Part 7
Herr Wredegast aber wollte ihr das herrliche Leben der Bohême zeigen. Hier bei Bendler mußte man ja leben, als wollte man einst „Keeniglicher Biamter“ werden -- und bei Planck-Müller war eigentlich ein feudaler Haushalt. Leonore möge doch einmal mit in ein Nachtcafé kommen -- dort, wo alle Berühmtheiten aus der Jugend, dem Simplicissimus und der Sezession zu sehen wären, würde sie den Reiz des Künstlerlebens begreifen lernen.
Er sagte das im Salon Planck-Müller zu Leonore, und Planck-Müller waren bereit, sich auch einmal einen Abend lang wieder zur Bohême hinab zu neigen und mit in das Café Simplicissimus zu gehen.
Man brach denn um zehn Uhr auf, durchwanderte zugige, eiskalte Gassen und kam endlich in ein Lokal mit rot erleuchteten Fenstern, aus dem schon auf die kalte Gasse heraus ein quälender Lärm drang.
Wredegast führte seine drei Damen durch nebeldicken Rauch zu einem Tisch. Nach einer Weile vermochte Leonore auch zu sehen, und sah viele Tische voll Herren und phantastischer Damen. Ein Klavierspieler, den man Herr Professor nannte, wimmerte La Paloma herunter, ein Herr spielte dicht daneben auf einer Ziehharmonika ein ganz anderes Stück, eine dritte Melodie klang von einer Querpfeife aus der Ecke, und am Tisch neben den Neuangekommenen versicherte eine Dame in Schwefelgelb sehr kläglich aus ihrer Betrunkenheit heraus, daß sie einst ein Kind von fünfzehn Jahren war.
„Hier werden Kulturwerte geschaffen,“ sagte Herr Wredegast melancholisch und dabei wie eine Spitzmaus lachend, und er winkte der Kellnerin. Das war eine stattliche Dame, vielleicht dreimal ein Kind von fünfzehn Jahren -- sie begrüßt Herrn Wredegast -- und dann leuchteten plötzlich ihre Augen auf: „Hab’ ich die Ehr’, Freiln Planck, gnä’ Freiln?“
Anastasia Planck rief munter: „Ah, Katti Kipferl, wie geht’s?“
„Ich danke der Nachfrag’, gut. Und Ihnen -- ach ’s ist lang, wissen Sie noch gnä Freiln, in der Isarau -- das waren Zeiten.“
Nacka Planck erinnerte sich. „O ja, Katti Kipferl, sagen Sie mal, was ist denn da aus der Kleinen geworden, wissen Sie, die mit den sanften Rehaugen, die so jung war?“
Katti Kipferl nahm eine wehmütige Haltung an. Sie sagte, als spräche sie Unaussprechbares: „Is a Wassermädel worn, gnä Freiln, im Stephanie a Wassermädel.“
Leonore begriff nichts. Anastasia wiederholte jetzt voll Trauer, wie wenn es sich um eine Wasserleiche handelte: „Ein Wassermädel. So.“
„Ja,“ stöhnte Katti Kipferl, „no ja, wie’s halt geht -- hat a Kloans g’habt -- ja, wenn mers so bedenkt, a Wassermädel!“
„Schrecklich,“ sagte Nacka und ihr Gesicht verzog sich wie in Gram. Im selben Augenblick schüttelte sie sich: „Katti, bitte, eine Heidsieck -- trocken.“
„Sogleich, gnä Freiln.“ Auch Katti verlor in Sekundenschnelle die Melancholie und eilte nach Sekt.
„Und Zigaretten,“ rief die Planck.
Der Klavierspieler wimmerte immer noch La Paloma.
„Herr Wredegast, bitte -- sagen Sie doch dem Kapellmeister, er soll die schöne blaue Donau spielen, und bestellen Sie ein Viertel Wein für ihn -- wenn er es lieber in Geld hat, auch recht.“
Herr Wredegast war kaum enteilt, als schon die blaue Donau klang. „Und sonst was Hübsches,“ rief die Planck, „die Alpenkönigin, das Edelweiß. Kommt, Kinder, wir wollen lustig sein -- hierher Katti Kipferl -- so -- gut -- trinkt Kinder, wir wollen lustig sein -- so ein Walzer, der macht Erinnerungen --“
Sie stieß Leonore an. „Leonore gehen Sie doch aus sich heraus -- gehn Sie aus sich heraus.“
Alfred Wredegast brachte einen Herrn. Er hatte Lieder aus dem Rinnstein gedichtet und war sehr berühmt.
Er redete mit Leonore. „Sie sind Thüringerin?“
„Ja.“
„Aus welchem Ort denn?“
„Kapellendorf bei Weimar.“
„So so. Aus klassischen Landen. Hm. Wieviel Einwohner hat denn dieses Weimar?“
„Dreißigtausend.“
„So. Ist auch Militär dort?“
„Ja.“
„Husaren?“
„Ich weiß nicht.“
„Leonore,“ flüsterte Nacka Planck, „gehn Sie doch aus sich heraus.“
Aber der Dichter hatte schon genug. Die Baronin Müller redete von der anderen Seite heftig auf ihn ein. Es kam noch ein Herr. Von dessen Genie wurde erst das Weltumstürzende erwartet. Er konzentrierte sich noch.
Auch er redete zuerst mit Leonore, was sie sehr unhöflich fand, da doch die reifern Damen zunächst zu bedenken waren. Der sich konzentrierende Herr fragte: „Kommen Sie oft hierher, gnädiges Fräulein?“
„Nein, zum erstenmal.“
„Dann haben Sie noch keinen Kummer gehabt?“
„Wieso denn?“
„Wir gehen hierher, wenn wir Kummer haben.“
„O, hierher?“
„Wir zerstreuen uns. Äußerlich -- und innerlich feiern wir den Kummer. Wo gehen Sie hin, wenn Sie Kummer haben?“
In den Garten -- in den Wald, wollte Leonore sagen, aber es fiel ihr ein: hier hatten ja die Leute weder Wald noch Garten.
Nacka mischte sich rettend ein. „Wenn man Kummer hat, Herr Strom, wenn man Kummer hat und so ganz allein und verlassen sich fühlt -- man trinkt Sekt, Herr Strom -- oder, was besser ist, man fährt mit dem ~D~-Zug tausend Kilometer. Irgendwo ist ja doch immer jemand, der uns liebt.“
„Irgendwo ist ja doch immer jemand, der uns liebt,“ wiederholte Herr Strom. „O, nur wissen wir es oft nicht.“
„Das ist es,“ wiederholte Wredegast. „Wir wissen es oft nicht. Wir ahnen es nur.“
Es waren alle sehr erschüttert, daß irgendwo Menschen waren, die sie liebten und sie wußten es nicht. Sie ahnten es nur.
Die Schwefelgelbe nebenan schrie plötzlich auf Wedekindisch: „Ich hab’ meine Tante geschlachtet, meine Tante war alt und schwach.“
„Sie hat einen großen Kummer,“ belehrte Herr Strom -- „sie sucht Lethe. Da brüllt sie, daß sie ihre Tante geschlachtet hat. Ach, wenn es nur das wäre, woran wir leiden!“
„Pfui Teufel!“ rief Nacka Planck, „ein so plebejischer Kummer wie ein Tantenmord -- nein, da gehört man ins Kriminal.“
„Es war vielleicht ein Kindesmord“ -- sagte Herr Strom sanft -- und sah traurig auf die Schwefelgelbe.
Ein Kindesmord? -- Man vergaß einen Augenblick zu rauchen und zu trinken. „Ja, sind wir nicht Herren über Leben und Tod!“ fragte Strom. „Darf der Schöpfer nicht auch Vernichter sein? Ich kann das Werk meines Geistes, das Primärste, was ich hervorbringen kann, verbrennen. Warum soll nicht das Sekundäre, das Kind, meiner Gerichtsbarkeit unterstehen?
Erst in dem Augenblick, wo sein Geist oder seine Seele mündig, produktiv geworden ist, beginnt sein Eigenleben. Bis dorthin ist es mein Sklave.“
Die Planck schwieg. Die kühnsten Revolutionärinnen, die das Mannsbild so von Herzen hassen, werden oft sentimentalisch, wenn sie von kleinen Kindern hören.
Plötzlich fragte Herr Strom souverän nach Nacka Plancks Herkunft. „Sind Sie Jüdin?“ fragte er.
Nacka Planck schnellte fast in die Höhe. „Jüdin? Griechische Katholikin bin ich.“
„O,“ sagte Herr Strom mitleidig -- „ich meine nicht die Konfession -- ich meine die Rasse. Sie können so furchtbar traurig aussehen, wie es eigentlich nur die Möglichkeit der Semiten ist. Es würde mich nicht wundern. Sie haben eine so merkwürdige Anziehung -- nur Wesensfremde, Heterogene ziehen sich in dieser Weise an.“
Nacka Planck sagte etwas gereizt, es wäre gewiß sehr amüsant, wenn jeder diese Nacht seine Familiengeschichte erzählte, aber man müßte jetzt doch bald nach Hause. Im übrigen, sie sei rein arischer Abkunft.
Worauf Herr Strom sich verabschiedete. Aber Wredegast wollte noch nicht gehen. Er wiederholte das Wort des Bekannten: Irgendwo liebt uns immer jemand, und wir wissen es nicht.
Und er erzählte eine Geschichte. Er war in Norwegen gewesen und hatte acht Nächte nicht geschlafen. Acht Nächte lang hörte er den Sturm flüstern: komm zu mir. Bis er endlich, wie von einem Dämon getrieben, nach Berlin zurückreiste, wo er damals studierte. Und da hörte er: ein junges Mädchen, eine Bildhauerin, die ihn geliebt hatte, der er Kamerad gewesen war, hatte Gift genommen. Und acht Tage und Nächte litt sie daran, bis sie endlich tot war. Und ihre Freunde hatten sie immer flüstern gehört: komm zu mir -- komm zu mir! Komm zu mir, komm zu mir, sagte sie mit ihrer armen, zerbrochenen Stimme. Und die andern vergingen vor Kummer, und niemand wußte, wen man rufen sollte. Niemand wußte es. Und sie konnte den Namen nicht mehr sagen. Niemand konnte ihr helfen. Und ich hörte acht Tage lang den Wind flüstern, komm zu mir, komm. Und erst als sie tot war, fanden sie einen Brief an mich. O, ich kann nicht weiter sprechen, ich darf nicht an den Brief denken, er zerreißt mir das Herz.
Und Alfred Wredegast wurde bleich -- und Leonore dachte, wie sehr er leidet. Nebenan brüllte kreischende Musik. Nacka Planck starrte Wredegast an. Ihr Gesicht war verzogen vor Gram. Sie drückte die Hände vors Gesicht, ließ sie sinken und sagte mit tiefer Stimme: „Was Sie uns da erzählen, Herr Wredegast, bewegt mich tief. Ja, es bewegt mich tief, Herr Wredegast.“ Sie schüttelte sich -- rief in einem Atemzug mit hellem Ton, mit frohem Gesicht: „Katti Kipferl, zahlen!“
Man ging. Leonore war es ganz wirr im Kopf. Sind es alle Komödianten? dachte sie.
* * * * *
Am andern Tag bat Iphigenia um Leonores Besuch. Sie sei krank, sie habe Migräne, sie fürchte sich. Nackchen wäre im Atelier -- Nackchen hätte ja nie Zeit für sie. Und sie fühle sich erbarmungswürdig. Ob Leonorchen denn nicht etwas bei ihr bleiben möchte.
Gewiß, Leonorchen wollte bleiben, wenn die Baronin doch so krank war. Die Baronin legte sich auf einen Diwan und ließ sich mit Decken und Kissen einbauen.
Dann besann sich Leonore, was es für Mittel gegen Kopfschmerzen gibt, und zählte sie auf: Riechsalz, Brausepulver, Magentropfen, heiße Umschläge, Zitronensäure äußerlich und innerlich, ferner Kaffee, ein stark kohlensaures Getränk, oder aber ein Apothekermittel: Koffein, Migränin, Antipyrin, Aspirin, Phenazetin, Zitrophen, Morphium.
„O Gott,“ fragte Iphigenia ganz erschüttert, „woher wissen Sie denn so viele Mittel?“
„Meine Großmutter leidet an Migräne.“
„Ihre arme Großmutter leidet an Migräne? Wie schrecklich. Das kehrt nämlich sehr oft bei den Enkeln als Geisteskrankheit wieder. Ja, oder als eine für die betreffende Rasse ungewöhnliche Erhöhung der psychischen und intellektuellen Kräfte.“
„O,“ sagte Leonore, der der Wahnsinn noch den Beigeschmack des Genialischen oder mindestens Interessanten hatte -- „wirklich, ist das so?“
Die Baronin Müller gab eine etwas phantastische physiologische Erklärung. Immerhin, Leonore bewunderte dieses Wissen und fand es anziehender als Zärtlichkeiten.
Die Baronin beschäftigte sich aber wieder mit den eigenen Kopfschmerzen -- wünschte es mit Zitrone zu versuchen, und Leonore wandte das Mittel an: äußerlich Befeuchtung der Kopf- und Stirnhaut mit Zitronensaft, innerlich Zitronensaft in Brausepulver. War es nun das Mittel, war’s der Glaube, bald fühlte sich Iphigenia wohler.
„Was sind Sie für ein liebes Kind, Leonorchen, Nacka hat für solche Dinge gar kein Verständnis. Sie ist nie krank, außer beim Zahnarzt hat sie noch nie Schmerzen gehabt, und sie rät immer Spazierengehen gegen Migräne. Ja, in einem Zustand, wo jeder Schritt eine Qual ist, rät sie Spazierengehen!“
„Sehr gesunde Menschen verstehen Krankheiten gewöhnlich gar nicht. Sie haben eine Art Haß dagegen. Haben Sie das noch nicht bemerkt, Iphigenia -- so ganz gesunde egoistisch-starke Menschen wenden sich immer von Kranken ab. Kopfschmerzen sind ja nun keine Krankheit. Aber diese egoistisch Starken fühlen Kranke wie Feinde, oder wie Minderwertige. Sie gehen sie nichts mehr an.“
Iphigenia dachte nach. Leonore schaute sich so lange in dem Schlafzimmer um. Es war zugleich Ankleideraum -- und alle Einrichtungen für eine raffinierte Reinlichkeit standen zur Schau. Ein Waschtisch mit warmer und kalter Leitung -- der Boden darunter mit Zinkblech ausgeschlagen -- mit Abflußröhre. Ein Sortiment von Schwämmen, Frottierlappen, Handtüchern, Bürsten und Seifen, und Toilettewässer wie ein Regiment Soldaten. Alle Javole und Odole der Welt -- ein Kamm- und Bürstenlager -- gerade, gebogene, gekrümmte Zahnbürsten, Zungenkratzer zur Wahl, eine vielteilige Nagelgarnitur -- das alles stand blitzblank da. O, man konnte beruhigt sein, Iphigenia pflegte ihren Körper -- aber wenn sie jeden Morgen, Mittag und Abend mit sechs Zahnbürsten in den Mund fuhr, gewiß zerriß sie die Lippen damit.
Iphigenia war mit dem Nachdenken fertig. Sie sagte: „Leonore, Sie sind sehr klug für Ihre Jugend. Was Sie da von Gesunden und Kranken sagten, leuchtet mir sehr ein. Kommen Sie doch her zu mir, liebes Kind, setzen Sie sich zu mir auf die Ottomane. So -- so ist es gut. Geben Sie mir Ihre Händchen --“
„Es ist eine Hand,“ lachte Leonore. „Nummer 6½. Es ist wirklich eine Hand.“
„Also die Hand, wenn Ihnen das besser gefällt.“
Plötzlich weinte die Baronin. Weinte und drückte sich an Leonore. „Ich bin so unglücklich, Leonore, so schrecklich unglücklich.“
„Aber, liebe Iphigenia -- was ist denn? Soll ich Anastasia rufen? Haben Sie schlechte Nachrichten von dem Baron?“
„O nein -- nichts von beidem. Bleiben Sie -- Kind, gehen Sie nicht fort. Es ist -- ich fühle, wie Nacka von Tag zu Tag kälter gegen mich wird -- wie sie meiner überdrüssig wird. Ja, und einmal, da hatte sie Freundschaft für mich. Und nun -- was hat sie Ihnen gesagt, Leonore, was hat sie Ihnen gesagt?“
„Ob ich sie heute besuche, hat sie mir gesagt, sonst nichts.“
Die Baronin seufzte: „Es ist also so weit, daß sie gar nicht mehr von mir spricht. Ich existiere nicht mehr für sie.“
Alles wird Frau von Müller zum Unglück, dachte Leonore, und sie sagte: „Wir wissen es doch, daß Nacka Sie sehr gern hat -- man sieht es doch aus Ihrem ganzen Zusammenleben -- aus Ihrer gemeinsamen Lebensführung -- man fühlt es an dem Behagen, das von Ihrem Heim ausgeht.“
„Wie hübsch Sie das sagen, liebes Kind. Man könnte es fast glauben. Aber Sie täuschen sich. Ach, es ist nicht mehr wie früher. Hören Sie -- ich glaube, sie will mich forthaben. Ich langweile sie mit meiner Eifersucht.“
„Dann würde ich nicht mehr eifersüchtig sein, Iphigenia.“
„Dann würden Sie nicht mehr eifersüchtig sein? O, liebes Kind, waren Sie jemals eifersüchtig?“
Leonore dachte an den Tierarzt, an den Vetter Paul. War das Eifersucht gewesen? Wohl nur Enttäuschung. „Ich war ein Kind,“ sagte sie. „Was weiß ein Kind.“ -- Leonore redete wie ein alter Weiser: „Es gibt gewiß oft Differenzen zwischen zwei so verschiedenen Naturen, wie Sie und Anastasia sind. Ist das nicht einfach Naturnotwendigkeit? Sie sind beide so temperamentvoll -- und das lieben Sie gewiß auch aneinander. Man hat seine Freunde doch so lieb, wie sie sind.“
„Sie wollen doch wohl nicht sagen, daß man an seinen Freunden auch die Untreue lieben soll?“
Leonore dachte: Untreue Freunde -- waren das Freunde? Oder ist es natürlich, daß alles sich ewig wandelt? Sie und Vetter Klemens, als er sie damals hier mit Dankmar besuchte, hatten sich doch jetzt gar nichts mehr zu sagen gehabt -- es ist die Zeit, die Entwicklung, die die Menschen auseinander bringt. Man hat sich nichts mehr zu sagen -- ohne daß die Anteilnahme an dem Geschick des andern sich verlöre. Es ist besser, man sieht sich nicht wieder -- man kann der Erinnerung freundlich gesonnen bleiben. -- Und Leonore sagte: „Könnten sich nicht Beziehungen einfach überleben? Ich meine nicht, Ihre Beziehung zu Nacka habe sich überlebt -- ich meine es rein akademisch, wie immer Tucher sagt. Es braucht nicht Untreue zu sein --“
Aber Frau von Müller hörte nicht auf akademische Weisheiten. Sie beugte ihr gerötetes, zerfahrenes Gesicht zu Leonore herüber und flüsterte: „Mein Mann liebt die Nacka Planck. Das ist mein Unglück. Ich bin zu ihr gezogen, um durch den täglichen Umgang ihr ähnlich zu werden. Aber sie mag ja gar nicht mehr meine Gesellschaft. Sie schließt sich im Atelier ein, widmet sich ihren Modellen und anderen Menschen. Sie war ehrlich traurig, daß mein Mann sich so vergaß. Sie bot mir an, bei ihr zu leben, bis eine Änderung einträte. Aber nun belästigt sie meine Dankbarkeit und ihre Gastlichkeit. Sie sagt mir in jeder Stunde des Alleinseins, ich gehöre zu dem Manne, weil ich ihn doch geheiratet habe. Und weil ich ihn noch liebe.“
Leonore begriff diese Zustände nicht sogleich. „Wie?“ sagte sie, „und um Nacka Planck ähnlich werden zu können, sind Sie böse, wenn Sie sich nicht jeden Augenblick allein haben? Deshalb sind Sie auf die Modelle eifersüchtig?“
„Ja,“ sagte die Baronin stupid. „Was haben Sie denn sonst gedacht?“
Leonore war sich darüber nicht klar. Sie brauchte auch nicht zu antworten, denn die Tür wurde aufgestoßen -- Nacka Planck kam herein. Ihr Gesicht drückte Brutalität aus, ihre Haltung Zorn. -- „Also hier -- das ist ja hübsch. Du klagst wohl über mich?“
Die Baronin zitterte. „Nackachen, Liebste, ich war so elend -- Lenorchen hat mich so schön gepflegt.“
„Du bist nicht krank,“ sagte die Planck hart. „Du wirst jetzt mit mir spazieren gehen. Haben Sie Lust, Leonore, mitzukommen?“
Doch Leonore war froh, entrinnen zu können. Sie sah noch, wie die Baronin gehorsam aufstand -- ihre Überkleider suchte -- und mit Blicken auf Nacka sah, wie sie ein geprügelter Hund hat -- und zugleich voll Neugier. Sie dachte wohl, ob auch diese Pose Nackas den Baron Müller betören würde? -- --
Leonore ging durch die Stadt. An hastenden, an bierseligen, an schimpfenden, an fremden Menschen vorbei. Sie aber sah nur das Festliche an dieser Stadt: die breiten, schön geformten Häuser, die von Heiterkeit und Genußfähigkeit sprachen, die schönen Bilder und Geräte an den Schauläden, die weiten Plätze. Sie sah nur die sichere Vornehmheit dieser Stadt, die von Künstlern erdacht worden ist. Sie kam durch die Straßen mit den Botschaftspalästen, mit den Häusern von Malern und Edelleuten. Kam an den Propyläen vorüber, die sie sehr liebte, und erreichte nach einer Weile das Siegestor. Der weiße Turm der Ludwigskirche leuchtete in den Vorfrühlingshimmel hinein. Die ganze Straße war erfüllt von diesem glänzenden, lebensvollen Weiß. O ja, das war wirklich eine königliche Straße.
Leonore bekam Lust, ins Freie zu gehen. Im Englischen Garten mußte es um die Zeit des Abends gut sein -- ehe noch die Stadt ihre vielen Menschen aus der Arbeit entließ, ehe noch der Schutz der Dämmerung alle Laubnischen mit Gestalten füllte.
Sie ging über die weiten Rasenflächen, die schon frühlingsgrün waren, ging und stieg den Hügel zu dem Monopteros hinauf. Da war niemand. Einsam klang Leonores Schritt auf den Steinfliesen, die den griechischen Tempel umgeben. Sie setzte sich auf die Rundeinfassung -- sah nach der Stadt. Eine weiche, verschleierte Luft zog um die Türme.
Leonore lächelte. Sie wußte nicht warum. Sie seufzte. Sie wußte nicht warum. Vom Himmel fiel ein leiser Regen. Dieser tändelnde, zarte, warme Frühlingsregen, der Gras und Knospen und Sehnsucht und unnennbare Ahnungen wachsen läßt, fiel auf ihre bloßen Hände und auf ihr Kraushaar, von dem sie die Mütze genommen hatte. Sie saß und dachte an große Taten und blaue Fernen und Liebesnächte von Pan und Erde. Ganz wirr war alles in ihr, so glücklich empfing sie den Frühling.
Da war auf einmal Freyer am Monopteros. Er hatte zu Ehren des Frühlings helle leichte Kleider an, und setzte sich neben Leonore.
Sie mochte ihn gern. Er war von charaktervoller Häßlichkeit -- mager, brünett, muskulös, ohne alles Kleinliche in seiner Gesamterscheinung. „Der liebe Gott hat wieder einmal das Paradies erschaffen,“ sagte er, und er wies deutend mit der Hand auf den grünenden Garten um sie.
„O, das ist es -- darum bin ich so froh,“ antwortete sie, und sie stand am Rand des Hügels und lächelte -- stand am Rand des Hügels und lächelte und hob die Hand in tastender Bewegung zu ihrer Stirn. -- „Ich wußte ja nichts -- ich wußte nie, warum mich der Frühling immer so glücklich macht,“ sagte sie -- „und nun ist es, weil in jedem Frühling das Paradies neu geschaffen wird -- oder sind es wir, die es schaffen? Wir wissen alles lange, lange -- und alles ist neu --“
Der Mann sah das junge Mädchen. Sah sie -- sah ihren Körper voll Enthusiasmus, voll schwankender, taumelnder, willenloser Entzückung. Sie war schön. Schön wie der Überschwang. Sie war jung. Jung wie der Frühling.
Der Mann trat zu ihr. Er redete. Er fragte sie tausend Dinge. Und schließlich gingen sie zusammen nach Hause.
Alles um sie her glänzte, strahlte von dem Frühlingsregen. Wie von Silber überrieselt. Wie in Morgenkühle getaucht. Die Tropfen fielen den an den Büschen Vorüberschreitenden auf die Hände. Sie leuchteten an den Stämmen herunter. Und Leonore war so froh. Diese zärtlich verheißungsvolle anregende Frühlingsluft fühlte sie wie ein Jubeln des Blutes. Wie einen einzigen Rausch.
Und wie ein Rausch redete sie -- sie redete, wie nur der Reine spricht, der nie von einem Weggefährten etwas Unfeines zu denken fähig ist, wie nur der Unberührte spricht, der noch nicht weiß, daß Schweigen die Rettung vor den Menschen ist: „Man sollte zum Frühling beten. Man sollte singend durch die Wälder ziehen -- O, wissen Sie, wie das ist, wenn die Osterglocken durch Dämmerung und Stille läuten -- und im Steinbruch die Palmkatzen ihre Pelze aufsetzen und alles ist so voll von Unaussprechlichem? Man weiß es ja noch nicht -- und doch war es schön -- man fühlt es nur -- der Sturm kommt, der Frühlingssturm, der alles neu macht -- O, wenn ich ein König wäre, ich wollte meinem Volke Frühlingsfeste schenken -- allen Kindern und allen, die arm sind, wollte ich das Evangelium vom Frühling sagen -- wollte sie weit fort von den Städten führen -- in Talgründe, die blau sind von Veilchen, und wo die Himmelsschlüssel läuten -- Und denen, die alt und müde sind, wollte ich sagen: wenn einst die Toten erwachen, so werden sie in einem Frühlingsgarten stehen und alles wird sie mit einem Blumenlächeln grüßen --“
„Und sollte das immer so bleiben, Leonore? Immer?“
„Ich weiß nicht -- Wenn es immer wäre, könnten sie sich nicht mehr sehnen. Aber so lange wir auf der Erde sind, sehnen wir uns doch, und da ist es gut, an Erfüllung zu glauben. Den Sommer -- o, den Sommer wollen wir auch. Wenn die Felder weiß sind -- und Ungewitter ins Tal hinunter ziehen -- oder wenn die sturmbange Stille über dem Land liegt -- ja, vielleicht soll im Himmel auch ein ewiger Sommer sein. Wenn ich einmal König bin, will ich den Menschen versprechen ...“
So fabelte sie. Und der Mann neben ihr sah sie unverwandt an. Denn sie war jung. Jung wie der Frühling. Denn sie war schön. Schön wie der Überschwang. -- --
* * * * *
Ein paar Tage später war Leonore wieder im Englischen Garten. Sie hatte ein wenig die Zeit vergessen und es dämmerte schon, als sie sich endlich auf den Heimweg besann. Leonore war zum ersten Male bis zum Aumeister hinaus gegangen, und nun ergab sich, daß sie den Rückweg nicht richtig wußte. Sie sah nach der Uhr: in einer Viertelstunde sollte sie bei Planck-Müller zum Abendbrot sein. Sie mußte sich also beeilen, denn bestenfalls hatte sie auf dem direkten Weg noch Dreiviertelstunden zu gehen. Sie lief und lief -- und merkte plötzlich, daß sie im Kreis herumgegangen war. Da entschloß sie sich, den nächsten Menschen, der ihr begegnen würde, anzureden und zu fragen. Und so wandte sie sich an den Nächstbesten, der des Weges kam.
Es war ein Herr in mittlern Jahren, der ihr freundlich Bescheid gab und sagte, er habe denselben Weg, sie möchte nur mit ihm kommen. Sie war ein wenig ratlos, dachte aber: sobald ich wieder in einer mir genau bekannten Gegend bin, schlage ich einen andern Weg ein.
Der Fremde plauderte Alltägliches: daß er München noch nicht näher kenne, daß es aber als lustige Stadt bekannt sei, und so weiter. Leonore antwortete kaum; sie fühlte ein gewisses Unbehagen und wußte nicht, woher es kam. Auch schien ihr der Weg, den man ging, durchaus nicht der Stadt zuzuführen.
„Sie wissen wohl selbst den Weg nicht, da Sie hier fremd sind. Ich danke Ihnen, ich werde mich jetzt zurecht finden.“
In diesem Augenblick fühlte sie sich von hinten gepackt -- umschlossen, und sie fühlte den bärtigen Mund des Fremden auf ihrem Gesicht. „Süßes Mädel -- ich führ’ dich auch zum Soupieren.“