Indianerleben

Part 5

Chapter 53,491 wordsPublic domain

Die Leiden eines angeschossenen Tieres versteht ein Indianer nicht zu würdigen. Niemand gibt ihm den Gnadenstoß, soweit dies nicht nötig ist, damit es nicht entspringt.

Wir Weißen brauchen uns darum nicht über die grausamen Indianer zu überheben, wir lassen mißgebildete Kinder leben und sich quälen, wir essen ruhig im Überfluß, während die Mitmenschen in unserem eigenen Staat hungern. Das tun dagegen diese Indianer niemals.

Von Insekten wenden die Chorotis und Ashluslays nur eine große Käferlarve, die sie rösten, als Nahrung an. Erst wenn Not am Mann ist, ißt man wohl alle möglichen Würmer. Sie kennen alle die kleinen Tiere ausgezeichnet und haben für alle Namen. Als ich 1902 den Chaco als Zoologe besuchte, pflegten die Chorotis für mich zu sammeln. Zeigte ich ihnen an dem einen Tage ein Insekt, von dem ich mehrere Exemplare wünschte, so kamen sie sicher am folgenden Tage mit einer großen Menge von diesen wieder. Sie kannten jedes kleine Tierchen sowie jede Pflanze und wußten, wo sie dieselben zu suchen hatten.

Die Viehzucht ist ebenfalls ein für diese Indianer wichtiger Nahrungszweig. Die Chorotis haben recht viele Schafe und Ziegen sowie eine geringe Anzahl Pferde. Viel reicher an Vieh als jene sind die Ashluslays. In einem ihrer Dörfer, dem Dorfe des Häuptlings Toné, das damals ca. 400 Einwohner hatte, zählte ich etwa 200 Kühe, etwa 200 Pferde, Maulesel und Esel, davon viele Stuten und Füllen, sowie über 500 Schafe und Ziegen. Außer diesen Haustieren gibt es Hühner und Katzen und eine unzählige Menge Hunde. Im Dorfe Tonés befanden sich sicher ein paar hundert Hunde. Diese Indianer töten die jungen Hunde nicht, sondern lassen sie sich frei vermehren. Alle diese oft ausgehungerten Hunde sind deshalb eine wirkliche Plage im Dorfe. Sie werden jedoch gut behandelt und nicht geschlagen, obschon die Nahrung nicht für so viele Münder reicht. Ich sah einmal eine Chorotifrau, die an der einen Brust ihr Kind, an der anderen einen Hund säugte. Stirbt ein Hund, so wird er gleich den Pferden der Indianer ordentlich begraben, und ein Pferd mit dem Holzspaten vergraben, ist sicher ein tüchtiges Stück Arbeit. Die Weißen in Bolivia werfen dagegen ihre toten Hunde und Pferde auf den Müllhaufen und lassen, als Dank für die erwiesene Pflichttreue, die Geier ihnen den letzten Dienst erweisen.

Zum Tierbestand in einem Choroti- oder Ashluslaydorf gehört beinahe mit Sicherheit eine Anzahl wilder Tiere. Diese sind aller Lieblinge. Man sieht Störche, Nutrias, Wildschweine, Strauße, Füchse usw. In der Regel sind sie Spielkameraden der Kinder. Diesen bereitet, wie unseren Kindern, das Binden der Strauße, Tränken der Pferde, Füttern der Kühe usw. eine große Freude.

Einmal bot ich in einem Ashluslaydorf ein prächtiges Tuch für eine Henne. Ein kleines, süßes, etwa 10jähriges Mädchen tauschte sich mit Freuden das Tuch ein. Als sie sah, daß die Henne geschlachtet wurde, was sie sicher nicht erwartet hatte, begannen die Tränen über ihre Wangen zu rollen, und plötzlich sprang sie davon, um ihren Freund zu beweinen. Das Tier war ihre Gesellschaft und sicher nicht zum Essen bestimmt.

Die Indianer im Chaco haben seit langer Zeit dieselben Haustiere wie der weiße Mann. Verschiedene Stämme stehen von alters her mit den Weißen in Berührung. Andere, tiefer im Chaco wohnende haben dann durch den Handel zwischen den Stämmen diese Tiere erhalten. Von besonderer Bedeutung sind hier natürlich die Schafe, aus deren Wolle die Indianerinnen Mäntel weben.

Im Innern des Chaco, vom Rio Pilcomayo gerechnet, ist das Land sehr wasserarm, und während der Trockenzeit haben die Indianer häufig kaum Wasser. Sie graben deshalb Brunnen. Solche habe ich bei den Ashluslays bis zu einer Tiefe von 4 m gesehen.[23] Die Forderungen eines Indianers an die Beschaffenheit des Wassers sind sehr gering. So habe ich die Ashluslays aus Sümpfen mit braungrünem, stinkendem Wasser trinken sehen, ohne daß es ihnen irgendwie schlecht zu bekommen schien. Wahrscheinlich gibt es in den abgelegenen Gegenden, wo die Ashluslays wohnen, weder Typhoid- noch Dysenteriebakterien.

Ich selbst bin fest überzeugt, daß ich, falls ich z. B. in Schweden all den Schmutz getrunken hätte, den ich im Chaco genossen habe, jetzt nicht mehr unter den Lebenden wäre.

Wie man bei den Ashluslays und Chorotis ißt.

Wäre ich zu einem Ashluslay- oder Chorotimittag eingeladen und könnte selbst die Speisekarte wählen, so würde ich sicher über Kohlen gebratene und auf grünen Blättern servierte Fische begehren. Hätte ich sie selbst etwas salzen dürfen, denn Salz wenden die Ashluslays und Chorotis selten an, so wären sie ganz einfach lecker. Niemand kann so wie ein Indianer Fische rösten. Von den Fischen würde ich dann so viel essen, daß ich nichts anderes zu berühren brauchte, denn schreckliche Sachen können serviert werden. Es gibt Dinge, die selbst der fanatischste Ethnograph nicht zu verzehren vermag. Die Ingredienzien selbst brauchen nicht so schlecht zu sein, der Schmutz bei der Zubereitung ist aber unerhört. Därme werden z. B. niemals vor dem Kochen gewaschen, sondern ganz einfach entleert. Bisweilen muß jedoch der Darminhalt als Gemüse zum Fleisch dienen. So werden die Erdratten mit Eingeweide und Exkrementen verzehrt. Sie werden ganz ins Feuer gelegt, wo sie durch die Hitze anschwellen. Dann werden Löcher in den Magen gestochen, damit die Luft, nur die Luft herauskommt. Auch Eidechsen werden mit Eingeweide und allem gegessen. Frösche, Füchse und in der Regel, aber nicht immer, Geier werden als nicht eßbar betrachtet. Verschiedene Früchte, z. B. Algarrobo, werden gewöhnlich in folgender Weise gegessen: die Frucht wird zerklopft und in einer großen Kalebasse mit Wasser gemengt. Um diese setzen sich mehrere Personen, immer vom gleichen Geschlecht, denn Männer und Frauen essen nicht zusammen. Jeder nimmt sich mit den Fingern ein ordentliches Stück, saugt daran und spuckt es dann wieder in das gemeinschaftliche Gefäß. Daß es unangenehm sein könnte, den Speichel eines anderen in den Mund zu bekommen, ist den Indianern vollständig unbegreiflich. Will man eine längere Zeit bei den Ashluslays und Chorotis hausen und ihr Leben zu leben versuchen, muß man sich über „Vorurteile“, die man in dieser Beziehung haben kann, hinwegsetzen, und man wird wirklich bald unbegreiflich verhärtet.

Die Ashluslayindianer essen Honig mit Bürsten aus Caraguatástämmen, die sie in den Honig tauchen, ablecken, wieder eintauchen, dem Nachbar reichen usw. Wie wenn wir mit Rasierpinseln äßen -- denn so sehen diese Werkzeuge aus (Abb. 15).

Bestimmte Mahlzeiten habe ich bei den Chorotis und Ashluslays nicht beobachten können. Ist genügend Nahrung vorhanden, so essen diese Indianer auch des Nachts.

Als Reisezehrung auf den Wanderungen werden getrocknete Fische, Maiskuchen, Klöße aus gekochter Chañarfrucht und solche von Algarrobomehl angewendet. Die letzteren sind wirklich gut. Wie sie zubereitet werden, ist mir unbekannt, denn da ich sie auf meinen Streifzügen mit den Ashluslayindianern stets zu essen pflegte, beschloß ich, dieses Geheimnis, aus Furcht, daß ich, nachdem ich es kennen gelernt habe, auf die guten Klöße verzichten würde, niemals zu erforschen.

Die umsichtigen Frauen bereiten, wenn Überfluß an Speisen vorhanden ist, Konserven. Früchte werden in großen Massen getrocknet. Zuweilen ziehen sie in Begleitung der Männer nach abgelegenen fruchtreichen Gegenden, und lassen sich dort eine Zeitlang unter eifriger Arbeit nieder. Wenn man eine solche „Konservenfabrik“ sieht, muß man unwillkürlich an die Ähnlichkeit mit dem Einmachen unserer nordischen Frauen zur Herbstzeit denken. Überall liegen Haufen von rohen, gekochten, gebratenen und getrockneten Früchten.

Von großem Interesse sind die von den Ashluslays zum Rösten angewendeten Öfen. Ein solcher Ofen ist hierneben beschrieben und abgebildet (Abb. 16). Er ist von demselben Typ, wie der von den Tsirákuaindianern im Nordchaco angewendete. Nachdem die Früchte geröstet sind, werden sie getrocknet und können dann monatelang aufbewahrt werden. Die Indianerfrau ist ein umsichtiges Hausmütterchen.

Dies verwundert vielleicht den Leser, der möglicherweise die Naturvölker hat beschreiben hören, als lebten sie nur für den Tag und dächten niemals an die Zeiten der Not.

Das Essen kochen die Indianerinnen in einfachen irdenen Töpfen. Man ißt in der Regel aus Schalen von Kalebassen und mit den Fingern oder mit einem Löffel aus einer Muschel oder Kalebasse. Da die Frauen sich nicht immer eiserne Messer verschaffen können, benutzen sie noch hölzerne Messer (Abb. 17), mit denen sie die Fische abschuppen und ausnehmen.

Mörtel aus hartem Holz mit Keulen aus demselben Material sind allgemein. Die Ashluslays wenden auch Mörtel einer ganz anderen, höchst merkwürdigen Art an. Sie bestehen aus inwendig mit in der Sonne getrocknetem Lehm bekleideten Erdgruben. Natürlich werden die in diesen Mörteln zerquetschten Früchte etwas erdig, aber etwas mehr oder weniger Schmutz macht in der indianischen Küche nicht viel.

Körbe sind bei diesen Indianern unbekannt, ebenso wirkliche Seiher. Will die Indianerin z. B. Algarrobomasse durchseihen (Abb. 14), so wendet sie ganz einfach ein Stück einer Caraguatátasche an. Der Grund, warum die Chacoindianer keine Körbe anwenden, kann kaum darin liegen, daß solche ihnen vollständig unbekannt sind, denn sie kennen direkt oder indirekt die Chiriguanos, die solche haben. Das geeignete Material dazu, d. h. Palmblätter, ist auch reichlich vorhanden. Im großen ganzen ersetzen jedoch die Caraguatátaschen vollständig alle Körbe, außerdem sind sie haltbarer und lassen sich bequemer auf den Wanderungen mitnehmen und in den Hütten aufbewahren. Die Körbe sind also für diese Indianer vollständig unnötig und sogar ungeeignet.

Ist Überfluß an Trinkwaren, d. h. Bier aus Algarrobo, Chañar oder Mais, vorhanden, so essen die Männer nicht sehr viel, denn das Bier, das sie trinken, ist stark sättigend und nährend. Das Bier ist in solchen Zeiten für sie Speise und Trank. Oft läßt das Trinken ihnen auch keine Zeit zum Fischen und Jagen.

Die Indianer kämpfen sicher zuweilen einen harten Kampf, um die Forderungen des Magens befriedigen zu können. Ist der Magen voll, so ist der Indianer froh und übermütig, da tummeln sich die Kinder in ausgelassener Freude, da tanzt die Jugend jeden Abend und hat Rendezvous in den Büschen, da sitzen die Alten und trinken Bier in gewaltigen Kalebassen und rauchen und spucken und prahlen mit ihren Taten und amüsieren sich königlich. Ist der Magen leer, dann ist es still auf den Spielplätzen, dann ist kein Tanz, kein Rendezvous, kein Bier und keine Prahlerei.

Als ich 1908 die Chorotidörfer besuchte, waren die Magen von fetten Fischen ausgespannt. Herrliche Fische! Da war Tanz und Fest.

Ein Jahr später kam ich wieder. Ach, wie mager doch alles war, bis die Chañar- und Algarrobofrüchte reif wurden. Dann war wieder Freude in den Dörfern.

Gibt es gebratene Fische und Fischfett oder große Kalebassen mit Algarrobobier, dann lebt sich’s gut für einen Indianer am Rio Pilcomayo.

Fußnoten:

[18] Zizyphus Mistol, Griseb.

[19] Bei den Chorotis ist es später allgemein von Moberg wahrgenommen worden.

[20] Boggiani: Compendio de Etnografia Paraguaya, S. 172. Asunción 1900.

[21] Herrmann, l. c. S. 128.

[22] Nach Boggiani haben auch die Lenguas ihre Äcker weit vom Flusse. Compendio, S. 165.

[23] Die den Ashluslays und Chorotis nahestehenden Lenguas graben nach Hawtrey sehr tiefe Brunnen. „The wells were on rising ground in a sandy soil, about 15 or 20 feet deep, with a hole at the top only 2 feet by 2 feet 6 inches in diameter, and so made that a man could go down by foot holes on either side (as I myself went down to see how it was made), and a bucket and rope were used.“ +Seymour H. C. Hawtrey+. The Lengua Indians of the Paraguayan Chaco. J. A. Inst. Vol. XXXI. London 1901. Seite 289.

+Fünftes Kapitel.+

=Unter den Indianern am Rio Pilcomayo= (Fortsetzung).

Indianerkinder.

Hat das Choroti- oder Ashluslaykind das Glück, von einer verheirateten Frau geboren zu werden und nicht allzu schnell hinter einem Brüderchen oder Schwesterchen zu kommen, so darf es am Leben bleiben. Lange bekommen die Kinder die Brust. Oft habe ich vom Springen durstige Choroti- und Ashluslaykinder gesehen, die stehend von ihrer sitzenden Mutter gestillt wurden.

Die kleinen Kinder sind die Freude aller, besonders die Alten haben sie lieb. Sie werden niemals gezüchtigt, hören niemals harte Worte. Während sie klein sind, tyrannisieren sie Eltern und Großeltern. Werden sie älter und verständiger, so sind sie infolge dieser Erziehung freundlich und aufmerksam.

Wenn es nötig ist, können auch die Indianermütter bestimmt sein. Einmal sah ich einen Chorotiknaben, der einen Sandfloh im Fuße hatte. Unbekümmert um das Geschrei des Knaben zog die Mutter das gefährliche Insekt mit einer knöchernen Nadel heraus, während zwei Frauen den Knaben festhielten.

Ein ausgezeichnetes Verhältnis herrscht zwischen Eltern und Kindern sowie zwischen den Geschwistern. Wie oftmals ist es mir nicht passiert, daß einer meiner Freunde unter den jungen Indianern mich zu einer alten Frau geführt und mit dem einfachen Worte Mama um ein Geschenk für sie ersucht hat.

Oft sieht man blinde und krüppelige Alte in den Dörfern, die von ihren Kindern unterhalten werden. Wird das Dorf durch einen Feind bedroht, so werden zuerst von allen diese Alten in Sicherheit gebracht, damit sie nicht, wenn die anderen zu fliehen gezwungen sind, in die Hände der Feinde fallen.

Werden diese Alten eine allzu große Last, so geschieht es gleichwohl zuweilen, wie ich schon erzählt habe, daß man sie tötet.

Das Indianerkind lernt das Leben im Spiel. Wenn die Mutter mit ihrem Töchterchen im Arme Wasser holt, so trägt das Mädchen einen winzig kleinen, dem der Mama ganz gleichen Krug. Füllt die Mutter ihren großen Wasserkrug, so füllt sie auch den ihres kleinen Töchterchens. Das Mädchen wächst und der Krug wächst. Sie begleitet ihre Mutter bald zu Fuß und trägt gleich ihr einen eigenen Krug auf dem Kopfe. Spinnt die Mutter, so spinnt auch ihr Kind auf einer Spielzeugspindel. Der kleine Junge spielt mit seinem Netz im Dorfe. Er fängt Laub, er fängt Tonscherben. Oft sind die Großväter die Lehrer. Ist er größer, so erhält er von dem Großvater ein größeres Netz und begleitet ihn auf den Fischfang. Anfänglich fängt er nicht viel. Er und das Netz wachsen, und der Knabe, der Laub und Tonscherben gefischt hat, fängt große Siluroiden, Palometas und vieles andere. Auf dieselbe Weise lernen die Kinder alles, was sie zu wissen nötig haben. Spielend lernt das Indianerkind den Ernst des Lebens.

Besonders die Indianerknaben verleben dann ihre Tage unter heiteren Spielen. Vielmals habe ich mit ihnen gespielt, und wir, und nicht zum wenigsten ich, haben uns dabei sehr gut amüsiert.

Wir versuchten, den Indianerknaben unsere Spiele beizubringen. Die Mädchen spielten beinahe niemals mit uns. Moberg war Zirkusdirektor, und sie lernten von ihm Purzelbäume schießen, Bockspringen, mit Stangen balancieren und anderes Nützliche. Eine Kunst konnte Moberg, die stürmischen Jubel erweckte. Er konnte Rad schlagen. Diese Nummer des Programms wurde von allen, jung und alt, gern gesehen, obschon niemand es nachmachen konnte. Mit roten Taschentüchern als Preise veranstalteten wir Wettrennen. Hieran beteiligten sich auch die Mädchen, sie liefen aber immer allein und mischten sich nicht unter die Knaben.

Unser gutes Verhältnis zu den Indianern hatte sicher zu einem großen Teile seinen Grund darin, daß wir immer mit den Kindern spielten. Das gefiel den Indianerpapas und Indianermamas, und auf diese Weise bekamen sie Vertrauen zu uns.

Schlägereien und harte Worte kommen unter den spielenden Kindern fast niemals vor. Ein einziges Mal habe ich einen Indianerknaben einen anderen schlagen sehen. Das war in einem Ashluslaydorf. Daß dies etwas Ungewöhnliches war, wurde mir aus der Aufregung, die darüber im Dorfe entstand, klar. Ein paar Stunden lang ergingen sich die respektiven Eltern und Verwandten der Kinder in Schmähungen. Besonders die älteren Damen spien Feuer und Galle. Beim Spiel kommen niemals Streitigkeiten vor, z. B. ob der Ball wirklich ins Tor gekommen ist, ob einer gemogelt hat oder dgl. Hier haben unsere weißen Kinder viel von ihren dunkelbraunen Freunden zu lernen.

Die großen Kinder behandeln die kleinen niemals schlecht. Sie laufen wohl hinter ihnen her und werfen sie hin, aber sie schlagen sie niemals. Kleinlichkeit, Eigendünkel und Bosheit findet man niemals unter den Indianerkindern.

Knaben und Mädchen spielen schon als ganz kleine Kinder getrennt. Für Knaben und Mädchen gemeinsame Spiele habe ich nie gesehen. Sie haben auch verschiedenes Spielzeug. Nur der Tanz führt sie zusammen. Auf der Tanzbahn erscheinen Knaben und Mädchen viel früher als bei uns, da der Tanz innig mit dem Geschlechtsleben zusammenhängt.

Nicht alle Kinder gleichen Geschlechts spielen zusammen, sondern sie teilen sich, wie unsere Kinder, in Altersklassen. Bei den Knaben kann man drei solche beobachten. Zwei- bis vierjährige Knaben beteiligen sich nicht an den großen gemeinschaftlichen Spielen. Die Vier- bis ungefähr Siebenjährigen bilden eine zweite, die Sieben- bis Zwölfjährigen eine dritte Gruppe. Die über zwölf Jahre alten Knaben halten sich gewöhnlich zu den Herren, nehmen an den großen Ballspielen teil und interessieren sich schon lebhaft für Tanz und Mädchen.

Dicht bei oder in einem Ashluslay- und Chorotidorf ist immer ein offener, gebahnter Platz, wo man spielt und tanzt. Herrlich eignen sich zum Spielen besonders die großen Sandufer des Pilcomayoflusses. Dort tummeln sich die Kinder im Sande.

Das erste Spielzeug des Indianerkindes ist, wie bei unseren Kindern, die Klapper. Von Früchten, Knochen, Blechstücken u. a. machen die Indianermütter ihnen kleine Klappern. In dieser Zeit spielen sie mit ihren Müttern, die mit ihnen plaudern und scherzen.

Die Indianerkinder lernen, wie ich schon gesagt habe, spielend den Ernst des Lebens kennen. Sie werden durch das Spiel erzogen. Wie unsere Kinder die Großen nachäffen, so machen die Indianerkinder ihnen ebenfalls alles nach.

Als die Ashluslayindianer mit den Tobas kriegten, spielten auch die Knaben in den Ashluslaydörfern Krieg. Die Knaben teilten sich in zwei Abteilungen. Die eine stellte die Ashluslays, die andere die Tobas vor. Die Waffen bestanden aus Rohr, mit denen man Fruchtkerne aufeinander knackte. Die Kämpfe wurden unter Geschrei und Geheul geführt. Wurde einer gefangen genommen, so wurde er skalpiert. Während einer den Gefangenen hielt, tat ein anderer, als skalpiere er ihn.

Sicher haben die Indianerkinder am Pilcomayo manchmal auch Indianer und Weiße gespielt. Bei den Kampfspielen der wilden Indianer geht es aber keineswegs wild zu. Roheit und Bosheit, die bei den Kindern des weißen Mannes so gewöhnlich sind, sind unter diesen Kindern, deren Väter wirkliche Skalpjäger sind, vollständig ausgeschlossen.

Eines Tages hatte ich in einem Ashluslaydorf ein Wettschießen mit Pfeil und Bogen angeordnet. Am folgenden Tage veranstalteten die Knaben desselben Dorfes ebenfalls ein Scheibenschießen mit ihren Spielzeugflinten. Diese Flinten, von denen eine hier abgebildet ist (Abb. 23), sind unter den Chacokindern sowohl am Rio Pilcomayo wie am Rio Parapiti gewöhnlich.

Wenigstens den kleinen Knaben und Mädchen machen die Eltern und andere ältere Verwandte ihr Spielzeug. Der Großvater strickt das Spielzeugnetz des Knaben, lehrt ihn aber auch selbst stricken. Eine der weiblichen ältesten Verwandten formt die Puppen, mit denen die Mädchen spielen. Mutter spielen ist hier ebenso gewöhnlich, wie bei unseren Mädchen. Die von den Indianerkindern im Chaco angewendeten Puppen sind außerordentlich lustig. Weiterhin werden wir sie abgebildet und beschrieben finden.

Das Lieblingsspielzeug der Knaben ist die von den Pampasindianern bekannte Boleadora. Mit der Boleadora spielen mehrere Knaben zusammen. Sie stellen sich in einer Reihe auf. Wenn einer seine Boleadora wirft, versuchen die anderen, sie mit ihren zu fangen. Dieses Spielzeug ist sicher ein Überbleibsel aus einer Zeit, wo die Boleadora von den Ashluslays und Chorotis als Waffe angewendet wurde; vielleicht ist es eine Erinnerung von einer Zeit, wo sie auf den Pampas lebten, denn die Boleadora ist eine Waffe, die nur für die Ebene paßt. In einer weiter unten wiedergegebenen Matacosage handelt es sich um einen Kampf zwischen verschiedenen Vögeln, wo die Chuñas[24] mit Boleadoras gekämpft hatten. Die Matacos selbst wenden die Boleadora jetzt nicht als Spielzeug an. Ein anderes Spielzeug, vielleicht auch eine Erinnerung aus früheren Zeiten, sind die Stelzen, die ich die Ashluslays habe anwenden sehen.

Die kleinen Kinder rollen oft Reifen aus Weide. Zuweilen habe ich sie mit Stäbchen spielen sehen, die sie auf folgende Weise werfen. Sie stellen sich, jeder mit einem Stäbchen in der Hand, in einer Reihe auf. Einer wirft plötzlich eins seiner Stäbchen. Die anderen suchen dasselbe in demselben Augenblick zu treffen, wo es zur Erde fällt. Selten sieht man das Schwirrholz als Spielzeug. Wie bekannt, verursacht es, wenn es schnell durch die Luft geschwungen wird, einen brummenden Laut.[25]

Ein gewöhnlicher Zeitvertreib für Knaben, Mädchen und Erwachsene ist das Knüpfen von Fadenfiguren, ähnlich denen, wie sie auch die europäischen Kinder zu machen pflegen (Abb. 25).

Die Mädchen spielen oft Tanz- und Laufspiele. Ich habe z. B. bei den Ashluslaymädchen gesehen, wie sie sich breitbeinig dicht hintereinander in einer Reihe aufstellen. Die letzte kriecht auf allen Vieren zwischen den Beinen der anderen hindurch. Nach ihr kommt das nächste Mädchen usw. Ein anderes Spiel, das ich ebenfalls bei den Ashluslaymädchen gesehen habe, ist, mit gebogenen Knien hüpfen. Die Mädchen hocken in einem Ring auf der Erde und hüpfen, den Takt eines eintönigen Liedes auf den nackten Schenkeln schlagend, umher.

Gewöhnlich ist das Ballspielen der Knaben. Noch mehr sind die Ballspiele aber ein Vergnügen der Jünglinge und Männer. Ja, es kommt sogar zuweilen vor, daß ein alter Mann, der sich seinen Jugendsinn bewahrt hat, am Spiele teilnimmt. Meistens spielt man mit seinen eigenen Dorfkameraden, bisweilen aber auch mit dem Nachbardorfe, und hier gilt es sowohl Wertsachen als auch die Ehre.

Die Chorotis wie die Ashluslays kennen nur eine Art Ballspiel. Es wird mit Hakenstöcken, ähnlich unseren Hockeystöcken, und gewöhnlich mit Bällen aus Holz gespielt. Man teilt sich in zwei Parteien, die ihr Tor verteidigen. Diese liegen bei größeren Spielen hundert bis zweihundert Meter voneinander. Wer zuerst seinen Ball in das Tor des Gegners hereinbringt, hat gewonnen. Die Alten und die Kinder sind zuweilen Torwächter.