Isländische Märchen und Volkssagen
Part 7
Nun wird erst fünf Jahre später wieder etwas berichtet, als dieser junge Mann sich mit einem Mädchen verlobte und schon das zweite Aufgebot stattgefunden hatte. Da träumte seiner Braut drei Nächte hintereinander, daß ein furchtbar großer Mann an ihr Bett käme und sie fragte, ob ihr Bräutigam daran dächte, was er einmal vor ein paar Jahren zu ihm im Übermut gesagt hätte, und in der letzten Nacht fügte er hinzu, daß er dem nicht entgehen würde, ihn als Tischgast bei der Hochzeit zu haben. Das Mädchen antwortete darauf nichts, aber unheimlich war ihr im Schlaf zumute, als sie das erfuhr und sah, wie groß der Mann war. Sie erzählte ihrem Bräutigam die Träume nicht eher, bis sie dreimal von dem Mann geträumt hatte. Da sagte sie morgens zu ihm: »Wen hast du denn gedacht, zu unserer Hochzeit einzuladen, mein Schatz?« »Das weiß ich noch nicht, mein Herz,« erwiderte er »daran habe ich noch nicht gedacht, ich wollte erst die drei Aufgebote erledigt haben.« »Hast du denn bis jetzt gar keinen eingeladen?« fragte sie. Er antwortete, daß er das, soweit er sich erinnern könnte, nicht getan habe; er begann jedoch nachzudenken, und es kam ihm sonderbar vor, daß sie ihn so eifrig danach fragte. Nach einiger Überlegung sagte er, daß er sicher noch niemand eingeladen hätte; allerdings habe er vor ein paar Jahren im Scherz zu dem Schenkelknochen eines verstorbenen Mannes, der aus einem Grabe ausgegraben worden wäre, gesagt, daß es wohl spaßig sein würde, einen so hochgewachsenen Mann als Gast zu haben, wenn er einmal Hochzeit feiern sollte, aber darum könnte man doch nicht behaupten, daß er jemand eingeladen hätte. Seine Braut wurde dabei etwas ernst und sagte, daß derlei Scherze nicht angebracht gewesen wären, und am wenigsten bei den Knochen der Hingeschiedenen. »Und nun kann ich dir sagen, daß der, mit dem du diesen Scherz getrieben hast, sicher ernstlich die Absicht hat, als Gast auf unserer Hochzeit zu erscheinen.« Und dann erzählte sie ihm alle ihre Träume, und welche Drohungen der große Mann in der letzten Nacht ausgestoßen hätte. Über all dies war ihr Bräutigam entsetzt und sagte, daß sie darin recht hätte, daß es besser gewesen wäre, wenn sein Mund mit derartigen Scherzen geschwiegen hätte.
Abends ging er zu Bett, wie immer, nachts aber schien es ihm, als käme ein ungeheuer großer Mann, der einem Riesen ähnlich sah und ein unfreundliches und barsches Aussehen hatte, zu ihm und fragte, ob er jetzt gewillt wäre, das Versprechen, daß er ihm vor fünf Jahren gegeben hätte, einzulösen, nämlich ihn als Tischgast auf seiner Hochzeit zu haben. Der Bräutigam war ganz entsetzt und antwortete, daß es wohl dabei bleiben müßte. Der andere sagte, daß er es nicht ändern könne, ob es ihm nun gefiele oder nicht, und daß es ganz überflüssig gewesen sei, sich mit seinen Knochen zu beschäftigen, und daß es ihm ganz gut wäre, wenn er jetzt zu spüren bekäme, was das zu bedeuten hätte. Dann verließ ihn das Gespenst, er aber schlief bis zum Morgen und erzählte seiner Braut dann, was er geträumt hatte und bat sie um einen guten Rat. Sie sagte, daß er Zimmerleute und Bauholz kommen und dann in großer Eile ein Haus aufführen lassen solle, das zu der Größe des Mannes passe, der sie beide im Traum besucht hätte, derart, daß er aufrecht, darin stehen könne; inwendig aber solle jede Wand so lang sein, wie sie bis an die Querbalken hoch sei, dann solle er Decken aufhängen lassen, wie man einen anderen Hochzeitssaal auszuschmücken pflege; er solle ein weißes Tuch über den Tisch dieses Gastes breiten, ihm geweihte Erde auf einer Platte und Wasser in einer Flasche bringen lassen, denn andere Gerichte würde er nicht genießen; er solle einen Stuhl an den Tisch und ein Bett hereinstellen lassen, falls er Lust verspüren sollte, sich auszuruhen; drei Kerzen solle er auf seinen Tisch stellen, und er selbst müsse ihn dorthin begleiten, sich aber in acht nehmen, ihm voran zu gehen, und vor allem aufzupassen, daß er nicht unter einem Dach mit ihm sei. Auch dürfe er keinerlei Einladung von ihm annehmen, wenn er damit kommen würde, und so wenig wie möglich solle er mit ihm reden, die Tür aber zuschließen und ihn dann verlassen, wenn er ihm die aufgetischten Gerichte angeboten hätte. Der Bräutigam verhielt sich nun genau so, wie ihm seine Braut vorgeschrieben hatte, ließ ein freistehendes Haus von passender Größe aufführen und alles so einrichten, wie schon erzählt worden ist.
Nun näherte sich der Festtag, und die Trauung wurde auf die übliche Weise vollzogen; dann setzte man sich zu Tisch, und als es dunkel geworden war, erhob man sich wieder von der Tafel, ohne daß etwas Besonderes geschah. Dann gingen einige Hochzeitsgäste im Hochzeitssaal auf und ab, andere wieder saßen bei den Bechern und plauderten. Das Brautpaar saß noch still, wie es Sitte ist. Da ertönte ein harter Schlag gegen die Tür, keiner aber hatte besondere Lust aufzumachen. Da zupfte die Braut leise ihren Bräutigam, der aber wie eine Leiche im Gesicht dabei aussah. Eine kleine Weile verstrich, dann wurde wieder an die Tür geklopft, und diesmal viel lauter als das vorige Mal. Da nahm die Braut ihren Bräutigam bei der Hand, führte ihn, obgleich er sich sträubte, an die Tür und öffnete. Da sahen sie einen entsetzlich großen Mann, der sagte, daß er jetzt als Hochzeitsgast gekommen sei. Die Braut stieß ihren Bräutigam sanft aus dem Hochzeitshaus hinaus, damit er diesen Gast empfinge, und indem sie die Tür wieder zuschloß, bat sie Gott, ihn zu stärken.
Von dem Bräutigam aber ist zu berichten, daß er mit diesem Manne nach dem Haus ging, das er für ihn hatte aufführen lassen und ihn hineinwies. Der Gast wollte, daß der Bräutigam vorangehe, das aber wollte dieser nicht. Das Ende war dann, daß der Fremde voran in das Haus ging und sagte, daß sich der Bräutigam von diesem Augenblick an hüten solle, sich je wieder mit den Gebeinen eines toten Mannes einzulassen. Der Bräutigam tat, als hörte er das nicht, sondern bat den Gast, sich an den aufgetischten Gerichten gütlich zu tun und ihm nicht zu verübeln, daß er nicht bei ihm bleiben könne. Der andere aber bat den Bräutigam, doch endlich einen Augenblick hereinzukommen; das wollte der Bräutigam aber keinesfalls. Da sagte das Gespenst: »Da du diesmal keine Zeit hast, bei mir zu bleiben oder zu mir hereinzukommen, hoffe ich, daß du mir doch das Vergnügen machst, als Gegengabe bei mir als Gast zu erscheinen.« Der Bräutigam lehnte das aber mit Bestimmtheit ab und verriegelte die Tür. Dann ging er in das Hochzeitshaus, in dem es ziemlich ruhig war; denn alle waren bei dieser Begebenheit still geworden. Nur die Braut saß mit munterem Gesicht da. Die Gäste entfernten sich allmählich, einer nach dem andern. Das Ehepaar aber ging zur Ruhe und schlief bis zum Morgen.
Morgens wollte der Bauer nach dem Gast sehen, der am Abend zuvor zuletzt gekommen war. Die Braut aber sagte, daß er keinen Schritt dorthin tun solle, bis sie mitkäme. Sie gingen beide nach dem Hause, sie voran, und er schloß auf; da war keine Spur von dem Gast zu sehen; er hatte die Flasche geleert, die Erde von der Platte aber überall auf den Boden verstreut. »Das habe ich geahnt,« sagte die Frau, »wärest du nach dem Hause vorangegangen und hättest du mit dem Fuße in diese Erde getreten, dann wärest du in die Gewalt des Gespenstes geraten und hättest nie auf die Menschenwelt zurückkehren können. Mir aber schadet es nichts, wenn ich hineintrete, und nun werde ich das Haus fegen und säubern.«
Andere erzählen, daß das Gespenst, als es wieder fortgehen wollte, an die Tür gegangen sei, entweder von dem Hochzeitshaus selbst oder von der Schlafkammer des Ehepaars, und gesungen habe:
»Meinen Dank ihr nicht verdient! Für das Festmahl auf dem Tisch; Mein Getränk war Wasser frisch, Meine Speise Erd’ und Lehm.«
Von diesem Tage an besuchte es diese Leute nicht mehr, und sie lebten lange in Liebe und Glück zusammen.
Der Küster von Mörkaa
Es lebte in alten Tagen ein Küster auf Mörkaa im Oefjord; sein Name wird nicht genannt, er war aber gut Freund mit einem Mädchen, das Gudrun hieß und nach der Aussage einiger Leute auf Baegisaa jenseits des Hörgbaches zu Hause war, wo sie bei dem Pfarrer im Dienst war.
Der Küster hatte ein Pferd mit grauer Mähne, das er Faxe nannte, und das er immer ritt. Es geschah einmal kurz vor Weihnachten, daß er nach Baegisaa kam, um Gudrun zum Weihnachtsfest nach Mörkaa einzuladen, und er versprach, sie zu einer bestimmten Zeit abzuholen und sie zu dem Schmaus am Tage vor Heiligabend zu begleiten. In den Tagen, bevor der Küster hinritt, um Gudrun einzuladen, war viel Schnee gefallen, und Eis hatte sich auf dem Wasser gebildet; aber an dem Tage, an dem er nach Baegisaa ritt, war Tauwetter, und im Laufe des Tages wurde der Bach durch Treibeis und starke Strömung unpassierbar. Er zog von zu Hause fort, ohne daran zu denken, was sich tagsüber geändert haben könnte, und glaubte, der Bach wäre noch derselbe wie am Morgen. Über den Öxnedalsbach führte eine Brücke; als er aber an den Hörgbach kam, war dieser gestiegen und hatte das Eis gesprengt. Er ritt daher an dem Bach entlang, bis er gegenüber von Saurbör war, dem nächsten Hof von Mörkaa, wo eine Brücke über den Bach führt. Der Küster ritt auf die Brücke hinunter, kaum aber hatte er ihre Mitte erreicht, als sie zerbrach und er in den Bach fiel.
Als der Bauer auf Tuevold am nächsten Morgen aus seinem Bett stieg, sah er ein gesatteltes Pferd auf seinem Heimacker stehen, und es war ihm, als ob er des Küsters Faxe wiedererkenne. Dabei wurde ihm etwas eigen zumute, denn er hatte den Küster am vorhergehenden Tage dort vorbeireiten sehen, aber nicht bemerkt, daß er zurückgekehrt war, und er ahnte bald, was vorgefallen war. Er ging nun auf den Acker hinaus, und es war richtig Faxe, der da stand, triefend naß und arg mitgenommen. Dann ging er an den Bach hinunter, nach der sogenannten Tuevoldsnaes; dort fand er den Küster gleich vorn an der Landzunge, an die er als Leiche angetrieben war. Der Bauer zog sogleich nach Mörkaa und erzählte diese Neuigkeit. Als man den Küster fand, war sein Hinterkopf sehr von den treibenden Eisschollen beschädigt worden. Er wurde nach Mörkaa gebracht und in der Woche vor Weihnachten beerdigt.
Seitdem der Küster von Baegisaa fortgezogen war und bis zu dem Tage vor Heiligabend war keine Nachricht über das Vorgefallene von Mörkaa gekommen, des ununterbrochenen Tauwetters und der starken Strömung wegen. Aber am Tage vor dem Fest hatte sich das Wetter geändert, und nachts war das Wasser im Bach gesunken, so daß Gudrun Hoffnung hatte, zum Weihnachtsfest nach Mörkaa zu kommen. Gegen Abend begann sie sich zu putzen, und als sie sich fast fertig geschmückt hatte, hörte sie jemand an die Tür klopfen; ein anderes Mädchen, daß bei ihr stand, öffnete, sah aber niemand draußen; draußen war es weder hell noch dunkel; denn der Mond segelte hinter Wolken, die unaufhörlich an ihm vorbeiglitten.
Das Mädchen kam herein und sagte, daß sie nichts gesehen hätte, Gudrun aber meinte: »Dann wird es wohl mir gelten, nun werde ich hinausgehen.« Sie war inzwischen fertig geworden mit Putzen, und sie brauchte sich nur noch den Mantel anzuziehen. Sie nahm den Mantel und zog den einen Ärmel an, den andern aber warf sie über die Schulter und hielt ihn fest. Draußen sah sie Faxe vor der Tür stehen und daneben einen Mann, den sie für den Küster hielt. Ob sie mit einander sprachen, weiß man nicht, der Mann aber hob Gudrun aufs Pferd, bestieg es dann selbst und setzte sich vor sie.
Sie ritten nun eine Weile, ohne miteinander zu reden, und kamen an den Hörgbach, an dessen Ufern hohe Eisblöcke aufgeschichtet lagen; als das Pferd über solch ein Eisstück sprang, wurde der Hut des Küsters hinten aufgehoben, und da erblickte Gudrun den bloßgelegten Schädel. In diesem Augenblick verzogen sich die Wolken vor dem Mond; da sagte er:
»Der Mond gleitet, Der Tod reitet, Siehst du nicht den weißen Fleck Im Genick, Garun, Garun?«[4]
Sie entsetzte sich darüber, schwieg aber. Andere dagegen sagen, daß Gudrun selbst seinen Hut aufhob und dabei den weißen Schädel entdeckte, und daß sie dann gesagt habe: »Ich weiß nun, woher das kommt.«
Nun wird nichts mehr über ihre Gespräche oder ihren Ritt berichtet, bis sie nach Mörkaa gekommen waren, wo sie vor der Seelenpforte[5] vom Pferde stiegen; da sage er zu Gudrun:
»Hier nun warte, Garun, Garun, Bis geführt ich Faxe, Faxe, Weiter an die Mauer, Mauer.«
Er ging dann fort mit dem Pferd, sie aber blickte zufällig in den Kirchhof hinein und erschrak, als sie ein offenes Grab entdeckte. Da kam ihr der Gedanke, den Glockenstrang zu ziehen; plötzlich aber packte sie jemand von hinten, und es wurde nun ihr Glück, daß sie keine Zeit gehabt hatte, beide Mantelärmel anzuziehen; denn er zog so stark, daß der Mantel an der Schulternaht des Ärmels, den sie angezogen hatte, entzweiriß. Das letzte aber, was sie von dem Küster sah, war, daß er sich, mit dem Mantelfetzen in der Hand, in das offene Grab warf, worauf die Erde von beiden Seiten über ihn herabgefegt wurde.
Gudrun fuhr fort zu läuten, bis die Hofleute von Mörkaa herauskamen und sie holten, denn ihr war bei alledem so angst geworden, daß sie weder zu gehen, noch mit dem Läuten aufzuhören wagte; sie konnte sich wohl denken, daß sie hier mit dem Geist des Küsters zu tun hatte, obgleich sie vorher keine Kunde von seinem Tode erhalten hatte. Darüber erhielt sie Gewißheit, als sie ins Gespräch mit den Leuten von Mörkaa kam, die ihr die ganze Geschichte von dem Tode des Küsters erzählten, während sie ihnen dagegen von ihrem Ritt berichtete.
In derselben Nacht, als alle zu Bett gegangen und die Lichter gelöscht waren, kam der Küster und stürmte mit solchem Ungestüm auf Gudrun ein, daß die Leute aufstehen mußten, und niemand konnte ein Auge in dieser Nacht zutun. Noch einen halben Monat danach konnte sie nie allein sein, und jede Nacht mußte jemand bei ihr wachen. Ja, einige sagen sogar, daß der Pfarrer selber auf dem Bettrand bei ihr sitzen und im Gesangbuch lesen mußte. Schließlich wurde ein Zauberer westlich vom Skagefjord geholt. Als er kam, ließ er einen großen Stein, der oberhalb des Heimackers lag, ausgraben und ihn an den Giebel des Schlafhauses wälzen. Abends, als es zu dunkeln begann, kam der Küster und wollte in das Haus hinein, der Zauberer aber erwischte ihn südlich vom Giebel, zwang ihn dort mit vielen Beschwörungen in die Erde und wälzte dann den Stein über ihn; und dort soll der Küster heute noch liegen.
Nach dieser Zeit hörte der Spuk auf Mörkaa auf, und Gudrun erholte sich wieder. Etwas später zog sie wieder heim nach Baegisaa, aber man sagt, daß sie nie wieder dieselbe wurde, die sie früher gewesen war.
Fußnoten:
[4] Garun = Gudrun. Gespenster können nämlich nicht »Gud«, Gottes Namen, oder ein Wort, das Gottes Namen enthält, aussprechen.
[5] Isl. »sàluhlid« = die Pforte, durch die die Leichen in die Kirche gebracht werden.
Sigurd und das Gespenst
Auf einem Hof wohnte ein Bauer, der einen Sohn hatte, der Sigurd hieß. Allen Leuten kam es so vor, als ob der Sohn ein wunderlicher Kauz sei; wenig beliebt war er, er war aber auch ein solcher Ausbund, daß kein Auskommen mit ihm war.
Einmal kam auf diesen Hof ein Mann, mit Namen Sigurd, der den Bauern bat, den Winter über dort bleiben zu dürfen und die Erlaubnis dazu erhielt. Der Fremde konnte weiter nichts verrichten als die Harfe spielen. Die beiden Namensvettern aber wurden so gute Freunde, daß der Bauernsohn sich nicht gern woanders aufhielt als bei dem Fremden.
Der Winter verstrich, und zum Frühjahr zog der Wintergast wieder fort. Nachdem er das Haus verlassen hatte, langweilte sich der Bauernsohn überall, so daß er nirgends bleiben konnte, und im Herbst zog er hinaus, um Sigurd zu suchen. Er ging auf jeden Hof, zog von Ortschaft zu Ortschaft, von Syssel zu Syssel und fragte überall nach seinem Namensvetter Sigurd. Endlich kam er an einen Pfarrhof, in dem er auch nach seinem Namensvetter fragte. Niemand wußte etwas von ihm, so viel aber erzählte man ihm doch, daß kürzlich ein Mann, der Sigurd hieß, angekommen wäre, er sei aber eben gestorben. Er fragte, wo er liege. Man sagte ihm, daß er draußen in der Küche läge, und daß er gerade in den Sarg gelegt worden wäre. Er bat, dort hingehen zu dürfen, und nachdem er die Erlaubnis dazu bekommen hatte, blieb er die ganze Nacht über am Sarge sitzen. In der Nacht stieg der tote Sigurd aus dem Sarg, ging hinaus und blieb lange fort. Sigurd, der Bauernsohn, aber saß unterdessen am Sarg.
Es traf sich, daß die Frau des Pfarrers auf dem Hof jüngst ein Kind geboren hatte. Gegen Morgen kam das Gespenst wieder und wollte in den Sarg. Der Bauernsohn sagte, das dürfe es nicht, wenn es ihm nicht erzähle, was es getrieben habe. »Ich habe mit meinem Geld gespielt,« sagte das Gespenst. »Und jetzt will ich wieder in meinen Sarg,« fuhr es fort. »Nicht, ehe du mir sagst, wo das Geld liegt,« sagte Sigurd. »Das wirst du nicht erfahren,« sagte das Gespenst. »Dann kommst du auch nicht in den Sarg,« erwiderte Sigurd. Da erzählte das Gespenst, daß es unter der Ecke in der Badstube läge. »Wie viel ist es?« fragte Sigurd. »Ein Scheffel,« erwiderte das Gespenst. »Hast du weiter nichts vorgehabt?« fragte Sigurd. »Nein,« antwortete das Gespenst. »Du hast sicher noch mehr ausgefressen,« sagte Sigurd. »Du kommst nicht eher in den Sarg, bis du es mir gesagt hast.« »Ich habe die Pfarrersfrau getötet,« sagte das Gespenst. »Warum hast du das getan?« fragte Sigurd. »Ich wollte ihr Freund sein, als sie noch lebte,« sagte das Gespenst, »sie aber wollte nicht.« »Wie hast Du denn das angestellt?« fragte Sigurd. »Ich habe ihr alles Leben, das in ihr war, in den kleinen Finger hineingestrichen,« erwiderte das Gespenst. »Kann sie nicht wieder zum Leben erweckt werden?« fragte Sigurd. »Ja,« antwortete das Gespenst, »wenn die Schnur, die ich ihr um den kleinen Finger gebunden habe, so behutsam gelöst wird, daß kein Blut fließt. Jetzt aber will ich in den Sarg hinein,« sagte das Gespenst.
»Nicht eher, bis du mir versprichst, nie wieder aus dem Sarge zu steigen,« antwortete Sigurd. »Ich will in den Sarg hinein,« sagte das Gespenst. »Versprich mir erst das andere,« erwiderte Sigurd. Das Ende vom Liede war, daß das Gespenst versprach, nie mehr aus seinem Sarg aufzustehen. Es legte sich nun in den Sarg, und dieser schloß sich wieder.
Am Morgen kam Sigurd auf den Hof und traf die Leute in großer Trauer an. Er fragte, was ihnen fehle, und sie erzählten ihm, daß die Frau des Pfarrers in der Nacht gestorben sei. Er bat um die Erlaubnis, sie sehen zu dürfen, und man zeigte ihm, wo sie lag. Er löste die Schnur an dem kleinen Finger der Pfarrersfrau und strich ihren ganzen Körper, bis sie allmählich wieder auflebte. Dann erzählte er dem Pfarrer von seinem Handel mit dem Gespenst und zeigte ihm das Geld, um die Wahrheit seines Berichts zu beweisen. Er wurde nun in allen Ehren von dem Pfarrer gehalten, der ihn in seinen Dienst nahm und, wie gesagt wird, einen sehr tüchtigen Mann aus ihm gemacht haben soll, und es wird erzählt, daß Sigurd sich von diesem Tage an immer gut führte.
Und so endet diese Erzählung.
Der mutige Bursch
Es war einmal ein sehr bockbeiniger Bursch, der sich aus nichts etwas machte. Seine Nächsten, ob es nun seine Eltern oder Anverwandten waren, waren darüber voller Kummer; denn was sie auch mit ihm anstellten, sie konnten ihn durch nichts in Schrecken versetzen. Als sie ihn ganz aufgegeben hatten, brachten sie ihn beim Pfarrer unter, den sie von allen für am besten geeignet hielten, etwas aus dem Burschen zu machen und seinen Mut zu zähmen.
Als der Bursch zum Pfarrer gekommen war, zeigte sich bald dasselbe, daß es nichts gab, wovor er sich fürchtete, was der Pfarrer auch anstellen mochte. Der Bursch aber zeigte dem Pfarrer gegenüber ebensowenig Trotz und Vorwitz wie gegen diejenigen, bei denen er vorher gewesen war. So verging nun einige Zeit; der Bursch blieb bei dem Pfarrer, und dieser gab sich alle erdenkliche Mühe, ihn auf irgendeine Weise in Schrecken zu versetzen, es gelang ihm aber nie. Einmal im Winter waren drei Leichen, die beerdigt werden sollten, in die Kirche gebracht worden; weil sie aber so spät am Tage ankamen, wurden sie in die Kirche gestellt, um erst am nächsten Tag beerdigt zu werden. Es war in damaliger Zeit hierzulande Sitte, daß die Leichen nicht in Särgen beerdigt wurden, und so kam es, daß diese Leichen nur die Totenkleider anhatten. Als die Leichen in die Kirchen gebracht worden waren, ließ der Pfarrer sie quer über den Gang zwischen den Kirchenstühlen vorn in der Kirche legen, nebeneinander, jedoch mit einem kleinen Zwischenraum zwischen je zweien. Im Laufe des Abends sagte der Pfarrer zu dem Burschen: »Ach, geh doch einen Augenblick für mich in die Kirche hinüber, mein Junge, und hole mir das Buch, das auf dem Altar liegt.« Der Bursch gehorchte sofort; denn ungehorsam war er nicht, auch wenn er starrköpfig war. Er ging in die Kirche hinüber, schloß die Tür auf und wollte den Mittelgang hinaufgehen. Als er ein kleines Stück von der Tür entfernt war, stolperte er über etwas, an das er mit den Füßen stieß. Er ließ sich jedoch nicht erschrecken, tastete mit den Händen um sich und merkte dann, daß er über eine Leiche gefallen war, die er nahm und zwischen die Bänke an der einen Seite schleuderte. Er ging nun weiter hinein, fiel aber zum zweitenmal über eine Leiche. Er verfuhr mit ihr auf dieselbe Weise wie mit der ersten. Dann ging er weiter vorwärts, stolperte aber über eine dritte, die er wie die beiden andern vom Fußboden zwischen die Bänke warf. Dann ging er zum Altar, nahm das Buch, und nachdem er die Kirche wieder zugeschlossen hatte, brachte er es dem Pfarrer. Der Pfarrer nahm das Buch und fragte, ob er etwas bemerkt hätte. Der Bursche antwortete: »Nein,« und zeigte keinerlei Veränderung. Der Pfarrer fragte: »Hast du denn gar nichts von den Leichen gemerkt, die in dem Gang lagen?« Der Bursch erwiderte: »Ach so, ja, die Leichen, die habe ich bemerkt; ich wußte nicht recht, was der Herr Pfarrer meinte.« »Nun, und wie hast du sie denn bemerkt,« sagte der Pfarrer, »sie lagen dir wohl im Wege?« »Es ist nicht der Rede wert,« sagte der Bursch. »Was hast du denn gemacht, um durch die Kirche zu kommen?« fragte der Pfarrer. »Ich habe sie vom Fußboden aufgehoben und zwischen die Kirchenstühle geworfen, und da liegen sie noch.« Der Pfarrer schüttelte den Kopf und sprach nicht mehr mit ihm über diese Sache. Morgens als die Leute aufgestanden waren, sagte der Pfarrer zu dem Burschen: »Jetzt mußt du von hier fort; ich will dich in meinem Hause nicht länger haben, da du so rücksichtslos bist, daß du dich nicht schämst, die Ruhe der Entschlafenen zu stören.« Der Bursch antwortete höflich, sagte aber dem Pfarrer und den Leuten auf dem Hof dann Lebewohl.