Isländische Märchen und Volkssagen

Part 3

Chapter 34,070 wordsPublic domain

Am nächsten Morgen war die älteste Tochter des Pfarrers, die damals zwölf Jahre alt war, verschwunden. Man suchte sie überall, aber sie war nirgends zu finden.

Als aber später ihre kleinen Geschwister auf der Wiese spielten, kam sie zu ihnen und spielte mit ihnen. Gern hätten sie sie mit nach Hause genommen, da aber verschwand sie für immer. Sie erzählte ihren Geschwistern noch, daß die Leute dort, wo sie nun wäre, gut zu ihr seien, und daß sie es nicht besser haben könnte.

Ihr Vater träumte oft von ihr, und ihm erzählte sie dasselbe, was sie ihren Geschwistern gesagt hatte, und außerdem, daß ihr der Pfarrerssohn des Huldrevolks zum Bräutigam bestimmt sei.

So ging es eine Zeitlang, bis sie einmal im Traum zu ihrem Vater kam und ihm sagte, daß sie ihn nun am nächsten Tag als Hochzeitsgast zu sehen wünschte; denn dann sollte ihre Hochzeit gefeiert werden.

Von dieser Zeit an träumte er nicht mehr von ihr.

Der Ernteknecht

Einmal zog ein junger Mann von den Südlandsgegenden nach dem Nordland, um Erntearbeit zu verrichten. Als er nordwärts nach den Heiden gekommen war, überfiel ihn ein dichter Nebel, und er verlor den Weg. Es kam Schneetreiben und Kälte. Der Mann machte daher Halt und schlug sich ein Zelt auf. Als er dann seine Wegzehrung hervorholte und zu essen begann, kam ein sehr verwahrloster und verhungerter, roter Hund in das Zelt hinein. Der Südländer wunderte sich, daß ein Hund an einem Ort zu ihm kam, an dem er nicht erwartet hatte, ein Tier zu sehen. Der Hund war so häßlich und sonderbar, daß ihm ganz angst wurde; nichtdestoweniger gab er ihm so viel zu fressen, wie er wollte. Der Hund fraß gierig, lief dann fort und verschwand draußen im Nebel. Der Mann kümmerte sich nicht weiter um ihn, und als er seine Mahlzeit beendet hatte, legte er sich schlafen, den Sattel unter dem Kopf.

Er schlief nun ein und träumte, daß eine Frau zu ihm in das Zelt träte. Sie war hochgewachsen und ziemlich bejahrt. Sie sagte: »Ich danke dir, junger Mann, meiner Tochter wegen, aber dich zu belohnen, wie du es verdient hast, steht nicht in meiner Macht; jedoch will ich, daß du diese alte Sense annimmst, die ich hier unter deinen Sattel lege. Ich hoffe, daß sie dir von Nutzen sein wird, und sie wird stets gleich gut schneiden, wohin sie auch trifft. Nie darfst du sie im Feuer glühen; denn dann taugt sie nichts mehr; sollte es dir aber nötig erscheinen, so darfst du sie gern an einem Stein wetzen.« Darauf verschwand die Frau.

Der Ernteknecht erwachte aus seinem Schlaf und sah, daß sich der Nebel gelichtet hatte, und daß es heller Tag war. Die Sonne stand hoch am Himmel. Das erste, was der Mann zu tun hatte, war, seine Pferde zu sammeln und sich zum Aufbruch zu rüsten. Darauf band er das Zelt zusammen und packte es auf die Pferde; als er aber seinen Sattel von der Erde aufhob, fand er darunter eine halb abgenutzte Sense mit Rostflecken. Da erinnerte er sich des Traumes und verbarg die Sense, zog weiter, und alles ging gut. Den Weg fand er bald, und nun ging es, so schnell er nur konnte, den bewohnten Gegenden zu. Als er aber nach dem Nordland kam, wollte ihn niemand in Dienst nehmen; denn alle hatten die Ernteleute, die sie brauchten, schon gedungen, und es war bereits eine Woche von der Heuernte verstrichen. Da hörte er, daß in der Gegend eine Frau wohne, die noch keinen Ernteknecht angenommen hätte. Sie war reich an Gut, und man glaubte, sie könne mehr als Brot essen. Sie pflegte keine Ernteleute zu dingen, und nie begann sie das Heu früher zu mähen als eine Woche oder vierzehn Tage nach den anderen; und doch wurde sie meist ebenso schnell auf ihrem Heimacker fertig wie die übrigen. Wenn sie dann wirklich ab und zu einen Knecht in Dienst genommen hatte, behielt sie ihn nicht länger als eine Woche und gab ihm keinen Lohn. Zu ihr wies man den Südländer, nachdem man ihm gesagt hatte, wie sie wäre, und da er nirgends Arbeit finden konnte, ging er dorthin und bot sich an, ihr das Heu zu mähen. Sie nahm ihn gut auf und sagte, daß sie ihm erlauben wolle, eine Woche dazubleiben. »Aber Lohn gebe ich dir nicht,« sagte sie, »außer, wenn du so viel Heu in einer Woche mähst, daß ich am Sonnabend nicht alles, was du gemäht hast, zusammenharken kann.« Das schien ihm eine gute Bedingung zu sein, und er begann also zu mähen.

Er nahm nun seine Sense, das Geschenk der Huldrefrau, und sie schnitt gut, fand er. Nie brauchte er sie zu schärfen, und so mähte er ununterbrochen fünf Tage lang. Es gefiel ihm dort sehr gut, und die Frau war sehr freundlich gegen ihn. Einmal kam er in die Schmiede; dort sah er eine ungezählte Menge Sensenschäfte und Harken und einen großen Haufen Sensen. Er wunderte sich darüber und fand, die Frau hätte nicht gerade Mangel an Erntegerät.

Am Freitag Abend ging er zu Bett, wie immer. Nachts träumte ihm, daß die Huldrefrau, die ihm die Sense geschenkt hatte, zu ihm käme und sagte: »Viel Heu hast du schon gemäht, aber deine Herrin wird nicht viel Zeit brauchen, um es zusammenzuharken, und dann jagt sie dich fort, wenn sie dich morgen überholt. Geh darum in die Schmiede, wenn du glaubst, daß das Heu, das du gemäht hast, nicht ausreicht, und nimm so viele Sensenschäfte wie du für gut hältst, befestige Sensen daran und trage sie aufs Feld hinaus und sieh zu, wie es dann geht.« Nachdem die Huldrefrau das gesagt hatte, ging sie fort, der Ernteknecht aber erwachte, stand auf und begann zu mähen. Morgens kam seine Herrin hinaus und trug fünf Harken in der Hand. Sie sagte: »Viel Heu hast du gemäht, viel mehr, als ich geglaubt hätte.« Darauf legte sie die Harken hier und dort auf die Wiese und begann zu harken, und da sah der Ernteknecht, daß sie viel Heu zusammenharken könnte, die anderen Harken jedoch nicht weniger, obgleich er keinen Menschen bei ihnen sah. Als die Mittagszeit näher rückte und er sah, daß das gemähte Heu nicht ausreichen würde, ging er in die Schmiede und holte einige Sensenschäfte und befestigte Sensen daran. Dann ging er wieder hinaus und verteilte diese Sensen auf der ungemähten Wiese, und alle fingen an zu mähen, und augenblicklich wurde der Fleck größer. Das ging nun den ganzen Tag so, bis zum Abend, und das gemähte Heu reichte aus. Abends aber ging die Frau nach Hause und nahm ihre Harken mit. Den Ernteknecht bat sie, ihr zu folgen. Sie sagte, er verstände mehr, als sie gedacht hätte, und davon würde er Gutes haben, und solange er selbst wolle, könne er nun bei ihr bleiben. Er blieb den Sommer über bei ihr, und sie wurden gut miteinander fertig. Sie ernteten viel Heu, ließen sich aber doch gute Zeit. Nach der Ernte gab sie ihm einen sehr großen Lohn, und damit zog er nach dem Südlande. Im nächsten Sommer und allen folgenden, die er auf Erntearbeit zog, nahm er Dienst bei ihr. Dann übernahm er selbst einen Hof auf dem Südlande und wurde immer für einen tüchtigen Mann gehalten. Er war ein flinker Seemann und geschickt zu allem, was er in Angriff nahm; immer mähte er sein Heu allein und nahm dazu nie eine andere Sense als die, welche ihm die Huldrefrau geschenkt hatte, und trotzdem wurde er ebenso schnell mit seinem Heimacker fertig wie andere Leute.

Da geschah es eines Sommers, daß er zum Fischen hinausruderte; da kam sein Nachbar zu seiner Frau und bat sie um eine Sense; denn er hätte seine Sense zerbrochen und wüßte nicht, wie er sich sonst helfen sollte. Da begann die Frau unter den Gerätschaften ihres Mannes zu suchen und fand die gute, alte Sense, aber keine andere. Sie lieh dem Bauern die Sense, warnte ihn aber davor, sie im Feuer zu glühen; denn das tue ihr Mann nie, sagte sie. Er versprach es und ging nach Hause. Er befestigte die Sense an dem Schaft, begann zu mähen, konnte aber keinen einzigen Strohhalm mit ihr schneiden; darüber wurde er zornig und begann die Sense zu wetzen; aber das half nicht. Da ging er in die Schmiede, um die Sense zu hämmern, und er dachte, es wäre keine Gefahr dabei, wenn er die Sense auch im Feuer glühen würde. Sobald sie aber ins Feuer gekommen war, schmolz sie wie Wachs und wurde zu lauter Eisenschlacke. Er ging zu der Frau und erzählte ihr, wie die Dinge lägen; sie fürchtete sich nun sehr, denn sie wußte, daß ihr Hausherr sehr erbost sein würde, wenn er es erführe, und das war denn auch der Fall; jedoch hörte man nicht, daß er sich lange darüber ärgerte, nur gab er seiner Frau einen Backenstreich, und das war das erste- und das letztemal, daß sie einen bekam.

Thord von Throstestad

Ein Mann hieß Thord; er wohnte auf Throstestad am Höfdestrand im Skagefjord. Er hatte, wie es den Leuten schien, ein sonderbares Gemüt. Es geschah eines Winters, daß er bei so starkem Schneetreiben von zu Hause nach dem Handelsplatz ging, daß er glaubte, es sei kein Wetter, um einen Weg zu finden. Er trug einen Sack mit Waren, und mit diesem ging er nun unten über die Sümpfe; denn von dort ist es nicht weit bis nach Hofsos. Als er ein kleines Stück gegangen war, verlor er den Weg, setzte seine Wanderung jedoch bis zum Abend fort; da glaubte er, ein paar Buden zu sehen; sie waren so hoch, daß er darüber staunte; er ging hin und fand die Fenster erleuchtet. Er ging an ein Fenster und sah Menschen drin, die sich mit Saitenspiel und Tanz belustigten. Dann näherte er sich der Tür und klopfte an. Sogleich kam ein Mann im Rock an die Tür und fragte, was er wolle. Thord sagte, wie es wäre, daß er den Weg verloren hätte, und sagte auch, daß er gern Obdach haben würde, wenn es sich machen ließe. Der andere erwiderte, daß er das wohl erhalten könnte. »Folge mir nun hinein mit deinem Warensack. Morgen werde ich mit dir handeln, und es wird dir wohl nicht weniger gefallen, hier zu handeln als in Hofsos.« Thord traute seinen Augen kaum; ihm war das alles wie ein Traum. Der Mann im Rock führte ihn in die Stube hinein, obgleich er nicht fein angezogen war; da waren viele Leute, die Frau des Hauses, die Kinder und das Gesinde, und alle waren sehr geputzt und sangen und waren fröhlich.

Der Mann im Rock oder der Herr des Hauses sagte leise zu seiner Frau, aber doch so laut, daß der Mann es hörte: »Ein verirrter Wanderer ist gekommen, er ist müde und braucht etwas zur Stärkung. Gib ihm einen Labetrunk, mein Schatz.« Er tat ihr leid, der Ärmste; sie erhob sich schnell und holte gutes und reichliches Essen für ihn. Der Herr des Hauses aber kam mit zwei Bechern, goß ein, leerte den einen Becher darauf selber und bat Thord, den anderen zu leeren. Das tat er, und er glaubte, nie in seinem Leben so guten Wein getrunken zu haben. Es war sehr lustig, und Thord hatte keine Langeweile, obwohl er sein Abenteuer etwas merkwürdig fand. Er bekam einen Becher nach dem andern und begann, trunken zu werden. Dann wurde er in ein gutes Bett gebracht und schlief nachts seinen Rausch aus. Am nächsten Morgen bekam er wieder Nahrung und Wein, die noch besser als am Abend zuvor waren.

Dann ging der Herr des Hauses mit ihm hinaus und fragte ihn, ob er handeln wolle, worauf Thord »Ja« erwiderte. Sie gingen dann in den Kramladen, in dem allerlei Waren lagen. Thord ließ seine Waren wiegen, und der Kaufmann gab ihm einhalb mal mehr dafür als gewöhnlich in Hofsos gegeben wurde. Thord erhielt nun Korn in seinen Sack, Leinwand und verschiedene Kramwaren, die er brauchen konnte. Alles bekam er für die Hälfte des üblichen Preises, und als er fertig war, gab ihm der Kaufmann ein großes Tuch für seine Frau und Weißbrot für seine Kinder und sagte, daß Thord nun dafür belohnt werden sollte, daß er einmal seinen Sohn aus Lebensgefahr gerettet hätte. Thord glaubte nicht, daß es sich so verhielte, der Kaufmann aber sagte, daß das doch der Fall sei. »Du warst einmal mit mehreren Männern unterhalb Thordshöfde; ihr wolltet nach Drangö hinüber und lagt und wartetet auf guten Wind. Deine Kameraden belustigten sich mit Steinwerfen und zielten nach einem Felsen; es war aber warmes Sonnenwetter an jenem Tag, und mein Sohn hatte sich deshalb unter dem Felsen zur Ruhe gelegt; denn er war müde und hatte die ganze Nacht gewacht. Du verbotest ihnen, Steine zu werfen, und sagtest, daß solche Steine keinen Zweck hätten. Wohl hörten sie dann auf, aber sie verhöhnten dich wegen deiner Launen und sagten, daß du immer ein wunderlicher Mann gewesen wärst. Und hättest du sie nicht daran gehindert, so würden sie meinen Sohn getötet haben.«

Nach diesem Gespräch rüstete sich Thord, um nach Hause zu ziehen; denn jetzt war helles Wetter. Er sagte allen Lebewohl; der Kaufmann aber brachte ihn auf den Weg, wünschte ihm eine glückliche Wanderung und kehrte dann wieder nach Hause zurück.

Thord zog nun weiter, der Heimat zu, als er sich aber wieder den Handelsplatz ansehen wollte, entdeckte er weiter nichts als Thordshöfde, das unweit vor ihm lag; er wunderte sich sehr darüber, ging nach Hause, traf seine Frau an und erzählte ihr alles, zeigte ihr die Waren und gab ihr das Tuch. Sie freute sich sehr darüber und dankte ihrem Mann für das Geschenk. Thords Waren kamen weit herum, um gesehen zu werden, und nie hatte man Ähnliches hierzulande gesehen, und vielleicht wäre ihresgleichen nicht zu finden, auch wenn man an vielen Orten suchen würde.

Thord sah weder den Kaufmann, noch seine Leute jemals wieder. Aber an den Waren hatte er etwas zu zeigen, solange er lebte.

Die Kinderwiege

Kirstine, die auf Klein-Thveraa wohnte, erzählte von ihrer Mutter, die hellseherisch war, daß sie einmal als Kind auf der Wiese gewesen wäre und von da aus zwei Weiber hätte den Berg herunterkommen sehen, die ein männliches Wesen zwischen sich hatten, das etwas trug. Als sie sich näherten, sah sie, daß es eine Wiege war, über die etwas Rotes gebreitet lag. Dann nahmen sie den Mann und bleuten ihn tüchtig durch, bis er allmählich kleiner und schließlich zu einem Zwerg wurde. Dann begannen sie, ihn zu kneten, bis er nicht größer als ein Wickelkind war. Darauf legten sie ihn in die Wiege, breiteten das rote Tuch darüber, trugen sie zwischen sich und steuerten mit alledem dem Hof zu.

Da erzählte das Mädchen ihrer Mutter, was sie alles gesehen hatte, diese aber machte eine hastige Wendung, lief nach Hause und kam vor den Huldreweibern an eine Kinderwiege, die sie draußen auf dem Hof hatte stehen lassen. Als die Huldreweiber das sahen, nahmen sie ihr das Kind sofort wieder aus der Wiege heraus, verprügelten es und stießen es vor sich her. Bei dieser Behandlung wurde der Zwerg im Handumdrehen immer größer, bis er war, wie er ursprünglich gewesen war; dann folgte er ihnen auf den Berg, und dort verschwanden sie alle drei.

Der Wechselbalg von Sogn

Der Hof Sogn wurde einmal von zwei Bauern bewohnt; der eine Halbhofbauer hatte einen Sohn, von dem man glaubte, daß er nicht recht gescheit sei; denn er konnte weder lesen, noch schreiben oder sich sonst etwas vornehmen, sondern lag immer im Bett und aß, wie es den Leuten schien, für zwei. Am ehesten glaubte man von diesem Jungen, daß er ein Wechselbalg sei; es dauerte aber doch eine ganze Weile, bis man dessen ganz sicher war.

Als er das Einsegnungsalter erreicht hatte, geschah es einmal im Winter, daß alle Leute, außer ihm, aus der Badstube gegangen waren, um ihren Beschäftigungen nachzugehen; er aber lag in seinem Bett, wie er zu tun pflegte. In derselben Badstube aber lag die Frau des andern Halbhofbauern im Wochenbett, und neben ihr lag das Kind. Als die Leute hinausgegangen waren, hörte die Wöchnerin, daß den Jungen ein so heftiges Gähnen überkam, daß sie sich unbehaglich zu fühlen begann und ins Zittern geriet, als sie sein unheimliches Benehmen sah. Darauf hörte sie, wie er anfing, sich im Bett hin- und herzuwerfen und zu strecken; dann sah sie, daß er sich im Bett aufrichtete und sich so hoch reckte, daß er bis an die Decke der Badstube reichte. Die hatte aber an der einen Seite eine Galerie, und hoch oben im Sparrenwerk waren kleine Querbalken. Da überfiel ihn das Gähnen von neuem, und er lehnte den Kopf oben gegen einen Querbalken, so daß er ihn mitten im Schlund hatte, wenn er gähnte, dergestalt, daß der obere Teil seines Mundes obenauf, der untere Teil aber unter dem Balken lag; er war auch sonst so furchtbar häßlich und abscheulich anzusehen, daß die Frau einen Todesschreck bekam und himmelhoch aufschrie vor Angst über das Gesehene, und weil sie sich allein mit ihm in der Badstube wußte; und noch lange nach diesem unheimlichen Gesicht war sie sehr furchtsam. Kaum aber hatte die Frau diesen Schrei ausgestoßen, als er wie von einer Kugel getroffen zusammensank und ins Bett kroch und sich zurechtlegte, ehe die Leute wieder hereinkamen.

Von diesem Tage an war man nicht mehr im Zweifel, daß der Junge ein Wechselbalg war.

Das Seemännchen

Eine alte Redensart hierzulande sagt: »Da lachte das Seemännchen.« Der Ursprung dazu, so wird erzählt, ist der, daß ein Bauer einmal einen Seezwerg fing, der sich Seemännchen nannte, und einen großen Kopf und lange Hände hatte, von den Lenden abwärts aber glich er einem Seehund. Nichts wollte er dem Bauern verraten, und darum brachte ihn dieser wider seinen Willen mit ans Land.

Die Bäuerin, die jung und übermütig war, kam an die See hinunter und empfing ihn mit Jubel, küßte und streichelte ihn. Darüber freute er sich sehr, und er lobte sie sehr; seinen Hund aber schlug er, als er auch seine Freude über seine Heimkehr zeigen wollte. Das sah das Seemännchen, und da lachte es. Der Bauer fragte, worüber es lache. »Über deine Dummheit,« erwiderte es.

Als der Bauer von der See nach Hause ging, stolperte er über einen Erdhöcker und fiel. Er verfluchte den Erdhöcker hundertmal, weil er erschaffen worden war und seinen Platz gerade auf seinem Feld bekommen hatte. Da lachte das Seemännchen, das sich nur ungern tragen ließ, und sagte: »Der Bauer ist ein Tropf!«

Der Bauer behielt das Seemännchen drei Tage bei sich. Ein paar Handelsburschen kamen zu ihm, um ihre Waren zu verkaufen. Noch nie hatte der Bauer so dicksohlige und solide Schmierlederstiefel bekommen können, wie er sie haben wollte, diese Handelsburschen aber glaubten, daß sie die besten hätten. Der Bauer konnte zwischen Hunderten von Stiefelpaaren wählen, fand aber, daß sie alle zu dünn waren, um halten zu können. Da lachte das Seemännchen und sagte: »Mancher irrt sich, auch wenn er sich für klug hält.«

Weder im Guten noch im Bösen wollte das Seemännchen mehr Weisheit von sich geben, als schon erzählt worden ist; unter der Bedingung aber, daß es wieder an dieselbe Stelle in der See gebracht würde, wo es aufgefischt worden war, sagte es, wollte es sich auf das Ruderblatt des Bauern setzen und alle seine Fragen beantworten, sonst aber würde es stumm bleiben.

Nach Verlauf von drei Tagen tat also der Bauer, wie das Seemännchen wollte, und als es nun auf dem Ruderblatt saß, fragte es der Bauer, was die Fischer zu tun hätten, um guten Fang zu haben. Das Seemännchen erwiderte: »Aus gekautem und geknetetem Eisen müssen Angelhaken geschmiedet werden, und die Schmiede muß dort liegen, wo das Brausen von Fluß und Meer zu hören ist; der Angelhaken muß im Schaum eines Rosses gehärtet werden, und zur Angelschnur muß graues Stierfell und eine Leine aus rohem Roßfell genommen werden. Als Köder muß das Herz eines Vogels und Flunderfleisch dienen, mitten auf den Haken aber muß Menschenfleisch gesteckt werden. Wenn du nicht so Fische fangen kannst, hast du nur eine kurze Lebenszeit. Aber der Angelhaken des Fischers muß nach außen gebogen sein.«

Der Bauer fragte dann, über welche Dummheit er damals gelacht hätte, als er seine Frau lobte, den Hund aber schlug. Das Seemännchen erwiderte: »Über deine Dummheit, Bauer! Denn dein Hund liebt dich mehr als sein eigenes Leben! Deine Frau aber wünscht dir den Tod und ist das liederlichste Weib. Der Erdhöcker, dem du fluchtest, war dein Geldhügel, und viel Reichtum barg er. Darum warst du ein Tor, Bauer, und darum habe ich dich ausgelacht. Und die schwarzen Schuhe würden dein Leben lang gehalten haben, denn du hast nicht mehr viele Tage zurückzulegen, und eigentlich könnten sie dir für die drei Tage genügen.«

Da sprang das Seemännchen vom Ruderblatt hinab, und so trennten sie sich. Und es geschah ganz so, wie das Seemännchen gesagt hatte.

Der Nöck

Die Bauern des Sprengels sollten einmal die Umzäunung der Kirche auf Bard in Fljot ausbessern. Eines Morgens früh waren alle zur Stelle, außer einem alten Mann, der als etwas boshaft und wenig umgänglich galt. Es ging auf Mittag, aber der Alte kam nicht, und die andern fanden, er ließe reichlich lange auf sich warten. Um Mittag herum sahen sie ihn jedoch endlich kommen, ein graues Pferd hinter sich am Zügel führend. Als der Alte kam, wurde er mit Schimpfworten von den früher Gekommenen empfangen, weil er so spät zur Arbeit kam, die ihm genau so gut wie den andern zukam; er nahm das aber sehr ruhig hin und fragte nur, was er zu tun hätte; und der Zufall wollte, daß er mit denjenigen im Trupp gehen mußte, die die Torfstücke und Lehmklumpen heranzuschleppen hatten, aus denen die Umzäunung aufgeführt werden sollte, und damit war der Alte ganz zufrieden.

Das Grauchen war sehr bösartig und schlecht gegen die anderen Pferde, biß und schlug sie und riß sich von ihnen los, und das Ende vom Liede war, daß keins der anderen Pferde sich seiner erwehren konnte. Die Leute, denen es gehörte, hielten das für einen großen Schaden, und sie wurden darüber einig, ihm um so größere Lasten aufzuerlegen, aber das half wenig. Es trug seine doppelte Last mit derselben Leichtigkeit, mit der es seine früheren Bürden getragen hatte, und es hörte mit seinen Unarten nicht eher auf, bis es alle übrigen Pferde verjagt hatte und allein zurückblieb.

Da nahm der Alte das Pferd und lud ihm eine ebenso große Bürde auf den Rücken, wie man vorher sämtlichen Pferden zusammen zu tragen gegeben hatte, und ging dann hin und her mit dem Pferd, das sich nun ganz ruhig verhielt. Auf diese Weise brachte er alles, was zur Ausbesserung der Umzäunung gebraucht wurde, heran. Als er aber mit der Arbeit fertig war, nahm er dem Pferd den Zaum ab und schlug es damit auf die Lenden, indem er es losließ. Das gefiel dem Grauchen aber nicht besonders; es schlug hinten aus und stieß mit beiden Hinterbeinen in das Stück der Umzäunung, das im Laufe des Tages aufgeführt worden war; dadurch fiel ein großes Stück der Einfriedigung heraus, und wie oft man auch später das Loch ausfüllte, es wollte doch nie recht halten, weshalb hernach an dieser Stelle eine Zauntür zur Kirche angebracht wurde.

Das letzte aber, was man von dem Treiben des Pferdes sah, war, daß es einen Sprung machte, sobald es sich frei fühlte, und es hörte nicht auf, bis es in den Holtesee untergetaucht war.

Und da begriffen alle, daß es der Nöck gewesen war.

Kort aus Mödruvold und das Meerungeheuer

Kort war einmal, wie er zu tun pflegte, auf dem Winterfischfang und hatte in dieser Zeit mit mehreren Fischern seinen Aufenthalt in einer Seebude unten am Wasser. Die Tür wurde mit einem Schloß verschlossen, das sich nur mit einem Schlüssel aufschließen ließ.

Eines Nachts geschah es, nachdem sie am Abend zuvor die Tür von innen zugeschlossen hatten und alle eingeschlafen waren, daß Kort träumte, daß ein Ungeheuer in die Bude käme und ihn bei der Hand faßte. Es schien ihm dann so, als ob er aufstünde und mit ihm unter das Bett kröche, und von dort zerrte ihn das Ungeheuer durch die Wand hinaus; das war aber ein unbequemer Weg, fand er. Dann führte ihn das Ungeheuer an den Strand und bis zum Flutmesser hinunter, und da merkte er, daß es ihn in die See locken wollte, dann aber träumte er, daß er im Schlaf wie rasend wurde, was er manchmal zu werden pflegte, und daß er das Ungeheuer unsanft anpackte. Der Schluß ihres Kampfes war, daß Kort den Sieg davontrug und es in die See stieß.