Josef Dietzgens philosophische Lehren
Part 8
Die Wissenschaft vom Intellekt hat sich von alters her an eine wunderbare Tatsache gestoßen. Sie fand Kenntnisse vor, die dem Geiste von außen zugekommen, sogenannte Erfahrungskenntnisse; aber sie fand auch solche, welche scheinbar angeboren sind, sogenannte Erkenntnisse ~a priori~.
Unsere Logik fragt: Stammt die Weisheit geheimnisvoll aus dem Innern des Menschenkopfes oder kommt sie nach Art aller Erfahrung aus der äußeren Welt? -- Die Zusendung von oben wollen wir schon außer Frage lassen.
Da lautet die Antwort: Zum Wissen, Erkennen, Begreifen, Denken gehört Inneres +und+ Äußeres, Subjekt und Objekt, Kopf und Welt.
Aber wie erklären sich nun die wunderbaren, anscheinend aprioristischen Kenntnisse, welche alle Erfahrung übersteigen? Antwort: Der Intellekt hat nicht nur die Fähigkeit, im allgemeinen zu wissen, sondern auch Spezielles vom Ganzen zu trennen und namhaft zu bestimmen. Indem wir zum Beispiel den Begriff des Minerals fassen, sehen wir ab vom Unterschied zwischen Gold und Blech. Wenn wir dann weiter klassifizieren, indem das Goldige und Blechige als besondere Arten dem Mineral untergeordnet werden, wissen wir nun genau, wie Gold und Blech verschiedene Arten sind von derselben Mineralnatur. Wir wissen, was die Namen bedeuten, und solange sie ihren Sinn behalten, wissen wir, daß »in Himmel und Hölle« Gold kein Blech, Blech kein Gold ist.
So ist denn der Unterschied zwischen angeborenen und erfahrenen Kenntnissen ein nur formeller. Beide verschiedene Arten sind dennoch von ein und derselben Art, beide Mischlinge des Inneren und Äußeren. Die Erkenntnis ~a priori~ hört auf, Wunder zu sein, wenn erkannt ist, daß sie mit den Kenntnissen a posteriori aus demselben Quell der Erfahrung stammt, welche das eine Mal wie das andere Mal nur mit Hilfe des Intellekts zustande kommt. Demnach ist also der +mit der Welt verbundene Intellekt+ die Urquelle aller Wahrheit, und ist sowohl die äußere Natur wie unser inneres Begriffsvermögen ein Stücklein der einen Generalnatur, welche die Wahrheit und das Absolute ist.
Am Schlusse dieses Briefes kündigt Dietzgen an, daß er im nächsten (fünfzehnten) die Kausalität behandeln wolle; statt dessen geht er auf Kants Aprioritätenlehre und »Ding an sich« ein, zeigt, wie Kant in den Irrtum dieser Theorien verfiel und wie sein Schluß von der »Erscheinung« auf eine absolute Wahrheit, die, vom Scheine getrennt, dahinter versteckt sei, auf fetischmäßiger Auffassung der Wahrheit beruht. Die Erkenntnis, daß das gemeine Wesen der Welt Wahrheit ist, ist die erste Bedingung zu einer kunstgerechten Handhabung des Schlußvermögens.
Damit gelangt unser Autor zur Erörterung der Kausalität im sechzehnten Brief:
»Alle Dinge haben ihre Ursache.« -- Wer ist, was ist »alle Dinge«? Es sind Anhängsel, Zubehör des All-Einen. Es ist dem Intellekt angeboren, zu wissen, daß die Welt ein Ding ist, daß alle Dinge nicht nur +irgendeinem+, sondern alle +einem Subjekt+ angehören. Das Bewußtsein der Kausalität ist nichts weiter wie das Bewußtsein vom Weltzusammenhang.
Alle Dinge sind +ein+ Ding, hängen zusammen, stehen untereinander im Verhältnis von Ursache und Wirkung, von Grund und Folge, von Gattung und Exemplar. Alle Dinge haben ihre Ursache, heißt, sie haben eine Mutter. Daß nun jede Mutter ihre Mutter hat, +endigt+ in der Weltmutter oder Mutterwelt, in der absoluten, die selbst absolut mutterlos und doch alle Mütter »aufgehoben« in sich enthält.
Ursachen sind Mütter, Wirkungen sind Töchter. Nicht nur hat jede Tochter eine Mutter, Groß- und Urgroßmutter, sondern auch Vater, Groß- und Urgroßvater. Der Ursprung oder der Familienzusammenhang der Tochter ist nicht ein-, sondern allseitig. So haben auch die Dinge nicht eine, sondern viele, unendlich viele Ursachen, welche in die Generalursache zusammenfließen.
Dein Intellekt, dem die Wissenschaft angeboren ist, daß alles seine Ursache hat, wird sich demnach instruieren lassen, daß alle Ursachen der Welt in der absoluten Weltursache begründet sind und zugrunde gehen. Es ist die Quintessenz der Logik, nicht nur den wahren Begriff des Intellekts zu ermitteln, sondern mittels des Intellekts den Begriff der Weltwahrheit, des Weltganzen klarzumachen.
Personen und Dinge, Ursachen und Wirkungen sind keine selbständigen Einzelheiten, sondern relative Selbständigkeiten, das heißt Zusammenhänge oder Verhältnisse des Absoluten. Der Intellekt ist uns angeboren, und durch ihn und mit ihm das Bewußtsein vom Sein schlechthin, wenn auch nur so angeboren, wie dem Kinde die Zähne, die erst nach der Geburt hervorwachsen. Jedes Stück, das uns zum Bewußtsein kommt, wird als Stück des All-Einen gewußt. Insofern das wunderbar, ist das Bewußtsein von der Kausalität erstaunlich. In der Tat ist die Wissenschaft von der kausalen Abhängigkeit aller Dinge mit der Wissenschaft von der Farbe aller Rappen und Schimmel eine angeborene Weisheit. Jedoch ist wohl zu beachten, daß sowohl in jeder erworbenen Wissenschaft etwas Angeborenes, wie in jeder angeborenen etwas Erworbenes steckt, so daß beide Arten ineinanderfließen und eine Kategorie bilden.
Im Eingang des siebzehnten Briefes erklärt unser Autor:
Da die Aufgabe der Philosophie in Erforschung der Logik aufgeht, aufgeht in der Ergründung des Intellekts und seiner Denkkunst, wirst Du, als +in der Sache+ begründet, erkennen, daß meiner Darstellung eine gewisse Systematik fehlt; sie hat so recht keinen Anfang und kein Ende, weil ihr Objekt, der Intellekt, mit dem Weltganzen verknüpft ist, welches eben das Anfang- und Endlose ist, das kein Vor und Nach, kein Oben und Unten hat. Jedoch ist leicht zu bemerken, daß Denkkunst und Weltweisheit identisch sind. Wenn nun auch der allgemeine Zusammenhang für alle Dinge und Themata gilt, so gehört seine Erwägung doch speziell nur in die Logik, die von allen Denkobjekten summarisch handelt. Meine Sache also (die Denkkunst) beginnt überall, obgleich sie doch nur eine Spezialität ist.
So knüpft Dietzgen denn an Zitate aus Trendelenburg an, um an ihnen die Notwendigkeit gleichzeitigen philosophischen und empirischen Denkens darzutun:
»Es bleibt immer der Trieb alles menschlichen Erkennens darauf gerichtet, das Wunder der göttlichen Schöpfung durch ein nachschaffendes Denken zu lösen. Wenn diese Aufgabe im einzelnen begonnen wird, so treibt das Einzelne von selbst weiter; denn mit derselben Macht, mit welcher alles aus dem Grunde hervorgestiegen, weisen die Dinge rückwärts zu dem Grunde wieder hin.«
Diese Zitate geben das Problem, das zu lösen ist: sollen wir den Intellekt philosophisch, sollen wir ihn empirisch gebrauchen? Man will aus dem Einen und Vielen klug werden, welches identisch ist mit der Forschung nach systematischer Weltanschauung oder dialektischer Kunst.
Da will zunächst konstatiert sein, daß das Denken in jeder Weise, ob philosophisch, ob empirisch, von einer Art, daß in beiden Formen dieselbe Sache enthalten ist. Rosen sind andere Blumen wie Nelken, doch steckt die Blumennatur in den einen wie in den anderen, und so auch die Denknatur gleichmäßig in der philosophischen wie empirischen Betrachtungsweise. Das Auseinanderhalten ist recht genug, doch darf die Einheit nicht verloren gehen.
»Die Philosophen«, heißt es weiter bei Trendelenburg, »wollen aus dem Ganzen das Einzelne erkennen; die Empiristen durchsuchen das Einzelne in seiner Zerstreuung.« Beide Forschungsarten sind verschiedene Exemplare einer Gattung, die beide einseitig sind, wenn sie ihren Zusammenhang verkennen. Der Empirist, der das Einzelne in der Zerstreuung sucht, verfährt philosophisch, wenn er seine Einzelforschung als Beitrag zum Ganzen gelten läßt, und der Philosoph, der aus dem Ganzen das Einzelne erkennen will, verfährt empirisch, wenn er, wie recht, +alles+ Einzelne als Zubehör des Ganzen betrachtet.
Die Philosophen fehlen, wenn sie den Intellekt für den einzigen Born der Erkenntnis und Wahrheit halten; er ist nur ein Stücklein davon und bedarf zu seiner Ergänzung der anderweitigen Welt. Die Empiristen fehlen, wenn sie Wahrheit und Erkenntnis einzig in der anderweitigen Welt suchen, ohne das geistige Instrument zu beachten, mittels dessen sie ihre Schätze heben.
Schon der Gedanke, daß etwas sein könnte, was nicht die Generalnatur alles Daseins hat, ist kein Gedanke, ist ein Gedanke ohne Sinn oder Unsinn. Das Weltganze ist das ~être suprême~, von dem wir allerdings nur einen vagen Begriff haben. Den detaillierten »rechten« Begriff davon haben wir nicht; derselbe erwächst uns jedoch im Verlauf der Wissenschaft, kann aber nie vollkommen sein, weil das Detail sich in die Puppen verliert und das absolute Sein ein unendliches Werden ist.
Und nun Einzelnes? Wir kennen es genauer und doch nicht genau, weil auch der kleinste Teil des Unendlichen unendlich ist. Atome sind von aller Wissenschaft noch immer vergeblich gesucht worden. Was unsere Erkenntnis kennt, waren immer Prädikate oder Erscheinungen der Wahrheit. Aber wahre Erscheinungen, wovon wir wahre Kenntnis haben.
Die Welt zum Ausfluß des Gedankens machen -- nach Hegel --, ist eine verkehrte Logik; den Intellekt und seine Produkte als Attribute des Weltsubjektes erkennen, ist erste Bedingung rationeller, demokratischer Denkkunst.
Das Thema wird im achtzehnten Brief fortgesetzt und vertieft:
Wichtige Entdeckungen auf naturwissenschaftlichem Gebiet, das Wärmeäquivalent von Robert Mayer, die Entstehung der Arten von Darwin usw. stimulieren die Sache, so daß Naturwissenschaft und Philosophie mit zwei Bergleuten verglichen werden könnten, welche von zwei Seiten an einem Tunnel graben und dem lichten Durchbruch derart nahe sind, daß gespannte Ohren hüben und drüben die Hammerschläge pochen und die Werkzeuge krachen hören.
Das Bild hat viel Wahres, aber führt leicht auch zu Mißverständnissen. Durch Vivisektion der Frösche und Kaninchen, durch Bohren am Gehirn wird die Physiologie +den Geist+ nicht erforschen. Kein Mikroskop und Teleskop wird das Wesen von Vernunft und Wahrheit aufdecken oder die Kunst der Unterscheidung enthüllen.
Ebensowenig wird es in der Sprachwissenschaft den Lazar Geiger, Max Müller, Steinthal und Noiré gelingen, mittels irgendeiner Ursprache »die letzten Fragen alles Wissens« zu lösen.
Jedoch soll die werte Mitarbeiterschaft dieser Herren nicht bestritten, sondern nur darauf hingewiesen sein, daß der Vergleich mit dem Tunnel mächtig hinkt. Von den logischen Formen gilt auch, was Marx von den ökonomischen sagt: »Bei der Analyse kann weder das Mikroskop dienen, noch chemische Reagenzien. Die Abstraktionskraft muß beide ersetzen.«
Die Sache wird zum Durchbruch kommen; aber nicht indem jede Partei einseitig vorangräbt, sondern weil die Bergleute außer der Arbeitszeit miteinander verkehren und ihre Erfahrungen einander mitteilen. Auch verbleiben wohl die Philosophen der entscheidende Teil, da sie die Spezialisten in der Logik und als solche bereit sind, alles, was dem Werke dient, zu verwenden, von welcher Seite immer es sich darbieten mag. Die andere Partei dagegen hat ihre aparten Spezialitäten und fördert die Logik mehr nebensächlich und unwillkürlich.
Dietzgen bespricht im Anschluß hieran den naturwissenschaftlichen »Monismus« seiner Zeit, der zum Teil noch in unserer sich breit macht, wie den von Noiré, der im Grunde ein unklarer Dualist war, indem er »Bewegung und Empfindung« für die einzig wahren Attribute der Welt erklärte, ohne zu erkennen, daß die Empfindung doch nur eine Art der Bewegung ist.
In der »Einleitung und Begründung einer monistischen Erkenntnistheorie«, bemerkt Noiré mit höhnischem Akzent, »daß er nicht in der Lage sei, neuen Aufschluß über das Absolute zu geben«.
Der naturwissenschaftliche Monismus hat vom Universum einen viel zu beschränkten Begriff. Mit seinem »alles ist Bewegung« ist sowenig und soviel gesagt wie mit dem Salomonischen »alles ist eitel«. Alles ist krumm und gerad, alles groß und klein, alles zeitlich und ewig, alles Wahrheit und Leben. Aber wie nun der Unterschied in die Welt, wie Ruhe in die Bewegung, Verstand in den Unverstand kommt, davon ist nichts gesagt.
Um das Unterscheiden logisch zu praktizieren, will gewußt sein, daß das All, das Universum oder +Absolute+ die Ursache seiner selbst und der Urgrund aller Dinge ist, welcher alle Unterschiede, auch den der Kausalität und den zwischen Geist und Natur, »aufgehoben in sich enthält«.
Der Begriff des +Absoluten+ oder des Weltganzen wird nun im neunzehnten Brief erörtert:
Das Weltganze ist ein landläufiger Begriff, der jedem bekannt und wovon scheinbar wenig zu sagen bleibt. In der Tat ist es der Begriff aller Begriffe, das Wesen aller Wesen, die Ursache seiner selbst, das keine fremde Ursache und kein fremdes Wesen neben sich hat. Durch Erwägung, wie unablässig die Menschheit +außer+ der Welt eine Weltursache, einen Weltanfang und eine überschwengliche Wahrheit gesucht hat, muß Dir einleuchten, daß sie den Begriff des Weltganzen nicht erfaßt, das Universum nicht begriffen hat, und ist dann der Nachweis, daß es die Ursache aller Ursachen, Anfang aller Anfänge und Wahrheit aller Wahrheiten ist, nicht gerade eine überflüssige Arbeit.
Ich behaupte, die Kenntnis des menschlichen Begriffsvermögens und die Kunst seiner Verwendung sind untrennbar vom Weltbegriff. Nicht so, als dürfe innerer Geist und äußere Welt nicht unterschieden werden, sondern es sind beide nur als formelle Unterschiede des +wesentlich+ Ununterschiedenen, des absoluten Weltganzen zu fassen.
Das Universum begreifen, heißt sich Klarheit verschaffen, wie dies Wesen aller Wesen keinen Anfang, keine Ursache, keine Wahrheit und keine +Vernunft außer und neben sich, sondern alles in und bei sich+ hat. Das Universum begreifen, heißt erkennen, daß man die sogenannten logisch-metaphysischen Kategorien, wie Anfang und Ende, Ursache und Wirkung, Sein und Nichtsein usw., unlogisch anwendet, den Intellekt mißbraucht und durchaus unerbaulich wird, wenn man damit über die weltliche Unendlichkeit hinausfährt ins Überschwengliche.
Um Dir also Sinn, universellen Sinn anzueignen, wirst Du Dich um die Erkenntnis bemühen, wie das Universum alles Relative einschließt, während es im ganzen das Absolute oder die erbauliche Gottheit verkörpert.
Und der Begriff des Absoluten als des Weltganzen involviert, daß mit solchen Dingen, die man Gegensätze und Widersprüche nennt, es sich ganz anders verhält, als die Logik der Götzendiener wähnt und doziert. Daß Seele und Leib, Wahrheit und Irrtum, Leben und Tod usw. nicht unvereinbare Antipoden sind, die sich abstoßen. Diese Lehre vom Satze des Widerspruchs ist eine ganz beschränkte Kirchturmsweisheit, welche statt Klärung nur Wirrsal in die Köpfe bringt. Gewiß ist das Tote vom Lebendigen, das Vergängliche vom Ewigen, schwarz und weiß, krumm und gerad, groß und klein verschieden und entgegengesetzt. Aber auch das Allerentgegengesetzte und Widersprechendste geht ebenso leicht in eine Gattung, Familie oder Art hinein wie Zwillinge in einen Mutterschoß. Was Männchen und Weibchen nicht hindert, in einem Neste zu hocken, hindert auch die krasseste Verschiedenheit nicht, trotz der Entzweiung zugleich eins und dasselbe, das heißt zwei Stücke von einem Kaliber zu sein.
Und wolltest Du gegen die Wahrheit des absolut vollkommenen Weltwesens einwenden, daß es mit dieser Vollkommenheit nicht weit her sei, wegen der vielen handgreiflichen Unvollkommenheiten, die anhängen, so würde ich bitten, nicht spitzfindig zu sein, sondern gesunden Sinnes anerkennen zu wollen, daß die Weltmängel so logisch zur Vollkommenheit gehören wie die bösen Begierden zur Tugend, die eben erst durch die Probe der Überwindung zur Tugend wird. Der Begriff einer Vollkommenheit, die nicht das Unvollkommene zu überwinden hätte, wäre ein läppischer Begriff.
Hieran schließt sich nun, im zwanzigsten Brief, eine Erörterung des +Begriffs+ des Absoluten, der zur logischen Erkenntnis unumgänglich ist:
Der Begriff Weißkohl und Kohl schlechthin, der Gemüse- und Pflanzenbegriff usw. sind, wenn auch Spezial-, doch zugleich Generalbegriffe; sie sind das eine wie andere nur relativ. Gegenüber den verschiedenen Kohlarten, die er einschließt, ist der Kohlbegriff generell oder abstrakt; gegenüber dem Gemüsebegriff ist er speziell und konkret. Und so steht es mit allen Begriffen, sie sind konkret und abstrakt zugleich; nur der letzte, der Weltbegriff ist weder konkret noch abstrakt, sondern +absolut+; er ist der Begriff des +Absoluten+.
Der absolute Weltbegriff besteht zunächst aus zwei Teilen, aus der Welt und dem Begriff. So besteht das Wasser aus zwei Stoffen, deren jeder für sich ganz eigentümlich und kein Wasser ist. ~Ergo~ ist der Weltbegriff ein weit erhabeneres Subjekt als alle Teile, aus denen er besteht. Um diesen Punkt vor die Augen zu rücken, mag ich das aus Welt und Begriff zusammengesetzte Subjekt mit einem besonderen Titel ehren, es »Universum« nennen, damit es so von seinen Elementen namentlich getrennt sei.
Ich erkläre jetzt, ohne daß ein Sophist das Wort verdrehen kann, daß der weltumfassende Gedanke oder das Universum das Absolute ist, welches alles und alles einschließt, während Welt und Begriff als gesonderte Teile nur Einteilungen oder Relatives darstellen.
Wir wollen den Gedanken erkennen, aber nicht den leeren, sondern den universellen weltumfassenden Gedanken, den Gedanken im philosophischen Sinne, wo es kein bloßer Gedanke, sondern die lebendige Wahrheit, das Universum, Absolute oder Allerhöchste ist.
Der absolute Begriff ist der Begriff des Absoluten, des Allerhöchsten; davon gilt nicht nur alles Wahre, Schöne und Gute, was man dem lieben Gott nachsagt, er ist auch dasjenige Wesen, welches allem Denken die erforderliche Logik, Halt und Gestalt gibt.
Wie die menschlichen Handlungen ihre wahre Begründung nicht im +nächsten+ Zweck, sondern im +allgemeinsten+, im Wohlergehen, und als sittliche Handlungen ihre Berechtigung nur aus dem menschlichen Gesamtheil schöpfen, so finden alle Weltdinge ihre Begründung nicht in der nächsten Umgegend, sondern im unendlich weiten Universum. Nicht der in die Erde gelegte Samenkeim ist, wie der Bauer denkt, die Ursache, daß das Pflänzchen sprießt und wächst und grünt, sondern Erde, Sonne, Wind und Wetter, kurz die ganze Natur gehört dazu, welche letztere den Samenkern einschließt.
Wenden wir diese Einsicht auf unser Spezialobjekt, auf das Denkvermögen an, so ist dasselbe kein menschlich beschränktes, allerdings auch kein überschwengliches, sondern ein kosmisches Universalvermögen. Wenn Du jetzt den Begriff des Absoluten erfaßt hast, verstehst Du die Göttersprache und verstehst, wie der Intellekt für sich allein ein wichtiges Partikelchen, aber im Zusammenhang mit dem Universum ein universeller absoluter Bestandteil, ein Bestandteil des Absoluten ist.
Wie das Auge Gesichtsinstrument, ist der Intellekt Begriffsinstrument. Wie Brillen und Gläser Gesichtsmittel des Auges, so sind Sinne, Erfahrungen, Experimente Begriffsmittel des Intellekts.
Man weiß, daß Augen, die um die Ecke, durch ein Brett oder Nelkenduft sehen wollen, so unverständig sind wie schwarze Schimmel. Daß wir das Unsichtbare nicht sehen können, hindert unsere Augen nicht, ein universales Instrument zu sein, welches alles (alles Sichtbare) sehen kann.
Sofern das, ist Dir auch die Professorenweisheit klar, welche zerknirscht, wie die Methodisten, auf dem Bauche liegt und wie diese O Herr! O Herr! so ~à la~ Du Bois-Reymond: »~Ignorabimus~« ruft. Allerdings ist der Menschengeist ein Ignorant in dem Sinne, daß er beständig lernt, da in der Natur ihm ein unerschöpflich Material vorliegt. Auch ist an jedem Naturstückchen etwas Unbegreifliches, wie an jeder Nelke etwas Unsichtbares. Die relative Beschränktheit und Unbeschränktheit der Vernunft wird nur durch den Begriff des Absoluten verständlich.
Die letzten vier Stücke (21 bis 24) sind eine Zusammenfassung des bisherigen Entwicklungsganges der Erkenntnislehre und enthalten ihre Nutzanwendung. Brief 21 beginnt:
Die demokratische proletarische Volkslogik forscht nach dem +Allerhöchsten+. Das Volk weiß, es muß dienen, aber fragt sich, wem? Dem Baal oder dem Nabuchodonossor? Wo, wer, was ist das Allerhöchste, dem sich alles unterordnet, das System, Konsequenz, Logik in unser Denken und Handeln bringt? Zunächst fragt sich noch: Auf welchem Wege kommen wir zu seiner +Erkenntnis+? Da mit keiner überschwenglichen Offenbarung gedient ist, bleiben nur zwei Wege: +Vernunft+ und +Erfahrung+.
Es ist nun der Fehler der landläufigen Denkweise, daß man aus diesen Wegen +zwei+ macht, während es in der Tat nur eine, die gemeine Straße ist, welche mittels erfahrungsmäßiger Vernunft oder vernunftmäßiger Erfahrung dahin führt, wo wir erkennen, wie das Allerhöchste, dem alles dient, nichts Besonderes, kein Teil oder Partikel, sondern das Universum selbst mit allen Teilen ist.
Sokrates und seine Schule wandelten den aparten Weg der Vernunft, um das Allerhöchste, das Wahre, Gute, Schöne, wie sie es nannten, zu suchen. Die platonischen Dialoge wissen es überaus prächtig ins Licht zu setzen, daß nicht Gesundheit, nicht Reichtum, nicht Tapferkeit noch Frömmigkeit »der Güter Höchstes«, sondern wie es bei allen Dingen nur auf die Einsicht, nur auf den Gebrauch ankomme, den der Mensch davon macht. Je nachdem sind sie bald gut, bald schlecht, es sind nur relative Güter. Liebe und Treue, Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit sind wohl gut, aber nicht das Gute; sie haben nur »teil daran«. Man sucht nach dem, was unter allen Umständen absolut gut, wahr und schön ist.
So finden denn die Sokratiker heraus, daß nur die Einsicht oder +der Intellekt+ die Umstände ermitteln könne, die zum Absoluten führen.
Aus der alten Philosophie ist endlich nach mehr als zweitausendjähriger Vermittlung durch Zwischenglieder die heutige demokratisch-proletarische Logik entstanden, welche erkennt, daß die Vernunft ein Instrument ist, das zum Allerhöchsten führt, unter der Bedingung, daß sie nicht grübelt, sondern aus sich herausgeht und mit +aller Welt+ sich verbindet. Solche Verbindung ist eben das Allerhöchste, die unvergängliche, ewige Wahrheit, Güte, Schönheit und Vernunft. Alle anderen Dinge haben, platonisch zu reden, »nur teil daran«.
Wenn auch vielfach noch mit phantastischem Anhängsel behaftet, waren die Sokratiker doch auf dem besten Wege zur wahren Logik, indem weder Gesundheit noch Reichtum, noch irgendein anderes Gut oder Tugend ihnen genügte, da sie nicht die wahren Erscheinungen, sondern die Wahrheit selbst zu kennen begehrten. Sie, die Wahrheit, ist das Universum, und muß der Mensch sie als solche, als die alleinige kennen, um seine Vernunft vernünftig gebrauchen zu können, vernünftig im höchsten, klassischen Sinne des Wortes.
Plato und Aristoteles haben ganz vorzüglich daran gearbeitet. Auch die neueren Philosophen, Cartesius, Spinoza, Kant. Haupthindernis für alle war das hartnäckige Vorurteil, daß der Mensch die Vernunft im Kopfe habe. Wenn er auch dergleichen hat, dann ist es doch nicht die vernünftige Vernunft. Der im Hirnkasten eingeschlossene Intellekt hat nicht, wie die Alten wähnen, die Weisheit bei sich; letztere kann deshalb auch nicht durch Grübeln geschöpft werden.
Du wirst den Ausdruck »grübeln« nicht mißverstehen. Ich bin kein Gegner sinnigen Nachdenkens, sondern will nur aufmerksam machen, wie man auf den verkehrten Weg geraten ist, das Denken vom Sehen, Hören, Fühlen, den Geist vom Körper zu trennen. Wie die Christen das Heil außer dem Fleische, so suchten die Philosophen die Vernunft oder Erkenntnis außer dem Zusammenhang mit der anderweitigen Welt, außerhalb der Erfahrung. Besonders die Forschung nach der Beschaffenheit des Intellekts glaubte in sich kriechen zu müssen.