Isländische Märchen und Volkssagen
Part 12
Einmal waren drei Isländer in der Schwarzen Schule: Saemund der Weise, Kalb Arneson und Halfdan Eldjernsson oder Einarsson, der später einmal Pfarrer zu Fell in Sletteli wurde. Sie sollten die Schule zu gleicher Zeit verlassen, und Saemund bot sich an, zuletzt hinauszugehen, womit die andern natürlich sehr einverstanden waren. Saemund warf sich nun einen großen Mantel um, ließ aber die Ärmel lose hängen und knöpfte ihn nicht zu. Man mußte eine Treppe hinaufsteigen, um die Schule verlassen zu können. Als nun Saemund die Treppe hinaufgekommen war, packte der Teufel seinen Mantel und sagte: »Du bist mein.« Saemund warf den Mantel fort, und der Teufel behielt nur diesen in der Hand. Die eiserne Tür aber krachte in ihren Angeln und schlug Saemund so hart auf die Füße, daß seine Fersen verwundet wurden. Da rief er: »Da schlug mir die Tür dicht auf den Fersen zu!« und später ist das ein Sprichwort geworden. So entkam Saemund der Weise samt seinen Genossen aus der Schule.
Andere erzählen dagegen, daß, als Saemund der Weise die Treppe hinaufging und an die Tür der Schwarzen Schule kam, die Sonne ihm entgegenschien und seinen Schatten an die Wand warf. Als nun der Teufel Saemund greifen wollte, sagte dieser: »Ich bin nicht der Letzte! Siehst du nicht den, der hinter mir kommt?« Der Teufel griff nach dem Schatten, den er für einen Menschen hielt; Saemund aber gelangte hinaus, während ihm die Tür auf die Fersen schlug. Von diesem Tage ab aber war Saemund immer ohne Schatten; denn den wollte der Teufel nicht hergeben.
2. Wie Saemund aus der Schwarzen Schule entkam
Es geschah auf Saemunds Auslandswanderung, damals als er nach der Schwarzen Schule zog, daß er über das, was ihm begegnete, seine Natur, seine Familie und seine Herkunft vergaß; er hatte auch seinen Namen vergessen und wurde in der Schule Buft genannt. Eines Nachts, als Saemund auf seinem Lager schlief, träumte er, daß Boge Einarsson zu ihm käme und sagte: »Schlecht beträgst du dich, Saemund; du bist nach dieser Schule gezogen, hast deinen Gott vergessen, dich selbst aufgegeben und deinen Taufnamen vergessen, und wenn du an dein ewiges Seelenheil denkst, dann ist es für dich am ratsamsten umzukehren.« »Dazu werde ich wohl nicht imstande sein,« antwortete Saemund. »Es war unmännlich von dir,« sagte Boge, »in die Schule zu gehen, aus der du nicht entkommen kannst, wenn du fortwillst!« »Ich habe in dieser Hinsicht keine Angst,« sagte Saemund, »denn du hast Klugheit für uns alle, Boge.« »Dann sollst du meinen Rat befolgen,« sagte Boge. »Wenn du fortgehen willst, lasse den Mantel lose über deinen Schultern hängen, denn dann wirst du hinausgelangen. Hier mußt du den Meister fürchten, der die Schule hält; denn er wird dich bald vermissen. Wenn du aber entkommen bist, so ziehe den Schuh von deinem rechten Fuß ab, fülle ihn mit Blut und trage ihn am ersten Tage so auf dem Kopf. Wenn aber der Abend gekommen ist, wird der Meister hinausgehen und in den Sternen lesen; denn er ist beschlagen im Laufe der Himmelskörper, und er wird deinen Stern suchen; dann wird er dich tot glauben und vom Schwert getötet; und es wird ihm scheinen, als ob ein blutiger Ring um deinen Stern ist. Am Tage wird er nicht versuchen, deinen Weg zu erspähen, dafür werde ich schon Sorge tragen. Am nächsten Tage fülle, ehe du deine Wanderung antrittst, deinen Schuh mit Wasser und Salz; daraus wird der Meister, wenn er deinen Stern sieht, schließen, daß du in der See ertrunken bist; dann wird es ihm scheinen, als fließe ein Meer um deinen Stern. Ehe du am dritten Tage deine Wanderung beginnst, wirst du dir entweder selbst oder auch einem anderen zur Ader lassen, an der Stelle, an der sich Rücken und Seite treffen, und das Blut in deinen Schuh herabfließen lassen; danach nimm Erde und vermische sie mit dem Blut und sprich ein gutes Wort darüber, damit die Erde geweiht ist, und dann trage den Schuh den ganzen dritten Tag auf dem Kopf. Wenn aber der Meister deinen Stern untersucht, wird er eine Erdkugel um ihn sehen, und daraus wird er dann schließen, daß du tot und bestattet bist, und das wird ihm als große Begebenheit erscheinen. Dann aber wird er entdecken, daß du noch völlig am Leben bist. Da wird er sich über deine Weisheit wundern und denken, daß er selbst sie dich gelehrt hat, und er wird dir alles mögliche Glück wünschen, und du wirst dieser Schwierigkeit entgangen sein.«
Auf diese Weise gelangte Saemund aus der Schwarzen Schule und kam wieder in sein Heimatland zurück.
3. Wie Saemund die Pfarrstelle in Odde bekam
Als Saemund, Kalb und Halfdan aus der Schwarzen Schule gekommen waren, war die Pfarrstelle in Odde frei geworden, und sie baten nun alle den König (von Dänemark), sie ihnen zu geben. Der König wußte sehr gut, mit wem er es zu tun hatte, und er sagte deshalb, daß derjenige von ihnen die Pfarrstelle bekommen würde, der zuerst hinüberkäme. Sogleich ging Saemund hin und rief den Teufel und sagte zu ihm: »Schwimme jetzt mit mir nach Island, und wenn du mich ans Land bringst, ohne daß mein Rockschoß naß wird, dann sollst du mich haben!« Der Teufel war damit einverstanden, nahm die Gestalt eines Seehunds an und schwamm davon, mit Saemund auf dem Rücken. Unterwegs aber las Saemund ununterbrochen im Gesangbuch. Bald waren sie in der Nähe von Island. Da schlug Saemund dem Seehund mit dem Gesangbuch auf den Kopf, so daß er versank, er selbst aber tauchte unter und schwamm ans Land.
Auf diese Weise wurde der Teufel um den Lohn geprellt, während Saemund die Pfarrstelle in Odde bekam.
4. Wie Saemund sein Heu bei trockenem Wetter einbrachte
Saemund hatte einmal eine Menge trockenes Heu auf der Wiese, und es drohte Regen. Er bat deshalb seine sämtlichen Leute, sich anzustrengen, das Heu zusammenzubringen, ehe der Regen beginne. Es lebte damals bei ihm in Odde ein altes Weib, mit Namen Thorhildur; zu ihr ging der Pfarrer und ersuchte sie, auf den Heimacker hinauszuhumpeln und zusammenzuharken, was von dem Heu sonst verloren ginge. Sie versprach, es zu versuchen, nahm eine Harke in die Hand und band die Haube, die sie zu tragen pflegte, auf den Stiel, worauf sie hinaushumpelte. Bevor sie ging, Sagte sie zu Pfarrer Saemund, daß er selber auf dem Heuhof zugegen sein sollte, um das Heu in Empfang zu nehmen; denn die Knechte würden nicht lange Zeit brauchen, um es zu binden und nach Hause zu tragen. Der Pfarrer versprach, ihren Rat zu befolgen, das würde wohl das beste sein, meinte er.
Kaum aber war die Alte auf den Heimacker hinausgekommen, als sie das Ende der Harke unter jeden Heuschober steckte und sagte: »Hin auf den Heuhof zu Saemund!« Das waren Zauberworte, denn jeder Schober, den die Alte mit diesen Worten auf den Harkenstiel hob, flog sofort auf den Heuhof. Da sagte Saemund zu dem Teufel und seinen Kleinteufelchen, daß es nun wohl am besten wäre, das Heu geschwind in Diemen zu setzen. Es dauerte nicht lange, bis sie das ganze Heu trocken auf dem Heuhof hatten. Später sagte Saemund zu der Alten: »Du kannst mehr als dein Vaterunser, Thorhildurchen!«
Sie aber erwiderte: »Es ist leider nicht mehr viel davon übrig geblieben, denn das meiste, was ich in meiner Jugend gekonnt habe, habe ich jetzt vergessen.«
5. Wie Saemund den Teufel in seinen Dienst nahm
Einmal fragte Pfarrer Saemund den Teufel, wie klein er sich machen könne. Der Teufel antwortete, daß er sich so klein wie eine Mücke machen könne. Da holte Saemund einen Bohrer und bohrte ein Loch in einen Balken, worauf er dem Teufel gebot, dahineinzukriechen. Der Teufel brauchte nicht viel Zeit, um hineinzufliegen; kaum aber war er glücklich drin, als Saemund einen Pfropfen in das Loch steckte, und wie sehr nun auch der Teufel jammerte und schrie und bettelte, Saemund nahm den Pfropfen doch nicht aus dem Loch, ehe der Teufel ihm versprochen hatte, immer zu tun, was er je von ihm verlangen würde.
Das war die Ursache, daß Saemund den Teufel stets dazu bringen konnte auszuführen, was es auch sein mochte.
6. Wie Saemund den Teufel in Verlegenheit brachte, als er sich in eine Fliege verwandelt hatte
Der Teufel sah Saemund den Weisen stets scheel an, weil es ihn ärgerte, daß er in allem, was sie miteinander zu tun hatten, immer den Kürzeren zog. Deshalb versuchte er, sich auf jede Weise an dem Pfarrer zu rächen, obgleich es ihm nicht gelingen wollte.
Einmal verwandelte er sich in eine ganz kleine Fliege und versteckte sich unter der Sahne auf der Milch in des Pfarrers Eßnapf, um auf diese Weise in ihn hineinzukommen und ihn zu töten. Als nun der Pfarrer den Eßnapf in die Hand nahm, entdeckte er die Fliege sofort; er wickelte deshalb erst die Sahne von der Milch um sie herum, zog die Blase von einem neugeborenen Kalb darüber und legte dann das Päckchen auf den Altar. Der Teufel mußte es sich nun gefallen lassen, darin zu hocken, während der Pfarrer die Messe las. Als sie vorbei war, machte Saemund das Päckchen auf und ließ den Teufel entschlüpfen.
Es wird aber versichert, daß der Teufel es für die schlimmste Klemme hielt, in die er je geraten war, daß er auf dem Altar liegen mußte, während Pfarrer Saemund die Messe las.
7. Die Teufelsflöte
Saemund der Weise hatte eine Flöte, die die Eigenschaft hatte, daß, wenn man darauf blies, ein oder mehrere Kleinteufelchen zu dem Flötenspieler kamen und fragten, was sie tun sollten.
Einmal hatte Saemund die Flöte in seinem Bett unter dem Kopfkissen liegen lassen, wo er sie nachts zu verstecken pflegte. Abends gebot er der Magd, sein Bett zu machen, wie sonst, warnte sie aber, wenn sie etwas Außergewöhnliches im Bett fände, es anzufassen, sie solle es liegen lassen, wo es läge.
Die Magd begann das Bett zu machen, kaum aber entdeckte sie die Flöte, als die Neugierde sie zu kitzeln begann. Sie nahm sie gleich in die Hand, besah sie sich von allen Seiten, und schließlich blies sie darauf. Da kam ein Teufelchen zu ihr und fragte sie: »Was soll ich tun?« Das Mädchen erschrak, ließ sich aber nichts anmerken.
Es traf sich, daß gerade an diesem Tage zehn von Pfarrer Saemunds Schafen geschlachtet worden waren und sämtliche Felle vor der Tür lagen. Da gebot die Magd dem Teufelchen hinauszugehen und alle Haare an den Fellen zu zählen, und wenn es damit fertig geworden wäre, ehe sie das Bett gemacht hätte, wollte sie sein werden. Das Teufelchen ging sofort hinaus und begann eifrig zu zählen, und die Magd beeilte sich, das Bett zu machen. Als sie damit fertig war, hatte das Teufelchen noch ein Fell zu zählen, und es kam um den Lohn.
Saemund fragte nachher die Magd, ob sie denn nichts im Bett gefunden hätte. Da erzählte sie ihm alles, wie es war, Saemund aber gefiel ihre Geistesgegenwart.
8. Der Teufel als Stallknecht
Saemund dem Weisen fehlte einmal ein Stallknecht, und er holte deshalb den Teufel und setzte ihn hin, den Stall zu hüten. Alles ging gut, und der Teufel erfüllte pünktlich seine Pflichten bis gegen das Frühjahr. Am ersten Osterfeiertag aber, als Sira Saemund auf der Kanzel stand, trug der Teufel den ganzen Mist auf einen Haufen vor der Kirchentür zusammen, so daß der Pfarrer nach beendetem Gottesdienst nicht aus der Kirche heraustreten konnte. Als er sah, wie es bestellt war, lud er den Teufel vor sich und ließ ihn, ob er nun wollte oder nicht, den ganzen Mist von der Kirchentür auf seinen Platz zurückbringen. Und so nachdrücklich ließ ihn der Pfarrer das Stück Arbeit ausführen, daß er ihn sogar die Reste mit der Zunge auflecken ließ. Da leckte der Teufel so stark, daß in dem Stein vor der Kirchentür ein Vertiefung entstand. Dieser Stein liegt noch immer in Odde, obgleich nur noch der vierte Teil davon übrig ist. Er liegt nun vor dem Hoftor, und noch heutigen Tages ist die Vertiefung in dem Stein zu sehen.
9. Wie Saemund der Weise seinem Stallknecht das Fluchen abgewöhnte
Einmal diente bei Saemund dem Weisen ein Stallknecht, der schlimm aufs Fluchen war, und oft rügte ihn der Pfarrer deswegen. Er sagte dem Stallknecht, daß der Teufel und seine Teufelchen von den Flüchen und bösen Worten der Menschen lebten. »Ich würde wahrhaftig nie mehr ein böses Wort sagen,« sagte der Stallknecht, »wenn ich wüßte, daß der Teufel dadurch hungern muß.«
»Ich werde ja bald erfahren, ob du es ernst meinst oder nicht,« erwiderte Saemund.
Er setzte nun ein kleines Teufelchen in den Stall. Dem Stallknecht aber gefiel der Gast nicht; denn das Teufelchen tat alles, um ihn zu necken und zu ärgern, und der Stallknecht hatte seine liebe Not, sich des Fluchens zu enthalten. Jedoch gelang es ihm eine Zeitlang, und er sah bald, daß das Teufelchen mit jedem Tag magerer wurde; er freute sich köstlich, als er das merkte und fluchte jetzt nie mehr.
Als er eines Morgens in den Stall kam, fand er alles kurz und klein geschlagen und sämtliche Kühe, deren eine große Menge da war, mit den Schwänzen zusammengebunden. Da wandte sich der Stallknecht an das Teufelchen, das so erbärmlich und elend in seinem Stand lag und überschüttete es unter den furchtbarsten Schimpfworten und greulichsten Flüchen mit seinem Zorn. Zu seinem großen Kummer und Arger mußte er dann mitansehen, wie der Kleine wieder auflebte und plötzlich so rund wurde, daß nicht viel gefehlt hätte, bis er ganz feist geworden wäre. Da wurde der Stallknecht wieder ruhig und hörte mit seinem Fluchen auf. Er sah nun, daß Pfarrer Saemund die Wahrheit gesprochen hatte, legte das Fluchen ab und sprach seitdem kein böses Wort. Das Teufelchen, das von seinen schlechten Redensarten leben sollte, ist denn auch schon längst tot und verschollen.
Und es wäre wohl für dich und mich am besten, wenn wir es ebenso machten wie der Stallknecht.
10. Der Teufel und der beschränkte Bursch
Es wurde einmal ein Bursch, den man für außerstande hielt, etwas zu lernen, zu Sira Saemund gebracht, damit dieser ihm Religion beibringen sollte. Der Bursch aber war sehr beschränkt, und es fiel ihm äußerst schwer, etwas zu begreifen; er selbst war sehr betrübt darüber, und so manches Mal wünschte er sich Auffassungsgabe. Da träumte er eines Nachts, daß ein Mann zu ihm käme und ihn fragte, ob er wünschte, daß er ihm Auffassungsgabe verliehe. Dem Burschen war es, als sagte er ja dazu. Da verlangte der Traummann als Entgelt dafür, daß der Bursch im nächsten Frühjahr zur Kreuzmesse bei ihm Dienst nähme, und der Bursch willigte ein. Darauf verschwand der Traummann.
Nach dieser Nacht fiel dem Burschen das Lernen so leicht, daß der Pfarrer sich schier darüber wunderte; zugleich aber war der Bursch ein ganz anderer geworden, als er zuvor gewesen war; denn jetzt war er traurig und schwermütig. Dem Pfarrer fiel das auf, und er begann, ihn nach dem Grund dieser Veränderung zu befragen. Lange wollte der Bursch nichts darüber sagen, schließlich aber erzählte er dem Pfarrer, wie alles gekommen sei. Dem Pfarrer wurde dabei etwas sonderbar zumute, und er sagte, daß es wohl kaum ein Mensch gewesen wäre, von dem er damals geträumt hätte, sondern vielmehr der Teufel, der ihn in sein Netz locken wollte; nichtsdestoweniger aber bat ihn der Pfarrer, guten Muts zu sein und nach bestem Wissen zu handeln. Der Winter verstrich, und man näherte sich der Zeit der Kreuzmesse.
Am Abend vor der Kreuzmesse gebot Saemund dem Burschen, ihm nach der Kirche zu folgen. Als sie dort hingekommen waren, führte ihn der Pfarrer an den Altar, zog ihm die Meßkleider an, gab ihm die Monstranz und den Kelch in die Hand und hieß ihn sich umdrehen. Er gebot ihm, dort stehen zu bleiben, ohne sich zu bewegen, und jedem, der zu ihm träte, Brot und Wein zu reichen, und wenn der zu ihm Tretende nichts genießen wolle, so dürfe er nichts sprechen; und wenn Pfarrer Saemund auch selbst zu ihm käme, dürfe er ihn nicht ansprechen, wenn er Brot und Wein nicht genösse. Dann ging Saemund fort, der Bursch aber tat, wie ihm der Pfarrer vorgeschrieben hatte.
Als er eine Weile am Altar gestanden hatte, kam derselbe Mann zu ihm, den er früher im Traum gesehen hatte. Nun, sagte er, wäre er gekommen, um ihn zu holen, und hieß ihn die Meßkleider sofort ausziehen und das Ding fortstellen, das er in der Hand hatte. Der Bursch erwiderte hierauf nichts, sondern reichte ihm nur Brot und Wein. Der andere aber sagte, daß er nicht gekommen sei, um das Abendmahl bei ihm zu nehmen, und forderte ihn eindringlich auf, jetzt zu kommen; der Bursch aber ließ sich nicht irreführen, und der andere begab sich unverrichteter Sache wieder fort. Danach war es dem Burschen, als kämen viele seiner Freunde, einer nach dem andern, zu ihm, und bäten ihn im bösen und im guten, den Ort zu verlassen, an dem er stand. Er aber reichte ihnen nur Brot und Wein, keiner von ihnen aber hatte Lust dazu. Da war es ihm, als träte Pfarrer Saemund auf ihn zu und fragte grimmig, was er dort zu tun hätte, indem er ihm gebot, die Kleider sofort auszuziehen, die Dinge wegzustellen, die er in der Hand hatte, und mit hinauszukommen. Auch ihm antwortete der Bursch nichts, sondern reichte ihm nur Brot und Wein. Da machte Pfarrer Saemund ein höhnisches Gesicht, indem er sagte, daß er nicht gekommen sei, um Wohltaten aus seiner Hand zu empfangen, und darauf verschwand auch er. Dem Burschen schien es nun, als kämen allerlei Gespenster und Ungeheuer, ja sogar Teufel herein; es war, als zittere und schwanke die ganze Kirche, und er glaubte, daß sie jeden Augenblick in die Erde versinken oder einstürzen könne. Da erschrak er so sehr, daß er um ein Haar die heiligen Geräte hätte aus den Händen fallen lassen, um sein Heil in der Flucht zu suchen; da hörte er aber, daß die Glocken geläutet wurden. Nun verschwanden augenblicklich alle Mirakel, die er vor seinen Augen zu sehen geglaubt hatte; Pfarrer Saemund aber kam in die Kirche hinein, ging zum Altar und kostete von Brot und Wein. Er sagte darauf zu dem Burschen, daß jede Gefahr vorüber sei; denn jetzt würde ihm keiner mehr nachstellen. Der Bursch war herzlich froh über seine Befreiung und dankte dem Pfarrer, so gut er vermochte. Von dieser Zeit ab war er Saemund sehr zugetan, und man erzählt, daß er seine Fassungsgabe bis zu seinem Todestag behielt und ein ausgezeichneter Mann wurde.
11. Der Wunschaugenblick
Saemund der Weise erzählt, daß es an jedem Tage einen Wunschaugenblick gäbe, der jedoch nicht länger dauere als eine Sekunde, und daß es deshalb für einen Menschen kaum möglich sei, ihn abzupassen. Andere dagegen erzählen, daß nur am Sonnabend der Wunschaugenblick vorkäme.
Einmal saß Saemund in der Badstube, während seine Mägde darin beschäftigt waren. Da sagte er plötzlich: »Paßt auf, Dirnen, jetzt ist der Wunschaugenblick gekommen; wünscht euch nun, was ihr am liebsten haben möchtet.«
Da trällerte eine der Mägde und sagte:
»Von allem, was im Weltenrund Ich wünschen mag vom Schönen? Am liebsten, daß mich Saemund Beschenkt mit sieben Söhnen!«
»Daß du stirbst, wenn du den letzten gebärst!« rief Saemund aus; denn er war der Magd des Wunsches wegen gram. Diese Magd hieß Gudrun, und sie wurde Pfarrer Saemunds zweite Frau. Sie bekamen sieben Söhne miteinander, wie sie sich gewünscht hatte, die Frau aber starb im Wochenbett nach dem letzten.
Saemund hob die Kleider, die Gudrun als Magd getragen hatte, auf und hielt sie ihr oft vor Augen, um ihren Stolz zu dämpfen; denn sie war sehr hochmütig über die Ehre, die sie erworben hatte. Es wird unter anderem als eine Äußerung ihres Hochmuts erzählt, daß sie, als einmal ein armer Mann zu ihr kam und sie um einen Labetrunk bat, ihm also antwortete:
»Bester, sieh, der Bach fließt nah, Trink wie Bischofs Pferd auch da!«
12. Saemund der Weise auf dem Sterbebett
Saemund hatte das kleine Mädchen eines armen Mannes als Pflegetochter angenommen. Er freute sich sehr mit ihr und liebte sie über alles, so daß er sie immer in seiner Nähe haben und sich nie von ihr trennen wollte. Als er in den letzten Zügen lag, ließ er sie am Fußende seines Bettes liegen; denn er hielt sie für am besten geeignet, Zeugin seines Todes zu sein. Es ahnte ihm, während er krank dalag, daß dies sein Sterbelager sein würde; und zugleich konnte das Mädchen ihm anmerken, daß er in Furcht und Zweifel war, ob er nach dem Tode zur Glückseligkeit des Himmels eingehen würde, oder ob er an einen anderen Ort müßte.
Am Abend, ehe er starb, bat er seine Pflegetochter, nachts bei ihm zu wachen und genau aufzupassen, daß sie nicht einschliefe; denn seine Gedanken sagten ihm, daß er in dieser Nacht sterben sollte; wenn das aber der Fall wäre, dann würden Zeichen erscheinen, was in der anderen Welt aus ihm werde; und darum bat er sie, alles genau zu beobachten, um seinen Verwandten und Freunden mit voller Sicherheit erzählen zu können, welcher der beiden Aufenthaltsorte sein Los wäre. Als er das gesagt hatte, schwieg er und begann einzuschlafen, während das Mädchen getreulich bei ihm wachte.
Im Laufe der Nacht sah sie, daß sich die Bodenkammer, in der sie sich befanden, mit Teufelchen füllte. Es schien ihr, als ob sie Saemund mit ihren Versprechungen zu etwas Bösem verlocken wollten, aus seinen Worten und Mienen aber schloß sie, daß er ihnen in nichts zu willen sein wollte. Als die Teufelchen auf diese Weise nichts auszurichten vermochten, versuchten sie, Saemund durch Drohungen zum Bösen zu bewegen. Diesen aber widerstand er ebenso mannhaft, wie er zuvor ihren Lockungen widerstanden hatte. Darauf verschwanden die Teufelchen; kaum aber waren sie fort, als sich die Kammer mit gefräßigen Mücken füllte, die Saemund angriffen. Er hatte aber so viel Kraft verloren, daß er sich der Mücken nicht erwehren, noch sie verscheuchen konnte. Während aber der Mückenschwarm ihn aufs schlimmste biß, sah sie, daß ein Lichtglanz aus seinen Augen emporschwebte, und da wußte sie, daß es seine Seele war, die sich zu den Gefilden der Seligen aufschwang.
Da war aber auch der ganze Mückenschwarm verschwunden und Saemund der Weise entschlafen.
Fußnoten:
[11] Saemund der Weise, der Sammler der Sänge der älteren Edda, war einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit.
Sagen von Kalb Arneson
1. Wie der Teufel genasführt wurde
Man erzählt, daß sich Kalb Arneson dem Teufel verschrieb, als er sich in der Schwarzen Schule aufhielt. Als er nun nach Island zurückgekehrt war, hatte er keinen größeren Wunsch, als von diesem Versprechen entbunden zu werden; wie er sich aber anstellen sollte, um das zu erreichen, wußte er nicht. Schließlich nahm er den Ausweg, daß er Saemund dem Weisen einen Besuch abstattete, um ihn um einen guten Rat in dieser verzwickten Sache zu bitten. Saemund gab ihm den Rat, sich ein Stierkalb zuzulegen und es Arne zu nennen, dann sollte er ein anderes Kalb, das von diesem Stier gezeugt wäre, aufziehen, es Kalb nennen und »das sei Kalb Arneson«.
Kalb befolgte den Rat, den ihm Saemund gegeben hatte, und nach einiger Zeit kam der Teufel, um sich, wie er sagte, Kalb Arneson zu holen. Kalb sagte, daß nichts im Wege stehe, worauf er das Kalb holte, das er großgezogen hatte, und es dem Teufel mit den Worten übergab: »Hier hast du Kalb Arneson.« Der Teufel konnte dagegen nichts einwenden, und obgleich es seiner Meinung nach eine schlechte Erfüllung des Versprechens war, mußte er gute Miene zum bösen Spiel machen und Kalb Arneson fahren lassen, der starb, nachdem er ein ehrenvolles Alter erreicht hatte.
2. Kalb besucht Saemund den Weisen