Part 5
Leonore hatte aufgehört zu singen; sie sah nach dem grünen Wasser hin, das unter Weidenbäumen melancholisch in langsamem Abschied zog. „Du gehst nun bald fort, Vitus?“
„Noch nicht so bald, Leonore. Paul kommt doch in einigen Wochen -- dein Vetter Paul -- und den möchte ich gern noch einmal sehen. Denn wenn ich fortgehe ist es auf lange.“
„Auf immer, Vitus?“
„Auf lange, Leonore!“
„Du machst eine so weite Reise mit deinem Freund?“
„Ja, das wird wohl sein. In das alte Land, wo das Paradies gestanden haben soll, wollen wir. Im Schutt von Jahrtausenden graben. Durch meine Arbeit wird zwar für die Wissenschaft nicht allzuviel herauskommen, ich bin ja nur ein Amateur, der selbst die größte Freude am bloßen Tun hat, nicht an seiner Konsequenz. Aber Frédéric Morton ist ein großer Gelehrter -- er besitzt jene Intuition des Intellekts, die man hat oder nicht hat -- und nicht durch Fleiß erwerben kann.“
„Du liebst diesen Freund wohl sehr, Vitus?“
Kelt lächelte: „Du solltest ihn nur kennen, Leonore. Er ist der idealste junge Mann, den es gibt. Er ist sehr schön. Was sage ich -- schön. In Menschenschönheit liegt oft so viel Zufälliges. Darum hat sie ihren einzigen Wert in den Augen der Gebildeten, die das Logische lieben, verloren. Sie vergessen, daß es das Seltenste ist, ein Geschöpf des Zufalles zu sein: ungedacht, nicht geschaffen, aus tausend Willküren heraus wie die Zufallsschönheit wilder Blumen, die Zufallsschönheit von Wolkengebilden, die über den Abendhimmel schwimmen. Wir sind Gewordene, du und ich, Leonore. Auf lange sehen wir zurück. Da waren die Reihen der Voreltern -- wir wissen noch, wie sie gewesen sind. So genau wissen wir, woher sie kamen. Ja an der Hand der Geschichte können wir sogar die Gedanken wissen, die sie dachten. Denn wären sie Ausnahmen gewesen, so hätten sie sich ausgeschieden von den andern und wären Ausgeschlossene, Verschollene, von denen man redet wie von Gespenstern. Und wir, die wir aus dem Folgerichtigen kommen, wir lieben gerade den Gegensatz: das Zufällige. Nicht jenes Zufällige, in dem Wahllose sich mit Wahllosen mischten, Willkür sich mit Willkür verband. Daraus entstehen nur Zwitter, die von der Bettelgnade des Tages leben.“
„Verhöhnst du die -- die den Tag lieben wie etwas Kostbares, das einzig ist?“
„Nein, Leonore, ich verhöhne sie nicht. Ich bin noch sehr wenigen begegnet, die das konnten, was du sagst. Nur wer Schicksal und Geschichte aus dem Augenblick formen wird, hat ihn geliebt -- die von der Bettelgnade des Tages leben, tun es nicht.“
„Du müßtest ein wenig deutlicher dich ausdrücken, wenn ich dich verstehen soll, Vitus.“
„Ja, wie soll ich das sagen. Immer einmal wieder wird Adam-Mensch geboren -- der ein Erstling ist und alles neu sieht. Immer einmal wieder geht Parzival, der junge Tor, durch die Welt, oder Kaspar Hauser, der nichts von seinem Ursprung weiß. Zuweilen erwachsen noch aus Finsternissen und dem Unnennbaren im Schoß der Erde jene strahlenden, untergrundlosen Nordlichtexistenzen, die ich Geschöpfe des Zufalls nannte. Und sie sind es, die den Gewordenen entzücken, die ihm das Novum, die Offenbarung des Lebens sind. Wenn du einmal liebst, Leonore, so wird es ein solcher Mensch sein. Einer, der einsam aus seiner Rasse ragt. Der nichts hinter sich will -- nur das stürmende Leben begehrt. Mein Freund ist ein solcher Mensch. Er hat nichts geerbt. Der Zufall hat ihn erschaffen. Es gibt Menschen, die seinen Gattungsnamen tragen, und wenn er unter ihnen ist, dünkt es einem, als sei ein Findlingsblock unter Ziegel gefallen. Nur eine Schwester hat er, die ihm gleicht.“
Ah -- eine Schwester, dachte Leonore.
Und er redete weiter. „Er hat Augen wie Chrysoprase. Seine Haut ist wie bräunlich gewordenes Elfenbein. Weißt du, wie der Frühling sieht er aus -- so maienstark ist er -- ist sein ganzes Wesen. Wenn er spricht, spielt er mit den Worten wie mit Federbällen. Sie fliegen, sie pfeifen durch die Luft. Sinnlos scheint es -- zusammenhanglos. Und dann plötzlich braucht er nur die Hand auszustrecken und er fängt sie alle -- aus den zerstreuten Worten wächst eine wundervolle Einheit.“
„Wie alt bist du eigentlich, Vitus?“
„Ich war einundzwanzig Jahre alt. Du meinst wohl, weil ich so von meinem Freunde spreche. Ja, siehst du, das Äußerliche gehört zu ihm. Er muß klare, harte, grüne Augen haben. Das muß alles sein. Man kann ihn sich nicht anders denken. An ihm findet man eben alles schön. Da ist nichts zu wollen. Seine Schwester gleicht ihm sehr.“
„An dir ist auch kein solcher Fehler, Vitus. Auf dich kann man immer stolz sein. Was machst du für ein Gesicht -- wir sind doch gute Freunde. Soll ich das nicht sagen? Meinst du vielleicht, ich hätte mit dir an der Fossa geredet, wenn du nicht so ein schönes Tier wärst? Du bist wie ein großer Hund -- ein ganz feiner Hund. Den kann man mit in Stuben zu den schönsten Damen nehmen.“
„O Gott, ein Hund gerade,“ sagte Vitus Kelt.
„Na, oder ein Pferd. Ich weiß nicht so die Worte. Einen Menschen wie dich habe ich noch nicht gesehen. Alle Menschen sind irgendwo schief. So meine ich es. Dankmar Kurtzen und Klemens waren draußen sehr nett, doch unter Erwachsenen und im Zimmer scheu oder komisch. Ich rede nicht garstig von meinen Freunden oder Verwandten, Vitus. Aber sieh mal Charlottchen, so fest und gerade ist sie in ihrem Hause -- und immer befangen, als hätte sie eine Schuld auf sich, vor den Menschen. Und der Onkel lärmt so in dem alten Saal. Du tust das nicht.“
„Nun, und Fräulein Klothilde?“
„Die kritisiere ich doch nicht,“ antwortete Leonore und wurde ein wenig rot dabei. Sie war so ehrlich und verehrte Fräulein Klothilde. Und doch hatte Kelt etwas vor ihr voraus.
„Sag mal, Leonore, wie denkst du von dir?“ fragte Kelt. „Bist du auch irgendwo schief?“
„Ja -- ich geniere mich so oft, und geniere mich, daß ich mich geniere. Ueberhaupt ist es sehr schwer ein Mädchen zu sein.“
Sie saßen still und sahen auf das fließende Wasser, dem jedes Weitergleiten wie ein Abschied schien -- zögernd, schwer -- hülflos.
* * * * *
Blau war die Erde von Flieder. Leonore schien es, als erwache das ganze Städtlein in einem Frühlingsfliedertaumel. Um den Ruinenberg, um den Kronengarten selbst war alles voll verschwiegener Gärten hinter Fliederhecken. Der Berg lag wie eine Landzunge vorgeschoben in die beiden Täler des Flusses. Und an all seinen Hängen standen die kleinen, verborgenen Gartenhäuser von grauem Stein. Um jeden Garten waren blühende Fliederhecken, und alle die kleinen, heimlichen Wege und Stege auf dem Ruinenberg waren von Flieder umsäumt.
Leonore ging durch die warmen Abenddämmerungen, die noch so leuchtend waren, trotzdem die Sonne schon hinter die Hügel sich gesenkt hatte. Und Leonore schien es, als trüge eine große, unaussprechliche Freude ihren Körper. Was war es denn, was war es denn? Es war ja nur der Frühling und sein hoffnungsschweres Jauchzen -- der Frühling, der das Land vergoldete, der es mit Reiz umkleidete --
„Guten Abend, Frau Traumfelder. Sammeln Sie Rapünzchen?“
„Ja, Freilein Lenore, Rawinzeli stech ich aus.“
Leonore guckte durch eine Öffnung in der Fliederhecke. „Haben Sie schon Bohnen gesteckt?“
„Ja. Die Eismänner sin vorbei. Die Kimmerling hab’ ich auch gelegt. Neie Sorten, die ranken sich an Bohnenstangen nauf -- die brauchen net so viel Platz.“
„Aber, Ihr Garten ist doch so groß?“
„Wir brauchen halt gar arg viel Kartoffeln, sieben Kinder, sieben Mäuler, Freilein Lenore.“
„Wie geht es denn Ihrem Soldaten?“
„No, ich dank, gut. Der freit sich sehr, wenn er heimkommt aufm Herbst und wenn die Kimmerling zeitig sin.“
„Machen Sie nur bald Feierabend. Die Kimmerlinge werden schon noch Zeit haben.“
„No, guten Abend, Freilein Lenore.“
Leonore ging weiter. Alles war so schön. Wie furchtbar drollig, daß man die Gurken an Stangen wachsen ließ, damit sie nicht so viel Platz brauchten. Das mußte sie der Großmutter erzählen. O ja, Leonore hatte jetzt schon viele Bekannte in der Stadt -- sie guckte so gern in die Gärten und freundete sich an. Traumfelder hießen die Leute, die hier Sommerfelder bebauten.
Nicht nur mit den Menschen freundete sich Leonore an. Aus einem ganz verwilderten Garten, der niemand zu gehören schien, hatte sie gestern eine Schwertlilie gestohlen.
Weil sie so über alle Maßen schön war. Mein Gott, die Schwertlilie hatte es doch so einsam in dem ganz verwilderten Garten. Auch Flieder stahl Leonore. Im Kronengarten blühte er für die Großmutter.
Ganze Arme voll Flieder hatte sich Leonore in ihre Stube geholt. Das roch so wunderlich in der Nacht, wenn der Spätfrühlingswind durchs Fenster kam. Und erst wenn man das Gesicht in die breiten Trauben drückte, o, das war eine Lust -- Lust --
Und Leonore lief durch die kleinen Wege zwischen den Fliederhecken auf den Ruinenberg. Eine große, unaussprechliche Freude trug ihren Körper. Was war es denn? Es war der Frühling und sein liebesschweres Jauchzen. --
* * * * *
Der Vetter Paul sah Leonores Malereien an, die sie bei Fräulein Klothilde gemacht hatte. Vetter Paul war eine Autorität. Er hatte ein Bild gemalt, und das war schon verkauft. Folglich mußte er etwas verstehen, und das Lob, das er Leonores Malereien spendete, erfreute besonders das Herz der Großmutter. Ja, nun sollte Leonore schon noch mehr Gelegenheit zur Ausbildung bekommen -- Porzellanmalen war doch so etwas Aufregungsloses und Solides.
Leonore konnte das Lob Pauls nicht ergötzen. Denn dieser Paul nannte jetzt Fräulein Klothilde seine Liebste, und die Liebste sagte zu Leonore du, und sie waren jetzt Cousinen. Leonore fühlte dumpf: der von ihr so äußerst verachtete Tierarzt war gewiß ein vortrefflicher Mann gewesen. Sie hatte ihm sehr unrecht getan. Die Ideale heirateten alle, ob sie nur schöne Seelen oder nur schöne Gesichter hatten. Sie heirateten beliebige Männer, und daß Leonore sie geliebt hatte, bedeutete gar nichts. Und sie heirateten keineswegs Welteroberer oder Könige, sondern Mallehrer und Gestütsdirektoren.
Leonore bedachte nicht, daß sie nie die Hoffnung genährt hatte, ewig von Klothilde Stunden zu haben. Doch sie war von Eifersucht erfüllt und schämte sich dessen in alle Tiefen hinein. Sie wollte gar nicht mehr an Klothilde denken, das war eben nun eine Cousine -- nun ja, was denn weiter? Nun ging man zu vieren im Wald und auf der Heide -- mochten Klothilde und ihr Bräutigam nur vorausgehen ...
„Ja, Leonore,“ sagte Kelt auf einem solchen Weg -- „freut es dich denn gar nicht, daß du später in München noch besser malen lernst? Wie wäre ich glücklich um eine künstlerische Begabung.“
Leonore sagte erbittert: „Ich kann mir nun alles auf Kaffeetassen malen, was ich mir wünsche. Ich wollte doch lieber leben, lieber leben!“
„Na, Kind, der Paul lebt recht kräftig gerade, trotzdem er malt.“
„Ich kann ihn nicht leiden,“ kam eine heftige Antwort.
„Weil er Klothilde heiratet? -- Aber liebe Leonore, damit beweist er doch nur einen guten Geschmack.“
„Du hast wohl auch wo eine Braut?“
„Ich? Aber Leonore. --“
„-- Aber, Leonore -- aber, Leonore. Ich höre schon, daß ich ein Aber bin.“
Kelt sah geradeaus ins Land. Ganz behutsam, und wie man ewige Wahrheiten ausspricht, die niemand ins Herz treffen können, redete er weiter: „Weißt du, wenn die Menschen ganz jung sind, wissen sie noch wenig von sich. Und sie glauben doch immer, sich in alle Zukünfte zu verstehen. So lange ein Mensch noch im Werden ist, hat er nicht den Überblick, vermag er nicht zu entscheiden, was ihm nicht nur Freude, nicht nur Vergnügen, sondern Notwendigkeit ist. Alles andere enttäuscht. Nur was uns Notwendigkeit ist, bleibt uns treu. Was sich von uns wendet, war nicht Notwendigkeit. Es war nur Handlanger zu unserer Entwicklung.“
* * * * *
So still und rein kam der Juniabend. So still wie die letzte Liebe. Sanftheit lag über der Landschaft. Allen Ruhe, allen Ruhe und einen Schimmer von Glück schien sie zu bringen.
Sie standen noch einmal an den Weihern der Fossa. Die Abendschatten lagen schon über den Hügeln, und in den melancholischen Wassern schrien die Frösche. Und wie im Traum fühlte Leonore die ferne, untergegangene Zeit -- fühlte sie den Schmerz, der hier noch zu wohnen schien.
Kelt saß am Hügelrand und sah auf das ruhende Wasser. „Einen Augenblick sind wir uns begegnet, Leonore, und haben uns zugelächelt aus weiten Fernen. Aber es wird nicht sein, als sei nichts gewesen. Wir werden noch oft an einander denken, wenn jeder sein eigenes Leben lebt -- ja, weißt du, wenn wir einst beide auf den Inseln der Seligen sind, dann werden wir einander manchmal grüßen als Wegkameraden.“
Sie saß ihm gegenüber, lächelte verloren. „Ich muß dich noch viel ansehen, du schönes Tier. Du gefällst mir noch heute so gut wie beim ersten Mal.“
Er sagte nichts. Er schwieg lange. Die Grillen zirpten von den Wiesen her, und die Schatten des Abends vertieften sich. Es war, als hätte der Augenblick kein Ende; als hätte der stille, reine Abend keinen Untergang. Sie dachte: Hinter den Hügeln wird uns einst das Leben lächeln. Wie ein Jahrtausend muß das Glück sein -- so reich, so glühend von großen Taten --
„Vitus, liebst du deinen Freund?“
„Du weißt es ja, mein Kamerad.“
„Ich liebe die Erde und den Sommer,“ sagte sie und lächelte Kelt an. „Und dich hab’ ich so schrecklich gern. Hörst du -- du sollst mir nie schreiben -- ich schreibe dir auch nicht. Briefe enttäuschen so. Die wollen etwas sein und sind doch nichts. Heute sagen wir uns Lebewohl -- und wenn wir uns nie wiedersehen, so tut es nichts, denn es wäre doch anders.“
Sie lächelte wieder: „Adieu, Vitus Kelt, und es war sehr schön.“
Er stand auf. „So gehen Kameraden nicht auseinander. Rufe mich, wenn du mich je brauchen solltest. Wir haben uns lieb wie Geschwister. Ein Bruder, der fortgeht, sorgt sich, wer seiner Schwester Freund und Hüter sein wird -- Freund und Hüter im fernen Land des Lebens.“
„Ach, Vitus, in Wirklichkeit bin ich doch ein Junge. Ich werde mit allem schon allein zu Ende kommen. Adieu, Vitus Kelt, und grüße auch deinen Freund von mir.“
„Leb’ wohl, Leonore, ich werde dich nie vergessen.“
Wunderlich klang ihr das Wort: „ich werde dich nie vergessen.“ Dankmar Kurtzen hatte dasselbe gesagt.
„So, Vitus, nun ist der Abschied zu Ende. Nun gehen wir heim, und du plauderst noch.“
Sie gingen durch den Juniabend. Der war rein und still wie eine letzte Liebe. Sanftheit lag über der Landschaft. Allen Ruhe -- allen Ruhe und einen Schimmer von Glück. Leonore war sonderbar gerührt. Kelt ging -- und doch war alles gut. Ein junges Herz klagt nicht um einen Frühling, der geht. Es weiß ja noch so viele junge Jahre vor sich.
* * * * *
Leonore ging die Wege die sie so oft mit Kelt gewandert war. Ueber die weiten Höhen, die nach den Wäldern hin abfallen, ging sie -- die Römerstraße verfolgend -- an alten Begräbnisplätzen vorüber, den Heidenfriedhöfen des Landes. Da lag die Flur in Sommermittagsstille. Schwer und reif war das Korn. Weiße Straßen schnitten am Himmelsrand ab. Nur zuweilen schob sich der Wald herein, zuweilen unterbrachen Heidenstrecken voll Thymian die Felder.
Leonore ging und hörte hinter den Wäldern aus weiter, weiter Ferne her den Wind rauschen. Um sie war es still -- nur weit fort, von Ewigkeit her, klang der Wind. Sie fühlte sich der Erde so nahe. Voll Liebe fühlte sie sich. Und es war ihr, als bezauberte sie die stille Landschaft, als schliche sich ihr verschwiegener Sommerreiz wie ein Geliebter leise in ihr Herz.
In jähem Erschrecken dachte sie: Bin ich denn untreu geworden? Was habe ich geweint um Kapellendorf! Und nun gehe ich über fremde Erde wie über heiliges Land. Was ist denn! Bin ich eine von denen, die keine Treue halten können? Nein -- nein, das will ich nicht!
Sie dachte an die alte Heimat. Die stand vor ihren Augen mit zärtlicher Lockung. Sie dachte: einst, wenn ich mein eigenes Leben leben kann, dann will ich es wohl beweisen, daß diese Liebe kein vergänglicher Kindheitstraum war. Dann will ich heimgehen in das alte Land.
Leonore ging die Wege, die sie so oft mit Kelt gegangen war. Sie ging und hörte von ferne, in weiter Ferne den Wind in Wipfeln spielen -- den Wind rauschen wie die Brandung des Meeres. Um sie war es still -- nur weit fort, von Ewigkeit her, klang der Wind. -- --
III.
Die Stadt.
Die königliche Beamtenswitwe Frau Bendler (man hätte ihr die Ehre abgeschnitten, würde man sie nur Beamtenwitwe genannt haben) sprach also: „Ich muß heint abend ins Volkstheater, weil der Xaver, wo mei Pat is, sein Benefiz hat. Akurat den Lumpensohn im Vierten Gebot tut er spielen, und ma muß so viel weinen dabei, aber weils halt der Xaverl ist und sei Ehrentag, da muß ich hin. Es ist nur, Freilein Wolfferstorff, weil doch das Freilein Tant’ mit Recht drauf drungen hat, daß Sie bei einer Beamtenswitwe, in einer anständigen Familje, unter einem Schutz und Schirm bei so viel Jugend sind -- aber was der Herr Tucher is, so leg ich die Hand ins Feier, und Freilein Trester ist doch scho a abgestandenes Frauenzimmer, da därf ich unbesorgt sein, wenn auch der Herr Wredegast a Schlankerl is. Also, ich kann halt beim Abendessen net derhoam sein.“
So sprach, mühsam das Gleichgewicht zwischen Dialekt und „Norddeitsch“ haltend, Frau Bendler.
„Aber Frau Bendler, da lassen Sie sich doch keine grauen Haare wachsen,“ antwortete Leonore.
„Wär auch zu früh bei meine zweiundvierzig Jähr, wär zu früh.“
Das Gespräch wurde unterbrochen. Es klopfte, und die Baronin Müller aus dem zweiten Stock kam in den dritten. Die Baronin Iphigenia Müller schien nicht die Blüte der Aristokratie zu verkörpern. Sie war höchst unordentlich angezogen, ihre Frisur löste sich stets irgendwo, und selbst ihr Gesicht drückte Unordnung aus, fand Leonore. Alles schien nicht zusammen zu gehören; es war, als hätte man von drei Menschen Augen, Nase und Mund geliehen und sie in ein Rechteck gesetzt.
Iphigenia von Müller war wie immer in Eile. Sie erwiderte den tiefen Knix der Beamtenswitwe mit einem flüchtigen Blick und wandte sich an Leonore: „Liebes Kind, Sie sollen heute abend zu Nacka kommen. Auch Tröster, Wredegast und Tucher. Frau Bendler geht ins Theater, und Sie sollen nicht mit den Mannsbildern allein sein.“
„Frau Baronin, es ist der Ehrentag von mein Patenkind, mein Xaverl. Und bei uns, bei einer keniglichen Beamtenswitwe. --“
„Königliche Grenzoberaufseherswitwe zu Pferd, nicht wahr?“ fragte Iphigenia Müller.
„G’horsamer Diener, ja. Bei mir also --“
„Aber, liebe Frau Bendler, natürlich gehen Sie ins Theater. So oft Sie wollen. Fräulein Leonore ist immer bei uns eingeladen. Fräulein Planck läßt Ihnen ausdrücklich sagen, Frau Bendler, wenn Sie mal fortgehen wollen oder dergleichen, Fräulein Wolfferstorff ist bei uns wie zu Hause. Uebrigens wäre sie ja auch kein Kind mehr.“
Leonore war der Baronin dankbar für diese Rede. Denn seit Tante Charlottchen mit Frau Bendler über die großen Gefahren der Großstadt konferiert hatte, war die „Beamtenswitwe“ um das Mitglied ihrer „Benzion“ besorgt, als sei Leonore ein Kind von zwölf Jahren. Und doch war Leonore eben achtzehn, hatte das Sprachexamen gut bestanden und hörte nun Kunstvorlesungen zur Ergänzung ihrer Ausbildung in der Porzellanmalerei.
Iphigenia Baronin Müller hatte sich in Eile wieder verabschiedet. Leonore ging, ein anderes Kleid anzuziehen -- den bequemen Rock und die Jacke, zu der sie Leinenkragen trug, mit einem Gewand von edlerer Form und fließenden Linien zu vertauschen. Das mochte Anastasia Planck gern, und sie war eine berühmte Malerin und mußte wissen, was gut aussah.
Leonore stieg hinunter in den zweiten Stock. Es war doch überaus freundlich von Planck und Müller, die ganze Bendlersche Pension zum Abend einzuladen. Bei Bendlers gab es stets etwas, das Herr Tucher „einen Fraß“ nannte, wovon Fräulein Tröster behauptete, ein chronisches Magenleiden zu haben, und was Herr Wredegast als „die Sünden der Väter“ bezeichnete. Hingegen besaß die Baronin Müller die Fähigkeit, in dieser, was das Essen anbelangt, barbarischen Stadt Dinge aufzutreiben und Mahlzeiten herzurichten -- beinahe so prächtig, wie man sie in den berühmten Restaurants des beliebten Berlins bekommt. Das war die Vaterstadt der Baronin, und Iphigenia war nur Anastasia Plancks wegen in das Exil gezogen. Es hieß, um zu malen, aber die Baronin verbarg ihre Kunsterzeugnisse noch.
Als Leonore in den Müller-Planckschen Salon kam, dessen Charakteristikum mehrere Diwans voll Kissen bildeten, fand sich nur die Baronin Iphigenia vor. Die umarmte Leonore mit der geläufigen Zärtlichkeit einer Dame, die weiß: alles was von ihr kommt, ist Huld, und nötigte dann Leonore auf eine Chaiselongue.
„Die Mannsbilder sitzen schon im Rauchzimmer,“ sprach die Gastfreundin, „mögen sie nur warten. Wir müssen auch warten. Nacka hat Modell bei sich, jetzt, wo man diese verdammten Leuchtmaschinen erfunden hat, wird das süße Kind schließlich auch noch die Nächte hindurch arbeiten.“
Leonore dünkte es, das süße Kind sei doppelt so alt als sie. Nun das schadet ja nichts.
„O Leonore,“ fuhr Frau von Müller fort, „Sie ahnen nicht, was das ist. Immer hat Nacka diese Aktmodells bei sich. Ich vergehe beinahe!“
Leonore antwortete begütigend: „Sie brauchen ja nicht ins Atelier zu gehen, Frau Baronin, wenn Sie die Modelle nicht sehen mögen.“
„Nein, aber der bloße Gedanke erregt mich.“ -- Die Baronin Müller umarmte Leonore von neuem. „Sie dürfen sich nie von Nacka malen lassen -- nein, versprechen Sie mir.“
„Aber Fräulein Planck hat mich doch noch gar nicht malen wollen.“
„Hat sie das nicht? Wirklich?“ -- Iphigenia Müller schien ganz glücklich.
„Nein, wirklich nicht, Frau Baronin!“
„Sie sind ein liebes Kind -- ich muß Sie küssen. Sie sind unsere kleine Prinzeß. Oder wollen Sie lieber der Page sein? Ja, mit Ihrem goldenen Kraushaar sind Sie ein Page. Aber Leonore, sagen Sie doch nicht Frau Baronin zu mir, nennen Sie mich doch Iphigenia. Und zu Nacka müssen Sie nie Fräulein mehr sagen, das kränkt sie. Ein so berühmter Name wirkt allein am schönsten.“
Leonore dachte: Ich will ja alles tun, wenn mich Frau von Müller nur nicht wieder küßt. Sie hatte einen so fransigen Mund, ja, als ob sie ihn mit Scheuerlappen oder einer Zahnbürste behandelte, sah er aus. Vielleicht war das eine Krankheit. Um so unangenehmer, geküßt zu werden.
Leonore fragte: „Was malt denn -- Anastasia Planck gerade?“
Die eben besänftigte Iphigenia geriet von neuem in Erregung. „Das ist es ja -- ich weiß es nicht. Jeden Abend kommt das Modell in der Dämmerung -- es ist Winter, sie hat eine Kapuze und einen Schleier auf -- sie läuft direkt ins Atelier, und dann wird zugeschlossen.“
„Vielleicht sollen Sie das Bild zu Weihnachten bekommen,“ sagte Leonore in ermunternder Harmlosigkeit.
„Glauben Sie? Meinen Sie das wirklich? Hat Sie Ihnen vielleicht eine Andeutung gemacht?“
„Das nun nicht. Aber es ist doch sehr wahrscheinlich, wenn Sie es nicht vorher sehen dürfen.“
Schon saß Iphigenia wieder neben Leonore. „Sie liebes Kind -- ach, Sie sind so ein Tröster. Wie lieb Sie sprechen können. Ich muß Ihnen die Hand drücken.“
Leonore wurde es ängstlich. Sie fragte ganz blind, nicht aus Neugier, sondern um nur etwas zu sagen: „Kommt Ihr Herr Gemahl Weihnachten hierher?“
„Der Baron Müller? Ach nein. Er arbeitet an einem Werk über das sibirische Klima. Das ist nämlich gar nicht so schlecht, wie man es macht.“
„Ist er selbst dort?“
„Nein. Er lebt in Wiesbaden. Da ist es ihm am wohlsten. Vielleicht besuchen wir ihn Ostern.“
„Warum schreibt er denn gerade über das sibirische Klima?“
„Ach, das weiß ich nicht. Er will eben eine Beschäftigung haben. Warum soll er nicht über das sibirische Klima schreiben?“