Isländische Märchen und Volkssagen

Part 1

Chapter 13,850 wordsPublic domain

1. bis 3. Tausend

ISLÄNDISCHE MÄRCHEN UND VOLKSSAGEN

DEUTSCH VON

ÅGE AVENSTRUP

UND

ELISABETH TREITEL

1919

AXEL JUNCKER VERLAG BERLIN W. 15

Inhalt

Seite

Der Huldrekönig von Selö 7

Das Sätermädchen 16

Die Alfkönigin 24

Der Huldretanz in der Silvesternacht 36

Die Pfarrerstochter von Praestebakke 40

Der Ernteknecht 42

Thord von Throstestad 48

Die Kinderwiege 52

Der Wechselbalg von Sogn 53

Das Seemännchen 55

Der Nöck 58

Kort aus Mödruvold und das Meerungeheuer 60

Bischof Brynjolf 62

Der Troll im Felsen 64

Die Riesin 66

Gilitrutt 73

Der Bauer von Gnupar 77

Guldbraa und Skegge 79

Jon und die Riesin 89

Ketil von Silfrunarstad 100

Trunt, Trunt und die Trolle in den Bergen 108

Der Nachttroll 110

Die Geisterhaube 112

Der Bräutigam und das Gespenst 114

Der Küster von Mörkaa 121

Sigurd und das Gespenst 127

Der mutige Bursch 130

Die Sage von Jon Asmundsson 144

Die Brüder 160

Der Ulfssee 164

Der Südfahrer-Asmund 170

Die Zauberer auf den Westmändsinseln 177

Der Sending 183

Der Eheteufel 185

Der rote Stier 187

Das Fäßchen 190

Hleidrargaards Skotta 193

Die Schuhe aus Menschenhaut 198

Sagen von Saemund dem Weisen 203

Sagen von Kalb Arneson 221

Gudbjart Floke und der Bischof von Holar 228

Die Frau von Malmö 231

Sagen vom Pfarrer Erik in Vogsosar 235

Der Mann von Grimsö und der Bär 252

Der Bär, der mit der Tonne rang 255

Wie die Seehunde entstanden sind 257

Das Seehundsfell 258

Der Lindwurm im Lagarfluß 260

Der dankbare Rabe 262

Asmund und Signe 264

Die beiden Ebereschenbäume 268

Der glühende Schlüssel 271

Wie es Jons Seele erging 272

Der Huldrekönig auf Selö

Eines Sommers waren einige Leute, wie sie zu tun pflegten, zum Fischen auf Selö im Reydarfjord. Und es traf sich, als der getrocknete Fisch ans Land gebracht wurde, daß ein großer Teil der Fische des Pfarrers von Holme in der Fischbude zurückblieb. Das Wetter verschlechterte sich in dem Maße, daß man an die Fische nicht herankonnte, bis im Herbst wieder gutes Seewetter wurde. Da zogen sie hinaus, um sie zu holen und begannen sofort, die Fische aus der Hütte ins Boot zu tragen. Die Bootsleute sagten, sie würden gern nach der anderen Seite der Insel gehen, um nachzusehen, ob etwas ans Land getrieben sei. Einer von ihnen erklärte sich bereit zu gehen, während die anderen die Fische hinuntertrugen. Er ging also, und die anderen trugen die Beute in das Boot. Plötzlich stieg das Wasser so gewaltig, daß es ihnen nur mit knapper Not gelang, die Fische in das Boot zu schleppen. Sie schifften sich alle ein und warteten eine Weile auf den Abwesenden; als er aber kam, war es der Brandung wegen unmöglich, ihn ins Boot zu ziehen; da riefen sie ihm zu, daß er nun dableiben müßte, sie würden ihn aber am nächsten Tag holen, wenn Seewetter wäre. Sie glaubten wohl, daß es am besten sei, an ihr eigenes Leben zu denken, und steuerten dem Lande zu; er aber blieb hilflos zurück.

Es stellten sich Tauschnee und Windstille ein, und der Mann ging deshalb nach der Fischerhütte, ohne einen Ausweg zu wissen, und dort blieb er bis zum Abend. Da begann er zu verzweifeln und dachte, es läge ihm näher, sich das Leben zu nehmen, als dort Hungers zu sterben, und er lief aus der Hütte hinaus. Da entdeckte er einen freundlichen Stern; er glaubte aber, daß es in dieser wolkenschwarzen Nacht kein Himmelsstern sein könnte, und als er anfing, genauer hinzusehen, schien er ihm einem Licht in einem Fenster zu ähneln. Er lief eine kleine Weile, bis er an ein Haus kam, das so prächtig war, daß es einer Königshalle glich. Er hörte, wie drinnen gesagt wurde:

»Ja, Mädchen, kein andrer als der unglückliche Mensch, der heute auf der Insel zurückgelassen worden ist, ist an das Haus gekommen; gehe hinaus und hole ihn; denn ich will nicht, daß er vor meiner Tür stirbt.«

In demselben Augenblick trat ein junges Mädchen zu ihm; sie führte ihn hinein und sagte ihm, daß er seine Schneekleider ablegen solle. Dann führte sie ihn eine sehr hohe Treppe hinauf, in einen sehr schönen Saal, der mit Gold und Edelgestein geschmückt war. Da sah er viele Frauen, und eine unter ihnen war die schönste von allen. Er begrüßte sie mit Anstand, und sie erwiderten seinen Gruß. Da erhob sich die schöne Jungfrau und geleitete ihn in eine kleine, aber hübsche Kammer, setzte ihm Wein und Nahrung vor und ging dann wieder fort. Es wird nicht erzählt, wo ihm abends sein Schlaflager angewiesen wurde. Die Nacht verging also; aber am nächsten Morgen kam die Jungfrau zu ihm und sagte, daß sie nicht zu seinem Vergnügen dort bleiben dürfe, gab ihm aber sonst alles, was zu seinem Zeitvertreib dienen konnte.

So verging der Winter bis Weihnachten. Am Heiligabend kam die schöne Jungfrau zu ihm und sagte, wenn er glaube, daß sie ihm etwas Gutes erwiesen hätte, dann müßte er ihr eine Bitte gewähren und sie ihr nicht abschlagen, nämlich daß er, wenn am nächsten Tage eine Tanzbelustigung abgehalten würde und ihr Vater sie rufen ließe, um sich das Spiel anzusehen, nicht neugierig sein und zum Fenster hinaussehen dürfe; denn sie würde ihm genug bringen, damit er sich hier drin zerstreuen könne. Er versprach ihr, daß er nicht neugierig sein würde. Am ersten Feiertag morgens brachte sie ihm Wein und was sonst zu seiner Nahrung dienen konnte, bot ihm Lebewohl und ging ihres Weges.

Aber gleich darauf hörte er Gesang und Saitenspiel. Da dachte er bei sich, was für eine große Freude dort wohl herrsche, und daß es gewiß nichts schaden könnte, wenn er einen Augenblick hinauslugte; es brauchte ja niemand zu sehen.

Da kletterte er in die Höhe, um den Tanz sehen zu können, und als er hinausblickte, sah er eine große Menge Menschen; einige tanzten, andere führten allerlei Saitenspiel aus, und mitten im Gedränge sah er einen königlichen Mann sitzen, eine Krone auf dem Haupt und eine Frau zu jeder Seite. Er dachte, das müßten die Königin und die Tochter des Königs sein; diese aber erkannte er wieder. Er wagte nun nicht länger hinauszusehen und ging vom Fenster fort. Der Tanz dauerte bis zum Abend.

Als die Jungfrau aber dann zu ihm hereinkam, war sie wider ihre Gewohnheit schweigsam; jedoch sagte sie ihm, daß er sein Versprechen, nicht hinauszusehen, schlecht gehalten habe, obgleich sie es so habe einrichten können, daß ihr Vater es diesmal nicht gemerkt habe.

Es ging nun auf Neujahr, ohne daß etwas geschah.

In der Silvesternacht kam die Jungfrau zu ihm und sagte, daß sie am nächsten Tage mit ihrem Vater hinginge, um sich den Tanz anzusehen, und daß er ihr gegenüber sein Wort besser halten müßte, als er es zu Weihnachten getan habe, und nicht neugierig sein dürfe. Er versprach nun bei allem, was ihm heilig war, daß er diesmal nicht hinausblicken würde. Sie brachte ihm wieder Wein und Nahrung und allerlei Zeitvertreib und ging fort.

Als es aber Morgen geworden war, hörte er noch mehr Lärm und Freude draußen als zu Weihnachten. Da sagte er sich, daß er jetzt nicht hinaussehen wolle, denn es wäre ja dasselbe wie zu Weihnachten, und viel verstrich vom Tage, während er ruhig dasaß. Da begann ihn aber die Neugierde zu quälen –so gar nichts von der großen Freude zu erfahren, – und er spähte hinaus und sah, daß der Tanz viel reizvoller als das vorige Mal war, denn es tanzten viele strahlende Ritter vor der Königin und dem König. Da zog er sich eiligst vom Fenster zurück, sah aber, daß niemand das Auge nach seinem Fenster wandte, und so ging es bis zum Abend. Als die Jungfrau aber am Abend zu ihm kam, war sie aufgebracht und machte ihm Vorwürfe, daß er sie abermals getäuscht hätte. Trotzdem trübte dies das Verhältnis zwischen ihnen nicht; denn sie war ihm genau so gut wie vordem.

Der Winter verstrich, und so ging es auf Ostern. Am Osterheiligabend kam die Jungfrau zu ihm, sprach ihn freundlich an und bat ihn, am nächsten Tag ja nicht neugierig zu sein, auch wenn er hören sollte, daß die Freude groß wäre; denn wenn ihr Vater merke, daß sie ein männliches Wesen bei sich hätte, dann würde es sie das Leben kosten. Am Ostermorgen kam sie zu ihm und brachte ihm alles, was er sich nur hätte wünschen können, bot ihm Lebewohl und verließ ihn dann. Die Belustigung begann wieder wie zuvor. Aber als der Tag verging, begann die Einsamkeit ihn zu langweilen, und er ging aus seiner Kammer in die danebenliegende hinein; denn er dachte, die Jungfrau würde es nicht merken, wenn er von dort aus hinauslugte. Einen Augenblick spähte er hinaus und sah dasselbe wie zu Neujahr. Dann ging er in seine Kammer und blieb dort, bis die Jungfrau abends hereinkam. Da war sie unwillig gegen ihn und sagte, daß er sie heute im Stich gelassen hätte wie das vorige Mal; sie wüßte nicht, ob ihr Vater Wind von seinem Aufenthalt bekommen hätte, aber kühler wäre er gegen sie gewesen, als er zu sein pflegte; sie hätte nicht erwartet, daß er ihr so untreu sein würde, und er werde es wohl später in anderen Dingen auch sein.

Der Frühling näherte sich, und am letzten Winterabend kam die Jungfrau zu ihm und sagte, daß morgen der erste Sommertag wäre, und daß dann Leute vom Festland kämen, um ihn zu holen, weshalb er in der Frühe nach der Fischerhütte gehen sollte; aber um eins wollte sie ihn bitten, wenn er Wert darauf lege, daß sie ihm das Leben während des Winters erhalten hätte; und das sei, daß er das Kind anerkennen solle, das sie jetzt durch ihn erwarte; denn es gälte ihr Leben, und wenn sie den Vater nicht angeben könne, dann würde ihr Vater sie töten. Aber wenn sie den Vater nennen könne, dann würde er sie nicht töten, und sie bitte ihn nun um weiter nichts, als daß er sich ihr gegenüber in dieser Angelegenheit treu erweisen solle. Das versprach er ihr, und er sagte, es werde nie geschehen, daß er leugne, der Vater des Kindes zu sein. Es koste ihn ja nichts, da er keine Ungelegenheit davon hätte.

Er sagte ihr dann Lebewohl und dankte ihr für alle ihre Wohltaten gegen ihn während des Winters, und früh am nächsten Morgen machte er sich auf den Weg, und als er ein kleines Stück gegangen war, wollte er sich nach der Halle umsehen, aber er sah weiter nichts als steinige Hügel und Felsen am südlichen Teil der Insel; dann ging er nach der Fischerhütte.

An diesem Tage war mildes Wetter und die See ruhig, und als der Tag etwas verstrichen war, sah er ein Boot vom Lande herkommen; als die Bootsleute aber an die Insel gekommen waren, ging er ihnen entgegen. Als sie ihn erblickten, fürchteten sie sich, denn er war sehr dick und fett, und sie glaubten deshalb, daß es sein Geist sei; denn sie dachten nicht anders, als daß er im Winter gestorben wäre; und niemand wagte, ihn anzusprechen, viel weniger, zu ihm ans Land zu kommen. Schließlich aber stieg der Bootsführer doch ans Land und fragte ihn, ob er ein lebendiger Mensch sei oder ein Geist, oder ob er derselbe sei, der im Herbst auf der Insel zurückgeblieben wäre. Er sagte, daß er derselbe Mann wie im Herbst sei, als sie ihn dort zurückgelassen hätten. Der andere aber sagte, daß er nicht verstehen könne, wie er so lange ohne Nahrung hätte leben können. Der Inselmann sagte, daß der Seetang auf Selö keine schlechtere Nahrung sei als die Wassergrütze auf Holme. Mehr wollte er ihnen nicht erzählen; er stieg aber zu ihnen in das Boot, und sie ruderten ihn zurück nach Holme. Die meisten wunderten sich, ihn lebendig zurückkommen zu sehen, und viele Fragen wurden ihm gestellt, wie er den Winter über hätte leben können, niemand aber bekam mehr von ihm zu wissen, als jene auf der Insel von ihm erfahren hatten.

Spät im Sommer war es eines Sonntags schönes Wetter, und es kamen viele Leute zur Kirche, und an diesem Tage wollte auch der Knecht dorthin. Als aber der Pfarrer und die ganze Gemeinde in die Kirche gekommen waren, stand eine Kinderwiege neben dem Altar, ehe man es sich versah, und eine golddurchwirkte Decke war über das Kind gebreitet, aber kein Mensch war zu sehen, nur sah man, daß eine schöne Frauenhand auf dem Rand der Wiege ruhte; alle wunderten sich hierüber und sahen sich an; der Pfarrer aber nahm das Wort und sagte, daß dies Kind getauft werden wolle, und daß es wohl nicht irrig wäre, daß irgend jemand in der Kirche in Beziehung zu ihm stehe, und am ehesten glaube er von seinem Knecht, daß er es im Frühjahr auf Selö zurückgelassen habe; der Knecht aber bestritt, etwas davon zu wissen. Da sagte der Pfarrer, er wolle es mit dem Namen des Knechts taufen, der aber leugnete wieder und sagte, daß er nichts mit der Sache zu tun hätte. Der Pfarrer erwiderte, daß er doch nicht ohne Menschenhilfe auf der Insel hätte leben können; der Knecht aber sagte, daß er das Kind nie anerkennen würde und verbot dem Pfarrer, es mit seinem Namen zu taufen.

Da wurde die Wiege fortgerissen und verschwand in demselben Augenblick, und zugleich ertönte heftiges Weinen, das sich allmählich aus der Kirche verlor. Der Pfarrer und die anderen gingen ihm aus der Kirche nach. Da hörten sie das Weinen und das Schluchzen in der Richtung nach dem See verschwinden, die Decke aber lag auf dem Boden der Kirche und wurde auf Holme noch lange nach dieser Zeit benutzt.

Alle wunderten sich über das Geschehene, am tiefsten jedoch war der Pfarrer davon ergriffen. Der Knecht aber verfiel später in Tiefsinn. Der Pfarrer fragte ihn, wie das denn käme, und dann erzählte er ihm alles, daß er den Winter über bei einem König und seiner Tochter gewohnt hätte, und daß es ihn sein Leben lang gereuen würde, daß er das Kind nicht anerkannt habe.

Der Knecht war von diesem Tage an nicht mehr derselbe, und hiermit endet die Erzählung von dem Huldrekönig auf Selö.

Das Sätermädchen

Einmal wohnte auf dem Nordland ein Pfarrer, der ein Mädchen erzogen hatte. Hoch oben zwischen den Bergen lag die Säterwirtschaft[1] des Pfarrhofs, auf die der Pfarrer gern im Sommer seine Kühe und Schafe unter Aufsicht eines Sätermädchens und eines Hirten schickte. Als seine Pflegetochter älter geworden war, mußte sie der Haushaltung auf dem Säter vorstehen, und sie erledigte das so gut wie jede andere Arbeit; denn sie war ein kluges Frauenzimmer, hübsch anzusehen und flink in vielen Dingen. In diesem Teil des Landes hatte sie nicht ihresgleichen. Darum warben viele reiche Männer um ihre Hand; sie aber gab ihnen allen miteinander einen Korb. Der Pfarrer sprach einmal mit seiner Pflegetochter über dieses Kapitel und riet ihr, sich zu verheiraten, denn, sagte er, er wäre nun ein alter Mann und könnte ihr daher nicht immer eine Stütze sein. Sie aber wollte nichts davon hören; ihr Sinn sei weit von solchen Dingen entfernt, sagte sie; sie wäre sehr zufrieden, wie es sei, und nicht jeder hole sein Glück in der Ehe. Darüber wurde also vorläufig weiter nichts gesprochen.

Als ein Teil des Winters verstrichen war, schien es den Leuten, als beginne das Sätermädchen etwas rundlich unter dem Gürtel zu werden, und je weiter es auf den Frühling zuging, desto runder wurde sie. Im Frühjahr sprach ihr Pflegevater wieder mit ihr; er bat sie jetzt, ihm offen und ehrlich zu sagen, wie es eigentlich mit ihr bestellt wäre; sie erwarte sicher ein Kind, meinte er, und darum wäre es am besten, daß sie in diesem Sommer nicht nach dem Säter zöge. Sie bestritt aber, daß sie ein Kind erwarte, es fehle ihr nichts, und ihre Arbeit auf dem Säter würde sie in diesem Sommer genau so tun, wie sie es früher getan hätte. Der Pfarrer sah, daß er nichts aus ihr herausbekommen könnte und ließ ihr daher ihren Willen; er beauftragte aber die Männer, die sie nach dem Säter begleiteten, sie nicht allein zu lassen, und das versprachen sie ihm hoch und heilig.

Oben auf dem Säter war das Mädchen lustig und froh, und es verstrich eine Zeit, ohne daß etwas geschah. Die Leute beobachteten sie sehr genau und ließen sie nie allein.

Da geschah es eines Abends, daß der Hirt alle Schafe und Kühe vermißte, und jeder, der seine Beine gebrauchen konnte, mußte den Säter verlassen, nur das Sätermädchen blieb allein zurück. Es ging langsam mit dem Suchen der Leute, ein dichter Nebel senkte sich herab, und deshalb fanden sie das Vieh erst gegen Morgen. Als sie wieder nach Hause kamen, war das Sätermädchen auf und ungewöhnlich flink und leicht auf den Füßen. Als eine Zeit vergangen war, sah man dann auch, daß sie nicht mehr so rund wie früher war; aber wie es zugegangen war, das wußte man nicht, auch fand man jetzt nicht, daß ihre Rundlichkeit so gewesen war, als wenn eine Frau ein Kind erwartet.

Im Herbst zogen sie wieder nach Hause von dem Säter, Männer und Vieh, und da sah der Pfarrer, daß das Mädchen eine schlankere Gestalt hatte als sie im Winter zuvor gehabt hatte. Er drang in die übrigen Säterleute und fragte sie, ob sie wider seinen Befehl gehandelt und das Sätermädchen allein gelassen hätten. Sie aber erzählten ihm, wie es gewesen wäre, daß sie es nur ein einziges Mal verlassen hätten, um das fehlende Milchvieh zu suchen. Da wurde der Pfarrer zornig und wünschte ihnen die schwere Not, weil sie gegen seinen Befehl gehandelt hätten; im übrigen hätte er das im Frühjahr geahnt, als das Sätermädchen nach dem Säter zog.

Im nächsten Winter kam ein Mann, der um die Pflegetochter des Pfarrers freien wollte; sie aber wollte nichts von seinem Freien wissen; der Pfarrer jedoch sagte, daß sie nichts abhielte, ihn zu heiraten; denn alle wären darin einig, ihn zu loben, und er sei aus gutem Geschlecht. Er hätte im letzten Frühjahr den Hof seines Vaters übernommen, und seine Mutter hätte ihr Altenteil bei ihm. Dieser Freier bekam also keinen Korb, gleichviel, ob mit dem Willen des Mädchens oder ohne ihn. Ihre Hochzeit wurde im Frühjahr beim Pfarrer gefeiert. Aber ehe der Braut ihr Brautkleid angezogen wurde, sagte sie zu ihrem Bräutigam: »Da du mich gegen meinen Willen heiratest, nehme ich dir jetzt das Versprechen ab, daß du niemals einen Wintergast beherbergst, ohne mich vorher davon benachrichtigt zu haben, denn sonst ergeht es dir übel!« Das versprach ihr der Mann.

Dann wurde also die Hochzeit gefeiert, und sie zog mit ihrem Gebieter nach Hause und übernahm den Hausstand, aber ohne besondere Lust; denn sie war niemals froh, und ihr Gesicht war stets finster, obgleich sie der Mann auf Händen trug und kaum zuließ, daß sie die Hand in kaltes Wasser steckte. Jeden Sommer saß sie zu Hause, während die andern mit dem Heu auf der Wiese beschäftigt waren, und immer blieb ihre Schwiegermutter bei ihr, um sie zu erheitern und ihr beim Essenbereiten behilflich zu sein. Manchmal saßen sie und strickten und spannen, und die Alte erzählte dann Sagen, um ihre Schwiegertochter zu unterhalten.

Einmal, als sie mit ihrer Erzählung fertig war, sagte die Alte zu ihrer Schwiegertochter, daß sie jetzt etwas erzählen müsse. Die andere aber erwiderte, daß sie keine Sagen kenne; als die Alte jedoch weiter in sie drang, versprach sie schließlich, die einzige Sage, die sie kenne, zu erzählen, und sie begann folgendermaßen:

»Auf einem Hof lebte einmal ein Sätermädchen. Unweit des Säters lagen große Felsen, an denen sie oft vorbeiging. Darinnen wohnte ein schöner, junger Huldremann, den sie bald kennen lernte, und es entstand Liebe zwischen den beiden. Er war so gut und lieb zu den Mädchen, daß er ihr nie etwas abschlug und sich ihrem Willen stets in allem fügte. Das Ende vom Liede war, daß das Sätermädchen, als eine Zeit vergangen war, ein Kind erwartete. Als sie im nächsten Sommer nach dem Säter sollte, drang ihr Brotherr in sie, um zu erfahren, ob sie in gesegneten Umständen wäre; das aber bestritt sie und zog hinauf nach dem Säter, wie sie es zu tun pflegte. Ihr Herr bat aber diejenigen, die mit auf dem Säter waren, sie nie allein zu lassen, und das versprachen sie ihm. Trotzdem verließen sie sie einmal, um das Vieh zu suchen, und da fühlte sie Geburtswehen. Da kam ihr Liebhaber zu ihr, saß bei ihr und half ihr bei der Geburt, und darauf wusch und wickelte er das Kind. Ehe er aber mit dem Knaben fortging, ließ er sie aus einem Glas trinken, und das war der süßeste Trank, den ich je ...« hier fiel ihr das Knäuel, mit dem sie strickte, aus der Hand; sie bückte sich danach und verbesserte sich – »den sie je gekostet hatte, wollte ich sagen, und da wurde sie gesund und frei von allen Folgen. Von da an sahen sich der Huldremann und das Mädchen nicht wieder; gegen ihren Willen wurde sie mit einem anderen Manne verheiratet; ihr Sinn aber stand immer nach ihrem ersten Liebsten, und von dieser Zeit an sah sie nie einen frohen Tag. Und jetzt ist die Erzählung aus.«

Ihre Schwiegermutter dankte ihr für die Erzählung und bewahrte sie im Gedächtnis. So verging wieder eine Zeit, ohne daß etwas geschah; die Frau ging wie immer umher und trug ihren Kummer, immer jedoch war sie gut und liebevoll gegen ihren Gebieter.

Eines Sommers, als es schon weit in der Heuernte war, kamen zwei Männer, ein größerer und ein kleinerer, zu dem Bauern auf das Feld. Sie hatten beide breitkrempige Hüte auf dem Kopf, so daß man ihnen nur undeutlich ins Gesicht sehen konnte. Der größere nahm das Wort und bat den Bauern um Obdach für den Winter. Der Bauer antwortete, daß er niemand aufnehme, ohne daß seine Frau davon wisse, und sagte, daß er erst mit ihr über diese Angelegenheit sprechen wollte. Der Mann bat ihn, doch nicht so ungeschickt zu sprechen, als wenn ein so resoluter Mann derartig unter dem Pantoffel seiner Frau stände, daß er in solchen Kleinigkeiten wie die, zwei Menschen einen Winter lang in Kost zu nehmen, nicht selbst bestimmen dürfte. Das Ende war, daß der Bauer ihnen Winterobdach versprach, ohne daß er seine Frau erst darum befragt hatte.

Abends kamen die Fremden mit dem Bauern nach Hause; er ließ sie in eine Kammer eintreten und bat sie, dort zu bleiben. Dann ging er zu seiner Frau und erzählte ihr, wie die Dinge standen. Die Frau wurde darüber sehr unwillig und sagte, daß das ihre erste Bitte gewesen wäre und wahrscheinlich auch die letzte sein würde. Da er die Fremden nun aber allein aufgenommen hätte, müßte es auch seine Sache sein, was aus ihrem Aufenthalt im Winter folgte; und dann wurde nicht mehr über die Sache gesprochen.

Nun war alles ruhig, bis die Eheleute im Herbst zum Abendmahl gehen wollten. Es war damals Sitte, wie es heute noch in verschiedenen Gegenden auf Island der Fall ist, daß diejenigen, die zum Tische des Herrn wollen, zu allen Leuten auf dem Hof gehen, sie küssen und sie um Verzeihung für ihre Vergehen ihnen gegenüber bitten. Die Hausfrau war den Wintergästen bis zu diesem Tage ausgewichen und hatte sich nie vor ihnen sehen lassen, und auch diesmal ging sie nicht zu ihnen, um Abschied zu nehmen.