Isländische Märchen und Volkssagen

Part 4

Chapter 43,999 wordsPublic domain

In demselben Augenblick erwachte er, und da stand er unten am Flutmesser in seinen Unterkleidern, in denen er sich abends zur Ruhe gelegt hatte. Sein erster Gedanke war, daß er im Schlaf dorthin gewandelt sein müßte; als er aber nach Hause an die Bude kam und die Tür verschlossen fand, wie sie sie abends verlassen hatten, so daß er nicht hineinkommen konnte, ehe er seine Kameraden geweckt hatte und sie ihm aufgeschlossen hatten, begann ihm klar zu werden, daß hier andere Künste als nur das Schlafwandeln mit im Spiel gewesen waren, und daß es in Wirklichkeit zugegangen war, wie er geträumt hatte.

Bischof Brynjolf

Als Bischof Brynjolf einmal in Skalholt auf einer Rundreise war, schlug er sein Zelt an einem Berg auf. Er hatte vier oder fünf Mann im Gefolge. Nachts erwachte der Bischof davon, daß eine über die Maßen große Hand durch das Zelt gestreckt und draußen gesagt wurde: »Ein Zelt für einen Bauern, einen bäurischen Mann!« Der Bischof sah, daß eine Riesin gekommen war und zwar keine von den kleinsten. Er sagte ihr, daß sie dasjenige von seinen Pferden, das er ihr näher bezeichnen würde, nehmen und behalten sollte. Da ging die Riesin ihres Weges und nahm das Pferd mit. Sie warf es so leicht über die Schultern, als wäre es ein Schaf und stapfte auf den Berg hinauf.

Im nächsten Sommer machte der Bischof an derselben Stelle Halt. Als aber seine Leute wach wurden, war er aus dem Zelt verschwunden. Sie gingen hinaus, um ihn zu suchen. Nach vielem Suchen fanden sie ihn in einer Höhle im Berge, in der er saß und mit der Riesin sprach, die im vorigen Sommer sein Zelt besucht hatte. Sie sahen, daß sie weinte, und es war, als ob Hagel aus ihren Augen stob. Wovon aber der Bischof und sie gesprochen hatten, das erfuhren die Leute nicht. Er folgte ihnen dann und zog wieder heimwärts.

Nach dieser Zeit aber hatte der Bischof stets die Gewohnheit, an jedem Weihnachtsheiligabend einen Hengst draußen vor der Scheune auf Skalholt anbinden zu lassen. Morgens war der Hengst immer verschwunden, und man wußte dann, daß ihn sich die Riesin zum Festtagsschmaus geholt hatte.

Der Troll im Felsen

Auf Holme im Reydarfjord verschwand einmal die Tochter des Pfarrers; man suchte sie lange überall, aber nirgends war sie zu finden. Aus dem Fjord erhebt sich ein spitziger Felsen, der Skrudur genannt wird. Die Leute der bewohnten Gegend pflegen jeden Herbst ihr Vieh dort auf der Weide zu haben und es nach Weihnachten wieder abzuholen; jedes Jahr blieb das beste Schaf aus der Herde weg, anderes aber wurde nie vermißt.

Ein paar Fischerboote konnten einmal eines Winters ihren üblichen Landungsplatz nicht erreichen; eins von ihnen steuerte unter einen Felsen in den Skrudur hinein. Dort zogen die Fischer das Boot ans Land, setzten sich, naß und erfroren, wie sie waren, auf einen Felsenabsatz und begannen, das Marienlied zu singen. Da öffnete sich der Felsen, und eine ungewöhnlich große Männerhand mit einem Ring auf jedem Finger und einem scharlachfarbenen Ärmel über dem Handgelenk kam zum Vorschein und reichte ihnen eine große Schüssel voll Grütze, mit so vielen Löffeln drin, als es Leute waren, heraus, während von innen gesagt wurde: »Jetzt macht es meiner Frau Vergnügen, jetzt macht es mir kein Vergnügen.« Als die Fischer durch die warme Grütze satt und neubelebt waren, verschwand die Schüssel wieder in den Felsen hinein. Am nächsten Tag kamen sie ans Land.

Im nächsten Jahr um dieselbe Zeit geschah dasselbe mit einem anderen Fischerboot. Die Fischer saßen auf dem Felsenabsatz und sangen das Andrelied ganz leise bis zu Ende. Da kam dieselbe Hand aus dem Felsen heraus, mit einer Schüssel voll fetten Rauchfleisches, und sie hörten, daß gesagt wurde: »Jetzt macht es mir Vergnügen, jetzt macht es nicht meiner Frau Vergnügen.«[3] Satt kehrten sie zurück ans Land, als das Wetter sich beruhigt hatte.

Nun vergingen ein paar Jahre, bis Bischof Gudmund auf dem Ostland umherzog und Seen und Brunnen weihte, und die Schlange im Wasserfall unter dem Lagerfluß fesselte. Er war Gast auf Holme. Da bat ihn der Pfarrer, auch den Skrudur zu weihen: »Denn ich habe viel Gut, und es wird mir schwer, es mitzunehmen, und das will ich dir sagen, daß du weitere Reisen nicht machen wirst, wenn du in mein Gebiet ziehst, um mir Schaden zuzufügen.«

Der Bischof aber unterließ es hinzuziehen und den Felsen zu weihen.

Fußnoten:

[3] Die Frau des Trolls war nämlich Christin, und darum fand sie Vergnügen an dem Lied der Jungfrau Maria, während er sich freute, das Lied vom Andre zu hören, der ein Troll war, wie er selbst.

Die Riesin

In alten Tagen wohnte einst auf Blaahvam am Blaafjeld eine Riesin mit Namen Kraaka; sie wohnte in einer Höhle, von der heute noch Spuren vorhanden sind, und die so hoch oben zwischen den Felsen bei Blaahvam liegt, daß es für Menschen unmöglich ist, hinaufzukommen. Kraaka tat sehr viel Böses; häufig überfiel sie das Vieh der Mygsöer, und sie schädigte diese dadurch, daß sie ihre Schafe und ihre Leute tötete.

Kraaka war sehr mannstoll und liebte es nicht, in der Einsamkeit zu leben; und so geschah es nicht selten, daß sie sich Männer unten aus den bewohnten Gegenden holte und sie bei sich behielt; aber wenige hielten es bei ihr aus; sie liefen entweder davon oder nahmen sich das Leben.

Einmal hatte Kraaka einen Schafhirten aus Baldershjem, mit Namen Jon, ergattert; sie nahm ihn mit in ihre Höhle und wollte ihn nun recht pflegen. Er aber fand wenig Geschmack daran und wollte von alledem, was sie ihm auftischte, nichts genießen. Sie versuchte alle erdenklichen Künste, um ihm das vorzusetzen, was am meisten nach seinem Geschmack war, es half aber alles nichts. Endlich ließ der Schafhirt verlauten, daß er seinen Appetit wiedererlangen würde, wenn er eine Mahlzeit von einem zwölfjährigen Meerkalb bekommen könnte. Kraaka erfuhr durch ihre Zauberei, daß ein zwölfjähriges Meerkalb an keinem anderen Ort aufzutreiben sei als auf Siglunäs, und obgleich dieser Ort weit von Blaahvam entfernt lag, wollte sie doch den Versuch machen, das Kalb zu erwischen. Sie zog also fort und ließ den Mann zurück; als sie aber ein kleines Stück Weges zurückgelegt hatte, fiel ihr ein, daß es doch sicherer wäre nachzusehen, ob sie nicht von ihm zum besten gehalten worden wäre und er entsprungen sei, sobald sie ihm den Rücken gekehrt hatte. Sie lief deshalb zurück nach ihrer Höhle, der Hirt aber saß ruhig darin; dann ging sie wieder fort und kam diesmal ein Stück weiter auf dem Wege; da befiel sie wieder dieselbe Angst, daß ihr der Mann untreu geworden sein könnte, und sie rannte daher wieder zurück in ihre Höhle; aber es war genau so wie das erstemal, der Mann saß ganz ruhig da. Nun zog sie im Ernst fort und glaubte, daß sie keine Angst mehr wegen des Hirten zu haben brauchte. Sie ging den geraden Weg nach Siglunäs, indem sie nördlich Hrisö quer über den Oefjord ging, und es wird von ihrer Wanderung weiter nichts gemeldet, als daß es ihr gelang, das Kalb einzufangen, und daß sie denselben Weg zurückzog, den sie gekommen war.

Kaum aber glaubte der Hirt, daß Kraaka glücklich den ganzen Weg hinter sich hätte, als er sich aus der Höhle schlich und davonlief. Kurz nachdem er die Höhle verlassen hatte, kam Kraaka zurück und sah bald, daß er entwichen war. Sie begann ihn also in größter Eile zu verfolgen, und als der Hirt nur noch ein kurzes Stück Weges bis Baldershjem zurückzulegen hatte, hörte er ein starkes Dröhnen hinter sich; da wußte er, was das zu bedeuten hatte, daß es Kraaka wäre, die kam. Als sie ihm so nahe gekommen war, daß er ihre Stimme hören konnte, rief sie: »Hier ist das Meerkalb, Jon; es ist zwölf Jahre alt, ja beinahe dreizehn.« Der Hirt aber beachtete sie weiter nicht, und als er den Hof erreicht hatte, stand der Bauer in seiner Schmiede und arbeitete. Da lief er denn hinein und trat in demselben Augenblick hinter den Bauern, als Kraaka die Tür erreichte. Der Bauer nahm das glühende Eisen aus der Esse und lief Kraaka entgegen und drohte, es ihr in den Leib zu stoßen, wenn sie nicht umkehre, nachdem sie versprochen habe, ihn oder seine Leute nie wieder zu belästigen. Da hatte Kraaka keine andere Wahl als wieder umzukehren, und das tat sie. Nach diesem Tage aber hörte man nie wieder, daß sie den Bauern auf Baldershjem zu nahe trat.

Ein anderes Mal nahm sich Kraaka einen Schafhirten aus Grönnewand und schleppte ihn mit in ihre Höhle. Es kam wie früher, daß auch dieser Hirt nichts von dem genießen wollte, was Kraaka ihm anzubieten hatte, und das ging ihr sehr zu Herzen. Schließlich sagte er, daß er wohl junges Bockfleisch essen würde, damals aber gab es nirgends Böcke, außer auf der Landzunge Hafrafells im Oexefjord, und, obgleich es ein weiter Weg war, um sie von dort nach Hvam zu holen, wollte Kraaka doch versuchen, sich das Bockfleisch zu verschaffen. Ehe sie aber fortzog, nahm sie einen ungeheuer großen Stein und setzte ihn vor die Tür der Höhle; denn diesen Hirten wollte sie keinesfalls verlieren, so wie sie den früheren verloren hatte. Sie ging nun fürbaß, und als sie an den Jökelbach zwischen den Bergen kam, sprang sie zwischen zwei hohen Felsen über ihn, und seitdem heißt diese Stelle heute noch »Der Hexensprung«. Über ihre Wanderung wird weiter nichts erzählt, bis sie nach der Landzunge Hafrafells kam. Da nahm sie sich zwei Böcke, band sie mit den Hörnern zusammen und warf sie über die Schulter. Dann kehrte sie denselben Weg zurück und sprang an derselben Stelle wie das erstemal über den Jökelbach. Als sie aber über den Bach gekommen war, war sie von der Wanderung sehr müde geworden und wollte sich ein bißchen verschnaufen. Sie machte die Böcke los und setzte sie zum Weiden in eine Kluft, die seitdem »Die Bockkluft« heißt. Als sie sich eine Weile ausgeruht hatte, nahm sie die Böcke und setzte ihre Wanderung fort.

Von dem Hirten aber wird erzählt, daß er Tausende von Künsten versuchte, um aus der Höhle hinauszukommen, nirgends aber fand er ein Loch oder eine Spalte, durch die er entschlüpfen konnte. Schließlich fand er ein großes und scharfes Schwert, das Kraaka gehörte. Er nahm das Schwert und durchhieb damit den Stein, mit dem die Tür versperrt war, so daß er schließlich ein so großes Loch gemacht hatte, daß er entschlüpfen konnte. Als er hinausgekommen war, lief er, was das Zeug hielt, seines Weges und eilte den bewohnten Gegenden zu. Und man hat nie etwas anderes gehört, als daß er unversehrt nach Hause gelangte.

Kraaka hatte einmal zu einem großen Weihnachtsgastmahl eingeladen und wollte nun alles aufs beste herrichten. Es fehlte aber etwas, fand sie, wenn sie ihren Gästen nicht Menschenfleisch als Leckerei vorsetzte; am Heiligabend ging sie also fort nach den bewohnten Gegenden; als sie aber an die obersten Höfe in dem Ort Mygsö kam, stand jeder Hof leer, da alle Leute zur Kirche nach Skutustad gegangen waren; denn damals war es Sitte und Brauch, in jeder heiligen Nacht Gottesdienst abzuhalten. Alle Leute waren schon in der Kirche; Kraaka aber näherte sich der Kirchentür und sah einen Mann auf einer Bank in einer Ecke sitzen. Sie streckte den Arm nach ihm aus, um ihn aus der Kirche zu zerren, er aber stieß aus Leibeskräften mit den Füßen nach ihr und schrie um Hilfe. Diese erhielt er augenblicklich, und das Ende vom Liede war, daß sich die ganze Gemeinde gegen Kraaka vereinigte, um den Mann ihren Händen zu entreißen, sie aber ließ nicht los, bis die eine Kirchenmauer gelockert war und sich nach außen bog. Dann wird erzählt, wie Kraaka zornig wurde und wünschte, daß die Kirchenmauer nie mehr feststehen sollte. Dieser böse Wunsch scheint in Erfüllung gegangen zu sein; denn seitdem ist die südliche Kirchenmauer auf Skutustad immer sehr baufällig gewesen.

Es wird auch erzählt, daß Kraaka wegen dieser und anderer Possen, die die Bewohner in dem obersten Teil des Ortes Mygsö ihr spielten, ihnen versprach, daß sie ihnen dagegen einen bösen Streich spielen würde, an den sie lange denken sollten. Oberhalb des Ortes, wo die Bauern ihre Sommerweideplätze hatten, lag damals ein großer Binnensee. Dorthin begab sich Kraaka eines Tages und sammelte ein großes Bündel Reisig, das sie dann mit Torfstücken und Kies ausfüllte, so daß es eine unbändig große Fuhre wurde. Diese Fuhre zog sie hinter sich her, vom Wasser bis zum Ort Mygsö und quer durch ihn hindurch bis nach dem Laxbach, unweit der Stelle, an der er seinen Auslauf aus dem Mygsee hat. Da, wo sie die Fuhre entlangzog, entstand eine große Vertiefung; in diese leitete dann Kraaka das Wasser mit dem Fluche, daß dieser Bach durch die Vertiefung fließen solle, solange der Ort Mygsö bewohnt würde; und daß er den Leuten die Wiesen und angrenzenden Felder überschwemmen solle; und daß zum Eindämmen des Wassers nur dieselben Dinge verwendet werden dürften, aus denen ihre Fuhre zusammengesetzt wäre, und daß der Bach schließlich den obersten Teil der Ortschaft zerstören solle.

Der Bach, der noch heutigen Tages an derselben Stelle fließt, ist nach Kraaka benannt worden und heißt der Kraakabach; er tut den Mygsöbauern großen Schaden; er läuft an sämtlichen Wiesen der Höfe vorüber, die zu oberst im Ort liegen, und beschädigt sie dadurch, daß er alljährlich Land fortspült und Sand aufwühlt; denn im Frühjahr reißt er ständig Löcher in seine Ufer und spült auf diese Weise Sand und Lehm auf die Wiesen hinauf. Mehrere Höfe stehen deshalb in Gefahr, niedergelegt werden zu müssen; alljährlich werden diese Löcher ausgefüllt, und immer werden dazu Reisig, Kies und Torfstücke verwendet, dieselben Dinge, aus denen Kraaka ihre Fuhre zusammengesetzt hatte; es ist aber jetzt schon ein so großer Mangel an Reisig um den Mygsee herum, daß man kaum so viel davon aufbringen kann, als benötigt wird, um den Kraakabach einzudämmen. Alten und klugen Leuten ist es denn auch jetzt klar geworden, daß die Flüche und Verwünschungen der alten Kraaka bald in Erfüllung gehen werden.

Gilitrutt

Unter den Inselfelsen im Ostland wohnte einmal ein junger Bauer. Er war ein fleißiger und strebsamer Mann. Gute Weideplätze lagen um sein Haus herum, und er hatte viele Schafe. Zur Zeit dieser Erzählung hatte er sich eben verheiratet. Seine Frau war jung, aber untauglich und faul. Nichts mochte sie tun, und sie kümmerte sich nur wenig um die Wirtschaft. Dem Manne gefiel das gar nicht, er konnte aber nichts daran ändern.

Im Herbst gab er ihr eine Menge Wolle und bat sie, während des Winters Stoff daraus zu weben, die Frau aber gab ihm keine gerade, freundliche Antwort darauf; und es ging zum Winter, ohne daß sie die Wolle anrührte, obwohl der Mann sie häufig daran erinnerte.

Einmal kam ein ziemlich hochgewachsenes, altes Weib zu der Frau und bat um eine kleine Gabe. »Kannst du als Entgelt etwas für mich arbeiten?« fragte die Frau. »Das könnte ich schon tun,« sagte das Weib, »was aber sollte das wohl sein? Wolle zu Stoff weben,« sagte die Frau. »Gib sie her,« sagte die Alte, worauf die Frau einen ungeheuer großen Wollsack holte und ihn ihr gab. Die Alte nahm den Sack, warf ihn sich auf den Rücken und sagte: »Das Zeug werde ich dir am ersten Sommertag bringen.« »Was für eine Bezahlung willst du dafür haben?« fragte die Frau. »Nicht viel,« sagte die Alte, »du sollst mir meinen Namen beim drittenmal Raten nennen, dann sind wir quitt.« Das versprach die Frau zu tun, und die Alte ging ihres Weges.

Der Winter schwand, und der Bauer fragte seine Frau häufig, was denn aus der Wolle geworden wäre. Sie erwiderte, das ginge ihn nichts an, er würde es aber am ersten Sommertag erfahren. Der Mann sprach dann nicht weiter davon, und man gelangte in die letzten Winterwochen hinein. Da begann die Frau, über den Namen der Alten nachzudenken, sah aber nicht den geringsten Ausweg, ihn erfahren zu können. Darüber wurde sie traurig und schwermütig. Der Mann sah, daß eine Veränderung mit ihr vorgegangen war und wollte wissen, was ihr fehlte, und sie erzählte ihm alles. Da wurde ihm angst, und er sagte, daß sie übel gehandelt habe; denn das wäre gewiß eine Hexe, die vor hätte, sie zu holen.

Einmal, als der Bauer oben unter den Felsen wanderte, stieß er auf einen großen Kieshügel. Er war gerade mit seinen Sorgen beschäftigt und wußte kaum, was er anfangen sollte, da hörte er ein paar Schläge unten in dem Hügel. Er ging dem Geräusch nach und kam an eine Spalte und sah dort, daß da unten ein übermenschlich großes Weib saß und webte. Sie hatte das Zeug zwischen den Beinen und schlug ohne Unterlaß darauf. Sie summte vor sich hin: »Hi, hi und ho, ho! Die Hausfrau weiß nicht, wie ich heiße; hi, hi und ho, ho! Gilitrutt heiße ich, ho, ho! Gilitrutt heiße ich, hi, hi und ho, ho!« Damit fuhr sie bis ins Unendliche fort und schlug eifrig auf das Zeug. Der Bauer war froh, denn er dachte, daß das die Alte sein müßte, die seine Frau im Herbst besucht hatte. Er kehrte heim und schrieb den Namen »Gilitrutt« auf einen Zettel. Seine Frau aber ließ er nichts davon wissen, und so kam der letzte Wintertag. Die Hausfrau war sehr kummervoll und zog sich den Tag über nicht an. Da ging der Bauer zu ihr und fragte sie, ob sie den Namen ihres Arbeitsweibes wüßte; sie aber antwortete: »Nein,« und sagte, daß sie sich nun zu Tode grämen müßte. Der Bauer sagte, daß sie das nicht brauchte; er gab ihr den Zettel mit dem Namen und erzählte ihr, wie alles zugegangen war. Sie nahm den Zettel, zitterte aber vor Furcht; denn sie hatte Angst, daß der Name vielleicht falsch sein könnte. Sie bat ihren Mann, bei ihr zu bleiben, wenn die Alte käme, er aber sagte: »Nein, da du ihr allein die Wolle gegeben hast, so ist es auch am besten, daß du allein ihr den Lohn gibst,« und darauf verließ er sie.

Nun kam der erste Sommertag. Die Frau lag in ihrem Bett, sonst aber war kein Mensch auf dem Hof. Da hörte sie heftiges Poltern und dröhnende Schritte unter der Erde. Die Alte erschien, und sie sah nicht gerade sehr anmutig aus. Sie warf einen großen Ballen Wollstoff auf den Fußboden und sagte: »Wie heiße ich also, wie heiße ich also?« Die Frau, die vor Angst mehr tot als lebendig war, sagte: »Signy.« »So heiße ich nicht, so heiße ich nicht, rate noch einmal, Hausfrau!« sagte die Alte. »Asa,« erwiderte die Frau. »So heiße ich nicht,« sagte die Alte, »so heiße ich nicht, rate noch einmal, Hausfrau!«

»Du heißt doch nicht Gilitrutt?« fragte da die Frau. Als die Alte das hörte, erschrak sie so sehr, daß sie der Länge nach zu Boden fiel und ein furchtbares Gepolter machte. Dann erhob sie sich wieder, ging fort und wurde nie wieder gesehen. Die Frau freute sich nun über alle Maßen, von diesem Ungeheuer so billigen Kaufes losgekommen zu sein, und wurde nun ein ganz anderer Mensch. Sie wurde fleißig und pünktlich und wirkte später ihre Wolle immer selbst.

Der Bauer von Gnupar

Ein Bauer auf Gnupar im Syssel Thingö träumte einmal, daß eine Frau zu ihm käme und sich darüber beklagte, daß seine Kinder Steine in einen Binnensee in der Nähe wärfen und dadurch die Forellen verscheuchten, von denen sie leben müßte. Der Bauer aber kümmerte sich nicht um ihre Klagen und fand, es wäre nicht notwendig, den Kindern ernstlich ihren Unfug zu verbieten; darum fuhren sie auch fort, Steine in das Wasser zu werfen, wie sie es früher getan hatten. Da kam dasselbe Weib zum zweitenmal zu dem Bauern im Schlaf und drohte ihm mit ihrer Rache.

Im nächsten Winter geschah es eines Abends, daß sämtliche Fensterscheiben im Hof zerschlagen wurden. Der Bauer stürzte hinaus, um zu sehen, wer ihm diesen Streich gespielt hätte; er sah aber niemand, auch zeigte der frischgefallene Schnee weder Spuren von Menschen, noch von Tieren.

Ein anderes Mal wurde das Licht, das auf dem Tisch stand, gleichsam von einer menschlichen Hand ausgelöscht, ohne daß ein Mensch zu sehen war. Ein Mädchen ging in die Küche hinaus, um das Licht wieder anzuzünden, sie konnte aber das Feuer am Herd nicht zum Aufflammen bringen. Dreimal versuchte sie, es anzuzünden, und alle dreimal wurde ihr das Licht sofort wieder ausgelöscht. Da kam schließlich der Bauer selbst hinaus, und ihm gelang es nach vieler Mühe, das Licht zum Brennen zu bringen.

Einmal wurden dem Bauern ein Paar schwere und dicke Schuhe von einer unsichtbaren Hand an den Kopf geworfen; er wurde zornig und warf die Schuhe nach derselben Richtung, aus der sie gekommen waren, zurück; da aber wurden sie ihm mit doppelter Geschwindigkeit wieder ins Gesicht geschleudert.

Schließlich wurde den Leuten bei diesen Heimsuchungen so unheimlich zumute, daß der Bauer mit allem, was ihm gehörte, von dem Hofe fortzog, der von dieser Zeit ab nicht mehr bewohnt wurde.

Guldbraa und Skegge

Hvam in den Tälern, der alte Hauptsitz der Sturlunger, liegt in einem nicht sehr breiten Tal. Ein Bach fließt durch das Tal, und gerade gegenüber Hvam, jenseits des Baches, liegt ein Hof, der Akur heißt; andere Höfe gibt es nicht in dem Tal. Akur ist früher bewohnt gewesen, auch wenn es so aussieht, als gehöre er eigentlich zum Besitztum von Hvam; denn schon in der Sturlungersage wird von Akur an der Stelle berichtet, wo Sturla seinen Traum erzählt und sagt, es schiene ihm, als wäre er am Abhang »gegenüber Akur«. Nach Guldbraa, die zuerst auf Akur gewohnt haben soll, sind mehrere Orte im Tal benannt worden, und über sie ist folgende Erzählung im Westlande allgemein bekannt.

Audur, die Bodenreiche, nahm alles Land am Hvamsfjord in Besitz und wohnte später auf Hvam. Dort lebte sie, von großer Pracht und vielem Reichtum umgeben. Auf der östlichen Seite des Baches graste das Vieh, die Felder aber lagen gegen Westen im Tal und reichten bis zum Abhang hinauf. Diese Felder waren sehr fruchtbar, jedoch ließ Audur ein Stück der Erde brach liegen, wenngleich dies genau so fruchtbar wie der übrige Boden zu sein schien, und mit Strenge verbot sie ihren Knechten, je den ganzen südlichen Acker zu bebauen oder das Vieh dort weiden zu lassen, und wenn das einmal geschah, so durfte das Vieh beim nächsten Melken nicht benutzt werden.

Es geschah, als Audur, die Bodenreiche, sehr alt geworden war, daß einmal ein wunderschönes, junges Weib nach Hvam kam. Sie nannte sich Guldbraa, niemand aber wußte, wo sie herkam, oder aus welchem Geschlecht sie war. Sie traf die Hausfrau nicht selbst an, sondern nur ihren Hausmeister. Sie fragte ihn, weshalb die Felder südwärts des Baches nicht bebauet wären; er aber antwortete ihr, daß Audur verboten hätte, sie je zu bebauen. Da lachte sie laut und wollte dieses Land kaufen. »Ich will lieber den kleinsten Hügel davon haben als den ganzen Boden von Hvam; denn es ahnt mir, daß die Sitte hier allgemein, und das Haus gebaut werden wird, das ich am meisten von allen hasse; gib mir deshalb sofort das Kaufrecht für das Land, ohne erst Audur zu fragen,« sagte sie und reichte ihm einen Beutel, der mit Gold gefüllt war; da ihm aber das Gold gut gefiel und Audur das Regiment über den Hof außerdem aus der Hand gegeben hatte, nahm er das Gold und gab ihr das Kaufrecht.

Audur erhielt bald Kenntnis davon und verjagte ihren Hausmeister; sie sagte, daß er keinen Segen durch dieses Gold haben würde; denn es ahnte ihr, daß diese Guldbraa eine Hexe und ein schlimmer Gast sei; nun aber waren ihre Ahnungen von dem Lande südwärts des Baches in Erfüllung gegangen. »Jedoch wird das Glück dem Boden Hvams anhaften,« sagte sie, »so daß das nichts schaden wird.« Da kam der Hausmeister mit dem Beutel nach Hause und wollte ihn Audur geben, um sie zu besänftigen. Er band ihn auf, aber es wälzte sich ein großes Bündel Schlangen unter furchtbarem Gestank aus dem Beutel, und er verlor den Verstand und starb kurz darauf. Er wurde nebst dem Beutel in eine Spalte des Felsens gelegt, der auf dem Grund und Boden stand, den Guldbraa gekauft hatte, und seitdem heißt dieser Ort die Schlangenschlucht.