Isländische Märchen und Volkssagen

Part 14

Chapter 144,112 wordsPublic domain

Der Pfarrer fragte den Bauern, ob er nicht auf seine Bitte heute dem Gottesdienst beiwohnen wolle. Der Bauer antwortete nein und begann, die Lederne anzuziehen. Der Pfarrer verließ ihn, hielt den Gottesdienst ab und ging nach der Kirchzeit denselben Weg heimwärts. Da traf er den Bauern, der immer noch auf derselben Stelle stand und nur das eine Bein hatte in die Hose stecken können. Der Pfarrer meinte, daß er wohl einen guten Fang getan habe, da er schon wieder an Land gekommen sei. Der andere schämte sich sehr, als er den Hergang erzählen mußte, daß er dort gesessen habe, seitdem sie sich getrennt hätten. Er bat nun den Pfarrer, ihn zu befreien. Der Pfarrer sagte; »Wenn du schon jetzt findest, daß dir der Teufel zu stark ist, wie soll es dann später werden?« Der Pfarrer gebot darauf dem Teufel, den Bauern fahren zu lassen. Er wurde befreit und besuchte von diesem Tage an fleißig die Kirche.

5. Erik und das alte Weib

Pfarrer Erik wollte einmal ostwärts über den Thjorsbach reiten. Auf dem Ritt kam er nach Oerebakke und wollte dort in den Kramladen gehen, um ein bißchen in seine Flasche gießen zu lassen (er nahm nämlich ganz gern einen Schluck). Als er in den Laden hineinging, sah er zwei alte Weiber draußen sitzen. Das eine Weib fragte, wer denn da ginge, worauf das andere antwortete: »Kennst du denn nicht den Grauen von Vogsosar? Er ist doch leicht zu erkennen.« Dann hörte ihr Gespräch auf. Erik aber setzte seinen Ritt fort.

Als er an den Hraunsbach gekommen war, sah sein Begleiter ein altes Weib hinter ihnen herlaufen und bat den Pfarrer, ein bißchen zu warten. Dieser aber sagte, dazu sei seine Zeit zu knapp, und sie ritten ziemlich rasch weiter, bis sie nach Sandholar, der Fährstelle am Thjorsbach, kamen, wo sie von den Pferden stiegen. Da kam die Alte, die noch rannte, nachdem sie sie von Oerebakke an verfolgt hatte, halbtot vor Müdigkeit und Mattigkeit, und ihrer ganzen Oberkleidung entledigt. Da wandte sich Erik zu der Alten und sagte: »Kehre nun wieder um, meine Liebe, nun hast du den Grauen von Vogsosar gesehen; unterlaß es aber in Zukunft, anständige Leute zu verhöhnen.«

Da kehrte die Alte um; der Pfarrer aber sagte zu seinem Begleiter, daß er das Weib habe hinter ihnen herlaufen lassen, um ihr abzugewöhnen, Schimpfnamen zu gebrauchen und anständige Leute zu verhöhnen.

6. Erik und der Bischof

Der Bischof von Skalholt hörte so viele Zaubergeschichten von Pfarrer Erik, daß es ihm schließlich zu bunt wurde und er sich entschloß, ihn abzusetzen. Eines Winters sandte er deshalb achtzehn Schüler zu Erik, die ihm den Rock ausziehen sollten. Als eines Tages schönes Wetter war, zogen sie davon, und nun sollten große Dinge geschehen.

Eines Morgens war Pfarrer Erik sehr früh aufgestanden und vor das Haus gegangen; als er wieder hineinkam, seufzte und stöhnte er. Er verbot seinen Knechten, das Vieh heute aus dem Stall zu lassen; denn das Wetter gefiele ihm nicht; und sie versprachen zu tun, was er wollte. Bald darauf zog ein entsetzliches Unwetter auf, mit Sturm und Schneetreiben, so daß man kaum auf den Füßen stehen oder aus der Tür gehen konnte. Nach dem Mittag wurde an die Tür geklopft, und das war einer von den Schülern, der ankam. Sie waren im Schneetreiben auseinander gekommen, erreichten aber alle Vogsosar, wenn auch jeder einzeln, und so verging der ganze Tag bis zum Abend, ehe sie wieder zusammen waren. Erik nahm sie freundlich auf und erwies ihnen alles erdenkliche Gute, und unversehens liebten sie ihn so, daß sie sich nicht entschließen konnten, den Auftrag des Bischofs auszuführen, ihm den Rock auszuziehen, und sie zogen daher unverrichteter Sache wieder nach Hause. Sie erzählten dem Bischof, wie sich alles zugetragen hätte, er aber war sehr wenig zufrieden damit und sagte, daß er selber Erik besuchen und sehen wolle, ob er seine Absicht ebenso schlecht ausführen würde. So verstrich der Winter, und es ging auf den Sommer.

Da brach der Bischof auf, und viele Schüler begleiteten ihn. Er kam nach Vogsosar und schlug sein Zelt außerhalb der Umzäunung auf. Es war ein Wochentag, und der Bischof entschloß sich, den Sonntag abzuwarten, um dem Pfarrer den Rock auszuziehen. Er bat seine Leute, sich zu hüten, irgendein Geschenk von Erik anzunehmen. Er ging dann auf den Hof und ließ den Pfarrer holen. Erik empfing den Bischof mit großer Freude und war außerordentlich fröhlich. Der Bischof wünschte die Kirche zu besichtigen. Erik zeigte sie ihm, und der Bischof bewunderte die gute Ordnung, in der er alles fand. Während sich aber der Bischof in der Kirche aufhielt, kam einer seiner Schüler, um Feuer zu holen, und traf Erik an. Der Pfarrer begrüßte ihn freundlich und holte eine Weinflasche, die er bei sich trug, hervor, und bot ihm einen Schluck an. Der Schüler aber wollte nicht trinken, denn der Bischof, sagte er, hätte ihm das streng verboten. Da nötigte ihn Erik noch eifriger zu trinken und sagte, das könne er ruhig tun. Er gab dann nach und nahm einen Schluck aus der Flasche. Da schien es dem Schüler, als hätte er nie zuvor einen so feurigen Wein gekostet, und er bat den Pfarrer um die Flasche, um den Bischof mit dem köstlichen Wein erquicken zu können. Erik war bereit, sie ihm zu geben. Der Schüler kehrte wieder in das Zelt zurück. Beim Mittagstisch goß der Schüler von dem Wein in das Glas des Bischofs, ohne zu erwähnen, woher er den herrlichen Trank hatte. Der Bischof leerte das Glas, und der Wein schmeckte ihm sehr, und während er trank, wandelten sich seine Gedanken über Erik. Nach der Mahlzeit ging er nach Hause zu ihm und blieb eine Woche bei ihm und lebte wie ein Prinz in einem Bäckerladen.

Dann zog er heimwärts, und es wurde nichts daraus, daß Erik seinen Priesterrock verlor.

7. Wie Erik dem Bauern seine Frau wieder verschaffte

Ein junger und tüchtiger Bauer auf den Westmändsinseln, der sich eben verheiratet hatte, verlor seine Frau, als sie nach ihrer Gewohnheit eines Morgens früh aus dem Bett gestiegen war, während der Bauer liegen blieb; sie ging hinaus, um das Feuer zu entfachen, wie sie es jeden Morgen zu tun pflegte, blieb aber diesmal länger als gewöhnlich fort, so daß der Bauer sich zu langweilen begann. Er stand daher auf, um sie zu suchen, fand sie aber nirgends auf dem Hof. Da ging er umher von Hütte zu Hütte, um nach ihr zu fragen; niemand aber hatte sie an diesem Morgen gesehen. Sowohl an diesem Tage wie an vielen der folgenden waren viele Leute draußen, um sie zu suchen, sie war aber nicht zu finden. Der Bauer nahm sich ihr Verschwinden so sehr zu Herzen, daß er sich zu Bett legte und weder Schlaf noch Speise genießen wollte. Es verstrich nun eine lange, lange Zeit, und je länger er lag, desto elender wurde er, am meisten aber ging es ihm nahe, daß er nicht wußte, auf welche Weise seine Frau gestorben war; denn das nahm er als ganz sicher an, daß sie tot sei, und er hielt es für das Wahrscheinlichste, daß sie in der See ertrunken sei. Man glaubte, daß der Bauer hinsiechen und sterben würde, denn trotz aller möglichen Trostgründe wurde es schlimmer mit ihm.

Da kam eines Tages ein Freund zu ihm und sagte: »Ob du nicht doch versuchen solltest aufzustehen, wenn ich dir einen Rat gäbe, der dich möglicherweise dazu führen könnte, daß du erführest, was aus deiner Frau geworden ist?« »Das würde ich schon versuchen, wenn ich nur könnte,« erwiderte der Bauer. Da sagte der andere: »Raffe dich jetzt auf, verlasse dein Lager und nimm Nahrung zu dir; begib dich dann aufs Festland und nach Selvog hinunter zu Pfarrer Erik in Vogsosar und bitte ihn zu versuchen, deiner Frau auf die Spur zu kommen.«

Der Bauer wurde durch diesen Rat sehr gestärkt; er zog sich an und aß und erholte sich allmählich, bis er sich zutraute, aufs Festland zu ziehen, und es wird nun nichts von seiner Fahrt erzählt, bis er nach Vogsosar kam. Erik stand vor seinem Haus, empfing ihn gut und fragte nach seinem Begehr. Der Bauer erzählte, wie alles war. Da sagte Erik: »Ich weiß nicht, was aus deiner Frau geworden ist; hast du aber Lust dazu, dann kannst du ein paar Tage hier bleiben, und wir können sehen, was zu tun ist.« Der Bauer nahm die Einladung an.

Nach zwei oder drei Tagen ließ sich Erik zwei graue Pferde nach Hause bringen; das eine war ein schönes Pferd, das andere aber war häßlich und mager. Erik ließ das letztere Pferd für sich satteln, während das andere für den Bauern gesattelt wurde; dann sagte er: »Jetzt werden wir auf den Sand hinausreiten.« Der Bauer sagte: »Besteigt das dürre Gerippe da doch nicht, das kann Euch ja nicht tragen.« Erik tat, als hörte er nicht, was der andere sagte. Sie ritten nun fort, in Sturm und schwerem Regen. Als sie außerhalb der Öffnung der Bucht waren, begann das magere Pferd stärker zu traben und ließ bald das andere zurück. Der Bauer ritt hinter ihm her, so schnell er konnte. Erik aber war ihm bald entschwunden. Er ritt jedoch weiter, bis er nach Gedeli kam und zu den Steinen, die die Sysselsteine genannt werden und das Grenzzeichen zwischen Arnes- und Guldbringesyssel bilden. Dort war Erik schon angelangt. Er hatte ein großes Buch auf den größten Stein gelegt, und kein einziger Tropfen fiel auf das Buch, und keins von den Blättern bewegte sich, obgleich es in Strömen goß und furchtbar stürmte. Erik ging gegen die Sonne um den Stein herum und murmelte etwas zwischen den Zähnen, worauf er zu dem Bauern sagte: »Jetzt gib acht, ob du deine Frau siehst.« Eine Menge Menschen kamen nun an den Stein, und der Bauer ging zwischen den Gruppen umher, von einem Menschen zum andern, fand aber seine Frau nicht. Das sagte er Erik, der die Leute anredete: »Fahrt nun dahin in Frieden und habt Dank dafür, daß ihr gekommen seid!« Sogleich verschwanden alle. Erik wandte einige Blätter in dem Buch um, und es ging ebenso wie zuvor. Da versuchte er es zum drittenmal, und es geschah alles in derselben Weise. Als die letzte Schar weggegangen war, sagte Erik: »War sie denn nicht in einer der Gruppen?« Als der Bauer auf die Frage nein antwortete, errötete Erik und sagte: »Jetzt beginnt es, bunt auszusehen, mein Lieber; ich habe nun alle die Huldren hergeladen, die auf der Erde, in der Erde und im Wasser leben, und deren ich mich erinnern konnte.« Er holte darauf ein kleines Buch aus seiner Brusttasche hervor, sah hinein und sagte: »Mir fehlt noch das Ehepaar aus Höieli.« Er legte das kleine Buch auf das große, ging gegen die Sonne um den Stein herum und murmelte wie zuvor. Da erschien das Ehepaar und trug ein Glashäuschen zwischen sich; in dem Häuschen aber sah der Bauer seine Frau. Erik redete sie folgendermaßen an: »Schlecht habt ihr gehandelt, als ihr die Frau ihrem Manne nahmt; packt euch, und Schande über euch für diese Tat, und laßt mich nicht sehen, daß ihr solches öfter tut.« Sie gingen sofort davon, Erik aber zerschlug das Glashäuschen, nahm die Frau und die Bücher und stieg mit allem zu Pferde. Da sagte der Bauer: »Laßt mich meine Frau zu mir aufs Pferd nehmen, denn Euer Pferd kann euch beide ja nicht tragen.« Erik sagte, dafür würde er schon sorgen, ritt fort und verschwand bald zwischen den Lavasteinen.

Der Bauer ritt weiter ostwärts, bis er nach Vogsosar kam, wo Erik schon angelangt war; in der Nacht ließ dieser die Frau in seinem Bett schlafen, lag aber selber vor ihr am Bettrand. Am nächsten Morgen machte sich der Bauer zum Heimritt bereit. Da sagte Erik: »Es ist kaum ratsam, die Frau solcherweise bei dir zu lassen; ich werde sie selbst nach Hause bringen.« Der Bauer dankte ihm.

Der Pfarrer bestieg die dürre Kracke, setzte die Frau vor sich und ritt davon. Der Bauer ritt hinterher, merkte aber nichts von Erik, bis er an die Insel kam; da war er schon dort mit der Frau. Abends ging der Bauer mit ihr zu Bett. Erik aber wachte drei Nächte bei ihr. Dann sagte er: »Es ist nicht sicher, ob jeder daran Vergnügen gefunden hätte, diese Nächte zu wachen, am wenigsten die letzte Nacht.« Von dieser Nacht an hatte aber die Frau nichts mehr zu befürchten. Während Erik bei der Frau wachte, gab er ihr jeden Morgen einen Trunk, und so erlangte sie ihr Gedächtnis wieder, das sie ganz verloren hatte. Danach zog Erik wieder heimwärts, erhielt aber erst reiche Geschenke von dem Bauern.

8. Wie Erik des Bauern Frau vor den Huldren errettete

Ein Bauer von den Landinseln, der gut Freund mit Erik war, kam eines Frühjahrs, als die Fischzeit vorbei war, von Süden her aus Njardvig zu Pfarrer Erik. Er war beritten, denn er hatte sein Pferd den Winter über bei sich behalten. Als er nach Vogsosar kam, nahm ihn Pfarrer Erik, der vor dem Hause stand, gut auf und fragte dann: »Bist du gut beritten, mein Lieber?« Darauf antwortete der Bauer nein; das Pferd sei ebenso mager wie schlecht beschlagen, meinte er. Erik sagte: »Da mußt du dich beeilen, nach Hause zu kommen, denn deine Frau liegt im Sterben.« Der Bauer äußerte: »Ja, was soll ich nun tun?«

Erik trat auf das Pferd zu, sah die Hufeisen nach und spuckte unter die Hufe, und dann sagte er: »Steige jetzt zu Pferd, und reite, was das Zeug hält; es wäre ja möglich, daß es zähe im Aushalten ist. Wenn du nach Hause auf den Hof kommst, wirst du die Schreie deiner Frau bis hinaus hören; gehe dann mit großer Eile hinein, grüße nicht, sondern sage schroff: »Erik in Vogsosar will mit dir sprechen,« und sieh dann zu, wie es wird.« Der Bauer dankte ihm für den guten Rat und ritt davon. Das Pferd lief schneller mit ihm fort, als er sich besinnen konnte, und er erreichte sein Heim an demselben Tag. Bei der Ankunft hörte er das Geschrei seiner Frau, und er benahm sich genau so, wie Erik ihm geraten hatte. Mit der Frau nahm es eine solche Wendung, daß sie eine Stunde später wieder ganz gesund war.

An demselben Abend klopfte es hart an das Tor von Vogsosar. Erik ging hinaus, um zu öffnen, blieb ein Weilchen draußen und kam dann wieder herein. Er wurde gefragt, wer denn gekommen sei. Er antwortete: »Ach, es war nur jemand, der etwas mit mir zu sprechen hatte.«

Als der Bauer das nächste Mal zum Fischplatz zog, vergalt er die Hilfe, die Erik ihm geleistet hatte, reichlich.

9. Pfarrer Eriks Tod

Als Erik fühlte, daß sein Tod herannahte, wählte er selbst die Männer aus, die seine Leiche tragen sollten. Er sagte, daß, wenn er zur Kirche hinausgetragen würde, ein schwerer Hagelschauer sie überfiele; er bat sie aber, den Sarg von dem Augenblick an, in dem sie ihn aufhöben, nicht abzusetzen, bis sie ihn in die Kirche hineingetragen hätten. Dann würde der Schauer aufhören, sagte er, und man würde über der Kirche zwei Vögel sehen, einen weißen und einen schwarzen, die erbittert miteinander kämpften. Er bat sie, wenn der weiße Vogel in dem Kampf siege und sich auf den Dachfirst der Kirche setze, ihn auf dem Kirchhof zu begraben, siege dagegen der schwarze Vogel, und setze er sich auf die Kirche, so sollten sie ihn außerhalb des Kirchhofs bestatten; denn dann wäre es aus mit ihm.

Bei Eriks Tod geschah, was er gesagt hatte. Der Hagelschauer prasselte herab, und die Vögel kämpften miteinander; der weiße Vogel aber siegte über den schwarzen, und deshalb bekam Erik sein Grab innerhalb des Kirchhofs.

Der Mann von Grimsö und der Bär

Es geschah einmal auf Grimsö, daß das Feuer im Winter erlosch, so daß auf keinem Hof Feuer oder Licht angezündet werden konnte. Es war damals ruhiges Wetter, und der Frost war so scharf, daß der Grimsösund zugefroren war, und man glaubte, daß das Eis tragen könne. Da entschlossen sich die Bewohner von Grimsö, ein paar Leute auf das Festland zu senden, die Feuer holen sollten, und wählten dazu drei von den tüchtigsten Männern der Insel.

Sie zogen früh morgens bei hellem Wetter davon, und eine Menge Bewohner begleiteten sie auf das Eis hinaus und wünschten ihnen einen glücklichen Weg und baldige Heimkunft. Es wird nichts von der Wanderung der Ausgesandten berichtet, bis sie mitten im Sund an eine Wake kamen, die so lang war, daß sie ihr Ende nicht sehen konnten, und so breit, daß nur zwei mit knapper Not hinüberzuspringen vermochten, während der dritte sich nicht dazu imstande glaubte. Die anderen rieten ihm deshalb, nach der Insel zurückzukehren und setzten ihre Wanderung fort; er aber blieb am Rande der Wake zurück und verfolgte sie mit den Augen. Er wollte ungern unverrichteter Sache zurückkehren und entschloß sich daher, an der Wake entlang zu gehen, um zu versuchen, ob sie vielleicht an einer anderen Stelle schmaler wäre. Im Laufe des Tages wurde das Wetter trübe, und es zogen von Süden Sturm und Regen auf. Das Eis löste sich, und schließlich stand der Mann auf einer Eisscholle, die dem Meere zutrieb. Am Abend stieß die Scholle gegen einen großen Eisberg, den der Mann bestieg. Da entdeckte er unweit von sich einen Bären, der auf seinen Jungen lag. Er aber war verklammt und hungrig, und ihm graute jetzt vor dem Leben. Als der Bär den Mann erblickte, betrachtete er ihn eine Weile, erhob sich dann, ging auf ihn zu, umkreiste ihn und gab ihm ein Zeichen, daß er sich auf das Lager zu den Jungen legen sollte. Er tat das mit Furcht im Herzen. Dann legte sich das Tier selbst bei ihm nieder, breitete sich über ihn und säugte ihn mit seinen Jungen zugleich. Die Nacht verstrich; am nächsten Tage stand das Tier auf, entfernte sich ein kleines Stück vom Lager und winkte dem Manne nachzukommen. Als er auf das Eis hinausgekommen war, legte sich der Bär vor seine Füße nieder und gab ihm ein Zeichen, sich auf seinen Rücken zu setzen. Als er den Rücken des Bären bestiegen hatte, erhob sich dieser, rüttelte und schüttelte sich, bis der Mann von ihm heruntergefallen war. Mit dieser Probe war er für diesmal zufrieden, der Mann aber wunderte sich darüber. Es vergingen nun drei Tage; nachts lag der Mann auf dem Lager des Bären und saugte seine Milch, jeden Morgen aber hieß ihn der Bär sich auf seinen Rücken setzen, und dann schüttelte er sich, bis der Mann sich nicht mehr festhalten konnte. Am vierten Morgen konnte sich der Mann auf dem Rücken des Tieres halten, so viel es sich auch schüttelte. Gegen Abend ging es aufs Eis hinunter, den Mann auf dem Rücken, und schwamm mit ihm nach der Insel.

Als der Mann an Land gekommen war, ging er auf die Insel hinauf und gab dem Bären ein Zeichen, ihm zu folgen. Er ging voran nach seinem Heim und ließ sogleich die beste Kuh im Stall melken und ihn so viel frisch gemolkene Milch trinken, wie er nur konnte; dann ging er vor dem Bären in seinen Schafstall, ließ die beiden besten Schafe aus seiner Herde herausnehmen und schlachten, band sie an den Hörnern zusammen und legte sie quer über den Rücken des Bären. Dieser kehrte nach dem Meere zurück und schwamm zu seinen Jungen hinaus.

Und nun war viel Freude auf Grimsö; denn während die Inselbewohner mit Erstaunen dem Bären nachschauten, sahen sie ein Boot vom Festland kommen und mit gutem Wind nach der Insel segeln. Darin hofften sie die beiden anderen Abgesandten mit dem Feuer zu sehen.

Der Bär, der mit der Tonne rang

In den Westfjorden liegt irgendwo ein Hof unterhalb eines steilen Berges, auf dem einmal ein reicher Bauer wohnte. Hoch oben auf dem Grat hatte er einen großen Schuppen, in dem er seine Fische und andere Sachen aufbewahrte. Vom Hof ging ein gerader Weg den Berg aufwärts, dicht an dem Schuppen vorbei. Er war wie mit einer Mauer eingefaßt; denn große Steine lagen in Reihen zu beiden Seiten, während er am Boden ganz eben war.

Dem Bauern war es aufgefallen, daß, wenn es abends dunkel geworden war, in der Regel ein Bär kam, der den geraden Weg zu dem Schuppen hinaufstieg und an seine Fische ging, und der ihm auf diese Weise schon manchen Schaden zugefügt hatte. Da hatte er sich eine List ausgedacht, um dem Petz abzugewöhnen, seine Fische zu fressen. Er ließ nämlich eine riesengroße Tonne anfertigen, die gerade den Weg sperrte, wenn sie von dem Berge heruntergerollt wurde, füllte sie mit Steinen und schlug den Boden gehörig fest. Nun ließ er die Tonne auf dem Bergrücken liegen, wo der eingezäunte Weg begann und wartete dort selbst, bis der Bär kam. Dieser erschien zur gewohnten Zeit und ging nichts ahnend den Berg hinauf. Als er aber beinahe ganz oben war, wälzte ihm der Bauer die Tonne entgegen. Der Petz konnte nun nicht weiter. Die Tonne hatte Eile, sobald wie möglich bergab zu kommen, während Petz mit aller Gewalt versuchte, sie in ihrem Lauf zu hemmen. Umdrehen konnte er sich nicht; denn dann hatte er die Tonne dicht auf den Fersen; auch konnte er nicht über die Tonne hinüberspringen; denn er brauchte all seine Kraft, um ihr Widerstand zu leisten, damit sie ihm nicht auf dem Kopf fiel. Auf diese Weise rang er die ganze Nacht mit der Tonne und glitt langsam zurück vor ihr, bis sie beide unten auf ebener Erde standen. Da war der Petz nahe daran, vor Müdigkeit umzufallen, und schlich sich davon, indem er nach der Tonne schielte.

Der Bauer aber verfolgte ihn mit seinem Gelächter und hatte seitdem in seinem Schuppen Ruhe vor ihm.

Wie die Seehunde entstanden sind

Über den Ursprung der Seehunde wird erzählt, daß, als Ägyptens König Pharao Moses und die Juden über das Rote Meer verfolgte und darin mit seinem ganzen Heer ertrank, wie man ja aus der Bibel weiß, der König und alle seine Männer zu Seehunden wurden, und darum ähneln die Knochen der Seehunde so sehr denen der Menschen. Seit jener Zeit leben die Seehunde wie eine Familie für sich auf dem Meeresboden, haben aber ganz die Gestalt, Natur und Eigenschaften des Menschen unter dem Fell bewahrt. Es ist ihnen als eine Gnade gestattet, jede Johannisnacht, oder wie andere sagen, jede Heiligedreikönigsnacht aus den Fellen zu kriechen; dann gehen sie an Land, nehmen menschliche Gestalt an und singen und tanzen wie andere Menschen.

Das Seehundsfell

Ein Mann aus Myrdal im Osten ging eines Morgens früh, ehe die Leute aufgestanden waren, an einigen Felsen vorbei und kam an den Eingang einer Höhle. Da hörte er, daß in dem Hügel gelärmt und getanzt wurde, draußen aber sah er eine große Menge Seehundsfelle. Er hob eins von ihnen auf, nahm es mit nach Hause und verschloß es in seiner Truhe. Etwas später, im Laufe des Tages, kam er wieder an den Eingang der Höhle; da saß dort ein junges und schönes Mädchen, das ganz nackt war und bitterlich weinte. Das war der Seehund, dem das Fell gehörte, das sich der Mann mitgenommen hatte. Der Mann gab dem Mädchen Kleider, tröstete es und nahm es mit nach Hause.

Sie war ihm später sehr zugetan, weniger aber stimmte ihr Gemüt mit dem anderer Leute überein. Oft saß sie da und schaute über die See hinaus. Nach Verlauf einiger Zeit nahm sie der Mann zur Frau; sie lebten gut zusammen und hatten viele Kinder miteinander.

Der Bauer verbarg das Fell unter Schloß und Riegel in seiner Truhe und trug den Schlüssel bei sich, wohin er auch ging. Nach Verlauf vieler Jahre ruderte er eines Tages zum Fischfang hinaus und vergaß den Schlüssel zu Hause unter seinem Kopfkissen. Andere dagegen sagen, daß der Bauer mit seinen Leuten zum Weihnachtsgottesdienst gezogen sei, daß die Frau aber krank gewesen wäre und nicht mitgehen konnte; da soll er vergessen haben, den Schlüssel aus der Tasche seiner Wochentagskleider zu nehmen, als er sich umzog; als er aber abends nach Hause kam, war die Truhe geöffnet und die Frau samt dem Fell verschwunden. Sie hatte den Schlüssel gefunden und aus Neugierde die Truhe durchsucht und das Fell gefunden. Da konnte sie der Versuchung nicht länger widerstehen; sie sagte ihren Kindern Lebewohl, fuhr in das Fell und warf sich in die See.

Ehe die Frau in die See sprang, soll sie vor sich hingesagt haben:

»Ich will und will auch wieder nicht, – Sieben Kinder hab’ ich auf dem Meeresboden, Sieben Kinder hab’ ich auch hier oben.«

Es wird erzählt, daß der Bauer sich das sehr zu Herzen nahm. Wenn er später hinausruderte, um zu angeln, dann schwamm der Seehund oft um sein Boot herum, und es war, als liefen ihm Tränen aus den Augen. Von dieser Zeit an hatte er stets Erfolg bei seinem Fischfang, und das Glück suchte seinen Strand oft auf.