Isländische Märchen und Volkssagen
Part 2
Die Eheleute gingen fort. Als sie aber außerhalb der Einzäunung des Heimackers waren, fragte der Bauer seine Frau: »Du hast doch unseren Wintergästen auch Lebewohl gesagt?« Sie erwiderte: »Nein.« Er bat sie, doch nicht so gottlos zu handeln, fortzugehen, ohne sich vorher von ihnen verabschiedet zu haben. »In den meisten Dingen zeigst du, daß du mich wenig achtest, erstens darin, daß du diese Männer empfangen hast, ohne mich danach zu fragen, und nun darin, daß du mich zwingen willst, sie zu küssen. Jedoch will ich dir gehorchen, aber du mußt selbst die Folgen auf dich nehmen; denn es gilt mein Leben und aller Wahrscheinlichkeit nach auch deins.«
Sie kehrte nun nach Hause zurück, und weil es so lange dauerte, bis sie wiederkam, kehrte der Bauer auch um und ging dorthin, wo er seine Wintergäste zu finden erwartete, und fand sie auch in ihrer Kammer.
Da sah er, wie der größere Wintergast seine Frau umschlungen hatte und mit ihr auf dem Boden lag; und beider Herzen waren vor Gram gebrochen. Der andere Gast aber stand weinend neben ihnen, als der Bauer eintrat; gleich darauf verschwand er, ohne daß jemand wußte, wohin er gegangen war.
Alle aber wußten jetzt von dem, was die Frau ihrer Schwiegermutter erzählt hatte, daß der größere Fremde der Huldremann gewesen war, den sie auf dem Säter kennen gelernt hatte, daß der andere aber, der verschwunden war, ihr Sohn gewesen war.
Fußnoten:
[1] Säter = Alm.
Die Alfkönigin
Ein Bauer wohnte auf einem Hof, oben zwischen den Bergen, nirgends aber wird erwähnt, wie er oder der Hof hießen. Der Bauer war unverheiratet, hatte aber eine Hausmeisterin, die Hildur hieß, von deren Geschlecht man nichts wußte. Sie stand dem inneren Hausstand vor und war flink in allen Dingen. Sie war beim Gesinde des Hofes beliebt, und bei dem Bauern auch, aber es war nie zu merken, daß das Verhältnis zwischen ihnen die Grenzen der Schicklichkeit überschritt. Sie war aber auch eine gesetzte Frau, ziemlich in sich gekehrt, doch freundlich im Verkehr.
Die häuslichen Verhältnisse des Bauern waren sehr gut, mit Ausnahme des Umstandes, daß es ihm schwer fiel, einen Hirten zu finden; er war aber ein reicher Schafbauer und glaubte, sein Haus verlöre den Grundstein, wenn der Hirt fehle. Das kam nun weder davon, daß der Bauer streng gegen seine Hirten war, noch davon, daß die Hausmeisterin es an dem fehlen ließ, was zu ihrem Gebiet gehörte. Der Grund, daß sie nicht einig werden konnten, war vielmehr der, daß die Hirten nie alt im Dienst wurden und am ersten Weihnachtsfeiertag stets tot in ihrem Bett aufgefunden wurden.
In jenen Zeiten war es im ganzen Land Sitte, am Heiligabend Gottesdienst abzuhalten, und es wurde für ebenso feierlich gehalten, dann zur Kirche zu fahren, wie am ersten Feiertag selbst. Aber auf Gebirgshöfen, die weit von der Kirche entfernt lagen, war es für diejenigen, die sich der Verhältnisse wegen nicht eher bereit machen konnten, das Haus zu verlassen, bis der Stern zwischen Morgen und Mittag stand, keine Kleinigkeit, zum Gottesdienst zu kommen, und es war üblich, daß die Hirten bei diesem Bauern nicht früher nach Hause kamen. Wohl brauchten sie nicht den Hof zu hüten, wie es Sitte war, daß es einer oder der andere in der Weihnachts- und Silvesternacht tat, während die übrigen Leute des Hofes in der Kirche waren; denn seit Hildur zu dem Bauern gekommen war, hatte sie sich stets von selbst dazu erboten, während sie gleichzeitig besorgte, was zum Fest in Ordnung gebracht werden mußte: Essen kochen und anderes, was dazu gehört, und sie wachte immer bis spät in die Nacht, so daß die Kirchgänger zuweilen zurückgekommen, zu Bett gegangen und eingeschlafen waren, ehe sie zu Bett ging. Als es eine Zeitlang so gegangen war, daß die Hirten des Bauern alle plötzlich in der heiligen Nacht gestorben waren, fing man an, in den Ortschaften darüber zu sprechen, und es fiel deshalb dem Bauern sehr schwer, jemanden für diese Arbeit zu dingen, und je mehr starben, desto schwerer wurde es. Weder auf ihn, noch auf sein Gesinde fiel der Verdacht, daß sie den Tod der Hirten verschuldet hätten, da sie alle gestorben waren, ohne daß eine Wunde an ihnen zu sehen war. Schließlich sagte der Bauer, daß er es nicht mehr über sein Gewissen bringen könnte, Hirten zu dingen, die den sicheren Tod zu erwarten hätten, und daß nun das Schicksal darüber bestimmen möge, wie es mit seinem Viehstand und Wohlstand würde.
Als der Bauer sich hierfür entschieden hatte, und fest entschlossen war, niemand zu diesem Zweck zu dingen, kam einmal ein flinker und kräftiger Mann und bot ihm seinen Dienst an. Der Bauer sagte: »So nötig habe ich deinen Dienst nicht, daß ich dich annehmen muß.« Der Fremde fragte: »Hast du einen Hirten für den nächsten Winter gedungen?« Der Bauer erwiderte: »Nein« und sagte, daß er sich entschlossen hätte, für die Folge niemand zu dingen, »und du hast wohl gehört, wie unglücklich es bisher meinen Hirten ergangen ist.« »Gehört habe ich davon,« sagte der Fremde, »aber ihr Schicksal soll mir keine Furcht einjagen.« Da gab der Bauer nach, weil der andere ihn so eindringlich bat, und nahm ihn als Schafhirten in seinen Dienst. Nun verstrich eine Zeit; der Bauer und der Hirt waren sehr zufrieden miteinander, und dieser war bei allen gern gesehen, denn er war ein Mann von gutem Betragen, keck und ausdauernd in all seinem Vorhaben.
Es geschah nichts, bis Weihnachten kam; da ging es wie immer: der Bauer zog am Heiligabend mit seinen Leuten zur Kirche, nur seine Hausmeisterin blieb im Hause zurück, und der Hirt blieb beim Vieh; der Bauer zog also fort und ließ die beiden allein zurück. Es ging auf Abend, ehe der Hirt wie gewöhnlich nach Hause kam; er aß seine Grütze und ging dann zur Ruhe. Da fiel ihm ein, daß es vielleicht sicherer für ihn wäre, wach zu bleiben als zu schlafen, falls etwas passierte, obgleich er keine Furcht hegte, und deshalb blieb er wach liegen. Als der größte Teil der Nacht vergangen war, hörte er die Kirchgänger kommen; sie bekamen einen Bissen zu essen und gingen dann zu Bett. Noch merkte er nichts, als er aber glaubte, daß alle eingeschlafen wären, fühlte er, daß seine Kräfte zu schwinden begannen, was nicht weiter merkwürdig war, so müde, wie er nach des Tages Mühe war.
Er glaubte, es wäre schlimm mit ihm bestellt, wenn ihn jetzt der Schlaf übermannte, und er bot darum all seine Willenskraft auf, um sich wach zu erhalten. Es verging nun keine lange Zeit, bis er jemand an sein Bett treten hörte, und er glaubte zu sehen, daß es die Hausmeisterin Hildur sei, die hier ihr Wesen triebe. Er stellte sich, als schliefe er ganz fest und merkte, daß sie ihm etwas in den Mund steckte. Das war, wie er fühlte, ein Zaum für den Hexenritt, und er ließ sich ruhig aufzäumen. Als sie ihm das Zaumzeug angelegt hatte, befestigte sie die Zügel, wie es ihr am bequemsten war, setzte sich auf seinen Rücken und ritt in sausender Eile fort, bis sie, wie ihm schien, an einen Graben oder eine Spalte in der Erde kam. Da sprang sie von ihm herab, auf einen Stein, und ließ die Zügel hängen, worauf sie vor seinen Augen in der Spalte verschwand. Der Hirt fand, es sei schlimm und wenig aufklärend, wenn Hildur solchermaßen vor ihm verschwände, ohne daß er wüßte, was aus ihr geworden sei; er merkte aber, daß er mit angelegtem Zaum nicht weit käme, so viel Zauberei steckte darin. Er nahm deshalb den Ausweg, daß er den Kopf an dem erwähnten Stein rieb, bis er sich das Zaumzeug abgescheuert hatte und dann ließ er es liegen. Dann warf er sich in die Spalte, in die sie vor ihm gesprungen war.
Es schien ihm, daß er noch nicht weit in die Spalte hinuntergekommen war, als er Hildur wieder erblickte; sie war auf einigen schönen Wiesen angelangt, über welche sie bald den Weg zurückgelegt hatte. Nach all diesem konnte er wohl begreifen, daß es mit Hildur nicht richtig zuging, und daß sie sicher mehr Kniffe unter ihrem Pelz verbarg, als man ihr ansehen konnte, wenn sie oben auf der Erde unter den Menschen weilte. Auch das konnte er verstehen, daß sie ihn bald erblicken würde, wenn er auf der Wiese hinter ihr herging. Er nahm deshalb einen Stein, der ihn unsichtbar machte, aus seiner Tasche und verbarg ihn in der linken Hand, lief dann hinter ihr her und beeilte sich, so sehr er konnte. Als er weiter auf die Wiese gekommen war, sah er eine große und prächtige Halle, und Hildur folgte dem Weg, der zu ihr hinführte. Er sah eine große Schar von Menschen aus der Halle ihr entgegenkommen; zuerst, an der Spitze, ging ein Mann, der am prächtigsten von allen gekleidet war, und es schien dem Hirten, als begrüße dieser seine Frau, als Hildur kam, und hieße sie willkommen; die anderen aber, die im Gefolge des Häuptlings waren, begrüßten sie fröhlich als ihre Königin. Mit dem Häuptling zogen Hildur zwei halberwachsene Kinder entgegen, und mit heller Freude begrüßten sie ihre Mutter. Als die ganze Menge der Königin ihre Huldigung dargebracht hatte, begleiteten alle sie und den König nach der Halle, und dort bereitete man ihr einen ehrenvollen Empfang, kleidete sie in königliche Gewänder und streifte ihr goldene Ringe auf den Arm. Der Hirt folgte der Menge nach der Halle, hielt sich aber die ganze Zeit dort auf, wo am wenigsten Leute waren, wenn auch derart, daß er alles, was vorging, sehen konnte. In der Halle sah er so viel Pracht und Glanz, daß er Ähnliches nie geschaut hatte. Tische wurden hervorgeholt und gedeckt, und er wunderte sich über all die Herrlichkeit. Nach einer Weile sah er Hildur in die Halle eintreten, in das prächtige Gewand gekleidet, von dem vorher die Rede gewesen ist. Jedem wurde sein Platz angewiesen; Königin Hildur nahm den Ehrensitz neben dem König ein; das ganze Gefolge aber nahm zu beiden Seiten Platz, und die Mahlzeit dauerte nun eine Weile. Dann wurden die Tische wieder abgedeckt, worauf die Männer und die Jungfrauen, so viele dazu Lust hatten, zum Tanz antraten, während andere Vergnügungen wählten, die mehr nach ihrem Sinn waren; der König und die Königin aber saßen da und sprachen miteinander, und ihr Gespräch schien dem Hirten sowohl mit Freude wie mit Kummer vermischt zu sein.
Während des Gespräches des Königs mit der Königin kamen drei Kinder, die jünger waren als die vorhererwähnten, zu ihnen herein und äußerten ebenfalls ihre Freude darüber, daß sie ihre Mutter wiedersahen. Königin Hildur erwiderte ihren Gruß liebevoll, nahm das jüngste Kind auf den Schoß und streichelte es, es war aber schlecht gelaunt und unruhig. Die Königin ließ dann das Kind herunter, streifte einen Ring vom Finger und gab ihn ihm zum Spielen. Da wurde das Kind still und spielte eine Weile mit dem Gold, verlor den Ring aber schließlich auf dem Boden. Der Hirt stand in der Nähe, beeilte sich und erhaschte den Ring, als er zu Boden fiel, steckte ihn zu sich und verbarg ihn gut, ohne das es jemand merkte; es schien aber allen merkwürdig, daß der Ring nirgends zu finden war, als man nach ihm suchte. Als die Nacht zum größten Teil verflossen war, begann Königin Hildur, sich zum Fortgang zu rüsten, aber alle, die in der Halle waren, baten sie, noch länger zu verweilen, und waren sehr traurig, als sie sahen, daß sie fortziehen wollte.
Der Hirt hatte beobachtet, daß an einer Stelle in der Halle ein uraltes Weib saß, das entsetzlich anzusehen war; sie war die einzige von allen, die sich weder über die Ankunft der Königin Hildur gefreut hatte, noch sie bat, zu bleiben, als sie fortziehen wollte. Als der König die Wanderlust Hildurs sah, und daß sie sich nicht zum Bleiben überreden ließ, weder durch seine noch durch anderer Bitten, ging er zu dem Weib und sagte: »Nimm nun deine Flüche zurück, Mutter, und erhöre meine Bitten, so daß meine Königin mir nicht mehr fern zu sein braucht und meine Freude über unsere Zusammenkünfte von so kurzer Dauer ist, wie sie es jetzt war.« Das alte Weib antwortete ihm voller Zorn: »All meine Flüche sollen bestehen bleiben, und nichts soll mich erweichen, sie zu widerrufen.« Der König schwieg dazu und ging voller Kummer zu seiner Königin, legte ihr den Arm um den Hals und küßte sie und bat sie noch einmal mit sanften Worten, doch nicht fortzuziehen. Die Königin sagte, daß die Flüche seiner Mutter ihr verböten, anders zu handeln; sie äußerte, es wäre nur wenig Wahrscheinlichkeit dafür da, daß sie sich häufiger sehen könnten, des Schicksals wegen, das über sie verhängt wäre, und daß die Tötungen, die ihretwegen geschehen wären, und deren es nun so viele geworden seien, nicht länger verborgen bleiben könnten, und daß sie deshalb die wohlverdiente Strafe für ihre Taten erleiden müßte, obgleich sie sie ungern verübt hätte.
Während sie in diese Klagen ausbrach, entfernte sich der Hirt aus der Halle, als er sah, wie die Dinge standen; er ging geradeswegs über die Wiese nach der Spalte und wieder hinauf auf den Weg. Dann versteckte er den Zauberstein, zäumte sich wieder auf und wartete, bis Hildur kam. Nach Verlauf einer kurzen Zeit kam Königin Hildur allein und mit trauriger Miene; sie setzte sich auf seinen Rücken und ritt nach Hause. Als sie dort angekommen waren, legte sie ihn wieder in sein Bett, zäumte ihn ab, ging darauf selbst zu Bett und begann zu schlafen. Obgleich der Hirt die ganze Zeit über hellwach gewesen war, stellte er sich doch schlafend, damit Hildur nichts merken sollte. Als sie aber zu Bett gegangen war, machte er sich nichts mehr daraus, vorsichtig zu sein; er verfiel in tiefen Schlaf und schlief, wie zu erwarten war, bis weit in den Tag hinein.
Am nächsten Morgen stieg der Bauer von allen auf dem Hof zuerst aus dem Bett; denn es lag ihm am Herzen, seinen Schafhirten zu sehen, er erwartete aber statt der Weihnachtsfreude den Kummer, ihn tot in seinem Bett zu finden, so wie es früher geschehen war. Während der Bauer sich anzog, erwachten die übrigen Leute des Hofes und zogen sich ebenfalls an, der Bauer aber ging an das Bett des Hirten und berührte ihn mit der Hand. Da merkte er, daß er am Leben war, und war froh darüber und pries Gott in hohen Tönen ob dieser Gnade. Da erwachte der Hirt frisch und munter und zog sich an. Währenddessen fragte ihn der Bauer, ob etwas Neues während der Nacht passiert sei. Der Schafhirt erwiderte: »Nein, aber einen sehr merkwürdigen Traum habe ich gehabt.«
»Wie ist denn der Traum gewesen?« fragte der Bauer. Da begann der Hirt seinen Bericht von dem Augenblick an, von dem wir erzählt haben, daß Hildur an sein Bett getreten war und ihn aufgezäumt hatte, und dann gab er jedes Wort und jedes Ereignis so genau wieder, wie er sich daran erinnern konnte. Als er mit seiner Erzählung fertig war, saßen alle schweigend da, außer Hildur, die sagte: »Alles, was du gesagt hast, ist gelogen, wenn du nicht durch deutliche Zeichen beweisen kannst, daß es so zugegangen ist, wie du erzählst.« Der Hirt ließ sich dadurch nicht in Verlegenheit bringen, sondern holte den Ring hervor, den er nachts vom Erdboden im Alfheim aufgenommen hatte, und sagte: »Wenn ich es auch nicht für meine Pflicht halte, eine Traumsage mit Zeichen zu beweisen, so trifft es sich doch so glücklich, daß ich einen klaren Beleg dafür habe, daß ich in dieser Nacht bei den Huldren gewesen bin; oder ist das nicht dein Fingerring, Königin Hildur?« Hildur antwortete: »So ist es, und Gott segne dich dafür, daß du mich aus der Sklaverei befreit hast, die mir meine Schwiegermutter auferlegt hat; nur ungern habe ich alle die Missetaten begangen, die sie mir geboten hat.« Königin Hildur fing dann ihre Geschichte also an:
»Ich war eine Huldrejungfrau aus geringem Geschlecht, aber der, der jetzt König über das Alfheim ist, wurde von Liebe zu mir erfaßt und, obgleich es sehr gegen den Willen seiner Mutter war, nahm er mich zur Frau. Da wurde meine Schwiegermutter so zornig, daß sie ihrem Sohn versprach, daß er nur kurze Freude an mir haben solle, jedoch würde es uns gestattet sein, uns ab und zu zu sehen. Mir aber erlegte sie auf, daß ich Sklavin unter den Menschen werden sollte, und damit war das Unglück verbunden, daß ich jedesmal zu Weihnachten den Tod eines Menschen verursachen sollte, dergestalt, daß ich, während er schlief, ihn aufzäumen und auf ihm denselben Weg reiten sollte, den ich diese Nacht auf dem Hirten geritten bin, um den König zu besuchen; und dies sollte solange währen, bis ich dieser Bosheit überführt und deswegen getötet würde, wenn ich nicht einen so kecken und mutigen Mann fände, daß er mir nach Alfheim zu folgen wagte und dann beweisen könnte, daß er dorthin gekommen wäre und gesehen hätte, womit die Leute sich dort beschäftigten. Nun ist klar, daß sämtliche früheren Hirten des Bauern um meinetwillen den Tod gefunden haben, seit ich hergekommen bin, und ich hoffe, daß man mir nicht anrechnen wird, was gegen meinen freien Willen geschehen ist; denn niemand hat den unterirdischen Weg gefunden und ist aus Neugierde in die Wohnstätte der Huldren eingedrungen, vor diesem mutigen Mann, der mich nun aus meiner Sklaverei und von meinem Fluch erlöst hat, und ich werde ihn dafür belohnen, wenn es auch nicht gleich geschieht. Jetzt kann ich nicht länger hier bleiben, habt Dank für die Güte, die ihr mir erwiesen habt, aber die Sehnsucht zieht mich nach meinem Heim.«
Nachdem sie so gesprochen hatte, verschwand Königin Hildur, und später sah man sie nie wieder unter den Menschen.
Von dem Schafhirten aber wird erzählt, daß er sich verheiratete und im nächsten Frühjahr einen Hausstand gründete. Das konnte er auch, denn erstens zeigte sich der Bauer freigebig ihm gegenüber, als er aus seinem Dienst zog, und dann war er auch selbst nicht ohne Vermögen. Er wurde seiner Gegend von sehr großem Nutzen, und stets wandte man sich an ihn um Rat und Hilfe; so beliebt aber war er und so glücklich, daß die Leute nicht recht begreifen konnten, wie es zuging, und glaubten, bei ihm hätte jedes Tier zwei Köpfe.
Er aber sagte, daß er Königin Hildur für seinen ganzen Wohlstand zu danken habe.
Der Huldretanz in der Silvesternacht
Zwei Brüder stritten sich, ob es Huldrevolk gäbe. Der eine behauptete, daß es existiere, der andere aber bestritt es entschieden. So ging es eine Zeitlang, bis derjenige, der das Dasein des Huldrevolks leugnete, aufbrauste und sagte, er wolle ausziehen und nicht eher wiederkommen, bis er Gewißheit bekommen hätte, ob es Huldrevolk gäbe oder nicht. Da wanderte er über Berge und unbewohnte Landstrecken, Hügel und Täler, wurde aber doch nicht klüger.
Es wird von seiner Reise weiter nichts berichtet, bis er eines Silvesterabends nach einem Hof kam, auf dem die Leute sehr traurig waren. Der Reisende war redselig und fragte, was ihre Freude so trübe. Die Ursache dazu wäre, erzählten sie, daß niemand zurückbleiben wolle, um den Hof zu hüten, während die übrigen zum Gottesdienst ritten; denn in jeder Neujahrsnacht wäre seit langer Zeit der Hüter des Hofes verschwunden, und darum wolle niemand zurückbleiben; jeder, der es täte, erwarte ja seinen Tod. Der Fremde bat die Leute, sich vor solchem abergläubischen Gerede nicht zu fürchten, und erbot sich, den Hof zu hüten. Hierüber fiel allen ein Stein vom Herzen, aber sie waren doch in Furcht und Ängsten, wie es ablaufen würde.
Als die Leute des Hofes zum Gottesdienst fortgeritten waren, begann er, ein Brett aus der Wandbekleidung über dem ersten Bett in der Badstube[2] zu lösen und kroch zwischen Wand und Wandbekleidung hinein, schob dann das Brett wieder vor, ließ aber doch eine kleine Ritze stehen, damit er die ganze Badstube überblicken könnte.
Der Hund aber, der bei ihm war, lag auf dem Fußboden.
Eine kleine Weile, nachdem er das geordnet hatte, vernahm er Geräusch von Menschenstimmen und Fußtritten draußen, und gleich darauf hörte er eine Menge Menschen in die Badstube kommen. Er sah, daß der Hund gepackt und zu Boden geschleudert wurde, so daß jeder Knochen in ihm zerbrach; dann hörte er, daß die eben Angekommenen miteinander davon sprachen, daß es auf dem Hofe nach Menschen röche; einige meinten aber, daß das nicht so verwunderlich sei, da die Leute eben erst zum Gottesdienst gegangen wären.
Nachdem diese Gäste sich umgesehen hatten, sah der Mann, der auf der Lauer saß, daß sie einen Tisch in die Badstube stellten und eine golddurchwirkte Decke, eine große Kostbarkeit, darüberbreiteten, und daß alles, womit sie den Tisch deckten, dazu paßte; Schüsseln und Teller, Trinkgeschirr und Messer, alles war aus Silber. Dann setzten sie sich zu Tisch, und alles ging mit großem Anstand her. Sie ließen einen Jungen an der Tür Posten stehen, der aufpassen sollte, wann der Tag anbräche, und der war entweder draußen oder drinnen. Der Mann beobachtete, daß der Junge jedesmal, wenn er hereinkam, gefragt wurde, wie spät es jetzt wäre; er aber erwiderte immer, daß es noch lange Zeit sei bis zum Tag.
Nun begann der Mann allmählich, von der Zwischenwand etwas loszulösen, damit er schnell hinauskommen könnte, wenn es notwendig sein sollte. Als die Fremden aber satt waren, sah er, daß ein Mann und eine Frau vorgeführt wurden, und dann sah er einen Dritten, der ihm ein Priester zu sein schien, ihnen entgegenkommen. Dann begann ein Gesang, und die üblichen Hochzeitspsalmen wurden gesungen, und alles ging zu, wie es bei guten Christen Sitte ist. Als die Trauung beendet war, wurde getanzt, und die Freude dauerte eine Weile. Als sie eine Zeitlang getanzt hatten, kam der Türhüter des Huldrevolks herein und wurde wieder gefragt, ob noch viel von der Nacht übrig wäre, und er antwortete, daß noch der sechste Teil übrig sei. Da rief der Lauernde, der sich aus der Öffnung geschlichen hatte und hinter dem Türhüter stand: »Du hast gelogen, denn jetzt steht der Tag mitten am Himmel!« Hierüber war das tanzende Huldrevolk so entsetzt, daß es augenblicklich seinen Türhüter erschlug; mittlerweile aber kroch der Mann, der den Hof bewachen sollte, wieder zwischen die Wand und deren Bekleidung. Als das Huldrevolk den Türhüter getötet hatte, liefen alle, so schnell sie konnten, hinaus, wie Lämmer auf einem Schafsteg, und ließen all ihre Sachen zurück. Als der Mann das sah, verfolgte er sie in einiger Entfernung, und das letzte, was er von ihnen sah, war, daß sie sich in einen See in der Nähe des Hofes stürzten. Dann kehrte er wieder nach Hause zurück und sammelte alles, die Speisenreste und das kostbare Geschirr.
Kurz darauf kamen die Leute des Hofes aus der Kirche nach Hause; sie waren erfreut, den Mann, der den Hof gehütet hatte, zu sehen, und fragten ihn, ob er etwas gemerkt hätte. Er erwiderte, daß es nicht viel gewesen sei, und er erzählte ihnen dann alles. Da wurde es den Leuten klar, daß sich die früheren Hüter gezeigt haben müßten, und daß das ihr Verderb geworden war, genau so, wie es der des Hundes wurde, der gesehen worden war.
Die Leute des Hofes dankten dem Mann, der den Hof gehütet hatte, mit vielen und schönen Worten für seinen Mut und schenkten ihm alles, was das Huldrevolk zurückgelassen hatte und er nur forttragen konnte. Dann wanderte er nach Hause und traf dort seinen Bruder an. Er erzählte ihm nun alles und sagte zugleich, er würde nun nicht mehr bestreiten, daß es Huldrevolk gäbe. Später übernahm er nach seinen Eltern den Hof, heiratete und hatte Glück in allen Unternehmungen seines Lebens. Er wurde für einen trefflichen Mann in seiner Gegend gehalten, war strebsam und wußte guten Rat in schwierigen Fällen. Von dem Hof aber, den er in jener Nacht gehütet hatte, wird erzählt, daß dort nie mehr ein Mensch in einer Silvesternacht verschwand.
Fußnoten:
[2] Die gemeinsame Wohn- und Schlafstube.
Die Pfarrerstochter von Praestebakke
Auf Praestebakke im Skaptafellssyssel lebte einmal ein Pfarrer, der Einar hieß; er war ein reicher Mann und hatte viele Kinder. Er hegte großen Abscheu vor Huldresagen und sagte, daß das Huldrevolk nie gelebt hätte; er forderte es heraus, ihn zu besuchen und dann rühmte er sich, daß er wohl nicht zu finden gewesen wäre.
Eines Nachts aber träumte ihm, daß ein Mann an sein Bett träte und sagte: »Von nun an sollst du nicht mehr leugnen können, daß es Huldren gibt; denn jetzt nehme ich deine älteste Tochter, und du wirst sie nie wieder sehen. Du hast uns Huldren häufig genug gereizt.«