Isländische Märchen und Volkssagen

Part 5

Chapter 53,829 wordsPublic domain

Audur ließ den Kauf zu Recht bestehen; aber alle Felder südwärts des Baches, unten vom See hinauf bis an eine tiefe Felsenkluft im Tal, ließ sie brachlegen; sie ließ drei Kreuze auf den Rand des Felsens setzen, weshalb diese Stelle später die Kreuzkluft genannt wurde, und sie sagte, daß Guldbraas Zauberkünste keine Macht über diese Kreuze haben würde, solange sie lebte. Guldbraa ließ auch niemanden diese Kreuze anrühren und hütete sich, ihr Vieh dort in die Nähe kommen zu lassen. Sie baute einen großen Hof auf ihrem Stück Land; da errichtete sie ein Opferhaus und nahm große Opferungen vor und übte viel Zauberei aus. Immer aber mißlangen ihre Zauberkünste, wenn sie während derselben die Augen nach Hvam wendete; sie sagte, daß sie stets irgendwo auf dem Heimacker von Hvam ein großes Licht sehe, dessen hellen Schein sie nicht vertragen könnte; davon werde sie zerstreut und mache Fehler in ihrer Wissenschaft. Ein ähnlicher Glanz leuchtete ihr aus Audurs Kreuzen am Felsrand entgegen, jedoch glaubte sie nicht, daß diese ihr so gefährlich werden würden wie das Licht vom Heimacker. Nie begegneten sich Audur und Guldbraa, auch erlaubten sie nicht, daß sich ihr Gesinde über den Bach hinweg besuchte, und nie kam ihr Vieh zusammen. Audur war Christin, hatte aber keine Kapelle auf ihrem Hof; sie verrichtete ihre Gebete auf Kroßholar; denn von dort aus konnte man das Opferhaus auf Akur nicht sehen. Bevor sie starb, bestimmte Audur, daß sie nicht in ungeweihter Erde liegen wolle; sie sagte aber, daß sie sich vor den Gewalttätigkeiten der Heiden fürchte und bat darum, neben dem Flutmesser bestattet zu werden. Jetzt heißt der Ort, an dem sie liegt, der Audurstein, und er ist noch heutigen Tages ein Strandzeichen im Hvamsfjord; da sagt man nämlich bei starker Strömung, die See sei entweder halb gestiegen oder gefallen, wenn sie sich am Audurstein bricht.

Guldbraa wohnte nicht lange auf Akur nach dem Tode Audurs; denn obgleich ihre Macht dadurch zunahm, daß das Heidentum allgemein wurde und die Hvamsleute heidnischen Gottesdienst und Opferungen auf Kroßholar abzuhalten begannen, konnte sie doch keine Ruhe finden, da Audurs Grab am Flutmesser unterhalb ihres Besitztums lag und sich ihre Kreuze über ihr, an der Kluft auf dem Felsenrand befanden. Da war sie schlimm daran, und darum überließ sie den Hvamsleuten das Akurland, nahm aber selbst den innersten Teil des Tales in Besitz. Da war es sehr finster, und die Sonne steht im Sommer dort tief, den größten Teil des Winters aber kommt die Sonne an der Südseite des Tales überhaupt nicht zum Vorschein. Sie wählte ihren Aufenthaltsort so weit wie möglich im Tal drin, wo es am schmalsten und dunkelsten war, und diese Stelle wird von jener Zeit an Guldbraas Hügel genannt.

Guldbraa wagte nicht, an den Kreuzen Audurs vorbei in das Tal hineinzuziehen, ehe sie sich mit ihrer Zauberei gestärkt hatte. Sie ging zu ihrem Opferhaus, und dort verweilte sie lange, unter seltsamem Gebahren; als sie herauskam, ließ sie sich die Augen verbinden. Eine Truhe, mit Gold gefüllt, nahm sie aus dem Opferhaus mit, und an ihrem Deckel ließ sie einen großen Ring anbringen, der in der Tür des Opferhauses befestigt gewesen war, stieg darauf zu Pferd und ritt mit der Truhe vor sich davon, indem sie den Ring festhielt, während ihr Hofknecht das Pferd am Zaum führte. Sie verbot ihren Leuten, je nach den Kreuzen am Abhang zu blicken. Aber als derjenige, der ihr Pferd am Zügel durch die Kreuzkluft führte, unversehens den Abhang hinaufblickte, blieb er ein Weilchen stehen, und da es schwer war, durch die Kluft zu kommen und Guldbraa das Pferd eifrig antrieb, stolperte es. Dabei fiel die Truhe vor ihr herunter, während Guldbraa nur den Ring in der Hand behielt. Darüber erschrak sie so, daß sie die Binde von den Augen riß, um zu sehen, was aus der Truhe geworden war; da aber fielen ihr die Kreuze am Felsenrand gerade in die Augen. Da schrie sie laut auf und sagte, daß sie ein unerträgliches Licht blende; sie gebot ihrem Hofknecht, ihr die Truhe zu reichen und mit aller Kraft vorwärts zu reiten. Aber den Ring, den sie zurückbehalten hatte, schleuderte sie weit von sich und sagte, daß sie es lange bereuen würde, ihn mitgenommen zu haben. »Das sehe ich nun hinterher,« sagte sie, »daß der Ring für die Dinge bestimmt ist, die meinen Gedanken am meisten zuwider sind.«

Guldbraa setzte nun ihren Ritt fort. Aber als sie ein kleines Stück Weges von der Kluft fortgeritten war, bekam sie so heftige Augenschmerzen, daß sie, als sie Guldbraas Hügel erreichte, das Augenlicht verloren hatte. Dort verweilte sie nun eine kurze Zeit, blind und unter vielen Verdrießlichkeiten, bis sie in eine schwere Krankheit verfiel. Da rief sie ihre Hofknechte zu sich und befahl ihnen, sie an eine Schlucht zu bringen, in die sie sich hineingleiten lassen wollte. Sie sagte, daß sie liegen wolle, wo die Sonne nie zu sehen und das Läuten der Glocken nie zu hören wäre. In diese Schlucht aber stürzt gegen Nord ein Wasserfall, und unter ihm befindet sich eine Höhle. Die Schlucht ist schwindelnd tief, und der Wasserfall lärmt und braust dort unten.

Guldbraa ging in die Höhle hinein und legte sich auf das Gold. Als sie in dem Wasserfall ein Spukgeist geworden war, vernichtete sie einen Hof auf Guldbraas Hügel; als es zu dunkeln begann, konnten weder Menschen, noch Tiere ihr Leben dort auf dem Hügel oder auf dem Abhang behalten, und die Schafhirten glaubten später, dort Spuk zu bemerken. Aber alles Gespensterunwesen hörte auf, sobald eine Kirche in Hvam gebaut worden war. Jetzt wird der Ort, an den Guldbraa sich hinbringen ließ, Guldbraas Schlucht und Guldbraas Fall genannt.

Der Ring von der Tür des Opferhauses befindet sich noch an der Kirchentür zu Hvam. Es ist ein großer Bronzering, dessen Handgriff stark abgenutzt ist; unter der Kramme befindet sich eine uralte Kupferplatte, auf der in erhöhter Arbeit zwei Männer in Waffenkleidung mit dem Helm auf dem Kopf und dem Schwert an der Seite und mit kurzem Panzer bekleidet zu sehen sind. Der eine jagt dem andern einen Speer in die Brust, der am Rücken wieder heraustritt.

Es wird in der Sage vom Christentum und an mehreren Orten erzählt, daß der Priester Thangbrand, als er in den Westfjorden umherzog, auch nach Hvam kam. Seine Predigt fand dort nur widerwillige Ohren. Die Hausfrau kam nicht heraus, sondern blieb drin und opferte, während ihr Sohn Skegge unterdessen Thangbrand und seine Männer verhöhnte.

Von diesem Skegge wird erzählt, daß er lange in Hvam gewohnt und den heidnischen Glauben sehr gestärkt habe. Er war selbst ein Zauberer und ein Heide von Kopf bis zu Fuß, genau wie seine Mutter. Aber trotzdem war er kein so großer Zauberer, daß er Guldbraas Spuken bewältigen konnte. Oft tötete sie ihm die Hirten und das Vieh, wenn sie nach Guldbraas Hügel kamen. Das gefiel Skegge nicht, um so weniger, als er immer Lust gehabt hatte, Guldbraas Truhe aus dem Wasserfall heraufzuholen. Er sagte, was ja auch wahr war, daß sie besser bei ihm als bei ihr, dem toten Geist, aufgehoben sei.

Eines Tages zog er bei schönem Wetter ausgerüstet hinaus, um im Guldbraas Fall hineinzusteigen. Der Weg durch das Tal war weit, und es begann zu dunkeln, ehe er den Wasserfall erreichte. Zwei Hofknechte, die die Stricke halten sollten, begleiteten ihn. Skegge glitt in den Fall hinein, und es dauerte nicht lange, bis die Knechte ein starkes Gepolter, Donnern und anderen Lärm hörten; es hörte sich an, als wenn ein schwerer Kampf unter dem Wasserfall stattfände; es wurde ihnen todesangst, und es hätte nicht viel gefehlt, daß sie fortgelaufen wären; da aber gab ihnen Skegge ein Zeichen, daß sie die Stricke hochziehen sollten. Das taten sie; aber als Guldbraas Truhe bis an den hervorspringenden Rand der Schlucht gekommen war, sahen sie sich unwillkürlich um, und es schien ihnen, als stände das ganze Tal bis nach Hvam hinunter in hellen Flammen, so daß die Flammen sich von Fels zu Fels verbreiteten. Da entsetzten sie sich so, daß sie von den Stricken fortliefen, und die Truhe fiel zurück in den Fall. Als sie von dem Hügel herabgestiegen waren, sahen sie nichts Außergewöhnliches, trotzdem aber hielten sie erst im Laufen inne, als sie das Haus erreicht hatten. Skegge kam erst viel später, übel zugerichtet; denn er war blau und blutig. Er trug einen großen, mit Gold gefüllten Kessel auf dem Arm; den hatte er mit Gold aus Guldbraas Truhe gefüllt, und er hatte sich mit den Händen aus der Schlucht emporgeschwungen. Der Kampf zwischen Guldbraa und Skegge war hart und lang gewesen, aber Guldbraas Gespensterwesen hatte er nicht zu vernichten vermocht; denn nie war es so schlimm gewesen wie nach dieser Zeit. Sie tötete Skegge einen Hirten nach dem andern, und schließlich konnte er niemanden mehr als Viehhirten bekommen; denn alle, die es wurden, starben.

Skegge war nach seinem Besuch in der Schlucht nicht mehr der Alte; sowohl die Folgen des Kampfes, wie der Tod seiner Hirten packten ihn so schwer, daß er sich zu Bett legen mußte. Aber als es so weit gekommen war, daß sich niemand mehr bewegen ließ, das Vieh zu hüten, stand Skegge eines Tages auf und ging zu seinen Schafen. Tag und Nacht vergingen, ohne daß Skegge wiederkam, aber spät am nächsten Tage kam er nach Hause, mehr tot als lebendig; denn niemand hatte gewagt, nach ihm zu sehen. Da trug er Guldbraas Truhe auf dem Rücken. Er sagte, daß ihr Spuk jetzt keinen Schaden mehr anrichten würde, daß er selbst ihr aber wohl folgen müsse. Er ging darauf wieder zu Bett und stand nicht mehr auf. Er wünschte vor seinem Tod, daß das Gold, das im Kessel war, zum Ankauf von Kirchenbaumaterial verwendet werden möge, so daß eine Kirche in Hvam erbaut werden könnte. Er sagte, daß er, als er das erstemal in den Wasserfall gestiegen wäre und mit Guldbraa gerungen hätte, seinem Freund Thor ein Versprechen gegeben habe; der habe ihn jedoch getäuscht; das letztemal aber hätte er, als er sich in noch größerer Gefahr befand, das Versprechen gegeben, Geld zu stiften, um eine Kirche in Hvam zu bauen, wenn er aus Guldbraas Krallen errettet würde. Da aber hätte eine starke Flamme in ihren Augen aufgeleuchtet, und ehe er das Wort gewußt habe, sei sie da unten in der Schlucht zu Stein geworden. Und heute noch ist der Geist in Guldbraas Fall zu sehen.

Trotzdem aber wollte Skegge sich nicht bekehren oder sich neben der Kirche zu Hvam begraben lassen; dagegen gebot er, daß man ihn in einen Hügel auf der nördlichen Seite des Heimackers legen sollte. Das wurde getan, und Guldbraas Truhe wurde ihm unter den Kopf gelegt. Dort steht noch jetzt ein großer Stein, der der Skeggestein heißt. Das Tal, nach dem er gerichtet ist, heißt das Skeggetal, und Guldbraas Hügel liegt gegen Süden in diesem Tal.

Jon und die Riesin

Auf dem Nordland lebte einmal ein Bauer, der fuhr jeden Herbst und Winter nach den Westmändsinseln zum Fischen. Er hatte einen Sohn, der zur Zeit dieser Erzählung erwachsen war. Der Sohn hieß Jon und war ein hoffnungsvoller Jüngling.

Einmal nahm der Bauer Jon mit auf seine Fischfahrt nach den Inseln. Sie zogen den geraden Weg, und es wird nichts von ihrer Fahrt oder von der Ausbeute ihres Fischens erwähnt. Im nächsten Herbst ließ der Bauer Jon allein südwärts nach dem Fischplatz ziehen; denn nun war er selbst alt geworden und traute sich nicht mehr Kraft genug zu, um hinauszurudern. Ehe aber Jon das Haus verließ, bat ihn der Vater vor allen Dingen, nicht unter einigen hohen Felsen zu rasten, die an dem Bergabhang lagen, und an denen entlang der Weg führte. Er legte ihm das so ernstlich ans Herz, daß Jon versprach, dort nicht Halt zu machen, was auch geschehen würde, und wie das Wetter auch wäre.

Dann zog Jon mit zwei Packpferden und einem Reitpferd fort. Die Pferde wollte er während des Winters zum Durchfüttern auf den Landinseln einstellen, wie sein Vater es getan hatte. Von seiner Fahrt wird weiter nichts erzählt, als daß alles nach Wunsch ging. Er kam an den Bergabhang, wie er sollte, und zog eine Zeitlang an ihm entlang. Der Tag war größtenteils schon verstrichen, und Jon bemühte sich, am Abhang vorbeizukommen, wie ihn sein Vater gebeten hatte. Aber als er in die Nähe der Felsen gekommen war, von denen ihm sein Vater erzählt hatte, überfiel ihn ein furchtbares Gewitter mit Sturm und Regen. Da kam er gerade an einige hohe Felsen und sah einen so schönen Halteplatz, wie er ihn sich nur wünschen konnte, auf einer Anhöhe unter den Felsen. Da war reichliches Gras und Schutz gegen den Regen. Er begann zu überlegen, was nun zu tun sei. Es gefiel ihm hier, und er konnte nicht verstehen, was denn Schlimmes dabei sein könnte, an dieser Stelle auszuruhen, und der Schluß seiner Überlegungen war, daß er sich zu bleiben entschloß. Er zäumte darauf die Pferde ab und band ihnen die Vorderfüße zusammen. In kurzer Entfernung sah er den Eingang zu einer Höhle oben in dem Felsen. Dorthin trug er seine Sachen, legte sie an die eine Seite der Höhle, unweit des Eingangs, machte es sich darauf zwischen seinem Gepäck behaglich und begann zu essen.

Es war dunkel in der Höhle. Als aber Jon im besten Zuge mit seiner Mahlzeit war, hörte er mehrfaches Geheul aus der inneren Höhle. Er erschrak etwas darüber, ermannte sich aber bald wieder. Er suchte einen riesigen Fisch aus seinem Reisevorrat heraus, riß ihm die Haut herunter, so daß sie unbeschädigt blieb, strich dick Butter über den ganzen Fisch und breitete die Haut wieder darüber. Als er damit fertig war, schleuderte er den Fisch, so weit er konnte, in die Höhle hinein und sagte, daß diejenigen, die da hinten wären, sich vor dem in acht nehmen sollten, was er ihnen schicke, wenn sie aber Lust dazu hätten, so könnten sie es gern behalten. Jon hörte bald, daß das Geheul aufhörte, und daß jemand begann, den Fisch zu zerreißen.

Als Jon mit seiner Mahlzeit fertig war, legte er sich zur Ruhe nieder und wollte nun schlafen. Da hörte er, wie es im Kies außerhalb der Höhle raschelte, und daß jemand mit schweren Tritten auf den Eingang zukam. Bald sah er, daß es eine große und dicke Riesin war, und es schien ihm, als leuchte ihre ganze Gestalt im Dunkel. Jon wurde bei diesem Anblick ungemütlich zumute. Als aber die Riesin durch die Tür der Höhle trat, sagte sie: »Er riecht nach Menschen in meiner Höhle.« Darauf ging sie mit langen Schritten in die Höhle hinein und warf ihre Last auf den Boden. Es dröhnte so heftig, daß die Höhle erzitterte. Da hörte Jon, daß die Alte mit jemand drin zu sprechen begann. Er hörte, daß sie sagte: »Das ist besser getan als ungetan, und es wäre schlimm, wenn es unbelohnt bliebe.« Und er sah dann, daß sie sich mit einer Kerze näherte. Sie begrüßte Jon bei seinem Namen, dankte ihm im Namen ihrer Kinder und lud ihn zu sich in die Höhle. Er nahm die Einladung an; die Alte aber steckte ihre beiden kleinen Finger in die Ösen der Stricke, mit denen sein Gepäck zusammengebunden war, und trug es ebenfalls hinein. Als sie weiter nach hinten gekommen waren, sah Jon zwei Betten; in dem einen lagen zwei Kinder; das waren die Kinder der Riesin, deren Geheul er kurz zuvor gehört hatte, und die den Fisch gegessen hatten. Auf dem Boden aber lag ein Haufen Forellen, die die Alte abends geangelt und auf dem Rücken nach Hause getragen hatte, und davon kam es, daß ihr Äußeres im Dunkel gefunkelt hatte. Die Alte fragte Jon, wo er lieber schlafen wollte, in ihrem Bett oder in dem der Kinder. Er zog es vor, in dem Bett der Kinder zu schlafen. Die Riesin bereitete dann den Kindern ein Lager auf dem Fußboden, bezog aber das Bett neu und sorgte für seine Schlafstelle. Jon legte sich schlafen, wachte aber davon wieder auf, daß die Alte ihm ein Gericht gekochter Forellen brachte. Er dankte ihr dafür, und während er aß, saß die Alte da und plauderte mit ihm und war ungemein munter. Sie fragte ihn, wo er zu rudern gedacht hätte. Das erzählte er ihr. Da fragte sie ihn, ob er schon einen Platz im Boot bei irgend jemand gefunden hätte. Jon erwiderte: »Nein.« Da erzählte ihm die Alte, daß alle Bootplätze auf der Insel schon besetzt seien, so daß keiner mehr jemanden annehmen könnte, und daß er keine Wohnung finden würde, außer bei einem alten Fischer, der jetzt kaum eine Gräte aus dem Wasser angele, und nur ein fast unbrauchbares Boot besäße, dessen Mannschaft aus untauglichen Burschen bestände, weil er kein ordentliches Stück Mannsleute mehr bekommen könnte. »Ich rate dir,« sagte sie, »dir einen Platz in dem Boot dieses Fischers zu mieten; er wird sich zwar sträuben, dich zu nehmen, du aber sollst nicht nachgeben, bis er darauf eingeht. Ich kann dich jetzt nicht so belohnen, wie ich müßte, für das, was du an meinen Kindern getan hast,« fuhr die Riesin fort, »aber hier habe ich zwei Angelhaken, die ich dir schenken will. Den einen sollst du selbst, den andern aber der Alte haben. Immer sollt ihr beide allein beim Angeln sein; die Haken werden sich, wie ich hoffe, als fischtauglich erweisen. Immer sollt ihr als letzte von allen hinausrudern und ständig aufpassen, daß ihr als die ersten abends nach Hause kommt. Ihr sollt nicht weiter rudern als bis an den Felsen, der gerade vor dem Landungsplatz steht. Wenn du nun nach Landösand kommst, wirst du die letzten Boote fahrtbereit finden. Versuche, mit ihnen nach den Inseln zu kommen, und binde deine Pferde am Strand zusammen, bitte aber niemanden, für sie zu sorgen und kümmere dich weiter nicht um sie. Ich werde im Winter ein bißchen für sie sorgen. Und wenn das Unwahrscheinliche geschehen würde, daß du im Winter Glück beim Fischen haben solltest, dann wäre es mir lieb, wenn ich deinen Pferden ein Pferd für mich folgen lassen könnte, um mir ein paar Fische zu holen; denn ich bin, wie ich dir verraten will, ein großes Leckermaul nach Dörrfisch.« Diese Bitte versprach Jon zu erfüllen und in allen ihrem Rat zu folgen.

Am nächsten Morgen bei Tagesgrauen brach Jon von der Höhle auf und trennte sich in Freundschaft von der Riesin. Über seine Reise wird nichts gemeldet, bis er nach Landösand kam. Dort lagen die letzten Boote, die nach den Inseln hinaus sollten, fahrtbereit. Jon schirrte eiligst die Pferde ab und band sie am Strand zusammen, ohne jemand zu bitten, für sie zu sorgen. Darüber trieben die andern Spott mit Jon und sagten, daß die Pferde sicher gut imstande sein würden, wenn die Fischzeit vorüber wäre. Jon kümmerte sich aber nicht um ihren Spott und tat, als wenn er nichts hörte und zog mit ihnen nach den Inseln hinaus. Als er dort ankam, suchte er sich einen Bootplatz, konnte aber nirgends einen finden, denn jeder hatte so viel Leute bekommen, wie er Platz hatte. Endlich kam er zu dem alten Fischer, an den die Alte ihn gewiesen hatte. Er bat ihn, ihn anzunehmen. Der Alte aber wollte sich darauf nicht einlassen und sagte, daß er solch einem flinken Mann keinen Schaden antun wolle. »Ich angle nie die kleinste Gräte aus dem Wasser,« sagte der Alte, »und habe nur untaugliche, junge Burschen, die mein elendes Boot besorgen; ich kann nur bei bestem und ruhigstem Wetter hinausrudern, und es ist nicht verlockend für einen flinken Mann, sich an meine Untüchtigkeit zu binden.« Jon fand, daß das sein eigener Schaden werden müßte, und er bettelte so lange bei dem Alten, bis er ihn schließlich annahm, und Jon zog bei ihm ein; die Leute aber fanden nicht, daß er Glück dabei gehabt hätte, einen Platz zu finden und verhöhnten ihn sehr.

Nun kam die Fischzeit. Eines Morgens erwachten Jon und der Alte davon, daß alle Fischer auf den Inseln bei schönstem, windstillstem Wetter hinausruderten. Da sagte der Alte: »Ich weiß nicht, ob ich auch versuchen soll, das Boot flott zu machen wie die andern. Ich glaube nicht, daß viel dabei herauskommt.« Jon fand, daß keine Gefahr dabei wäre, es zu versuchen. Da zogen sie ihre Lederanzüge an und stießen vom Land ab. Als sie aber gerade gegenüber von der eigentlichen Landungsstelle waren, schien es Jon, als ob er den Felsen erkenne, von dem die Riesin gesprochen hatte. Er fragte daher den Alten, ob es nicht klug wäre, es hier zu versuchen. Der Alte war erstaunt und sagte, daß das keinen Sinn hätte. Jon bat ihn, ihm spaßeshalber zu erlauben, nur einmal seine Schnur an dieser Stelle auszuwerfen. Das ließ der Alte zu. Kaum aber hatte Jon die Schnur ausgeworfen, als er einen Fisch heraufzog. Da reichte er dem Alten den andern Angelhaken, das Geschenk der Riesin. In Kürze kann nun erzählt werden, daß sie an diesem Tage dreimal an dieser Stelle das Boot voll hatten, und daß auf jeden von ihnen sechzig Stück vorzügliche Fische kamen. Da ruderten sie ans Land, lange bevor die andern kamen, – und dann waren sie bald damit fertig, die Fische zu reinigen und zuzubereiten. Alle waren erstaunt, wie viele Fische der Alte gefangen hatte. Sie fragten ihn, wo es so viele gäbe, und er erzählte ihnen, wie es war. Tags darauf ruderten die Inselbewohner früh hinaus, angelten am Felsen, merkten aber nichts von Leben an dieser Stelle, weshalb sie wieder fortruderten, dann aber fuhren erst Jon und der Alte hinaus. Es ging ihnen genau wie am vorigen Tag. Es sind nicht viele Worte darüber nötig, daß Jon und der Alte den ganzen Winter nach dem Felsen hinausruderten, und daß jeder zwölfhundert fing, und von allen auf der Insel waren die beiden am meisten vom Glück begünstigt. Am vorletzten Tag ruderten sie zum letztenmal hinaus, und da geschah es, als sie einmal die Leinen aufzogen, daß beide Angelhaken verschwunden waren, und so weit sie bemerkten, mußten sie losgemacht sein. Sie machten sich aber weiter keine Gedanken über diese Sache, sondern steuerten nach dem Land.

Nun ist zu erzählen, daß Jon mit dem Fisch nach dem Festlande zog und auf demselben Boot übergesetzt wurde, mit dem er im Herbst hinausgefahren war. Unterwegs spottete die Bootsmannschaft darüber, wie gut genährt seine Pferde nun wären, sie würden gewiß seine gedörrten Fische nach dem Nordland tragen können, meinten sie. Als sie sich aber dem Land näherten, sahen sie Jons Pferde am Strand aneinander gebunden stehen, genau wie er sie verlassen hatte. Nun waren die meisten neugierig und wollten sich die Pferde näher ansehen; sie waren aber nicht wenig überrascht, sie so feist zu finden, als wären sie den ganzen Winter über gemästet worden. Aber außer Jons Pferden stand noch ein Pferd da mit einem Saumsattel, braun von Farbe und schwer gebaut. Jons Genossen bekamen fast Angst vor ihm, denn sie hielten ihn für einen großen Zauberer, da er so glücklich geangelt hatte und seine Pferde in so gutem Stande waren, ohne daß jemand, so viel man wußte, für sie gesorgt hatte.

Jon band die gedörrten Fische auf die Pferde und lud ebenso viele auf das braune allein, wie auf seine beiden. Darauf ritt er allein nach Norden.