Part 2
Während meines Aufenthaltes in der Zuckerfabrik Esperanza unternahm ich mehrere kleine Ausflüge, darunter einen etwas längeren nach dem wunderschönen Calilegua, dessen nicht selten schneebedeckter Gipfel stolz über die Urwälder blickt, in denen Zuckerfabriken und Sägemühlen und kleine Menschlein sich abarbeiten und abäschern.
Auf mehr als schlechten kleinen Pfaden klettert der Weg diesen Berg hinauf. Er geht durch Bäche, über Gebirgskämme, durch den Urwald mit dessen schweigender, feuchtwarmer Pracht, über die Baumgrenze, nach dem einsamen, großartigen Reiche der Erdgöttin Pachamama, wo man einen weiten Blick über Täler, Hochebenen und Berge hat und sich nicht, wie unten im Tale und im Urwalde, durch Lianen und Baumstämme und zwischen dornigen Büschen hindurchzudrängen braucht.
Die Calileguaindianer sprechen alle Spanisch. Dieses ist stark mit Quichuaworten vermengt, die Namen der Heilmittel sind z. B. in der Regel auf Quichua. Man kann also annehmen, daß die ursprüngliche Sprache dieser Indianer Quichua war. Die Calileguaindianer wohnen oben auf den Bergen in kleinen viereckigen Hütten aus Stein oder getrockneten Ziegelsteinen mit Grasdächern. Auf dem First steht gewöhnlich ein Kreuz. Dasselbe schützt gegen Blitzschlag, d. h. wenn es von einem christlichen Geistlichen gesegnet ist, denn diese Gebirgsindianer sind schon seit langer Zeit Christen. Dies hindert indessen nicht, daß sie gleichzeitig an vieles andere glauben, was gar nichts mit der christlichen Religion zu tun hat. So opfern sie noch der Pachamama Branntwein und Coca. Gehen sie über einen Paß, so legen sie einen Stein auf den Boden, damit sie nicht auf dem Wege müde werden.
Auf dem Calilegua machte ich eine interessante Bekanntschaft, und zwar die eines sehr anständigen Medizinmannes in mittleren Jahren, der mir ganz offenherzig verschiedenes anvertraute. Gegen Knochenschmerzen soll man Fett vom Uturunco, Tapir oder Bären anwenden. Der Uturunco ist ein mystisches Tier; es soll ein Jaguar sein, der ehemals ein Mensch gewesen ist. Das Fett des Uturunco ist gelb. Von Peru bis nach Argentinien kennt man die wunderbaren heilenden Eigenschaften des Fettes dieses Tieres. Hat man an einem gewissen Platze die Erde berührt, so können Hand-, Fuß- oder Kniegelenke anschwellen. Man tut am besten, wenn man auf die geschwollene Stelle Erde von dem Platze, wo man krank geworden ist, legt. Auch Bärenzunge ist gut. Bei einem Erdbeben, wie sie auf dem Calilegua oft vorkommen, geht man am besten nach dem Begräbnisplatz, um zu beten. Hagelt es, so verbrenne man kreuzförmig gelegte Palmblätter, dann bleibt die Ernte unbeschädigt.
Da einer meiner Begleiter, ein argentinischer Gaucho, auf dem Calilegua erkrankte, bekam unser Freund Gelegenheit, seine Kunst zu versuchen. Er gab ihm ein aus Mais bereitetes Bier, in welches er glühende Kohlen legte. Der Gaucho gesundete und mußte dem großen Arzt ein erkleckliches Honorar zahlen.
Zwischen dem, was man hier auf dem Calilegua zu sehen bekommt, und dem, was man bei den Quichuas weit hinten in Peru, zwölf Breitengrade von dort, findet, herrscht eine große Ähnlichkeit. Ungeheuer gleichförmig verbreitet sich die Quichuakultur längs der Anden. Sie haben dieselbe Kleidertracht, dieselben eigentümlichen Nadeln zur Befestigung der Frauenschale, beinahe dieselbe Keramik, dasselbe Kokakauen, dieselben Arzneien, dieselben Opfer in den Gebirgspässen, dieselben Schleudern u. a. Diese große Gleichförmigkeit fällt um so mehr auf, wenn man an den Gegensatz zwischen den Bewohnern des Gebirges und des Urwaldes denkt. Nach einem Ritte von einigen Tagen von Cuzco, der Hauptstadt des alten Inkareiches, nach den Urwäldern ist man im Gebiete der wilden Indianer, die mit den Bewohnern des Gebirges beinahe nichts Gemeinsames haben. Hier im nördlichsten Argentinien sowie im südlichen Bolivia, ist der Gegensatz nicht ganz so scharf, aber dennoch groß genug. Die Stämme, von denen ich hier sprechen will, die auf den letzten Ausläufern der Anden nach der Ebene zu oder in derselben wohnen, haben mit den Quichua und deren Nachkommen wenig Gemeinsames. Reiten wir vom Calilegua in Argentinien über das Gebirge direkt nach Cuzco, so treffen wir nur zwei Indianersprachen an, das Quichua und das Aymara. Folgen wir den Urwaldwegen und den Flüssen, so lernen wir wenigstens einige zwanzig Sprachen kennen, bis wir über Santa Cruz de la Sierra, über den Rio Mamoré und den Rio Madre de Dios nach der alten Hauptstadt der Inka kommen.
Vom Calilegua nach den Fabriken zurückgekehrt, beendigte ich meine Ausrüstungsarbeiten, und am 5. Mai saßen wir im Sattel, um nordwärts, nach dem Rio Pilcomayo, zu ziehen. Einige Tage darauf gingen wir über den Rio Bermejo und setzten unseren Weg längs der letzten Ausläufer der Anden fort. Das jetzt von uns durchzogene Gebiet war teils von Weißen, teils von den in vollständigem Abhängigkeitsverhältnis von jenen stehenden Mataco-Vejos bewohnt. Alles, was ich von ihnen sammeln konnte, kaufte ich an; des Abends saß ich bei den Alten, die mir dies und jenes erzählten. Diese Mataco haben eine Sage von einem großen, die ganze Welt verheerenden Feuer. Ein Vogel „Miya“ hatte ihnen von einer wilden Katze „Noté“ die Maissamen geraubt, ein kleiner schwarzer und roter Vogel „Sipúp“ hat die Kürbissamen geraubt. Das Meerschweinchen „No-ték“ hat das Feuer von einem bösen Geist, „Tacuash“, der es verborgen hatte und den Matacos nichts davon abgeben wollte, geraubt.
Die Mataco-Vejos sind von der mächtigen Chiriguanokultur, über die ich weiterhin ausführlicher sprechen werde, stark beeinflußt. Sie sind außer den Chiriguanos und Chanés die einzigen Indianer im Chaco, die ihre Toten zuweilen in Tongefäßen begraben.
Dem Toten bauen sie in der Tiefe des Waldes ein besonderes Haus mit Feuerstätte und Bett. Er wird auf das Bett gelegt oder manchmal in ein Tongefäß hineingestopft. Ich selbst habe niemals ein derartiges Grabhaus gesehen, die Indianer haben es mir aber so beschrieben. Als ich danach fragte, erklärten sie mir, augenblicklich gäbe es keins, das nicht vollständig zerstört sei. Sie wollten mir ihre Gräber vielleicht nicht zeigen. Auf meiner Reise 1902 zog ich auch durch das Gebiet der Vejos und grub damals ein Vejograb aus. Vielleicht war dieses nicht typisch. Unter einer Wildschweinhaut lag der Tote in die Erde eingegraben mit seiner Wasserkalebasse. Von Hütte und Bett war keine Spur vorhanden. Die Kalebasse war leer. Das Wasser habe der Tote ausgetrunken, sagten die Indianer.
Nicht selten arbeiteten die Mataco-Vejos als Diener der am Rio Itiyuro wohnenden Chanés. Daß ein Chané dagegen bei einem Mataco dienen sollte, wäre undenkbar. Einen solchen Klassenunterschied zwischen den Stämmen werden wir hier wiederholt zu erwähnen Gelegenheit haben.
Am 18. Mai waren wir in Yacuiba, einem großen Dorfe an der Grenze zwischen Bolivia und Argentinien. Jetzt ist es ein ganz anständiger Platz, während es früher ein gefährlicher Zufluchtsort für Verbrecher war, die aus Furcht vor der argentinischen Polizei hierher geflohen waren.
Yacuiba war während eines großen Teiles der Reise ein wichtiger Stützpunkt für mich. Ein liebenswürdiger Franzose, C. Holzer, hat mir dort große Dienste geleistet, indem er mir bei vielen schweren Transporten von Ausrüstungen und Sammlungen behilflich war.
Mein erster Ausflug von Yacuiba galt den Chanéindianern am Rio Itiyuro. Diesen werde ich in einem anderen Zusammenhange schildern. Mein zweiter war nach dem Rio Pilcomayo und den an diesem eigentümlichen Flusse wohnenden Indianern.
Hier begann der ernste Teil meiner Reise.
Fußnoten:
[1] Ortsnamen, Eigennamen, spanische und indianische Wörter sind in der Regel der spanischen Aussprache gemäß geschrieben.
[2] Ashluslay: englisches _sh_.
+Zweites Kapitel.+
=Unter den Indianern am Rio Pilcomayo.=
Als ich frühzeitig im Jahre 1902 vom Rio Pilcomayo heimkehrte, glaubte ich kaum, daß ich jemals wieder dorthin kommen würde. Die widrigen täglichen Staubstürme machten den Aufenthalt unerträglich. Anfang Juni 1908 ritt ich gleichwohl wieder durch den großen Wald zwischen Yacuiba und Crevaux nach dem Rio Pilcomayo. Man vergißt so leicht die Schwierigkeiten einer Reise. Nach einiger Zeit gedenkt man ausschließlich der angenehmen Stunden. Nach einer Höflichkeitsvisite bei den Matacoindianern ging ich bei Crevaux über den Rio Pilcomayo und reiste durch ein von den Toba bewohntes Gebiet zu den Chorotiindianern, die etwa 50 km unterhalb Crevaux viele Dörfer besitzen. Hier verweilte ich vor allem in dem Dörfchen des Chorotihäuptlings „Waldhuhn“. Dort amüsierte ich mich prächtig; beinahe nackt, nur in Federschmuck und Brille gekleidet, tanzte ich des Nachts mit den Indianern und Indianerinnen an den weißschimmernden Sandufern des Rio Pilcomayo. Fühlten wir uns vom Tanze erhitzt, so tummelten wir uns in dem brausenden Wasser des Flusses. Wir jagten, sangen, spielten, fischten, wir rauchten abwechselnd aus derselben Pfeife und langweilten uns niemals. Einige Besuche machte ich 60-70 km weiter unterhalb des Flusses bei den Ashluslayindianern, die, durch meine Vorräte von Messern, Nadeln, Tabak und prächtigen Tüchern angelockt, mich einluden, sie im Herzen ihres Landes zu besuchen.
Erst ein Jahr später, im Oktober 1909, als meine Wege mich wieder von Yacuiba nach dem Rio Pilcomayo führten, konnte ich ihre Einladung annehmen. Es erscheint mir als das Geeignetste, diese beiden Reisen nach dem Rio Pilcomayo im Zusammenhang zu schildern.
Mit fünf Mann verließ ich am 27. Oktober 1909 den bolivianischen Militärposten bei Guachalla, 100 Kilometer von Crevaux, und folgte dem nordöstlichen Ufer des Rio Pilcomayo. Ein Mestize, Flores, begleitete mich als Dolmetscher. Er sprach ausgezeichnet Choroti und verstand auch etwas Ashluslay. Jahrelang hatte er unter den Indianern gelebt und hatte dort auch eine größere Anzahl Frauen. Von den Weißen am Rio Pilcomayo ist wohl keiner so imstande gewesen, das Indianerleben kennen zu lernen, wie dieser Mann. Er kennt ihre Sitten und Gebräuche, er weiß, wie man sich bei einem Indianerfest zu benehmen hat, er kann ihre Lieder singen, er tanzt wie ein Indianer. Viele Chorotifrauen haben sich dem Weißen hingegeben. Flores ist der einzige Weiße, der mit einer solchen Frau ein Kind hat, und die Chorotiindianer betrachten ihn auch vollständig als zur Familie gehörig. Er ist ihr Freund und Ratgeber und hat manches Mal die Unterhandlungen zwischen Indianern und Kolonisten geleitet. Einen vortrefflicheren Dolmetscher konnte ich kaum erhalten.
Unser erstes Nachtlager nach Guachalla hatten wir in einem Ashluslaydorf. Als ich in das Dorf ritt, waren alle Indianer betrunken. Unter Jubelrufen führten sie meinen Maulesel zum Festplatz. „Elle is.“ „Der kleine Papagei ist gut“, riefen die Indianer. „Ashluslay is! is! is! Toba häes! häes!“ „Ashluslay sind gut, Toba schlecht!“ johlte „der kleine Papagei“, indem er Tabakblätter um sich streute. Man hob mich vom Maulesel, umarmte mich und berauschte mich mit Algarrobobier. Es war wild, aber interessant. In dieser Nacht schlief ich vor meinem Bett, während drei Indianer, in meine Decken eingehüllt, schnarchten. Wir kamen gut überein, aber der Kommunismus ist anstrengend.
Trotz Freude, Freundschaft, Rausch und Geschenken konnte der Dolmetscher die Indianer nicht dazu bringen, uns auf ihren Wegen, die direkt nach dem nördlichen Chaco gehen, in das Herz ihres Landes zu führen. Alle Versprechungen waren vergessen. Dort gibt es keine Menschen, dort gibt es kein Wasser auf drei Tagemärschen, sagte einer, auf zwei, sagte ein anderer, gar keins, sagte ein dritter. Daß Wassermangel herrschte, war möglicherweise wahr, denn wir befanden uns am Ende der Trockenzeit. Ich beschloß deshalb, zu warten, und erst nach den ersten Regentagen, die bald kommen mußten, einen Versuch zu machen, in das unbekannte Land nördlich vom Pilcomayo einzudringen.
Wir gingen deshalb längs des Rio Pilcomayo weiter und folgten immer dem nördlichen, d. h. dem bolivianischen Ufer, wo ich mich leicht orientieren konnte. Zuerst kamen wir durch das Land der Mataco-Guisnays. Man hatte mir erzählt, daß einer dieser auf der argentinischen Seite des Flusses wohnenden Indianer den Skalp eines Ashluslayindianers besitze. Der Dolmetscher und Moberg wurden, mit allerlei Tauschwaren beladen, vorausgesandt. Ich ging nicht selbst mit, weil ich wußte, daß ich, wo es sich um einen so interessanten ethnographischen Gegenstand handelte, nicht gleichgültig und uninteressiert genug auftreten könne. Als sie in das Dorf kamen, war dort ein großes Fest, und die Matacos waren betrunken und johlten. Mitten im Dorfe hing auf einer spiralförmig abgerindeten Stange der mit roten Taschentüchern und anderen Schmuckgegenständen behängte Skalp. Moberg und der Dolmetscher taten, als sähen sie nichts. Dem ersteren wurde Algarrobobier angeboten, dem letzteren zuerst nichts, weil er für einen Chorotifreund, also Matacofeind, gehalten wurde. Nachdem sie eine Weile gesessen und geplaudert hatten, tat der Dolmetscher, als wenn er erst jetzt zufällig den Skalp gesehen hätte und fragte: „Was ist das dort für ein Waschlappen?“ Der Besitzer begann nun seine Taten zu rühmen, und der Skalp wurde heruntergenommen und besichtigt. Sie erzählten ihm, daß seine Heldentaten nun weit und breit unter den weißen Männern bekannt werden würden, was ihm natürlich schmeichelte. Nach vielem Hin und Her tauschten sie denselben ein. Erst sollten jedoch die alten Frauen singen und mit ihnen tanzen.
Wie Friederici[3] nachgewiesen hat, ist das Gebiet in Südamerika, aus dem Skalpe bekannt sind, kein sehr bedeutendes. Außer dem Chaco ist es nur ein kleines Gebiet in Guyana. Kopfjäger sind dagegen ein großer Teil der Indianer Südamerikas. Dies war der erste Skalp aus Südamerika, der in eine Sammlung gekommen ist.
Nachdem wir mehrere große Matacodörfer, ein Ashluslaydorf und einen bolivianischen Militärposten passiert hatten, kamen wir nach einem großen, unbebauten, infolge Streifzüge der Toba-Pilagaindianer unsicheren Gebiet. Diese Tobas zeichnen sich unter anderem dadurch aus, daß sie gleich den Chorotis und Ashluslays große Holzklötze in den durchbohrten Ohrläppchen tragen. Was man auf einem Marsche durch ein von feindlich gesinnten Indianern bewohntes Gebiet am meisten zu fürchten hat, ist, daß einem während der Nacht die Reittiere gestohlen werden. Ungefähr 250 km unterhalb Guachalla kamen wir nach dem äußersten, erst einige Monate vor Antritt meines Ausflugs angelegten Militärposten der bolivianischen Regierung.
Dicht bei und einige Meilen von dem Militärposten lagen große, von Ashlulayindianern bewohnte Dörfer. Wir besuchten den Häuptling Toné in seinem Dorfe. Dieses hat, wenn alle Indianer versammelt sind, etwa 1000 Einwohner. Mitten auf dem großen, offenen Platze des Dorfes schlugen wir unser Lager auf und machten es uns richtig gemütlich. Wir waren zu einer Zeit gekommen, wo die Algarrobofrucht reif war, und Algarrobobier wurde auf dem Festplatz in großen Quantitäten getrunken. Interessant war es, das indianische Leben zu sehen, das zu studieren ich hier reichlich Gelegenheit hatte und späterhin schildern werde. Mehrmals bin ich bei von den Weißen unabhängig lebenden Indianern gewesen, aber niemals bei einem so großen und mächtigen Stamme.
Die Ashluslayindianer lagen im Krieg mit den Tobas, und der Krieg verlief sehr ungünstig für sie. Auf alle Weise suchten sie mich zu verlocken, für sie Partei zu ergreifen und mit meinen Feuerwaffen eine gute Hilfstruppe zu bilden. Sie spiegelten mir in beredten Worten vor, wie wir die Männer skalpieren, Frauen und Kinder zu Gefangenen machen und eine Menge Pferde stehlen wollten. Das letzte war ihrer Ansicht nach die beste Lockspeise für den weißen Mann. Ich versprach ihnen, falls sie während unseres Aufenthaltes überfallen würden, bei der Verteidigung ihrer Dörfer behilflich zu sein, auf einen Angriff wollte ich mich aber nicht einlassen. Immer eifriger pochten sie auf eine Allianz, wozu sie von dem Dolmetscher hinter meinem Rücken ermuntert wurden. Zuletzt blieb mir nichts anderes übrig, als entweder den Indianern auf ihrem Anfallskriege zu folgen oder mich davonzumachen. Einen Augenblick war ich zweifelhaft. Ich wußte, daß ich, falls ich die Ashluslays zum Siege führte, Herr dieses Landes sei, fürchtete aber doch die Konsequenzen. Es handelte sich hier darum, sich an die Spitze eines Einfalls in argentinisches Gebiet zu stellen, und es wäre schön gewesen, wenn das bekannt geworden wäre. Aus weiter Ferne kamen mehrere Häuptlinge, unter anderem der alte Mayentén, ein stattlicher Mann, von einigen seiner besten Krieger umgeben, um mich zu überreden.
Ich begab mich zu dem bolivianischen Militärposten und suchte den Kommandanten zu einem Eingreifen zu bewegen. Vergebens versuchte ich ihm zu erklären, daß er, wenn er nicht den Ashluslays gegen die Tobas helfe, eines schönen Tages, oder richtiger Nachts, mit allen seinen Soldaten niedergemetzelt werden würde, daß er aber, wenn er ihnen beistehe, sich und seinem Lande den inneren, noch unerforschten Teil des nördlichen Chaco eröffne. Er dürfe nicht vergessen, daß es bis zum nächsten Orte, wo Weiße seien, 150 km sei, und daß die Anzahl derer, die ihm helfen könnten, nur gering sei. Er trug jedoch Bedenken, einen in einem fremden Lande wohnenden Stamm anzugreifen, obschon dieser Stamm unaufhörlich Raubzüge auf bolivianischem Gebiet vornahm. Ich beschloß deshalb zurückzukehren.
Nach langen Unterhandlungen und sicherlich vielen Lügen gelang es meinem Dolmetscher, die Indianer zu bewegen, uns einen Wegweiser zu geben, der uns auf unbekannten Pfaden durch das Innere des nördlichen Chaco führen sollte.
Die Gegend um das Dorf Tonés besteht aus offenen Ebenen, Sümpfen und parkähnlichen Wäldern aus Algarrobo. Dieselbe wird stark von Jaguaren heimgesucht, die sogar die Reittiere verfolgen. Mehrere Pferde und Maulesel der Soldaten waren zerrissen, trotzdem der Militärposten, wie erwähnt, nur einige Monate alt war.
Wenige Meilen oberhalb des Dorfes Tonés bildet der Pilcomayo einen Wasserfall. Das ist der merkwürdigste Fall, den ich je in meinem Leben gesehen habe. Nicht ein Felsblock, nicht der geringste Stein hindert das Wasser, sondern es braust zwischen harten Tonbänken dahin. Nicht weit unterhalb dieses Falles löst sich der Rio Pilcomayo in gewaltige Sümpfe, die sog. „Esteros del Padre Patiño“ auf, wo unerhörte Schilfmassen das Weiterkommen jedes Fahrzeugs verhindern. Infolge dieser Sümpfe ist der Fluß, der sonst für den Verkehr so wichtig sein könnte, unfahrbar. Im Rio Pilcomayo gibt es unerhörte Massen Fische, und Tausende Indianer entnehmen dem Flusse einen großen Teil des Jahres ihre wichtigste Nahrung. In den Sümpfen finden sich eigentümliche Lungenfische „Lepidosiren“.
Der Rio Pilcomayo ist ein merkwürdiger Fluß. Wenn er die Berge verläßt, führt er Steine und Kies mit sich, nach dem Inneren des Chaco bringt er aber nur Schlamm. Während der Trockenzeit trägt der Wind diesen Schlamm weit umher, und die Tage, wo die Staubmassen über den Chaco wehen, sind höchst unangenehme. Der Rio Pilcomayo hat, nachdem er die Berge verlassen hat, bis ins Herz des Chaco hinein keinen einzigen Nebenfluß. Er hat oft seinen Lauf verändert und sich neue Wege gebrochen. Entfernt man sich etwas vom Flusse, so trifft man mit Wasser angefüllte Reste alter Flußbetten, Muschelbänke und große, verräterische Erdhöhlen an. Am oberen Pilcomayo verlieren die Kolonisten in diesen Höhlen, die bis zu 10 m tief und zuweilen mit einer dünnen, zerbrechlichen Decke bekleidet sind, jährlich viele Tiere. Diese Höhlen dürften in der Weise gebildet sein, daß die gewaltigen Massen Hölzer, die der Fluß mit sich geführt und aufgehäuft hat, von den Schlammassen bedeckt werden und dann, wenn der Fluß sich einen neuen Lauf gesucht hat, vermodern. In den Trockenzeiten wüten in den Wäldern und Gebüschen des Chaco gewaltige Feuersbrünste. In der Regel zünden die Indianer das Gras und die Büsche an, um die leckeren Erdratten, die zu den Delikatessen ihrer Speisekarte gehören, besser finden zu können. In einer Chorotisage ist von diesen Erdhöhlen und Waldbränden die Rede.
Vor langer Zeit wurde alles von einem großen Feuer verheert, das alle Chorotis, außer zwei, einem Mann und einer Frau, die sich in eine Erdhöhle retteten, tötete. Als alles vorüber und das Feuer gelöscht war, gruben sie sich heraus. Sie hatten kein Feuer. Der schwarze Geier hatte einen Feuerbrand nach seinem Nest gebracht, dieses war in Brand geraten, das Feuer hatte sich längs des Baumes verbreitet und kohlte noch unter dem Stumpfe. Der Geier schenkte nun dem Choroti von diesem Feuer, und seitdem haben diese Feuer. Von diesem Manne und dieser Frau stammen alle Chorotis her.[4]
Die Wälder des Chaco sind reich an wilden, eßbaren Früchten. Es gibt ganze Wälder von Algarrobo[5] und Tusca,[6] ganze Sträucher von Chañar.[7] Die Schlingpflanze, welche die Tasifrucht trägt, ist sehr gemein. In wasserarmen Gegenden erhalten die Indianer Wasser aus einer Wurzel, die von Weißen und Chiriguanos Sipoy genannt wird.
Das Tierleben ist nicht sehr reich. Von größerem Wild sieht man meistens Rehböcke und Strauße. Der Jaguar ist, wie erwähnt, häufiger. Den Spuren nach zu urteilen, sind Tapire und Wildschweine nicht ungewöhnlich. Füchse sieht man ebenfalls zahlreich. Die Gürteltiere sind gemein. Der aus dem Chaco bekannte windhundähnliche Hund[8] ist selten. Das Vogelleben ist besonders im Walde arm. Die Flußufer und Sümpfe sind von einigen Storch- und Entenarten belebt. Eidechsen, auch die großen Iguanoeidechsen, huschen an warmen Sonnentagen überall umher. Meilenweise sind die Ebenen mit den für die Reiter so lästigen Löchern der Erdratten übersät.
Die wilden Tiere im Chaco sind für den mit Feuerwaffen Bewaffneten nicht sehr gefährlich. Der Jaguar ist der Schrecken der Indianer. Kurz bevor ich einmal nach einem Matacolager kam, hatte ein Jaguar einen Indianer von einem Feuer, an dem er mit einigen zwanzig Kameraden lag und schlief, fortgeschleppt und getötet. Giftige Schlangen, auch Klapperschlangen, kommen vor, man sieht sie aber selten. In den Seen darf man nicht baden, und auch in den Flüssen kann dies gefährlich sein. Am Rio Pilcomayo gibt es kaum einen Indianer, der nicht zahlreiche Narben von Palometafischen[9] hat.[10] Mit ihren messerscharfen Zähnen schneiden sie aus dem Körper desjenigen, der so unvorsichtig ist, da zu baden, wo sie sind, große Fleischstücke heraus. Einmal wollte Moberg über den Pilcomayo schwimmen. Es war gegen Ende der Trockenzeit, und das Wasser strömte in einer schmalen, tiefen Rinne dahin. Ganz mit Blut bedeckt stieg er aus dem Flusse. Kleine Siluroidfische hatten ihn in Massen überfallen und ihm mit ihren scharfen, lanzettförmigen Flossen zahlreiche tiefe Wunden zugefügt. Um sich vor dem Biß der Palometafische zu schützen, wenden die Ashluslay, wenn sie in Sümpfen waten, aus Caraguatáschnüren[11] dicht geknüpfte Strümpfe an.
Schön ist es im Chaco nicht. Der Wald entzückt nicht das Auge durch üppiges Grün, die Palmenwälder und Schilfbüsche ermüden durch ihre Einförmigkeit, die Seen sind klein und gering an Zahl. Der Rio Pilcomayo hat hier keine Nebenflüsse. Keine Anhöhe, kein Berg, von wo man eine Aussicht über das Land hat. Im Innern des Chaco gibt es keinen Stein, ja kaum ein Kieselkörnchen. Überall besteht der Boden aus Staub und Schlamm.
Die Regenzeit beginnt im November oder Dezember und endet im April oder Mai. Macht man eine Reise in diese Gegenden und will nur dem Pilcomayo folgen, so ist die Trockenzeit die beste Reisezeit. Zur Vornahme von Ausflügen in den wasserarmen nördlichen Chaco soll man den Anfang der Regenzeit wählen.
Der Chaco ist gesund. Während meines Aufenthaltes am Rio Pilcomayo waren weder ich noch meine Begleiter krank, und die weißen Kolonisten scheinen sich alle einer guten Gesundheit zu erfreuen. Möglicherweise sind die schrecklichen Staubstürme für Schwachbrüstige auf die Dauer ungesund.