Isländische Märchen und Volkssagen
Part 15
Häufig sah man, wenn die Kinder des Ehepaares an den Strand gingen, daß ein Seehund draußen in der See schwamm und sie begleitete, während sie auf dem Lande oder am Strande entlang gingen, und bunte Fische und hübsche Muscheln zu ihnen hinaufwarf. Nie aber kehrte ihre Mutter wieder aufs Land zurück.
Der Lindwurm im Lagarfluß
Es geschah einmal in alten Tagen, daß eine Frau auf einem Hof in der Nähe des Lagarflusses wohnte. Sie hatte eine erwachsene Tochter, der sie einmal einen goldenen Reif schenkte. Da fragte das Mädchen: »Wie kann ich den größten Nutzen von diesem Gold haben, Mutter?« »Lege es unter einen Lindwurm,« erwiderte die Mutter. Da nahm das Mädchen einen Lindwurm, legte das Gold unter ihn und tat dann alles in ihre Wäschelade. Dort lag der Wurm ein paar Tage. Als das Mädchen aber nach der Lade sehen wollte, war der Wurm so groß geworden, daß die Lade angefangen hatte, aus den Fugen zu gehen. Da erschrak das Mädchen, nahm die Lade und warf sie samt ihrem Inhalt in den Fluß.
Es verrann nun eine lange Zeit, und man begann, den Wurm in dem Fluß zu merken. Er fügte Menschen und Tieren, die über den Fluß wollten, Schaden zu. Zeitweise reckte er sich bis auf die Flußhügel hinauf und spie auf entsetzliche Weise Gift. Das schien zu einem großen Unglück zu führen, von dem niemand wußte, wie man ihm begegnen sollte.
Da nahm man Zuflucht zu zwei Finnländern. Sie sollten den Wurm töten und das Gold bergen. Sie warfen sich in den Fluß, kamen aber bald wieder in die Höhe. Sie sagten, daß sie es hier mit einer großen Übermacht zu tun hätten, und daß es keine leichte Sache sei, den Wurm zu töten und das Gold zu bergen. Sie erzählten, daß unter dem Golde noch ein Wurm läge, und daß dieser viel schlimmer sei als der erste. Sie fesselten den Wurm mit zwei Stricken, von denen der eine um den Bauch, der andere aber um den Schwanz befestigt wurde.
Deshalb kann der Wurm seitdem weder Menschen noch Tieren schaden; es geschieht aber zeitweilig, daß er einen Buckel auf dem Rücken macht, und wenn dieser zu sehen ist, glaubt man gern, daß das ein Vorbote schlimmer Geschehnisse sei, zum Beispiel Hungersnot und Grasmangel. Diejenigen, die an diesen Wurm nicht glauben, sagen, daß vor gar nicht zu langer Zeit ein Pfarrer gerade an der Stelle, an welcher der Wurm zu liegen schiene, den Fluß durchquerte. Das sagen sie aber, um damit zu beweisen, daß er gar nicht da ist.
Der dankbare Rabe
Es wird erzählt, daß einmal einige Höfe in Vatnsdal auf dem Nordland durch einen Bergsturz, der vom Vatnsdalberg kam, vernichtet wurden. Unter diesen Höfen war einer, der Guldberastad hieß. Die Tochter des Bauern auf Guldberastad hatte die Gewohnheit, immer, wenn sie aß, ihre Speise mit dem Hofraben zu teilen. Als sie ihm einmal, wie sie es zu tun pflegte, die Speise, die sie ihm geben wollte, zum Fenster hinausreichte, wollte sie der Rabe nicht nehmen. Das Mädchen wunderte sich darüber, und dann ging sie hinaus mit ihr. Der Rabe kam dicht an sie heran, wollte aber trotzdem die Speise nicht nehmen, obgleich er die ganze Zeit über zeigte, daß er Appetit hatte, so daß das Mädchen ihn bis auf den Heimacker verfolgte, ein kurzes Stück Weges vom Hof. Kaum aber waren sie dort hingelangt, als das Mädchen starkes Getöse oben vom Berge hörte, und plötzlich kam ein Bergsturz von dort herab; er lief zu beiden Seiten des Raben und der Bauerntochter vorbei und berührte die Stelle, auf der sie standen, nicht. Dagegen ging die Lawine über den Hof hinweg und vernichtete ihn mit allem, was da war, Lebendigem und Totem. So belohnte der Rabe die Bauerntochter für die Speise die sie ihm gegeben hatte.
Die Ursache aber, daß der Bergsturz nicht über die Stelle hinwegrollte, wo der Rabe und das Mädchen standen, war die, daß Bischof Gudmund der Heilige einmal auf seiner Durchreise sein Zelt an diesem Ort aufgeschlagen hatte. Ehe er aber von dort aufbrach, weihte er den Zeltplatz, wie er es oft zu tun pflegte, und deshalb konnte an dieser Stelle niemand von einem Unglück betroffen werden.
Asmund und Signe
Es lebte einmal ein König in seinem Reich; er war verheiratet und hatte mit seiner Gemahlin zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn hieß Asmund, die Tochter aber hieß Signe. Es waren die hoffnungsvollsten Königskinder, die man zu jener Zeit kannte, und sie wurden in allen Künsten, die Königskindern zu lernen ansteht, erzogen. Sie wuchsen nun auf, zu Hause beim Vater, und jeder Wunsch wurde ihnen erfüllt. Der König schenkte seinem Sohn Asmund zwei Eichbäume, die draußen im Wald standen, und es war ein Vergnügen für den Sohn, sie auszuhöhlen und verschiedene Kämmerchen in den Stämmen einzurichten. Signe folgte ihm häufig und bewunderte die Eichbäume und bekam Lust, sie mit ihm zusammen zu besitzen. Er erfüllte ihren Wunsch, und nun trug sie allerlei Edelsteine und Kleinodien, die ihr die Mutter geschenkt hatte, dorthin.
Da geschah es einmal, daß ihr Vater in den Krieg zog; in seiner Abwesenheit aber wurde die Königin krank und starb. Da gingen die Geschwister hinaus in den Wald und setzten sich in die Eichbäume, nachdem sie sich auf ein Jahr mit Lebensmitteln versehen hatten.
Nun ist zu melden, daß in einem anderen Lande ein König herrschte, der einen Sohn, namens Ring, hatte. Ring hatte von der großen Schönheit Signes erzählen hören und entschloß sich, um sie zu freien. Er bekam von seinem Vater ein Schiff für die Reise, hatte guten Wind und kam nach dem Lande, in dem Signe zu Hause war. Als er aber zur Königshalle hinaufgehen wollte, begegnete ihm auf dem Wege eine so schöne Frau, daß es ihm schien, als hätte er nie zuvor ihresgleichen gesehen.
Er fragte, wer sie sei, sie aber erwiderte, sie sei die Königstochter Sigrid. Er fragte sie, warum sie so allein umhergehe; sie erwiderte, das geschähe aus Trauer über den Tod ihrer Mutter, und weil ihr Vater nicht zu Hause wäre. Der Königsohn sagte, da sie es nun selber sei, könne er gleich sagen, daß er gekommen sei, um ihre Hand zu begehren. Sie hörte sein Freien freundlich an, bat ihn aber, auf sein Schiff zu gehen, denn sie wolle weiter in den Wald hinein. Sie ging nun zu den Eichbäumen, riß sie mit den Wurzeln aus, nahm den einen auf den Rücken, den andern aber auf die Brust und trug sie so an die See und watete nach dem Schiff mit ihnen; hier nahm sie wieder ihre schöne Gestalt an, wie zuvor, und erzählte dem Königssohn, daß ihre Habe nun an Bord gebracht sei, weiteres besitze sie nicht. Dann segelten sie nach Hause, wo seine Eltern und Schwestern ihn mit großer Freude empfingen. Er gab ihr einen schönen Wohnraum und ließ die beiden Eichbäume vor ihre Fenster pflanzen. Nach Verlauf eines halben Monats kam er zu ihr und sagte, innerhalb zweier Wochen werde er sie heiraten und gab ihr gleichzeitig kostbaren Stoff, um Brautgewänder für sie beide zu nähen. Kaum aber war er fortgegangen, so warf sie die Kleider auf den Boden, raste mit großem Ungestüm herum und war ganz verwandelt und wurde zur schlimmsten Hexe; sie sagte, daß sie nicht wisse, was sie mit solchem Staat anfangen solle, sie, die nie etwas anderes getan hätte als Menschenfleisch essen und Pferdeknochen brechen; sie machte noch immer weiteres Gepolter und sagte, daß sie vor Hunger umkommen müsse, denn nie käme ihr Bruder Eisenkopf mit den Särgen, wie er versprochen hätte. Da aber öffnete sich der Fußboden des Zimmers und durch ihn hindurch stieg ein Riese herauf, mit einem ungeheuer großen Sarg in den Armen. Sie fingen beide an, den Sarg aufzubrechen, der voll war mit Menschenbäuchen. Beide begannen nun mit großer Gier zu essen, dann aber stieg ihr Bruder denselben Weg wieder hinab, ohne irgendeine Spur auf dem Fußboden zu hinterlassen. Als sie sich gesetzt hatte, tobte sie noch schlimmer als zuvor, zerrte an dem Stoff und wollte ihn zerreißen.
Von den Königskindern aber ist zu berichten, daß sie sich in den Eichbäumen befanden, von denen aus sie sahen, wie all dies vor sich ging. Da bat Asmund Signe, aus der Eiche herauszugehen, um zu versuchen, den Stoff für die Kleider zu erhaschen, damit sie das wilde Toben bei Tag und bei Nacht nicht mit anzuhören brauchten. Signe erfüllte seine Bitte; sie nähte nun, so gut sie konnte, die Kleider in sechs Tagen, trug sie hinaus und warf sie auf den Tisch. Die Hexe freute sich ungemein darüber. Der Königssohn kam zu ihr herein und empfing die Kleider aus ihrer Hand; er bewunderte ihre Geschicklichkeit, und sie trennten sich mit großer Freundlichkeit. Die Hexe benahm sich nun genau so wie zuvor, bis Eisenkopf kam; als Asmund dies tolle Rumoren sah, ging er zu dem Königssohn, den er bat zu kommen und sich ein Spiel anzusehen, das in dem Gemach der neuangekommenen Königstochter aufgeführt würde. Dem Königssohn wurde sonderbar zumute, als er derartiges von seiner Braut vernahm. Sie gingen beide dorthin und versteckten sich hinter der Wandbekleidung, von wo aus sie zu ihr hineinlugen konnten. Sie tobte noch immer und sagte zu Eisenkopf, als er kam: »Wenn ich erst mit dem Königssohn verheiratet bin, werde ich schon besser leben als jetzt, und dann werde ich das ganze Pack da drinnen in der Halle umbringen und mit meiner ganzen Sippschaft herkommen; dann werden sich wohl die Trolle über mich und meinen Gemahl freuen.« Der Königssohn wurde zornig, als er das hörte, so daß er Feuer an das Haus legte und es ganz zu Asche brennen ließ. Asmund erzählte ihm nun von den Eichbäumen, und er freute sich sowohl über die Schönheit Signes, wie über alles, was in ihnen war. Er freite dann um Asmunds Schwester Signe, Asmund aber freite um die Schwester Rings, und bald feierten beide Paare Hochzeit. Asmund zog dann nach Hause zu seinem Vater. Später aber übernahmen die beiden Schwäger das Reich nach ihren Vätern und regierten bis in ihr hohes Alter. Und damit ist diese Geschichte aus.
Die beiden Ebereschenbäume
Es wird erzählt, daß in alten Tagen ein paar Geschwister aus gutem Stamm auf den Westmändsinseln lebten. Da geschah, daß das Mädchen daheim im Elternhause schwanger wurde, und da sich die beiden Geschwister sehr liebten, verbreiteten böse Zungen das Gerücht, daß der Bruder des Mädchens der Vater des Kindes sei, das sie erwartete. Das Gerücht erreichte denn auch das Ohr des Gesetzgebers dort auf den Inseln, weshalb er die Sache zu untersuchen begann.
Es nützte weder, daß der Bruder leugnete, dieses Verbrechens schuldig zu sein, und bei allem, was ihm heilig war, schwor, daß er unschuldig sei, noch daß seine Schwester ihn jeder Schuld freisprach und einen anderen Mann, der damals von den Inseln abwesend war, als Vater des Kindes nannte. Und weil das Verbrechen der Blutschande damals hierzulande scharf geahndet wurde, selbst wenn die Obrigkeit weiter nichts hatte als einen unbewiesenen Verdacht, an den sie sich hielt, wurde ein Todesurteil nach dem anderen über solche Angeklagten gesprochen, und das war auch hier der Fall. Die beiden Geschwister wurden zum Tode verurteilt, und das Urteil wurde vollzogen. Es wird aber erzählt, daß sie auf dem Richtplatz den Herrgott mit Tränen baten, nach ihrer Hinrichtung ihre Unschuld zu beweisen, wenn die Menschen bei ihren Lebzeiten nicht daran glauben wollten; auch sollen sie ihre Eltern gebeten haben, dafür Sorge zu tragen, daß sie in einem gemeinsamen Grabe auf dem Kirchhofe ruhen dürften. Darauf wurden sie hingerichtet, und nach vieler Mühe und wahrscheinlich nur durch reiche Spenden an Kirche und Geistlichkeit, wie es ja meist in jenen Zeiten nötig war, erreichten die Eltern, daß ihre Kinder auf dem Kirchhof beerdigt wurden; in demselben Grabe durften sie jedoch nicht liegen; der eine sollte südlich, die andere nördlich von der Kirche bestattet werden, und dort mußten sie auch liegen.
Als eine Zeit verstrichen war, entdeckten die Leute, daß aus jedem Grabe der beiden Geschwister ein kleiner Ebereschenstamm emporsproß. Diese Stämme nahmen eine natürliche Entwicklung und wurden immer größer, bis sich ihr Geäst über dem Dachfirst der Kirche vereinigte, und da dachten die Leute, daß Gott, als er die Ebereschenbäume aus ihren Gräbern erwachsen ließ, ohne daß eine Menschenhand, so viel man sehen konnte, sie dort angepflanzt hatte, den Lebenden die Unschuld der beiden Geschwister beweisen wollte. Der Umstand aber, daß sich die Bäume da oben über dem Dachfirst begegneten und ihre Blätter und Zweige ineinanderflochten, schien auf das unschuldige und liebevolle Zusammenleben hinzuweisen, das zwischen diesen Geschwistern im irdischen Leben geherrscht hatte, und auf ihre Sehnsucht, nach dem Tode in demselben Grabe ruhen zu dürfen.
So standen und wuchsen diese Ebereschenbäume lange Zeit, bis der Türkenhund früh im 17. Jahrhundert mit Heeresmacht über die Westmändsinseln herfiel, Gut und Menschen raubte und allerlei Greueltaten verübte, wie ja bekannt genug ist. Eine der Gewalttätigkeiten der Türken, so erzählt die Sage, war die, daß sie die beiden Ebereschenbäume auf jenem Friedhof umschlugen, und sie drohten, auf die Inseln zurückzukommen und alles zu verheeren und zu rauben, wenn diese Bäume das nächste Mal so hoch würden, wie sie gewesen wären.
Man hat aber nicht gehört, daß die Bäume von dieser Zeit an wieder heranwuchsen, und das wurde als eine große Gnade Gottes angesehen, denn wenn das geschehen wäre, dann hätte der Türke schon Wort gehalten.
Der glühende Schlüssel
Es war einmal ein Schafdieb, der sich an einem abgelegenen Ort mit einer fetten Hammelkeule (andere sagen, daß es ein Bruststück war) in der Hand hinsetzte, die er gestohlen hatte und nun beabsichtigte, sie in Ruhe und Muße zu verzehren. Der Mond aber schien blank und hell; denn es war keine Wolke am Himmel. Da redete der Dieb den Mond mit folgenden schändlichen Worten an, indem er ihm gleichzeitig das Messer mit einem Fleischstück auf der Spitze entgegenhielt:
»Fett ist hier, Komm zu mir, Laß das Stück dir munden!«
Da antwortete ihm eine Stimme aus dem Himmel:
»Hüte dich, Dieb! Schlüssel, du, flieg, Bis du die Wange gefunden!«
Da fiel plötzlich ein glühender Schlüssel hoch vom Himmel herab, gerade auf die Wange des Diebes, und brandmarkte sie. Die Narbe des Schlüsselbrandmals aber trug er, solange er lebte.
Wie es Jons Seele erging
Es lebten einmal ein Mann und seine Frau. Der Mann war sehr ungesellig und unbeliebt, und dazu war er faul und unnütz zu Hause. Seine Frau war damit sehr wenig zufrieden; oft schalt sie ihn aus und sagte, daß er zu gar nichts anderem tauge, als das zu verprassen, was sie zusammengespart hätte; denn sie war selber eine gar umsichtige Frau und ließ alle Kniffe gelten, um das Notwendige zu beschaffen, und verstand jeden so zu nehmen, wie er genommen werden mußte. Aber wenn sie auch in manchen Dingen uneinig waren, so war die Frau ihrem Alten doch gut und ließ es ihm an nichts fehlen. So ging es eine ganze Weile; aber einmal verfiel der Mann in eine schwere Krankheit. Die Frau pflegte ihn, und als seine Kräfte abnahmen, fiel ihr ein, daß er wohl kaum so gut auf den Tod vorbereitet sei, daß es nicht zweifelhaft wäre, ob er auch Einlaß in den Himmel fände.
Sie dachte deshalb bei sich selber, daß es wohl am ratsamsten sei, selbst zu versuchen, die Seele ihres Gebieters auf den rechten Weg zu bringen. Sie nahm daher einen Lederbeutel und hielt ihn vor die Nasenlöcher des Mannes, und als er seinen Geist aushauchte, fuhr dieser in den Beutel, und die Frau beeilte sich, die Öffnung zuzubinden. Dann begab sie sich nach dem Himmel, den Beutel in ihre Schürze gewickelt, kam an die Tore des Himmelreichs und klopfte an.
St. Peter kam an das Tor und fragte nach ihrem Begehr. »Guten Tag,« sagte die Alte, »ich bin mit der Seele meines Jon hergekommen. Ihr werdet wohl von ihm gehört haben, und ich wollte Euch nun bitten, ihn hineinschlüpfen zu lassen.« »Ach,« sagte St. Peter, »das kann ich leider nicht, ich habe wohl von deinem Jon reden hören, aber nie etwas Gutes.« Da sagte die Frau: »Ich hätte nie geglaubt, Peter, daß du so hartherzig wärst; du hast wohl vergessen, wie es dir einst erging, als du deinen Herrn und Meister verleugnet hast.«
St. Peter ging hinein und verschloß das Tor, die Alte aber blieb draußen stehen und stöhnte. Als eine kleine Weile verstrichen war, klopfte sie wieder an, und St. Paul kam heraus. Sie begrüßte ihn und fragte, wie er hieße, er aber sagte seinen Namen. Sie bat ihn, für die Seele ihres Jon Sorge zu tragen, er aber antwortete, daß er nichts von ihm wissen wolle; ihr Jon verdiene keine Gnade, sagte er. Da wurde die Frau giftig und sagte: »Das steht dir gut an, Paul! Du hast wohl die Gnade besser verdient, wie ich mir denken kann, weil du früher Gott und gute Menschen verfolgt hast. Es ist wohl am besten, daß ich aufhöre, dich zu bitten.«
St. Paul machte eiligst das Tor zu. Als die Frau aber zum drittenmal klopfte, kam die Jungfrau Maria heraus. »Guten Tag, liebe Jungfrau,« sagte die Frau, »ich hoffe, daß Ihr erlaubt, daß mein Jon hier hineinkommt, wenn auch Peter und Paul es nicht wollen.«
»Das darf ich leider nicht, meine Gute,« antwortete Maria, »dazu ist dein Jon ein viel zu großer Taugenichts.« »Ich will nicht mit dir darum rechten,« sagte die Frau, »ich glaubte, du wüßtest, daß andere ebenso schwach sein können wie du, oder kannst du dich nicht mehr darauf besinnen, daß du ein Kind bekommen hast, dessen Vater du nicht nennen konntest?« Maria wollte nichts weiter hören und beeilte sich zuzuschließen.
Ein viertesmal klopfte die Frau an das Tor. Da kam Christus selber und fragte, wohin sie wolle. Sie erwiderte demütig: »Ich wollte dich bitten, mein lieber Erlöser, diese arme Seele einzulassen.« Christus antwortete: »Das ist Jon, – nein, Frau, er hat nicht an mich geglaubt.« Da wollte er das Tor schließen, sie aber war nicht faul und warf den Beutel, in dem die Seele war, an ihm vorbei, so daß er weit hinein in das Himmelreich flog, und das Tor wurde verriegelt.
Da fiel der Frau ein Stein vom Herzen, daß Jon nun trotz alledem ins Himmelreich gekommen war, und sie kehrte fröhlich nach Hause zurück. Aber weder von ihr, noch von dem, was aus Jons Seele wurde, haben wir mehr zu sagen.
DIETSCH & BRÜCKNER / WEIMAR
Im gleichen Verlag sind erschienen:
Sagen und Märchen Alt-Indiens
erzählt von Alois Essigmann
2 Bände, Preis pro Band in Pappband M. 4.50
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Band 1 und 2 zusammen in Halbleder M. 18.—
Sawitri
eine alt-indische Legende
erzählt von Alois Essigmann
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Sijawusch
erzählt von Alois Essigmann
Preis in Pappband ca. M. 5.—
in Halbleder ca. M. 12.—
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Zur besseren Orientierung wurde das Inhaltsverzeichnis an den Anfang des Buches verschoben.
Korrekturen:
In »Sagen vom Pfarrer Erik in Vogsosar« wurden die Unterkapitel aufgrund der fehlerhaften Numerierung im Original neu numeriert.
S. 33: ich → er daß ich, während {er} schlief
S. 75: heiße ich → heiße ich nicht So heiße ich {nicht}, so heiße ich {nicht}
S. 76: heiße ich → heiße ich nicht »So heiße ich {nicht},« sagte die Alte, »so heiße ich {nicht}