Indianerleben

Part 6

Chapter 63,327 wordsPublic domain

In gewöhnlichen Fällen spielt man Ball um nichts, nur um Vergnügen zu haben. Die jungen Herren, die die eifrigsten Spieler sind, vertreiben auf diese Weise die langen Tage, während sie auf den Tanz und die Liebe am Abend warten.

Preise kommen nur bei den Wettkämpfen zwischen mehreren Dörfern vor. Als ich ein Ballspiel veranstaltete, bestanden die Preise aus Tabak.

Streitereien während der Spiele kommen niemals vor, und gleichwohl schlägt man einander mit den Keulen zuweilen ordentlich auf die Unterschenkel. Niemand wird deshalb böse. Bei den Matacos habe ich gesehen, daß man, um die Schenkel gegen Stockschläge zu schützen, Schienen aus Schilfrohr anwendet.

Die Chacoindianer spielen auch Hasard.

Die Spielmarken sind vier Holzstäbchen (Abb. 27) oder Stücke Schilfrohr, von denen die eine Seite stets konvex und die andere eben oder konkav ist. Am Spiele nehmen vier, sechs oder acht Personen teil. Markör ist ein Unbeteiligter.

Das Hasardspiel ist ein im Chaco stark ausgebreiteter Brauch. Wie unsere Sportsleute und Spieler viel englische Ausdrücke anwenden, so wenden auch die Indianer zuweilen internationale, von anderen Stämmen geliehene Worte an.

Was kann man gewinnen, wenn man mit den Indianern spielt? Wenn man Glück hat, ein Paar alte Hosen, ein altes Hemd oder irgend etwas, was die Indianer von den Weißen erhalten haben. Wo der Einfluß der Weißen unbedeutend ist, spielt man um Halsketten aus Schneckenschalen.

Ich habe mit den Indianern häufig gespielt und stets verloren, weil die Gegner so schrecklich mogeln. Sagt man etwas über die Mogelei, so lachen sie. Würde man zornig werden, würden sie einen wahrscheinlich für dumm halten. Hier heißt es nur verlieren und lernen.

Nicht selten spielen die Chorotis und Ashluslays so, daß sie mit einem Haufen Stäbchen markieren. Schlägt man vier, darf man vier Stäbchen nehmen usw.

Spaß macht es, zu sehen wie die Indianer nachrechnen, wer die meisten Stäbchen erhalten hat. Jeder teilt seine Stäbchen in Haufen von je zwei. Der eine nimmt nun einen Haufen fort, der andere einen entsprechenden usw., bis nur noch einer Stäbchen hat. Diese Subtraktionsmethode ist natürlich sehr primitiv.

Fragt man einen Choroti oder Ashluslay nach einem Zahlwort, so kann er es nur bis drei mit Sicherheit sagen. Es gibt zwar Worte für die höheren Zahlen, wenigstens bis zehn, er kennt sie aber nicht alle. Der Indianer zeigt mit den Fingern die Zahl, die er angeben will. Die Zehen werden nur zu Hilfe genommen, wenn er viele sagen will.

Ist die Kinderzeit des Indianers zu Ende, dann beginnt das zweite Kapitel in seinem Leben. Dies ist dem Geschlechtsleben gewidmet.

Nach dem Spiel kommt die freie Liebe.

Männer und Frauen.

Das Geschlechtsleben hat schon für das Indianerkind von sechs, sieben Jahren keine Geheimnisse mehr. Es hat dann schon alles gesehen. Ein geschlechtlicher Verkehr nicht mannbarer Kinder soll gleichwohl nicht vorkommen, auch werden die Mädchen vor ihrer ersten Menstruation von den Müttern gehütet.

Bei den Ashluslays wird diese mit Tanz gefeiert. Um das Mädchen, das mit bedecktem Gesicht dasteht, tanzen die älteren Frauen mit Stöcken in der Hand, an die Klappern aus Tierklauen gebunden sind, während die Männer mit Kalebassen voll harter Körner den Takt dazu schlagen. Bei den Chorotis kenne ich einen solchen Brauch nicht.

Während der folgenden Menstruationen nehmen die Frauen ungeniert am Tanze teil und werden in keiner Weise als unrein betrachtet.

Die von allen Choroti- und Ashluslaymännern, manchen Chorotifrauen, aber keinen Ashluslayfrauen getragenen Ohrenklötze haben mit dem Eintritt der Mannbarkeit nichts zu tun. Die Ashluslays durchbohren die Ohren der Kinder, wenn diese drei bis vier Jahre, die Chorotis wenn sie sieben bis zehn Jahre alt sind. In demselben Alter werden auch die Ohren der Mädchen durchbohrt.

Der Vater sticht mit einem Kaktusdorn seinen Kindern Ohrlöcher ein.

Wenn die Kinder fünf bis sieben Jahre alt sind, werden sie tätowiert. Bei den Chorotis sind die Männer in der Regel, die Frauen stets tätowiert, bei den Ashluslays nur die Frauen. Ich habe einige Tätowierungen wiedergegeben und gezeigt, wie man nach und nach tätowiert, indem man bei den Chorotis mit dem Stirnzeichen, bei den Ashluslays mit den Strichen auf dem Kinn beginnt. In der Chorotitätowierung kommt in der Ornamentik eine gewisse Variation vor, bei den Ashluslays ist die Tätowierung ein typisches, konstantes Stammzeichen, in dem nur die Anzahl der Striche auf dem Kinn schwanken kann.

Beinahe immer nimmt eine ältere Frau die Tätowierung vor.

Von der hierneben vorgestellten Alten habe ich ein Stirnzeichen auf meinen Arm tätowieren lassen. Dies geschah in folgender Weise. In der flachen Hand bereitete die Alte aus Kohle und Speichel schwarze Farbe. Mit dieser malte sie dann mit einem Stäbchen eine Figur auf meinen Arm und stach dann mit einigen Kaktusstacheln kräftig in diesen. Nachdem es fertig war, spuckte sie auf die Wunde und rieb den Speichel mit der Faust in mein Blut.

Moberg ist auch auf Chorotiart tätowiert. Ich glaube, er hat eine Musterkarte aller möglichen Tätowierungsfiguren, mit denen die jüngsten und schönsten Indianermädchen ihn geschmückt haben, auf seinem Körper.

Nach der ersten Menstruation haben die Mädchen ihre vollständige Freiheit, die sie auch eiligst benutzen.

Die Jugend trifft sich auf der Tanzbahn.

In den größeren Dörfern ist sowohl bei den Chorotis wie bei den Ashluslays jeden regenfreien Abend Ball, d. h. wenn der Magen nicht leer ist. Dieser Tanz bildet das ganze Leben der Jugend, um ihn dreht sich all ihr Interesse. Für ihn malen und schmücken sie sich.

Mehrere Stunden vor dem Ball beginnen die jungen Herren mit ihrer Toilette. Mit äußerster Sorgfalt kämmen sie sich zuerst das Haar und ordnen dann die Stirn- und Ohrenlocken. Die Augenbrauen und Augenhaare werden ausgerissen, ebenso jedes Härchen, das sich auf Kinn oder Oberlippe herauswagen sollte. Ebenso wird das Haar unter den Armen und um die Geschlechtsteile entfernt.

Hierauf wird das Gesicht bemalt. Früher mußte man bei dieser wichtigen Arbeit die Hilfe anderer in Anspruch nehmen. Nachdem der weiße Mann den Spiegel eingeführt hat, kann man sich selbst malen und sich über die Wirkung jedes roten, gelben oder schwarzen Striches freuen. Diese ausgezeichnete Erfindung ermöglicht es den jungen Indianern, stundenlang in andächtiger Bewunderung ihrer eigenen Schönheit dasitzen zu können. Die rote Farbe erhält man aus den durch Tausch von den Chiriguanos erhaltenen Samen eines Busches, Bixa orellana. Die gelbe Farbe, die selten zur Anwendung kommt, wird durch Kauen einer Wurzel bereitet. Die schwarze besteht ganz einfach aus Ruß und Speichel.

Es ist nichts Ungewöhnliches, daß man die Ornamente mit Stempeln ins Gesicht drückt (Abb. 32). Diese sind als eine primitive Form der bei den Yuracáreindianern und besonders bei den Stämmen in Nord-Südamerika gewöhnlichen Stempel zur Vervielfältigung der oft sehr schönen Ornamente zu betrachten. Den allereinfachsten Stempel, den ich gesehen habe, beobachtete ich bei einer Tsirakuafrau, über welche ich weiter unten zu berichten Gelegenheit haben werde. Sie berußte zuerst die ganze Innenfläche der Hand und zeichnete dann ein Ornament in den Ruß. Durch Drücken der Hand gegen die Backen bemalte sie sich mit dem Negativ des aufgezeichneten Ornaments. Nachdem man sich fertig gemalt hat, ordnet man die Halsketten aus Schneckenschalen und den Federschmuck. Man prüft die Wirkung der auf verschiedene Weise gedrehten Halsketten, man freut sich über den flatternden Federschmuck, man putzt die Ohrenklötze.

Falls es nicht kalt ist, hat der junge Choroti oder Ashluslay so viel Verstand, daß er sich auf dem Balle nicht mit den von den Weißen direkt oder indirekt erhaltenen alten Hemden oder Hosen, welche den Chaco zu überschwemmen drohen, bekleidet. Hauptsächlich die älteren Männer fangen an, die europäische Kleidung oder richtiger Teile derselben zu tragen, denn selten ist ein Choroti und noch weniger ein Ashluslay so reich, daß er einen vollständigen Anzug besitzt. Hat er einen Rock, so hat er wahrscheinlich keine Hosen, oder umgekehrt.

Die von den Männern angewendete Tracht ist ein Ledergürtel und ein auf alle mögliche Weise drapierter Mantel aus Schafwolle (s. die Bilder). An den Füßen tragen sie zuweilen Ledersandalen. Bisweilen haben sie einen Riemen über die Brust gespannt. Um die Stirn haben die Männer allerlei Bänder, und manchmal, wenn sie richtig fein sein wollen, eine mit Schneckenmuscheln besetzte Haube. Andere Schmuckgegenstände bestehen aus Zähnen, Stroh, Haaren, Glasperlen, Fischschuppen usw.

Der junge Indianer versucht auf den Bällen so elegant, so originell gemalt und geschmückt wie möglich aufzutreten. Jeden Tag malt er sich auf andere Weise und ordnet seine Schmucksachen verschieden. Er hält sich jedoch immer innerhalb der von der Mode gesteckten Grenzen, und eine neue Mode unter diese Menschen zu lancieren, ist keineswegs ein leichtes. Eine von mir erfundene Gesichtsbemalung wurde z. B. niemals anerkannt. Ein Glasperlentypus, der ihnen fremd war, erregte ihr Mißfallen. Sobald man einen der leitenden Elegants bewogen hatte, eine Sache modern zu machen, wollten bald alle sie haben. Ein paarmal ist es sowohl mir als Moberg gelungen, auf den Bällen neue Moden zu lancieren. Besonders Moberg trat auf diesen gewöhnlich wie ein Indianer gemalt, gekleidet und geschmückt auf und wetteiferte um die Gunst der braunhäutigen Indianerinnen. Ein Haupt höher als die anderen tanzte er mit den Chorotis an den Sandufern des Pilcomayo und mit den Ashluslays auf den offenen Plätzen in ihren Dörfern. Nicht so selten sah man eine geschmeidige Indianerin hinter dem stattlichen, blonden Schweden tanzen, ihre Hände auf seinen nackten Rücken legend.

Im Gegensatz zu den Negern staffieren sich diese Indianer niemals in allen möglichen, oder richtiger unmöglichen bunten Farbenzusammensetzungen aus. Sie haben ja gute Gelegenheit hierzu, wenn die Weißen mit bunten Tüchern als Tauschwaren zu ihnen kommen. Die Indianer und Indianerinnen haben in der Regel Geschmack. Infolge der zu vielen Berührung mit der Zivilisation verschwindet dieser aber. Niemand putzt sich auch in so schreienden Farben, wie zivilisierte Indianerinnen und Mestizenfrauen. Die Choroti- und Ashluslayindianer lieben gleichwohl bunte Farben; am beliebtesten ist Rot. Legt man bei einem Tauschhandel Bänder in verschiedenen Farben vor, so finden zuerst die roten Absatz. Rote Taschentücher sind gesucht. Schwarz lieben sie in der Regel auch. Gewisse Sachen, wie z. B. die Knöpfe für Halsketten, werden weiß gewünscht, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil die Schneckenhalsperlen, die sie anwenden, dieselbe Farbe haben.

In meinem Notizbuch hatte ich die verschiedenen Grundfarben und mehrere Schattierungen aufgezeichnet, um zu sehen, wie viele Farben sie unterscheiden könnten.

Die Chorotis nannten Rot, Rosa, Braun und Hellviolett „Chaté“, Gelb und Gelbbraun „máhahi“, Blau und Grün „La-sá-se“, Schwarz, Dunkelviolett und Dunkelgrau „Cho-hua-hí-ni“, Weiß und Hellgrau „La-ma-hí-ni“.

Die Ashluslays nannten Rosa und Rot „Yúk“, Gelb und Weiß „Kóshiash“, Schwarz „Ya-cút“, Blau = Schwarz, Grün zuweilen = Schwarz und zuweilen = Gelb, Violett = Schwarz, Braun bald = Schwarz, bald = Rot. Die Chorotis haben also für fünf Farben Namen, die Ashluslays nur für drei. Dasselbe Individuum ist oft betreffs des Namens einer Farbe zweifelhaft. Er nennt einen Namen, sieht noch einmal hin, bereut es und sagt einen anderen. Aus den beigefügten Photographien sehen wir einige der zahlreichen verschiedenen Schmucksachen, welche die Choroti- und Ashluslaymänner tragen. Zuweilen sieht man sie sich auch mit Blumen schmücken. Die Ashluslays binden das Haar oft vorn zu einer Quaste mitten auf der Stirn zusammen (Abb. 34). Die Chorotis drehen manchmal das recht lange Haar mit einem Band zu einem Zopf im Nacken zusammen. Die Federn, welche die Chorotis und Ashluslays im Stirnband tragen, pflegen mit einer oder mehreren Kerben als Ornament versehen zu sein.

Wenn die Herren älter, solide, verheiratete Männer werden, so schmücken sie sich nicht mehr für die Bälle, sondern nur zum Kriege. Diese älteren Herren vernachlässigen ihre Toilette oft sehr stark und sind sehr unsauber.

Die Tracht der Frauen besteht aus einem Schurzfell um die Hüften. Dasselbe wird schon im Alter von drei bis vier Jahren angelegt. Die jüngeren unverheirateten Chorotimädchen tragen jetzt viel den von den Weißen eingeführten Tipoy, ein Kleidungsstück, das ursprünglich von den Chiriguanos kommt. Derselbe verdeckt den Oberkörper vor den lüsternen Blicken der Christen. Ein Indianermädchen, das nur ein Schurzfell um die Hüften trägt, gibt sich in der Regel den Weißen nicht hin. Diejenigen dagegen, welche die „anständige Kleidung“ tragen, sind alle Prostituierte. Mit Ausnahme der Chorotimädchen, die Weiße zu Freunden haben, tragen die Mädchen hier sehr wenig Schmucksachen. Irgend eine einfache Halskette, ein aus Blättern geflochtenes Stirnband, ein Armband aus Rehbockfell, einige Ringe aus Eidechsenhaut, das ist alles. Die Frauen tragen niemals Federn. Dagegen sind sie, wie schon bemerkt, mehr tätowiert als die Männer und nicht selten bemalt.

Das Schurzfell, das die Chorotifrauen um die Hüften tragen, ist aus hausgewebtem Wollstoff. Die Ashluslayfrauen tragen ein ähnliches Schurzfell aus Rehbockleder. Diese letzteren haben nicht selten aus Nutria oder Schaffellen zusammengenähte warme Mäntel von dem Typ, wie wir ihn nur von den Indianern Patagoniens und des Feuerlandes her kennen.

Sowohl die Choroti- wie die Ashluslayfrauen entfernen die Haare unter den Armen und an den Geschlechtsteilen.

Man muß zugeben, daß die Indianer mit ihren Schmucksachen sehr vorsichtig umgehen. Die Federn werden in Futteralen aus Rohr bewahrt, die Schmucksachen werden oft auf neue Schnüre gezogen. Sie stopfen die Löcher ihrer Kleider. Es gibt ältere Frauen, deren Schurzfell beinahe nur aus gestopften Löchern besteht. Lohnt es sich nicht mehr, die Löcher zu stopfen, so begnügt man sich damit, sie zu besetzen. Sie sind auch um ihre Kleider besorgt und wenden, wenn sie, was selten der Fall ist, Kleider zum Wechseln haben, bei der Arbeit die schlechtesten Lumpen an. Die Ashluslays habe ich niemals ihre Kleider waschen sehen, die Chorotis nur, wenn sie es von den Weißen gelernt haben.

Baden des Badens wegen geschieht nur, wenn es sehr heiß ist. Der Fischfang zwingt indessen die Männer, viel im Wasser zu sein. Die Kinder spielen ebenfalls oft im Wasser und bleiben auf diese Weise rein. Die jüngsten Kinder werden von den Müttern gewaschen, wenn sie zum Flusse gehen.

Juckt es, so reicht man das Tier einem Verwandten oder Bekannten, der es aufißt. Moberg und ich hatten, wenn wir in den Indianerhütten verkehrten, auch zuweilen Läuse. Unsere Indianerfreunde waren doch stets, wenn es nötig war, so liebenswürdig, sie zu essen.

Die Chorotimädchen schmieren ihren Körper oft mit Fischfett ein, was ihnen einen unangenehmen Geruch verleiht. Sie selbst sind sicher anderer Ansicht. Sie finden, daß wir Weißen einen Kuhgeruch an uns haben.

Die Eleganz der Männer erreichen die Indianermädchen niemals. Sie können sich jedenfalls freuen, daß die „Herren der Schöpfung“, wohl in erster Reihe ihretwegen, mehrere Stunden täglich auf ihre Toilette anwenden.

Um den Tanz dreht sich, wie erwähnt, das ganze Interesse der jungen Männer und der jungen Mädchen. Geht die Sonne unter, so fängt er an.

Die Männer tanzen im Kreise oder in einer Reihe und singen den Takt, z. B. Táe-a-sa-lé, Táe-a-sa-lé.

Je nach dem Takt wird langsam oder schnell getanzt. Musik ist auf diesen Bällen unbekannt. Die hierbei gesungenen Lieder sind unübersetzliche Kehrreime, die oft international sind, d. h. von mehreren Stämmen angewendet werden.

Hinter den Männern tanzen die Mädchen.

Bei den Chorotiindianern ergreift das Mädchen die Initiative zu den Liebesabenteuern. Sie führt den jungen Herrn, den sie zum Liebhaber für die Nacht wünscht, ganz einfach fort vom Balle.

Stattlich nehmen sich die Tänze aus, wenn der Mond oder ein Feuer aus Pampasgras die Körper beleuchtet. Bis zu hundert Männer habe ich in demselben Ringe tanzen sehen. Zuweilen tanzten sie ganz langsam, zuweilen in schwindelnder Fahrt, so daß der Staub hochwirbelte, und alles, was man sah, ein Wirrwarr von Körpern und flatternden Straußenfedern war.

Gesang und Gelächter ertönte auf der Tanzbahn.

Die älteren Mädchen tanzten hinter ihren Liebhabern, die jüngsten schlichen hier und da heran, um einen Augenblick hinter einem wohlgebildeten männlichen Körper zu tanzen und gleich darauf, lüstern aber ängstlich, hinter Büschen und Sträuchern zu verschwinden. Beinahe stets war die Anzahl der Männer größer als die der Frauen, und glücklich der Mann, der geraubt und verführt wurde.

Musik ist, wie gesagt, bei diesen Bällen unbekannt. Beinahe jeder tanzende Indianer trägt zwar eine Pfeife (Abb. 36), man pfeift aber nicht den Takt zum Tanz. Bei diesen Indianern findet man auch nur wenige Musikinstrumente. Von Saiteninstrumenten kommt nur der Musikbogen von dem von den Araukaniern her bekannten Typ vor.[26] Die Flöten sind sehr schlecht und vielleicht geradezu Imitationen von den Chiriguanos. Die besonders von den Chiriguanos bekannte Pfeife, auf welcher man wie auf einen Schlüssel pfeift, habe ich bei den Ashluslays nur als eine Seltenheit gesehen. Von Trommeln kennt man nur die primitive Tongefäßtrommel (Abb. 57). Diese besteht aus einem gewöhnlichen irdenen, halb mit Wasser gefüllten Topf, über den ein Fell gespannt ist. Als Trommelstock wird ein Holzstab, und zwar immer nur einer angewendet.

Auch mitten am Tage kann es einem warmblütigen Chorotimädchen einfallen, als Verführerin aufzutreten. Aus meinem Lager zog einmal ein solches Mädchen, unbekümmert um allen Scherz und alle Anzüglichkeiten, mit einem glückstrahlenden Ashluslay in den Wald. Es ist nichts Ungewöhnliches, daß die Mädchen in den Chorotidörfern sich etwas abseits vom Dorfe eine besondere Hütte bauen, wo sie Herrenbesuche entgegennehmen.

Die Männer scheinen sich wenig um das Aussehen der Mädchen zu kümmern. Um ihren Geschmack zu erfahren, habe ich sie oft gefragt, welches Mädchen sie für die hübscheste hielten. Mit dem gewöhnlichen Takt der Indianer antworteten sie immer ausweichend. Die Männer kommen niemals um Frauen in Schlägerei. Dagegen herrscht bei den Frauen die Eifersucht. Mit Boxhandschuhen aus Tapirhaut (Abb. 37) oder einem anderen harten Material und schlimmstenfalls mit Pfriemen aus Knochen kämpfen sie um den begehrten Mann. Es scheint mir, als ob die Indianerfrauen sich mehr durch die Schönheit des Gesichts als des Körpers angezogen fühlten. Unter den Chorotimännern beobachtete ich besonders zwei, welche die Günstlinge der Frauen zu sein schienen. Nach meinen Begriffen sahen sie sehr gut aus. Diese Herren hatten stets an den Händen und im Gesicht Kratzwunden. Das sind Erinnerungen an zärtliche Neckereien. Ein Choroti- oder Ashluslaymädchen küßt niemals den Geliebten, sie kratzt ihn und speit ihm ins Gesicht. Die Chorotifrau sucht sich nach ihrer ersten Menstruation einen Mann aus, der einige Monate lang ihr Liebhaber ist, dann wechselt sie und lebt einige Jahre in Freuden. Schließlich wählt sie ihren Begleiter fürs ganze Leben und wird eine treue und sehr arbeitsame Frau.

Bei den Ashluslays sind die Verhältnisse ebenso frei wie bei den Chorotis, nur, wie mir scheint, etwas primitiver. Nach dem Tanze gehen Mädchen und junge Männer getrennt nach Hause. Die ersteren legen sich vor die Hütten, wo sie der Reihe nach von den letzteren besucht werden. Das sog. Schamgefühl scheint wenig entwickelt zu sein, mehrere Paare liegen zusammen, und Zuschauer sind nicht ungewöhnlich. Auch diese Mädchen werden, nachdem die Periode der freien Liebe zu Ende ist, gute und tüchtige Hausfrauen.

Die Choroti- wie auch wahrscheinlich die Ashluslaymädchen haben keine Kinder vor der Ehe. Dies wird, wie schon erwähnt, durch Abtreibung der Leibesfrucht und Kindesmord geordnet.

Der Leser des Obenstehenden meint wahrscheinlich, daß die „Moral“ unter meinen Pilcomayofreunden nicht hoch stehe. Ich will jedoch darauf hinweisen, daß die Chorotis und Ashluslays, trotz der vollständig freien Liebe in der Jugend, gesunde und kräftige Menschen sind, und daß diese Mädchen, die alle von Blume zu Blume geflogen sind, wenn sie einen eigenen Hausstand gründen, gesunde, wohlgestaltete Kinder bekommen. Durch die von den Weißen eingeführten Geschlechtskrankheiten degenerieren diese Stämme indessen und gehen unter. Die freie Liebe ist für diese Menschen etwas ganz Natürliches; daß in diesem sog. unmoralischen Leben etwas Unrechtes liegt, ist den Indianern und Indianerinnen vollständig unbekannt. Wir dürfen nicht glauben, daß diese Mädchen, die jede oder jede zweite Nacht ihren Liebhaber wechseln, irgendwie schlechter sind, als wenn sie unberührt wären. Sie sind gut und arbeitsam und werden, wie gesagt, tüchtige Hausfrauen und gute Mütter. Das Leben, das sie führen, ist für sie wie für ihre Eltern und anderen Verwandten etwas ganz Natürliches.

Die Chorotifrau wählt sich ihren Begleiter fürs Leben aus. Wie sie bei den Liebesabenteuern die Verführerin ist, so ergreift sie auch zu der festen Verbindung, in welcher sie Kinder zu bekommen gedenkt, die Initiative. Wie es in dieser Beziehung bei den Ashluslays ist, ist mir unbekannt.

In der Regel nimmt die Chorotifrau ihren Mann aus einem anderen Dorfe, doch kommen auch Ehen zwischen Individuen desselben Dorfes vor. Ehen zwischen Chorotis und Ashluslays sind in dem Grenzgebiet zwischen den beiden Stämmen, gleichwie auch zwischen Mataco-Notén und Chorotis und Mataco-Guisnays und Ashluslays nicht ungewöhnlich. In der Ehe zwischen Ashluslays und Chorotis folgen die Mädchen der Tätowierung der Frauen, die Knaben der der Männer.

Der Chorotimann zieht, wenn er sich verheiratet hat, nach dem Dorfe seiner Frau und wohnt dort wenigstens einige Zeit.