Josef Dietzgens philosophische Lehren

Part 9

Chapter 93,428 wordsPublic domain

Dabei ist zu erwägen, daß die Sokratiker, welche das Absolute unter dem Namen des Guten suchten, insofern beschränkt waren, als sie dasselbe nur von der moralischen, spezifisch menschlichen Seite erfaßten und nicht zuletzt auch von der +kosmischen+. Wie Gesundheit und Reichtum zusammengehören, und auch das noch viel zu wenig ist für das Menschenheil, wie dazu alle sozialen und politischen Tugenden erfordert sind, so steckt das Gute noch nicht im Zusammenhang aller Menschen, sondern geht darüber hinaus und hängt mit +aller Welt+ zusammen. Ohne letztere ist der Mensch nichtig. Er hat keine Augen ohne Licht, keine Ohren ohne Geräppel, keine Moral ohne Physik. Der Mensch ist nicht so sehr das Maß aller Dinge, als vielmehr sein mehr oder minder großer und intimer Zusammenhang mit allen Dingen das Maß aller Menschlichkeit ist. Nicht die beschränkte Moralität, sondern das Universum, das Allerhöchste, ist das Gute im allerhöchsten Sinne des Wortes, ist das absolute Gut, Recht, Wahrheit und Vernunft.

Die absolute Ein-Natur alles Daseins ist die unbedingte Grundlage einer verständigen Vernunftanwendung.

Unsere Volkslogik ist tolerant und nicht fanatisch. Die Volkslogik will nicht vernünftig sein ohne Leidenschaft, aber auch nicht leidenschaftlich ohne Vernunft. Sie hebt nicht den Unterschied auf zwischen Freund und Feind, zwischen Wahrheit und Lug, zwischen Verstand und Unverstand, sondern beschwichtigt den Fanatismus, der das Unterscheiden übertreibt. Sie stellt den Lehrsatz an ihre Spitze: Es gibt nur +ein+ Absolutes, das Welt+all+.

Halte wohl fest, daß der Begriff eines Weltalls, das irgend etwas außer oder neben sich hat, womöglich ein noch verrückterer Begriff ist wie ein hölzernes Eisen. Daran erkennst Du zugleich, wie alle Verschiedenheit eine gemeinschaftliche Natur hat, welche nicht zuläßt, daß der Unterschied zwischen zwei Dingen oder Meinungen überschwenglich groß sei. Weil das Universum das einzige höchste Wesen ist, darum sind alle Unterschiede, auch alle Meinungsunterschiede höchst unwesentlich.

Und nun kommt die Moral von der Geschichte. Die Menschenvernunft, das Spezialobjekt der logischen Forschung, partizipiert am Generalwesen; sie ist kein Wesen für sich; als isoliertes Wesen ist sie durchaus nichtig und unvermögend, irgendeine Erkenntnis zu produzieren. Nur im Zusammenhang, nicht nur mit dem materiellen Gehirn, sondern mit dem Universum überhaupt ist der Intellekt lebens- und arbeitsfähig. Nicht das Gehirn denkt, sondern der ganze Mensch gehört dazu; und nicht nur der Mensch, sondern der Universalzusammenhang ist zum Denken erfordert. Die Vernunft offenbart keine Wahrheit. Die Wahrheiten, welche sich uns +mittels+ der Vernunft offenbaren, sind Offenbarungen des Generalwesens, des Absoluten.

Sokrates zeigt, daß er nur noch einen beschränkten, einen anthropomorphistischen und keinen kosmischen Begriff vom »Besten und Guten« und von der Vernunft hat. Er war von dem Vorurteil beherrscht, von dem die unkultivierten Gottgläubigen noch immer beherrscht sind, daß die Vernunft älter sei als die übrige Welt, daß sie der herrschende und vorausgegangene Planmacher sei. +Unsere+ Vernunftlehre dagegen kennt den Geist, den wir im Kopfe haben, nur als Ausfluß des Weltgeistes. Letzteren jedoch darfst Du nicht als nebulöses Ungetüm, nicht als Monstergeist, sondern als das leibliche Universum erkennen, welches trotz allem Wechsel und aller Variation ewig eins, wahr, gut, vernünftig, das Allerwirklichste und Allerhöchste ist.

Nachdem das glänzende Dreigestirn Sokrates -- Plato -- Aristoteles erloschen, hüllte sich der philosophische Himmel in dunkle Wolken. Die Heiden traten von der Bühne ab, und das Christentum und die Dogmen seiner Kirche beherrschten die Logik der Menschen, bis endlich am Anfang der neueren Zeit hin und wieder ein wissenschaftliches Lichtlein aufgeht. Namentlich sind es +Cartesius+ und +Spinoza+, die unter den ersten leuchtend auftreten, die ihren Geist natürlich nur schwer und relativ zu emanzipieren vermögen. Spinoza ist in seinem Kampfe wider den beschränkten und für den universellen Geist besonders interessant.

Das wahre, höchste und beständige Gut entdeckt Spinoza in der »Erkenntnis der Einheit«, in der die Seele sich mit der ganzen Natur befindet. »Dies ist also«, sagt er weiter, »das Ziel, nach dem ich strebe ...«

»Zu diesem Zwecke hat man sich der Moral, Philosophie und der Lehre von der Erziehung der Knaben zu befleißigen und damit die ganze Arzneiwissenschaft zu verbinden, weil die Gesundheit wesentlich zur Erreichung dieses Zieles beiträgt. Auch die Mechanik darf nicht übergangen werden, weil vieles Schwere durch die Kunst leicht gemacht wird. +Vor allem aber ist ein Weg zur Verbesserung des Verstandes aufzusuchen.+«

Da sind wir denn wiederum beim Angelpunkt unseres Themas angekommen. Wer, was ist der Intellekt, wo kommt er her, wo führt er hin? Antwort: Er ist ein Licht, das nicht in sich hinein, sondern aus sich heraus die ganze Welt beleuchtet. Darum ist die Wissenschaft, welche das Denkvermögen zum Gegenstand hat, wenn auch eine beschränkte, dennoch eine universelle Disziplin oder universelle Weltweisheit.

Wenn +Sokrates+ nach der Tugend und nach dem »Besten« und Spinoza nach steter und höchster Heiterkeit sucht, und solche Weisheit nur auf den engeren Kreis menschlichen Getriebes ausgeht, sich also zur kosmischen Welt noch nicht so recht erhoben hat, so laß Dich das nicht beirren. Das Mittel und das Instrument, mit dem sie zum Zwecke streben, ist der Intellekt. Es liegt nahe, daß die intellektuelle Forschung zur Erforschung des Intellekts führen mußte, zur »Verbesserung des Verstandes«, zur »Kritik der Vernunft«, zur »Logik« und so schließlich zu der Erkenntnis, daß das Denkvermögen ein unabtrennbarer Teil des monistischen Weltalls, des Absoluten ist, welches letztere allem Denken Halt, Sinn und Verstand gibt.

* * * * *

Über die aus fünfzehn Briefen bestehende (1883 bis 1884 verfaßte) zweite Serie der »Logischen Briefe« ist an dieser Stelle nur zu sagen, daß sie eine Kritik von Henry Georges »Fortschritt und Armut« ist, des in der ersten Hälfte der achtziger Jahre von den Gebildeten aller Nationen am meisten gelesenen populär-nationalökonomischen Buches, das noch heute die Bibel der Singletax-Ideologen genannt werden darf, das heißt der politischen Theoretiker, die den Schäden des Kapitalismus durch eine »einzige Steuer« (auf den Bodenwert) beizukommen wähnen. Dietzgen schrieb diese Kritik des Henry George, um seinem Sohne, und den späteren Lesern, Einblick in die politische Ökonomie zu verschaffen, ihn hierbei in die Marxsche Theorie einzuführen und gleichzeitig »die veritable Logik zu demonstrieren«.

Der erste Teil meiner Briefe, sagt er, erläuterte die Logik am menschlichen Geiste; der zweite Teil soll sie an der menschlichen Arbeit erläutern. Der Geist oder die Denktätigkeit ist das allgemeine Gebiet, welches nicht nur mit allem, was menschlich, sondern mit dem Universum zusammenhängt. Das Objekt dieses zweiten Teiles, die Arbeit, ist nicht minder universell und in ihrem kosmischen Zusammenhang ein vorzügliches Erläuterungsmittel unserer Spezialität, der Kopfarbeit.

Weiter bemerkt er: Die Quintessenz aller Denkkunst ist der Einheitsbegriff, der Begriff, wie es barer Unsinn ist, sich mit der Meinung zu tragen, daß es zwei unterschiedene Dinge geben könne, die nicht zugleich gemeinschaftlicher Natur seien. Diesen Begriff von der Einheit aller Differenz hat Henry George nicht erfaßt. Er bringt deshalb Differenzen in die politische Ökonomie, die der Auflösung bedürfen. Ich stelle mir also die Aufgabe, nachzuweisen, daß nicht im ökonomischen Sachverhalt, sondern in der Anschauung des Autors von »Fortschritt und Armut« Widersprüche oder Differenzen enthalten sind, die mit Hilfe besserer Logik leicht zu ordnen.

Die Ökonomie handelt von der Erzeugung und Verteilung des Reichtums. Der wesentlichste Produzent oder Hauptfaktor desselben ist die menschliche Arbeit. Daß diese Arbeit nicht in der Luft hängt, sondern mit zwei Beinen auf der Erde steht, daß sie nicht arbeiten kann ohne Gegenstände, Materialien, Mittel und Werkzeuge, ist selbstverständlich. Wenn jemand lehrt, die Arbeit ist der Schöpfer des Reichtums, und es kommt ein anderer mit: »Nein! Die Arbeit kann nichts schaffen, wenn nicht die Natur und ihre Reichtümer schon vorhanden sind«, so ist klar, wie dieser andere nur behauptet, was niemand bestreitet.

Nachdem wir ein für allemal wissen, daß es in der Welt nichts Besonderes gibt, welches absolut ist, wenn wir wissen, wie das Absolute ein Name für das All oder Universum ist, welches gleich dem lieben Gott keinen neben sich hat, dann wissen wir auch, daß die Arbeit nur relativ »schaffen«, nur in Verbindung mit den Materialien der Natur und den Errungenschaften der Geschichte Reichtümer zeugen kann.

Es ist dies der Kernpunkt, weshalb ich mit dem Verfasser von »Fortschritt und Armut« hadere. Dieser ist Gegner des Satzes: Arbeit allein schafft Reichtümer. Er behauptet, die Natur, die den sauren Wein mit der Zeit süß und aus dem Kalb eine Kuh macht (3. Kapitel, 3. Buch), arbeite mit. Das bestreiten wir nicht; wir widerstreiten nur, daß Kapitalien, die von Natur aus »mitarbeiten«, deshalb auch von Natur aus berufen sind, an den Früchten der Arbeit zu partizipieren. Der Streit um die Erzeugung der Reichtümer ist in der Tat nur ein Streit um ihre Verteilung.

Der bisherige Fortschritt in der Kunst, Reichtümer zu zeugen, ist zugleich ein Fortschritt in der Armut der arbeitenden Klasse. Das Büchlein zeigt dies so deutlich und mannigfaltig, daß darüber kein Wort weiter zu verlieren ist. Wenn auch der Arbeiter des neunzehnten Jahrhunderts ebenso gut und wenn er auch besser genährt ist als der des achtzehnten, siebzehnten und sechzehnten, so ist doch evidentermaßen sein Anteil am Arbeitsertrag viel kleiner. Es handelt sich darum, diesem Widerspruch zu steuern. Henry George ist ein Parteigänger der irischen Landliga, welche sich mit der Hoffnung trägt, die Verwandlung des Grund und Bodens in Gemeineigentum würde die »soziale Frage« lösen.

Die ebenso lehrreiche wie interessante Polemik Dietzgens gegen George im einzelnen gehört aber, da sie keine theoretische, sondern angewandte Logik ist, nicht in den Rahmen dieses Buches. Wer durch die vorliegende Darstellung der Lehre und Weltanschauung Josef Dietzgens sich angeregt fühlt, der »Logischen Briefe« ersten Teil in der Gesamtausgabe zu lesen, wird sicherlich auch dem zweiten Teil sein Interesse zuwenden, selbst wenn er noch jenseits des Marxschen Sozialismus seinen Standpunkt hat. Denn auch bei Behandlung von Fragen der politischen Ökonomie bekundet unser Autor seine Originalität und zeigt uns Gesichtspunkte wie kein anderer marxistischer Sozialist, Karl Marx selbst eingeschlossen, von dem Dietzgen seine Ökonomie fertig übernommen zu haben mehrfach freudig bekennt.

Hier ein Beispiel. Dietzgen sagt im dritten Brief der zweiten Serie:

Bekanntlich wird von der Naturwissenschaft alles auf Bewegung reduziert. Licht, Töne, Wärme, Stoff und Kraft, alles ist Bewegung. So berechtigt sie dazu ist, so berechtigt ist die Ökonomie, alles als Arbeit zu fassen. Alles ist Bewegung, alles ist Arbeit. Auch ist alles Natur. Alles ist das All oder Universum, wovon jeder Teil universell ist, jeder Teil die Generalnatur des Ganzen und das Ganze die Generalnatur eines jeden Teiles hat. Der Begriff des Universums ist der Kardinalbegriff der Logik. Es, das Universum, ist der Inbegriff aller Dinge. Das Unterabteilen oder Unterscheiden der universellen Einheit ist der logische Springpunkt. Er lehrt: Du sollst keinen Unterschied übergroß machen, Du sollst keinen überschwenglichen, keinen metaphysischen Unterschied glauben. Alles ist unterschieden, aber nur so mäßig, daß die Natur von allem in allem enthalten, daß, burschikos ausgedrückt, alles ein einziger Schwamm ist, im Verstand auch Unverstand und im Unverstand immer noch Verstand steckt.

Also in solchem Sinne ist die ganze Welt eine Arbeit und die menschliche nur ein spezieller Teil der universalen. Es wäre logische Beschränktheit, das Objekt der Ökonomie nicht bis »in die Puppen« generalisieren zu wollen; es wäre konfus, bei solcher Generalisation es bewenden zu lassen und nicht zur Unterabteilung, nicht zur Spezifikation fortzuschreiten. Die menschliche Arbeit ist eine Unterabteilung, die wieder untergeteilt ist in urwüchsig kommunistische Arbeit, Sklavenarbeit, Fronarbeit und Lohnarbeit. Letztere ist derjenige partikuläre Teil, der uns speziell interessiert, den ich, der Logik wegen, Dir im Zusammenhang mit dem Universum zeige.

Die Arbeit der Konkurrenzgesellschaft teilt sich -- in freie Arbeit, die sich selbst lohnt und meist von Nichtstuern geleistet wird, und in -- »freie Arbeit« (mit Gänsefüßchen), die sich nicht lohnt, sondern gelohnt wird und Lohnarbeit heißt.

Daß so von der Arbeit, die sich selbst lohnt, gesagt wird, sie sei verrichtet von Nichtstuern,[13] klingt paradox und ist doch verständlich, wenn Du aufmerkst, wie vom Ertrag der nationalen Arbeit die effektiven Arbeiter für den Kopf einen erbärmlichen und die Industrieritter einen solch riesigen Anteil davontragen.

Zunächst jedoch laß uns absehen von den Unterabteilungen der Konkurrenzarbeit und im Auge behalten, daß sie mit aller menschlichen Arbeit und mit der Natur zusammenhängt, davon Teil oder Abteilung ist. Es ist das besonders um deswegen hervorzuheben, weil ökonomische Konfusionsräte, wenn später vom Werte die Rede ist, diesen natürlichen Zusammenhang als Mittel brauchen, um unsere Werttheorie konfus zu machen, welche namentlich von Marx in glänzender Weise klargelegt wurde.

Arbeit schafft Produkte. Naturarbeit schafft wildwachsende Bäume, Gräser, Sonnenstrahlen und andere kostenlose Dinge, während Menschenarbeit -- natürlich mit Hilfe der Natur -- kostenreiche Produkte schafft. So gibt es denn keine reinen menschlichen Arbeitsprodukte, sondern all unsere Arbeit muß sich mit dem Naturmaterial gleichsam chemisch verbinden. Derart gewinnt die menschliche Arbeit materielle Form und läßt sich aufspeichern. Aufgespeicherte Arbeit nimmt in der Ökonomie einen hohen Rang ein, besonders weil sie als Mittel dient, die lebendige Arbeit immer ergiebiger zu machen.

Die Einteilung der menschlichen Arbeit in gegenwärtige, lebendige und in vergangene, tote, aufgespeicherte Arbeit ist eine logische Operation, die zur ökonomischen Erhellung dient. Die tote Arbeit liegt nicht nur in materiellen Stücken umher, sondern hat auch geistige Formen. Die Errungenschaft an größerer Einsicht in den Naturprozeß, die verbesserten Arbeitsmethoden usw. usw. sind alle aufgespeicherte Arbeit. Du darfst nicht glauben, daß zwischen geistiger und körperlicher Arbeit kein Unterschied sei, aber auch nicht glauben, derselbe sei so exakt, daß man irgendein materielles Stück Arbeit haben könne, das nicht mit dem Geiste verquickt, oder irgendeine intellektuelle Einsicht, die nicht stofflich geworden. Nicht nur Papier und Druckerschwärze, auch alle Instruktionen, welche der Meister dem Lehrling mündlich erteilt, sind aufgespeicherte Arbeiten unserer Vorfahren.

Meine Logik, die in der ersten Serie den Zusammenhang von Geist und Bein behandelte, handelt in diesem zweiten Teile vom geistigen und körperlichen und anderweitigen Arbeitszusammenhang, den sie in Gattungen und Arten, in Abteilungen und Unterabteilungen trennt und teilt, um das Ganze als ein Ungeteiltes darzustellen.

IX.

Erkenntnistheoretische Streifzüge.

Die »Streifzüge eines Sozialisten in das Gebiet der Erkenntnistheorie« (Chicago 1886) erschienen zuerst in der »Sozialdemokratischen Bibliothek« (Hottingen-Zürich 1887). Genaue Kenntnis des »Wesens der menschlichen Kopfarbeit« und der »Logischen Briefe« erster Teil ist unbedingtes Erfordernis zu leichtem Verständnis und vollem Genuß dieser Schrift.

Der erste Abschnitt behandelt die Frage, ob wir +alles+ erkennen können? Der Autor wählt als Überschrift dieses Abschnitts den »oft zitierten Dichterspruch«: »Ins Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist.«

Vollständig lautet das Zitat:

»Ins Innere der Natur -- Dringt kein erschaffener Geist.« »Glücklich, wem sie nur -- Die äußere Schale weist.«

Es stammt von dem im Jahre 1777 verstorbenen Dichter (und Botaniker, Zoologen, Anatomen) Albrecht v. Haller.

Goethe hat (in »Gott und Welt«) sehr ergrimmt folgendes darauf erwidert:

+Allerdings.+

Der Physiker.

»+Ins Innere der Natur+ -- O du Philister! -- +Dringt kein erschaffener Geist+.« Mich und Geschwister Mögt ihr an solches Wort Nur nicht erinnern; Wir denken: Ort für Ort Sind wir im Innern. »+Glücklich, wem sie nur Die äußere Schale weist+.« Das hör' ich sechzig Jahre wiederholen, Ich fluche drauf, aber verstohlen; Sagt mir tausend, tausend Male: Alles gibt sie reichlich gern; Natur hat weder Kern Noch Schale; Alles ist sie mit +einem+ Male. Dich prüfe du nur allermeist, Ob du Kern oder Schale seist.

Auch das nächstfolgende Gedicht Goethes »Ultimatum« bezieht sich hierauf.

Ich weiß nicht, ob Dietzgen durch Goethes Polemik gegen Haller angeregt wurde, an des letzteren Ausspruch anzuknüpfen; im übrigen ist es völlig gleichgültig, da unseres Autors Anschauungen über die pantheistischen des Altmeisters weit hinausgehen.

Mit dem angeblich von einem höheren Geist »erschaffenen Geist« des Menschen, dem geistigen Organ, das dem Menschen von Natur im Kopfe angewachsen ist, hat es Dietzgen hier zunächst zu tun, und sodann mit dem Thema des Eindringens unseres Intellekts ins Innere der Natur. Unser Autor sagt:

Wie die Fetischdiener die gemeinsten Dinge, Steine und Hölzer, verhimmeln, so ist auch der »erschaffene Geist« verhimmelt und mystifiziert worden; zuerst religiös und danach philosophisch. Was die Religion Glaube und übernatürliche Welt, das nannte die Philosophie +Metaphysik+. Bevor die Philosophie in das Innere des erschaffenen Geistes eindringen konnte, mußte ihr von der Naturwissenschaft durch praktische Betätigung erwiesen werden, wie das geistige Instrument des Menschen die bezweifelte Fähigkeit wohl besitzt, das Innere der Natur erhellen zu können.

Auch die unbekannteste Welt und die geheimnisvollsten Dinge gehören mit allen bekannten Gegenden und Gegenständen in eine und dieselbe Kategorie, nämlich in den universellen Naturverband. Der »erschaffene Geist« macht keine Ausnahme von diesem wissenschaftlichen Gesetz.

Der alte religiöse Vorstellungskreis ist der Erkenntnis hinderlich, daß die Natur nicht nur eine nominelle, sondern eine wahrhaftige Monas ist, welche +nichts+ anderes, auch keinen +unerschaffenen Geist+, weder über sich, noch in sich, noch neben sich hat. Der Glaube an einen unerschaffenen, monströsen, religiösen Geist hindert die Erkenntnis, daß der Menschengeist von der Natur selber geschaffen und erzeugt wurde, also deren eigenes Kind ist, demgegenüber sie keine besondere Sprödigkeit kennt.

Dennoch ist die Natur spröde; sie erschließt sich nie auf einmal und nie ganz und gar. Sie kann sich nicht +ganz+ hingeben, weil sie +unerschöpflich+ ist an Gaben. Dennoch ist der »erschaffene Geist«, dies Kind der Natur, eine Lampe, welche nicht nur das Äußere, sondern auch das Innere der Natur erhellt. Inneres und Äußeres sind +gegenüber dem physisch unendlichen und unerschöpflichen einzigen Naturwesen+ verzopfte Begriffe. Ebenso ist der »erschaffene Geist« ein verzopfter Begriff, insofern derselbe auf einen unerschaffenen großen, monströsen, metaphysischen Geist hinweisen soll, der seinen Sitz über den Wolken hat.

»Der große Geist« der Religion ist die Ursache von der Verkleinerung des Menschengeistes, welcher sich der Dichter schuldig macht, der letzterem die Fähigkeit abspricht, in das »Innere der Natur« einzudringen. Und zugleich ist doch der unerschaffene, monströse Geist nur ein +phantastisches Abbild+ des »erschaffenen« physischen Geistes.

Die Erkenntnistheorie in ihrer entwickeltsten Gestalt vermag diesen Satz gründlichst zu beweisen. Sie zeigt uns, daß der »erschaffene Geist« seine sämtlichen Vorstellungen, Gedanken und Begriffe der einen monistischen Welt entlehnt, welche die Naturwissenschaft »physische« Welt nennt. Die gute Mutter Natur hat ihm etwas von ihrer Unerschöpflichkeit angeerbt. Er ist so unbeschränkt und unerschöpflich an Erkenntnissen, wie sie unbeschränkt ist in der Willfährigkeit, ihre Brust zu öffnen. Beschränkt ist das Kind nur durch den unbeschränkten Reichtum der Mutterliebe: es kann die Unerschöpfliche nicht erschöpfen.

Der »erschaffene Geist« dringt mit seiner Wissenschaft bis in das Allerinnerste der Natur, aber darüber hinaus kann er nicht dringen, nicht weil er ein beschränkter Geist ist, sondern weil die Mutter eine unendliche Natur, eine natürliche Unendlichkeit ist, die nichts außer sich hat.

Die wunderbare Mutter hat ihrem natürlichen Kinde das +Bewußtsein+ angeerbt. -- Der erschaffene Geist kommt mit der Anlage zur Welt, sich bewußt zu werden, daß er das Kind seiner guten Mutter Natur ist, welche ihm die Fähigkeit anerschaffen, sich von allen anderen Kindern seiner Mutter, von allen seinen Geschwistern treffliche Bilder zu entwerfen.

Die von der philosophischen Wissenschaft im Laufe der Jahrhunderte zusammengetragenen Kenntnisse vom »erschaffenen Geiste« gipfeln in der Lehre, daß dieser Geist eine Kraft, eine Naturkraft ist, wie die Schwerkraft, wie Wärme, Licht, Elektrizität usw.; und dann auch neben seiner allgemeinen Natur, ganz wie die anderen Kräfte, ein spezielles Naturell besitzt, welches ihn allein auszeichnet und kennbar macht. Prüfen wir diese Spezialnatur des »erschaffenen Geistes« näher, so findet sich, daß ihm die, wenn man will »wunderbare« Eigenschaft angeboren ist, ohne weiteres und mit zweifellosester Sicherheit zu wissen, daß zwei Berge nicht ohne Tal sind, der Teil kleiner ist als das Ganze, Kreise nicht viereckig und Bären keine Elefanten sind.

Solche Wissenschaft ist uns durch die objektive Untersuchung des »erschaffenen Geistes« gegeben.

Der überschwengliche Geist ist ein phantastischer Begriff.

Ebenso phantastisch ist denn auch der Naturbegriff derjenigen, welche von einer Natur reden wollen, die dem »erschaffenen Geist« ihr Inneres verschließt. Die Natur ist das Unendliche. Wer das begreift, begreift auch, wie man bei ihr nicht vom Inneren oder Äußeren reden kann. Alle diese Bezeichnungen gelten nicht von der Natur überhaupt, welche das Absolute ist, sondern nur von ihren Teilen, von ihren Produkten, ihren Kindern, den einzelnen Dingen.

Wollen wir uns ein rechtes Bild machen von der Natur und ihrem »erschaffenen Geiste«, so müssen wir dem letzteren vor allem das Bewußtsein beibringen, daß er sich nicht über seine Mutter erheben darf, wie er damals getan, als er noch von einem über- und außernatürlichen Geist gefabelt. Ein rechter Begriff vom Menschengeist ist nur zu gewinnen, wenn wir uns das klare und deutliche Bewußtsein von der +Universalität+ der Natur aneignen. Unser Geist ist ihr eigenes Produkt. Sie hat ihm die Gabe und die Bestimmung angeerbt, sich Einsicht von ihr und allen ihren Erscheinungen zu verschaffen. -- »Von allen«, sage ich und spreche im verständig-mäßigen Sinne des Wortes, ohne zu verkennen, wie unerschöpflich die Natur in der Produktion ihrer Erscheinungen ist, und wie der »erschaffene Geist«, sofern er ein Stück der Natur, trotz all seiner Universalität im Begreifen, doch nur ein beschränktes Naturgeschöpf sein kann.

Wer sich die Resultate der Naturwissenschaft betrachtet, kann die Natur keiner mysteriösen Verschlossenheit beschuldigen, und wer dabei die Resultate der Philosophie in Betracht zieht, kann nicht verkennen, daß der Menschengeist berufen ist, alle möglichen Rätsel zu lösen. Das Unmögliche aber hat weder Sinn noch Verstand und darf also kein Objekt unserer Betrachtung und Beachtung sein.