Indianerleben

Part 7

Chapter 73,476 wordsPublic domain

Vielweiberei scheint sowohl bei den Chorotis wie bei den Ashluslays unbekannt zu sein. Geschwister- und Cousinehe ist verboten. Die Frau ist in der Regel einige Jahre jünger als der Mann. Nur einmal hörte ich von einer aufgelösten Ehe. Es war die meines Chorotifreundes Nyato, dessen Frau sich kurz vorher mit einem anderen Manne nach den Zuckerfabriken in Argentinien begeben hatte. Nyato war sehr melancholisch, aber doch schon wieder verheiratet.

Verschiedene Reiseschilderer[27] malen die Stellung der verheirateten Frau bei den Indianern als sehr beklagenswert aus. Dies rührt sicher in den meisten Fällen von einer oberflächlichen Beobachtung her. Man hat den nur seine Waffen tragenden Mann in Begleitung seiner mit dem ganzen Mobiliar beladenen Frau lange Wanderungen machen sehen und ist über die ungerechte Behandlung der Frau empört. Dies ist jedoch ganz natürlich und gerecht. Der Mann trägt die Waffen und keine andere Last, um bereit zu sein, die Seinigen zu verteidigen und zu jagen, wenn sich Gelegenheit bietet. Richtig ist, daß die Choroti- und Ashluslayfrauen hart arbeiten müssen, sie werden aber nicht schlecht behandelt. Die Männer helfen ihnen in vielem. Viele der von den Frauen angewendeten Werkzeuge werden von den Männern verfertigt. Ihnen gehören alle Geräte, Kleider usw., die sie anwenden, und die Männer respektieren ihr Besitzrecht. Macht der Mann ein Tauschgeschäft, wird die Frau oft um Rat gefragt.

Ich war einmal mit einem Chorotiindianer übereingekommen, mir gegen ein Waldmesser einen Matacoskalp, den er besaß, einzutauschen. Das Geschäft war schon geregelt, da kam seine Frau hinzu. Sie verbot den Tausch ganz einfach. Schließlich bot ich für den Skalp ein Pferd, aber es half nichts. Die Alte war eigensinnig, und der Mann stand unter „der Sandale“. Man sollte wirklich meinen, daß der Mann über eine Kriegstrophäe, die er selbst erworben, auch zu verfügen habe.

Die Frau repräsentiert das arbeitende Element im Stamme, sie ist aber keine Sklavin. Vollkommen freiwillig arbeitet sie fleißig für den Unterhalt ihrer Familie.

An den großen Trinkgelagen, die ich späterhin besprechen werde, nehmen sowohl Chiriguanofrauen als -männer teil. Die letzteren nehmen jedoch den Ehrenplatz ein. Die Choroti- und Ashluslaymänner vertrinken alles allein. Bei allen diesen Indianern essen Frauen und Männer nicht gemeinsam. Man hat auch an das zu denken, was wir betreffend des Geschlechtslebens der verschiedenen Stämme kennen gelernt haben. Die Chorotifrau wählt sich ihren Begleiter durchs Leben, bei den Chiriguanos ergreift der Mann die Initiative. Die Chorotifrau wählt sich einen Mann, um für und mit ihm zu arbeiten, während die Chiriguanofrau gemeinsam mit dem Manne für das Haus arbeitet. Verheiratet sich ein Chorotimädchen, so ist sie schon etwas verblüht. Der Chiriguanoindianer nimmt ein unberührtes Mädchen zur Frau. Für die Chorotifrau beginnt mit der Heirat die dritte Periode ihres Lebens, die Arbeitsperiode, die Chiriguanofrau hat, wenn sie sich verheiratet, noch ihre Jugend und kann ihrem Mann noch gefallen. Wir sehen somit, daß die Stellung der Frau eine bessere ist, wenn die Männer werben, als wenn sie es selbst tut.

Die verheirateten Frauen nehmen niemals am Tanz teil, die verheirateten Männer höchst selten. Wenn die letzteren tanzen, tun sie es in fremden Dörfern und vielleicht, ohne daß die Frau etwas davon weiß. Die verheiratete Frau betrügt ihren Mann in der Regel nicht, auf die Treue des Mannes kann sie sich jedoch nicht allzusehr verlassen. Hat er eine Geliebte, und bekommt die Frau sie in ihre Hände, dann entsteht eine Schlägerei, und oft eine blutige.

Die Indianerfrau gebiert leicht und geht schnell, oft schon nach einem Tage, wieder an ihre Arbeit. Eine ältere Frau übernimmt die Rolle der Hebamme. Bei den Chorotis kommt, wie bei vielen anderen Indianerstämmen, der Brauch vor, daß der Vater des Kindes im Wochenbett liegt und Diät hält.

Die Chorotis haben in der Regel nur zwei bis vier Kinder, die Ashluslays scheinen etwas mehr zu haben. Zwillinge habe ich niemals bei den Indianern gesehen. Keine dieser Indianerfrauen schafft sich ein neues Kind, bevor das vorhergehende herumlaufen kann und ihr nicht allzusehr zur Last fällt. Für diese Indianer, die umfassende Wanderungen vornehmen, ist es nicht ratsam, daß jede Frau mehr als ein Kind hat, das beständig getragen werden muß. Das Zwei- bis Dreikindersystem ist deshalb hier ein gesunder und natürlicher Brauch.

Die Kinder bekommen in der Regel erst Namen, wenn sie alt genug sind, um darauf zu hören. Einige Chorotinamen habe ich aufgezeichnet, z. B. für Männer Yóselianéc (Fuchstöter), Hótenic (Mataco), Éstiáhua (Charata, ein Hühnervogel), und für Frauen Häku (nicht süß), Kósoki (mit Ausschlag), Aséshnialo (viele Frauen).

Die Frau repräsentiert hier, wie ich gesagt habe, das fleißigste Element des Gemeinwesens. Auf ihr Los kommt vor allem das meiste der Arbeit innerhalb des Dorfes. Die Frau führt bei diesen Indianern beinahe alle die Arbeit aus, die Kunstfertigkeit und Geduld erfordert. Sie bindet die stilvollen Taschen aus Caraguatáfasern (Abb. 48), webt (Abb. 52) und macht Tongefäße (Abb. 54), alles das, was Handfertigkeit erheischt. Nur in der Holzarbeit zeigt der Mann Proben seiner Arbeitstauglichkeit. Der Mann hat hier die Industrie übernommen, zu welcher die schneidenden Werkzeuge, welche er früher von den auf der Jagd und beim Fischfang von ihm getöteten Tieren erhielt, erforderlich sind, und er ist auch im Besitze der oft wenigen eisernen Messer, die im Stamme vorhanden sind und die er von den Weißen erhalten hat. In abgelegenen Dörfern im Chaco leben die Frauen noch oft im „Holzalter“ und wenden Werkzeuge aus hartem Holze an, während die Männer Messer aus Eisen haben.

Die Wetzsteine, die man im inneren Chaco im Besitze der Indianer findet, sind alle von weit her und sind sicher durch Handel zwischen den Stämmen nach dem Chaco gekommen. In früheren Zeiten waren die Steine sicher kostbar und die Steingeräte selten. Vielleicht haben sie niemals Steinwerkzeuge gehabt. Ich habe in keinem Dorfe eine Steinaxt gesehen und niemals gehört, daß bei den Chorotis oder Ashluslays solche gefunden worden sind. Harte Hölzer und Knochen, aus denen Werkzeuge gemacht werden können, gibt es dagegen in reicher Fülle. Noch sieht man auch, wie schon erwähnt, besonders bei den Ashluslays viele solche primitive Werkzeuge und Geräte im Gebrauch (Abb. 17). Die Holzgeräte sind beinahe alle aus Palosanto[28][29], einem sehr harten, schweren und wohlriechenden Holze. Um diese Geräte herzustellen, sucht man an den Stellen, wo der Wald niedergebrannt ist und viel getrocknetes Holz auf der Erde liegt, Stücke von geeigneter Form und Größe aus. Nach der Angabe eines alten Ashluslayhäuptlings, Mentisa, wurden die Holzgeräte früher mit Holz, Muschelschalen und Feuer bearbeitet. Steingeräte kannte er nicht. Die Mörtel brennen die Ashluslays noch aus. Außer primitiven Gerätschaften aus Holz sieht man auch solche aus Zähnen, Knochen und Muschelschalen.

Der Mangel an Steinen ist bei den Ashluslays so groß, daß man sie ihre von den Weißen erhaltenen Messer sehr oft an den Blättern der Holzspaten schleifen sieht. Deshalb ist auch die eine Seite der Spaten gewöhnlich vollständig glattpoliert.

In diesem primitiven Gemeinwesen ist die Arbeitsverteilung zwischen den Geschlechtern äußerst streng durchgeführt. Es kann niemals die Rede davon sein, daß ein Mann z. B. ein Tongefäß formt oder eine Frau einen Spaten schnitzt. Das wäre ganz einfach unerhört. Jedes Geschlecht stellt indessen nicht alles her, was es anwendet. So sind die Mäntel und Taschen der Männer von den Frauen gearbeitet, während die Holzwerkzeuge, die die Frauen benutzen, von den Männern geschnitzt werden.

Arbeitsverteilung zwischen Männern und Frauen.

Männer Frauen

Fischfang + +[30]

Jagd +

Einsammeln von Honig + ?

Netzstricken +

Mattenbinden +[31]

Federarbeit +

Landbau (Jäten des Ackers) + +

Säen + +

Ernten + +

Kochen +[32] +

Holztragen +

Bereitung berauschender Getränke +[33] +

Keramik +

Holzarbeiten +

Herstellung von Taschen aus Caraguatá +

Lederarbeiten + +

Waffenanfertigung +

Schneiden von Kalebassen +

Hausbau +

Weben, Bänderflechten. +

Einsammeln wilder Früchte +

Viehzucht +

Nähen + +

Die Ashluslay- und Chorotistämme sind sozial insofern gleichgestellt, als ein Chorotimädchen ein Liebesverhältnis mit einem Ashluslaymann, und eine Ashluslayfrau ein solches mit einem Chorotimann haben kann. Anders verhält es sich z. B. zwischen Chorotis und Chiriguanos. Chiriguanoindianer haben sehr häufig zufällige Verbindungen mit Chorotimädchen, wenn sie sich auf einem gemeinsamen Arbeitsplatz treffen; daß eine Chiriguanoindianerin sich einem Chorotiindianer hingäbe, ist dagegen undenkbar. Die Chiriguanos sehen auf die anderen Chacostämme herab, und diese bewundern ihrerseits die Chiriguanos.

Wie bei mehreren anderen Volksstämmen, wo die freie Liebe blüht, hat sich diese Institution bei den Chorotis und anderen Chacostämmen zur Prostitution entwickelt, wenn der Stamm mit den Weißen in Berührung kam. So schicken die in dieser Beziehung den Chorotis moralisch gleichstehenden Tobas Gruppen junger Mädchen unter Leitung einer älteren Frau nach Argentinien. Die Matacos sagten offen, am besten verdienten in den Fabriken die jungen Mädchen. Die Chorotimädchen verkauften sich an die Weißen für ca. 50 Centavos oder vier Ellen Zeug. Die bolivianischen Soldaten bekamen sie für ein Stück Brot. Die jüngsten Mädchen hielten sich in der Regel ausschließlich an die jungen Indianer und mischten sich wenig mit den Weißen. Die verheirateten Frauen hatten niemals Verbindungen mit den Weißen. Bei den Ashluslays hat das Verderben 1909 noch wenig Eingang gefunden.

Von älteren unverheirateten Mädchen habe ich bei den Chacoindianern nie reden hören. Dagegen wurde mir bei den Chorotis als große Merkwürdigkeit ein Mann gezeigt, der niemals eine Frau gehabt hatte.

Fußnoten:

[24] Dicholophus Burmeisteri.

[25] Das Schwirrholz besteht aus einer ovalen Holzscheibe, an die man eine Schnur gebunden hat.

[26] Lehmann-Nitsche. Patagonische Gesänge und Musikbogen. Anthrop. Bd. III. 1908. Siehe auch weiterhin in diesem Buche.

[27] Eine richtige Auffassung der Stellung der Frau im indianischen Gemeinwesen hat Koch-Grünberg in seiner ausgezeichneten Schilderung des Indianerlebens am Rio Negro gegeben. Zwei Jahre unter den Indianern. Berlin 1909.

[28] Bulnesia Sarmienti.

[29] Infolge der Armut an Steingeräten wäre das archäologische Studium eines Volkes, das auf seinen Begräbnisplätzen nicht mehr hinterlassen hat, als die Chacovölker, eine sehr undankbare Aufgabe. Wenige Tonscherben, Schneckenschalen und knöcherne Pfriemen sind alles, was man finden könnte. Sie legen sehr wenig Beigaben in die Gräber. Die Völker, die auf demselben Standpunkt wie die Chacovölker gestanden und unter ähnlichen Verhältnissen gelebt haben, können wir niemals durch archäologische Forschungen näher kennen zu lernen hoffen.

[30] Mit Körben bei den Ashluslays.

[31] Nur bei den Ashluslays.

[32] Rösten der Nahrung.

[33] Nur Gären.

+Sechstes Kapitel.+

=Unter den Indianern am Rio Pilcomayo= (Fortsetzung).

Trinkgelage.

Man könnte beinahe sagen, daß das Leben für den Choroti- und Ashluslayindianer aus drei Perioden besteht. Die erste ist dem Spiele, die zweite der Liebe und die dritte dem Trinken geweiht. Der Mann hat ja auch einige Zeit der Versorgung seiner Familie zu widmen, aber am meisten interessieren ihn, wenn er älter ist, die Trinkgelage. Die Frauen bereiten die berauschenden Getränke zu und verwenden darauf einen außerordentlichen Fleiß. Den ganzen Tag streifen sie umher, um die Früchte, aus denen jene bereitet werden, zu sammeln, zu mahlen, zu kochen usw., und gleichwohl sind sie von den Festen vollständig ausgeschlossen. Das einzige, womit der Mann sich befaßt, ist die Gärung. Diese ist der Gegenstand einer geradezu religiösen Sorgfalt.

Die geistigen Getränke werden aus Tusca, Algarrobo, Chañar, Wassermelone und Mais bereitet. Alle diese, mit Ausnahme solcher aus Wassermelonen, habe ich gekostet. Sie sind, außer dem aus der Algarrobo bereiteten, der infolge des großen Zuckergehalts der Frucht außerordentlich alkoholreich ist, ziemlich unschuldig. Im November und Dezember, wo die Algarrobofrucht reif ist, finden auch in den Choroti- und Ashluslaydörfern wilde Zechgelage, tägliche Orgien statt, an denen der arme Ethnograph, falls er mit den Indianern auf gutem Fuß zu stehen wünscht, teilzunehmen gezwungen ist.

Das Tuscabier wird so zubereitet, daß man die Frucht mahlt, Wasser hinzusetzt und das Ganze dann in einer schmutzigen Haut oder in großen Kalebassen gären läßt. Eines Nachts war ich mit dabei, als in einem Chorotidorf das Tuscabier gegoren wurde. Dies begann damit, daß zwei Männer im Männerhaus, den Rücken einander zugewendet, um das Feuer herumsaßen und sangen und den Takt mit den Kalebaßklappern angaben. Etwas später setzte man sich um die Haut, in welcher man das Bier zu gären begann. Ein Mann und ein Jüngling sangen, von einer Klapper akkompagniert, das Gesicht dem Monde zugekehrt. Hier und da johlten und klapperten andere Männer. Hierauf wurde die Tongefäßtrommel herbeigeholt und auf einen Strohring gestellt. Mit eintönigen Schlägen begleitete man den Gesang. Mitten in der Nacht wurde er unterbrochen und man lief nach dem Fluß und fischte mit ganz gutem Erfolg. Die Fische wurden geröstet und verzehrt. Nachdem das Nachtmahl gehalten war, begann wieder der Gesang und wurde mit einer Trommel und vier Klappern fortgesetzt. Die Gesänge kamen mir wie bloße Refrains vor: Höö, höö, höö, höö, la e la, höö, la e la ... höö, höö, la e la. Man sang erst leise, dann plötzlich ansteigend und wieder abfallend. Mehrere johlten unisono. Ruhte die eine Gruppe, so begann eine andere. Des Morgens wurde wieder gefischt und zum Frühstück das mit so großer Sorgfalt zubereitete Tuscabier getrunken, das, nachdem es durch eine schmutzige Tasche geseiht worden war, in Kalebaßschalen gereicht wurde. Die Choroti glauben durch Singen die Gärung zu beschleunigen.

Das Tuscabier hat einen säuerlichen, erfrischenden Geschmack, aber einen ekelhaften Geruch.

Die Chañarfrüchte kocht man und läßt sodann die ganze Suppe gären.

Die Algarrobofrüchte werden gemahlen und in Wasser gewärmt, worauf man sie, wie die vorhergehenden, in großen schmutzigen Kalebassen oder in gewaltigen Holzmulden aus Flaschenbaumholz[34] gären läßt. Die Ashluslays habe ich die Hefe in der Weise bereiten sehen, daß sie einen Teil des gemahlenen Algarrobo kauen und dann zu dem übrigen hinspeien. Das Chañarbier hat einen süßsäuerlichen, etwas ekligen Geschmack, das Algarrobobier ist gut. Es hat einen süßen, etwas zusammenziehenden Geschmack. Hat es zu lange gegoren, so ist es stark berauschend. Wie das Maisbier zubereitet wird, habe ich nicht gesehen. Es ist bei einer Menge Indianerstämme in Südamerika gut bekannt. Es hat einen erfrischenden, angenehmen Geschmack.

Bei den Ashluslays habe ich an verschiedenen großen, bei den Chorotis an einigen kleineren Trinkgelagen teilgenommen. Es war interessant, hat aber einige Selbstüberwindung gekostet. In den Dörfern befindet sich gewöhnlich ein den Trinkgelagen geweihter Platz. Um die Mittagszeit versammeln sich dort die Männer, jeder kommt mit seiner Sitzmatte und seiner zwei bis drei Liter haltenden Kalebaßschale. Die Frauen schaffen gewaltige Kalebassen mit Bier herbei. Dies wird zuweilen in ein großes Tongefäß (Abb. 40) gefüllt, aus dem es dann dargereicht wird. Bei einem Fest bei dem alten Aslú wurde das Algarrobobier in einem echt europäischen Nachtgeschirr von wohlbekannter Form herumgereicht. Die Alten fischen mit den Händen den Staub aus dem Bier, das sie dann zwischen den schmutzigen Fingern durchseihen.

Der Gast wird, besonders wenn er das Unglück hat, beliebt zu sein, sehr gut behandelt. Er erhält eine Sitzmatte und eine zwei bis drei Liter enthaltende Kalebasse. Setzt er sich, winken ihm alle mit der Hand zu, und er muß das gleiche tun. Das ist ein Gruß. Dann heißt es trinken, denn hier gilt es auszutrinken, sonst ist man unhöflich. Ist es einem gelungen, seinen Liter herunterzubekommen, ohne sich zu übergeben, dann beginnt wieder das Winken. Die in der Nähe sitzenden Alten wischen einem nun, der eine nach dem anderen, immer mit ihren schmutzigen Fingern den Mund. Das ist der Gipfel der Freundlichkeit. Muß man nach allem diesem einmal austreten, dann darf man keinesfalls vergessen, seinen Nachbarn mit der Hand zuzuwinken und „paa“ zu sagen, denn sonst ist man ungezogen. Das schlimmste ist, daß man zurückkommen und aushalten muß, bis das Fest aus ist, bis die Wirte betrunken sind und heulen, Reden halten, in die Bowle spucken und sonst ihr Vergnügen haben. Ohne die Pfeifenspitze abzuwischen, muß man ruhig mit alten, schmutzigen, geifernden Greisen abwechselnd rauchen.

Als die Alten richtig in Stimmung gekommen waren, haben sie mir das Gesicht mit Ruß und Speichel schwarz bemalt. Meine Augenbrauen und Augenhaare wollten sie ausreißen, sie verspotteten mich wegen meines langen, häßlichen Bartes, in meine Ohren wollten sie Löcher bohren.

Bei diesen Trinkgelagen, wo alle betrunken sind, habe ich niemals ein hartes Wort sagen hören, niemals bemerkt, daß die geringste Zänkerei entstanden ist. Ist der Indianer von seinem selbstgebrauten Bier betrunken, so ist er nicht angenehm, er wird aber niemals unverschämt, er gehört zu dem Typ Betrunkener, die alle umarmen wollen, deren Freundlichkeit unangenehm übertrieben ist. Er wird mutig und prahlt mit seinen Kriegertaten. Feldzugspläne werden besprochen, die vergessen sind, wenn der Rausch vorüber ist. Er singt und ist heiter.

Will man das Herz dieser Indianer gewinnen, so muß man versuchen, ihr Leben zu leben, alles zu essen und zu trinken, was einem angeboten wird, mit ihnen zu tanzen und zu singen, sich ins Gesicht speien zu lassen und so wie sie gekleidet zu gehen.

Man muß auch, ebenso wie wenn man unter weißen Menschen ist, taktvoll und rücksichtsvoll auftreten, wie die Indianer selbst. So manches Mal habe ich Beispiele von dem taktvollen Auftreten der Indianer gesehen. Nach einem großen Fischzug, den einige Ashluslays und Chorotis gemeinschaftlich vorgenommen hatten, kam ich mit einigen Chorotis vorbei. Ich tauschte mir bei den Indianern zwei Arten Fische ein, eine dritte bekamen meine Begleiter als Geschenk. Ich ließ meine Freunde durch den Dolmetscher fragen, welche Art Fische die beste sei, dieser wollte aber, offenbar um den Geber nicht zu verletzen, der einen weniger guten Fisch geschenkt hatte, meine Frage nicht beantworten.

Der Branntwein ist bei den Ashluslays noch unbekannt, und auch die Chorotis haben selten Gelegenheit, solchen zu trinken. Das kommt aber wohl noch, dafür sorgen schon allmählich die Weißen. Auf der argentinischen Seite des Rio Pilcomayo gibt es schon genug Feuerwasser und ein auserlesenes Gesindel Weiße. Die Bolivianer, die den Rio Pilcomayo hinuntergedrungen sind, sind dagegen in der Regel anständige Menschen.

Das Tabakrauchen.

Man sagt ja, keine Mauer sei so hoch, daß nicht ein goldbeladener Esel hinüberkomme. Mit einem mit Tabak beladenen Esel kommt man im Chaco beinahe überall durch, auch in Gegenden, wo das Gold als wertlos betrachtet wird. Teilt man in den Dörfern etwas Tabak aus, wird man gut aufgenommen und kann Essen und alles, was man braucht, eintauschen. Ein großer Tabakvorrat ist das Akkreditiv, das jeder, der unter den Indianern des Chacos reisen will, mithaben muß. Die Indianer sind in so hohem Grade passionierte Raucher, daß ein alter, verdorbener weißer Tabakraucher darüber in Staunen geraten muß. So boten mir die Mataco-Guisnay am Rio Pilcomayo für ein bißchen Tabak ihre Messer, ihre unentbehrlichen Messer an. In jedem Indianerdorf im Chaco, in das ich gekommen bin, habe ich auch reichlich Tabak ausgeteilt und damit einen sicheren Grund zur Freundschaft gelegt.

Es ist merkwürdig, daß die Indianer so eifrig hinter dem Tabak her sind, da sie doch selbst solchen bauen. Man braucht indessen ihren Tabak nur zu versuchen, um zu verstehen, daß sie lieber den des weißen Mannes rauchen, denn ihr eigener ist geschmacklos und schlecht. Sie verstehen offenbar nicht, ihn aufzubewahren, sondern lassen ihn vermodern, so daß er wie Kompost aussieht. Die Chacoindianer wollen starken Tabak. Sie sind alle Pfeifenraucher, und man sieht im Chaco einen großen Reichtum an Pfeifentypen.

Die Frauen rauchen in der Regel nicht. Eine Ausnahme bilden jedoch die Chorotimädchen, die viel mit Weißen gelebt haben. Schenkt man einer Frau Tabak, so gibt sie das Erhaltene ihrem Manne. Die Knaben sind, wenn sie über Tabak kommen, große Raucher. Oft sieht man Knaben von vier bis fünf Jahren mit Wohlbehagen qualmen.

Die Indianer rauchen, wie schon erwähnt, immer abwechselnd, d. h. die Pfeife geht von Mund zu Mund. Jeder tut ein paar kräftige Züge und dann geht die Pfeife weiter zum nächsten Mann. Manchmal ist es mir passiert, daß ein Indianer mir die Pfeife oder Zigarette aus dem Mund genommen, einige Züge getan und sie mir dann wieder in den Mund gesteckt hat. Man gewöhnt sich so sehr an diese Sitte, daß man sich förmlich geniert, so geizig zu sein, allein zu rauchen. In der Regel reichte ich meine Pfeife nach ein paar Zügen einem Indianer, um sie dann, wenn sie die Reihe entlang gegangen war, ausgeraucht zurückzubekommen. Die Chorotis im Chaco mischen den Tabak oft mit Spänen einer außerordentlich wohlriechenden Rinde, was dem Rauch einen sehr pikanten Geschmack gibt. Diese Rinde erhalten sie von den bei Caiza, nahe den letzten Ausläufern der Anden gegen den Chaco, wohnenden Chorotis.

Besonders liegt es den Indianern am Herzen, daß bei den Trinkgelagen genügend Tabak vorhanden ist. Dieser ist ebenso notwendig, wie Zigarren zum Punsch und Kaffee für viele Schweden. Wandert man mit diesen Indianern, so muß man sich auch darein finden, daß jede zweite Stunde Halt gemacht und eine Pfeife geraucht wird. Dies ist so wichtig, daß man es nicht im Gehen tun kann, sondern sitzend, in allerschönster Ruhe, soll man den herrlichen Rauch genießen.

Jedem, der im Chaco reist, will ich deshalb den Rat geben, so viel Tabak mitzunehmen, wie man es für Geschenke und Tauschwaren erforderlich hält -- und dann noch einmal soviel -- dann reist man je nach den Verhältnissen ebensogut wie derjenige, der in der zivilisierten Welt mit einer mit Gold gespickten Börse reist.

Medizinmänner, religiöse Vorstellungen.

Nach den großen Trinkgelagen werden die Indianer nicht selten krank. Irgendeiner hat eins seiner eigenen Haare oder Exkremente in das gelegt, was er getrunken hat. Er ist verhext worden. Die Medizinmänner werden herbeigerufen, um die Verhexung zu lösen. Will man nicht verhext werden, dann hat man, wenn man in einem fremden Dorfe ist, vor allem darauf zu achten, daß niemand sieht, wo man seine Bedürfnisse verrichtet. Man setzt sich sonst dem aus, daß man etwas davon zu essen bekommt, und das soll nicht gut sein.