Isländische Märchen und Volkssagen
Part 13
Ein andermal wollte Kalb Arneson Saemund den Weisen in Odde besuchen und sagte seinen Leuten, daß er versuchen wolle, ihn ganz unerwartet zu überraschen. Es wird von Kalbs Fahrt nichts erzählt, bis er bei Nacht in Odde ankam und leise an die Tür klopfte. Saemund hörte, daß geklopft wurde und befahl einem seiner Knechte, an die Tür zu gehen, um zu sehen, wer der Ankömmling sei. Der Knecht ging hinaus, konnte aber keinen Menschen entdecken; er ging deshalb wieder hinein und sagte, daß niemand draußen stände. Da wurde zum zweitenmal geklopft, und Saemund befahl einem andern Knecht, zur Tür zu gehen. Der Knecht gehorchte, und da er draußen niemand erblicken konnte, ging er um den ganzen Hof herum, sah aber trotzdem keinen Menschen; er ging daher unverrichteter Sache wieder hinein und sagte, daß er niemand draußen gesehen hätte. Da wurde zum drittenmal an die Tür geklopft. Nun sprang Saemund selber auf, indem er sagte, daß wohl er es sei, mit dem der Ankömmling zu sprechen wünsche. Er ging hinaus und sah seinen Genossen Kalb Arneson draußen stehen, und sie begrüßten sich freundschaftlich. Kalb bat um Obdach, und das wurde ihm nicht verweigert, wie man sich wohl denken kann. Er bat Saemund, sein Pferd anzubinden, und Saemund begann, nach einem solchen zu suchen. Kalb sagte, daß es ja eigentlich eine Schande sei, von ihm zu verlangen, daß er sein Pferd anbinden solle, er glaube jedoch, sagte er, daß er ihn darum bitten müsse. Saemund sagte, daß er es schon tun werde, und sogleich machte er sich daran, es ging ihm aber eine geraume Zeit nur schlecht von Händen. Kalb tat, als wundere er sich darüber, wie lange er brauchte, um sein Pferd anzubinden, und fragte ihn, ob er das nicht verstände. Saemund erwiderte, er glaube es doch zu verstehen, er könne aber gar keine Füße unter dem Pferd finden. Kalb sagte, daß sie aus dem Bauche herausständen wie bei jedem anderen Pferd. Saemund antwortete, es sei, wie es wolle, dieses Pferd habe keine Füße, wenigstens könne er sie nicht finden. Es verstrich nun eine gute Zeit, in der Saemund fortfuhr, die Füße des Pferdes zu suchen, und schließlich ließ er dieses Stück Arbeit sein, so daß man nicht weiß, ob er je das Pferd angebunden hat oder nicht. Dann lud Saemund Kalb ein hereinzukommen, und dieser nahm das mit Dank an. Saemund ging mit einer Kerze in der Hand voraus und wartete ganz am Ende des Ganges auf Kalb. Kalb aber zögerte noch draußen. Nach Verlauf einer ganzen Zeit kam Saemunds Frau heraus und fragte, wer der Ankömmling sei. Saemund sagte es ihr. Sie fragte ihn, ob er denn den Gast aufgefordert hätte, hereinzukommen. Saemund erwiderte, daß er das schon längst getan habe. Da wollte sie hinausgehen und ihn nochmals einladen, ins Haus zu kommen; das wollte aber Saemund nicht haben, er würde schon bald kommen, meinte er. Es verging noch eine geraume Zeit, bis Kalb endlich ganz außer Atem hereinkam und Saemunds Frau bat, ihm einen reichlichen Trunk zu bringen. »Brauchst du viel zu trinken?« fragte Saemund. Kalb antwortete: »Es könnte leicht geschehen, daß andere als ich trinken müssen, ehe der Abend um ist.«
Sie geleiteten Kalb dann in eine Stube und tischten ihm Speise auf und gaben ihm ein Messer zum Essen. Als er aber mit dem Messer schneiden wollte, war es ganz stumpf. Saemund fragte ihn, ob das Messer nicht scharf sei. Kalb erwiderte nein. Saemunds Frau sagte, daß es nicht ihre Absicht gewesen wäre, ihm eins ihrer schlechtesten Messer auszusuchen, und daß dies Messer ihrer Meinung nach scharf sein müsse. Saemund bat um das Messer; er wolle versuchen, es zu wetzen. Kalb gab ihm das Messer, und als es Saemund gewetzt hatte, reichte er es Kalb wieder und sagte, daß er sich jetzt damit vorsehen möge, denn nun glaube er, daß es scharf genug sei. Kalb erwiderte, daß er davor keine Angst habe; als er aber das erste Stück abschnitt, schnitt das Messer durch Brett und Tisch und fuhr ihm tief in den Schenkel hinein. Saemund sagte, daß er ihn ja gebeten hätte, sich vorzusehen, da das Messer scharf sei. Kalb antwortete, daß die Wunde nicht tödlich sei und verband sie dann.
In diesen Zeiten war es Sitte und Brauch, vor und nach der Mahlzeit ein Tischgebet zu lesen. Während Kalb nach beendeter Mahlzeit das Tischgebet las, fiel Saemund wie tot vom Stuhl, und Kalb gebot, man solle ihn sofort mit Wasser besprengen. Saemund erholte sich wieder, und als ihn Kalb nun aufforderte, etwas Wasser zu trinken, tat er es sofort. Da sagte Kalb: »Sagte ich nicht, daß andere als ich heute abend noch trinken müßten, als ich um einen reichlichen Trunk bat, nachdem ich mich nach der Tür müde gesucht hatte?« Dann hörten sie mit diesen Neckereien auf und schwatzten miteinander darüber, wer von ihnen wohl der Klügste sei.
Später aber erzählte Kalb, daß Saemund mehr in der Schwarzen Schule gelernt hätte als er, und daß er daher mehr könne als er.
3. Kalb schickt den Teufel aus, um einen Pfarrer zu holen
Kalb verfiel einmal in eine gefährliche und schwere Krankheit. Da trat der Teufel zu ihm ans Lager und sagte, daß er beabsichtige, anwesend zu sein, wenn er sterbe. Kalb erwiderte, daß er diesmal wohl nicht sterben würde; trotzdem aber bat er den Teufel, einen Pfarrer zu holen, der nicht geldgierig sei; es hätte weiter keine Eile, sagte er, denn sein Krankenlager würde langwierig werden. Der Teufel wurde dabei ganz still und meinte, es sei nicht so ganz einfach, solch einen Mann zu finden. Kalb erwiderte, daß der Teufel ihn, Kalb, nicht bekäme, wenn er nicht einen solchen Pfarrer bringen könne, der Vertrag zwischen ihnen wäre dann ungültig.
Der Teufel zog also davon und blieb lange fort; er suchte sorgfältig, fand aber keinen, der nicht geldgierig war. Nach vieler Mühe und langem Suchen brachte er jedoch einen Pfarrer zu Kalb, von dem er erzählte, daß er ihn weit weg in fernen Ländern gefunden habe; zwar wäre er nicht ganz frei von Geldgier; es gäbe aber nur einen Pfarrer, da unten in Deutschland, der in dem Ruf stände, nicht geldgierig zu sein, aber er hätte nicht an ihn herangekonnt, eines leuchtenden Feuers wegen, das die ganze Zeit um ihn gelodert hätte.
Kalb sagte, daß er mit dem Pfarrer, den der Teufel gebracht hätte, nichts zu tun haben wolle, da er nicht ganz frei von Geldgier sei, und der Teufel habe daher kein Recht auf Bezahlung.
Und so mußte der Teufel mit langer Nase abziehen.
4. Kalbs Tod
Als Kalb ein sehr hohes Alter erreicht hatte, wurde er schwer krank, und er wußte im voraus, daß die Krankheit sein Tod werden würde. Er gebot deshalb allen Leuten des Hauses, den Hof zu verlassen und die Kammer zu verschließen, in der er liege, den Schlüssel jedoch im Loche stecken zu lassen. Er bat die Leute, nach einer bestimmten Zeit zurückzukommen, sie sollten sich aber nicht darum kümmern, daß sie vielleicht verschiedene Gegenstände auf dem Hof aus den Fugen gebracht oder entzweigeschlagen vorfänden; wenn aber alles in seiner Schlafkammer stehen geblieben wäre, wie es gestanden habe, dann sollten sie ihn mit allen Zeremonien beerdigen; wäre dagegen etwas darin zerstört oder entzweigeschlagen, dann sollten sie ihn wie einen Kadaver an irgendeiner Stelle verscharren. Kalb hatte einen Pflegesohn, der Arne hieß und ihm sehr lieb war; dieser wollte nicht mit den übrigen Leuten des Hofes fortgehen und versteckte sich deshalb hinter der Umzäunung des Hofes, als die anderen fortgingen. Nach Verlauf einer kurzen Zeit sah Arne den Teufel angehumpelt kommen. Erst ging der Teufel um die ganze Umzäunung herum und dann in den Hof hinein, wo er eine Zeitlang umherging und tobte. Schließlich ging er ins Haus und tummelte sich lange darin und machte viel Gepolter. Nach geraumer Zeit schlich sich Arne in das Haus und öffnete die Tür zu der Kammer, in der sein Pflegevater Kalb lag. Da war Kalb tot, alle Sachen aber in seiner Kammer standen genau so da, wie sie früher gestanden hatten, und Arne sah nichts vom Teufel.
Da wurde Kalb Arneson mit allen Zeremonien auf dem Kirchhof beerdigt, wie er es selbst verlangt hatte.
Gudbjart Floke und der Bischof von Holar
Der Pfarrer Gudbjart Floke in Laufaas war der klügste Mann seiner Zeit; da er aber sehr gutmütig war, tat er niemandem etwas mit seiner Kunst zuleide. Dennoch nahm der Bischof auf Holar Anstoß an dem Gerücht als Zauberer, das der Pfarrer auf sich gezogen hatte, und er faßte daher den Entschluß, ihn seines Amtes zu entheben. In dieser Absicht zog er mit einigen Priestern und jungen Leuten im Gefolge aus; als sie aber ein kleines Stück Weges gegangen waren, verloren sie die Richtung und wußten nicht wohin, und entdeckten erst, wo sie waren, als sie sich zu Hause, auf Holar, hinter dem Hofzaun befanden.
Nichtsdestoweniger zog der Bischof das zweitemal aus, und er war mit seinen Männern schon nördlich der Hjaltetalsheide, als sie bei hellichtem Tag von einem Schneetreiben mit starkem Sturm und Frost überrascht wurden. Plötzlich befiel sie alle ein Drang, ihre Notdurft zu verrichten; als sie sich aber wieder erheben wollten, waren sie nicht dazu imstande; sie waren nahe daran zu erfrieren und sahen schließlich keinen andern Ausweg zur Rettung, als das Versprechen zu geben,wieder nach Hause zurückzukehren. Die Leute frohlockten über die Reisen des Bischofs, Sira Gudbjart aber tat das nie; er glaube nicht, sagte er, daß er es sei, den der Bischof aufsuchen wolle; denn dazu hätte er nicht ein so großes Gefolge mitzunehmen brauchen.
Einige Zeit später war der Bischof mit noch einem Mann auf der Reise im Oefjord, und bei dieser Gelegenheit machte er einen Abstecher zum Hause des Sira Gudbjart; diesmal verlief alles gut, und es traf sich, daß niemand draußen war. Der Bischof trat gleich in das Haus und sah den Pfarrer am Tisch sitzen, den Kopf auf die Hand gestützt, mit einem Buch vor sich auf dem Tisch. Der Bischof ergriff das Buch, wie er es aber auch wandte und drehte, er fand doch nur unbeschriebene Blätter. Der Bischof fragte den Pfarrer, wozu er das Buch benutzen wolle, und der andere erwiderte, es diene zum Einschreiben von Predigten.
»So! Predigten!« antwortete der Bischof zornig, »du, der den Teufel anbetet!«
Aber kaum hatte er das letzte Wort ausgesprochen, als er ein Grab sich öffnen sah, aus dem eine bläuliche Flamme schlug. Er selber stand am äußersten Rand, während eine graue Hand seinen Mantelschoß faßte und ihn in die Flamme hinabziehen wollte. Der Bischof stieß einen Schrei aus und sagte: »Helft mir, um Gottes willen, Herr Pfarrer!« Sira Gudbjart reichte ihm die Hand und sagte: »Laß ihn los, Satan!« und alles war wieder, wie es gewesen war. Dann sagte der Pfarrer: »Es ist nicht weiter merkwürdig, daß der Böse denen so nahe ist, die seinen Namen im Munde führen, anstatt Gottes Segen über das Haus herabzuflehen; ich bin gewöhnt, das zu tun, und dennoch beschuldigst du mich, von dem rechten Glauben gelassen zu haben.«
Der Bischof wurde nun sanfter in seiner Rede. Sie sprachen lange miteinander und trennten sich in Freundschaft, und von dieser Zeit an sagte der Bischof, daß er nur wünschen könne, daß alle so gottesfürchtig wären wie sein lieber Gudbjart.
Aber später merkte man nie etwas davon, daß der Pfarrer Gebrauch von seiner Kunst machte.
Die Frau von Malmö
Es wird erzählt, daß der Fluch auf dem Hof Malmö im Skagefjord lastete, daß niemand länger als zwanzig Jahre dort aushalten könne.
Zur Zeit des Pfarrers Halvdan Einarsson wohnte auf diesem Hof ein Bauer, mit Namen Jon. Er hatte sich als junger Mann auf Malmö niedergelassen und nie einen anderen Hof bewirtschaftet, und nun waren die zwanzig Jahre um, während deren er sich dort ohne Gefahr aufhalten konnte; da er aber ein mutiger Mann und nicht sehr abergläubisch war, und da er außerdem den Hof von seinem Vater geerbt und immer gute Tage gesehen hatte, wollte er ihn nicht verlassen, und das einundzwanzigste Jahr verging, bis kurz vor Weihnachten, ohne daß etwas Merkwürdiges geschah.
Am Tage vor Heiligabend aber verschwand die Frau von Malmö, ohne daß jemand entdecken konnte, wo sie geblieben war, obgleich man weit umher suchte. Der Bauer Jon nahm sich das sehr zu Herzen und wollte sich Gewißheit darüber verschaffen, wie das Verschwinden seiner Frau zu erklären sei. Er zog daher zu Pfarrer Halvdan nach Fell, und als er dort angekommen war, wünschte er den Pfarrer zu sprechen, und dann erzählte er ihm seine Not. Der Pfarrer sagte, daß er ihm schon verraten könne, was aus seiner Frau geworden wäre, und wo sie geblieben sei, es würde ihm aber nichts nützen, das zu erfahren, denn von nun ab würde er keine Freude mehr an seiner Frau haben. Der Bauer fragte, ob er es so einrichten könne, daß er seine Frau zu sehen bekäme. »Denn sehr würde mein Gemüt erleichtert werden, wenn ich sie sehen und erfahren könnte, wo sie ist,« sagte er. Der Pfarrer erwiderte, daß er diese Bitte nicht gern erfülle, er müßte es aber wohl doch tun, da er so sehr darum bäte, und er bestimmte, daß er an dem und dem Tage wiederkommen sollte, wenn alle zu Bett gegangen wären. Da kehrte der Bauer wieder nach Hause zurück und fand, daß die Dinge jetzt eine bessere Wendung für ihn genommen hätten.
Als er an dem bestimmten Tage nach Fell kam, war der Pfarrer schon gerüstet und reisefertig. Der Bauer sah ein graues, aufgezäumtes Pferd nördlich vom Kirchhof stehen; der Pfarrer ging zu ihm hin, bestieg es und gebot dem Bauern, sich hinter ihn zu setzen. »Hüte dich aber, ein einziges Wort zu sprechen,« sagte der Pfarrer, »was du auch zu sehen bekommst, und was auch geschieht; denn verstößt du dagegen, so gilt es dein Leben!« Der Pfarrer ritt nun davon, den Bauern hinter sich, und dieser wunderte sich schier über den rasenden Lauf, in dem das Pferd dahinsauste. Sie nahmen den kürzesten Weg außerhalb Daletaa und Sigtunäs und steuerten geradeswegs Olafsfjordsmule zu; dem Bauern wurde dabei etwas wunderlich zumute, und einmal, als es einen Ruck in dem Pferde gab und es sich tief duckte, erschrak er und stieß einen Schrei aus. Da rief der Pfarrer laut: »Wir haben einen Felsen gestreift, jetzt halt aber das Maul,« und das ist seit jenem Tage eine Redewendung geworden, wenn Pferde stolpern und den Halt verlieren. Es wird nichts weiter von ihrem Ritt erwähnt, bis sie nördlich Olafsfjordsmule ans Land kamen, an die mächtigen und steilen Felsen, die dort sind. Der Pfarrer und der Bauer stiegen vom Pferd, worauf der Pfarrer an den Berg ging und einen kleinen Stab hervorholte, mit dem er auf den Berg schlug.
Nach einer Weile öffnete sich der Berg, und heraus traten zwei blaugekleidete Huldreweiber, die Jons Frau zwischen sich führten. Sie war ganz unkenntlich geworden und ähnelte sich selbst nicht mehr. Ihr Gesicht war aufgedunsen und blau, und ihr ganzes Aussehen war das eines Trollweibes; auf ihrer Stirn stand ein Kreuzeszeichen, das ihre ursprüngliche Hautfarbe hatte, und Pfarrer Halvdan erklärte später, wenn er darüber befragt wurde, daß dies das einzige Zeichen sei, das sie von ihrem früheren Dasein behalten hätte.
Als die Frau aus dem Berge herausgetreten war, sagte sie: »Du bist also hergekommen, Jon. Was willst du denn?« Der Bauer war stumm geworden, der Pfarrer aber fragte ihn, ob er seine Frau mit zurücknehmen wolle, oder ob er ihr sonst etwas zu sagen hätte; darauf antwortete der Bauer »Nein«. Der Pfarrer wies dann die Weiber wieder in den Berg hinein, verschloß ihn hinter ihnen und drückte die Tür gehörig in die Öffnung hinein, damit diese Weiber niemandem mehr irgendeinen Schaden zufügen könnten. Später aber hat Pfarrer Halvdan selbst gesagt, daß er nicht alle Ritzen zugestopft hätte, denn nie habe er beabsichtigt zu verhindern, daß jemand hineinkomme, wohl aber, daß jemand herauskäme. Von dieser Zeit ab wird die Stelle an der Nordseite der Olafsfjordsmule, wo Pfarrer Halvdan den Berg aufschloß, Halvdanstor genannt. Glaubwürdige Leute erzählen, daß sie rot in der Farbe sei, und daß sie nicht wie der übrige Teil des Berges aussieht, und daß besonders unten ziemlich große Risse sind, nämlich die, an denen der Pfarrer nichts tun wollte.
Der Bauer und der Pfarrer kehrten auf demselben Wege, den sie gekommen waren, wieder zurück und erreichten Fell, ehe die Leute aufgestanden waren. Sie stiegen vom Pferd, nördlich vom Kirchhof, an derselben Stelle, an der sie aufgestiegen waren, und der Pfarrer zäumte das Grauchen ab. Als er ihm aber den Zaum abgenommen hatte, schlug er ihm damit auf die Lende; der Graue wurde wütend und schlug mit dem Hinterfuß nach dem Pfarrer; dieser aber sprang zur Seite, und der Schlag traf die Kirchhofsumzäunung, in der eine Öffnung durch den Pferdehuf entstand, die man, nach der Aussage der Leute, nie wieder hat in Ordnung bringen können, wie man auch versucht hat, sie auszufüllen.
Es wird auch erzählt, daß von diesem Tage ab niemanden auf Malmö ein Unglück betroffen habe; es hat aber auch niemand gewagt, länger als zwanzig Jahre dort zu wohnen.
Sagen vom Pfarrer Erik in Vogsosar
1. Das Bettelweib
Einmal kamen, wie es häufig geschah, zwei Männer zu Pfarrer Erik und baten ihn, sie das Zaubern zu lehren. Er antwortete, daß er nichts von Zauberei verstünde, sie dürften aber gern die Nacht über bei ihm bleiben. Sie nahmen die Einladung mit Dank an.
Am Morgen bat Erik seine Gäste, vergnügungshalber mit ihm auf die Felder um den Hof hinauszureiten. Als sie ein kurzes Stück vom Hof entfernt waren, begegnete ihnen ein altes Weib. Sie hatte ein Kind an der Brust und bat Erik um eine kleine Gabe. Erik war zornig über ihre Bitte und sagte, daß er ihr nicht das allergeringste geben würde. Die Alte sagte, sie sei eine arme Witwe und sehr bedürftig, und sie klagte gottsjämmerlich. Erik aber wurde immer aufgebrachter gegen sie und sagte, daß er es satt habe, das ewige Jammern von Bettlern mitanzuhören. »Es wäre am besten, Euch Landstreicher umzubringen!« Das und noch viel mehr sagte Pfarrer Erik der Alten, sie aber bat ihn nur um so flehentlicher.
Da sagte Erik zu den Männern: »Ihr müßt mir die Alte da umbringen, wenn ich Euch etwas lehren soll!« Der eine Gast antwortete: »Nie hätte ich gedacht Erik, daß Ihr ein so gottvergessener Mensch seid, und nie werde ich solche Untat ausführen, welcher Lohn mir auch dafür geboten würde.«
»Ich aber glaube nicht, daß ich mich dadurch von Sira Erik fortjagen lasse,« sagte der andere Gast, »ich bin gewillt, die Alte zu töten; diese Landstreicher haben sowieso nichts Besseres verdient, als daß man sie umbringt. Ich denke, solche Lumpen müßten dankbar sein, wenn sie das Leben verlieren.«
Diesen Menschen jagte Erik fort und sagte, daß niemand ihn dazu bringen könnte, solchen hartherzigen Menschen etwas zu lehren. Den andern dagegen nahm er in die Lehre. Erik hatte eine Augentäuschung bei ihnen hervorgerufen, um sie zu prüfen, denn in Wirklichkeit hatten sie gar kein altes Weib gesehen.
2. Das Gesicht im Hügel
Ein junger Mann bat einmal Sira Erik um die Erlaubnis, mit ihm gehen zu dürfen, wenn er eines Sonntags abends den Hof verließe. Der Pfarrer sagte lange nein, weil er fand, daß er nicht viel Nutzen davon haben würde. Der Mann aber bat immer eifriger, und schließlich versprach denn Erik, daß er den jungen Mann gelegentlich mitnehmen würde.
Einige Zeit später nahm also Erik den Jüngling mit. Das Wetter war schön und hell. Sie gingen auf das Feld hinaus und kamen an einen Hügel. Der Pfarrer schlug mit einem Stäbchen auf den Hügel. Er öffnete sich, und ein ältliches Weib trat zu ihnen heraus. Sie begrüßte Erik sehr vertraulich und bat ihn hereinzukommen. Die beiden leisteten der Einladung Folge und kamen in eine Badstube hinein. Darin saßen viele Menschen ringsumher. Erik und sein Begleiter nahmen an der einen Seite der Tür Platz, der Pfarrer aber saß zu innerst. Niemand sprach ein einziges Wort, worüber der Begleiter des Pfarrers sich schier verwunderte.
Die Weiber gingen aus der Stube hinaus, kamen aber nach einem Weilchen zurück. Da trugen sie ein Messer und einen Trog in der Hand und gingen auf den Mann zu, der zu äußerst an der entgegengesetzten Seite der Tür saß. Sie packten ihn, legten ihn neben den Trog, zerschnitten ihn wie ein Schaf und steckten ihn in den Trog. Darauf nahmen sie den nächsten, und so einen nach dem andern, die ganze Reihe durch, und alles ging in derselben Weise zu. Niemand versuchte, sich zur Wehr zu setzen, und alle schwiegen ganz still. An Erik war kein Erstaunen über dieses Verhalten zu bemerken, sein Begleiter aber war sehr entsetzt darüber. Er sah, daß diese Weiber wohl kaum daran denken würden aufzuhören, bis alle entzweigeschnitten wären; denn als sie zu Sira Erik kamen, packten sie ihn und zerschnitten ihn genau wie die anderen. Da schrie der Mann laut auf, nahm Reißaus, stürzte zur Tür und aus der Stube hinaus. Er rannte heim nach dem Hof und dankte Gott für seine flinken Beine. Als er aber an den Eingang des Hauses kam, stand Pfarrer Erik in der Tür und stützte die Hand gegen den oberen Teil des Pfostens. Er lächelte, als er den jungen Mann sah und sagte: »Warum rennst du so sehr, mein Lieber?« Der Mann wußte nicht, was er darauf antworten sollte; denn jetzt schämte er sich, weil er einsah, daß der Pfarrer ihm eine Augentäuschung vorgemacht hatte.
Da sagte Erik: »Das habe ich mir gedacht, mein Lieber, daß du nicht vertragen kannst, etwas zu sehen!«
3. Der Pferdediebstahl
Sira Erik hatte sowohl die Hirten wie andere Burschen in Selvog gebeten, sich zu hüten, ohne seine Erlaubnis seine Pferde zu nehmen, indem er ihnen drohte, daß es ihnen dabei übel ergehen würde, und so hüteten sich alle Hirten wohl, seine Reitpferde anzufassen. Es waren jedoch einmal zwei Burschen, die sich nicht nach seinem Verbot richteten. Kaum aber waren sie auf die Rücken der Pferde gestiegen, als diese spornstreichs nach Vogsosar jagten, ohne daß die Burschen Gewalt über sie hatten. Sie wollten sich hinunterschwingen, da sie die Pferde nicht zum Stehen bringen konnten, das ging aber nicht, denn ihre Hosen waren an den Rücken festgewachsen. »Das geht nicht,« sagte der eine der Burschen, »wir müssen von den Pferden herunter, sonst fallen wir Meister Erik in die Hände, und da würde sich wohl keiner in unsere Haut wünschen.« Er holte ein Messer hervor und trennte den Schritt von seinen Hosen ab und kam auf diese Weise von dem Pferde herunter. Der andere dagegen war entweder nicht geschickt genug, dasselbe zu tun,oder wollte vielleicht seine Hosen nicht verderben. Die Pferde liefen heim nach Vogsosar, das eine mit dem heulenden Burschen, das andere mit dem Hosenfetzen auf dem Rücken. Als die Pferde auf den Hof kamen, stand der Pfarrer draußen; er strich dem ledigen Pferd den Fetzen vom Rücken, sagte aber zu dem Burschen, der auf dem andern Pferd saß: »Siehst du, es ist nicht gut, dem Pfarrer Erik in Vogsosar Pferde zu stehlen; komm jetzt herunter und nimm nie wieder meine Pferde, ohne mich um Erlaubnis zu bitten. Dein Kamerad war schlauer als du und verdiente, daß man ihn die Buchstaben kennen lehrte; denn aus ihm könnte etwas werden.«
Etwas später kam dann dieser Bursch zu dem Pfarrer. Dieser zeigte ihm den Stoffetzen und fragte ihn, ob er ihn wiedererkenne. Der Bursch ließ sich nicht ins Bockshorn jagen und erzählte dem Pfarrer, wie alles zugegangen war. Der Pfarrer lächelte und forderte ihn auf, zu ihm zu kommen. Dieses Anerbieten wurde mit Dank von dem Burschen angenommen, der später lange im Hause des Pfarrers blieb und ihm sehr gehorsam war, und man sagt, daß der Pfarrer ihn viel alte Weisheit gelehrt habe.
4. Erik und der Bauer
Als Erik Pfarrer in Vogsosar war, wohnte in seinem Sprengel ein Bauer, der nie die Kirche besuchte, und der, um den Pfarrer zu ärgern, an den Feiertagen stets zum Angeln hinausruderte, sobald das Wetter es nur einigermaßen erlaube.
Einmal mußte der Pfarrer zur Kirche, um Gottesdienst abzuhalten. Da richtete der Bauer es so ein, daß er gerade dabei war, sich seine Lederhosen anzuziehen, als der Pfarrer bei ihm vorbeiging.