Isländische Märchen und Volkssagen

Part 9

Chapter 94,097 wordsPublic domain

Als ein halber Monat des Sommers um war, erschien ein vom Meere kommendes Schiff. Der Pfarrer rief Jon zu sich und zeigte ihm dasselbe schwarzwollene Wams, das er ihn im Sommer zuvor hatte anziehen lassen. Der Pfarrer hatte es mit dicken Tauen umflochten, ehe er es ihm wieder anzog. Dann reichte er ihm eine eiserne Waffe, wie eine Hellebarde geformt und mit Zacken an der Spitze, steckte dann ein Stück Fleisch darauf und gebot Jon, sie in der Hand zu halten und zu versuchen, so an den Hund heranzukommen, daß dieser nach dem Fleisch schnappte; dann aber sollte er ihm das Eisen in den Rachen stoßen. Darauf gingen sie an die See, und kaum hatte das Schiff Anker geworfen, als der Hund ans Land gelassen wurde. Es war ein großer Hund, und grimmig sah er aus. Jon ging ihm entgegen; da fuhr er mit großer Wildheit auf ihn zu und wollte ihn zerfleischen; das Wams aber beschützte ihn, so daß er keinen Schaden davontrug. Jon wich den Angriffen des Hundes so gut wie möglich aus und hielt das Fleischstück vor sich, und schließlich kam es so, daß der Hund das Maul darüber aufriß, während Jon ihm die Waffe mit aller Kraft in den Schlund stieß und damit nicht im geringsten nachließ, wie toll er sich auch gebärdete; des Wamses wegen konnte der Hund Jon nicht den geringsten Schaden tun, und schließlich lag er tot auf dem Platz. Dann fuhren sie zu dem Kaufmann hinaus und begrüßten ihn. Er erwiderte ihren Gruß mürrisch und war schwarz und geschwollen im Gesicht und verbarg seinen Zorn, so weit es in seiner Macht stand. Der Pfarrer sagte, daß Jon jetzt das Geld verdient habe, das ihm der Kaufmann im vorigen Sommer zur Belohnung versprochen hätte. Der Kaufmann aber fand, daß das wohl fraglich sei, da er ja mehr List als Tapferkeit gebraucht habe. Der Pfarrer aber erwiderte, daß sich der Kaufmann diesmal am schändlichsten gezeigt habe, da er ihnen ein so wildes Tier auf den Hals gehetzt habe. Da bezahlte der Kaufmann das Geld, indem er ihn bat, bei ihm vorzusprechen, ehe er diesen Sommer fortsegele.

Dann kam die Zeit, um die der Kaufmann fortsegeln wollte, und der Pfarrer sagte zu Jon, daß er sich an des Kaufmanns Worte erinnern müßte, daß er aber Jon zu der Begegnung begleiten wolle. Sie fuhren hinaus und trafen den Kaufmann an. Sogleich bat dieser Jon, mit ihm in die Kajüte zu gehen. Der Pfarrer wollte folgen, der Kaufmann aber sagte, daß er es unterlassen solle, er hätte dort nichts zu suchen. Der Pfarrer aber antwortete, daß Jon sein Bursche sei, und daß er keinen Schritt gehen würde, ohne daß er, der Pfarrer, ihn begleite. Da gab der Kaufmann nach, und sie gingen nun alle drei in die Kajüte. Als sie dort angekommen waren, holte der Kaufmann ein Buch von einem Regal herunter, schlug es auf und nahm ein loses Blatt heraus, das er schnell vor Jons Augen hin und her bewegte, als wenn er nicht wollte, daß der Pfarrer es sehen sollte; diesem jedoch gelang es, einen Schimmer davon zu sehen, ohne daß der Kaufmann es merkte. Dann legte der Kaufmann das Blatt wieder an seinen Ort zurück und sagte, daß Jon ihm im nächsten Sommer das Buch, zu dem dieses Blatt gehöre, bringen solle, oder den Namen, ein Hasenfuß zu sein, auf sich nehmen müsse; brächte er ihm aber das Buch, so würde er ihm dreißig Mark Gold auswiegen. Dann nahmen sie Abschied voneinander, und der Pfarrer und Jon kehrten nach Hause zurück, der Kaufmann aber stach sofort in See.

Als nun nur noch eine Woche des Sommers übrig war, sprach Pfarrer Kristian mit Jon und fragte ihn, was er wohl zu dem Auftrag meine, den der Kaufmann ihm zugedacht habe. Jon erwiderte, daß er nichts darüber denke. Der Pfarrer fragte ihn, ob er wüßte, was das für ein Blatt gewesen wäre, das der Kaufmann ihm gezeigt hätte. Jon aber antwortete »Nein«. Da sagte der Pfarrer, daß es nicht weiter merkwürdig sei, wenn er es nicht wüßte; denn es wäre ein Blatt aus des Teufels Handbuch gewesen; und nun hätte der Kaufmann ihm die gefährliche Aufgabe zugedacht, es aufzufinden, das aber sei kein Spaß. Dann sagte er, daß er einen Bruder habe, der Pfarrer in der Unterwelt sei, und nur er würde Jon in dieser Angelegenheit helfen können, des Teufels Handbuch ausfindig zu machen, auf andere Weise würde es nicht gehen. Jon sollte sich nun sofort bereit machen, sich nach der Unterwelt zu begeben, um seinen Bruder zu besuchen, und er müßte dort am ersten Wintertag hinkommen und den Winter über da bleiben.

Nun machte sich Jon zur Wanderung bereit, und als alles fertig war, gab ihm der Pfarrer einen Brief an seinen Bruder mit und ein Garnknäuel, das ihm den Weg weisen sollte; er wünschte ihm eine glückliche Wanderung und warnte ihn vielmals, sich irgendwo auf seinem Weg umzusehen, auch dürfte er den ganzen Winter über in der Unterwelt kein einziges Wort sprechen; Jon aber sagte, daß ihm das ein Leichtes sein würde.

Dann machte sich Jon auf den Weg, warf das Knäuel von sich, behielt aber das Ende des Fadens in der Hand. Das Knäuel rollte eine ganze Zeit vor ihm her, bis er an einen Berg nördlich von Reykjavik gekommen war, an dem die Öffnung einer Höhle zu sehen war; dort rollte das Knäuel in den Berg hinein, und er folgte ihm. Der Gang innen war dunkel und uneben, und Jon begann Bedenken zu hegen, die Wanderung fortzusetzen, aber um so stärker zog das Knäuel, und er ermannte sich dann wieder. So ging er einen weiten Weg, bis es plötzlich hell wurde. Da erblickte er vor sich eine anmutige Ebene, über die das Knäuel eine Zeitlang rollte, bis er in eine große Stadt mit prachtvollen Gebäuden kam. Dort hielt das Knäuel an einer Tür inne, worauf Jon es vom Boden aufhob.

Er klopfte an die Tür, und ein junges Mädchen trat heraus. Es war gut gekleidet, aber ohne jeden Prunk, sittsam in ihren Manieren, und die schönste Jungfrau, die Jon je gesehen hatte. Jon verbeugte sich vor ihr und reichte ihr den Brief, den sie schweigend nahm. Auch nahm sie das Knäuel und ging mit beiden ins Haus hinein. Nach einer kleinen Weile kam dasselbe Mädchen wieder heraus, von einem zweiten begleitet, das jünger war; sie betrachtete Jon und verschwand wieder in das Haus hinein. Das erste Mädchen aber nahm Jon bei der Hand und führte ihn durch ein paar Gänge in eine Kammer, in der ein kleiner Tisch, eine Bank, ein Stuhl und ein Bett standen; dann ging sie fort, aber sogleich brachte sie ihm Essen und deckte den Tisch.

Das Weitere kann nun gleich erzählt werden: Jon blieb lange dort und glaubte, daß es schon mitten im Winter sei; er sah keinen anderen Menschen als dasselbe junge Mädchen, das jeden Tag zu ihm kam und ihm den Tisch deckte und das Bett machte. Nie sprachen sie miteinander, und nie hörte er menschliche Stimmen.

Da geschah es eines Tages, daß ein hübscher, großer und wohlgewachsener Mann zu ihm hereinkam. Das war der Pfarrer der Unterwelt, Pfarrer Kristians Bruder. Er war in ein langes, schwarzes Gewand gekleidet; er bot Jon Guten Tag, und es lag Milde in seiner Stimme. Jon schwieg. Der Pfarrer fragte ihn, ob er wüßte, wie weit die Zeit vorgeschritten sei. Jon aber schwieg. Da sagte der Pfarrer: »Du hast gut daran getan, Jon, bei deinem Schweigen zu beharren; denn aus diesem Grunde ist dein Auftrag gut gelungen, und du wirst für deine Selbstbeherrschung belohnt werden, heute aber ist der erste Sommertag, und darum darfst du sprechen.« Darüber war Jon sehr froh. Der Pfarrer sagte, daß er sich nun auf den Heimweg begeben solle, und daß er nicht länger zögern dürfe; denn diesmal würde der Kaufmann kommen, wenn eine Woche des Sommers um wäre. Dann gab ihm der Pfarrer ein Buch und bat ihn, es gut zu hüten und es seinem Bruder zu bringen, es würde aber nicht lange dauern, bis es der Eigentümer vermißte und holte, wenn es erst in den Händen des Kaufmanns wäre. Darum, sagte er, sollte ihm sein Bruder die ganze Ladung abkaufen und sie ans Land bringen lassen, ehe er ihm das Buch gäbe. Der Pfarrer bat Jon, seinem Bruder einen Gruß zu bringen, bot ihm darauf Lebewohl, sagte aber, daß seine Tochter ihn auf den Weg bringen und ihm zeigen werde, wie er sich nach Hause finden könne. Das Mädchen kam also und brachte ihn auf den Weg. Es war dasselbe Mädchen, das ihm im Winter Tisch und Bett besorgt hatte. Sie gingen Hand in Hand miteinander, es wird aber nicht erzählt, was sie zusammen sprachen, bis sie plötzlich stehen blieb und sagte, daß sie nun nicht weiter gehen könne, es wäre jetzt aber auch leicht, das Stück Weges, das noch übrig sei zu finden. Sie sagte, daß sie scheiden müßten, wenn es auch ihrem Herzen schwer fiele, denn sie könnten doch nicht zusammenbleiben und Freude miteinander haben, da er ja nicht in der Unterwelt leben könne und sie nicht auf Erden. »Aber«, sagte sie, »ich will dir nicht verhehlen, daß ich ein Kind erwarte, und ich will dir das Kind senden; sollte es ein Junge werden, wenn es sechs Jahre alt ist, wenn es aber ein Mädchen wird, dann, wenn es zwölf Jahre alt ist; vieles hängt davon ab, ob du das Kind gut aufnimmst.« Nachdem sie das gesagt hatte, reichte sie ihm das Knäuel, sagte aber, daß er es nicht brauche, um den Weg zu finden, er solle sich nur nach ihren Anweisungen richten. Dann sagten sie sich kummervoll Lebewohl; denn es fiel ihnen schwer zu scheiden. Er ging nun den Weg, den sie ihm gezeigt hatte; er war weder schwierig noch gefährlich, aber er wußte selbst nicht recht, wie und wo er zwischen den beiden Welten wanderte. Gegen Ende der ersten Sommerwoche kam er in Reykjavik an, wo der Pfarrer ihn mit Freude empfing und fand, daß er seinen Auftrag gut erledigt hätte, als Jon ihm den Gruß seines Bruders brachte und ihm das Buch gab.

Kurz darauf segelte der Kaufmann in den Hafen ein, und der Pfarrer stattete ihm sogleich einen Besuch ab; kühl aber waren die Grüße, die sie miteinander wechselten. Der Pfarrer erzählte dem Kaufmann, daß ein Mißjahr im Lande wäre, und daß ein großer Mangel an Lebensmitteln herrsche, weshalb er ihn bäte, ihm die Schiffsladung zu verkaufen; und darüber wurden sie handelseinig. Vor Ablauf dreier Tage war die ganze Ladung an Land gebracht. Als das geschehen war, fuhren der Pfarrer und Jon zu dem Schiff hinaus, und der Kaufmann fragte dann Jon sofort, wie es ihm mit seinem Auftrag ergangen sei. Jon erwiderte, daß er ausgeführt sei. Darauf reichte der Pfarrer dem Kaufmann an Jons Stelle das Buch; sehr unangenehm aber war dieser überrascht, als er sah, daß es das richtige Buch war. Der Pfarrer bat ihn nun, das Geld auszuzahlen, das er Jon versprochen habe, und das tat der Kaufmann auch. Dann boten sie ihm Lebewohl und stiegen in ihr Boot hinunter; kaum aber waren sie ans Land gekommen, als die See sehr unruhig wurde; ihre Blicke fielen auf das Wasser, wo das Schiff gelegen hatte, da aber war es verschwunden, und später wurde es nie mehr gesehen.

Nun war großer Reichtum im Pfarrhofe. Das nächste halbe Jahr verging, und Jon blieb bei dem Pfarrer. Immer war er den Leuten verschlossen vorgekommen, jedoch nie so, wie nachdem er aus der Unterwelt zurückgekehrt war. Da sprach einmal der Pfarrer mit ihm darüber, was ihm fehle, und sagte, daß er ahne, weshalb er so wortkarg umherginge; weil ihm nämlich die Tochter seines Bruders da unten in der Unterwelt so gut gefallen hätte. Jon aber erwiderte nichts darauf. Pfarrer Kristian hatte drei Töchter, wie sie aber hießen, wird in dieser Sage nicht erzählt. Der Pfarrer sagte, daß er Jon diejenige von seinen Töchtern geben wolle, die er sich wünsche, wenn sein Gemüt dadurch erheitert werden könne. Jon wählte schließlich die jüngste Tochter zur Frau, und der Pfarrer verheiratete sie miteinander. Er schenkte den Eheleuten einen der besten Höfe in der Nachbarschaft zum Bewohnen, und dorthin zogen sie und schlugen ihr Heim auf. Sie lebten in Eintracht miteinander und hatten Reichtum genug. Trotzdem aber war Jon still und traurig.

Nun vergingen viele Jahre, und die Eheleute bekamen viele Kinder zusammen. Da klopfte es einmal an der Tür zu Jons Hof, während alle Leute in der Badstube waren. Der Bauer sandte einen seiner Söhne, der damals sechs Jahre alt war, an die Tür. Als der Knabe wieder hereinkam, erzählte er, daß draußen ein wunderschönes, kleines Mädchen stände, das ihn freundlich begrüßt und ihn gebeten hätte, drin zu sagen, daß es mit seinem Vater sprechen wolle. Bei diesen Worten huschte es wie ein Sonnenstrahl über Jons Gesicht, er erhob sich sofort und ging hinaus. Das kleine Mädchen küßte ihn und begrüßte ihn mit dem Namen Vater, er aber empfing es mit großer Herzlichkeit und Freude.

Es erzählte, daß es von seiner Mutter, der Pfarrerstochter aus der Unterwelt, geschickt sei, von der es ihm einen liebevollen Gruß bringe. Jon führte es sogleich zu seiner Frau, mit der er von der Herkunft des Kindes sprach, und von der großen Verpflichtung, die er ihm gegenüber hätte, und bat sie, wie eine Mutter gegen es zu sein, wie für ihre anderen Kinder. Da nahm es die Frau sehr liebevoll auf. Sigrid hieß das kleine Mädchen; es war zwölf Jahre alt, als sich dies ereignete. Es zeichnete sich vor den meisten durch seine große Schönheit und allerlei andere Tugenden aus. Als Sigrid drei Jahre bei ihrem Vater und in dieser Zeit Gegenstand vieler Auszeichnung und Liebe gewesen war, bat sie ihn einmal um die Erlaubnis, ihre Mutter besuchen zu dürfen, was er ihr auch freundlich gewährte, indem er sagte, daß sie bei ihrer Mutter gern ein ganzes Jahr bleiben dürfe, wenn sie wolle.

In dem Jahre darauf kehrte Sigrid zu ihrem Vater zurück, der sie ebenso liebevoll wie früher empfing.

Sie überbrachte ihm den letzten Gruß ihrer Mutter, die, wie sie erzählte, gestorben wäre, schon ehe sie die Unterwelt verlassen hätte. Zugleich brachte sie auch die Botschaft, daß Jon sie nur um einen Monat überleben würde. Es schien, als ob Jon diese Botschaft eher freute, als daß sie ihn betrübte, und nicht die kleinste Veränderung war ihm dabei anzumerken.

Jon traf nun feste Bestimmungen über seine Habe, und in seinem letzten Willen setzte er seine Tochter Sigrid als Erbin des Hofes ein, auf dem er wohnte, und man merkte an allem, daß er sie am meisten von seinen Kindern liebte; sie war aber auch eine Zierde unter allen Frauen. Seiner Frau und ihren Kindern gab er das ganze bewegliche Eigentum, und das war ein großer Reichtum. Dann starb Jon, und viele beweinten seinen Verlust.

Ein paar Jahre später verheiratete sich Sigrid mit einem tüchtigen Manne, und sie ließen sich auf ihrem Hof, der der beste Hof in der ganzen Gegend war, nieder. Immer wurde Sigrid als eine ausgezeichnete Frau angesehen, und das Ehepaar lebte lange in großer Liebe miteinander. Sie bekamen eine Menge Kinder, und von ihnen stammt ein großes Geschlecht auf dem Südlande ab.

Die Brüder

In den Tälern wohnten zwei Brüder, Thord und Andreas, die Söhne Andreas’, die, wie es den Leuten schien, beide ein hitziges Gemüt hatten. Im Winter 1820 begaben sie sich nach Hjallasand, um dort Fische zu fangen. Sie waren damals in die Zeit des Mannesalters gelangt, waren aber immer noch unverheiratet. Beide waren in Liebe zu demselben Mädchen entbrannt, und dieser Umstand zerstörte das brüderliche Verhältnis zwischen ihnen.

Früh im Winter litt das Boot, in dem sich Andreas befand, Schiffbruch, und er ging mit ihm unter. Nun bekam sein Bruder freiere Hand für seine Werbung, worüber er sehr froh war, und er besuchte das Mädchen offener, als er es bisher getan hatte.

Es verging einige Zeit, ohne daß etwas geschah. Aber eines Abends ging Thord in der Dunkelheit allein den Weg von Ingjaldshol entlang, und als er nach Hjallasand, nicht weit von seiner Bude, Storedumpa, gekommen war und gerade auf die Tür der Bude zugehen wollte, sah er, daß ein Mann vom Boot heraufkam, der ihm in den Weg treten wollte. Thord eilte zur Tür, und da war ihm der andere gerade auf den Fersen. Thord sah sich den Mann an und erkannte in ihm seinen Bruder Andreas; er war entsetzt, stürmte in die Bude hinein und auf den Boden hinauf, vergaß aber, die Tür hinter sich zu schließen. Auf dem Boden der Bude waren die Betten derart aufgestellt, daß an dem einen Ende das Bett des Bauers Thomas stand, an dem gegenüberliegenden Ende ein Bett für drei Fischer, während Thords Bett mitten an der Seitenwand gegenüber dem Aufgang stand. Als Thord auf den Boden kam, war es dunkel, und die Leute schliefen in der Finsternis. Der Bauer Thomas erwachte von ihren Schritten. Thord setzte sich auf sein Bett, und gerade, als er sich gesetzt hatte, hörte Thomas ihn sagen: »Glaubst du, daß ich Furcht habe, dir in die Augen zu sehen?« In demselben Augenblick aber entstand ein furchtbarer Tumult, und Thord flog wie eine abgeschossene Kugel nach dem Bett der Fischer hinüber, über sie hinweg und an der Wand empor, und sie erwachten von einem bösen Traum. Im Handumdrehen aber riß das Gespenst Thord mit sich und zerrte ihn am Fußboden entlang und die Leiter hinunter. Der Bauer Thomas zündete Licht an und bat die Fischer, Thord, dem es so schlecht erging, zu helfen, und sie liefen alle mit ihm vom Boden hinunter. Da floh das Gespenst, Thord aber lag wie tot unten im Gang und schwamm in seinem Blut. Sie hoben ihn auf und trugen ihn auf sein Bett, wachten die ganze Nacht bei ihm und pflegten ihn mit großer Sorgfalt. Sein Körper war schlimm zugerichtet, blau und geschwollen, und er kam vor der Dämmerung des nächsten Morgens nicht zur Besinnung. Er lag lange krank, erholte sich jedoch schließlich, im Winter aber mußte jede Nacht Licht bei ihm brennen, damit das Gespenst nicht wiederkommen sollte.

Im nächsten Winter nahmen ein paar Fischer in der Bude bei Thomas in Dumpa Dienste. Einer von ihnen hieß Sigurd Sigurdsson und stammte aus Bredevig im Kreis Barderstran. Er war 21 Jahre alt und für einen so jungen Mann groß von Wuchs und im Besitz guter Kräfte. Er erhielt das Bett, das an dem einen Ende des Bodens stand, und darin wurde noch einem Fischer ein Platz angewiesen.

Etwas später kam Thord Andreasson, und Thomas bat dann Sigurd, ihn als Bettgenossen für den Winter anzunehmen. Sigurd, der nicht wußte, was im vorigen Winter geschehen war, erfüllte das Verlangen des Bauern gern, und als sie zu Bett gingen, lag Sigurd außen, Thord aber an der Wand. Als sie aber eingeschlafen waren, träumte Sigurd, daß ein Mann mit erschreckendem Äußeren zu ihm käme und sagte: »Ich werde dich dafür belohnen, daß du vor meinem Bruder liegst, so daß ich ihm nicht nahe kommen kann.« »Was willst du von ihm?« fragte Sigurd. »Ich will ihn ermorden,« sagte der andere, »Ach so,« sagte Sigurd, »weiter willst du nichts von ihm?« Da schien es Sigurd, als greife der andere ihn an; sie packten einander, und das Ende war, daß der Angreifer fiel. Sigurd erwachte und kroch dann auf allen Vieren auf dem Fußboden vor dem Bett entlang.

Die nächste Nacht träumte Sigurd genau dasselbe; jedoch schien es ihm diesmal schwieriger als gestern zu sein, das Gespenst zu überwältigen, und dieser Kampf endete so, daß Sigurd davon erwachte, daß seine Bettgenossen ihn dicht an der Bodenluke festhielten. Sie hatten geglaubt, daß er im Schlaf wandle und wollten ihn daran verhindern.

Die dritte Nacht träumte Sigurd, daß er am Boot unten am Wasser stände, und daß derselbe Mann käme und ihn mit großer Erbitterung überfiele; und lange rangen sie miteinander, Sigurd aber trug doch schließlich den Sieg davon; ihm träumte, daß er das Gespenst erlegte, worauf er ein Schwert in die Hand nahm und seinen Gegner damit in Stücke hieb. Und so hörte das Gespenst mit seinen Angriffen auf.

Sigurd blieb den Winter über in Dumpa und schlief neben Thord, und nie träumte ihm nach dieser Zeit von seinem Kampfgegner, der den ganzen Winter hindurch seinem Bruder Thord keinerlei Schaden durch sein Spuken zufügte.

Viele Jahre später begegneten sich einmal Thord und Sigurd und sprachen von dem Gespenst. Es hatte Thord niemals mehr überfallen, seitdem Sigurd es besiegt hatte. Thord überlebte seinen Bruder Andreas um ungefähr 20 Jahre, nie aber gelangte er nach ihrer Begegnung in der Bude wieder zu seinen alten Kräften. Er ist später durch das Eis auf Hvidaa im Borgarfjord eingebrochen und ertrunken. Er befand sich damals auf einer Reise nach dem Südland, wohin er zum Fischen zog, und führte drei Pferde mit Packung mit sich, die alle mit ihm ertranken.

Der Ulfssee

Gegen Süden, zwischen den Skagefjordstälern, liegt ein fischreicher See, der der Ulfssee heißt und seinen Namen auf folgende Weise erhalten hat:

Auf Mällifellsaa wohnte einmal ein reicher Bauer. Er hatte einen Sohn, mit Namen Gudmund, der in jeder Weise ein hoffnungsvoller Jüngling war. Er hatte gute Kräfte und war ein tüchtiger Ringer. Er war oft draußen, um Vieh zu suchen, und jedesmal, wenn gesucht wurde, war er Führer oder Bergkönig, wie die Rangvellinger sagen.

Einmal zog Gudmund mit mehreren Männern aus, um entlaufene Schafe zu suchen. Während des Suchens blieb er schließlich mit einem Jungen allein, und sie kamen nach dem Ulfssee. Da entdeckten sie zwei Lämmer, die sie zu verfolgen begannen. Der See war zugefroren, und sie sahen, daß draußen auf dem Eis ein Mann lag und angelte.

Als Gudmund und sein Begleiter dem See näher kamen, sprang der Fischer auf, ergriff ein Beil, das neben ihm lag, nahm einen Anlauf und glitt auf Gudmund zu. Kaum gewahrte das der Junge, als er Fersengeld gab, Gudmund aber erwartete den Mann.

Als dieser dicht vor Gudmund stand, hieb er mit dem Beil nach ihm, Gudmund aber wich aus. Das Beil fiel dem Friedlosen[6] aus der Hand, Gudmund fing es auf, nahm einen Anlauf und glitt auf den See hinaus, auf dem der andere ihn zu verfolgen begann. So trieben sie es eine Weile, bis Gudmund eine passende Gelegenheit fand. Er drehte sich um und gab dem Friedlosen den Todesstreich; während dieser aber den Hieb erhielt, rief er mit lauter Stimme nach Brand, Thorgils und Olaf. Darauf ging Gudmund zu seinen Leuten und erzählte ihnen das Geschehene. Sie gingen dann in geschlossenen Haufen nach dem See, da aber war der Tote verschwunden; sie sahen, daß er fortgebracht worden war, denn die Blutspuren auf dem Eise wiesen ans Land.

Nach dieser Zeit blieb Gudmund zu Hause und ging nie mehr aus, um Schafe zu suchen; denn er befürchtete, daß die Friedlosen nach ihm auf der Lauer lägen. Da geschah es einmal, spät im Sommer, daß der Schäfer auf Mällifellsaa krank wurde und niemand auf dem Hof war, der die Schafe sammeln konnte, außer Gudmund. Er ging deshalb fort, konnte sie aber nirgends finden. Er ging immer weiter, bis in die Heide, aber auch dort fand er die Schafe nicht. Da fiel ein so dichter Nebel, daß er nicht wußte, wo er war; trotzdem ging er weiter, bis er eine große Herde Schafe sah, und bei ihnen einen Mann.

Dieser, ein Friedloser, griff Gudmund sofort an, und sie rangen so lange miteinander, bis Gudmund seinen Gegner warf. Der Friedlose bat um Gnade und versprach, ihn dafür gut zu belohnen. Gudmund fragte, wer er sei, und wo er zu Hause wäre. Der Friedlose erwiderte, daß er Olaf heiße und ein Bruder von dem sei, den er auf dem See erschlagen hätte; Ulf aber hätte der geheißen.

»Wir sind sechs Brüder, und ich bin der jüngste und kleinste von allen. Mein Vater wohnt auf einem Hof, unweit von hier, und hat dich hergezaubert, denn er will dich für den Totschlag an seinem Sohn belohnen; auf dem Vorhof hat er ein Grab graben lassen, und dich hat er als Gast dafür bestimmt. Wir haben eine Schwester, die Sigrid heißt, und die unser Vater am meisten liebt; sie kann dir die beste Hilfe leisten, wenn sie dir eine Handreichung tun will. Mein Bruder Brand ist hier in der Nähe, und wenn du ihn unter deinen Fuß bekommen könntest, so daß du uns beiden das Leben geschenkt hättest, dann würde sie dir wohl Hilfe leisten, so gut sie es vermag.«

Hierauf ließ Gudmund Olaf aufstehen, und dann setzte er seinen Weg fort, bis er Brand traf. Sie rangen miteinander, und es gelang Gudmund, Brand unter sich zu bekommen. Da bat dieser um Gnade und versprach ihm Hilfe, indem er ihm genau dasselbe sagte, wie Olaf ihm vorher erzählt hatte.