Isländische Märchen und Volkssagen

Part 10

Chapter 104,107 wordsPublic domain

Gudmund ließ ihn dann aufstehen, ging nach dem Hof und fand Sigrid draußen. Er brachte ihr den Gruß der Brüder und fügte hinzu, daß sie sie bäten, demjenigen zu helfen, der ihnen das Leben geschenkt habe. Da führte ihn Sigrid nach dem Boden über dem Stall und schenkte ihm einen Trunk Wein ein, der ihn sehr stärkte. Darauf beschrieb sie ihm das Grab auf dem Vorhof und gab ihm den Rat, sich von ihrem Vater, wenn sie rängen, gegen es treiben zu lassen, wenn er aber den Rand erreicht hätte, so sollte er hinüberspringen und ihren Vater in das Grab fallen lassen; töten sollte er ihn jedoch nicht. Sie sagte, daß ihr Vater gerade schlafe, daß er aber bald erwachen werde, dann solle er auf den Hof gehen und gegen die Tür klopfen.

Gudmund tat, wie sie sagte; als aber der Alte die Schläge hörte, erhob er sich aus dem Bett und sagte: »Jetzt ist Gudmund endlich gekommen, und jetzt soll er zeigen, wozu er taugt.«

Der Bauer lief hinaus, von gegenseitigem Begrüßen aber war nicht die Rede, im Gegenteil, gleich fuhren sie aufeinander los, und es wurde ein harter Kampf.

Gudmund sah bald ein, daß er nicht mehr als die Hälfte der Kräfte des Alten hatte; daher wehrte er sich nur, griff aber nicht an. Der Alte wollte ihn nach dem Grabe drängen, und Gudmund ließ sich von ihm treiben; als sie ihn aber erreicht hatten, sprang Gudmund hinüber und wippte den Alten kopfüber hinein. Sogleich kamen Sigrid und die beiden Brüder, mit denen Gudmund zuvor gerungen hatte, und baten ihn, ihrem Vater das Leben zu schenken. Er aber versprach, es zu tun, wenn sie ihm von nun an keinen Schaden zufügen wollten. Das versprach der Alte hoch und heilig. Er wurde dann heraufgezogen, und nun dankte er Gudmund für sein Leben und lud ihn ein, hereinzukommen, sagte aber, daß er nicht wissen könne, wie sich seine Söhne mit diesem Ausgang der Sache abfinden würden, wenn sie nach Hause kämen. Dann wurde Gudmund als Gast bewirtet, abends aber in eine Kammer eingeschlossen. Darauf kamen die älteren Brüder nach Hause und fragten, ob Gudmund in dem Grabe zu Gaste wäre. Der Alte erzählte, wie alles zugegangen war. Darüber aber wurden sie rasend und wollten die Kammertür aufbrechen. Der Alte ging dann vor die Tür und sagte, daß sie ihn zuerst töten müßten, wenn sie das Gastrecht brechen und Gudmund umbringen wollten. Hierauf besänftigten sie sich und gingen zu Bett.

Am nächsten Morgen stellte ihnen der Alte Gudmund vor und gebot ihnen, ihm nichts Böses anzutun. Gudmund blieb den Winter über dort; ihm gefiel Sigrid, denn sie war eine schöne Magd und dazu stattlich von Wuchs und so stark, daß sie sich mit all ihren Brüdern messen konnte. Sie und Gudmund wurden gute Freunde.

Im Frühjahr sehnte er sich nach Hause, und Sigrid, die ein Kind erwartete, wollte ihn begleiten; der Alte versuchte nicht, sie davon abzuhalten, und Gudmund zog nun mit ihr davon und machte nicht Rast, bis er nach Mällifellsaa gekommen war, wo alle erfreut waren, ihn wiederzusehen, den sie längst tot und verschollen geglaubt hatten. Er heiratete Sigrid, und sie wohnten lange auf Mällifellsaa, und sie wurde für eine ausgezeichnete und hochgesinnte Frau gehalten.

Nach ihrem Fortgang und dem Tode ihres Vaters fanden die Brüder den Aufenthalt droben in der Wildnis öde und langweilig, und darum zogen sie gleichfalls mit ihrem ganzen Eigentum nach bewohnten Gegenden. Ein paar von ihnen wurden Bauern im Skagefjord, und alle genossen sie Ansehen als tüchtige und brave Männer.

Fußnoten:

[6] Eine Eigentümlichkeit Islands. Ursprünglich Verbrecher, die, um dem Arm des Gesetzes zu entgehen, in die Wildnis geflüchtet waren, und die mit Weib und Abkommen eine von der übrigen Welt abgesonderte und gefürchtete Klasse bildeten.

Der Südfahrer-Asmund

Ein Mann hieß Asmund. Sein Geschlecht stammte aus dem Skagefjord. Ein flinker Mann war er und tüchtig zu jeder Arbeit, und zur Zeit dieser Erzählung war er ungefähr zwanzig Jahre alt. Jeden Winter zog Asmund südwärts, wie er zu tun pflegte, und seine Genossen folgten ihm. Sie verbrachten die Nacht auf Melar im Hrutafjord, von wo aus sie am nächsten Morgen nach der Heide hinaufzureiten gedachten. In der Nacht aber verfiel Asmund in eine schwere Krankheit, und seine Begleiter warteten den Tag über auf ihn. Asmund sagte, daß sie weiter ziehen sollten, er würde schon nachkommen. Da zogen sie fort, Asmund aber blieb zurück.

Am folgenden Tage war Asmund wieder vollkommen gesund, und darum brach er auf. Es war schönes Wetter; als er aber nach Süden kam und mitten auf der Heide war, erhob sich ein starkes Schneetreiben, und Asmund sah nicht, wo er ritt. Er verlor den Weg, und als er das merkte, nahm er die Bündel von seinen Pferden und grub sich in eine Schneewehe ein und benutzte seine Bündel als Tür für die Schneehütte. Die Pferde koppelte er zusammen. Dann ging er in die Schneehütte, in die er an der Leeseite ein Loch gegraben hatte, um nach dem Wetter auslugen zu können. Sodann holte er seine Reisekost hervor und fing an zu essen. Aber gerade als er seine Mahlzeit begonnen hatte, kam ein torfbrauner Hund an das Loch in der Schneehütte und grub sich hindurch. Der Hund sah sehr bissig und wütig aus, wurde aber bei jedem Bissen, den Asmund schluckte, noch grimmiger. Der Hund begann, Asmund zu mißfallen, und dieser holte einen Keulenknochen von einem sehr großen Schaf hervor und gab ihn ihm. Der Hund nahm den Knochen und lief sofort hinaus mit ihm. Nach einem Weilchen aber kam ein hochgewachsener, ältlicher Mann an die Tür der Schneehütte. Er sprach Asmund an und dankte ihm für sein Hündchen.

»Oder bist du nicht der Südfahrer-Asmund?« fragte der Fremde. »So nennt man mich,« antwortete Asmund. »Ich gebe dir auf, zwischen zwei Dingen zu wählen,« sagte der Mann, »entweder folgst du mir, oder das Unwetter beruhigt sich nicht, bevor du tot bist. Denn das sollst du wissen, daß ich es bin, der das Unwetter heraufbeschworen hat, und ich bin daran schuld, daß du krank geworden bist, denn ich wollte mit dir sprechen, weil ich keinen tüchtigeren und mutigeren Mann kenne als dich.« Asmund wurde es heiß um die Ohren, und er begriff, daß hier nur eins zu tun war, ob es ihm recht war oder nicht. Er sagte dann, daß er lieber mit ihm ziehen als sein Leben in der Schneewehe lassen wollte.

»So komm mit,« sagte der Mann. Asmund brach nun mit ihm auf; das Schneetreiben hatte aufgehört, und es war schönes Wetter geworden. Der Mann ging voraus, Asmund aber folgte ihm mit den Pferden. Welchen Weg er ging, wußte er nicht, so irregeführt worden war er. Als sie eine Zeitlang geradeaus gewandert waren, kamen sie in ein kleines Tal. Ein Bach lief mitten durch das Tal, und Asmund war erstaunt, daß die Erde auf der einen Seite des Baches rot war, während auf der anderen Seite jedes Fleckchen weiß vom Schnee war. Auf jeder Seite des Baches sah er einen Hof Sie gingen nach dem Haus, das auf der zugeschneiten Seite lag. Der Alte nahm die Pferde, zog sie in den Stall und fütterte sie. Dann führte er Asmund in das Haus und in die Badstube. Hier erblickte Asmund ein altes Weib und ein junges, ziemlich hübsches Mädchen, andere Leute aber sah er nicht. Nachdem er sie begrüßt hatte, wies ihm der Alte einen Sitzplatz an. Als aber eine kleine Weile verstrichen war, gingen sie hinaus, der Alte und das Mädchen, und Asmund und das Weib blieben allein zurück. Die Alte saß die ganze Zeit da und murmelte leise vor sich hin: »Es ist ein rechter Jammer, – ohne Tabak zu sein.« Asmund holte ein Stück Tabak aus der Tasche und warf es der Alten zu. Sie fing es auf und freute sich über das Geschenk.

Dann kamen sie herein, der Alte und das Mädchen, und sie brachten Asmund etwas zu essen. Asmund aß, und der Alte stand die ganze Zeit bei ihm und war sehr vergnügt. Als Asmund gegessen hatte, ging das Mädchen wieder hinaus, von dem alten Mann gefolgt. Jetzt glaubte Asmund, daß sie beratschlagten, wie sie ihn umbringen könnten. Bald darauf kam der Alte zurück und bat Asmund, sich zur Ruhe zu begeben. Das wollte er gern, und der Alte führte ihn in eine Kammer, in der ein aufgedecktes Bett stand. Der Alte wünschte ihm Gute Nacht und ging, das Mädchen aber zog Asmund die nassen Kleider aus. Als sie seine Strümpfe und Schuhe nahm, um sie wegzutragen, bat er sie, das nicht zu tun, denn er fürchtete, es könnte Verrat dahinter stecken. Das Mädchen sagte, daß keine Gefahr damit verbunden sei, denn es wolle ihm niemand etwas Böses zufügen. Darauf ging sie und bot Asmund mit einem Kuß Gute Nacht.

Asmund erschien die Behandlung, die er im Hause des Friedlosen genoß, sonderbar, und er war nicht ganz frei davon, ein gewisses Gefallen an dem Kusse des Mädchens zu finden. Er schlief bald ein und wachte wieder davon auf, daß der Alte neben ihm stand.

Es war hellichter Tag. Der Alte wünschte ihm Guten Morgen und sagte, er wolle ihn jetzt um die Sache bitten, um derentwegen er ihn hergeholt hätte. »Die Sache verhält sich so,« sagte der Alte, »daß ich vor zwanzig Jahren unten in der bewohnten Gegend wohnte; dann bekam ich ein Kind mit meiner Schwester, darum mußte ich flüchten und hierherziehen. Das alte Weib, daß du gestern gesehen hast, ist meine Schwester, das Kind aber, das wir zusammen bekamen, ist das junge Mädchen, das dir beim Ausziehen behilflich war, als du zu Bett gingst. Als ich hierherkam, waren hier schon Friedlose, die in dem Hause wohnten, das du gestern abend jenseits des Baches gesehen hast. Es waren dieselben beiden Männer, die noch heute auf dem Hof wohnen. Sie haben mir immer Feindschaft bewiesen, stets aber habe ich mich ihrer erwehren können, bis jetzt. Jetzt kann ich es nicht mehr, und nun muß ich ihrer Übermacht unterliegen, weil sie den ganzen Schnee, der ins Tal fällt, auf meine Seite des Baches fallen lassen. Es ist meine Gewohnheit gewesen, meine Schafe auf ihrem Land, jenseits des Baches, grasen zu lassen, nun aber bin ich nicht mehr Manns genug, das zu tun. Ich will dich darum bitten, heute sogleich mit meinen Schafen über den Bach zu gehen und sie dort zu hüten. Ich weiß, daß du ein mutiger Mann bist, aber das hast du auch nötig, denn meine beiden Feinde werden kommen, in der Vermutung, daß ich bei der Herde bin. Du sollst meinen torfbraunen Hund bei dir haben, und der wird dir eine gute Hilfe sein.«

Asmund verließ das Bett und ging mit den Schafen fort, der Alte aber gab ihm seinen Mantel zum Umhängen und ein Beil, damit er sich seiner Haut wehren könnte. Sobald Asmund über den Bach gekommen war, liefen die Friedlosen auf ihn zu und sagten: »Jetzt ist er des Todes!« Denn sie glaubten, der Alte sei bei seinen Schafen. Als sie sich aber Asmund näherten,sagten sie: »Es ist ein anderer, als wir dachten,« worauf sie auf Asmund einsprangen und ihn angriffen. Asmund hetzte den Braunen auf den einen von ihnen, griff aber selber den andern an. Der Braune zerriß seinen Gegner und lief dann gegen den andern an, und so besiegten sie ihn im Verein, Asmund und der Hund. Asmund blieb bis zum Abend bei den Schafen, dann ging er nach Hause und traf dort den Alten an. Der empfing Asmund gut und dankte ihm herzlich für sein Tagewerk. Er hätte ihm zugesehen, als er dabei gewesen wäre, die Friedlosen zu töten, erzählte er.

Am folgenden Tage gingen Asmund und der Alte über den Bach nach dem anderen Hof, der ein guter und geräumiger Ort zum Bewohnen war. Keinen Menschen trafen sie an, nur eine Menge Vieh. Sie untersuchten nun das ganze Haus. Da stießen sie auf eine Tür, die sie nicht zu öffnen vermochten. Asmund warf sich gegen sie und sprengte sie. Sie führte in eine kleine Nebenkammer, in der sie eine anmutige und schöne Magd fanden. Sie war mit den Haaren an einen Balken festgebunden und war sehr blaß und mager. Asmund befreite sie und fragte, wo sie her sei. Sie erzählte, daß sie eine Bauerntochter vom Oefjord wäre, und daß die Friedlosen sie geraubt hätten. Sie hätten sie zwingen wollen, einen von ihnen zu heiraten, sagte sie. Da sie das aber nicht wollte, so hätten sie sie hier festgebunden und gemeint, auf diese Weise würden sie sie schon gefügig machen, einen von ihnen zu nehmen. Asmund erzählte ihr dann, wie die Sache nun stände, und daß sie in den Händen guter Menschen sei; sie aber freute sich, alle Gefahr überstanden zu haben.

Sie brachten nun alles von der Hütte des Alten herüber nach diesem Hof und blieben hier den Winter über. Asmund gefielen der Alte und die Mädchen, besonders jedoch die Tochter des Alten. Sie lernte verschiedene Kunstfertigkeiten von dem Mädchen vom Oefjord. Im Frühjahr sagte der Alte zu Asmund, er solle nun nach seiner Heimat ziehen; im Herbst aber solle er in das Tal zurückkehren, denn dann würde er gestorben sein, sagte er. Dann wollte er ihn bitten, sich seiner Tochter und seiner Schwester anzunehmen, wenn sie noch am Leben sei, und auch des Mädchens aus dem Oefjord. Alles, was er hier an Geldeswert finden könne, solle seine Mitgift sein, sagte er. Darauf begab sich Asmund nordwärts nach dem Skagefjord. Die Leute sahen ihn an, als wäre er vom Tode wiederauferstanden; wo er aber den Winter verbracht hatte, das erzählte er niemandem.

Im Herbst zog er wieder aus und kam zu den Mädchen im Tal. Sie freuten sich sehr über sein Kommen, denn die beiden Alten waren entschlafen, und die Mädchen hatten sie unter einem Hügel am Abhang begraben. Asmund blieb den Winter über bei ihnen. Aber im Frühjahr zog er mit der ganzen beweglichen Habe aus der Hütte fort, nach dem Skagefjord. Dort ließ er sich nieder und heiratete die Tochter des Alten, das Oefjordmädchen aber verheiratete er mit einem Manne aus der Umgegend.

Und hier endet die Erzählung vom Südfahrer-Asmund.

Die Zauberer auf den Westmändsinseln

Als der Schwarze Tod auf Island raste, taten sich achtzehn Zauberer zusammen und schlossen miteinander ein Bündnis. Sie zogen nach den Westmändsinseln und wollten sich gegen den Tod wehren, solange es irgend ging. Als sie vermittels ihrer Zauberweisheit sahen, daß die Krankheit auf dem Festland abgenommen hatte, wollten sie gern wissen, ob noch ein Mensch am Leben wäre. Sie einigten sich deshalb, einen ihrer Kameraden ins Land zu senden, und dazu wählten sie den, der in ihrer Kunst weder am meisten, noch am wenigsten erfahren war. Sie brachten ihn ans Land und sagten, daß sie ihm, wenn er nicht bis zur Julzeit zurückgekommen wäre, einen Sending[7] schicken würden, der ihn töten sollte. Das war in den ersten Tagen des Advents.

Der Mann verließ sie, suchte lange und kam weit herum. Aber nirgends sah er einen lebenden Menschen; die Höfe standen offen, und darinnen lagen überall Leichen umher. Endlich kam er an einen Hof, der verschlossen war. Er wunderte sich darüber, und es wurde die Hoffnung in ihm erweckt, daß er hier Menschen antreffen würde. Er klopfte an die Tür, und sogleich kam ein schönes, junges Mädchen und öffnete ihm. Er begrüßte sie, sie aber schlang die Arme um seinen Hals und weinte vor Freude, wieder einen Menschen zu sehen; denn sie hätte geglaubt, sagte sie, daß sie das einzige zurückgebliebene Wesen sei. Sie bat ihn, bei ihr zu bleiben, was er auch versprach. Sie gingen zusammen in das Haus und hatten vieles miteinander zu besprechen. Sie fragte, wo er herkäme, und wo er hinwollte. Das erzählte er ihr und zugleich, daß er bis zur Julzeit zurück sein müßte. Sie bat ihn, doch bei ihr zu bleiben, solange er könnte. Sie tat ihm sehr leid, und er versprach ihr denn auch zu bleiben. Sie erzählte ihm, daß alle Menschen gestorben seien; denn sie wäre selber, sagte sie, in alle Richtungen gezogen, eine Wochenreise von ihrem Hause, ohne irgendeinem lebenden Wesen zu begegnen.

Es ging auf die Julzeit, und der Inselmann dachte ans Heimwärtsziehen. Das Mädchen aber bat ihn zu bleiben und sagte, daß seine Kameraden wohl nicht so hartherzig wären, ihn entgelten zu lassen, daß er bei ihr, die so allein und verlassen sei, geblieben wäre. Er ließ sich überreden zu bleiben, und dann kam die Julzeit. Da wollte er fort, trotz allem, was sie auch sagte. Sie sah, daß ihre Bitten nichts fruchteten und sagte: »Glaubst du, daß du die Insel noch heute abend erreichen kannst? Oder scheint es dir nicht ebensogut, hier bei mir zu sterben, als an irgendeinem Ort unterwegs?«

Der Mann sah ein, daß die Zeit zu knapp geworden war und entschloß sich, ruhig zu bleiben, wo er war und hier den Tod zu erwarten. Es ging auf die Nacht; er war sehr niedergeschlagen, aber das Mädchen war keck und munter und fragte ihn, ob er sehen könnte, was die Inselbewohner jetzt trieben. Er sagte, daß sie ihren Sending jetzt ans Land gebracht hätten, und daß er heute kommen würde.

Das Mädchen setzte sich neben ihn auf ihr Bett, er aber legte sich in das Bett hinter sie. Er sagte, daß er jetzt anfinge, schläfrig zu werden, und daß das der Vorbote des Sendings sei. Darauf schlief er ein. Das Mädchen saß auf dem Bettrand und weckte ihn einmal ums andere, damit er sagen sollte, wo der Sending der Inselbewohner nun sei. Aber je näher dieser kam, desto fester schlief er, und als er zuletzt gesagt hatte, daß er nun auf den Hof gekommen sei, schlief er so fest, daß das Mädchen ihn nicht mehr wecken konnte, und es dauerte denn auch nicht mehr lange, bis sie einen dunkelbraunen Nebel in das Haus eindringen sah. Der Nebel schwebte langsam auf sie zu und verdichtete sich zu einer Menschengestalt. Das Mädchen fragte, wo sie hinwolle. Die Gestalt entledigte sich ihres Auftrags und bat sie, vom Bett wegzutreten; »denn ich kann nicht über dich hinwegkommen,« sagte sie. Das Mädchen sagte der Gestalt, daß sie ihr dann als Entgelt eine Gefälligkeit erweisen müsse. Die Gestalt fragte, was das wohl sein könne. Das Mädchen erwiderte, daß sie ihm zeigen solle, wie groß sie werden könnte. Die Gestalt war damit einverstanden und wurde nun so groß, daß sie das ganze Haus erfüllte. Da sagte das Mädchen: »Jetzt möchte ich gern sehen, wie klein du werden kannst.« Die Gestalt sagte, sie könnte eine Fliege werden, und in demselben Augenblick verwandelte sie sich in eine Fliege und wollte unter der Hand des Mädchens in das Bett zu dem Manne hinauffliegen, flog aber unglücklicherweise gerade in den Röhrenknochen eines Schafes, den das Mädchen in der Hand hielt, und dieses beeilte sich, sofort einen Pfropfen in des Loch zu treiben.

Dann steckte sie den Knochen mit der Fliege in die Tasche und weckte den Mann. Er wurde bald wach und wunderte sich sehr, daß er noch am Leben sei. Das Mädchen fragte ihn, wo der Sending wäre. Er antwortete, daß er nicht wüßte, wo er geblieben sei, das Mädchen aber sagte ihm dann, daß sie längst geahnt hätte, daß das keine großen Zauberer auf der Insel wären. Der Mann freute sich, dies zu hören, und sie verbrachten beide die Feiertage in großer Fröhlichkeit.

Als aber das neue Jahr näher rückte, fing der Mann wieder an, wortkarg zu werden. Das Mädchen fragte, was ihm denn nur fehle. Er sagte, daß sie jetzt auf der Insel im Begriff wären, einen neuen Sending auszurüsten und ihm die höchste Zauberkraft zu verleihen. »Am Neujahrstag wird er hier sein, und dann ist es nicht leicht, mich zu retten.« Das Mädchen sagte, daß sie keine Angst davor habe, ehe sie es probiert hätte, und: »Nicht brauchst du dich vor den Sendingen der Inselbewohner zu fürchten.« Am letzten Tag des Jahres sagte er, daß jetzt der Sending ins Land gekommen sei. »Und schnell kommt er vorwärts, denn er hat eine gewaltige Zauberkraft.« Das Mädchen sagte, daß er ihr nun aus dem Hause folgen solle, was er auch tat. Sie kamen bald darauf nach einem Buschwald. Darin blieb sie stehen und riß ein paar Büsche aus. Da stießen sie auf einen flachen Stein. Das Mädchen hob den Stein auf, und darunter zeigte sich eine Erdhöhle. Sie stiegen in die Erdhöhle hinab, in der es finster und unheimlich war. Da war ein schwacher Docht in einem Schädel, der in Menschenfett brannte. Auf einem elenden Lager in der Nähe des Lichtes lag ein Vagabund, der furchtbar anzusehen war. Seine Augen waren wie Blut, und sein Aussehen war so greulich, daß der Inselmann schon genug hatte. Der Alte sagte: »Es ist wohl etwas Neues geschehen, daß du herkommst, Pflegetochter. Es ist lange her, daß ich dich gesehen habe, und was kann ich nun für dich tun?« Das Mädchen erzählte ihm dann, weshalb sie gekommen sei, von dem Manne, und von dem ersten Sending. Der Alte bat sie, den Röhrenknochen sehen zu dürfen. Sie zeigte ihn ihm, aber als der Alte den Knochen in der Hand hatte, wurde er ein ganz anderer. Er drehte ihn nach allen Richtungen und betastete ihn überall von außen. Dann sagte das Mädchen: »Hilf nun schnell, Pflegevater, denn jetzt beginnt er schläfrig zu werden, und das ist ein Zeichen, daß der Sending bald hier ist.« Da nahm der Alte den Pfropfen aus dem Röhrenknochen, und sofort kam die Fliege aus ihm heraus. Der Alte streichelte die Fliege und sagte: »Geh nun hinaus und nimm alle Sendinge von den Inseln in Empfang und verschlinge sie.« Da ertönte ein starker Donnerschlag, die Fliege fuhr heraus und wurde so groß, daß der obere Teil des Mauls bis zum Himmel reichte, während der untere Teil auf der Erde lag. Sie nahm alle Sendinge von den Inseln in Empfang, und der Mann war gerettet.

Sie gingen dann wieder von der Erdhöhle fort und nach Hause, das Mädchen und der Inselmann, und gründeten eine Wirtschaft auf ihrem Hof. Später wurden sie Mann und Weib, waren fruchtbar, vermehrten sich und bevölkerten die Erde.

Und so weiß ich nichts mehr von der Sage.

Fußnoten:

[7] Isl. »Sending« heißt der Spukgeist oder das Gespenst, das abgesandt wird, um jemanden zu töten.

Der Sending

Eine Frau saß einmal bei ihrer Arbeit in der Badstube. Außer ihr waren weiter keine Leute auf dem Hof; denn der Bauer war wegen irgendeiner Besorgung von zu Hause fortgegangen, und das Gesinde war draußen beschäftigt. Da trat ein Junge in die Badstube ein, klein von Wuchs, aber sehr feist. Er fragte die Frau, wo der Bauer sei, sie beeilte sich jedoch nicht, es zu sagen, denn der Junge gefiel ihr nicht. Da fragte er nochmals nach dem Bauern, mit dem er, wie er sagte, ein ernstes Wort zu reden habe, und er könne nicht verweilen. Die Frau fragte ihn, was für einen Auftrag er denn habe, und ob sie ihn nicht entgegennehmen könne. Als der Junge hierauf »Nein« erwiderte, sagte die Frau: »Ich glaube nicht, daß so ein Pfropfen wie du viel unter den Händen meines Mannes zu tun hat. Oder kannst du etwa größer werden, als du jetzt bist?« Der Junge sagte, das könne er schon. Sie bat ihn um eine Probe davon, sonst glaube sie ihm nicht. Da wuchs der Junge allmählich, bis er so groß wie ein Troll wurde und bis an die Decke reichte. Die Frau sagte, daß man ihn kaum dort einfange, wo man ihn hinsetze, und sie bat ihn, nun wieder so zu werden, wie er vorher gewesen sei. Das tat er. Da fragte ihn die Frau, ob er sich in demselben Verhältnis klein wie groß machen könne und wünschte, eine Probe zu sehen. Dazu sagte er ja, und allmählich wurde er nun kleiner, bis er die Größe eines Sperlings erreicht hatte. Da holte die Frau ein kleines Fläschchen hervor und fragte ihn, ob er sich so klein machen könne, daß er da hineinginge. Sofort verwandelte er sich in eine Fliege und kroch in das Fläschchen hinein; die Frau war nicht faul und spannte ein Kalbshäutchen über die Flasche, und nun mußte sich der Gesell damit abfinden, darin zu kauern.

Als der Bauer nach Hause kam, gab ihm die Frau die Flasche und erzählte ihm alles. Er freute sich über die List seiner Frau, nahm die Flasche und ging mit ihr fort; was aber aus ihr geworden ist, erfuhr später niemand.

Der Eheteufel

Auf Geirmundstad im Skagefjord wohnte einmal ein Ehepaar, das im Gemüt nicht übereinstimmte; man erzählte allerdings, daß die Frau einem anderen Manne gut sei, der das seinige tat, um das gute Verhältnis zwischen ihr und ihrem Eheherrn zu stören. In dieser Absicht verzauberte er einen Teufel dazu, die Gestalt eines Hundes anzunehmen; er war von torfbrauner Farbe, und er schickte ihn nach Geirmundstad, um dort Eheteufel zu sein.