Isländische Märchen und Volkssagen
Part 8
Nun zog er eine Zeitlang umher, ohne daß er einen Fleck hatte, auf den er seinen Kopf legen konnte. Auf einem Hof aber, auf dem er die Nacht über blieb, hörte er, daß der Bischof auf Skalholt gestorben sei. Da machte er einen kleinen Umweg und wanderte auf Skalholt zu. Als er dorthin kam, begann der Tag auf die Neige zu gehen, und deshalb bat er um Obdach für die Nacht. Es wurde ihm geantwortet, daß es ihm gern vergönnt werde, er müsse aber selber für seine Sicherheit sorgen. Er fragte, ob es etwas Böses mitbringe, wenn er dort bleibe, und was es verursache. Die Leute erwiderten ihm, daß sich die Verhältnisse nach dem Tode des Bischofs so verändert hätten, daß es kein Mensch aushalten könne, zu Hause zu bleiben, wegen lauter Spuks, sobald es zu dunkeln beginne, und deshalb müßten seitdem jede Nacht alle Leute von dort flüchten. »Dann bleibe ich noch lieber hier,« sagte der Bursch. Die Leute des Hofes baten ihn jedoch, nicht so zu reden; denn es wäre wahrhaftig kein Vergnügen dazubleiben. Als es dunkel wurde, begannen die Leute allmählich, den Hof zu verlassen, und schweren Herzens sagten sie dem Burschen Lebewohl; denn sie erwarteten nicht, ihn wiederzusehen. Der Bursche blieb zurück und war ausgezeichneter Laune. Dann ging er im Hause umher und sah sich um. Der letzte Ort, an den er kam, war die Küche. Es war großer Wohlstand in der Wirtschaft; eine Menge feiste Schafrümpfe hingen aneinandergereiht da, und alles, was er sah, stand dazu im Verhältnis. Der Bursch hatte lange kein Dörrfleisch gesehen, und er fing an, Appetit darauf zu bekommen, als er sah, daß hier solch Überfluß daran war. Schlafen wollte er nicht, um den Geist umso besser sehen zu können, und er entschloß sich deshalb, Feuer anzuzünden, und dann zerkleinerte er Holz und setzte einen Topf mit Wasser über das Feuer, zerschnitt dann einen Schafrumpf und legte ihn in den Topf. Bis jetzt hatte er nichts von Spuk gemerkt. Als aber alles in den Topf getan war, hörte er, daß oben im Schornstein mit dumpfer Stimme gesagt wurde: »Darf ich fallen?« Er erwiderte: »Warum sollst du nicht fallen?« Da fiel der ganze oberste Teil eines Mannes durch den Schornstein herab, ein Kopf mit Schultern und Armen und Händen daran, und eine Weile lag dieser Klumpen auf dem Boden, ohne sich zu bewegen. Gleich darauf hörte der Bursch, daß oben im Schornstein gefragt wurde: »Darf ich fallen?« Er antwortete wie das vorige mal: »Warum sollst du nicht fallen?« Und durch den Schornstein herab fiel der mittlere Teil eines Mannes bis zu den Lenden. Dieser Klumpen fiel neben den andern und blieb dort liegen, ohne sich zu bewegen. Da hörte der Bursch noch einmal, daß oben im Schornstein gefragt wurde: »Darf ich fallen?« Er antwortete wie zuvor: »Warum sollst du nicht fallen? Du mußt doch etwas haben, worauf du stehen kannst!« Da fielen die Füße eines Mannes herab; sie waren unerhört groß, wie die Klumpen, die zuerst heruntergefallen waren. Nach dem Fallen lagen alle Klumpen eine Weile ruhig auf dem Boden. Als der Bursche dessen überdrüssig wurde, ging er zu ihnen hin und sagte: »Da nun alles, was zu dir gehört, heruntergekommen ist, ist es wohl am besten, daß du anfängst umherzuholpern.« Alle Klumpen schoben sich zusammen und wurden zu einem furchtbar großen Mann. Er sagte kein Wort zu dem Burschen, sondern ging aus der Küche hinaus und ins Vorderhaus. Der Bursch folgte dem großen Mann, wo er auch hinging. Der Mann ging in ein Zimmer vorn im Hause und trat an eine große Truhe. Diese öffnete er, und der Bursch sah, daß sie voll Geld war. Der große Mann nahm eine Handvoll Geld nach der andern aus der Truhe, warf die Münzen über den Kopf und ließ sie hinter sich herabfallen. In dieser Weise trieb er es bis spät in die Nacht, bis er die Truhe geleert hatte. Da griff er in den Haufen, den er auf den Fußboden geschüttet hatte, und schaufelte ihn auf dieselbe Weise über seinen Kopf wieder in die Truhe zurück.
Der Bursch stand neben dem Gespenst, während es das Geld hin- und zurückschaufelte, und sah, wie es auf dem Fußboden umherrollte. Das Gespenst begab sich nun mit aller Macht daran, das Geld wieder in die Truhe zu werfen, und kratzte mit den Händen das zusammen, was von dem Haufen herunter und über den Boden gerollt war; und der Bursch konnte daraus entnehmen, daß es glaubte, der Tag sei nahe, und daß es sich deshalb so sehr wie möglich beeilen wollte. Nun kam es so, daß das Gespenst alles Geld wieder in die Truhe geworfen hatte, und da merkte der Bursch, daß es aus dem Zimmer eilen wollte. Der Bursch fand, es läge kein Grund dazu vor, sich so sehr zu beeilen, das Gespenst aber sagte, das wäre doch der Fall; denn der Tag wäre nun da. Es wollte an dem Burschen vorbei, der aber versuchte, es daran zu hindern, indem er es festhielt. Das ging aber nur so lange, bis das Gespenst wütend wurde, den Burschen packte und sagte, daß es nun nicht mehr ratsam für ihn sei, es daran zu verhindern hinauszukommen. Der Bursch fing das Gespenst auf, merkte aber bald, daß seine Kräfte dabei zu kurz kommen würden und wich deshalb langsam zurück, indem er versuchte, schweren Hieben auszuweichen und das Stolpern zu vermeiden, und so trieben sie es eine Weile. Einmal, als das Gespenst den Rücken gegen die Zimmertür wandte, die offen stand, wollte es den Burschen an seine Brust heben, um ihn umso stärker zu Boden schleudern zu können. Der Bursch sah deutlich, was es im Sinne hatte, und konnte sich schon denken, daß das zu seinem Tode führen würde. Er griff deshalb zu einer List. Als das Gespenst die erste Anstrengung machte, ihn an sich zu ziehen, sprang er ihm mit solcher Gewalt mitten in die Arme, daß es hintenüber und mit dem Rücken gerade auf die Türschwelle fiel, während der Bursch beim Fallen obenauf zu liegen kam. Es kam aber so, daß das Gespenst mit dem Kopf aus dem Zimmer herausflog und das Licht, das mitten am Himmel stand, ihm in die Augen fiel; es sank deshalb in zwei Teilen in die Erde hinab, da, wo es lag, ein Teil an jeder Seite der Schwelle, und der Erdboden schloß sich sofort wieder, sobald die Stücke verschwunden waren. Obwohl der Bursch etwas steif in den Gliedern und zerschunden von den Griffen des Gespenstes war, begann er jedoch sogleich zwei Kreuze aus Holz zu machen, die er in den Fußboden stieß, wo die Teile versunken waren, das eine außerhalb, das andere aber innerhalb der Zimmertür. Dann legte er sich zu Bett und schlief, bis die Leute des Hofes morgens nach Hause kamen und es hellichter Tag war.
Sie boten ihm Guten Morgen und hatten jetzt freudigere Gesichter, daß sie ihn am Leben sahen, als am vorhergehenden Abend beim Lebewohlsagen, und sie fragten ihn, ob er nichts von dem Spuk in der Nacht gemerkt hätte. Der Bursch erwiderte, daß er keinen Spuk gemerkt hätte. Die Leute wollten ihm nicht glauben, was er auch tat, um sie zu überzeugen.
Er blieb nun den nächsten Tag über da; denn er war sehr mitgenommen von seinem Kampf mit dem Gespenst, auch wollten ihn die Leute des Hofes um alles in der Welt nicht verlieren, weil er es so gut verstand, ihnen Mut einzuflößen. Abends, als er sah, daß sie Anstalt machten fortzugehen, versuchte er auf jede erdenkliche Weise, sie zu überreden, im Hause zu bleiben, und sagte, daß der Spuk ihnen keinen Schaden zufügen würde. Da half ihm aber alles nichts. Die Leute glaubten ihm nicht und gingen fort wie am Abend zuvor; er hatte jedoch mit seinen Überredungen und Ermunterungen so viel erreicht, daß sie keine Furcht hatten, ihn zurückzulassen. Als sie den Hof verlassen hatten, ging der Bursch zu Bett, ruhte sorglos aus und schlief bis zum hellen Tag. Morgens kehrten die Leute wieder auf den Hof zurück und fragten ihn nach dem Spuk, er aber erwiderte, daß er nichts davon gemerkt hätte, und fand, daß sie nicht mehr nötig hätten, in dieser Hinsicht Furcht zu haben.
Er erzählte ihnen nun alles, was in der verflossenen Nacht passiert war, zeigte ihnen die Kreuzzeichen am Boden, wo die Körperteile versunken waren, und führte sie an die Geldtruhe. Sie dankten dem Burschen mit wohlgesetzten Worten für sein mutiges Auftreten, baten ihn zu verlangen, was er sich von ihnen wünschen mochte, als Entgelt für die Hilfe, die er ihnen geleistet hätte, gleichviel ob er Geld oder Gut haben wollte, und sagten, daß er auf Skalholt bleiben solle, so lange er irgend Lust habe. Er dankte ihnen für ihr freundliches Anerbieten, er brauche aber weder Reichtum, noch sonst irgend etwas, sagte er, auch wolle er nach diesem Tag nicht länger dort verweilen. Die nächste Nacht aber blieb er noch dort, und in dieser Nacht schliefen alle Leute zu Hause auf dem Hof, und weder diesmal noch später merkten sie etwas von Spuk. Morgens machte sich der Bursch bereit, von Skalholt fortzuwandern; die Leute wollten ihn zwar keinesfalls verlieren, es half aber alles nichts, er wollte fort. Er sagte, daß er jetzt nichts mehr dort zu tun hätte, da die Leute ja auf dem Hof bleiben könnten. Darauf verließ er Skalholt, sehr gegen den Willen der Leute, und steuerte nordwärts.
Es geschah nichts Bemerkenswertes auf seinem Weg, bis er eines schönen Tages an eine Höhle kam. Da ging er hinein. Er konnte keinen Menschen entdecken, in einer Seitenhöhle aber erblickte er zwölf Betten, die einander gegenüber, sechs in einer Reihe, aufgestellt waren. Alle Betten waren ungemacht, und da der Tag noch nicht um war, so daß er nicht erwarten konnte, daß die Höhlenbewohner bald nach Hause kommen würden, begann er, alle Betten zu machen. Als er damit fertig war, legte er sich in das Bett, das zu äußerst an der einen Seite der Höhle stand, wickelte die Decke sorgfältig um sich und schlief ein. Nach einer Weile erwachte er davon, daß jemand in der Höhle umherging; er hörte, daß eine Menge Menschen gekommen waren, die sich darüber wunderten, wer wohl hineingekommen sein mochte und ihnen die Freundlichkeit erwiesen hatte, ihnen die Betten zu machen; er hätte dafür ehrlichen Dank verdient, sagten sie. Nachdem sie, wie ihm schien, zu Abend gegessen hatten, gingen sie zu Bett. Als aber der Eigentümer des Bettes, in dem er lag, die Decke zurückschlug, erblickte er den Burschen. Die Höhlenbewohner dankten ihm für seine Handreichung, die ihnen so gut zustatten gekommen war, und baten ihn, bei ihnen zu bleiben, um ihnen in der Höhle behilflich zu sein; denn sie selbst hätten nicht viel Zeit, sie müßten die Höhle bei Sonnenaufgang verlassen, da sonst ihre Feinde kämen und sie dort bekämpften, und aus diesem Grunde könnten sie sich zu Hause gar nichts vornehmen.
Der Bursch sagte, daß er ihr Anerbieten annehme und einige Zeit bei ihnen bleiben wolle. Er fragte sie dann, wie es denn käme, daß sie jeden Tag einen so schweren Kampf zu bestehen hätten, der nie ein Ende nähme. Die Höhlenbewohner sagten, daß jene Männer Feinde wären, mit denen sie schon früher häufig in heftigem Streit gelegen hätten, und die stets im Kampf unterlegen seien. Sie erzählten, daß sie sie immer noch jeden Abend überwältigten und töteten. Es sei aber immer so, daß ihre Feinde am nächsten Morgen umgingen und jedesmal wilder und ungestümer wären als je zuvor, und ohne Zweifel würden sie durch ihre Gegner in ihrer Höhle angegriffen werden, wenn sie nicht bei Sonnenaufgang auf dem Kampfplatz anwesend wären. Dann gingen sie zu Bett und schliefen bis zum nächsten Morgen.
Gleich bei Sonnenaufgang gingen die Höhlenbewohner, bis zu den Zähnen bewaffnet, fort, baten aber erst den Burschen, sich der Höhle und der Hausarbeit anzunehmen, was er ihnen auch versprach. Im Laufe des Tages ging der Bursch in einen Nußbaumwald, der in der Richtung lag, in der er sie hatte verschwinden sehen, als sie von der Höhle fortgingen, um zu erfahren, wo der Kampf stattfände. Als er den Kampfplatz entdeckt hatte, eilte er wieder in die Höhle hinein. Zunächst machte er die Betten der Höhlenbewohner, fegte die ganze Höhle und tat, was sonst zu tun war. Müde und matt kehrten die Höhlenbewohner abends nach Hause zurück und waren erfreut, als sie sahen, daß der Bursch die ganze Wirtschaft besorgt hatte, so daß sie selbst weiter nichts zu tun hatten als zu essen und nach beendeter Mahlzeit das Bett aufzusuchen, worauf alle einschliefen, außer dem Burschen.
Er lag wach und überlegte, wie er Aufklärung darüber erhalten könnte, daß die Höhlenbewohner nachts umgingen. Als er glaubte, daß alle seine neuen Genossen in Schlaf gesunken seien, stand er auf, wählte unter ihren Waffen die, die ihm am besten gefiel und nahm sie mit. Dann wanderte er nach dem Kampfplatz und erreichte ihn kurz nach Mitternacht. Da war nichts zu sehen, außer den Gefallenen und ihren abgeschlagenen Köpfen. Dort blieb er eine Weile.
Bei Tagesanbruch aber sah er unweit des Kampfplatzes einen Hügel sich öffnen, aus dem ein Weib herauskam; es war mit einem blauen Mantel bekleidet und trug einen Topf in der Hand. Er sah sie schnurstracks auf das Schlachtfeld gehen, zu einem der Gefallenen, und etwas von dem Inhalt des Topfes auf das Stück des Halses streichen, das an dem Oberkörper des Toten saß, und auf das Stück, das am Kopf saß, und darauf den Kopf auf den Rumpf setzen; da saß er sofort fest, und der Tote lebte wieder auf. Dieselben Künste wandte sie bei noch zwei oder drei andern an, die ebenfalls dadurch sofort zum Leben erweckt wurden. Da sprang der Bursch auf die Alte zu und gab ihr den Todesstreich; denn jetzt konnte er allerdings begreifen, wie es kam, daß die Feinde der Höhlenbewohner immer wieder umgingen; dann brachte er diejenigen, die sie ins Leben zurückgerufen hatte, um. Als das geschehen war, ging er selbst hin und versuchte, ob es ihm gelingen würde, die Gefallenen auf dieselbe Weise wieder zu beleben, wie es ihr gelungen war; er strich etwas von dem Inhalt des Topfes an den Halsrand, und es gelang ihm ebensogut wie vorhin.
Nun belustigte er sich damit, die Gefallenen abwechselnd wieder aufleben zu lassen und die wieder umzubringen, die er ins Leben gerufen hatte, bis die Sonne aufging; dann kamen seine Genossen von der Höhle an, voll bewaffnet; es war ihnen sonderbar zumute geworden, weil er verschwunden war und einige Waffen mit ihm; als sie aber auf die Walstatt kamen und ihre Feinde tot daliegen sahen, schien ihnen die Sache eine günstige Wendung genommen zu haben. Die Höhlenbewohner freuten sich, den Burschen zu sehen, und fragten, wie er darauf verfallen wäre, dort hinzugehen. Er erzählte ihnen dann, wie sich alles zugetragen hatte, und wie das Huldreweib beabsichtigt hatte, die Gefallenen ins Leben zu rufen. Er zeigte ihnen den Salbentopf, nahm einen der Gefallenen, bestrich ihn und setzte ihm den Kopf auf. Da lebte er bald wieder auf, die Leute schlugen ihn aber sofort wieder tot.
Die Höhlenbewohner dankten ihm nun mit vielen und schönen Worten für den bewiesenen Mut; sie baten ihn, bei ihnen zu bleiben, so lange er Lust hätte, und boten ihm Geld an für seine Hilfe, die er ihnen geleistet hatte. Er dankte ihnen für das freundliche Anerbieten und sagte, daß er es gern annähme, bei ihnen zu bleiben. Nach alledem waren die Höhlenbewohner so vergnügt und froh über den Burschen, daß sie allerhand Allotria trieben, und es wurde vorgeschlagen zu probieren, wie es wäre zu sterben, da sie einander ja wieder ins Leben zurückrufen könnten. Sie töteten einander, strichen Salbe auf die Wunde und lebten sofort wieder auf. Das ging nun zum großen Gaudium für sie eine ganze Weile so.
Einmal aber, als dem Burschen der Kopf abgeschlagen worden war und sie ihn mit Hilfe der Salbe wieder an den Rumpf hatten anwachsen lassen, war das Gesicht nach hinten gedreht, der Hinterkopf aber nach vorn. Als der Bursch nun sein Hinterteil sah, weil der Kopf verkehrt herum saß, wurde er wie rasend vor Schreck und bat sie, ihn um Gottes willen von diesen Qualen zu befreien. Die Höhlenbewohner liefen sofort herzu, hieben den Kopf von neuem ab und setzten ihn richtig auf den Körper. Da erlangte er seinen Verstand wieder und war seitdem genau so mutig, wie er früher immer gewesen war.
Dann sammelten die Leute sämtliche toten Körper, nahmen ihnen die Waffen fort und verbrannten sie mit dem Huldreweib zusammen, das mit dem Salbentopf aus dem Hügel gekommen war. Dann gingen sie in den Hügel hinein, nahmen sich alles, was an Geldeswert da war und schleppten es mit nach Hause in ihre Höhle. Der Bursch blieb später immer bei ihnen, von dieser Zeit ab gibt es aber keine Erzählungen mehr über ihn.
Die Sage von Jon Asmundsson
Es war einmal ein armes Ehepaar. Es wohnte im Borgarfjord, und der Mann hieß Asmund. Sie hatten viele Kinder, die alle noch klein waren. Es wird nicht gesagt, wie die Kinder hießen, nur daß der älteste Junge Jon hieß. Es war damals eine schwere Zeit im Lande. Der Bauer Asmund mußte von Haus und Hof gehen, und die Kinder wurden auf verschiedene Höfe verteilt, um Unterhalt und Erziehung zu erhalten.
Um diese Zeit lebte ein Pfarrer in Reykjavik, der Kristian hieß; er nahm Jon Asmundsson als Pflegesohn zu sich, und bei ihm wuchs Jon auf. Jon war ein hübscher Junge und stärker als seine übrigen Altersgenossen; er war ruhig von Natur, sprach wenig und war sehr fleißig. Der Pfarrer liebte ihn sehr, und alle Leute auf dem Hofe hatten ihn gern.
Da geschah es eines Sommers, wie häufig, daß ein Handelsschiff nach Reykjavik kam. An Bord befand sich ein ausländischer Kaufmann, aber wie er hieß, wird nicht erzählt. Er trieb viel Handel, unter anderem auch mit dem Pfarrer Kristian. Einmal, als der Pfarrer draußen auf dem Schiffe des Kaufmanns war, kam das Gespräch auf starke Männer. Der Kaufmann, der groß und kräftig war, ging an eine Stelle, an der vier Sack Roggen zusammengebunden lagen, hob sie auf und versprach dem Manne drei Mark Gold, der es ihm gleich tun würde, es war aber niemand da, der sich auf diese Kraftprobe einzulassen wagte. Als der Pfarrer nach Hause kam, erzählte er seinem Pflegesohn, Jon Asmundsson, was der Kaufmann versprochen hatte, und bat ihn zu versuchen, was er konnte. Jon machte nicht viel Worte, sagte jedoch, daß er es versuchen würde. Da erzählte der Pfarrer dem Kaufmann, daß ein Mann gekommen sei, der das Geld verdienen wolle. Da führte der Kaufmann Jon dorthin, wo die Getreidesäcke lagen. Jon nahm sie und warf sie auf die Schulter, trug sie auf dem Deck hin und her und legte sie wieder auf dieselbe Stelle nieder. Der Kaufmann verfärbte sich, wog jedoch das Gold ab und bezahlte es. Der Pfarrer und Jon machten sich nun bereit, das Schiff zu verlassen, während sie aber von dem Kaufmann Abschied nahmen, bat dieser Jon, ihn zu besuchen, ehe er davonsegelte, was Jon auch versprach. Sie zogen heimwärts, und der Pfarrer war froh über den Erfolg ihres Ganges. Jon aber tat, als ob nichts geschehen sei.
Eines Tages, ehe der Kaufmann fortsegelte, erinnerte der Pfarrer Jon daran, daß er jenen besuchen wollte. Da stattete Jon ihm seinen Besuch ab, und der Pfarrer begleitete ihn. Der Kaufmann nahm sie rechtschaffen auf und bat Jon, mit in die Kajüte zu kommen. Der Pfarrer wollte mitgehen, der Kaufmann aber sagte, daß sie nichts miteinander zu verhandeln hätten. Der Pfarrer erwiderte, daß es nicht geschähe, um eine Störung bei ihrer Zusammenkunft zu verursachen, und das Ende war, daß er ihnen in die Kajüte folgte. Dort sagte der Kaufmann zu ihnen, daß sie noch nicht miteinander fertig wären; denn im nächsten Sommer würde er einen Burschen mitbringen, mit dem Jon ringen sollte, und bliebe er Sieger im Kampf, so sollte er zehn Mark Gold bekommen. Dann nahmen sie Abschied voneinander, und kurz darauf segelte der Kaufmann fort.
Nun verstrich eine Zeit ruhig. Im folgenden Winter fragte der Pfarrer einmal Jon, ob er sich dessen erinnere, was ihm der Kaufmann beim Abschied gesagt habe; Jon erwiderte, daß er nur selten daran denke. Da sagte der Pfarrer, daß es für sie am besten sei, an einen Ausweg zu denken; denn der Bursch, mit dem der Kaufmann ihn ringen lassen wollte, wäre kein richtiger Mensch, sondern einer der schlimmsten Mohren, jedoch würde er, der Pfarrer, einen Ausweg für ihn finden; sie müßten sich bereit halten, wenn drei Wochen des Sommers vergangen wären, denn dann würde der Kaufmann in den Hafen einlaufen. Jon nahm sich diese Sache nicht weiter zu Herzen.
Als genau drei Wochen des Sommers vergangen waren, kam eines Tages ein Schiff vom Meere her und segelte nach Reykjavik hinauf. Der Pfarrer ging zu Jon, erzählte ihm, was nun bevorstände, bekleidete ihn mit einem schwarzwollenen Wams und spannte ihm einen Gürtel um den Leib; dann gab er ihm einen kleinen, scharfen Dolch, den er im Wamsärmel verbergen sollte. Er sagte, daß er nicht daran denken könnte, den Griffen des Mohren zu widerstehen, daß dieser ihn im ersten Gang über den Kopf werfen würde, er versprach aber, schon aufzupassen, daß Jon auf die Füße zu stehen käme, und dann sollte er den Mohren auffordern, den lodenen Mantel, den er anhätte, auszuziehen, inzwischen aber den Dolch zurechtlegen, um ihn bei der Hand zu haben, wenn der Mohr zum zweitenmal auf ihn einstürmte. Kaum hatte das Schiff Anker geworfen, als ein Boot von dem Schiff abstieß und ein riesenhafter Mohr, mit einem lodenen Mantel bekleidet, ans Land gesetzt wurde. Der Pfarrer und Jon standen unten am Flutmesser. Der Mohr rannte sofort auf Jon zu, packte ihn und schwang ihn in die Höhe, Jon aber fiel wieder auf die Füße. Da forderte er den Mohren auf, den lodenen Mantel auszuziehen, damit sie sich im Ringkampf messen könnten. Der Mohr tat das, inzwischen aber legte Jon seinen Dolch zurecht, und als der Mohr zum zweitenmal auf ihn losstürzte, lief er herzu und bohrte ihm den Dolch in den Leib. Der Ringkampf zwischen ihnen dauerte noch eine Weile, und der Mohr hätte ihm übel mitgespielt, wenn sein wollenes Wams nicht die Stöße aufgefangen hätte. Das Ende ihres Kampfes war, daß Jon den Mohren zu Boden schlug. Darauf ruderte er mit dem Pfarrer an das Schiff und begrüßte dort den Kaufmann. Der Pfarrer sagte, daß Jon nun das Geld verdient hätte, da der Mohr auf dem Kampfplatz liegen geblieben sei; der Kaufmann aber war äußerst aufgebracht und sagte, daß sie eine Hinterlist gebraucht, aber nicht Mut und Beherztheit gezeigt hätten. Der Pfarrer erwiderte, daß in diesem Falle Gleich gegen Gleich stände, denn es wäre kein richtiger Mensch, den der Kaufmann zum Ringkampf geschickt hätte. Schließlich aber gab dann der Kaufmann das Geld, indem er Jon bat, ihn wieder zu besuchen, ehe er, gegen Ende des Sommers, das Land wieder verlasse.
Alles blieb beim alten, bis der Kaufmann fortsegeln wollte; da erinnerte der Pfarrer Jon daran, daß der Kaufmann einen Besuch von ihm verlangt hätte, und sagte, daß er selbst mitkommen würde, um bei ihrer Begegnung anwesend zu sein. Sie fuhren nach dem Schiff hinaus und begrüßten den Kaufmann, der den Gruß erwiderte und Jon bat, mit ihm beiseite zu gehen. Jon erfüllte seinen Wunsch, der Pfarrer aber folgte ihnen auf den Fersen. Da sagte der Kaufmann, daß es ihn nichts anginge, was Jon und er miteinander zu besprechen hätten; darauf erwiderte der Pfarrer, daß er nicht im Sinne hätte, ihr Gespräch zu stören, er wolle jedoch in der Nähe seines Mannes sein. Diesmal sagte der Kaufmann, daß er im nächsten Sommer ein junges Hündchen mitbringen wolle, an dem Jon seine Kräfte messen solle; besiege er es, so solle er fünfzehn Mark Gold bekommen. Dann trennten sie sich. Der Sommer verging und ein gut Stück vom Winter, ohne daß Jon von diesen Dingen sprach.
Da fragte ihn der Pfarrer einmal, ob er je an die Worte des Kaufmanns denke. Jon antwortete »Nein«; der Pfarrer aber sagte, daß das Eintreffen des Kaufmanns im nächsten Sommer nichts Besseres bringen würde als früher; er würde angesegelt kommen, wenn ein halber Monat des Sommers um wäre, das Hündchen aber, an dem er gedächte Jon seine Kräfte messen zu lassen, sei ein großer und grimmiger Bluthund, weshalb sie versuchen müßten, sich irgendeine List auszudenken. Jon bat den Pfarrer, sich diese für ihn auszudenken.