Isländische Märchen und Volkssagen

Part 11

Chapter 113,965 wordsPublic domain

Bei den Eheleuten auf Geirmundstad hielt sich eine alte Frau auf; sie beobachtete, daß jedesmal, bevor die Eheleute in Streit gerieten, ein torfbrauner Hund in die Badstube trat, durch das Zimmer ging und die Schnauze zwischen das Ehepaar auf das Bett legte, auf dem es saß, und ganz unheimlich zu heulen begann. Als der Hund damit fertig war, war es stehende Regel, daß Mann und Frau in Zank gerieten. Die alte Frau sprach mit dem anderen Gesinde über den Vorläufer der Zänkerei des Ehepaares, den sie sah, und sie waren alle miteinander darüber einig, daß sie der Hausfrau ihr Gesicht erzählen solle, um zu sehen, ob sie nicht dadurch Frieden zwischen den Eheleuten stiften könne, die im Grunde bei all ihren Leuten sehr beliebt waren.

Einmal sprach die Alte, die geistersehend war, mit ihrer Herrin und hielt ihr das Unchristliche vor, daß Mann und Frau in solcher Zwietracht miteinander lebten. Anfangs wollte die Hausfrau nichts davon hören, die Alte aber sagte, daß sie sich sicher mehr Mühe geben würde, bösen Zank mit ihrem Manne zu vermeiden, wenn sie nur wüßte, woher ihre Uneinigkeit käme. Sie erzählte ihr dann alles und bat sie eindringlich, ihrem Manne ja in allem nachgiebig zu sein, damit sie den Teufel nicht mehr mit ihrem häßlichen Streit ergötze. Die Hausfrau versprach ihr, alles zu tun, was in ihrer Macht stände.

Da kam es so, daß sich das Verhältnis der Eheleute zu einander mit jedem Tage besserte, denn die Frau gab ihrem Manne gegenüber immer nach, und schließlich wurde ihr Zusammenleben sehr liebevoll.

Da sah man aber auch nichts mehr von dem Torfbraunen.

Der rote Stier

Als Sira Thomas Skuleson Pfarrer auf Grenjadarstad war, hielt er sich zwei Hofknechte, von denen der eine Bjarne hieß, der andere aber Martin. Diese beiden Knechte hatten eine gemeinsame Schlafkammer, die abgesondert vorn auf dem Hofe lag. Bjarne war früher verheiratet gewesen, lebte aber von seiner Frau getrennt, und da er nun in Liebe zu einem Mädchen in der Nachbarschaft entbrannt war, wollte er vor allem seine frühere Frau los werden. Er griff deshalb zu dem Mittel, daß er einen klugen Mann auf dem Nordland bewog, ihn zu lehren, wie man ein Gespenst erstehen lassen könnte, das er seiner Frau auf den Hals schicken wollte, um ihr den Garaus zu machen.

Bjarne begann nun den Wiederkehrer[8] zu erwecken und leckte ihm den Totengeifer vom Gesicht, wie das Gesetz verlangt; kaum aber war er damit fertig, als sich das Gespenst an ihn selbst machte; und das Ende ihres Kampfes war, daß der Wiederkehrer Bjarne überwältigte, so daß dieser mit knapper Not lebendig davonkam. Dieser Wiederkehrer aber war Bjarne so viel weniger von Nutzen, als er erwartet hatte, daß er Bjarne nach dieser Zeit sogar wachend und schlafend überfiel, so daß er darüber beinahe um Sinn und Verstand gekommen wäre. Weder Bjarne noch Martin hatten nun nachts besondere Ruhe zum Schlafen; denn das Gespenst fuhr mit seinem Klopfen an die Kammer unentwegt fort und hielt sie wach, bis Bjarne hinunterging, und dann blieb er längere oder kürzere Zeit in der Nacht draußen. Man wußte aber nichts von dem, was draußen zwischen ihnen vorging, als was Bjarne selbst erzählte, wenn er wieder zu Martin hineinkam.

Als dies eine Zeitlang gedauert hatte und Bjarne darüber den Verstand fast verloren hatte, wandte er sich in seinem unglücklichen Zustand an einen klugen Mann und bat ihn um einen guten Rat, auf welche Weise er sich von den Verfolgungen des Wiederkehrers befreien könnte. Der kluge Mann gab ihm einen Zettel mit einigen Schriftzeichen und gebot ihm, eines Nachts in die Kirche auf Grenjadarstad zu gehen, sich sämtliche Meßgewänder umzuhängen und derart geschmückt die ganze Nacht hinter den Schranken neben dem Altar stehen zu bleiben, ohne sich vom Fleck zu bewegen, was er auch zu sehen bekäme, und was ihn auch anzusprechen schiene; denn man wollte ihn nur von den Schranken locken, und dann wäre es aus mit ihm. Schließlich, sagte er, würde ein ungeheuer großer, roter Stier kommen, der die Zunge zwischen ihm und dem Altar bewegen würde, dann aber gälte es sein Leben, wenn er nicht so geschickt wäre, dem Stier den Zettel auf die Zunge zu legen; gelänge ihm das dagegen, so hätte er keinen Grund mehr, die Heimsuchungen des Gespenstes zu fürchten.

Nachdem er diesen Rat bekommen hatte, ging Bjarne eines Nachts in die Kirche und benahm sich so, wie es ihm vorgeschrieben worden war. Da kam eine Schar Menschen nach der andern zu ihm heran und umzingelte die Schranken; er kannte aber nur wenige unter ihnen. Sie redeten ihn in verschiedener Weise an und baten ihn im guten und im bösen, den Altar zu verlassen und zu ihnen herauszukommen. Einer von denen, die Bjarne zu kennen meinte, war Sira Hallgrim Scheving, Dr. Schevings Großvater, und er zerrte an Bjarne, um ihn aus den Schranken herauszubekommen. Eine Schar aber nach der andern verschwand, da es ihnen auf keine Weise gelingen wollte, Bjarne vom Altar fortzubekommen.

Da kam endlich der rote Stier auf Bjarne zu; er streckte die Zunge über die Schranken hinweg und wollte sie zwischen Bjarne und dem Altar schwingen, als beabsichtige er, ihn von dort herauszuschleudern. Es gelang aber Bjarne, ihm den Zettel auf die Zunge zu legen. Da verschwand der Stier, und von diesem Augenblick an gewahrte Bjarne nichts mehr in der Kirche, so wie er auch nichts mehr von den Heimsuchungen des Wiederkehrers merkte.

Fußnoten:

[8] Gespenst eines toten Menschen, der umgeht.

Das Fäßchen

Es war einmal eine Schar von Männern auf einer Wanderung. Eines Sonntagmorgens schlugen sie ihr Zelt auf einer schönen, grünen Wiese auf. Es war helles und gutes Wetter. Die Wandernden legten sich hin, um zu schlafen, und lagen in einer Reihe im Zelt. Derjenige aber, der zu äußerst an der Zelttür lag, konnte nicht schlafen, und seine Blicke wanderten hin und her im Zelt. Da sah er einen bläulichen Dunst über demjenigen aufsteigen, der zu innerst lag. Der Dunst bewegte sich vorwärts durch das Zelt und hinaus. Der Mann wollte wissen, was das wohl sein könnte, und folgte dem Dunst. Dieser schwebte langsam über die Wiese und kam schließlich an eine Stelle, an der ein verwitterter alter Pferdeschädel lag, der voll von laut summenden Schmeißfliegen war. Der Dunst schwebte in den Pferdeschädel hinein, nach geraumer Zeit aber zog er wieder hinaus. Darauf schwebte er wieder über die Wiese hin, bis er an ein ganz kleines Bächlein kam, das die Wiese durchquerte. Er schwebte an dem Bache entlang, und dem Manne schien es, als suche er eine Stelle, an der er hinüberkommen könne. Der Mann trug seine Peitsche in der Hand, und diese legte er quer über den Bach, der nicht breiter war, als daß der Stiel hinüberreichte. Der Dunst zog auf den Peitschenstiel hinaus und gelangte so über den Bach. Darauf schwebte er wieder eine Weile vorwärts, bis er schließlich an einen Erdhöcker auf der Wiese kam. Dort verschwand er in den Erdhöcker hinein. Der Mann stand daneben und wartete darauf, daß der Dunst wieder herauskommen sollte. Das geschah auch bald, worauf er denselben Weg zurückschwebte, den er gekommen war. Der Mann legte seine Peitsche über den Bach, und der Dunst zog wieder auf ihr hinüber wie das vorige Mal. Dann schwebte er geradeswegs heimwärts nach dem Zelt und hielt nicht inne, bis er hinter den innersten Mann im Zelt gekommen war. Dort verschwand er. Der Mann aber legte sich hin und schlief ein.

Als der Tag ziemlich verstrichen war, standen die Wandernden auf und nahmen ihre Pferde. Sie schwatzten über allerlei, während sie die Pferde aufzäumten. Unter anderem sagte der, der zu innerst im Zelte gelegen hatte: »Ich wünschte, daß ich das besäße, wovon ich heute nacht geträumt habe.« »Was war es denn, und was hast du geträumt?« fragte derjenige, der den Dunst gesehen hatte. Der andere erwiderte: »Es war mir, als wandere ich hier über die Wiese. Ich kam an ein großes und schönes Haus. Darin waren viele Leute versammelt, und sie spielten und sangen vor Lust und Freude. Ich blieb ziemlich lange in dem Haus. Als ich aber wieder hinauskam, führte mein Weg über eine schöne Wiese. Dann kam ich an einen großen Fluß, über den ich lange vergebens versuchte hinüberzukommen. Da sah ich, daß sich ein ungeheuer großer Riese näherte. Er hatte einen gewaltigen Balken in der Hand, den er über den Fluß legte, und auf diesem ging ich hinüber. Ich wanderte dann lange Zeit, bis ich an einen großen Hügel kam. Der Hügel war offen, und ich ging in ihn hinein. Da fand ich weiter nichts als ein riesiges Faß, das mit Geld gefüllt war. Ich hielt mich dort lange auf, um mir das Geld anzusehen; denn einen so großen Haufen hatte ich noch nie gesehen. Dann ging ich hinaus und wanderte denselben Weg zurück, den ich gekommen war. Ich kam wieder an den Fluß, und da kam der Riese wieder mit dem Balken und legte ihn darüber. Ich gelangte auf dem Balken über den Fluß und kehrte wieder zurück in das Zelt.«

Der Mann, der den Dunst verfolgt hatte, begann lustige Gedanken zu haben, und er sagte zu dem, der geträumt hatte: »Komm, Genosse, laß uns einen Augenblick hingehen und das Geld holen.« Der andere begann zu lachen und dachte, daß er nicht recht gescheit sei, er ging aber doch. Sie gingen nun genau denselben Weg, den der Dunst gewandert war und kamen an den Erdhöcker, den sie durchgruben. Dort fanden sie ein Fäßchen mit Geld.

Dann kehrten sie zu ihren übrigen Wandergenossen zurück, erzählten ihnen alles von dem Traum und dem Dunst und zeigten ihnen das Fäßchen.

Hleidrargaards Skotta

Etwa in den Jahren 1740 bis 1770 wohnte auf Hleidrargaard im Oefjord ein Bauer, namens Sigurd Björnsson, der als vernünftiger Mann galt, aber von heftigem Gemüt war. Es wird erzählt, daß er einmal in seinen jüngeren Jahren früh im Sommer westwärts nach dem Gletscher ritt, um Fische zu kaufen. Da traf es sich, daß er und der Mann, von dem er die Fische kaufte, nicht einig werden konnten. Darüber entstand ein Streit unter ihnen, der bald darauf in eine Schlägerei ausartete. Sigurd war ein kräftiger Mann, und es war kein Spaß, ihm unter die Fäuste zu kommen, und so gelang es ihm, seinen Gegner unter sich zu Boden zu werfen, worauf er ihm ein paar Streiche versetzte. Als der Gegner wieder aufstand, stieß er Drohungen gegen Sigurd aus und versprach ihm verdienten Lohn vor der Tag- und Nachtgleiche, worauf er seines Weges ging; Sigurd aber zog mit seinen Genossen wieder nach Hause und blieb auf seinem Hof.

Zu dieser Zeit wohnte auf Krynarstad, dem nächsten Hof von Hleidrargaard aus, ein Mann, der Hall hieß, mit dem Zunamen »Der Starke«. Er war geistersehend und hatte oft Gespenster erblickt und mit ihnen zu tun gehabt. Es wird nun gesagt, daß dieser Hall eines Abends in dem Herbst, der auf den Sommer folgte, in welchem Sigurd von seinem Ritt nach Hause gekommen war, draußen auf seinem Hof stand; da sah er ein Gespenst in Gestalt eines Mädchens den Weg daherkommen; sie war klein von Wuchs, hatte ein rotes Mieder an, einen dunkelbraunen Rock, der nur bis an die Knie reichte, eine Mütze ohne Quaste, und ging in Hemdsärmeln. Als die Dirne Hall erblickte, wollte sie ihm ausweichen, er stellte sich ihr aber in den Weg und fragte, wer sie sei. Sie erzählte, daß sie Sigga heiße. Er fragte, woher sie käme und wohin sie wolle. Sie antwortete: »Nach Hleidrargaard«. »Was hast du da zu tun?« »Sigurd Björnsson umzubringen«, antwortete sie. Darauf lief sie ihres Weges, und Funken sprühten hinter ihr her.

An demselben Abend schlief Sigurd in seinem Bett, das so stand, daß ein Fenster darüber war. Die anderen, die sich in der Badstube aufhielten, waren wach. Plötzlich sprang Sigurd aus dem Bett und fragte: »Wer hat mich gerufen?« Man erwiderte ihm, daß ihn niemand gerufen habe. Er legte sich wieder zu Bett und schlief ein; kaum war er aber eingeschlafen, als er wieder aufsprang und sagte, daß ihn jetzt sicher jemand gerufen hätte. Da man ihm sagte, daß das nicht der Fall gewesen wäre, legte er sich wieder zu Bett, konnte aber nicht mehr einschlafen. Als er eine kleine Weile gelegen hatte, sah man ihn aus dem Fenster spähen und hörte ihn sagen: »Ach so, daher kommt es!« und dabei verfärbte er sich. Er ging nach der Badstubentür, stellte sich an sie, und man hörte ihn ganz laut sagen: »Wenn jemand da ist, der mit Sigurd Björnsson sprechen will, – da sitzt er!« Und damit zeigte er mit der Hand auf einen Armenhäusler-Jungen, namens Hjalmar, der auf einem Stuhl gegenüber der Badstubentür saß und Wolle zupfte. Da wurde der Junge vom Stuhl herunter auf den Fußboden geschleudert, wo er sich unter Geschrei und gräßlichen Windungen wälzte, als wenn er am Ersticken wäre; Sigurd holte eine Rute und schlug den Jungen überall damit; dadurch wurde er etwas ruhiger und wurde auf das Bett gelegt; da war sein Körper geschwollen und zeigte Spuren von Stößen. Diese Anfälle bekam der Junge zwei- oder dreimal in der Nacht, und dann später von Zeit zu Zeit, bis er früh im Winter an einem solchen starb, und da war sein Körper sehr geschwollen und aufgedunsen und wies deutliche, schwarze Spuren von den Fingern des Gespenstes auf.

Nach dieser Zeit verfolgte das Gespenst Sigurd und seine Kinder, ja es verfolgte sogar alle Leute auf Hleidrargaard. Oft sahen geistersehende Männer dieses Mädchen, das »Hleidrargaards-Skotta«[9] genannt wurde, ein Name, den sie nach ihrer Mütze erhalten hatte, weil diese wie ein Zipfel auf ihrem Kopf stand. Am häufigsten sah man sie »Katzflechten«[10], wie man das nennt, indem sie an irgendeinem Querbalken hing, am liebsten über dem Eingang der Häuser. Sigurd selbst konnte sich immer vor ihr hüten, nach und nach aber tötete sie ihm das Vieh, und selbst das Vieh auf den Nachbarhöfen wurde von ihr umgebracht. Das Fleisch war immer sehr fleckig und blau und vollkommen ungenießbar. Sie wurde auch beschuldigt, einen tüchtigen Bauern, Sigurd auf Näs, umgebracht zu haben, denn er bekam einen Krämpfeanfall und starb daran.

Als nun ihre Gewalttätigkeit dermaßen zunahm und man befürchtete, daß sie sich noch bedeutend steigern würde, traf es sich so glücklich, erzählt man, daß vom Gletscher her ein Bettler, mit Namen Peter oder Gletscher-Peter, wie er allgemein genannt wurde, in den Ort kam. Er war ein großer Zauberer, benutzte aber seine Kunst immer nur zum Guten. Sigurd auf Hleidrargaard war ein guter und freigebiger Mann, und deshalb gab er auch Peter eine gute Unterstützung, erzählte ihm aber gleichzeitig, daß es nicht seine Heimat wäre, der er für diese Hilfe danken könne; denn die hätte ihm, dem Bauern, ja ein Gespenst auf den Hals geschickt, das sowohl ihm wie anderen großen Schaden zufügte und wahrscheinlich damit fortfahren würde, bis es ihn ums Leben gebracht habe. Peter versprach, daß er ihn schon von diesem Teufel befreien werde. Eines Nachts entfernte er sich also, nahm das Gespenst mit und fesselte es an einen bodenfesten Stein an der Stelle zwischen dem Strjugsbach und Volde, die Varmhage heißt. Lange Zeit konnte nun das Gespenst keinen Schaden tun; oft aber hörte man es nachts heulen, und die Leute wagten nicht, allzu nahe an ihm vorbeizufahren; denn dann wurde ihnen schwindlig, und sie verloren den Weg, auch wenn es hellichter Tag war.

In den Jahren 1806–1810 baute der Pfarrer von Saurbär, der Sira Sigurd hieß und noch heutigen Tages lebt, eine Futterscheune in der Nähe dieser Stelle, denn es sind gerade dort gute Weideplätze. In der ersten Nacht, in der das Haus in Gebrauch war, wurde ein Schaf getötet und dann mehrere. Da entdeckte man, daß die Schafkörper in jeder Hinsicht wie diejenigen aussahen, die das Gespenst früher unter den Händen gehabt hatte, und man glaubte deshalb, daß es jetzt wieder angefangen hätte, eine lockere Hand zu haben. Krankheit und Tod fingen allmählich an, unter den Schafen ringsum im ganzen Oefjord allgemein zu werden; das nennt man die Pest, aber der Aberglaube, daß nur das Gespenst daran schuld sei, ist schon von alters her bei den Leuten eingewurzelt.

Fußnoten:

[9] Isl.: skott bedeutet eigentlich: Schwanz, außerdem den Zipfel einer Mütze, daher die Benennung »Skotta«, d. h. ein weibliches Gespenst, das eine Zipfelmütze trägt.

[10] »Katzflechten« (isl. fla’kött) besteht darin, daß man die Beine um einen Querbalken flicht und an ihnen hängt, den Kopf nach unten, während man gleichzeitig die Jacke, die Weste usw. aus- und anzieht.

Die Schuhe aus Menschenhaut

Auf einem Hof wohnte einmal ein Bauer, über den allerlei Gerüchte im Umlauf waren. Er hatte einen schlechten Ruf wegen der Behandlung seines Gesindes, und lange blieb kein Knecht bei ihm, ob es nun von der schlechten Kost oder der schlechten Behandlung kam, oder davon, daß zu viel Arbeit von ihnen verlangt wurde. Schließlich ging es so weit, daß sich niemand als Knecht bei dem Bauern verdingen wollte, und bei einem Haar mußte er die ganze Knechtearbeit allein ausführen.

Einmal geschah es, daß ein junger Mann im Ort, der keinen festen Dienst hatte, obgleich er ein tüchtiger Mensch war, den Bauern besuchte. Der empfing ihn mit offnen Armen, lud ihn in seine Stube ein und ließ sich mit ihm in einen Schwatz über die verschiedensten Dinge ein. Da kamen sie auch auf Gesindeverhältnisse zu sprechen, und schließlich schlug ihm der Bauer vor, das nächste Jahr als Knecht bei ihm zu bleiben. Der Mann aber wollte nur ungern darauf eingehen, des schlechten Rufes wegen, der an dem Bauern haftete. Der Bauer bat ihn jedoch, den Dienst anzunehmen, und wenn es nicht für länger wäre, als bis er ein Paar Schuhe abgenutzt hätte. Der Mann dachte bei sich, daß die Schuhe immerhin vergänglich seien, und daß sie sich schließlich abnutzen müßten, und daß er also nur für kurze Zeit und nicht fürs ganze Leben bei dem Bauern bliebe, und das Ende vom Liede war, daß er dem Bauern sein Wort gab.

Im nächsten Frühjahr zur Kreuzmesse kam der Knecht, und der Bauer gab ihm ein Paar neue, nicht sehr feste Schuhe, indem er ihm sagte, wenn er die Schuhe abgetragen habe, dann solle seine Dienstzeit aus sein, falls er es wünsche; das aber machte der Bauer zur Bedingung, daß der Knecht jedesmal ein Paar andere Schuhe anzöge, wenn er zur Kirche ginge, und darauf ging der Knecht willig ein.

Nun verging eine lange Zeit, und nach Verlauf eines Jahres war noch nicht mehr Abnutzung an den Schuhen zu sehen, als wenn er sie gestern angezogen hätte. Da wurde er sehr bedrückt, sein Versprechen gegeben zu haben, hielt es jedoch für eine Schande, es zu brechen und fortzugehen, obwohl das Leben bei dem Bauern leidig und unangenehm war. Er blieb deshalb noch das nächste Jahr bei ihm, aber auch jetzt war keine besondere Abnutzung an den Schuhen zu bemerken, obgleich er während dieser beiden Jahre keine anderen angezogen hatte, außer wenn er zur Kirche ging. Der Knecht wunderte sich darüber sehr und konnte sich schon denken, daß dies nicht mit rechten Dingen zuging, wußte jedoch nicht, was für ein Zauberkniff gegen ihn angewendet würde.

Eines Sonntags, als er das dritte Jahr begonnen hatte, blieb er zu Hause und ging nicht in die Kirche; darum erhielt er auch keine Kirchenschuhe, wie es sonst der Fall war, wenn er in das Gotteshaus ging. Als sämtliche Leute, und der Bauer auch, zur Kirche gegangen waren, begann der Knecht über seine Lage nachzudenken, und wann wohl diese Sklaverei bei dem Bauern aufhören würde. Während er in solchen Gedanken dasaß, kam ein fremder Mann zu ihm herein. Dem Fremden fiel es gleich auf, daß der Knecht sehr kummervoll war, und er fragte ihn deshalb, was ihm denn fehle, und weshalb er heute nicht mit den übrigen Leuten des Hofes zur Kirche gegangen sei. Der Knecht erwiderte, daß er keine rechte Lust dazu gehabt hätte, er säße nun hier und dächte an seine Widerwärtigkeiten. Der Fremde sagte, daß es keine Entschuldigung für ihn sei, von der Kirche fortzubleiben, wenn er sich für einen schwergeprüften Mann hielte; denn jeder Mensch habe sein Kreuz zu tragen, und seine Widerwärtigkeiten würden ihm wohl dadurch nicht leichter werden, daß er es unterließe, zur Kirche zu gehen; er sollte deshalb gleich dorthin wandern, denn noch wäre der Tag nicht so weit verstrichen, daß er nicht früh genug zum Gottesdienst kommen könnte; außerdem wäre heute etwas später angefangen worden, da sich der Gottesdienst durch eine Beerdigung, die vorher stattgefunden hätte, etwas verspätet habe. Der Knecht sagte, daß er nicht gehen könnte, da ihm die Kirchenschuhe fehlten. Der Fremde antwortete, daß er ja mit den Schuhen gehen könnte, die er an den Füßen hätte. »Nein,« erwiderte der Knecht, »ich habe versprochen, nie mit ihnen zur Kirche zu gehen, wie lange ich auch in diesem ausgezeichneten Dienst bleibe, und für jeden Kirchgang habe ich immer andere Schuhe bekommen; aber heute früh wollte ich keine haben, da ich nicht mitgehen wollte.« Der Fremde fragte ihn, wie lange er denn schon in diesem Dienst sei. »Viel zu lange,« erwiderte der Knecht mit einem Seufzer, »das dritte Jahr hat schon angefangen.« »Gefällt dir der Dienst nicht?« fragte der Fremde. »Nein, gar nicht,« antwortete der Knecht, »es ist mein größtes Unglück, daß ich schon so lange hier bin.« »Was hält dich denn hier?« fragte der Fremde. »Mein Versprechen,« erwiderte der Knecht, und dann erzählte er, wie alles gekommen war. Als der Fremde seine Erzählung mitangehört hatte, sagte er, daß er sofort zur Kirche und zwar gerade in den Schuhen, die er anhätte, wandern und schnurstracks nach dem Grabe gehen sollte, das heute ausgeworfen worden sei; dann solle er die Schuhe in die geweihte Erde stecken und abwarten, wie es gehen würde, denn die Schuhe, die er nun das dritte Jahr an den Füßen trüge, wären aus dem Rückenstreifen der Haut eines alten Weibes, und die würden halten, auch wenn er sie bis in alle Ewigkeit hätte, wenn es sein Los sei, so alt zu werden. Der Knecht dankte dem Fremden für seinen guten Rat, bot ihm Lebewohl und lief fort zur Kirche. Als er auf den Kirchhof kam, merkte er, daß die Schuhe an den Nähten aufplatzten; sobald er aber mit ihnen in die Erde getreten war, lösten sie sich an seinen Füßen auf, so daß nichts weiter übrig blieb als die Einfassung und die Spannbänder. Mit diesen übriggebliebenen Fetzen auf dem Spann ging er in die Kirche hinein, wo der Pfarrer gerade auf die Kanzel getreten war. Als der Gottesdienst vorbei war, ging der Knecht zu dem Bauern und zeigte ihm, in was für einem Zustande sich die Schuhe nun befänden, daß nichts von ihnen übrig wäre als die bloße Einfassung, und gleichzeitig damit kündigte er ihm den Dienst.

Der Mann sagte dazu weiter nichts als die Worte: »Also bist du heute nicht umsonst von der Kirche fortgeblieben!«

Sagen von Saemund dem Weisen[11]

1. Die Schwarze Schule

In alten Tagen war irgendwo draußen in der Welt eine Schule, die »Die Schwarze Schule« hieß. Dort lernte man Zauberkünste und andere alte Weisheit. Die Schule war so eingerichtet, daß sie in einem sehr festen Erdhaus abgehalten wurde, in dem kein Fenster war, und aus diesem Grunde herrschte das tiefste Dunkel darin. Es war kein Lehrer dort, und man lernte alles aus Büchern, die mit feuerroten Buchstaben geschrieben waren, welche im Dunkeln gelesen werden konnten. Nie durften diejenigen, die dort in der Lehre waren, ins Freie gehen oder das Licht des Tages schauen, solange sie sich dort aufhielten; aber drei oder sieben Winter mußten sie in der Schule bleiben, um in ihrer Kunst ausgelernt zu haben. Eine graue und zottige Hand erschien jeden Tag durch die Wand und reichte den Schülern ihr Essen. Derjenige aber, dem die Schule gehörte, behielt sich als Eigentum denjenigen von den Schülern, welche die Schule jedes Jahr verließen, der zuletzt hinausging. Da sie nun aber alle wußten, daß der Teufel hier Schulmeister war, wollte jeder, soweit es in seiner Macht stand, vermeiden, der Letzte zu sein, der die Schule verließ.