheit -- nein, sie sollte sie nicht wieder küssen.
Als Leonore die Treppe hinauf kam, hörte sie Wredegast eifrig mit der „Beamtenswitwe“ Bendler sprechen. Er redete ganz aufgeregt. Sie hörte: „Frau Grenzoberaufseher zu Pferd, mein Ofen riecht, als ob man ein Dienstmädchen darin verbrannt hätte -- ein Dienstmädchen samt all seinen Küchentoiletten.“
„Jesmaria nd Joseph, a Dienstmädel is verbrennt? Mit die Kleider?“
„Nein, es riecht bloß so, mein Ofen riecht so. Die Theres hat ihn mit einem alten Unterrock angezündet, ich schwöre.“
„Die Theres hat an Unterrock verbrannt, schämas Ihnen, Herr Wredegast -- daß Sie so was wissen.“
„Es riecht so,“ rief Wredegast immer aufgeregter. --
Leonore kam lachend auf den Flur. Alfred Wredegast nötigte sie in sein Zimmer. „Ich kann diesen verbrannten Dienstmädchengeruch nicht aushalten. Ich bin doch nicht Zola, dem es wohl dabei wäre.“
Die Bendler schnüffelte. „Also, wer das da riecht -- no, ich sag nix. Es ist ein Ofen, der schon Jahr lang seine Dienste tut -- Jahr lang, sag ich.“
Leonore untersuchte das eiserne Unglück. Es steckte über und über voll Asche, und der Rauch quälte sich durch einen Sprung im Gußeisen.
Man holte die noch vorhandene Therese (gesprochen Deeres). Der Schaden wurde geordnet. Aber während des ganzen Mittagessens redete Wredegast davon. Er fürchte sich vor seinem Zimmer, er könne das verbrannte Dienstmädchen nicht mehr riechen. Es peinige ihn. Er habe im Pitaval gelesen -- und nun folgte eine Geschichte nach Frau Bendlers Herzen.
Wredegast lief Leonore zu Planck-Müller nach. Er wolle eingeladen sein, mit nach Nymphenburg zu gehen, er könne nicht bei dem verbrannten Dienstmädchen bleiben. --
Freyer kam allein. Seine Begleiter seien abgehalten worden. Da war es allen lieb, daß Wredegast mitging. Als Dritte fühlte sich Iphigenia von Müller nie wohl. --
Ein weißes hohes Schloß -- ein ungeheures Rondell durch weiße Häuser darum gebildet. Die Häuser haben zuweilen das gebrochene französische Dach, vornauf den griechischen Giebel. Es ist sehr still da, und nur die Distinktion aller Linien und Flächen bewahrt den Platz vor dem Eindruck der Öde. Man geht durch den offen gehaltenen Teil des Erdgeschosses vom Schloß. An breiten Freitreppen vorüber. Da ist ein weiter Garten. Ein Wasserbecken mit steinernen Bildern ringsum. Hohe Bäume zur Seite.
Leonore war entzückt. Sie ließ sich von dem Professor die Entstehungsgeschichte des Schlosses erzählen. Ließ sich weiter in den Park führen. Wredegast ging andere Wege mit Iphigenia Baronin Müller.
Da war ein griechisches Tempelchen hinter einem Teich. „Ein Freundschaftstempel,“ sagte Freyer. „Das waren schöne Zeiten, als man sie baute. Heute gibt es keine Freundschaften mehr.“
„Wie?“ sagte Leonore heftig, „heute gibt es keine Freundschaften mehr?“
„Haben Sie denn eine Freundin?“
„Nein -- einen Freund.“
„Erzählen Sie mir doch.“
Und sie erzählte von Vitus Kelt. Warm, herzlich erzählte sie von Vitus Kelt. Auch von Dankmar Kurtzen und Klemens. Aber das waren doch mehr Gespielen gewesen. Ein wirklicher Freund blieb nur Vitus Kelt.
Ernsthaft hörte der Professor zu. Sie nannte in ihrer Erzählung auch Kapellendorf. Er bat sie, wieder ein wenig von der Heimat zu sprechen. Und sie vergaß ganz, daß sie als kleine Schülerin mit einem berühmten Professor ging -- sie redete wie mit einem Kameraden. Immer mehr wollte Freyer wissen, es wurde schließlich Leonores Familiengeschichte daraus.
„Sie haben mich überzeugt, Fräulein Leonore, Sie verzeihen, der Name ist so schön, man spricht ihn so gern aus, ich darf doch so sagen? Oder ist er nur für Ihre Freunde?“ Richard Freyer beugte sich ein wenig herunter. „Dann lassen Sie mich so sagen, wie Ihre Freunde Sie nennen! Ja, Sie haben mich überzeugt, daß es noch Freundschaften gibt.“
Wredegast und die Baronin Müller kamen herzu. Sie hörten das letzte Wort.
Iphigenia griff es lebhaft auf. „Wir leben ja in einem neuen Zeitalter der Freundschaften, lieber Professor. Sehen Sie sich doch nur unter den jüngeren Menschen um. Die besten, die feinsten unserer Jugend sehen ihr höchstes Gefühl in der Freundschaft. Ist es nicht so, Herr Wredegast?“
Der nickte. „Unsere Zeit hat nur herbere Formen als die sentimentale Freundschaftsepoche des vorigen Jahrhunderts.“
Freyer strich seinen kurzen, eckig sich zuspitzenden Vollbart. „Ich habe wohl ein wenig zu lange über Büchern gesessen und kenne die Zeit nicht mehr.“
Er blieb an Leonores Seite. Er sprach von seiner Studentenzeit -- von Jahren voll Not und Freude in Berlin. Ja, und lange sei seine Frau tot. Viele Jahre. Kinder hatten sie nicht gehabt. So lange die Frau lebte, wäre es sehr gesellig bei ihnen gewesen. Seitdem lebe er nur der Wissenschaft -- ja, und als Hochschullehrer käme er ja viel mit der Jugend zusammen -- aber es sei doch eine Trennung; wenn man auch Vertrauen erführe, ein gewisser Rückhalt bliebe doch.
Leonore ließ sich das in Ruhe erzählen. An einer Haltestelle verabschiedete sich Freyer. --
Die Baronin von Müller forderte im Hause Leonore auf, den Tee mit ihr zu trinken. Ob auch Wredegast Lust habe? O gewiß, ja.
Iphigenia von Müller eilte heftig, ziellos im Salon umher. Sie suchte im Bücherschrank nach Kakes, im Schreibtisch nach Tassen, besann sich aber dann, daß sie nach alledem ja nur zu klingeln brauche. Nachdem sie sich dazu entschlossen hatte, kam der Tee zustande.
Iphigenia redete noch von Freundschaften. O, es wäre ja wunderschön, wenn Leonore sich mit Freyer befreunde. Ein solcher Charakter, ein solcher Gelehrter, ein Kind, eine Seele von einem Menschen. Ja, sie würde sich herzlich freuen, sie würde sagen, das ist wohlgetan, wenn Leonore wirklich einen wahren Freund in Freyer fände. Und Nacka, auch sie würde es reizend finden. Und ob es nicht auch Herr Wredegast -- „Herr Wredegast, Sie sagen gar nichts. Und es ist doch etwas so wahrhaft Seltenes, Schönes -- denken Sie doch nur an Wilhelm von Humboldt und die Briefe an eine Freundin --“
„Sie sind nicht amüsant,“ sagte Herr Wredegast.
„Wie?“
„Die Briefe,“ wiederholte der junge Mann bedächtig.
Iphigenia Baronin Müller war seit Jahren bemüht, seit sie unter Künstlern lebte, die Gewohnheiten ihrer Art abzulegen. So vor allem, sie erwartete auch Antworten. „Was würden Sie sagen, wenn Freyer und Leonore Freunde würden?“
Alfred Wredegast lächelte, sah wie eine Spitzmaus aus und sagte leise und melancholisch: „Oh Maria Stuart, würde ich sagen.“
Leonore saß und aß Kakes, denn sie war hungrig. Auch wurde man nicht geküßt, während man aß.
* * * * *
Der Winter war schon weit vorgeschritten, und Leonore hatte das Einmaleins der historischen Porzellandekors schon mit der Sicherheit des Jongleurs in den Händen. Eigentlich hätte sie Ostern nun nach Hause gehen können. Aber alle redeten ihr zu, noch ein wenig „zu studieren,“ -- und sie fand es selbst schön, in dieser Stadt der Anregungen noch den Sommer über zu bleiben. Vorerst war es ja immer erst Februar.
Wredegast und Tucher fanden es nicht gut, daß Leonore nur ein schlichtes Kunsthandwerk trieb. Sie vermuteten unentwegt eine selbständige Künstlernatur in ihr und waren der Meinung, sie dürfe jetzt nicht draußen auf dem Lande Stunden geben und Tassen und Vasen malen. Herr Tucher behauptete, Leonore vermöchte zu dichten, Herr Wredegast sah ein Bühnentalent in ihr. Sie ließ sich aber nicht verführen, Gedichte zu machen oder Rollen zu lernen, sondern arbeitete tapfer und brav im Atelier des königlich privilegierten Porzellanmalers Fockendanz weiter.