Josef Dietzgens philosophische Lehren

Part 10

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So innig wie das Gesichtsvermögen mit Licht und Farbe, oder das subjektive Tastvermögen mit der objektiven Tastbarkeit, so innig hängt der »erschaffene Geist« mit dem Rätsel der Natur zusammen. Diesen Zusammenhang der Dinge übersehen zu haben, ist der Fehler jener rückständigen Erkenntnistheoretiker, welche derart über Geist und Natur im unklaren schweben, daß sie Rettung jenseits der Wolken suchen.

Die überschwengliche Verkleinerung des Geistes, dem man abspricht, das Innere der Natur erhellen zu können, und ebenso die überschwengliche Mystifizierung der Natur, deren Inneres unbegreiflich sein soll -- beide entspringen einer Denkweise, welche naturwüchsig jahrtausendelang den Menschen beherrscht hat, während die philosophische Bemühung es endlich dahin gebracht, daß nunmehr umgekehrt der Mensch seine Denkweise beherrscht, wenigstens so weit, daß er mehr regel- und kunstgerecht die ihm aufgegebenen Rätsel zu lösen weiß.

Es ist ein Gesetz der natürlichen Logik und der logischen Natur, daß jedes Ding in seiner Gattung bleiben muß, daß sich die Gattungen und ihre Arten zwar verändern können, aber nicht so übermäßig, daß sie aus der Generalgattung, aus der natürlichen, herauswachsen. Es kann deshalb keinen Geist geben, der so tief in das Innere dringt, daß er die Natur zusammenklappen und gleichsam in die Tasche stecken könnte.

Im zweiten Abschnitt »Die absolute Wahrheit und ihre natürlichen Erscheinungen« schildert Dietzgen, wie er durch das Studium von Feuerbach und Marx' ersten Schriften in seinem Streben unterstützt wurde, einen Maßstab zur Beurteilung dessen, was wahr und recht ist, zu erlangen.

Zur näheren Erkenntnis der Natur der absoluten Wahrheit ist vor allem dem eingewurzelten Vorurteil entgegenzutreten, als sei dieselbe geistiger Natur. Nein: die absolute Wahrheit läßt sich sehen, hören, riechen, fühlen, allerdings +auch erkennen; aber sie geht nicht auf in Erkenntnis+; sie ist kein purer Geist. Die absolute Wahrheit hat keine +besondere+ Natur, vielmehr die Natur des Allgemeinen; die allgemeine natürliche Natur und die absolute Wahrheit sind identisch. Es gibt keine zwei Naturen, eine körperliche und eine geistige; es gibt nur eine Natur, worin alle Körper und alle Geister enthalten sind.

Das Universum ist identisch mit der Natur, mit dem Weltall und der absoluten Wahrheit.

Was wir +erkennen+, sind Wahrheiten, relative Wahrheiten oder Naturerscheinungen. Die Natur selbst, die absolute Wahrheit, läßt sich nicht erkennen, nicht direkt, sondern nur +mittels+ ihrer Erscheinungen.

Da die menschliche Erkenntnis nicht das Absolute ist, sondern nur ein Künstler, der sich von der Wahrheit Bilder macht, wahre, echte, rechte und treffende Bilder, so ist doch selbstredend, daß das Bild den Gegenstand nicht erschöpft und der Maler hinter seinem Modell zurückbleibt. Es ist niemals etwas Geistloseres von der Wahrheit noch von der Erkenntnis gesagt worden, als das, was die gebräuchliche Logik seit Jahrtausenden davon sagt: Wahrheit sei die Übereinstimmung unserer Erkenntnis mit ihrem Gegenstand. Wie kann das Bild mit seinem Modell »übereinstimmen«? -- Annähernd, ja. Welches Bild stimmt nicht annähernd mit seinem Gegenstand? Mehr oder minder treffend ist doch jedes Porträt. Aber ganz getroffen und ganz trefflich -- abnormer Gedanke!

Also nur relativ können wir die Natur und ihre Teile erkennen; denn auch jeder Teil, obgleich nur eine Relation der Natur, hat doch auch wieder die Natur des Absoluten, die mit der Erkenntnis nicht zu erschöpfende Natur des Naturganzen an sich.

Die wissenschaftliche Erkenntnis darf nicht nach absoluter Wahrheit begehren, weil letztere, die absolute Wahrheit, ohne weiteres sowohl sinnlich als geistig +gegeben+ ist. Was wir zu erkennen verlangen, sind die Erscheinungen, die Besonderheiten der allgemein gegebenen Wahrheit. Sie gibt sich uns in ihren Spezialitäten willfährig. Was unsere Erkenntnis zu besorgen hat, sind treffliche Bilder, Erkenntnisbilder. Dabei handelt es sich nur um relative Trefflichkeit oder Vollständigkeit. Mehr darf der Menschenverstand nicht wollen. Ein Verlangen nach einer anderen absoluten Wahrheit ist eine von der Geschichte der menschlichen Erkenntnis überwundene Schwärmerei; während die Bescheidenheit, die sich mit Erkenntnis relativer Wahrheiten begnügt, vernünftige Bildung genannt wird.

Die Philosophie hat wie die Religion in dem Glauben an eine überschwengliche absolute Wahrheit gelebt. Die Auflösung des Problems liegt in der Erkenntnis, daß die absolute nichts weiter als die generalisierte Wahrheit ist, daß dieselbe nicht im Geiste wohnt, dort wenigstens nicht mehr zu Haus ist als anderswo, sondern im +Objekt+ des Geistes, welches wir mit dem Generalnamen »Universum« bezeichnen.

Wie unser Auge alles sehen kann, wenn auch mit Hilfe von Gläsern, und doch nicht alles, denn es kann weder Töne noch Gerüche, überhaupt nichts Unsichtbares sehen, so kann unser Erkenntnisvermögen alles erkennen und doch nicht alles. Das Unerkennbare kann es nicht erkennen. Das ist aber auch überschwenglich oder ein überschwengliches Begehren.

Wenn wir erkennen, daß die absolute Wahrheit, woran Religion und Philosophie im Überschwenglichen oder Transzendenten gesucht haben, realiter als leibliches Universum vorhanden ist, und der Menschengeist nur ein leiblicher oder realer oder wirklicher und wirkender Teil der Generalwahrheit ist, der den Beruf hat, andere Teile der Generalwahrheit wahrhaft abzubilden, so ist damit das Problem des Beschränkten und des Unbeschränkten vollkommen gelöst. Absolutes und Relatives ist nicht überschwenglich getrennt, beides hängt zusammen, so daß das Unbeschränkte aus unendlichen Beschränktheiten zusammengesetzt ist und jede beschränkte Erscheinung die Natur des Unendlichen an sich hat.

Der dritte Abschnitt »Materialismus kontra Materialismus« zeigt den Unterschied des sozialdemokratischen oder dialektischen Materialismus vom metaphysischen, speziell französischen des achtzehnten Jahrhunderts und den Gegensatz dieser beiden Richtungen zum metaphysischen deutschen Idealismus von Kant, Fichte, Schelling, Hegel.

Der Idealismus leitet die Körperwelt aus dem Geiste ab, nach dem Vorgang der Religion, wo der große Geist über den Wassern schwebt und nur zu sagen hat »es werde!«, auf daß es ward. Solche idealistische Ableitung ist metaphysisch. Jedoch waren die letzten berühmten Ausläufer des deutschen Idealismus sehr abgeschwächte Metaphysiker. Von dem außerweltlichen übernatürlichen, himmlischen Geiste hatten sie sich ziemlich emanzipiert, aber nicht von der Schwärmerei für den diesseitigen natürlichen Geist. Sie mühen sich unendlich ab, über das Verhältnis zwischen unseren geistigen Vorstellungen und den materiellen Dingen, welche vorgestellt, begriffen und gedacht werden, ins klare zu kommen.

Die metaphysischen Materialisten des achtzehnten Jahrhunderts und ihre heutigen Nachzügler unterschätzen den Menschengeist und die Forschung nach seiner Beschaffenheit und seiner rechten Anwendung ebensosehr, als die Idealisten diese Dinge überschwenglich hochstellen. Sie, die Materialisten, erklären zum Beispiel die Naturkräfte als +Eigenschaften+ des tastbaren Stoffes und speziell die geistige Kraft, die Gedankenkraft, als eine Eigenschaft des Hirns. Die Materie oder das Materielle, das heißt das Wägbare und Tastbare, ist in ihren Augen die Hauptsache der Welt, das Primäre oder die Substanz, und die Denktätigkeit, gleich allen anderen untastbaren Kräften, nur sekundäre Eigenschaft. Mit anderen Worten, den alten Materialisten ist die Materie das erhabene Subjekt und alles Weitere untergeordnetes Prädikat.

Im dialektischen Materialismus haben die Stoffe nicht mehr zu bedeuten als die Kräfte, die Kräfte nicht mehr als die Stoffe.

Das unterscheidende Merkmal zwischen den mechanischen Materialisten des achtzehnten Jahrhunderts und den durch die Schule der deutschen Idealisten gewitzigten sozialdemokratischen Materialisten besteht darin, daß letztere den bornierten Begriff der Materie von der +nur tastbaren+ und wägbaren Materie auf alle vorkommenden Materialien erweiterten: auf das Sichtbare, Riechbare, Hörbare und, da schließlich die ganze Natur Material der Forschung und demnach alles materiell genannt werden darf, sogar den Menschengeist; denn auch dieses Objekt dient der Erkenntnistheorie als Material.

Wir neueren Materialisten sind nicht der beschränkten Meinung, daß die wäg- und tastbare Materie die Materie ~par excellence~ sei; wir halten dafür, daß auch der Blumenduft, auch Töne und Gerüche Materien seien. Wir fassen nicht die Kräfte als ein bloßes Anhängsel, als pures Prädikat des Stoffes auf und den Stoff, den tastbaren, als das »Ding«, welches alle Eigenschaften dominiere. Wir denken von Stoffen und Kräften demokratisch. Da sind die einen soviel wert als die anderen; alle einzelnen sind nichts als Eigenschaften, Anhängsel, Prädikate oder Attribute des großen Natur-Ganzen. Da ist nicht das Hirn der Matador und die geistige Funktion der untergeordnete Diener. Nein, wir modernen Materialisten behaupten, daß die Funktion ebensoviel und ebensowenig ein selbständiges Ding ist als die tastbare Hirnmasse oder als irgendeine andere Materialität. Auch die Gedanken, ihr Herkommen und ihre Beschaffenheit sind ebenso reale Materien und erforschungswerte Materialien als irgendwelche.

Materialisten sind wir, weil wir aus dem Geiste keine »metaphysische« Monstrosität machen. Die Denkkraft ist uns ebensowenig ein »Ding an sich« als die Schwerkraft oder der Erdkloß. Alle Dinge sind nur Zusammenhänge des großen Universalzusammenhangs, welcher allein dauerhaft, wahrhaft, bleibend, keine Erscheinung, sondern das einzige »Ding an sich« und die absolute Wahrheit ist.

Weil wir sozialistische Materialisten nun einen +zusammenhängenden+ Begriff von der Materie und dem Geiste haben, sind uns auch die sogenannten geistigen Verhältnisse, wie die der Politik, der Religion, der Moral usw., materielle Verhältnisse, und die materielle Arbeit, ihre Stoffe und die Magenfrage sehen wir nur insofern an als die Unterlage, als die Voraussetzung und den Grund aller geistigen Entwicklung, als das Tierische der Zeit nach früher ist als das Menschliche, was nicht hindert, den Menschen mit seinem Intellekt hoch und höher zu schätzen.

Der sozialistische Materialismus zeichnet sich dadurch aus, daß er den Menschengeist nicht unterschätzt, gleich den Materialisten alter Schule, und auch nicht überschätzt, gleich den deutschen Idealisten, sondern in seiner Schätzung +mäßig+ verfährt und den Mechanismus wie die Philosophie mit kritisch-dialektischem Auge ansieht, als Zusammenhänge des untrennbaren Weltprozesses und -progresses.

»Darwin und Hegel« betitelt sich der vierte Abschnitt.

Dietzgen will »dem beinahe verschollenen Hegel, der bei der Nachwelt seine verdiente Anerkennung finden wird«, die ihm gebührende Würdigung als Vorläufer Darwins zollen:

Darwin ist ein genialer Ausarbeiter der Hegelschen Erkenntnistheorie. Letztere ist eine Entwicklungslehre, die nicht nur die Entstehung der Arten alles animalischen Lebens, sondern auch die Entstehung und Entwicklung aller Dinge umfaßt; sie ist eine kosmische Theorie der Entwicklung überhaupt. Die ihr bei Hegel noch anklebenden Dunkelheiten fallen der Person des Philosophen so wenig zur Last, als dem Darwin zur Last fällt, daß er über seine »Entstehung der Arten« nicht das letzte Wort gesagt hat.

Der Darwinsche Gegenstand ist ein ebenso unendlicher und unausforschlicher wie der Hegelsche. Der eine suchte nach der Entstehung der Arten, der andere nach der Erklärung des menschlichen Denkprozesses. Das Resultat beider ist die +Entwicklungslehre+. Sie haben die +monistische Weltanschauung+ auf eine Höhe gehoben und mit positiven Entdeckungen unterstützt, die vorher unbekannt waren.

Die Darwinsche Entwicklungslehre beschränkt sich auf die Tierarten; sie beseitigt die Klüfte, welche die religiöse Weltanschauung zwischen den Klassen und Arten der Geschöpfe aufrichtet. Darwin emanzipiert die Wissenschaft von dieser religiösen Klassenanschauung und weist die göttliche Schöpfung +in bezug auf diesen speziellen Punkt+ aus der Wissenschaft hinaus. In diesem Punkt setzt er an die Stelle der transzendenten überschwenglichen Schöpfung die hausbackene Selbstentwicklung. Um zu zeigen, daß Darwin nicht aus den Wolken gefallen, erinnern wir an Lamarck, der bekanntlich Darwin die Priorität streitig macht. Damit wird keineswegs das Darwinsche Verdienst geschädigt, indem Lamarck nur auf den philosophischen Lichtblick, Darwin aber auf spezialisierten Nachweis Anspruch hat.

Hegel gebührt das Verdienst, die Selbstentwicklung der Natur auf +umfassendster+ Grundlage aufgestellt, die Wissenschaft in generellster Weise von der Klassenanschauung emanzipiert zu haben. Darwin kritisiert die überkommene Klassenanschauung zoologisch, Hegel universell.

Hegel lehrt die Entwicklungstheorie; er lehrt, daß die Welt nicht gemacht wurde, keine Schöpfung, kein unveränderliches +Sein+, sondern ein +Werden+ ist, das sich selbst macht. Wie bei Darwin die Tierklassen ineinanderfließen, so fließen bei Hegel alle Klassen der Welt, Nichts und Etwas, Sein und Werden, Quantität und Qualität, Zeit und Ewigkeit, Bewußtes und Unbewußtes, Fortschritt und Bestand, unvermeidlich ineinander. Er lehrt, daß Unterschiede überall bestehen, aber nirgends übertriebene, »metaphysische« oder überschwengliche Unterschiede. Dinge, die »+wesentlich+« voneinander unterschieden sind, gibt es nach Hegel nicht. Das Unterscheiden zwischen wesentlich und unwesentlich ist nur auf relativer Stufenleiter zu verstehen. Es gibt nur ein absolutes Wesen, das ist der +Kosmos+, und alles, was da drin und drum und dran hängt, sind flüssige, vergängliche, wandelbare Formen, Akzidenzen oder Eigenschaften des Generalwesens, welches in Hegelscher Sprache den Namen des Absoluten führt.

Hegel hat die Entwicklungslehre viel universeller vorgetragen als Darwin. Wir wollen deshalb einen nicht dem andern vorziehen oder subordinieren, sondern einen mit dem andern ergänzen. Wenn uns Darwin lehrt, wie die Amphibien und Vögel keine ewig separierten Klassen, sondern Lebewesen sind, die aus einander hervorgehen und ineinanderfließen, so lehrt Hegel, wie +alle+ Klassen, wie die ganze Welt ein lebendiges Wesen ist, die nirgends feste Grenzen hat, so daß selbst das Kennbare und Unkennbare, das Physische und Metaphysische ineinanderfließt, und etwas absolut Unbegreifliches eine Sache ist, die nicht in die monistische, sondern in die religiöse, dualistische Weltanschauung gehört.

Hegel hat viel Verwandtschaft mit dem alten Herakleitos, welcher den Beinamen »der Dunkle« führt. Beide lehren, daß die Dinge der Welt nicht feststehen, sondern fließen, das heißt, sie entwickeln sich; und beide verdienen auch den dunklen Beinamen.

Die Arbeiten von Darwin und Hegel, ob noch so verschieden, haben den Kampf wider die Metaphysik, wider das Unsinnliche und Unsinnige gemein. Indem wir uns vorsetzen, sowohl den Unterschied als die Gemeinschaft der genannten Forscher klarzustellen, können wir nicht umhin, die große Seeschlange ernstlich in den Kreis der Erörterung zu ziehen. Der Spaß wird aber erschwert durch die vielen Namen, die im Laufe der Geschichte dem Ungeheuer beigelegt wurden. -- Was ist Metaphysik? Sie ist dem Namen nach eine wissenschaftliche Disziplin -- gewesen, die ihre Schatten in die Gegenwart wirft. Was sucht sie, was will sie? Natürlich Aufklärung! -- aber worüber? -- Über Gott, Freiheit und Unsterblichkeit; -- das klingt in unseren Tagen gar pastoral. Und nennen wir ihren Inhalt mit dem klassischen Namen des Wahren, Guten und Schönen, so ist dennoch gar viel daran gelegen, daß wir uns und dem Leser klarmachen, was denn eigentlich die Metaphysiker suchen und wollen; ohne das läßt sich weder Darwin noch Hegel, weder was sie geleistet, noch was sie zu leisten unterlassen und was daher der Nachkommenschaft zu leisten obliegt, hinlänglich ermessen und darstellen.

»Was die Metaphysiker suchen und wollen«, erklärt uns der fünfte und letzte Abschnitt »Das Licht der Erkenntnis«:

Wo Erleuchtung hernehmen? Moses hat sie vom Berg Sinai geholt; aber nachdem Juden und Christen länger als dreitausend Jahre gebetet: »Du sollst nicht stehlen«, stehlen sie heute noch wie die Raben; das heißt die +Offenbarung+ hat sich nicht bewährt. Dann kamen die +Philosophen+ und wollten die Erleuchtung aus dem Innern des Kopfes, ~a priori~, wie sie es nennen, herausspekulieren. Was aber der eine zutage förderte, wurde vom andern verworfen. Die +Naturwissenschaft+ beschritt einen dritten, den induktiven Weg, sie schöpfte die Weisheit aus der Beobachtung; sie endlich erwarb wahre, wirkliche, dauerhafte Wissenschaft, eine Wissenschaft, die alle Welt akzeptiert, die niemand bestreitet, niemand bestreiten kann und mag. Daraus folgt denn unzweifelhaft klar, daß wir die Erleuchtung auf dem betretenen naturwissenschaftlichen Wege zu suchen haben.

Dennoch gibt es viele Leute, viele auch mit gelehrtester Ausrüstung, welche mit diesem Lichte sich nicht zufrieden geben. Sie sprechen vom »metaphysischen Bedürfnis«, bemühen sich unablässig, darzutun, daß alles naturwissenschaftliche Erklären und Erkennen, wie fruchtbar auch in den einzelnen Disziplinen, doch im großen und ganzen unzureichend ist. »Das Wesen der Materie«, heißt es da, »ist schlechthin unbegreiflich; alle mechanische Naturerklärung erstreckt sich nur auf die an diesem rätselhaften Substrate wahrzunehmenden +Veränderungen+ und läßt unser Kausalitätsbedürfnis im letzten Grunde unbefriedigt.«

Der Materialismus, der das Erkennen und Erklären der verschiedensten wissenschaftlichen Materien wohl zu praktizieren weiß, hat es bisher unterlassen, die +Materie der Erkenntnis+ zu erklären. Das Erkenntnis- oder Erklärungsvermögen ist die einzige in der Welt vorhandene Kraft, welche immer noch verhimmelt wird. Sie ist in der Welt und soll nicht weltlich, nicht physisch, nicht mechanisch sein. Was denn? Metaphysisch! Und niemand kann doch Aufklärung geben, was das heißt. Alle Bestimmungen, die wir erlangen, sind negativ. Das Metaphysische ist nicht physisch, nicht handgreiflich und nicht begreiflich. Was sollte es anders sein als ein +Gefühl+, das begnadete Idealisten mit sich herumtragen, ohne zu wissen, wo es sitzt.

Alles will der Mensch wissen, und doch hat man etwas, was nicht zu wissen, nicht zu erklären, nicht zu begreifen ist. Dann resigniert man und zeigt hin auf die Beschränktheit des menschlichen Instruments. »Zwei Stellen sind es,« sagt Lange, »wo der Geist haltmachen muß. Wir sind nicht imstande, die +Atome+ zu begreifen, und wir vermögen nicht, aus den Atomen und ihrer Bewegung auch nur die geringste Erscheinung des Bewußtseins zu erklären ... Man mag den Begriff der Materie und ihrer Kräfte drehen und wenden, wie man will, immer stößt man auf ein letztes Unbegreifliches ... Nicht mit Unrecht geht daher Du Bois-Reymond so weit, zu behaupten, daß unser ganzes Naturerkennen in Wahrheit noch kein Erkennen ist, daß es nur das +Surrogat+ einer Erklärung gibt ... Das ist der Punkt, an welchem die Systematiker und Apostel der mechanischen Weltanschauung so unachtsam vorübergehen: -- die Frage nach den Grenzen des Naturerkennens.« (F. A. Lange, Geschichte des Materialismus, 2. Band, S. 148 bis 150.)

Die Sozialdemokraten aber hat Lange nicht gründlich gekannt, sonst würde er gewußt haben, daß von ihnen auch in diesem Punkt die mechanische Weltanschauung komplettiert ist.

Wo soll es hinführen, wenn unser Wissen und Erkennen, wenn das in den letzten Jahrhunderten von der Wissenschaft mit so großem Erfolg angewendete Geistes-Instrument nur noch ein »+Surrogat+« sein soll? Wo sitzt denn der wahre Jakob? Und wenn wir alle Folianten der Philosophie durchstöberten, würden wir darüber keine positive Angabe finden, weil gerade die Philosophen es sind, welche den Glauben an einen persönlichen Herrscher des Himmels und der Erde soweit zerstört haben. Die unphilosophische +religiöse+ Welt besaß in der Tat höheren Orts einen wahren Verstandeskasten, welcher dem dreckigen Lehm ein Häuchlein hatte mitgeteilt, und waren sie deshalb berechtigt, den heiligen vom profanen Geiste, die echte Substanz von ihrem Surrogat zu unterscheiden. Aber wie solche Unterscheidung von denen zu verteidigen ist, welche den großen All- und Ur-Geist den Köhlern überlassen haben, das ist unerfindlich.

Der metaphysische Gedanke von den »Grenzen der Erkenntnis« darf nur ein klein wenig auf seinen Inhalt geprüft werden, um sofort als gedankenlose Phrasenmacherei erkannt zu werden. »Die Atome sind nicht zu begreifen, und das Bewußtsein ist nicht zu erklären.« Nun aber besteht die ganze Welt aus Atomen und Bewußtsein, aus Materie und Geist. Wenn beides unverständlich ist, was bleibt dann dem Verstande zu begreifen und zu erklären übrig?

Das Licht der Erkenntnis macht den Menschen zum Herrn der Natur. Mit seiner Hilfe vermag er im Sommer das Eis des Winters und im Winter die Früchte und Blumen des Sommers darzustellen. Aber stets bleibt die Herrschaft beschränkt. Alles, was man kann, kann man nur mit Hilfe der natürlichen Kräfte und Materialien. Die Natur mit bloßen Worten, mit einem »es werde!« +unbeschränkt+ beherrschen wollen, kann nur dem Phantasten einfallen. Wie Kinder und Naturvölker unbeschränkt herrschen, so möchten unsere kindischen Gelehrten unbeschränkt erkennen. »Das System des Begnügens mit der gegebenen Welt«, meint Lange, »steht im Widerspruch mit den Einheitsbestrebungen der Vernunft, mit Kunst, Poesie und Religion, in welchen der Trieb liegt, sich über die Grenzen der Erfahrung hinauszuschwingen.« -- Nun sind Kunst und Poesie als Phantasien bekannt, wenn auch als schöne und anbetungswürdige, und wenn die Religion und der metaphysische Trieb nicht mehr sein und in dieselbe Kategorie gehören wollen, so hat kein Verständiger etwas dagegen einzuwenden. Der Mensch mag den metaphysischen Trieb, über alle Grenzen zu schnappen, wirklich haben, wenn er nur einsieht, daß es ein unwissenschaftlicher Trieb ist. Das Licht der Vernunft hat durchaus seine Grenzen, wie alle Dinge, wie Holz und Stroh, wie Technik und Verstand, also verständige Grenzen, die jeder Teil haben muß, wenn er keine Narretei sein will.

Wie der Mensch alles machen kann, so kann er auch alles erkennen -- innerhalb verständiger Grenzen. Wir können nicht schaffen wie der liebe Gott, der die Welt aus Nichts gemacht. Wir müssen uns am Gegebenen, an den vorhandenen Kräften und Stoffen halten und ihren Eigenschaften Rechnung tragen; sie lenken und leiten, sie formen, nennen wir schaffen; die vorhandenen Materialien in Ordnung und Regel bringen, generalisieren oder klassifizieren, die mathematischen Formeln der natürlichen Wandlungen abstrahieren -- das nennen wir erkennen, begreifen, erklären.